Die Totenwäscherin - Helga Hegewisch - E-Book

Die Totenwäscherin E-Book

Helga Hegewisch

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Beschreibung

Der große historische Bestseller von Helga Hegewisch – endlich wieder lieferbar! Mecklenburg, Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie hat ein besonderes Verhältnis zum Tod – manche sprechen sogar von einer Liebesbeziehung. Da Magdalena Winkelmann, genannt Toten-Lena, die Kunst beherrscht, die Verstorbenen schöner zu machen, als sie es im Leben je waren, sind die Dienste der Totenwäscherin weit über ihr Heimatdorf Gebbin hinaus gefragt. Ihre Nähe zum Tod macht sie einsam, aber auch unabhängig. Ihre und ihrer Kinder Stärke und Lebendigkeit ermöglichen, was zu ihrer Zeit kaum eine Frau schaffte: der Aufstieg aus dem kleinbäuerlichen Elend ins Bürgertum. Erzählt wird diese ungewöhnliche Lebensgeschichte von Magdalenas Urenkelin Antonia, Enkelin der schönen starken Barbara und Tochter von Hilda, die an der Liebe gestorben ist...

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Helga Hegewisch

Die Totenwäscherin

Roman

Edel eBooks

Inhalt

Prolog

Erster Teil

Wie der Tod des Alten den Jungen zum Leben erweckte

Wie Barbara in den Ruf kam, nicht ganz gescheit zu sein

Wie Magdalena ihre Tochter vor einer miserablen Zukunft bewahren wollte

Wie Barbara Glumbeck überstand und wie Magdalena starb

Wie Barbara lernte, mit der Liebe umzugehen

Zweiter Teil

Wie Barbara Anton um seine Buße betrog

Wie Hermann Wotersen Antons Zukunft bestimmte

Wie Anton den erotischen Reiz von Zahnrädern entdeckte

Wie es dann ganz anders als bei Tante Berta war

Wie Anton sich zu seiner Mutter flüchtete

Wie Hilda Anton seine Liebesgabe zurückgeben wollte

Dritter Teil

Wie David und Antonia ein Luftschloß bauten

Wie Antonia ein unmögliches Glück verteidigte

Epilog

Impressum

PROLOG

Anna Barbara

Am 28. Februar 1970 verstarb im Alter von vierundsiebzig Jahren Antonia Johanna Barbara Behringer, verwitwete Köppermann, geborene Wotersen im Sanatorium Behringer zu Greinsberg bei Freudenstadt. Sie war die Ururenkelin der schönen unglücklichen Kathrine, die Urenkelin der schönen einsamen Magdalena, die Enkelin der schönen starken Barbara und die Tochter von Hilda Wotersen, die an der Liebe gestorben ist.

Antonia war meine Mutter, und ich habe sie erst nach ihrem Tod richtig kennengelernt. Zeitweilig habe ich sehr an ihr gelitten, das war, als sie so sehr an sich selbst gelitten hat.

Daß man ihren Lungenkrebs nicht rechtzeitig erkannt hatte, obgleich doch mein Stiefvater Ludwig Behringer ein bekannter Lungenarzt war, hatte mit der unterschiedlichen Lebensweise meiner Mutter und Ludwig Behringers zu tun. Mutter hielt sich meist in Hamburg auf, wo sie ein großes Bestattungsinstitut leitete, mein Stiefvater kümmerte sich vor allem um das Sanatorium im Schwarzwald, das beiden gemeinsam gehörte. Man könnte es auch so ausdrücken: Mama lebte für die Toten, ihr Mann für diejenigen, die er dem Tod zu entreißen versuchte.

Dennoch hingen sie sehr aneinander, und ich hatte eigentlich nie das Gefühl, daß sie sich auseinandergelebt hätten. Meine Mutter fuhr regelmäßig nach Greinsberg, wo sie sich vor allem um die wirtschaftliche Organisation des Sanatoriums kümmerte. Und natürlich, um bei ihm zu sein.

