Ich aber schlafe allein - Helga Hegewisch - E-Book

Ich aber schlafe allein E-Book

Helga Hegewisch

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Beschreibung

Eine Frau findet auf Lesbos zu ihren Jugendträumen zurück. Dorothea Ravensborg ist auf Lesbos, der Insel der Sappho, aufgewachsen. Nach vielen Jahren - sie ist inzwischen 40 und Mutter von fünf Kindern - kommt sie auf einer Urlaubsreise dorthin zurück. Plötzlich ist alles wieder da: die Geschichten und Legenden, der Glaube und Aberglaube ihrer Jugend. Dorothea, gefangen in einer mysthischen Welt, gerät in einen Strudel von Ereignissen, in denen sich Traum und Wirklichkeit vewrwischen. Sie begegnet dem zynischen Richter Dimitri, der alle Fäden in der Hand zu halten scheint – bis er sich in Dorothea verliebt und selbst zum Objekt ihrer Phantasien wird.

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Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2013

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∆έδυκε μὲν ἀ οελάννα καὶ ІІληίαδες · μέσαι δὲ νύκτες, πάρα δ’ ε῎ ρχετ’ ῳρα · ε῎λῳ δὲ μόνα κατεύδῳ

Untergegangen ist der Mond Und die Pleiaden · Mitternacht Ist’s, und die Wache geht vorüber,

Erstes Kapitel

Dr. Karl Ravensborg kam aus dem Büro nach Hause und betrat sein Wohnzimmer. Er versicherte sich seiner guten Laune, auf deren Ausstrahlung er heute abend dringend hoffte, und setzte, obgleich ihn noch niemand sah, vorsichtshalber jetzt schon ein Lächeln auf. Wie immer irritierte ihn der Zustand dieses Raumes, dessen oberflächliche Ordnung, das wußte er genau, einzig seinetwegen hergestellt worden war. Würde er eines Tagen für immer verschwinden, dann würde sie die umgekippten Stühle nur aufheben, wenn sich jemand draufsetzen wollte, und Spinnweben würde sie als hübsche Dekoration ansehen. Mit dem Rücken zur Tür hockte Karls Frau auf dem Sofa vor dem Fernseher und gab mit weit offenen, blicklosen Augen vor, sich für die Acht-Uhr-Nachrichten zu interessieren. Er trat von hinten an sie heran, küßte sie auf die Haare und ließ ihr über die Schulter ein Buch in den Schoß gleiten.

»Wir sind urlaubsreif, Johanna«, sagte er.

»Um Gottes willen«, sagte seine Frau, die eigentlich Dorothea hieß.

Karl war ein sehr großer, blonder, breitschultriger Mann mit Bürstenhaarschnitt und einem vollen Oberlippenbart. Seine blauen Augen blickten freundlich aufmerksam. Er hatte zwar keine engen Freunde, doch war er allgemein beliebt. Um seinen Mund lag oft ein neutral höfliches Lächeln. Manchmal konnte er jedoch auch laut auflachen, aus der Schulter heraus, wobei er die Nasenflügel blähte und die Oberlippe hochzog über schmalen, langen, bläulichweißen gepflegten Zähnen. Das Nasenblähen und das Zeigen der Zähne wirkten oft ein wenig wie Verachtung. Einen ähnlichen Gesichtsausdruck zeigte er, wenn er sich seinem Sexualbedürfnis hingab, zu Anfang der Verbindung jeden Morgen und Abend, später nur noch einmal täglich und jetzt, im zwanzigsten Jahr ihrer Ehe, immer noch einmal wöchentlich, vorzugsweise an den Abenden vor Sonn- und Feiertagen.

Dorothea empfand die sexuellen Aktivitäten ihres Mannes als eine Art Verpflichtung, der sie sich zu stellen hatte, weil dies nun einmal Teil eines normalen ehelichen Arrangements war. Gelegentlich neigte sie zu gewisser Resistenz, jedoch nicht aus bewußter Auflehnung, sondern eher aus Unkonzentriertheit und Ermattung. Ihren Mann störte ein solches Verhalten nicht, ganz im Gegenteil, es schien ihn eher anzuregen, weil er sich durch die zielstrebige Überwindung ihres Widerstandes seiner physischen Überlegenheit versichern konnte.

Dorothea nahm Karl die Benutzung ihres Körpers keineswegs übel, sie war ihm immer noch liebevoll zugetan. Männer sind halt so, dachte sie, die brauchen ihr regelmäßiges Purgativ, und daß sie dabei sogar Lust empfinden können, ist eine große Freundlichkeit der Natur. Ihr selbst war diese Freundlichkeit auch geschehen, wenn auch keineswegs beim Geschlechtsakt, sondern bei dessen verspäteter Folge: Tatsächlich hatte sie lustvoll geboren, fünfmal binnen zwölf Jahren, und trotz der unvermeidlichen Schmerzen hatte sie die Geburten in einem absoluten Hingerissensein erlebt, als gewaltige orgiastische Sturzbäche, denen gegenüber sich die Lustbemühungen ihres Mannes eher als ein lasches Geplätscher ausnehmen mußten. Dorothea war sehr zierlich gebaut und wohlproportioniert. Wenn sie im Sommer barfuß ging oder im Winter statt Schuhen Wollsocken trug – beides tat sie im Haus fast ausschließlich –, wirkte sie kindlich klein. Wenn sie ihre hochhackigen Schuhe anzog und den Hals streckte, konnte man sie für gut mittelgroß halten. Am liebsten trug sie kindhafte Kleidung, ausgewachsene Overalls, die an Strampelhosen erinnerten, oder baumwollene, überlange T-Shirts mit Strumpfhosen darunter. Für die Öffentlichkeit jedoch konnte sie sich, da Karl manchmal daran gelegen schien, aufmachen wie eine Grande Dame und sich auch so verhalten. Zwischen Kinderzimmer und Salon lagen weite, bunte, halblange Röcke und schwarze Pullover oder Baumwollhemden. Ihre Haut war leicht bräunlich und konnte im Gegenlicht einen Olivschimmer annehmen. Im landläufigen Sinne war sie sicher nicht hübsch, der Mund zu breit, die Nase zu lang. Das Auffallende an ihr waren ihre hellblauen Augen unter einer üppigen, sehr dunklen Mähne. Zu Hause band sie sich die Haare meist nachlässig mit einem Gummiband im Nacken zusammen. Wenn sie ausging, türmte sie sie passend zu den Hackenschuhen hoch und ließ nur ein paar Strähnen ins Gesicht hängen, gegen die sie, wenn etwas sie irritierte, stoßhaft und wirkungslos zu blasen pflegte.

Obgleich Dorothea jede Art von Sport oder gar Gymnastik verachtete, war sie äußerst gelenkig, sie amüsierte ihre Kinder gelegentlich damit, sich wie eine Schlange zwischen Stuhlbeinen durchzuwinden oder sich, wie die Eingeborenen der Karibik, ohne mit Kopf und Oberkörper die Erde zu berühren, rückwärts unter einem niedrig gespannten Seil durchzuschieben. Als Karl, der Große, Schwere, Ungelenke, zufällig einmal bei einer solchen Vorführung zugegen war, hatte er anschließend die Nasenflügel gebläht und die Oberlippe hochgezogen und gesagt, er fände es ausgesprochen obszön, wenn sie sich den Kindern gegenüber derartig zur Schau stellte. In einer ersten Reaktion hatte Dorothea sich gekränkt gefühlt, hatte sich dann jedoch trotzig zu der Gegenrede aufgerafft, daß der Fehler hier wohl eher im Auge des Beschauers läge und daß ihre Gelenkigkeit für die Kinder nichts weiter als ein unschuldiges Spiel darstellte. Danach jedoch hatte sie Sorge getragen, daß er es nie wieder mitansehen mußte. Dorothea erfüllte fast immer die Wünsche ihres Mannes, oder zumindest machte sie es ihn glauben, womit er sich zufriedengab. Sie war sehr gut im Verheimlichen.

Karls plötzliche Ankündigung einer dringend fälligen Reise geschah ein-, zweimal pro Jahr, und die Anstrengungen, die seine Frau hierfür zu machen hatte, standen ihrer Meinung nach keineswegs für den darauffolgenden angeblichen Genuß. Wohin diesmal? Hier ein eingefrorenes Devisenguthaben, dort ein Akkreditiv zu öffnen und gelegentlich sogar die ganz wichtige neue oder alte Geschäftsverbindung, alles willkommene Ausreden, die in bezug auf Zeit und Ort die Qual der Wahl erleichterten (Karl lächelte listig). Auf diese Weise hatte Dorothea viele Länder gesehen und für vielerlei Kulturen Interesse gezeigt, meist außereuropäische. Seitdem Dorothea mit Karl zusammenlebte, hatte sie sich nie mehr entscheiden müssen, hatte seine Entscheidungen auch nie in Frage gestellt, sei es aus Trägheit, Dankbarkeit oder aus Mangel an Energie. Sowie Karl wieder einmal seine Urlaubsreise verkündete, machte sie sich kommentarlos daran, den äußerst komplizierten Haushalt für ihre Abwesenheit zu organisieren. Ohnehin war sie meist zu müde, um sich zu engagieren, was ihr recht gut zupaß kam. Denn kaum etwas fürchtete Dorothea so sehr wie ihr eigenes Engagement. Sie reiste mit Karl, weil er es von ihr erwartete. Ihr schlechtes Gewissen gegenüber den Kindern, welches sie auch ohne besonderen Anlaß plagte, wog leichter als die Aussicht auf Mißbilligung eines urlaubsreifen Gatten. Sie reiste aber auch mit Karl, weil sie ihm dankbar war für seine Fürsorge und seine Entschlußfreudigkeit. Weil sie nun einmal ja gesagt hatte und dabei bleiben mußte. Weil sie an ihn gewöhnt war. Weil sie gelernt hatte, auf die schützende, einlullende Kraft der Rituale zu vertrauen, weil sie sich in seinen Armen, wenn diese auch gelegentlich etwas grob mit ihr umgingen, sicher fühlte. Weil sie den Druck seines übergewichtigen, ganz auf das Hier und Jetzt und die momentanen Bedürfnisse angelegten Körpers leichter ertragen konnte als die Schwerelosigkeit ihrer beschämenden Wolkenkuckucksmentalität. Und vor allem, weil er sie einstmals von ihrer eigenen Freiheit gerettet hatte.

