Der fremde Bruder - Helga Hegewisch - E-Book

Der fremde Bruder E-Book

Helga Hegewisch

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Beschreibung

Er nennt sich Karuma, trägt einen Lendenschurz mit aufgesticktem Monogramm und behauptet, der Bruder ihrer Freundin Philippa zu sein. Der hieß jedoch James Henry und wurde vor über elf Jahren in Indien erschossen. Auch Johanna war damals bei der Trauerfeier. Nun steht sie in der Berliner Wohnung ihrer Freundin und beobachtet fasziniert und beunruhigt zugleich, wie ihre Freundin Philippa durch die Begegnung mit dem schönen Fremden zum ersten Mal die Fassung verliert. Noch ahnt Johanna nicht, dass dieser Mann auch ihr Leben verändern wird ...

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Helga Hegewisch

Der fremde Bruder

Roman

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Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

PROLOG

Eines warmen sonnigen Herbstnachmittags finden spielende Kinder auf dem unbebauten, von Bäumen und Gestrüpp überwucherten Gelände zwischen den S-Bahn-Stationen Friedrichstraße und Hackescher Markt eine männliche Leiche. Der Tote ist ungefähr vierzig Jahre alt, rotblond, hellhäutig, hoch gewachsen und bis auf einen Lendenschurz unbekleidet. Sein Kopf liegt auf einem kleinen Haufen sorgsam geschichteter Blätter und Zweige, die Arme sind bequem über der nackten Brust gekreuzt.

Anfangs halten ihn die Kinder für einen sonnenbadenden Schläfer, so entspannt und friedlich liegt er da, und sie entfernen sich ein wenig mit ihren lauten Spielen, um ihn nicht zu stören. Misstrauisch werden sie erst, als sie selbst in der beginnenden Abendkühle nach ihren Jacken greifen, der Mann jedoch immer noch so daliegt, als hüllten die Sonnenstrahlen ihn warm ein.

Also beschließen sie ihn zu wecken. Sie rütteln ihn an den Schultern, wodurch der linke Arm vom Körper gleitet und eine schmale Einstichwunde in der Herzgegend freigibt.

Wenn der bloß nicht tot ist!

Bestimmt nicht. Seine Haut ist noch ganz warm.

Leg ihm ein trockenes Blatt auf den Mund.

Das Blatt bewegt sich nicht.

Und den Puls kann man auch nicht fühlen.

Leg dein Ohr auf sein Herz.

Ich höre nichts, versuch du’s.

Ich höre auch nichts.

Wenn der bloß nicht doch tot ist!

Seltsamerweise haben die Kinder keine Angst, und es dauert eine ganze Weile, bis ihnen die Polizei einfällt.

Die beiden Polizisten legen ihre Finger an die Halsschlagader, deuten auf die schmale Wunde, sagen: »Aber er ist doch wirklich noch ganz warm«, zucken schließlich die Schultern und warten gemeinsam mit den Kindern auf den Krankenwagen.

Vielleicht ist er ja nur scheintot, so was gibt’s. Und dann wacht er irgendwann wieder auf und klopft an den Sargdeckel.

Als die Ambulanz den Toten abgeholt hat, bringen die Polizisten die Kinder im Streifenwagen nach Haus, eins nach dem anderen.

Obgleich sich die Ärzte in der Notaufnahme ebenso wie die Kinder und Polizisten über die anhaltende Wärme wundern, stellen sie den Tod des Mannes zweifelsfrei fest, eingetreten schätzungsweise vor zehn bis zwölf Stunden und verursacht durch einen einzelnen, sauber geführten Stich ins Herz.

Die erkennungsdienstliche Routinebehandlung, die am nächsten Morgen durchgeführt wird, bringt keine verwertbaren Ergebnisse. Offenbar ist der Tote noch nie auffällig geworden und seine persönlichen Daten sind darum auch in keinem Computer gespeichert.

Sie legen eine Akte mit der vorläufigen Bezeichnung »Guru« an, bringen ihn hinunter ins Leichenschauhaus, binden ihm den üblichen Papieranhänger mit Aktennummer und Datum an den großen Zeh des linken Fußes und schieben ihn sodann zur weiteren Verfügung in das Kühlfach Nummer siebenundvierzig.

Der einzige Anhaltspunkt ist der seidene Lendenschurz. Das eingestickte Zeichen kann ohne sonderliche Schwierigkeiten als Wappen der in Nordengland ansässigen Brenton-Familie identifiziert werden, und als sie herausfinden, dass ein Mitglied eben dieser Familie, Lady Philippa Brenton, verehelichte von Bülow, in Berlin wohnhaft ist, wähnen sie sich bereits der Lösung nahe.

Doch dann erklärt Lady Philippa unwiderlegbar, dass der letzte Earl Brenton, ihr Bruder James Henry, vor knapp zwölf Jahren verstorben sei und dass es ansonsten in dieser Generation keinen männlichen Brenton mehr gebe oder gegeben habe. Das Geschlecht der Brentons sei leider im Aussterben begriffen. Dennoch erklärt sie sich zur Mitarbeit und zu einer Konfrontation mit dem Verstorbenen bereit.

Der Anblick des Toten scheint sie zu rühren, und bevor der begleitende Kommissar sie davon abhalten kann, legt sie kurz ihre Hand gegen seine Wange, die sich eine erstaunlich lebendige Farbe erhalten hat, und sagt: »Das muss ein sehr glutvoller Mensch gewesen sein, wenn er sich sogar nach mehrtägiger Einlagerung im Kühlschrank einen Teil seiner Wärme erhalten hat. Meinen Sie nicht auch, Inspektor?«

Der Beamte, der kein Inspektor ist, meint überhaupt nichts. Er hasst Begegnungen in der Leichenhalle und er will die Sache so bald wie möglich hinter sich bringen. Obgleich es zu seinen Pflichten gehört, etwaige Emotionen im Gesicht des Besuchers zu registrieren, wendet er sich peinlich berührt zur Seite.

»Unser Interesse gilt der Identifikation des Toten«, sagt er schroff, »und wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns da weiterhelfen könnten.«

Lady Philippa beugt sich ganz nahe über den Toten – entweder ist sie auf diese typisch englische Weise exzentrisch oder nur kurzsichtig –, lächelt, richtet sich wieder auf und sagt: »Kann ich nicht, tut mir Leid, Inspektor.«

»Irgendwelche Ähnlichkeiten mit einer Ihnen bekannten Person?«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein, der Mann erscheint mir unvergleichlich.«

»Irgendeine Idee, wie Ihr Familienwappen auf den Lendenschurz gekommen ist?«

»Aufgestickt natürlich«, sagt sie. »Eine hübsche Handarbeit, jemand hat sich Mühe gemacht.«

»Das wär’s dann wohl«, sagt der Kommissar, bedeckt das Gesicht der Leiche erneut mit dem weißen Laken und schiebt sie zurück ins Kühlfach.

Ungefähr zehn Tage nach dem Tod des Unbekannten erscheint eine sehr junge Frau bei der Polizei. Nachdem sie Namen und Adresse angegeben hat, erkundigt sie sich schüchtern danach, wo und wie man eine Suchanzeige aufgeben könne.

Wen sie denn suche?

Ihren Freund.

Wann sie ihn zuletzt gesehen habe?

Vor achtzehn Tagen.

Wo er wohne?

Das wisse sie nicht.

Sein Name?

Karuna.

Und weiter?

Nichts weiter, nur Karuna. Und das heiße auf Deutsch »Tätiges Mitleid«.

Der Polizist lächelt – ein Ausländer also –, nickt und will die junge Frau schon wieder fortschicken, als sie plötzlich zu einer Beschreibung des Gesuchten anhebt, schon eher einem Lobessang, der jedoch so exakt auf den Toten in der Eisbox siebenundvierzig, über den inzwischen alle Dienststellen unterrichtet worden sind, zutrifft, dass dem Polizisten gar nichts anderes übrig bleibt, als ihre Aussage ernst zu nehmen. Nach einigem Hin und Her und nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten fragt der Polizist die junge Frau, ob sie sich zutrauen würde, mit ihm zusammen in die Leichenhalle zu gehen und dort einen bislang unbekannten Toten anzuschauen. Sie macht riesengroße Augen, sieht aus, als wolle sie gleich zu weinen anfangen, schluckt dann jedoch und nickt heftig. Ja, das würde sie sich zutrauen.