Als junge Frau, die selbst in einer turbulenten Ehe lebte, konnte ich mich nicht genug darüber wundern, daß die beiden niemals stritten, sich überhaupt nie uneinig zu sein schienen. Alles geschah in höflicher Gelassenheit und Rücksichtnahme. Doch hatte diese Zivilisiertheit auch immer etwas untergründig Explosives, das sich von Mamas Ankunft in Greinsberg bis zu ihrer oft etwas hektischen Abreise langsam steigerte. Daß es nie zum Ausbruch kam, lag mehr an ihr als an ihm, wie auch das aktiv Unruhige vor allem von ihr ausging. Er gab sich eher passiv und freundlich distanziert. Seine stärkste Annäherung an sie lag in intensiven Blicken, mit denen er immer von neuem in ihrem Gesicht etwas zu suchen schien.

Als man meine Mutter im Hamburger Universitätskrankenhaus darüber informierte, daß ihre Lebenserwartung nur noch wenige Wochen betrug – sie hatte auf rückhaltloser Aufklärung bestanden –, begab sie sich nach Greinsberg, wo ihr Mann alles tat, um ihr das Sterben zu erleichtern.

Am siebenundzwanzigsten Februar rief mich mein Stiefvater in Hamburg an, ich möge bitte kommen, es ginge zu Ende.

Obgleich ich mich sofort auf den Weg machte, traf ich sie nicht mehr lebend an. Die Frau Doktor sei vor einer Stunde gestorben, wurde mir mitgeteilt.

Als ich das Sterbezimmer betrat, bot sich mir ein vollkommen unerwarteter Anblick. Ludwig Behringer saß vornübergebeugt auf dem Bett meiner Mutter. Er hatte die Tote halb zu sich auf den Schoß gezogen und hielt sie fest an sich gedrückt.

Er schreckte hoch, als habe ich ihn bei etwas Verbotenem überrascht, und fuhr mich an: »Du kommst zu spät!«

Ich wehrte mich. »Du hättest mich eher benachrichtigen müssen. Woher sollte ich denn wissen, daß es so schnell …«

»Schon gut, schon gut«, unterbrach er mich. »Jetzt bist du ja da. Sie hat immer gesagt, daß deine Hände mindestens so geschickt sind wie die ihren.«

Meine Hände, ja! Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ludwig Behringer hatte verhindert, daß ich von meiner lebenden Mutter Abschied nehmen konnte, er hatte sie in ihren letzten Stunden allein für sich haben wollen. Und danach überantwortete er sie nun großzügig meinen geschickten Händen.

Als ich ein Kind war, soll ich angeblich ein sehr herzliches, sogar liebevolles Verhältnis zu meinem späteren Stiefvater gehabt haben, ich kann mich kaum daran erinnern. Kurz bevor ich ins Internat ging und Greinsberg mitsamt meiner Kindheit hinter mir ließ, kam es zu einer bitteren Aussprache zwischen Ludwig Behringer, Mama und mir. Mit der ganzen Rechthaberei meiner damaligen dreizehn Jahre habe ich die beiden schuldig gesprochen, und das Ergebnis war, daß ich mich danach selber am schuldigsten fühlte.

In späteren Jahren, und weil mein Stiefvater und ich wußten, wieviel meiner Mutter daran lag, sind wir dann wieder ganz gut miteinander ausgekommen, von Herzlichkeit oder gar Liebe konnte jedoch nicht die Rede sein.

Mit sanfter Gebärde legte dieser kühle, zurückhaltende Mann jetzt seine tote Frau zurück aufs Bett, küßte sie auf Stirn und Mund und stand dann auf.

»Also tu, was du kannst«, sagte er zu mir, »und mach sie so jung und schön, wie die beiden damals gewesen sind, vor zweiunddreißig Jahren in Berlin.«

Was er mit »die beiden« meinte, wußte ich nicht, ich mochte ihn auch nicht danach fragen. Ich bat ihn nur, Mutters Körper in den für die Toten vorgesehenen Raum im Keller bringen zu lassen, hier oben könne ich nicht arbeiten.

Für eine kurze Weile setzte ich mich in die Küche zu der alten Wirtschafterin, die mich schon als Kind gekannt hat. Mit ihr konnte ich ungehemmt weinen. Sie gab mir eine Tasse Kaffee. Cognac wäre mir lieber gewesen, denn ich, die anerkannte Expertin im Umgang mit Toten, hatte schreckliche Angst vor dem toten Körper meiner Mutter. Ich würde ihn nicht berühren können, ich würde versagen. Hinzu kam, daß ich meinen Besteckekoffer – Mamas Ärztekoffer, wie meine Söhne ihn nannten – in Hamburg stehen gelassen hatte.