»Diesmal geht’s endlich nach Griechenland«, sagte Karl. Dorothea zuckte zusammen. »Nein«, sagte sie, »auf gar keinen Fall.« Karl lachte sehr herzlich, als hätte sie einen Witz gemacht. »Wo sind die Kinder?«

»Welche zum Beispiel?«

»Da sich die großen um diese Zeit draußen herumtreiben, wie ich sehr wohl weiß, meine ich die kleinen.«

Dorothea deutete mit spitzem Finger auf den Bildschirm: »Wenigstens einmal am Tag sachliche Information, aktuelle Bezüge, das war doch dein Rezept für mich, oder? Also sind die beiden Kleinen jetzt im Bad, von wo aus sie meine Informationspflicht nicht stören können.«

»Bist du schlecht gelaunt?«

»Nein«, antwortet Dorothea, »nur müde und etwas überdrüssig.«

»Meiner überdrüssig?«

»Nicht daß ich wüßte. Gehst du jetzt zu den Kleinen?«

»Nein«, sagte Karl, »ich bleibe bei dir.«

Er setzte sich neben seine Frau, die die Augen nicht vom Bildschirm nahm, platzierte den Aktenkoffer auf seinen Knien und ließ den Deckel aufklappen.

»Ich habe noch mehr mitgebracht, weißt du. Der Baedeker ist natürlich etwas obsolet, aber doch sehr hübsch geschrieben, so kulturbeflissen und korrekt. Zur Komplettierung etwas Lockeres, Modernes, dies hier sei das Vernünftigste, meinte der Buchhändler. Und dann haben wir den historischen Überblick und das angemessene Quantum Lyrik, ›Von Sappho bis Elytis‹, klingt sehr umfassend. Und noch ein paar Short stories für die Wartezeiten auf dem Flugplatz oder während meiner Besprechungen, ›Frauen in Griechenland‹. Alles in allem ein guter Querschnitt für deine Vorbereitung.«

»Sei doch mal still«, unterbrach sie, »jetzt kommt der Wetterbericht.«

Ein paar Minuten lang saßen Mann und Frau einträchtig nebeneinander und ließen sich von der Wetterfrau darüber aufklären, wieso und warum der Septemberanfang diesmal so ungewöhnlich kühl sei.

Danach drückte Dorothea die Off-Taste und fragte in die entstandene Stille hinein: »Welche Vorbereitung?«

Karl strich mit den Fingerspitzen über die Bücher in seinem Aktenkoffer.

»Griechenland im September«, schwärmte er, »dort ist es bestimmt noch nicht kühl, so wie hier. Sanft auslaufender Sommer statt beginnender Herbst.«

»Und woher willst denn ausgerechnet du das wissen?«

»Zwar hatte ich keine griechische Mutter wie du, doch ist mir immerhin die geographische Lage deines Kindheitslandes bekannt.«

Karl legte seinen weit ausgreifenden, schweren Arm um die Schultern seiner Frau.

»Hör mal, Johannchen«, sagte er, »ich bin nämlich wirklich urlaubsreif.«

»Was ist es denn diesmal?« fragte sie nicht unfreundlich, »vielversprechende neue Geschäfte oder ärgerliche alte?«

»Beides, Liebling, beides.«

Dorothea war auf der Hut und richtete sich zum Kampf. Wenn ihr Mann sie Liebling nannte und den Arm um ihre Schultern legte, sprach das für die Dringlichkeit seines Entschlusses und für seinen Durchhaltewillen.

»Wie wichtig?« fragte sie.

»Sehr, sehr wichtig.«

Dorothea seufzte. »Normalerweise..., na du weißt ja. Aber wenn’s gar so wichtig ist, dann fährst du auf jeden Fall besser allein. Ich würde dich doch nur von der Arbeit ablenken.«

»Aber keineswegs!« sagte er eifrig und zog sie näher an sich heran. »Deine Sprachkenntnisse und überhaupt, ich will dich bei mir haben. Eine Woche Athen, vielleicht auch zehn Tage, gut als Übergang und zum Eingewöhnen. Und danach gehen wir auf die Inseln.«

»Nein«, sagte Dorothea.

»Warum nicht?«

»Du weißt, daß es mir nicht sehr gut geht momentan. Meine Schwindelanfälle, meine Augen...«

»Der Doktor hat gesagt, das wäre normal.«

»Ich bitte dich, ich bin einundvierzig«, sagte sie.

»Bei manchen kommt’s eben eher, hat der Doktor gesagt.«

»Aber nicht bei mir.«

»Also was dann?«

»Wenn ich das wüßte.«

»Wie dem auch sei, ein kurzer Urlaub wird dir guttun.«

»Die Kinder, der Haushalt«, sagte sie.

»Unsinn. Wir wissen beide genau, daß du abkömmlich bist. Die Kinder sind inzwischen recht selbständig, Philomena hat ihren letzten Anfall vor einer Woche gehabt, es wird also mindestens zwei Monate dauern, bevor sie uns ihre nächste Kündigung auf den Tisch knallt. Der Hund ist nicht schwanger, Louis hat eine solide Freundin, Frieder zieht alle Zuneigung, die er braucht, aus seinem Computer, und Toni hat statt dessen den Fußballclub. Die beiden Kleinen sind bei Tante Sophia gut aufgehoben.«

»Stimmt alles. Und stimmt auch wieder nicht. Immerhin würde ich, wenn es sich um sonstwelche fernen Gegenden handelte, mein Bestes tun, über diese Unstimmigkeiten hinwegzusehen. Aber nicht im Falle Griechenland. Ich bin seit zwanzig Jahren nicht dort gewesen. Die alten Frauen sind tot, Freunde habe ich keine mehr. Alles, was mit diesem Land zu tun hat, ist für mich fern, vorbei und abgelebt. Ich will es nicht wieder hervorzerren.«

»Aber deine Wurzeln, Liebling, deine Erinnerungen. Ich kann nicht glauben, daß du tatsächlich bar jeglicher Heimatsehnsucht bist.«

»Wenn du das nicht glauben kannst, warum hast du dann nie einen Versuch unternommen, diese Sehnsucht zu befriedigen?«

»Die Lage der Dinge war eben nicht entsprechend.«

»Und das war gut so. Hast du Hunger? Philo hat dir dein Abendessen bereitgestellt. Ich gehe und hole es.«

»Ich bin nicht hungrig. Bleib bei mir sitzen.«

»Aber ich sollte nach den Kleinen sehen. Sie sind schon viel zu lange im Bad.« Dorothea sprang auf und lief zur Tür. Seit einiger Zeit fühlte sie sich nicht mehr sicher aufgehoben bei sich selbst. Sie wollte nichts mehr in sich hereinnehmen und schon gar nicht aus sich hinausgehen.

»Auf gar keinen Fall nach Griechenland!« rief sie, als sie die Tür hinter sich schloß.

Karl sah ihr nach und schüttelte den Kopf. »Auf jeden Fall nach Griechenland«, murmelte er.

Karl Ravensborg hatte die um fünfzehn Jahre jüngere Dorothea von Leinen auf der Beerdigung ihres Vaters, des Botschafters Gottfried von Leinen, kennengelernt. Von Anfang an hatte es für ihn unumstößlich festgestanden, daß diese Frau seine Frau werden würde. Als der Sarg hinausgetragen wurde, hatte er heiße Tränen vergossen, weniger aus Kummer um den Dahingegangenen als aus Erleichterung, daß seine langwierige Suche nach einer passenden Gefährtin nun endlich ein Ziel gefunden hatte. Bei dem anschließenden Empfang mit Sekt und belegten Broten sagte er zu der trauernden Tochter: »Ich verdanke Ihrem Vater sehr viel, er hat mir meine unsinnige diplomatische Karriere verdorben und mich in die freie Wirtschaft verstoßen, weil er mich für arrogant, nicht sehr vaterlandstreu und auch nicht für genügend anpassungsfähig hielt. Ihr Vater war ein sehr kluger Mann.«

»Ich weiß nicht«, schluchzte Dorothea, »ich habe ihn nicht sehr gut gekannt.«

»Das war auch nicht nötig. Zu gute Kenntnis seiner Person hätte seinen Einfluß auf Sie vermutlich geschmälert. Und mit welcher unsinnigen Karriere beschäftigt sich denn, wenn ich mir die Frage erlauben darf, seine einzige Tochter momentan?«

Dorothea sah den fremden Mann aus tränenverquollenen Augen an, begriff sein Anliegen und antwortete: »Mit gar keiner.« Worauf Karl Ravensborg, ohne zu lächeln, abschließend bemerkte: »Na, um so besser, dann können Sie mir jedenfalls später nicht den Vorwurf machen, ich hätte Sie von etwas zurückgehalten.«

Dorothea suchte verzweifelt in ihrer, extra für die Beerdigung angeschafften, schwarzen Handtasche nach einem Taschentuch. »Wie käme ich dazu. Statt dessen werde ich vielleicht eines Tages zu Ihrer Beerdigung gehen und anschließend zu Ihrer Tochter sagen: ›Er war ein sehr kluger Mann.‹«

»Ich habe keine Tochter.«

»Sie sind ja auch noch nicht tot. Und um eine Tochter zu zeugen, braucht es nicht sehr viel. Sie müssen sie anschließend auch nicht selber großziehen, sie können sie ins Internat geben.«

Karl Ravensborg blickte das junge Mädchen erstaunt an, so als hätte sie ihm gerade eine äußerst überraschende Mitteilung gemacht.