Ob man nicht vielleicht jemanden hinzuziehen solle, Mutter, Vater, irgendeine Vertrauensperson?

Nein, auf gar keinen Fall.

Obgleich er sich darüber im Klaren ist, dass sein Tun nicht so ganz den Vorschriften entspricht, fährt der Polizist die junge Frau im Polizeiwagen zur Charité, begleitet sie in die Leichenhalle und bittet den Dienst habenden Pfleger, die Eisbox Nummer siebenundvierzig zu öffnen. Was dieser auch tut.

Die Eisbox ist leer.

In dem darauf folgenden aufgeregten Durcheinander verlässt die junge Frau unbemerkt die Leichenhalle. Ihre Namens- und Adressenangabe erweist sich später als falsch, und da sich keiner der behördlicherseits Beteiligten ganz schuldlos fühlt, lässt man die Angelegenheit schließlich auf sich beruhen und gibt die Akte »Guru« dem erhofften Vergessen preis.

1

Wenn ich zu Pippa gehe«, gestand Johanna kürzlich ihrem Mann Tom, »komme ich immer irgendwie geläutert zurück.«

»Wovon geläutert?«

»Weiß ich nicht genau. Einfach so. Plötzlich wird alles glasklar, verständlich und vor allem machbar.«

»Normalerweise behauptest du, dass Pippa egozentrisch ist und anstrengend und sogar verlogen.«

»Was denn auch sonst«, antwortete Johanna, »oder hältst du Läuterung etwa für ein Vergnügen? Das tut man doch nicht freiwillig.«

»Von mir aus brauchst du überhaupt keine Läuterung!«

»Von mir aus aber. Jedenfalls manchmal.«

Tom hob die Schultern und lächelte freundlich. »Na gut, mein Schatz, dann läutere dich mal schön. Außerdem erscheint mir deine Freundin Pippa keineswegs glasklar. Die hat’s faustdick hinter den Ohren.«

Johanna sah auf von den Schulbroten ihrer beiden Jüngsten, mit deren Zubereitung sie gerade beschäftigt war, und fuhr ihren Mann in übertrieben aggressivem Tonfall an: »Wenn du etwas weißt, dann sag’s mir. Sonst hältst du besser den Mund.«

»Nichts weiß ich. Jedenfalls hat sie eine klasse Figur. Und immer so schön prall verpackt!«

»Gott, kannst du manchmal blöd sein«, sagte Johanna und legte versehentlich Salamischeiben auf die Erdnussbutter.

»Also dann bis heute Abend«, antwortete Tommy. »Und wenn ich du wäre, würde ich mir ein paar Notizen machen zum Thema Läuterung. Vielleicht kannst du’s ja mal irgendwo irgendwann verwenden.«

»Arschloch!«, antwortete Johanna. Dabei wusste sie doch ganz genau, dass dies das einzige Wort war, welches Tommy vor lauter Abscheu eine Gänsehaut bereitete. Sie kannte seinen Körper, sie kannte seine Seele, sie kannte seine Wünsche, Ängste, Möglichkeiten, Grenzen. Und sie wusste, wann ihm ein Schauer über den Rücken läuft. Warum sie es jedoch für nötig hielt, einen solchen Schauer überhaupt auf den Weg zu schicken – in der letzten Zeit immer öfter –, das wusste sie nicht. Sie hielt es auch für überflüssig, darüber nachzudenken.

Johanna konnte sich nicht erinnern, dass Tom ihr nach den ersten Ehewochen, während derer sie ihre sexuellen und sonstigen Rituale ausgehandelt und etabliert hatten, noch irgendetwas Neues, Überraschendes geboten hätte. Und das war ihr recht so. Sie hatte ihre frühe Jugend im Dunstkreis einer verwirrenden, geheimnisvollen Leidenschaft verbringen müssen und sie fand dies, rückblickend, alles andere als erstrebenswert.

Ihre Eltern hatten einander aufgefressen, und da der Hunger des Vaters gieriger gestillt worden war als der der Mutter, war er zuerst mit ihr fertig gewesen und hatte den unverdaulichen Rest einfach liegen gelassen.

Nein, so nicht, niemals! Mit seiner Überschaubarkeit und moderaten Lebensweise war Tommy genau richtig für sie.

Von ihrer Freundin Pippa, die ihr zur Läuterung diente und derentwegen sie Tom so unangemessen beschimpft hatte, konnte sie das nicht sagen.

Obgleich sie beide als sehr junge Mädchen während ihrer Internatszeit sechs Jahre lang im gleichen Zimmer gewohnt hatten, kannte Johanna sie kaum. Eine Weile hatte sie eifrig Ausschau gehalten nach Pippas Seele, dann jedoch resigniert festgestellt, dass in diesem Fall der Körper die Seele wohl unsichtbar gemacht hatte. Im Alter von zwölf, dreizehn Jahren war ihr allein das Volumen von Pippas Weiblichkeit beängstigend und eigentlich obszön erschienen. Doch wie alles Obszöne auch anziehend.

In Momenten großer Einsamkeit wäre Johanna liebend gern in Pippas gigantischer Fleischlichkeit untergegangen. Nichts jedoch schien der Freundin ferner zu liegen, als sich für die Erfüllung irgendwelcher obskurer Sehnsüchte herzugeben. Sie trug stets hoch geschlossene Kleider, baumwollene Ammen-BHs und fischbeinbewehrte Hüftgürtel. Nur im äußersten Notfall fand sie sich zu körperlicher Berührung bereit. Kaum je ein Handschlag, nie eine Umarmung. Ihr langes, glattes, weißblondes Haar trug sie nach hinten gestriegelt und zu einem tütenförmigen Dutt gedreht.

Pippa besaß einen Titel, aber kein Geld. Die Schulkosten wurden aus dem Legat irgendeines fernen Onkels bezahlt. Das Schloss ihrer Familie, Brenton Hall, war ein hässlicher, schmutzig grauer Kasten, umgeben von einem struppigen Garten. Johanna war nur einmal dort gewesen, in der Mitte ihres dritten Internatsjahres. Der alte Earl war gehbehindert und sabberte. Als Johanna am ersten Morgen zufällig allein mit ihm im Frühstückszimmer war, ließ er sich von ihr den Tee einschenken. Und während sie sich bemühte, die schwere, silberne Teekanne über seine Tasse zu halten, kniff er sie in den Po.

Damals war auch Philippas Zwillingsbruder zu Hause, ein schlaksiger Jüngling mit rotblonden Locken. Er war Johanna vor allem dadurch aufgefallen, dass er sich fortwährend die Lippen befeuchtete.

Kein einziges Mal richtete er das Wort an sie, fixierte sie jedoch auf eine ungeniert abschätzende Weise, wann immer sie ihm im Haus oder im Garten begegnete. Unter seinem Blick fühlte sie sich jedes Mal wie etwas Essbares, das auf seinen Nährwert taxiert wird. Natürlich fand sie ihn widerlich. Dennoch ertappte sie sich mehrmals dabei, dass sie an seine Lippen dachte und an diese auffallend rosa Zunge, die darüber hinfuhr.