Die alte Frau wischte sich mit einem Küchenhandtuch die Augen. »Du machst das schon, Bärbelchen«, sagte sie.

Und ich hab’s wirklich gemacht. Als ich nach unten kam, lag meine Mutter schon flach ausgestreckt auf dem hohen Tisch. Ich näherte mich ihr sehr vorsichtig, wagte kaum, richtig hinzusehen. Bevor ich noch bei dem Tisch angelangt war, machte ich kehrt und ging zur Tür zurück, um abzuschließen. Niemand sollte mich beobachten dürfen. Endlich stand ich dann neben ihr, berührte vorsichtig mit den Fingerspitzen ihr Gesicht, das noch warm war.

»Mama, ich bin bei dir«, flüsterte ich, und sogleich schämte ich mich meiner Worte. Vielleicht würde mir ja eine Umarmung helfen, dachte ich, was Ludwig Behringer kann, das kann ich schließlich auch. Mich hat sie geboren und aufgezogen, mit ihm war sie bloß verheiratet. Also schob ich meinen rechten Arm unter ihre Schulter, half mit dem linken nach und zog sie an mich. Und mit dieser ungeschickten Geste klärten sich plötzlich meine Gefühle.

Die Trauer würde gewiß nicht ausbleiben, vorerst jedoch war ich einzig meinem Beruf – der auch der ihre gewesen war – verpflichtet.

Während ich mir dann heißes Seifenwasser bereitete, entdeckte ich auf einem Bord neben dem Waschbecken einen Koffer, ähnlich meinem Arztkoffer, und tatsächlich enthielt er alles, was ich brauchte, Gummihandschuhe und diverse Instrumente, Äthanol, Azeton, Formalin, Injektionsnadeln, Zellstoff, Schminke und so weiter. Anscheinend hatte Mutter auch hier noch gelegentlich einen Toten hergerichtet.

Also ging ich an die Arbeit, und sie wurde unter meinen Händen wieder jung und schön. So etwas kann ich, das habe ich ja von Mama gelernt.

Ob sie so schön war wie damals in Berlin, das wußte ich nicht. Doch schien mein Stiefvater mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, und er bestand darauf, daß der Sarg einen ganzen Tag lang offen in der Kirche stehen sollte, damit jeder, der wollte, einen letzten Blick auf meine Mutter werfen könnte. Er selbst wich nicht von ihrer Seite, bis schließlich die Träger kamen und den Sarg verschlossen.

Beigesetzt wurde sie dann nicht im Behringerschen Familiengrab, sondern in der hintersten Ecke des kleinen Greinsberger Friedhofes, nahe dem Grab des Fremden, der hier in ungeweihter Erde am 22. Dezember 1944 begraben worden ist.

Zwei Tage nach dem Tod meiner Mutter nahm sich Ludwig Behringer das Leben. Er konnte nicht mit ihr leben, ohne sie aber wohl erst recht nicht.

In einem kurzen Brief an mich hinterließ er die Anweisung, ebenfalls in jener hintersten Friedhofsecke begraben zu werden, und zwar zwischen seiner Frau und dem Toten vom 22. Dezember 1944.

Als einziger Nachkomme von Antonia Behringer erbte ich nun das über hundert Jahre alte Sanatorium, verschuldet, modernisierungsbedürftig, aber sehr schön gelegen. Ich wollte versuchen, es vorerst zu verpachten, um es für meinen ältesten Sohn zu erhalten, Andreas, fast achtzehn Jahre alt. Er war immer gern nach Greinsberg gefahren, und Ludwig hatte ihm besondere Aufmerksamkeit geschenkt. »Das wird einmal ein guter Arzt«, hatte er gesagt. Für Thomas, den um zwei Jahre Jüngeren stand von frühester Kindheit an fest, daß er in die Fußtapfen seiner Mutter und Großmutter treten würde.

Und ich würde die Hamburger »Trauerhilfe« mit ihren acht Filialen in Nord- und Westdeutschland und dazu den kleinen, von Mama gegründeten Lehrfriedhof in der Lüneburger Heide weiterführen.