»Verzeihung«, sagte Dorothea.

»Wofür?«

»Könnten Sie mir bitte Ihr Taschentuch leihen?«

Das Tuch war groß und weiß und sehr sorgsam gefaltet. Dorothea betrachtete es irritiert.

»Ich dachte, ich hätte Sie vorhin weinen sehen?«

»Zu Beerdigungen nehme ich immer zwei Taschentücher mit.«

»Sehr gut organisiert«, sagte Dorothea.

Eine Weile standen sie schweigend. Dorothea schneuzte sich ausgiebig und steckte dann sein Taschentuch in ihre schwarze Handtasche. Er sagte: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie Johanna nenne?«

»Nicht, wenn es einen guten Grund dafür gibt.«

»Allzu viele Leute haben Sie schon Dorothea genannt. Das ist wie Abnutzung. Dorothea bedeutet ja dasselbe wie Johanna, Gottesgeschenk. Ich bin sehr possessiv, wissen Sie, ich brauche mein eigenes Gottesgeschenk.« Während der nächsten Tage war er ihr auf Schritt und Tritt gefolgt, hatte sie morgens und mittags und abends besucht und ihr Blumen gebracht, zuerst weiße, dann gelbe und schließlich rote. Dorothea nahm ihn hin wie eine Jahreszeit, etwas, womit man sich einzurichten hat, unabwendbar, folgerichtig. Ihr Gesicht wirkte hohl und wie ausgewaschen vom vielen Weinen, und die Haare, von denen sie mehr zu haben schien als alle anderen Menschen, bildeten eine dramatische schwarze Wolke über ihrer schmalen Gestalt.

»Nimm doch die Haare zurück«, sagte er, »ich kann dich kaum sehen.«

Sie streifte den Draht von den Stielen der roten Rosen, drückte sie ihm in die Hand – »halt mal« – und bündelte sich mit dem Blumendraht die Haare im Nacken zusammen. »Besser so?«

Ihre Augen, von denen er wußte, daß sie leuchtend blau waren, wirkten beschlagen wie altes Fensterglas.

»Ich liebe dich«, sagte er.

Dorothea nickte. »Ich habe nichts dagegen, mit dir zusammenzuleben, aber die Sache mit der Liebe scheint mir etwas verfrüht.«

»Mir nicht.«

»Gut für dich«, sagte sie, nahm ihm die Blumen wieder ab und stellte sie in die Vase.

»Lauf nicht in der Wohnung herum, setz dich zu mir.«

Als sie dann neben ihm saß, nahe, willfährig und doch seltsam unkörperlich, bat er sie, ihm von ihrem Leben zu erzählen.

Sie nickte, schloß die Augen und begann: »Es war einmal ...«

»Halt«, unterbrach er, »ich will die Wahrheit, kein Märchen.«

»Du könntest dich bemühen, zuerst das Märchen zu begreifen und dann das für dich erträgliche Quantum Wahrheit herausfiltern.«

»Andersherum«, sagte er. »Ich bin jemand, der zuerst die Wahrheit braucht. Und danach kann ich selbst entscheiden, wieviel Märchen darin unterzubringen ist.«

Sie zuckte die Schultern. »Wie du willst. Also halten wir uns an die Fakten. Ob du allerdings daraus viel über mein vergangenes Leben erfährst, möchte ich bezweifeln.«

»Das laß nur meine Sorge sein«, sagte er und legte seinen Arm um ihre Schultern. Dorothea zögerte. Es erschien ihr fast unmöglich, für diesen Mann den passenden Wahrheitstonfall zu finden.

»Also, das war so ...« begann sie. »Eines Tages, während einer Konferenz in Athen, traf ein achtundvierzig Jahre alter deutscher Diplomat mit klassischer Bildung und latent homosexuellen Neigungen...«

»Woher willst du denn das wissen?« unterbrach Karl.

»Ich weiß es eben.«

»Unumstößliches Faktum?«

»Natürlich. Die einzig plausible Erklärung für gewisse Begebenheiten, die ich sonst gegen ihn halten müßte.«

»Zu subjektiv«, sagte er, »zu pragmatisch.«

»Findest du es etwa unrecht, subjektiv und pragmatisch der Liebe zu dienen? Aber wie du willst. Also: Da traf ein achtundvierzigjähriger deutscher Diplomat auf eine dreiundzwanzig Jahre alte griechische Übersetzerin. Sie war sehr schön, sie hatte einen Körper wie die Venus von Milo und lange schwarze Haare. Entgegen seinen bisherigen emotionalen Gepflogenheiten verliebte er... halt, kein beweisbares Faktum, also vergessen wir’s. Jedenfalls heiratete er die Dame und zeugte mit ihr eine Tochter namens Dorothea. Die Ehe galt als sehr glücklich. Und als die junge Frau kurz nach ihrem dreißigsten Geburtstag an Krebs erkrankte und starb, war ihr Ehemann untröstlich. Faktum, ich schwör’s dir!«

»Ich glaub’s dir ja«, sagte er beruhigend.

»Von jetzt ab geht es ausschließlich um mich. Tu mir bitte einen Gefallen und häng nicht hinter jede Aussage dein skeptisches Fragezeichen. Das blockiert meinen Mitteilungsdrang.«

»In Ordnung, solange du mir garantierst, bei der Wahrheit zu bleiben.«

»Bei meiner Wahrheit, ja. Also hör zu.«

»Das Kind Dorothea erinnerte sich kaum an die Mutter, statt dessen an einen vagen Schmerz und an eine griechische Großmutter samt zwei alten Tanten in einem Dorf nahe Patras, die sich in allen Ferien aufopfernd darum bemühten, durch Fotos und dumpfe Erzählungen den Schmerz in dem widerstrebenden Kind am Leben zu erhalten. Vielmals hatte Dorothea den Vater darum gebeten, sie während der Ferien nicht mehr den schwarzen Trauerfrauen von Patras auszuliefern, doch der Vater, der ihr sonst nichts versagen konnte, war standhaft geblieben: Er habe der Alten einst die schöne, junge Tochter genommen, so schulde er ihr wenigstens ein paar Wochen vom Leben des eigenen Kindes. Dorothea erschien dies wie ein phantastisch grausliges Schauermärchen, da sie sich jedoch sehr von allem Phantastischen, Unwirklichen angezogen fühlte, bevölkerte sie die Szenerie noch zusätzlich mit Drachen, Geistern und guten und bösen Rittern und kam jedesmal aus den Ferien zwar erschöpft, jedoch im Bewußtsein siegreich bestandener Abenteuer nach Hause zurück. Nie hatte sie Schwierigkeiten, die Rollen der Drachen und Geister, in der Vorstellung des Kindes allesamt weiblicher Natur, zu besetzen: Im Dorf herrschte ein großer Frauenüberschuß. Als die bösen Ritter mußten die Polizisten herhalten, ortsfremd, auswechselbar und in ihrer Funktion so anonym, daß man ihnen alles Schlechte unterschieben konnte. Aber für das Element des Siegreichen, Guten stand Dorothea nur ein einziger Mann zur Verfügung, der Anwalt von nebenan, dessen echte Person sich den kindlichen Phantasien eher schlecht als recht unterordnete.

Da sich der Vater, durch seine wechselnden diplomatischen Missionen vielfach hin- und hergetrieben, außerstande sah, die persönliche Verantwortung für das tägliche Leben seiner Tochter zu übernehmen, wuchs Dorothea in Internaten auf, vier Jahre in England, drei Jahre in der französischen Schweiz, und danach fünf Jahre in einem Landschulheim in der Nähe von Frankfurt am Main. Offenbar hatte der Vater bei der Auswahl der Schulen eine ebenso glückliche wie kluge Hand bewiesen, denn Dorothea fand nie etwas gegen das Internatsleben einzuwenden und betonte gegenüber jedem, der sie, meist mit mitleidigem Unterton, danach fragte, daß sie eine ungemein schöne Kindheit und Jugend gehabt hätte.«

»Hattest du wirklich?« fragte Karl.

»Allerdings«, antwortete sie trotzig. »Unterbrich mich jetzt nicht. Gegen Ende ihrer Schulzeit, als sich der Abschied von der festgefügten Ordnung ankündigte, erschien es Dorothea, als würde ihr langsam der Boden unter den Füßen weggezogen. Zum erstenmal in ihrem Leben würde sie keine Forderungen zu erfüllen haben, und diese Aussicht jagte ihr Schauer des Entsetzens durchs Gefühl.

Während ihrer letzten Griechenlandferien vor dem Abitur verliebte sie sich in eben jenen Rechtsanwalt, mit dem sie zuvor die Rolle des Siegreichen, Guten besetzt hatte. Er war fast dreißig Jahre älter als sie und selbstverständlich verheiratet.

Wieder zurück in ihrer Internatsheimat, dachte sie ununterbrochen an den fernen Geliebten, weihte ihm auf ewig Geist, Seele und Körper und fiel dennoch nicht durchs Examen. Um dem Objekt ihrer Verklärung auch intellektuell näher zu sein, schrieb sie sich in Göttingen für das Studium der Altertumskunde ein.