Als sie sich während der letzten Nacht ihres Aufenthaltes in Brenton Hall durch einen endlos langen, kaum beleuchteten Flur zum Bad tastete, kam er plötzlich hinter einem Schrank hervor und verstellte ihr den Weg. Johanna erschrak kaum, seine Blicke hatten sie gut vorbereitet. Sie war fünfzehn Jahre alt und wusste, dass gewisse Erfahrungen eben gemacht werden müssen. Jamie nahm sie bei den Schultern, drückte ihren Körper gegen die Wand und seinen Mund auf den ihren. Erwartungsgemäß war der Kuss nass und kalt. Sie hielt ganz still, registrierte aufmerksam unerwartete Details, den leicht brandigen Geruch seiner Haut, einen Geschmack von Tannennadeln in seinem Mund, das Klicken ihrer beider Zähne, als sie zusammenstießen, die erstaunliche Härte seiner Zunge und das seltsame Gefühl, angesaugt zu werden. Sie fragte sich, ob ihr tatsächlicher Nährwert seinen Schätzungen entsprach und was wohl als Nächstes kommen würde.

Es kam überhaupt nichts mehr. Denn gerade als Johanna aufhörte, sich weitere Fragen zu stellen, und ihr das Registrieren verging, ließ er ab von ihr. Er richtete sich auf zu seiner vollen Einmeterneunzig-Länge und reckte in einer merkwürdig absurden Geste die Arme hoch über den Kopf, als wollte er dort etwas greifen. Dann wandte er sich um und war kurz darauf verschwunden.

Johanna war wütend. Sie hasste ihn. Den Rest der Nacht verbrachte sie über ihrem Tagebuch, in dem sie fünf verschiedene Versionen des nächtlichen Geschehens aufzeichnete, allesamt mit sehr negativem Ende für James Henry Brenton.

Als sie dann auch noch zusehen musste, wie Philippa, ausgerechnet Philippa!, zum Abschied dieses Miststück von Bruder innigst umarmte und gar nicht aufhören konnte, seine grässlichen Lippen zu küssen, beschloss sie, in Zukunft mit der ganzen Familie Brenton nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Leider schaffte sie den Bruch nicht, und inzwischen wusste sie, dass sie auf diese oder jene Weise immer mit Philippa verbunden bleiben würde.

Später hatte Philippa Georg geheiratet und von da an wurde eine Trennung ganz und gar unmöglich.

Ein Anruf aus Frankfurt von der alten Frau Seidler, die Johannas Mutter versorgte. Das Geld sei zu Ende, eine Überweisung dringend erforderlich.

Johanna schreckte zusammen. »Natürlich«, sagte sie schnell, »ich schick’s noch heute.«

»Und nicht zu knapp«, mahnte Frau Seidler, »wir müssen ja leben. Und der mobile Pflegedienst wird auch immer teurer.«

»Klar, auf jeden Fall, mach ich.« Und wie es der Mutter momentan gehe.

»Wie denn schon«, sagte Frau Seidler.

»Ich meine, geht’s ihr besser oder schlechter, kann ich irgendetwas tun?«

»Weiß nicht«, sagte Frau Seidler, »ist wie immer.«

»Braucht ihr mich? Wenn’s sein muss, mache ich mich frei, wirklich.«

»Du kommst ja doch nicht«, sagte Frau Seidler, »bist nie mehr hier gewesen. Wozu auch.«

Johanna seufzte. Sie wusste genau, wozu. Aber sie wusste auch, dass sie nicht nach Frankfurt fahren würde. Gott sei Dank hatte Frau Seidler alles fest in der Hand.

Johanna krümmte sich zusammen unter dem Ansturm ihres schlechten Gewissens. Aber sie gab nicht nach. Nein, sie würde sich nicht dem Anblick ihrer Mutter aussetzen. Wenigstens sorgte sie sich von ferne, zahlte Rechnungen, schickte Pakete und Briefe. Das ganze Geld, das sie mit ihrer Arbeit verdiente, ging dabei drauf. Und neuerdings schickte sie auch manchmal ihre älteste Tochter, die fuhr sogar gern. Eine große Erleichterung.

Am Nachmittag machte sich Johanna tatsächlich auf den Weg zu Philippa. Sie war wütend, weil sie sich selbst den Tag verdorben hatte, weil sie Philippa leider doch liebte und weil sie wieder einmal Tom bitten musste, ihr Konto aufzustocken.

»Warum denn diese lästige doppelte Kontoführung«, hatte Tom am Anfang ihrer Ehe gesagt und sie hatte störrisch geantwortet: »Wenn du schon für alles andere zahlst, dann will ich es wenigstens schaffen, für meine Mutter aufzukommen.«

Tom hatte gelächelt und verständnisvoll genickt, und hatte später nie ein Wort darüber verloren, wenn sie’s doch nicht schaffte. Eine Mutter, die rund um die Uhr versorgt werden muss, ist eine teure Angelegenheit.

Tom war Anwalt und hatte ein gesichertes, wenn auch nicht gerade üppiges Einkommen. Momentan allerdings schien er sich in einer finanziellen Krise zu befinden, irgendeine Investition seiner Firma in den neuen Ländern, die ihm Sorgen bereitete. Johanna hatte ihn gefragt, ob er mit ihr darüber reden wolle, doch er hatte abgewunken: »Davon verstehst du ja leider nichts.«

Der übliche Betrieb auf dem Kurfürstendamm, wozu überhaupt noch hinschauen. Am liebsten würde Johanna die dumpfe Ereignislosigkeit dieses Nachmittags für ihre schlechte Laune verantwortlich machen. Sie starrte beim Gehen auf ihre Füße.

Aber dann riss es ihr plötzlich den Kopf hoch, als hätte jemand sie an den Haaren gezogen. »Hey«, schrie sie wütend, »pass doch auf!«

Wer sollte aufpassen? Niemand stand oder ging in unmittelbarer Nähe. Nur der rotgesichtige Alte hockte samt Hund und Geldschälchen auf seinem Stammplatz vor dem Schokoladenladen Leysieffer. Er warf Johanna einen kollegialen Blick zu: Noch eine Verrückte. Sonst war nichts.

Oder doch? Von der anderen Straßenseite her kam eine Gestalt auf sie zu, ein hochgewachsener Mann, gekleidet in naturfarbenes Leinen, weit geschnittene Hose, legeres langes Hemd, dazu weiche, weiße Slipper und ein Wildlederbeutel über der Schulter. Der Hundertneunzehner-Bus stoppte direkt vor ihm, zwei Autos ergingen sich in sinnlosem Gehupe. Den Mann schien das nicht zu irritieren. Gelassen wanderte er seines Weges, die Augen hielt er auf Johanna gerichtet, sie spürte es auf eine schockierende, ihr keineswegs angenehme Art. Er hatte seinen Blick in den ihren verhakt und nun hing sie daran wie ein Fisch an der Angel. Johanna stellte sich tot. Ihr gekonnt starrer Leichenausdruck würde dem Kerl hoffentlich die Tour vermasseln. Tat er aber nicht. Der Mann kam so nahe an sie heran, dass sie schon dachte, er wolle sie umrennen. Doch ehe sie noch zur Seite springen konnte, änderte er geringfügig seine Gehrichtung und ließ sie mit einem kurzen Abschiedszwinkern vom Haken.

Sie wendete sich um und sah hinter ihm her. Jetzt waren auch wieder andere Menschen auf der Straße. Johanna zuckte die Schultern und schnitt eine kleine, selbstironische Grimasse.

2

Johanna saß in Philippas Wohnung und läuterte sich. Vor ihr stand eine Tasse bleichen Tees und ein geschliffenes Kristallglas mit irgendetwas Sherry-ähnlichem. Johanna saß wie auf Kohlen, überlegte gequält, was sie sonst mit diesen zwei Nachmittagsstunden hätte anfangen können, und hörte Philippas Gerede wehrlos und höflich zu.

Georg war wieder einmal krank, die alte Lebergeschichte, die er sich während seines ersten Konsulatpostens in Uganda aufgelesen hatte. Schon damals war, laut Philippa, klar gewesen, dass für jemanden mit einer derartig zarten Konstitution das tropische Klima und die mangelnde Hygiene gefährlich sein mussten. »Aber er hat’s natürlich ausgehalten, Durchfall für Volk und Vaterland.« Die Nachfolgeschäden dauerten an, wurden eher schlimmer als besser. Momentan lag er zu Hause im Bett, ab Montag würde er für mindestens fünf Wochen ins Sanatorium gehen.