Viel Persönliches hat meine Mutter nicht hinterlassen. Sie trieb keinen großen Aufwand mit sich selbst, kleidete sich schlicht und trug außer einer langen – wie sich später herausstellen sollte, sehr wertvollen – zweireihigen Perlenkette kaum je Schmuck. In unserer Wohnung in der Hamburger Heilwigstraße, in die ich nach meiner Scheidung zurückgekehrt war, gab es kaum etwas, das von einem ausgeprägten persönlichen Geschmack zeugte. Zeitlose Möbel, hellgrauer Teppichboden, Samtvorhänge. Es dauerte eine Weile, bis ich den Mut hatte, die Schränke in ihrem Schlafzimmer auszuräumen und danach in der Kirchengemeinde anzurufen, damit man mir jemanden vorbeischickte, die Sachen abzuholen.

Außer zwei nahezu identischen Silberfüchsen und einem großen alten Pappkarton habe ich dort nichts Bemerkenswertes gefunden. Mama war keine Sammlerin.

Der Karton enthielt eine verrostete Metallkassette ohne Schlüssel und zehn oder zwölf in Zeitungspapier eingewickelte Gegenstände, ein Stückchen Mauerwerk, eine angestoßene Tasse, ein halb verkohltes Buch von Hermann Löns – offenbar die kläglichen Überreste irgendeines Besitztums, traurige Andenken, die für mich keinen Sinn ergaben. Die Daten der Zeitungen deuteten auf Juni/Juli 1943 hin. Als ich die Kassette aus dem Karton hob, merkte ich, daß das Schloß zerbrochen war und sich der Deckel ohne Mühe abheben ließ. Ganz zuoberst lag eine Mappe mit Familienpapieren, also mit Geburts-, Heirats- und Todesurkunden, mit Erbscheinen, der Anwalts- und Notarszulassung und auch der Todeserklärung meines Vaters, dem Familienstammbuch meiner Eltern und zwei Ahnenpässen mit Hakenkreuz und Reichsadler. Mir fiel sogleich auf, daß die Eintragungen im Ahnenpaß meiner Mutter nicht der Wahrheit entsprachen. Dies überraschte mich kaum. Zwar hatte Mama nie viel über die Nazizeit reden mögen – »es waren doch wirklich nur zwölf Jahre in meinem langen Leben« –, doch habe ich mir das meiste aus Ludwigs Erzählungen zusammenreimen können.

Unter der Familienmappe lag ein blaues Schreibheft mit sorgfältig datierten, knappen Eintragungen in der Handschrift meiner Mutter, beginnend im Jahr 1923 und endend 1949, kurz nachdem sie im Alter von vierundfünfzig Jahren Ludwig Behringer geheiratet hatte. Viele dieser Eintragungen hatte sie wohl im Zustand großer Verwirrung oder zumindestens Unruhe und Nervosität gemacht. Normalerweise hatte Mama eine sehr gut leserliche, ausgeglichene Handschrift. Hier jedoch sprangen und hüpften die Worte, und zwischen den einzelnen Buchstaben klafften oft Lücken, als ob der Stift nicht weitergewollt hätte.

Noch weiter unten in der Kassette lag ein Hefter mit fünfundzwanzig eng beschriebenen Blättern in Sütterlinschrift, und ganz zuunterst befand sich ein dickes Kuvert, das die Aufschrift »Briefe an Friederike« trug. Mir schien, daß die Briefe und die Blätter von der gleichen Hand stammten, doch war ich mir nicht ganz sicher.

In den Osterferien fuhren meine beiden Söhne zu ihrem Vater nach Mailand. Ich hätte mitfahren können – seit der Scheidung vor zwölf Jahren hat sich unser Verhältnis laufend gebessert, und Vittorio scheint sich immer zu freuen, wenn er mich sieht –, doch wollte ich lieber allein sein, um mich mit der Vergangenheit meiner Mutter zu beschäftigen. So packte ich die Metallkassette ins Auto, übergab meinem Stellvertreter die Geschäfte, hoffte, daß während der nächsten vierzehn Tage niemand von meinen speziellen Listen das Zeitliche segnen würde, und fuhr nach Sylt.

Seit ich mit meiner Mutter zusammenarbeitete, war ich an einen festen, sehr disziplinierten Tagesablauf gewöhnt, den mochte ich auch in den Ferien nicht aufgeben. Ein langer Spaziergang am Morgen, nach dem Mittagessen drei Stunden Beschäftigung mit der Kassette, dann ein weiterer Spaziergang, und abends wieder die Kassette.