Im zweiten Monat des ersten Semesters tauchte der Mann, der nebenher einen Weinhandel betrieb, wodurch er auf Geschäftskosten reisen konnte, bei ihr in Göttingen auf, wollte alte Liebesschwüre erneuern und sprach jetzt sogar von Scheidung. Dorothea jedoch sah weder einen berückenden nackten Hermes von Praxiteles noch einen delphischen Wagenlenker im schlichten, gefältelten Gewand, sondern einen bürgerlich behäbigen Provinzler mit Nylonhemd und Knopfweste unter mausgrauem Jackett, und sie erschrak sehr. Ihr griechischer Traum zerbrach, und als sie endlich die Scherben weggeräumt hatte, beschloß sie, diesen Mann zu vergessen und nie wieder nach Griechenland zurückzukehren.«

»Eine etwas übertriebene Strafe für ein Nylonhemd«, befand Karl. Dorothea hatte inzwischen die Augen geschlossen und redete vor sich hin wie eine Nachrichtensprecherin, die unpassenderweise über private Ereignisse zu berichten hatte. Jetzt öffnete sie kurz ihre Augen und warf Karl einen bösen Blick zu.

»Halt den Mund und laß mich weitererzählen.« Dann schloß sie die Augen erneut und wandte sich wieder ihren Nachrichten zu. »Dorothea quittierte das sinnlos gewordene Studium und versuchte es mit der Medizin. Dort wartete sie umsonst auf einen neuen Gefährten, an dem sie ihre ziellosen Wünsche und Träume hätte festmachen können. Nachdem sie sich mehrmals bei den Präparierkursen im praktischen Umgang mit Leichen hatte übergeben müssen und ihre Hände eine unangenehme Bläschenallergie gegen Lysol entwickelten, wechselte sie über zur Germanistik. Nach drei Jahren Studium ohne Engagement – Dorothea war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt und überlegte sich gerade ernsthaft, ob sie nicht doch am besten Lehrerin werden und für immer ins Internat zurückkehren sollte – starb plötzlich und unerwartet ihr Vater an einer Gehirnblutung.

Bei der Beerdigung lernte sie dann einen Mann kennen, Dr. Karl Ravensborg, achtunddreißig, Industriekaufmann. Er behauptete, sie zu lieben, woraufhin die beiden heirateten. Ende der Geschichte.«

Karl tätschelte gerührt Dorotheas Schulter. »Nein«, sagte er, »das ist erst der Anfang.«

»Soll ich weitermachen?« fragte sie daraufhin.

»Besser nicht«, sagte er. »Jetzt tritt ja meine eigene Wahrheit wieder in Kraft, da kann ich auf die deine verzichten.«

»Solltest du aber nicht.«

»Vielleicht nicht. Aber ich muß mich schützen. Meinen Möglichkeiten sind Grenzen gesetzt. Verstehst du das etwa nicht?«

»Doch, doch«, antwortete sie, »verstehen tue ich das sehr gut. Aber es wird wohl eine Weile dauern, bevor ich es auch akzeptieren kann.«

Zwei Monate nach diesem klärenden Einführungsgespräch, das die begehbaren Wege nach rückwärts und vorwärts in etwa festlegte, heirateten Dorothea und Karl tatsächlich und machten sich sogleich daran, die nötigen Schritte zur Zeugung einer Tochter zu unternehmen.

Als dann auch das fünfte Kind ein Junge wurde, sagte Dorothea kurz nach der Geburt zu ihrem Mann: »Das war’s dann wohl, ich gebe mich geschlagen. Sonst werde ich noch vor Erschöpfung zugrunde gehen. Und das muß ich schon allein deshalb vermeiden, weil ich sonst nicht zu deiner Beerdigung kommen kann.«

Karl seufzte. »Na, Gott sei Dank.«

»Freu dich nicht zu früh. Jedenfalls werde ich mich dann in Ermangelung einer Tochter an deine fünf trauernden Söhne mit den Worten wenden...«

»Wie schön für uns alle!« unterbrach Karl lächelnd.

»Dann kann ich ja beruhigt sterben.«

»Du kennst meine Worte noch gar nicht.«

»Wozu auch. Es reicht mir zu wissen, daß du loyal bist. Und darüber hinaus: Zu gute Kenntnis einer Person würde ihren Einfluß auf mich nur schmälern, nicht wahr, und das wollen wir doch beide nicht.«

»Nein«, sagte Dorothea, »das wollen wir beide nicht. Bleibt noch die Sache mit der Liebe. Was sagst du, wenn ich dich heute danach frage?«

»Ich sage: Selbstverständlich liebe ich dich.«

Dorothea schüttelte verständnislos den Kopf. »Was denn nur, was liebst du an mir?«

»Alles, was du mir von dir gibst und zeigst.«

»Und der Rest?«

Karl zog aus seiner Jackentasche einen Brillantring heraus. Er rieb ihn sorgfältig an seinem Ärmel und steckte ihn dann an ihre linke Hand über den schmalen Verlobungsring, den sie noch nie abgenommen hatte.

»Diesen Rest gibt es für mich nicht«, sagte er.

So beschlossen die Eltern von nun an vermittels der Pille, einen weiteren Kindersegen rigoros zu blockieren. Karl, der nicht ohne Grund an Dorotheas Zuverlässigkeit zweifelte, sorgte für die tägliche Einnahme, und Dorothea fügte sich kommentarlos. Sie war jetzt so ausreichend mit Arbeit versorgt, daß sie stets eine Entschuldigung parat hatte, sich selbst keine Rechenschaft geben zu müssen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir das, was uns die Situation abverlangt, auch noch fortwährend kritisch hinterfragen würden.

Jahrelang befand Dorothea sich am Rande gedankenloser Erschöpfung, was Karl nicht verstehen konnte, da er stets alles ihm mögliche unternommen hatte, ihr das Leben zu erleichtern. Vieles jedoch war ihm eben nicht möglich, befand sich gänzlich außerhalb seines praktischen Organisationstalentes, ja wurde von ihm nicht einmal erkannt.

Dorothea liebte ihre Kinder so kraftvoll und aufwendig, wie es ihrem Wesen entsprach. Bei den beiden kleinen, Robby und Billy, eigentlich natürlich Karl-Robert und Karl-Wilhelm, achtete sie besonders darauf, sie nicht versehentlich ihrer unerfüllten Tochtersehnsucht auszusetzen.

Als Kind einer griechischen Mutter und vor allem als Enkeltochter von gleich drei schwarzen griechischen Frauen hatte sie bereits in sehr jugendlichem Alter eine Unzahl von Direktiven für die Zeit nach der Schwangerschaft mitbekommen und diese zwar etwas wahllos, aber darum nicht minder unabdingbar bei sich aufbewahrt: Täglich ein halbes gekochtes Hühnchen essen (ohne Haut), auf keinen Fall selbst zum Metzger gehen, nie von links nach rechts schräg die Straße überqueren, jede kreuzweise Bindung (Schnürsenkel, Haarbänder) vermeiden, beim Gehen nicht hinter sich schauen, beim Stolpern drei Schritte zurückgehen und den Weg wiederholen, dem Baby jeden dritten Tag einen frischen Beutel mit Thymian und Eukalyptus unter die Matratze legen, unter gar keinen Umständen das Bett mit dem Ehemann teilen.

Gott sei Dank waren alle diese Anweisungen auf die Dauer von achtundzwanzig Tagen limitiert, länger hätte Dorothea auch nicht durchhalten können. Zumal ihr Mann das Ganze nicht begriff und sie sich darum, seinetwegen, immer neue Lügen ausdenken mußte. Nach jedem Kind betonte er energischer, daß er diese Nachgeburtszeiten sobald nicht wieder mitzumachen gedächte.

Karl Ravensborg erhob sich in seinem nicht sehr aufgeräumten Wohnzimmer vom Sofa und ging zur Terrassentür. Hatte Dorothea inzwischen seine Grenzen, die er anfangs so dringend verteidigen zu müssen glaubte, akzeptiert? O ja, und sie hatte sie dazu noch von ihrer Seite her ausbruchsicher befestigt, damit er nur ja nicht darüber hinausreichen und nach ihr greifen könnte. Wenn er es anders angefangen hätte, damals, ob sie ihm dann heute wohl etwas mehr Nähe zubilligen würde?

Er ging auf die Terrasse und schlug gegen den kühlen Wind den Jackenkragen hoch. Eine glückliche Ehe, durchaus als Erfolg zu werten. Kaum jemals Streit, fünf gesunde Kinder, das Einkommen solide und gesichert, Johanna immer noch jung und reizvoll. Was wollte man mehr. Eine Tochter? Nun ja, es wäre nett gewesen: ein Wesen, das an einem hing und einem so viel Liebe schenken würde wie Dorothea einst ihrem Vater.

Im Haus ertönte Lärm, und aus der Terrassentür brachen »die beiden Kleinen«, Robby und Billy, acht und neun Jahre alt und wirklich nicht mehr gar so klein. Karl stand da, die Arme ausgebreitet, und ließ sich von seinen Kindern mit Beschlag belegen. Dorothea lehnte im Türrahmen und dachte: Das immerhin schafft er zweifelsfrei.

»Mama hat gesagt, du fährst nach Griechenland und bringst uns etwas mit«, schrie Robby, während er sich bemühte, über das Terrassengitter seinem Vater auf den Rücken zu steigen.

»Mama und ich fahren zusammen nach Griechenland«, sagte Karl.

»Bestimmt nicht!« rief Billy, der ältere und ruhigere von beiden. Er drängte sich gegen den Vater und legte sich dessen Hände um den knochigen Oberkörper. Karl konnte unter dem dünnen Pyjamastoff die Rippen seines Sohnes spüren.

»Warum nicht?« fragte Karl.

»Wir brauchen sie hier. Und da in Griechenland, da sind ..., also da gibt’s böse Geister.«

»Auch gute!« rief Dorothea von der Tür her.

»Aber viel, viel mehr böse, hast du doch selbst gesagt«, schmetterte Robby.