»Und wir sitzen hier und plaudern miteinander, armer Georg«, sagte Johanna hoffnungsvoll und stand auf. »Dann musst du dich dringend um ihn kümmern.«

Mit einem kurzen Kopfschütteln vereitelte Philippa Johannas Fluchtversuch. »Du weißt doch, wie er ist. Mein Kümmern würde ihn nur nervös machen. Wenn es Georg wirklich schlecht geht, zieht er sich ins Gästezimmer zurück. Da leidet er für sich alleine, will niemanden sehen. Ganz wie ein verletztes Tier. Setz dich wieder, Joe, wir hatten’s doch grad so gemütlich.«

Johanna hoffte zu Gott, dass der arme Georg wenigstens rechtzeitig eine volle Whiskyflasche unter der Bettdecke verbergen konnte. Doch wie sie die Sache sah, hatte Philippa zuvor penibel Aufräumungsarbeiten geleistet und Georg vor allem deshalb ins Gästezimmer verbannt, um die Tür hinter ihm abschließen zu können. Johanna warf einen Blick auf die elegante kleine Hausbar, außen schwarz, innen verspiegelt, reines Art déco. Mehrere volle und halbvolle Flaschen standen dort als Beweis für den legeren Umgang mit Alkohol in diesem Haushalt. Johanna war jedoch davon überzeugt, dass dies nur eine Inszenierung für den Gast war und dass die Flaschen nach ihrem Abgang sogleich wieder hinter Schloss und Riegel verbannt werden würden.

»Möchtest du vielleicht einen Whisky?«, fragte Philippa, die Johannas Blick gefolgt war.

»Um Gottes willen!«, sagte Johanna erschrocken. »Erzähl weiter. Wo hast du diese Frösche gefunden?«

Die Frösche, die zwischen Teetassen und Sherrygläsern auf dem Glastisch hockten, waren bemerkenswert hässlich. Ihre braun-grünen Rücken konnte man abheben, in den Bäuchen hatte Philippa Mandeln und Oliven arrangiert. Bei der Vorstellung, aus solch einem Tier etwas essen zu müssen, drehte sich Johanna der Magen um, während sie mit halbem Ohr einer endlosen Geschichte von Philippas Sammlerglück und Sammlermühe zuhörte.

»Ich find sie wirklich ekelhaft!«, sagte sie tapfer.

Philippa machte einen spitzen Mund, ihre Augen glänzten. »Aber das ist es doch gerade, Joe, Schätzchen, das ist der verführerische Reiz des extrem Hässlichen. Es stößt dich ab und macht dich gleichzeitig wild darauf, es an dich zu reißen. Der Künstler, der sich diese kleinen Monstren ausgedacht hat, war einfach genial. Und sie dann auch noch als Gefäß zu gestalten und so den Menschen dazu zu bringen, seine Physis mit der Physis des extrem Hässlichen in direkte Verbindung zu bringen, beim Essen zum Beispiel, welch ein Einfall!«

»Man könnte ja auch Stecknadeln hineintun«, sagte Johanna.

Philippa überhörte den Einwand. Sie philosophierte über das Wesen der Hässlichkeit, die schließlich einen tieferen Sinn haben müsse, sonst hätte Gott sie ja nicht zugelassen. »Und sei es auch nur als Gegensatz, um das Schöne noch viel schöner zu machen.«

Philippa hob sich mit ihren großen Händen einen Frosch gegen das Gesicht, sie rieb ihre fast weiße Rosenhaut genüsslich gegen die schlammfarbene Oberfläche des Tieres und schließlich küsste sie sogar das breite Maul. Dann lachte sie kokett. »Froschkönig, du kennst ja das Märchen.« Und sie begann sich Stück für Stück die Oliven aus dem Froschbauch einzuverleiben.

»Wenn du willst, würde ich dir einen davon abtreten, zum Einkaufspreis natürlich«, sagte sie in einer Pause zwischen den Oliven. »Du setzt ihn vor deinen Toilettenspiegel, und immer wenn du dich schminkst oder kämmst, wirst du dir so unendlich viel schöner vorkommen, la belle et la bête. Du kannst ihn auch mit ins Bett nehmen und ihn, sagen wir mal, auf deinem nackten Bauch oder zwischen den Brüsten platzieren.«

»Und wozu sollte das gut sein?«

Philippa seufzte und rollte die Augen gen Himmel. »Du liest zu wenig Märchen. Frösche sind sehr interessant, das darfst du mir getrost glauben. Als Vehikel für die Phantasie, als Symbol, als Versuchung oder göttliche Strafaktion. Abgesehen von dem, was die Zoologen über sie berichtet haben, die Verhaltensforscher. Zum Beispiel, was ihre Paarungsrituale angeht, da hat man nämlich herausgefunden, dass …«

Und schon war sie wieder mittendrin in ihren endlosen Geschichten.

Pippas ganzes Interesse galt Tieren. Allerdings nicht den lebendigen, deren unvermeidliche Körperfunktionen wären ihr zu lästig. Sie hielt sich weder Fische, Vögel noch Hunde oder Katzen und ganz sicher keine Frösche. Doch hatte sie ganze Schränke voll von deren verfremdeten Abbildern, verfremdet insofern, als die kleinen Tierskulpturen immer zu irgendetwas nutze sein mussten: Sie waren Flasche, Schüssel, Bürste, Haarspange, Korkenzieher, Aschenbecher, Feueranzünder und so weiter.

Auch in Brenton Hall hatte Philippa sich keine Haustiere gehalten, weder Hunde noch Katzen noch Vögel. Doch sie hatte zwei Pferde besessen, groß, schwer und auf den ersten Blick Ackergäule. Johanna hatte der Freundin beim Training zugeschaut und gefunden, dass Philippa etwas reichlich oft die Peitsche benutzte. »Geht’s denn nicht anders?«, hatte sie gefragt, »musst du immerfort auf sie eindreschen?«

»Das ist nötig«, hatte Philippa geantwortet, »damit sie jedes Mal von neuem begreifen, wer hier über wen verfügt.«

Philippas Lieblingsstuhl war ein Karussellschwan, ebenfalls frühes Neunzehntes, wie sie immer wieder betonte. Seine ausgebreiteten, gepolsterten Flügel umfingen den Sitzenden von hinten. Es war ein Erlebnis, Pippa zuzuschauen, wie sie ihre Körperfülle geschickt in die ursprünglich für Kinder gedachte schmale Öffnung zwischen den Flügeln hineinwand und ihre Formen denen des Schwans anpasste.

»Wer sonst als Zeus«, kommentierte Johannas Freundin Charlotte. »Und Pippa fühlt sich natürlich als Leda.« Darauf wäre Johanna auch selbst gekommen. Sie hätte es aber nicht ausgesprochen, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand.

3

Johanna war in einem Dorf auf der Insel Rhodos aufgewachsen, als Kind deutscher Eltern, die schon sehr früh, noch bevor der große Trend einsetzte, in selbstfinderischer Absicht dem deutschen Wirtschaftswunderland und der Zivilisation den Rücken gekehrt hatten.

Das Dorf war arm und schmutzig. Der Müll wurde über die Felsen in die Bucht gekippt, es gab weder Strom noch fließendes Wasser, und die Hälfte der Häuser stand leer, weil die Menschen anderswo ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Aber das Dorf war auch reich und glänzend, denn es verfügte über eine dreitausendjährige Tradition, über eine weite geschützte Bucht und über ein paar prachtvolle Häuser aus byzantinischer Zeit, die in einem vernünftigeren Land längst vom Staat mit Beschlag belegt worden wären. Eines dieser Häuser kaufte Johannas Vater für geliehene viertausend Dollar. Es hatte eine riesengroße Sala mit ornamentierten Wänden und bemalter Holzdecke, einen Innenhof, ein kleines Winterzimmer, einen Abstellraum mit Loch im Boden für die Notdurft, eine Küche und über der Küche ein sogenanntes Kapitänszimmer mit Fenstern in alle vier Richtungen. Im Winterzimmer bewahrte der Vater seine Malutensilien auf. Im Kapitänszimmer betrank er sich. Der hintere Teil der Sala, der durch ein hölzernes Podest, die Banca, erhöht war, diente als Schlafzimmer, der vordere als Wohnraum. Hier auf dem breiten alten Holztisch war Johanna geboren worden.