Schon nach wenigen Tagen hatte mich die Familiengeschichte, die sich hier nach und nach vor mir entfaltete, so fest im Griff, daß ich nachts davon träumte und tagsüber nicht mehr am Strand, sondern nur am Watt spazierengehen mochte, weil das unruhige Meer meine Konzentration störte.

Mama hat einmal behauptet, ich hätte die fatale Neigung, Tatsachen so lange mit Phantasie zu überkrusten, bis sie darunter überhaupt nicht mehr auszumachen seien. Das stimmt nicht. Tatsachen sind Tatsachen, und ich behalte die mich betreffenden immer im Auge. Wenn ein anderer Mensch sie etwa nicht wiederfinden kann, so dürfte es vor allem an seinem mangelhaften Umgang mit der Phantasie liegen.

ERSTER TEIL

Barbara nach Kathrine und

Wie der Tod des Alten

den Jungen zum Leben erweckte

Der Tod seines Großvaters, dessen langes Leben dem Enkel stets als eine besonders raffinierte Form göttlicher Bestrafung erschienen war, hatte die sorgsam präparierte Schutzschicht der jungen Seele durchstoßen wie ein schwerer Pflug, der gewaltsam den Acker aufreißt, um fremden Samen hineinzuzwingen.

Hatte er den Alten geliebt? Darum war es nie gegangen, weil zuviel Furcht und Zorn den Blick auf eine mögliche Liebe verstellt hatten, zuviel runtergeschluckte Tränen und zerbissene Lippen und So-tun-als-ob, zuviel Unvermeidbarkeit und das ständige Bewußtsein der eigenen Schwäche.

Und jetzt hatte sich dieser Unvermeidbare, der Herr über Glück und Unglück, über Geld und Gut, über Strafen und Belohnungen tatsächlich beugen müssen unter ein fremdes Joch. Hatte sich das Leben aus der Hand schlagen lassen müssen und dabei, zusammengekrümmt vor Wut, an diesem denkwürdigen Morgen im Juli des Jahres 1851 ein letztes, ein allerletztes Mal »Gott verdamm dich, Friedrich-Carl!« geschrien.

Warum hatte er einzig ihn mit einem finalen Wutausbruch bedacht? Ihn, seinen ältesten Enkel, der doch in stoischer Fügsamkeit immer bemüht gewesen war, dem Meer des Zornes, das offenbar in dem Großvater wütete, keinen Anlaß zum Überlaufen zu bieten? Waren da denn nicht genügend andere, die er mit weit größerer Berechtigung der Verdammnis hätte anempfehlen können?

Einmal, das war in den letzten Weihnachtsferien, hatte der Großvater ihn zu sich in sein Arbeitszimmer gerufen, ihn eine Weile schweigend betrachtet und ihm dann befohlen, sich auszuziehen.

»Die Jacke?«

»Alles. Hose, Hemd, Unterwäsche, Stiefel, Strümpfe.«

Friedrich-Carl fragte nicht, warum. Er machte sich in aufgesetzter Ruhe daran, ein Kleidungsstück nach dem anderen abzulegen. Ich bin gleichgültig, dachte er dabei, ich bin gehorsam, ich habe keine Gefühle, ich habe keine Würde, ich bin nicht verletzlich. Schließlich stand er nackt vor seinem Großvater. Der inspizierte den Enkel mit größter Genauigkeit.

»Hab gemeint, du hättst was zu verbergen«, sagte er schließlich. »Kann aber nichts finden. Wie alt bist du jetzt?«

»Sechzehn und zwei Monate.«

»Weißt schon, wie’s geht?«

»Ich hab den Tieren zugesehen.«

»Willst ein Mädchen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich brauch’s nicht.«

»Soso, der junge Herr braucht’s nicht. Tut’s wohl alleweil allein. Ist aber auch verboten. Macht dumm im Kopf und befleckt die Seele. Dann besser zu zweit. Eine mit Erfahrung, eine, die nicht gleich ein Brot in ihrem Ofen backt.«

»Kann ich mich wieder anziehen?«

»Gib mir die Gerte.«

Friedrich-Carl ging zu dem Gewehrschrank, an dessen Seitenfront die Reitgerten hingen. »Welche?«

»Kannst dir eine aussuchen.«

Er reichte dem Großvater die kurze dicke, die erfahrungsgemäß weniger schmerzte als die lange dünne, deren Schläge sich tiefer ins Fleisch schnitten.