Karl lachte. »Eure Mutter muß immerfort Geschichten erfinden, daran sind wir ja gewöhnt.«

»Das stimmt«, gab Billy zu. »Aber nicht über Griechenland. Da kommt sie nämlich her. Das ist ihr Land, und da braucht sie nichts zu erfinden. Da kennt sie alle Geister persönlich, und die kennen sie.«

»Na um so besser«, meinte Karl, »dann brauchen wir für sie ja nichts zu befürchten. Und es ist doch wirklich ein Akt der Höflichkeit, daß sie endlich einmal hinfährt und ihre persönlichen Geister persönlich besucht.«

»Sie fährt nicht hin«, sagte Dorothea. »Kommt jetzt, Kinder, ihr habt schon gebadet, und es ist kühl hier draußen.«

Immer wieder wunderte Karl sich, wie unproblematisch seine Söhne den Vorschlägen der Mutter nachkamen. Es ist wie ein sehr ausgeklügeltes System von Geben und Nehmen, dachte er, ein hochkompliziertes Geflecht aus Abhängigkeiten und Bestechungen, wobei ich nie so recht weiß, worin das eine und worin das andere liegt und wer hier eigentlich die Zügel in der Hand hält.

Gottesgeschenk? Geistergeschenk wohl eher, und Sohn Billy hatte schon recht: In gewissen Regionen schien Dorothea alle Geister persönlich zu kennen.

Später am Abend, als endlich Ruhe eingekehrt war und auch die drei Großen nacheinander dem Familienoberhaupt ihre Reverenz erwiesen hatten – tatsächlich mochten die Kinder ihren Vater gerne und ließen ihn kaum spüren, wie »ungeheuer fremd dieser alte Mann« (Louis’ Worte) ihnen war –, sagte Karl zu seiner Frau: »Ich denke, eine Woche oder zehn Tage werden dir zur Vorbereitung genügen?«

Dorothea ließ den Kopf sinken. Die Nacht rückte näher, und seit geraumer Zeit hatte sie Angst vor ihren Nächten.

»Ach Karl...«, sagte sie.

»Ich seh’s ja ein«, antwortete er, »ich hätte dich schon früher einmal zurückbringen sollen. Ich bitte um Verzeihung. Jetzt werden wir alles nachholen.«

»Lieber nicht«, sagte sie.

»Zuerst Athen«, redete er weiter, »und dann eine Insel deiner Wahl. Halb Baedeker, halb Bikini, und von den verfügbaren Geistern nur die guten. Klingt das nicht vielversprechend?«

»Willst du etwa im Tourismus investieren?« fragte sie mißtrauisch.

»Vorerst noch nicht. Ich will dort unten nur nicht ohne dich sein.«

Dorothea stand auf und strich ihrem Mann mit dem Handrücken leicht über die Wange.

»Ich geh’ schlafen. Arbeite nicht zu lange.«

»Ich arbeite nicht, ich komm’ mit dir.«

»Ach ja?« Sie warf ihm einen mißtrauischen Blick zu.

»Keine Arbeit heute abend? Geht’s dir nicht gut?«

»Ich bin eben urlaubsreif«, sagte er und legte seinen Arm um ihre Schulter.

Auch das noch, dachte sie.

Später, als Karl neben ihr eingeschlafen war und sie sich vorsichtig aus seinen Armen gelöst und auf ihre Seite des Bettes hinübergearbeitet hatte, mußte sie wieder einmal an jenen Tag, eine Woche nach der Beerdigung ihres Vaters, denken, als sie zum erstenmal mit Karl ins Bett gegangen war. Damals hatte sie bereits den Entschluß gefaßt, ihr zukünftiges Leben mit ihm zu verbringen. Verliebtheit, Liebe gar? Vor allem wohl eine perfekte Organisation des Schicksals bezüglich Timing und Abstimmung ihrer beider Bedürfnisse.

Dorothea hatte warnend zu Karl gesagt: »Du nimmst doch nicht etwa an, daß du der erste Mann in meinem Leben bist?«

Karl war zusammengezuckt. Eine Weile hatte er stumm und bewegungslos neben ihr gelegen, während Dorothea geduldig auf ihn gewartet hatte. Sein Körper war ihr ungeheuer groß und wuchtig erschienen, eigentlich nicht sehr passend für den ihren. Doch der Mann gefällt mir, und ich gefalle ihm, hatte sie gedacht, und das Körperliche werden wir schon in den Griff kriegen. Schon damals hatte sie ihm mit dieser Handrückengeste, die später typisch für sie wurde, über die Wange gestrichen und sich freundlich erkundigt: »Also, was ist denn nun?«

»Laß das!« hatte er gesagt, sich mit einem plötzlichen Ruck aufgerichtet und ohne weitere Präliminarien begonnen, das Körperliche in den Griff zu kriegen, grob, hart und schnell. Dorothea hatte vor Schreck laut aufgeschrien. Anschließend waren Blutflecken auf dem Laken gewesen.

»Na siehst du«, hatte Karl gesagt.

»Du hast mir weh getan«, hatte Dorothea geantwortet.

Daraufhin hatte Karl gelächelt und sie freundlich geküßt.

»Beim ersten Mal tut’s immer weh.«

Zweites Kapitel

Dorotheas Leben vor Karl, so wie es wirklich gewesen ist.

Dorotheas Muttersprache, die Sprache der Zärtlichkeit, der Wärme und des unangefochtenen Vertrauens, war selbstverständlich Griechisch gewesen. Wenn der Vater daheim war, wurde deutliches, strenges Deutsch dagegengesetzt, was dem kleinen Mädchen wohl vor allem deshalb so streng erschien, weil es der jungen Mutter gefiel, in dem Familienspiel den Vater den Polizeihauptmann machen zu lassen. Wenn das Kind etwas anstellte, meist etwas, das es selbst gefährdete, wie eben kleine Kinder es tun, zum Beispiel, wenn es sich neugierig über das Balkongitter hängte oder sich Vogelbeeren in den Mund stopfte oder versuchte, mit der großen spitzen Schere Papierpuppen auszuschneiden, dann brach die Mutter in entsetztes Geschrei aus, riß das Kind zurück in die Sicherheit ihrer Umarmung, herzte und küßte es, wobei sie weiterhin kleine, schrille Laute ausstieß, die Zorn meinten, jedoch dem Kind eher wie etwas heftiger gesprochene Koseworte erschienen. Dorothea brach dann meist in Tränen aus, was noch mehr Geschrei und Umarmung hervorrief. Erst wenn Mutter und Kind sich aneinander müde gerieben hatten, kam die Mutter auf den Anlaß des Ganzen zurück, machte ein ernstes Gesicht und sagte: »Ich muß es dem Vater erzählen, heute abend, wenn der nach Hause kommt. Dann wirst du schon sehen, was der mit dir macht!«

Dies führte oft dazu, daß die kleine Dorothea, vier, fünf Jahre alt, manchmal den Feierabend fürchtete und daß sie sich zwischen ihrem Sündenfall und der Heimkehr des Vaters wilde Strafen ausmalte, die der Vater ihr auferlegen würde. Kam dann der Abend, hatte die Mutter entweder die Angelegenheit wieder vergessen, oder aber sie berichtete dem Vater in ihrem aufgeregten Singsang eine Geschichte, die sich nicht unbedingt deckte mit dem, was tatsächlich geschehen war. Zum Schluß sagte sie dann immer: »Du mußt mit dem Kind endlich einmal streng und deutlich reden!«

Was der Vater auch tat. Nur hörte seine Tochter nicht wirklich zu. Sie war viel zu befangen in ihren märchenhaften Horror-Phantasien, als daß eine ruhige Vaterstimme dagegen hätte anreden können. Nur das Reden über das Reden, »streng und deutlich«, blieb ihr im Kopf.

Die Mutter war eine bemerkenswert schlechte Pädagogin und hätte es leicht dazu bringen können, die Tochter dem Vater zu entfremden. Dies geschah jedoch nicht. Dorothea hatte schon als kleines Kind ein reichhaltiges Ensemble an heimlichen Mitspielern, und da die Mutter durch die drastische Realität ihrer ständigen physischen Nähe Dorotheas Phantasien oft behinderte, machte das Mädchen diese eben an ihrem Vater fest. Wenn der jedoch, sagen wir, das Töchterchen über eine belebte Straße führte oder mit ihr zusammen in den großen, dunklen Stadtpark ging, dann schob sie ihre kleine Hand in seine große und fühlte sich dort so sicher aufgehoben wie später nie mehr in ihrem Leben, jedenfalls nie wieder durch die Überzeugungskraft eines anderen Menschen.

Während der Sommermonate fuhren Mutter und Tochter stets nach Griechenland. Sofern der Vater Urlaub hatte, kam er mit ihnen, blieb aber nie die ganze Zeit. Hier und nun wurde auch der Vater sehr real, nicht mehr reduziert auf die gelegentliche warme Hand, sondern ein ganz normaler, großer Mensch, mit dem man schwimmen ging und der einem den Rücken eincremte und sich gelegentlich sogar um das Essen kümmerte.

Ungefähr zwei Jahre vor dem Tod der Mutter wurde der Vater an die Deutsche Botschaft in Oslo versetzt, einer der üblichen mysteriösen Entschlüsse des Auswärtigen Amtes, die sich jedem logischen Zugriff entziehen. Was sollte ein Altsprachler, ein Mittelmeerspezialist in Oslo? Der Vater sagte mit einem resignierten Lächeln: »Die Wege meiner Herren sind fremd und unverständlich«, und fügte sich, er war ein loyaler Staatsdiener. Die Mutter fügte sich auch, selbstverständlich, doch konnte sie sich diesmal schwerer zurechtfinden als je zuvor. Die Art der Menschen so hoch im Norden und der Mangel an Licht machten sie müde und melancholisch. Sie redete oft davon, daß sie heim wolle, endlich heimgehen nach Griechenland. Dort jedoch war inzwischen die »Obristenzeit« in vollem Gange, etwas, das dem Vater die Besuche verleidete und auch die Mutter sehr zu bedrücken schien. Im letzten Jahr hatte sie sich noch heftiger als sonst mit den schwarzen Frauen gestritten und gesagt, daß sie nicht mehr hierher gehörte und am liebsten überhaupt nie mehr wiederkommen würde.