»Warum nicht im Krankenhaus?«, hatte sie später ihren Vater gefragt, als ihr klar geworden war, dass sich sogar die ärmsten Dörflerinnen zur Geburt ihrer Kinder in die Kreisstadt ins städtische Hospital begaben. »Weil der erste Blick unseres Kindes nicht auf die hässlichen Wände eines halbmodernen Kreißsaals fallen sollte, sondern auf die dreihundert Jahre alte Schönheit dieses Hauses. Und weil seine erste Geruchserfahrung nicht die von Desinfektionsmitteln sein sollte, sondern von Zitronenblüten und Räucherstäbchen.«

»Und wenn etwas schief gegangen wäre? Panajota hat mir erzählt, dass die Frau bei der Geburt immer mit einem Fuß im Grab steht und dass sie deshalb ganz grässlich laut schreien muss. Nämlich um die bösen Geister zu vertreiben und auch weil alles so furchtbar wehtut. Panajota sagt, es ist, als ob einem der Leib von wilden Tieren zerbissen und zerrissen würde.«

»Bei der Geburt hat niemand geschrien, stattdessen haben wir Musik gehört, in der Einleitungsphase zur Klärung des Bewusstseins Barockmusik, später Duke Ellington und schließlich während der letzten Presswehen Cab Calloway. Und was den Leib deiner Mutter anbelangt – sieh ihn dir doch an: vollkommen wie die Venus von Milo, daran haben gewiss keine wilden Tiere herumgebissen.«

Das stimmte. Dieses Muster aller Vollkommenheit, mit dem Johanna, wenn die Mutter für den Vater Modell stand, ausgiebig konfrontiert wurde, wies keine Risse oder Bisse auf. Es war weiß und durchscheinend zart wie frisch gekochter Kohlrabi, hatte allerdings manchmal an den ausgefallensten Stellen blaue Flecken, die der Vater dann lachend mit schnell trocknender Temperafarbe übertünchte.

Panajota war ohnehin nicht ganz ernst zu nehmen. Sie hatte eine uneheliche, dazu noch ganz auffallend dunkelhäutige Tochter, war also eine Gefallene, und musste bei Johannas Eltern für ein paar Drachmen die tägliche Hausarbeit erledigen – sie war so weit unten, dass sie gar nicht mehr tiefer sinken konnte.

Panajotas Tochter hieß Agatha. Sie hatte einen Wust schwarzer krauser Haare, sehr weiße Augäpfel und noch weißere Zähne, ein Hohlkreuz und einen herausstehenden runden kleinen Hintern. Sie war zwei Jahre älter als Johanna und deren einzige Freundin. Wenn Panajota zum Putzen antrat, wurde sie stets von Agatha begleitet, meine Assistentin, so nannte ihre Mutter sie. Agathas Assistenz erschöpfte sich darin, Johanna, die sonst immer nur neugierig glotzend herumgestanden hätte, aus dem Weg zu räumen. Panajota war freundlich, träge und ungeschickt. Agatha dagegen war quicklebendig, praktisch und phantasievoll. Meistens verzogen sich die beiden Mädchen auf das Saladach und schauten in den Hof hinunter, um zu sehen, was die Eltern trieben.

»Irgendwie find ich das unanständig«, sagte Agatha.

»Wieso denn, mein Vater ist doch Maler.«

»Aber er malt ja nicht immer.«

Als Johanna sechs Jahre alt war, sollte für sie ordnungsgemäß der Schulunterricht beginnen. Die Schulbehörde gestattete aber dem Vater, der ein ausgebildeter Lehrer war, das Kind daheim zu unterrichten. Da dieser jedoch Wichtigeres zu tun hatte, blieb, wie so manches andere, auch die Schulung des Kindes an der Mutter hängen, die der Vater immer mit »Weib« anredete, Weib geliebtes, Weib schönes, Weib kostbares und so weiter. Kostbar ist sie ganz sicher, dachte Johanna, denn die Mutter hüllte sich stets in golddurchwirkte Tücher und dekorierte ihre Stirn mit einem Edelstein.

Bevor die Eltern sich auf der Insel niedergelassen hatten, waren sie durch Indien gereist, und der Vorrat an Tüchern und Steinen und Ketten und Armreifen war unermesslich. Ihr langes, dunkles Haar trug die Mutter, wenn sie zu Hause war, offen, und wenn sie ausging, hinten zu einem Zopf geflochten. Ihre Augen waren mit einem dicken schwarzen Strich umrandet, die Lider stets dunkelblau geschminkt und die Haut an der Kehle so durchscheinend, dass man dahinter das Blut klopfen sah. Wenn der Vater die Mutter betrachtete, schossen aus seinen Augen Blitze, die Johanna stets als gefährlich empfand.

Die pädagogischen Bemühungen seiner Frau bezeichnete der Vater bald als pure Zeitverschwendung. »Das haben wir doch längst hinter uns«, sagte er, »überlass das anderen.«

So wurde Johanna in ein blaues Kittelchen gesteckt und in die griechische Volksschule gebracht, nur so zum Spaß, wie ihre Mutter betonte. Schon am ersten Tag rannte das Kind nach zwei Stunden heulend nach Hause und schrie, dass es unter Spaß weiß Gott etwas anderes verstünde und dorthin auf gar keinen Fall wieder gehen würde. Da die Eltern sich vorgenommen hatten, ihre Tochter nie zu etwas zu zwingen, musste wohl oder übel die Mutter wieder einspringen. Gott sei Dank gab es auch ein paar englische Kinder im Dorf, und als sich die vier Familien gemeinsam einen Junglehrer aus England leisten konnten, nahm Johanna an deren Unterricht teil.

Richtig wohl gefühlt hat sie sich jedoch fast nie auf dem Terrain anderer Kinder, weil sie dort vor lauter ängstlicher Disziplinierung ihrer eigenen fünf Sinne kaum dazu kam, etwas aufzunehmen und zu begreifen. Im Grunde wollte sie immer nur zu Hause sein und ihren Eltern zuschauen. Trotz ihrer Angst vor dem Vater empfand sie das Vertraute als Schutzraum, in dem sie sich selbst loslassen konnte.

Johanna besaß einen ungewöhnlich stark entwickelten Geruchssinn, der Außenstehende verblüffte. Ihre Eltern jedoch waren überzeugt, dass die auserwählten Erstgerüche den unberührten Sinn des Kindes geprägt und zu höchster Sensibilität inspiriert hatten: Ölfarbe und Terpentin, gekochtes Essen – die Eltern waren Vegetarier –, Holzfeuer im Kamin und der den Hof überschattende Zitronenbaum.

Dieser Baum, der fast das ganze Jahr lang entweder Blüten oder Früchte oder auch gleichzeitig Blüten und Früchte trug, hatte eine besondere Funktion im Leben der Familie. Um ihre jeweilige Stimmung kundzutun, schmückte die Mutter ihn mit großen Seidenschleifen und behängte ihn mit ihren Tüchern. Meist benutzte sie helle Farben, weiß stand für Selbstbesinnung und das Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden; blau für weit schweifende Gedanken; grün für häusliche Anliegen und gelb für Heiterkeit und Energie. Die rote Farbe blieb für den Bettvorhang reserviert und auf Schwarz konnte die Mutter verzichten – »bislang hat dein Vater das Dunkel von mir fern gehalten, ich werde den Baum nicht vor der Zeit damit belasten.«

Einmal, als sie sich besonders »hell« fühlte und der Baum mit all den weißen Tüchern und Schleifen aussah wie ein riesiges Brautbukett, sprang sie ganz plötzlich von dem alten Holzstuhl hoch, auf dem sie gerade für ihren Mann Modell saß, und kletterte behände wie eine Katze in den Baum hinein. Dort legte sie sich, nackt wie sie war, auf einen breiten Ast zwischen die Blätter und rührte sich nicht mehr. Eine ganze Weile wartete der Vater schweigend unter dem Baum und starrte hinauf. Aus seinen Augen schossen Blitze. Johanna stand neben ihm und starrte mit. Sie hatte Angst, dass die Mutter nie wieder auf die Erde zurückkommen würde. Schließlich sagte der Vater: »Sie meint wohl, sie wäre eine Zitrone. Dann steigst du jetzt nach oben, pflückst sie und wirfst sie zu mir herunter. Ich werde sie auffangen.«

»Steig doch selbst«, sagte Johanna tapfer.