»Dreh dich um.«

Und dann zischte es zweimal über sein nacktes Hinterteil. Friedrich-Carl verzog keine Miene. Ich bin gleichgültig, ich habe keine Würde, ich bin unverletzlich.

»Das ist fürs Alleinmachen. Und für die Heimlichtuerei. Kannst dich jetzt anziehen, bist kein schöner Anblick.«

Friedrich-Carl kleidete sich genauso langsam wieder an, wie er sich ausgezogen hatte.

»Kannst jetzt gehen.«

Der Enkelsohn verneigte sich kurz und sagte: »Ich danke Euch, Großvater.«

»Da haben wir’s wieder, du versteckst dich vor mir.«

»Ihr würdet mich allemal finden, Großvater, warum sollte ich mich da noch verstecken?«

»Für deine verschrobene Logik bin ich nicht zu haben. Eines Tages wirst du hier der Herr sein.«

»Ich weiß, Großvater.«

»Und? Wie gedenkst du das Regiment hier zu führen?«

»Nach Eurem Vorbild, Großvater.«

Darauf kniff der Alte die Augen zusammen und begann schwer zu atmen. Die überschwappende Wut ließ sein Gesicht in Sekundenschnelle glühend rot werden.

»Raus!« schrie er, »ich will dich nicht mehr sehen. Du Duckmäuser, du Versteckspieler, du gottverdammter Feigling.«

Seit heute morgen sechs Uhr dreißig schrie der Alte nicht mehr, verdammte nicht mehr, prügelte, beschämte, durchschaute und mutmaßte nicht mehr. Als Friedrich-Carl den Einspänner durch das Parktor lenkte, erlebte er ein Gefühl großer Befreiung. Der Braune trabte vom See hinauf zum Dorf, durch das Dorf hindurch ans hintere Ende, wo, deutlich unterschieden von den übrigen Behausungen, das kleine Anwesen der Magdalena Winkelmann gelegen war.

Gebbin war kein schönes Dorf. An langer, gerader Straße hockten die ärmlichen Katen. Eine knappe Gehstunde entfernt, unten am See, lag das Schloß, düster und auch nicht gerade prächtig. Ungefähr gleich weit entfernt von See und Dorf stand auf einem kleinen Hügel die schmucklose Backsteinkirche mit dem Friedhof drum herum. Man konnte sie von überall her gut sehen. Die beiden anderen Dörfer der Gutsherrschaft, Rahden und Badekow, lagen hinter dem Wald. Ursprünglich gehörten sie nicht zum Gebbiner Besitz, erst vor gut hundert Jahren hatte eine Caroline von Wedebrecht sie als Mitgift eingebracht.

Im Frühjahr und Herbst versank das Dorf Gebbin im Matsch, aber jetzt, an diesem leuchtend blauen Julitag, war ihm eine gewisse Schönheit nicht abzusprechen. Vor einigen Häusern blühten Levkojen und frühe Astern, der Köter von Gläsekamp, der Friedrich-Carls Wagen ankläffte, wirkte nicht mehr ganz so räudig und mager wie im Winter, und Gläsekamps Jüngste, die offenmundig am Straßenrand stand und den Grafensohn anstarrte, hatte endlich einmal keine Rotznase.

»Täuf doch mal, ick hev hüt nige Holtschoh an!« schrie sie hinter Friedrich-Carl her.

Der jedoch hörte und sah sie nicht. Er war tief in Gedanken versunken. Wäre der Alte während der Schulzeit gestorben, hätte man einen Boten nach Schwerin schicken müssen, um ihn zu holen, und er wäre erst gekommen, wenn die Bewohner bereits ihre dunklen Kleider angezogen hätten und Großvaters Porträt mit einem Trauerflor verhängt gewesen wäre.