Dorothea begriff nicht, was dort in Patras und im Haus am Meer soviel anders geworden sein sollte, sie sah kaum einen Unterschied, außer vielleicht den, daß jetzt mehr Polizisten als sonst herumstanden, ernste Männer mit steifen Mützen und einem Revolver am Gürtel. Es schien sich um eine Sache zu handeln, die nur die Erwachsenen etwas anging.

Der erste nordische Winter war noch nicht gar so schlimm. Mutter und Tochter gaben sich alle Mühe, den Schnee schön und interessant zu finden. Sie wanderten jeden Tag eine Weile draußen herum, vor allem, um sich anschließend auf der Bank vor dem großen Kaminfeuer die Füße zu wärmen, die Haare zu trocknen und an langen Stöcken Äpfel über der Glut zu braten.

Im zweiten Winter wurde die Mutter blaß und still. Der Vater, der an der Botschaft die Wirtschaftsabteilung leitete, arbeitete länger als sonst, mußte auch oft teilnehmen an irgendwelchen Geselligkeiten, zu denen ihn die Mutter kaum je begleitete.

»Was soll ich dort?« sagte sie. »Die Sprache versteh ich nicht, die Gespräche, falls ich sie denn verstehen sollte, interessieren mich nicht, und der Wein ist schlecht.«

»Früher bist du immer mitgekommen«, sagte der Vater traurig.

»Früher war ich auch noch jung«, antwortete die Mutter. Damals war sie achtundzwanzig Jahre alt, und der Vater war dreiundfünfzig. Wenn er nach einer dieser »Geselligkeiten« spät nach Hause kam, hatte er oft zuviel von dem schlechten Wein getrunken und schlief dann, um die Mutter nicht zu stören, im Gästezimmer.

Mehrmals sah die kleine Tochter die Mutter weinen. Das verschreckte das Kind zutiefst, besonders, weil die Mutter dabei ihren Körper abwandte und das Gesicht zu verbergen suchte, so als ob es sich bei den Tränen um etwas Verbotenes, irgendwie Unanständiges handelte. Kein einziges Mal hatte die Tochter der Mutter beim Weinen ins Gesicht schauen dürfen. Das Kind fühlte sich zurückgesetzt und von der Hauptrolle, die es sonst im Leben seiner Mutter spielte, zu einer unwichtigen, sogar störenden Randfigur degradiert.

Eines späten Nachmittags im dunklen Februar – an diesem Tag war keine Geselligkeit, und es sollte endlich wieder einmal ein richtiger Familienabend werden – wandte sich darum Dorothea an ihren Vater. Die Mutter war gerade aus dem Zimmer gegangen, der Vater las Zeitung. Dorothea schob sich ganz nahe an ihn heran und flüsterte:

»Die Mama tut etwas, was sie nicht tun soll.«

»Soso«, brummte er daraufhin mäßig interessiert, »hat sie dir endlich einmal einen Klaps gegeben?«

»Nein, sie hat sich vor mir versteckt.«

Der Vater legte nun doch die Zeitung beiseite und zog das Kind auf seinen Schoß. »War das ein Spiel?«

Dorothea schüttelte den Kopf. »Nein, nicht wie im Spiel. Sie wollte, daß ich sie nicht finde.«

»Wo?«

»Im Schlafzimmer.«

»Aha.«

»Und ich bin da reingelaufen und habe sie doch gesehen.«

»Und dann?«

»Sie hat gesagt, ich soll wieder rausgehen.«

Der Vater räusperte sich. Dann sagte er mit einer Stimme, die etwas fremd klang: »War jemand bei ihr?«

»Natürlich nicht.«

»Warum solltest du dann rausgehen?«

Dorothea machte sich ganz steif und sah dem Vater gerade in die Augen. »Sie hat geweint!«

Der Vater zögerte einen Augenblick, dann setzte er seine Tochter sanft auf den Boden. Er stand auf, richtete sich die Hosenbeine und ging zur Tür.

»Papa ...?« rief das Kind.

Er nickte ihr zu. »Ich werde die Sache klären.«

Die Klärung sah dann so aus, daß zuerst einmal die Schlafzimmertür abgeschlossen wurde. Dorothea hörte die Stimmen der Eltern, die sich mit langen Pausen so unaufgeregt unterhielten, daß es wirklich nicht nötig gewesen wäre, die Tür abzuschließen. Kein Streit, nein, das gewiß nicht, statt dessen sogar ein wenig Gelächter von seiten der Mutter. Und dann war es eine Weile still.

Als die Mutter wieder herauskam mit wirren, aufgelösten Haaren, roten Wangen und bekleidet mit ihrem Nachthemd – um sechs Uhr nachmittags! –, lächelte sie der Tochter seltsam schlafwandlerisch zu. »Wieso bist du denn noch nicht im Bett?« – und ging an ihr vorbei in die Küche, wo sie die Weinflasche aus dem Eisschrank nahm. Dorothea hatte sich einen Familienabend anders vorgestellt. Sie schaute ins Schlafzimmer und sah dort ihren Vater mit bloßem Oberkörper in dem unordentlichen Bett liegen und eine Zigarette rauchen.

»Papa...?« rief sie wieder.

Der nickte ihr zu. »Es ist gut, mein Kind, mach dir keine Sorgen.« Aber es war nicht gut, nur ein paar Tage lang. Dann wurde die Mutter wieder sehr traurig. Der Vater kam immer später nach Hause und schlief fast nur noch im Gästezimmer. Die Mutter stritt mit ihm. Sie sagte auch, daß sie sehr bald einmal zum Arzt gehen müsse, wegen ihrer ständigen Müdigkeit. Aber erst einmal würde sie heimfahren, die Sonne und das Meer und die Nähe der Familie, das wäre jetzt bestimmt die beste Therapie für sie. So fuhren sie in diesem Jahr eher als sonst nach Griechenland, schon im frühen Mai. Für Dorothea sei es das letzte Jahr vor der Schule, hieß es, und für die Mutter wäre die Sonne dringend notwendig. Sie war ganz dünn und blaß geworden, nur ihr Bauch stand etwas vor. Gelegentlich legte sie die Hand darauf und sagte, daß diesmal wirklich alles ganz anders sei und ob Dorothea sich nicht über ein Brüderchen freuen würde. Dorothea schüttelte energisch den Kopf, nein, darüber würde sie sich überhaupt nicht freuen. Die Mutter schien sie nicht gehört zu haben, jedenfalls reagierte sie nicht auf die Ablehnung ihrer Tochter. Statt dessen redete sie immer öfter davon, daß sie wirklich dringend zum Arzt gehen müsse, allerdings natürlich nicht in Oslo, da wären die Männer ja ständig betrunken, sondern zu Hause in Patras.

Der Vater betonte, daß der von der Botschaft empfohlene Frauenarzt ganz sicher kein Alkoholiker sei, doch die Mutter blieb bei ihrer Weigerung und legte sich mit einem um Überzeugung bemühten Lächeln die Hand ihres Mannes auf den Bauch.

»Wahrscheinlich ist doch alles genauso wie damals, ich habe es nur vergessen, meinst du nicht auch?«

Der Vater hatte beschlossen, daß er in diesem Jahr überhaupt nicht mitkommen wolle, nicht einmal für eine kurze Woche. Er hatte gesagt, daß die politische Situation in Griechenland dies nicht zulasse, woraufhin ihm seine Frau geantwortet hatte, daß ihm doch kein Mensch verbieten könne, seine Ferien mit Kind und Frau in deren Heimatland zu verbringen.

»Ein Mensch vielleicht nicht«, hatte der Vater geantwortet, »aber mein Anstand.«

Die Mutter war daraufhin sehr zornig geworden. Sie hatte den Vater angeschrien: »Da ist dir also dieser lächerliche Anstand wichtiger als deine Familie!«

Als der Vater sie zum Flugzeug brachte und seine Frau zum Abschied umarmte, sah sein Gesicht ganz weiß und fremd aus. Die Mutter weinte herzzerreißend und scherte sich nicht darum, daß ihr Kind und viele andere Menschen ihr dabei zuschauten.

In Griechenland wurde es dann etwas besser. Die schwarzen Frauen waren weniger streitlustig als sonst, und sie ließen auch Dorothea weitgehend in Ruhe. Statt dessen hegten und pflegten sie Dorotheas Mutter mit einer Hingabe, die schon fast gierig wirkte.

Die Mutter fügte sich, auch sie schien kaum mehr zum Streit bereit. Sie nahm etwas an Gewicht zu, und die Blässe ihrer Haut wurde durch das Strahlen der ungewöhnlich heißen Maisonne von einem hellen Braun zugedeckt. Sie sah jetzt sehr schön aus. Die Wölbung ihres Leibes wurde nicht stärker, und wer nichts davon wußte, konnte es auch kaum wahrnehmen.

Gelegentlich war der Vater am Telefon. Er sagte, daß er es nahezu jeden Tag versuche, daß jedoch die Leitung im Sommerhaus fast immer gestört sei.

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die während der letzten Oslo-Monate durch die gequälte Konzentration der Mutter auf sich selbst und auf ihre Ehe etwas weniger eng gewesen war, festigte sich wieder.