»Unmöglich, ich bin zu schwer, die Äste würden unter mir wegbrechen. Wenn du nicht steigen willst, muss ich den Baum eben schütteln, dann kann ich sie aber nicht auffangen und ihre Zitronenhaut wird zerplatzen.«

Also stieg Johanna auf den Baum. Sie hockte sich neben die Mutter und sagte: »Mama, spring. Sonst schüttelt der Papa dich hinunter und du wirst dir wehtun.«

Die Mutter lag bewegungslos. Johanna blickte unter sich. Die Augen des Vaters sahen wild aus und er roch nach Schweiß. Da nahm Johanna all ihren Mut zusammen und gab der Mutter einen Stoß, einen winzig kleinen nur, aber die Mutter glitt wie eine überreife Frucht von dem Ast und durch die raschelnden Blätter nach unten. Der Vater fing sie auf, trug sie zurück zu dem Holzstuhl vor der Staffelei und setzte sie hin. Sorgfältig brachte er ihren Körper, der seltsam knochenlos schien, in die alte Position, band ihn mit einem der weißen Tücher an der Rückenlehne fest und machte sich wieder an die Arbeit. Johanna beobachtete ihre Eltern von oben. Sie fühlte sich sehr allein.

Es kam aber auch vor, dass sich die Mutter dem Vater einen ganzen Tag lang verweigerte, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Dann flocht sie sich kurz nach Sonnenaufgang einen strammen Zopf, nahm ihren bunt bestickten Beutel und schlüpfte wortlos durch die Hoftür hinaus. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck nervöser Erwartung. Der Vater schaute grimmig, folgte ihr jedoch nie.

Er malte nicht an solchen Tagen. Er nahm auch keine Notiz von seiner Tochter, er saß nur so da oder stand oder ging hin und her, als wäre sein einziges Bestreben, Zeit vergehen zu lassen. Gegen Mittag dann marschierte er ins Dorf, setzte sich auf die steinerne Bank vor Pawlos’ Bar und begann sich langsam und systematisch zu betrinken. Meistens leistete ihm der Dorfalkoholiker dabei Gesellschaft. Der war der einzige Mann im Dorf, mit dem Johannas Vater so eine Art Freundschaft verband. Eine Unterhaltung zwischen den beiden fand aber nicht statt. Der Alkoholiker sagte nur gelegentlich: »Wie geht’s deiner Frau?« oder »Du hast eine schöne Frau!« oder »Solch eine schöne Frau wie deine hätte ich auch gern«, das war alles.

Nach fünf, sechs Stunden war dann der Moment gekommen, in dem Johannas Vater genug hatte. Genug bedeutete die exakte Grenzlinie erreicht zu haben zwischen angestrebter Gehirnvernebelung und dem Verlust der Körperbeherrschung. Falls diese Linie doch einmal überschritten wurde, brachte der Alkoholiker seinen Freund nach Hause. Normalerweise ging der Vater allein, aufrecht, mit steifem Rücken und in den Hosentaschen verkrampften Händen. Er warf sich angezogen aufs Bett und zog den roten Vorhang zu.

An solchen Tagen ging auch Johanna früh schlafen. Sie lag auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf und dachte sich Geschichten aus, in denen ihre Mutter die Hauptrolle spielte. Angst hatte sie nicht, denn die Geschichten liefen immer auf ein gutes Ende zu, und regelmäßig schlief sie ein, ehe die Mutter nach Hause kam.

Am nächsten Morgen war dann alles wieder normal. Die Mutter hatte beim Vater hinter dem Vorhang gelegen und kam in der Frühe nur kurz heraus, um der Tochter mitzuteilen, dass diese heute für sich selbst sorgen müsse. Was Johanna auch tat: Sie ging nicht zum Unterricht, kaufte sich vom Haushaltsgeld ihrer Mutter ein großes Stück Wurst und setzte sich damit und mit einem Zeichenblock auf das Saladach, um ihre Geschichte vom Abend zuvor zu illustrieren. Dass sie dabei die Sünde der Fleischfresserei beging, gab der Sache einen Sonderreiz und machte auch die Zeichnungen fleischlicher, als sie anfangs konzipiert worden waren.

Im Laufe der Zeit gab es diese Verweigerungstage häufiger, vielleicht ein-, zweimal im Monat, und Johannas Vater ging auch nicht mehr ausschließlich zu Pawlos’ Bar. Wo er sich während dieser Stunden aufhielt, wusste Johanna nicht, doch machten ihr die Alleingänge des Vaters viel mehr Sorgen als die der Mutter, die am nächsten Tag immer nach Meer und Sonne roch und manchmal sogar ein paar Sommersprossen auf der Nase hatte. Der Vater aber roch, außer nach Alkohol, nach fremdem Herdfeuer und Schweiß.

Als Johanna zwölf Jahre alt war und neben dem häuslichen Deutsch zwar fließend englisch und griechisch redete, jedoch keine der drei Sprachen einigermaßen korrekt schreiben konnte, griff Johannas Großvater mütterlicherseits ein und bereitete der griechischen Idylle, der er auch ohne nähere Kenntnis tief misstraute, ein Ende. Er drohte mit der Streichung des erheblichen finanziellen Zuschusses, wenn sein einziges Enkelkind nicht endlich in eine ordentliche Schule käme. Unter viel Gerede und peinvoller Seelenschau gaben die Eltern schließlich nach. Und Johanna fühlte sich nicht nur verkauft, sondern auch noch schuldig an den Gewissensqualen ihrer Eltern.

Schließlich stand sie auf der Gangway des Flugzeuges, das sie nach Frankfurt bringen sollte. Sie weinte nicht. Umso mehr Tränen vergossen ihre Eltern. Johanna begriff, dass sich von nun an alles ändern würde. Das Spiel war vorüber. Die Eltern hatten ihre Zuschauer verloren.

Da es dem verwitweten Großvater unmöglich war, sein Enkelkind zu sich zu nehmen, hatte er für sie ein Internat gesucht, und zwar ein englisches. »Dort schätzt man noch das Althergebrachte und weiß, was gute Erziehung bedeutet.«

Johanna in Oakshot School, West Sussex, einem Mädcheninternat, das sich dem deutschen Pädagogen Karl Hahn verbunden fühlte. Hehre Prinzipien von ständiger freiwilliger Selbstkorrektur (sprich Selbstbestrafung), von seelischer Disziplin und Körperertüchtigung, mens sana in corpore sano, was für Johanna ungefähr so abwegig war, als wolle man Tarzan von einem Tag auf den anderen zum Tänzer im königlichen Hofballett machen.

Zum Abschied hatte die Mutter Johanna noch einmal die Haare gestutzt, auf Streichholzlänge, damit sie nicht so bald wieder geschnitten werden müssten. Als sie ihr Werk betrachtet hatte, waren ihr die Tränen gekommen. »Ach mein armer, armer Schatz, was wird nur aus dir werden?«

Johanna fand die Kurzhaarfrisur ganz lustig, die Mitschüler im Internat schlossen sich eher der Meinung der Mutter an, ach die arme, arme Johanna! Und bald wurde aus der armen vor allem die dumme Johanna und dann die ruppige, struppige, freche Johanna, die der Gruppe, Klasse, Schule keine Ehre machte, die den Durchschnitt verpatzte, die niemand im Team haben wollte, die dumme Fragen stellte und allen auf die Nerven ging.

Der Schulleiter, ein gutmütiger, hilfloser Mann, von den Schülern allgemein Good Ol’Henry genannt, kam schließlich auf die Idee, Johanna Kornstadt in ein Zimmer mit Lady Philippa Brenton zu stecken. Offenbar glaubte er an die Anziehung der Gegensätze, denn außer dass Philippa eine deutsche Mutter hatte (beziehungsweise bis vor einem Jahr gehabt hatte), schien die beiden kaum etwas zu verbinden. Philippa war ungefähr doppelt so groß und dreimal so schwer wie Johanna, die neben ihr wirkte wie ein halb verhungertes Pony neben einem blank gestriegelten, wohlgenährten Vollblüter.

Als Johanna sich am ersten Abend auszog, saß Philippa auf ihrem Bett und inspizierte mit gerunzelter Stirn den Körper der neuen Genossin.

»Du siehst ja aus wie ein Junge«, sagte sie.

»Für einen Jungen fehlt mir der Schwanz«, sagte Johanna grob.

»Wir nennen das hier nicht Schwanz, sondern Penis«, korrigierte Philippa ruhig.

»Und für ein Mädchen fehlen mir die Titten«, fuhr Johanna fort.

»Busen!«, korrigierte Philippa. »Tatsächlich, du hast weder noch. Ein Neutrum. Sehr merkwürdig. Hast du schon Besuch gehabt?«

»Von wem?«

»Besuch ist unser Ausdruck für Menstruation. Also: menstruierst du schon?«

»Nein. Und ich habe auch nicht vor, es je zu tun.«

»Aha. Dann werde ich dich also Joe nennen.«

Johanna war jetzt drei Monate im Internat. Sie hatte unzählige Flehbriefe an ihre Mutter geschickt, die diese nie beantwortete. Nicht etwa, dass die Mutter ihre Tochter ohne Post ließ, keineswegs, alle vierzehn Tage kam ein Kuvert mit gepressten Blumen oder ein paar flachen Muscheln oder einer Haarlocke oder einem bunten Fetzen von Mamas Saritüchern. Darüber hinaus schrieb die ferne Mutter viele hübsche Postkarten und Nachrichten über kleine Ereignisse im Haus und vor allem über den Vater und dessen künstlerische Arbeit. Also beschloss das Kind, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie tat, was sie konnte, um von der Schule geworfen zu werden. Sie störte den Unterricht, sie beleidigte die Lehrer, sie ließ schließlich sogar die Hühner des Hausmeisters frei, doch Good Ol’Henrys Geduld war grenzenlos, die Lehrer gaben vor, sich über die Bemühungen der kleinen Wilden zu amüsieren, und die Hühner kehrten freiwillig an die Futtertröge zurück. Da blieb Johanna nichts anderes übrig, als den empfindlichsten Punkt zu reizen, die allgemeine Schülermoral, und sich dadurch endgültig untragbar zu machen.

Heimlich durchstöberte sie die Schränke der Mitschülerinnen, stahl deren verborgene Süßigkeiten und stapelte diese, nur oberflächlich mit Wäsche bedeckt, in ihrem eigenen Schrank. Nichts sei so schändlich wie Kameradendiebstahl, hatte man ihr gesagt. Natürlich wurde schnell klar, wer die Diebin war, doch geschah vorerst gar nichts. Keine Anzeige, kein Verweis. Was Johanna nämlich nicht in Betracht gezogen hatte, war, dass der private Besitz von Süßigkeiten verboten war, dass also auch keine der pädagogischen Autoritäten angerufen werden konnte. Eines Abends aber schritten die Bestohlenen zur Selbstjustiz. Vorsichtshalber wurde Philippa mit einem angeblichen Auftrag von Good Ol’Henry aus dem Zimmer entfernt. Dann gab es kurzen Prozess.

Sechs Mädchen betraten ihr Zimmer, in dem sich Johanna gerade für die Nacht entkleidet hatte. Zuerst war sie nur verblüfft, dann begriff sie und wollte erklären: Nicht die Mitschülerinnen, die Schule habe sie provozieren wollen. Aber dazu kam es nicht mehr. Die Mädchen steckten ihr einen Knebel in den Mund und fesselten sie an den Bettpfosten. Johanna meinte keine Luft mehr zu kriegen. Sie schloss die Augen und versuchte sich intensiv auf Nasenatmung zu konzentrieren. Ein merkwürdig taubes Gefühl machte sich in ihren Beinen breit, wäre sie nicht festgebunden, würde sie wahrscheinlich zu Boden gerutscht sein.

Bisher hatte sie Angst nur als eine diffuse Beschädigung der Seele kennen gelernt, Angst vor dem Verlassenwerden, der Einsamkeit, der Lächerlichkeit. Jetzt plötzlich fürchtete sie um Leib und Leben. Die erste Ohrfeige, die ihr versetzt wurde, riss ihr fast den Kopf vom Körper. Dann ging es Schlag auf Schlag, ins Gesicht, auf den Oberkörper, auf die Beine. Niemand sprach, die einzigen Geräusche im Zimmer kamen von dem Klatschen der flachen Hände und Fäuste auf Johannas Körper und dem Stöhnen der Mädchen, die sich bei ihrer Strafarbeit mächtig anstrengen mussten.

Johanna wird diese Geräusche, wenngleich sie sie im Moment des Geschehens nicht realisiert hat, nie vergessen können. Die Schmerzen werden vergehen, die Risse auf der Haut werden heilen, doch das Geräusch und, intensiver noch, die Gerüche werden bleiben.

Irgendwann ermüdeten die Mädchen, ihre Zornesenergie verläpperte sich, und schließlich hörten die Schläge ganz auf. Mit geschlossenen Augen hing Johanna in den Stricken, sie war weder erstickt noch ohnmächtig geworden. Zum Schluss wurde sie noch ausgiebig mit etwas Stinkendem übergossen, es schien sich um Urin zu handeln. Jetzt stöhnten die Rächerinnen nicht mehr, sie kicherten beglückt. Dann verließen sie das Zimmer.

Johanna blieb allein zurück. Sie hatte es nicht geschafft, ihren Geruchssinn rechtzeitig herunterzudrosseln, und so verbrannte der fremde Urin nicht nur ihre Haut, sondern hielt auch noch Einzug in ihre Seele.

Als Philippa kam und die Bescherung sah, sagte sie wenig. Sie band Johanna los und schleifte sie ins Bad, wo sie sie erst einmal kräftig duschte.

Dann brachte sie die unter Schock Stehende ins Bett. Sie selbst blieb auf einem harten Stuhl aufrecht in der Mitte des Raumes sitzen und hielt die Augen starr auf Joe gerichtet, bis ihr Kopf in einem kurzen Schlaf nach vorne fiel. Diesen Moment benutzte Johanna und schob sich aus dem Bett in Richtung Fenster. Doch noch bevor sie den Fensterriegel aufstemmen und sich hinausstürzen konnte, rettete ihr das Zittern der malträtierten Glieder das Leben. Eine Schale mit Bleistiften rutschte von der Fensterbank und fiel laut scheppernd auf den Heizkörper. Philippa sprang hoch, griff sich die Selbstmordkandidatin, sagte: »Nun werd bitte nicht geschmacklos«, und zwang sie ins Bett zurück. Dann legte sie sich, bekleidet wie sie war, dazu. Die ganze Nacht lang hielt sie Joe in ihren unerbittlichen Armen.