Dorothea liebte ihre Mutter mit der bedingungslosen Großzügigkeit, die wohl nur Kinder aufbringen können. Ohne daß sie es selbst recht bemerkte, verbannte sie ihre Phantasiegefährten in den Hintergrund und konzentrierte sich sehr real auf die Mutter, deren Gefährdung sie instinktiv erkannte. Das »Brüderchen« hatte damit nichts zu tun, es gehörte in den Bereich der Spielfiguren und sollte auch dort bleiben.

Zwar kannte die Mutter nahezu jeden Menschen im Dorf, aber Freunde und Vertraute schien sie nicht zu haben. Ausgenommen vielleicht den jungen Anwalt, der nebenan wohnte. Er war verheiratet und hatte drei kleine, lästige, verwöhnte Söhne, die das fremde Mädchen aus der Stadt bei jeder Gelegenheit knufften und es mit Sand und Steinen bewarfen. Buben sind etwas Schreckliches, dachte Dorothea, und rächte sich, indem sie ihrem Phantasie-Brüderchen ein halbblindes Auge und einen Hinkefuß verpaßte. Der Anwalt war immer sehr höflich und zuvorkommend. Oft blieb er am Gartentor stehen, um ein paar Worte mit der Mutter zu wechseln, und manchmal brachte er ihr aus Patras etwas mit, Konfekt, eine ausländische Zeitung oder eine Flasche Likör. Der Mutter schien dies zu gefallen.

»Wir sind zusammen aufgewachsen«, erklärte sie ihrer Tochter, »er ist ein alter Freund von mir.«

Jeden Tag gingen Mutter und Tochter zusammen an den Strand und von dort aus in eine kleine, abgelegene Felsenbucht, zu der außer ihnen nie eine Menschenseele kam. Dort legten sie sich auf die vom lauen Wasser umspülten grünbemoosten Felsen. Die Mutter schob sich ein aufblasbares Gummikissen unter den Kopf, schloß die Augen und lag ganz still. Ihre Arme hielt sie weit ausgebreitet, so als wolle sie der Sonne eine größtmögliche Fläche darbieten. Die Tochter spielte um sie herum, suchte nach Einsiedlerkrebsen, ordnete auf dem grünen Felsen Muscheln zu Mustern und baute zierliche Schlösser aus Sand und Stein.

Oft stieg sie hoch hinauf in den steilen Felsen, der über der Badestelle aufragte, um von dort aus auf die Mutter hinunterzuschauen. Zuerst hatte die Mutter ihr diese Kletterei verbieten wollen, zu steil, zu gefährlich, auch zu anstrengend in der Hitze, doch als sie dann gesehen hatte, wie mühelos und geschickt das Kind sich in dem schroffen Gestein bewegte, hatte sie nachgegeben und sich gesagt, daß Ziegen und Esel ja auch in den Felsen herumwanderten und daß die leichten Glieder eines Kindes sicher flinker und gelenkiger waren als die eines ausgewachsenen Esels. Wenn es sehr heiß wurde, in der Mittagszeit, kurz bevor sie heimgingen, zogen sie manchmal ihre Badeanzüge aus. Zuerst hatte die Mutter allergrößte Bedenken geäußert, doch schließlich hatte sie lachend gesagt, nach dem dunklen Osloer Winter habe nun ihr ganzer Körper Anspruch auf Licht, und in dieser Einsamkeit würde sich ja niemand daran stören können. Und dann hatte sie noch hinzugefügt, daß sie schließlich nicht Tantalus sei, dem die zürnenden Götter das vollkommene Labsal Tag für Tag vor Augen hielten, ohne daß er sich je daran erquicken durfte, denn warum sollten ihr die Götter zürnen, ausgerechnet jetzt, da sie reuig in die Heimat zurückgekehrt war?

Dieser fremde Name, Tantalus, hatte sich tief in das Gedächtnis des Kindes eingeprägt, als die Bezeichnung für eine Situation, in der sich jemand etwas nicht nimmt, obgleich er es doch so dringend braucht. Und noch etwas würde sie nie vergessen: das atemlos aufgeregte, fast ein wenig hysterische Gelächter der Mutter, als diese sich das erste Mal nackt auf den flachen Felsen niederlegte und ihren Körper gänzlich ungeschützt dem Wasser und der Sonne preisgab. Mit ihrer ausgestreckten Hand umklammerte sie ein Badetuch, so als wäre das Entblößen nur eine hastige, jederzeit wieder rückgängig zu machende Probehandlung, doch je öfter sie es tat, um so sicherer wurde sie, und schließlich schien die Probe bestanden zu sein, und die Mutter ließ das Handtuch beiseite und bewegte ihren schönen, nackten Körper auf dem feuchten Moospolster so frei und natürlich, als säße sie im hochgeknöpften Baumwollkleid mit den alten Frauen am Frühstückstisch. Selbstverständlich folgte die Tochter dem Beispiel der Mutter und entledigte sich ihres kleinen rotweiß geblümten Badeanzuges im gleichen Augenblick, wenn die Mutter den ihren, der schwarz war und eine merkwürdig steif abgepolsterte Busenpartie hatte, abstreifte. Und dann lagen die beiden eine Weile engumschlungen auf dem flachen Stein. Das Moos kitzelte ihre Körper mit der Bewegung des Wassers, und Dorothea konnte sich nicht genug darüber wundern, daß sich die Haut der Mutter trotz der von Zeit zu Zeit über sie wegschwappenden Wasserkühle immer gleichbleibend warm anfühlte.

Fast genauso schön wie der Aufenthalt in der einsamen Felsenbucht war danach der Mittagsschlaf, den Mutter und Tochter gemeinsam im alten Bootsschuppen hielten. Dort war es geheimnisvoll dunkel und kühl. Die Mutter hatte das alte Gerümpel etwas beiseite geräumt und in einer Ecke aus vielen Decken und Kissen ein weiches Lager bereitet. Die Wellen platschten leise gegen die hölzernen Stützen, Dorothea träumte, daß der Schuppen ein Schiff sei, auf dem sie ganz allein mit der Mutter in die große weite Welt hinausfuhr.

»Früher einmal hat hier die Liebe gewohnt«, sagte die Mutter.

»Früher, so wie im Märchen, ganz weit weg?« fragte Dorothea.

»Nicht so weit weg wie im Märchen, aber wohl doch nicht mehr nahe genug.«

Dem Kind erschien die Antwort als Aufforderung zu einem Ratespiel.

»Ich sehe, was du nicht siehst, und das ist...?«

Die Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, das eignet sich nicht zum Raten.«

»War die Liebe ein Mann, eine Frau oder ein Kind?« insistierte Dorothea.

»Ich sag dir doch, ich will nicht.«

»Dann war’s bestimmt ein Monster«, beschloß Dorothea, »und du hast immer noch Angst vor ihm.«

Die Mutter lächelte, zog das Kind an sich und flüsterte verschwörerisch: »Du darfst es niemandem weitersagen, aber das Monster hat viel mehr Angst vor mir als ich vor ihm. Und es sieht auch ganz und gar nicht aus wie ein Monster, es sieht aus wie ein großer, schöner Mann mit starken Armen und festen Händen.«

»So wie Papa?« fragte das Kind.

»So wie Papa nicht sein will«, sagte die Mutter.

»Warum nicht?« fragte Dorothea.

»Weil er Angst hat, dann auch ein Monster zu werden.«

Manchmal, wenn sich Mutter und Tochter am Abend im Haus das Salzwasser von der nahtlos gebräunten Haut duschten, fiel Dorothea das weißgraue Abschiedsgesicht ihres Vaters ein, an das sie nur ungern denken mochte. Sie schob es immer so schnell wie möglich wieder beiseite, doch einmal sagte sie: »Papa würde sich bestimmt freuen, wenn er uns so sehen könnte.«

Die Mutter hörte auf zu lachen. Ihre Augen verdunkelten sich wie in Erinnerung an ein Unglück. Sie griff sich mit der flachen Hand auf den Bauch und murmelte: »Weiß ich nicht. Glaub ich auch nicht.«

Dorothea wollte die fröhliche Stimmung nicht hergeben und machte sofort einen Rückzieher: »Selbst schuld, er hätte mitkommen können!«

Woraufhin die Mutter ihr mit einer unbeherrschten, heftigen Gebärde auf den Mund schlug. »Sag so etwas nicht, was weißt denn du?«

Dorothea zuckte zusammen und brach in Tränen aus. Der Schlag hatte ihr nicht sonderlich weh getan, doch war es das erstemal, daß ihr die Mutter so etwas antat. Auch die Mutter hatte sich erschreckt. Sie riß das Kind an sich – »es tut mir leid, es tut mir ganz schrecklich leid« – und bedeckte das Gesicht der Tochter mit kleinen hektischen Küssen. Dann fing auch sie an zu weinen und konnte sich lange Zeit nicht wieder beruhigen.

Dorothea fühlte sich schuldig. Sie ahnte, daß sie etwas gegen die Gemeinsamkeit der Eltern gesagt hatte, einzig weil sie die Mutter allein für sich haben wollte.

So anders waren jetzt die Tränen der Mutter, anders als damals in Oslo, so ungehemmt und auch soviel verstörter. Sie sagte, sie wolle nun wirklich am nächsten Tag nach Patras fahren und endlich zum Arzt gehen.

Später am Abend saß die Mutter lange am Telefon, doch die Leitung war wieder einmal gestört.