Johanna, die Pippas Abneigung gegen körperliche Berührung kannte, wusste, dass es sich hier um ein Opfer handelte, das Philippa dem Kodex der Kameradschaftlichkeit brachte. Von ihr selbst wurde nichts weiter erwartet als Dankbarkeit und, im gegebenen Fall, entsprechendes Verhalten. Johanna aber wollte weder dankbar sein noch sich überhaupt irgendwie verhalten, sie wollte nur, dass alles aufhörte. Der fremde Uringeruch hatte sich in ihr festgesetzt, sie konnte sich seiner nicht erwehren. Vor lauter Erschöpfung fing sie an zu weinen. Philippa stand noch einmal auf und stopfte sich Watte in die Ohren. »Du kannst einem wirklich den Nachtschlaf verleiden«, sagte sie.

Am nächsten Morgen war Johannas Gesicht stark verquollen und sie hatte Fieber. Die Hausmutter meinte, es müsse sich um eine seltene Art von Mumps handeln. Sie legte ihr zwei Packungen mit Tiefkühlerbsen aufs Gesicht. »Ein altes Hausmittel«, sagte sie dazu.

»So alt nun wieder auch nicht«, meinte Philippa, »die haben hier erst seit drei Jahren eine Tiefkühltruhe.«

Philippa saß auf ihrem harten Stuhl zwischen Bett und Fenster. »Wo viel Licht ist, ist auch Schatten«, sagte sie, »und umgekehrt.« Mit dem Licht meinte sie anscheinend ihre Befreiung vom Unterricht zwecks Krankenwache. »Schließlich ist Mumps ansteckend, habe ich zu Good Ol’Henry gesagt. Und der war sehr einsichtig. Es ist ja allgemein bekannt, dass Mumps den Männern an die Potenz geht.«

»An die was?«, flüsterte Johanna durch ihre aufgesprungenen Lippen.

»Fähigkeit zum Vollzug des Geschlechtsaktes.«

»Der ist doch gar nicht verheiratet«, lispelte Johanna.

»Was hat denn das damit zu tun? Schwule brauchen erst recht einen funktionsfähigen Penis.«

»Was ist ein Schwuler?«

»Mein Gott, bei deiner bisherigen Erziehung ist wirklich manches verschlampt worden. Ein Schwuler ist ein gleichgeschlechtlich Liebender. Der Akt wird rektal ausgeführt.«

»Mir wird übel«, stöhnte Johanna und rollte aus dem Bett, »ich muss zum Klo.«

Die pflichtbewusste Philippa begleitete sie. Unterwegs begegneten ihnen zwei Mädchen von der gestrigen Strafkompanie. Sie sahen Johanna ins Gesicht und dann schnell zur Seite.

Johanna hielt sich die Nase fest zu und schloss die Augen. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass auch die Sehnerven Gerüche aufnehmen können. Was sie nicht verschließen konnte, war ihre Haut. Die Mädchen hatten ihr auch den Geruch des eigenen Urins, der ihr bislang ganz sympathisch gewesen war, verleidet. Nachdem sie sich entleert und übergeben hatte, fühlte sie sich etwas besser, sie konnte wieder Entschlüsse fassen. Leider war das Toilettenfenster vergittert. Im Laufe des Tages sollte sie sich noch mehrfach übergeben müssen. Dabei glang es ihr jedes Mal, ein wenig mehr Erinnerung auszuschwemmen.

Philippa las zwischendurch in einem Buch über Ameisen. Gelegentlich machte sie Johanna eine kurze Mitteilung über das Gelesene.

»Bei den Ameisen sitzt die Nase in den Fühlern«, sagte sie zum Beispiel. »Die Angehörigen eines Staates erkennen sich am Nestgeruch. Jeder Fremdling wird getötet.«

Johanna dachte daran, dass sie ein Fremdling war. Bevor die anderen sie töteten, wollte sie es lieber selber besorgen. Der Gedanke an das Entsetzen und schlechte Gewissen der Staatsangehörigen beim Anblick der Fremdlingsleiche gab ihr neuen Lebensmut.

»Du kannst ja schon wieder grinsen«, sagte Philippa befriedigt.

Vorerst wies Johanna noch jede Besserung von sich. »Das sieht nur so aus«, murmelte sie, »wie bei den Eseln zu Hause auf der Insel. Wenn die grinsen, bedeutet es, dass sie gleich zubeißen.«

Philippa fand das bemerkenswert, in Bezug auf die Esel wie auch auf Johanna. »Wen willst du denn beißen?«, fragte sie.

»Die andern.«

»Mich auch?«

»Darf ich ja wohl nicht, oder? Du hast meinen Nestgeruch.«

»Meinst du? Schließlich ist da immer noch der Klassenunterschied.«

»Das ändert nichts daran, dass du jetzt genauso ekelhaft stinkst wie ich.«

Danach standen die beiden Mädchen eine halbe Stunde lang unter der Dusche und seiften und bürsteten sich gegenseitig ab. Philippa meinte, dass es geholfen hätte. Johanna wusste es besser.

Auch während der nächsten Nacht baute Philippa mit ihrem voluminösen Körper in Johannas Bett einen Deich gegen spontane Eigenmächtigkeit. »Und dass du dich nicht von der Stelle rührst!«, sagte sie, »schließlich brauche ich auch gelegentlich meine Ruhe.« Diesmal zog sie sich wenigstens die Schuhe aus.

Johannas Gefühle schwankten zwischen Dankbarkeit, Zorn und Unbehagen. Ihr war zuvor nicht klar gewesen, dass die Anwesenheit einer zweiten Person das Bett zu solch einem Backofen macht.

Ihre Mutter hatte sie nie zu sich ins Bett genommen, obgleich dort weiß Gott Raum genug gewesen wäre. Die Lagerstatt der Eltern hatte gigantische Ausmaße und war von einem zeltförmigen schweren gestickten Vorhang umgeben, einer kostbaren Antiquität, an der einstmals, so behauptete jedenfalls die Mutter, eine wunderschöne Jungfrau sich bis zum Tag ihrer Eheschließung die Finger wund gearbeitet hatte.

»Bis zum Tag der Entjungferung«, hatte Johannas Vater gedröhnt, »und weil dabei Blut fließen muss, je mehr, umso besser, ist die Grundfarbe rot.«

Er hatte nach seiner Tochter gegriffen – damals war sie sieben oder acht Jahre alt –, hatte sie über seinen Kopf geworfen und mit ausgestreckten Armen wieder aufgefangen, so wie er es immer getan hatte, als sie noch sehr klein gewesen war. Inzwischen war ihr das eher unheimlich, doch hatte sie pflichtschuldig gejuchzt und ein fröhliches Gesicht gemacht.

»Leidenschaft, mein Töchterlein« (schon war sie wieder hochgeflogen), »die Wut des Begehrens« (da hatte er sie aufgefangen), »die Schmerzen der Hingabe, Schweiß und Tränen und das Geschrei der Lust« (und noch einmal hoch), »für all das steht die Farbe Rot« (Absetzen auf dem Boden). »Das Beige des Leinens dazwischen ist die eheliche Langeweile. Und je fleißiger ein Mädchen stickt, umso mehr wird sie später die Langeweile überdecken können mit Glut und Inbrunst und niemals endender Passion.«

Johanna, aus den großen Vaterhänden entlassen, hatte den Vorhang ihrer Eltern genauer inspiziert und festgestellt, dass die rote Stickerei tatsächlich fast den ganzen Stoff bedeckte.

»Dein Vater ist ein Genie«, hatte die Mutter lächelnd gesagt, »nicht nur als Maler, sondern auch als Redner. Niemand kann so gut wie er aus dem Alltäglichen Funken schlagen.«

Das Wort Genie hatte Johanna bereits mehrfach gehört, doch ein anderes, Entjungferung, war ihr fremd. Sie hatte die Mutter danach gefragt und die hatte ihr den Sinn ziemlich korrekt, wenn auch etwas ungeschickt erklärt.

Johanna hatte vor Abscheu und Entsetzen die Augen aufgerissen. Der Vater jedoch hatte schallend gelacht, aus der Zisterne einen Eimer Wasser gehievt und ihn sich über den Kopf gegossen.

»Liebster«, hatte die Mutter gesagt, »du sollst nicht so viel Wasser verschwenden.«