Mutter und Tochter gingen zeitig zu Bett. In der Nacht wachte Dorothea auf. Sie tastete hinüber zur Mutter, deren Bett war leer. Das Kind erschrak. Eine Weile lag es zitternd und wagte nicht, sich zu rühren. Als es schließlich aufstand und zum Fenster schlich, sah es die Mutter langsam den Weg vom Schuppen heraufkommen. Ihr Gesicht und ihr langes Nachthemd leuchteten gespenstisch weiß im Mondlicht. Dorothea sprang ins Bett zurück und stellte sich schlafend. Die Mutter kam leise herein, fuhr mit prüfender Hand über das Gesicht der Tochter und legte sich nieder. Ihr Atem ging so leise, daß Dorothea ihn kaum hören konnte.

Am nächsten Morgen sehr früh rief der Vater an. Die Mutter bekam, als sie mit ihm sprach, rote Flecken am Hals. Sie redete ungeordnet und gehetzt, als wäre sie getrieben von irgendeiner Furcht. Sie bat ihn, sie flehte ihn an, zu ihr in die Sonnenwärme zu kommen, sie könne es ohne ihn nicht mehr ertragen. Dorothea stand neben der Mutter und sah ihr zu. Sie sah das aufgeregte Glitzern in den Augen, dann schon wieder Tränen. Schließlich drückte die Mutter der Tochter den Hörer in die Hand und sagte: »Da, versuch du es, bei mir nützt es nichts mehr«, und lief aus dem Zimmer.

»Papa...«, rief Dorothea in die Muschel.

Die Stimme des Vaters war ruhig. »Ich hoffe, du paßt gut auf deine Mutter auf.«

»Papa«, rief Dorothea wieder, »warum kommst du denn nicht?«

»Es geht nicht, ich kann nicht dorthin. Mama wird es dir erklären.«

»Mama will mir nichts erklären, sie will, daß du kommst. Und Mama ist nicht Tantalus, hat sie gesagt.«

»Ist nicht was?«

»Das ist jemand, der sich nicht nehmen kann, was er gern haben möchte.«

Der Vater schwieg.

»Hallo«, rief das Kind, »Papa, bist du noch da, wann kommst du, Papa?«

Der Vater räusperte sich. »Unmöglich«, sagte er, »ich kann nicht. Es geht nicht immer danach, was man gerne möchte. Aber es ist hier jetzt auch sehr schön, und manchmal scheint die Sonne ganz warm. Warum kommt ihr beiden nicht nach Oslo zurück?«

Dorothea schluckte. »Ich... ich weiß nicht. Ich glaube, das geht auch nicht. Mama ist jetzt so schön braun und sieht ganz gesund aus, und da in Oslo ... ich glaube, sie kann hier jetzt nicht weg. Von wegen diesem Tantalus, weißt du?«

Sie hörte den Vater am andern Ende der Leitung einen tiefen Seufzer ausstoßen. »Dann müssen wir wohl irgendwie damit fertig werden. Und wie geht es dem Brüderchen?«

»Weiß ich nicht«, sagte Dorothea, »Mama redet nicht viel darüber. « Dann, um dem Vater zu zeigen, daß die Mutter wirklich zu allem bereit war, fügte sie noch hinzu: »Mama will zum Arzt, morgen oder übermorgen.«

»Na endlich. Du mußt meine sehr große Tochter sein und auf deine Mutter aufpassen.«

»Ja, Papa.«

»Dann gib jetzt den Hörer der Mama zurück.«

Dorothea rief nach der Mutter und bekam keine Antwort.

»Sie ist nicht mehr da«, sagte sie.

»Dann grüß sie von mir.«

»Natürlich«, sagte das Kind und legte den Hörer auf.

Die Mutter lag im Bett und weinte. Dorothea kroch zu ihr unter die Decke und versuchte sie zu trösten. Als die Mutter etwas ruhiger geworden war, fragte das Kind: »Warum können wir nicht zurückgehen?«

»Weil ich dann wieder krank werde.«

»Aber Papa sagt, daß auch bei ihm jetzt die Sonne scheint.«

»Das ist nicht die richtige Sonne«, sagte die Mutter.

»Und warum kann Papa nicht hierherkommen? Er sagt, du würdest es mir erklären.«

»Das hat mit seinem Beruf zu tun und mit Politik. Und – « die Mutter überlegte, wie sie den Vater vor der Tochter verteidigen und ihn ihr verständlich machen konnte – »er kann es nicht leiden, daß hier so viele Polizisten sind und daß unschuldige Leute ins Gefängnis gesteckt werden.«

»Tun das die Polizisten?«

»Manche schon.«

»Dann laß uns zu Papa zurückfahren.«

»Ja«, sagte die Mutter nachdenklich, »vielleicht hast du recht. Bald, vermutlich morgen schon oder vielleicht auch übermorgen, werden wir zu Papa zurückfahren.«

Aber sie fuhren nicht. Und die Mutter ging auch nicht zum Arzt. Weiterhin wanderten Mutter und Tochter jeden Morgen in ihre eigene kleine Bucht, und in der heißen Mittagsstunde, bevor sie zum Essen nach Hause gingen, lagen sie längere Zeit nackt auf den wasserumspülten Steinen.

Mehrmals noch wachte Dorothea nachts auf und bemerkte, daß die Mutter nicht da war. Dann hockte das Kind sich ans Fenster und schaute hinaus, bis es die Mutter den Gartenweg hinaufkommen sah. Einmal meinte sie auch, eine andere Gestalt unten am Schuppen zu sehen. Sie dachte an das Liebesmonster mit den starken Armen und festen Händen.

Ungefähr eine Woche nach dem Anruf des Vaters stieg Dorothea in der brennendheißen Mittagsstunde wie eine Bergziege auf allen vieren die steilen Klippen bis ganz nach oben hinauf. Den rotweißgeblümten Badeanzug hatte sie unten gelassen, sie konnte ihn zusammen mit dem schwarzen der Mutter im Sand liegen sehen, beschwert mit einem kleinen Felsbrocken, damit eine zufällig hochschwappende Welle ihn nicht wegtragen würde. Ein paar Meter davon entfernt ruhte die Mutter mit weit ausgebreiteten Armen auf dem Moos, das von hier oben viel dunkler als aus der Nähe wirkte, ein bläulich glänzendes Flaschengrün, gegen das sich der Körper der Mutter, obgleich doch so braungebrannt, muschelhell abhob. Ihr schwarzes Haar hing in vielen langen Strähnen über das Kissen ins Wasser und bewegte sich dort wie lauter kleine Seeschlangen.

Ein leiser Wind wehte dem Kind über die bloße Haut. Es kroch ganz nahe über den Felsenrand und legte sich flach auf den Bauch, die verschränkten Hände unter das Gesicht gebreitet. Als es so auf die Mutter hinunterschaute, trieb ihm plötzlich ein seltsam fremdes Gefühl von Sehnsucht und Verzweiflung die Tränen in die Augen. Dorothea lag da und schaute, sie weinte, und sie war gleichzeitig glücklich. Sie war ganz und gar erfüllt von diesem Gefühl, sie wollte es in sich halten und sich doch auch davon befreien. Sie wollte die Süße ohne die Bitterkeit, das Glücksgefühl ohne den Schmerz. Sie dachte nicht an den Vater, nicht an die schwarzen Frauen, nicht an den drohenden Arzt, nicht an das Brüderchen, und nach einer Weile dachte sie überhaupt nichts mehr. Der Gefühlsansturm hatte sie müde gemacht. Das Bild der Mutter unter ihr begann sich langsam zu verschleiern, ihr kleiner Körper wurde träge und schwer, und sie war nahe daran einzuschlafen.

Da plötzlich geschah etwas Ungewöhnliches, eine Bewegung in dem Felsen unter ihr, die den Schleier vor ihren Augen zerriß. Auf halber Höhe näherten sich zwei Gestalten, sie bewegten sich, zielsicher und jeden Lärm vermeidend, auf den Badeplatz der Mutter zu. Dorothea, die hier noch nie einen anderen Menschen gesehen hatte, erschrak, vor allem, als sie begriff, daß es sich um zwei Polizisten handelte. Schlagartig wurde sie sich ihrer und der Mutter Nacktheit bewußt. Sie wollte schreien, aber das konnte sie nicht, aus Angst, sich selbst zu verraten. Die Mutter lag weiterhin mit ausgebreiteten Armen im seichten Wasser, sie hatte nichts bemerkt.

Die beiden Polizisten, die sich jetzt fast genau zwischen Dorothea und der Mutter befanden, blieben stehen. Dann hockten sie sich nebeneinander auf einen Stein und beugten sich weit hinüber, um die Mutter genau betrachten zu können.

Dorothea lag flach gegen die Steine gedrückt, ihre kleinen Hände hatten sich festgeklammert, als ob sie befürchtete, der Felsen würde in der nächsten Sekunde in sich zusammenstürzen.

Die Polizisten ließen sich Zeit. Sie hatten ihre Mützen neben sich gelegt, hockten da, sahen auf die Mutter hinunter, flüsterten und knufften einander grinsend in die Seiten.

Dann plötzlich kamen sie hoch, strafften sich, zogen ihre Uniformen glatt und setzten die Mützen wieder auf. Ohne noch weitere Rücksicht auf den Lärm zu nehmen, stiegen sie geraden Wegs zur Mutter hinunter.

Diese hörte das harte Treten der Männerstiefel, zuckte zusammen und starrte den beiden in einer langen Schrecksekunde entgegen. Dann sprang sie auf, lief ein paar Schritte, rutschte aus auf den glatten Steinen und fiel auf die Knie, kam wieder hoch und sah sich in äußerster Panik um. Die Polizisten standen zwischen ihr und dem Platz, wo Kleider und Badetasche lagen. Wollte sie dort hinlaufen, müßte sie ganz nahe an den Männern vorbei. Also blieb sie stehen, die Arme vor ihrem Körper verschränkt. Die Männer sagten etwas zu ihr, mit ziemlich lauten Stimmen, es klang, als würden sie aus einem Buch vorlesen.