Aber nein, es hat in den Sommerferien passieren müssen, ein ekelerregender Todeskampf, und Friedrich-Carl dazu verdonnert, neben dem Bett auszuharren, sich das Geschrei des Alten anzuhören und sich zu allem Überfluß auch noch für ihn zu schämen. Schmerzgeschrei, Wutgeschrei und bis in die letzte Stunde hinein dieses unwürdige geile Altmännergeschrei nach einem Weib im Bett. All das in Gegenwart von Mama und von Tante Maria und Elisabeth und Mamsell Grubinski und der Hausmädchen. »Holt mir Kathrines Tochter«, hatte der Alte geschrien, »legt sie zu mir, sie soll mich zwischen ihre Beine nehmen. Ich zahl ihr auch den doppelten Preis diesmal.«

Kathrines Tochter? Es gab viele Kathrinen in der Gegend, und manche hatten Töchter. Aber Töchter, die für Geld zu haben waren? Die Scham hatte dem Enkelsohn fast die Luft abgedrückt. Und es hatte so quälend lange gedauert bis zum letzten Seufzer, als dessen Begleitung endlich der vielstimmige Schlußakkord erklungen war: Röhrendes oder schniefendes Schluchzen beim Personal, Tante Marias trompetenhaftes Schneuzen, Elisabeths Schluckauf – die Kleine bekam immer einen Schluckauf, wenn sie sich aufregte – und Vaters Grunzen, mit dem er seinerseits einen Schluckauf unterdrückte. Und dann flüsterte Mama, über deren vom Weinen aufgequollenes Gesicht sich ein verzerrtes Lächeln, fast schon ein Grinsen gelegt hatte, ein resigniertes: »Ach ja, da ist er nun hin.«

Die Stille danach dauerte nur wenige Sekunden. Dann räusperte sich Tante Maria und sagte: »Das war’s dann also. Christian, du begibst dich jetzt besser zu Bett. Kaline und Jette räumen das Zimmer auf und lüften, es stinkt hier ja zum Erbarmen. Mamsell Grubinski überprüft die Vorräte für den Leichenschmaus, Ludwig putzt die Gläser, das wird er trotz seiner Hinfälligkeit wohl noch schaffen. Die Kinder gehen in ihre Zimmer, waschen sich die Hände und lernen den Psalm einundneunzig auswendig. Reimers spannt den Braunen an und fährt zur Toten-Lena, Friedrich-Carl hält die Totenwache, und ich will ihn dabei laut beten hören.«

Ihr Blick schweifte über die Anwesenden und blieb hängen an der schmalen, gebeugten Gestalt von Friedrich-Carls Mutter: »Und Clara zieht sich ihr Trauerkleid an.«

Clara zuckte zusammen. Das verzerrte Lächeln schwand aus ihrem Gesicht, sie richtete sich auf, sah hilfesuchend zu ihrem Sohn hin und sagte plötzlich laut und vernehmlich: »Nein.«

»Nein was? Nein wieso?« bellte Tante Maria.

»Reimers fährt nicht zur Toten-Lena, Friedrich-Carl hält nicht die Totenwache, ich ziehe mich noch nicht um, die Mädchen räumen noch nicht auf.«

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Weil …« Schon erlahmte der ungewohnte Widerstand, ihre Stimme wurde leiser, ihre Haltung verlor die Spannkraft, doch brachte sie tapfer ihre Gegenrede zu Ende: »Weil Friedrich-Carl zur Toten-Lena fährt – er braucht jetzt dringend frische Luft. Weil Reimers Mamsell Grubinski zur Hand gehen muß und weil ich jetzt … gerne … weil ich jetzt für eine Weile mit meinem Schwiegervater allein sein will.« Die letzten Worte waren kaum noch zu hören.

Friedrich-Carl fühlte das dringende Bedürfnis, der Mutter beizuspringen und flüsterte: »Laß gut sein, Mutter, er ist tot!«

Seiner Großtante, der eigentlichen Herrin auf Schloß Gebbin, schien Claras Initiative die Sprache verschlagen zu haben. Sie zuckte die Schultern, wandte sich ab und stampfte zur Tür hinaus, gefolgt von Christian, den Kindern und dem Personal. Friedrich-Carl ging als letzter. In der Tür drehte er sich um zu seiner Mutter, die jetzt neben dem Totenbett kniete.

»Mutter …?«

»Er hat mein Leben bestimmt, seinetwegen bin ich nach Gebbin gekommen. Dein Vater war immer ein Nichts im Vergleich zu ihm. Geh jetzt, mein Junge. Hol uns die Lena. Dies ist die letzte Stunde, da dein Großvater noch sich selber gehört. Danach wird er sich Lenas Händen fügen müssen.«

»Wir können ihn doch auch ohne die Totenfrau herrichten«, flüsterte Friedrich-Carl.

»Nein, das können wir nicht. Sein Ächzen und Stöhnen und Wüten und Fluchen verzerrt noch sein Gesicht, es hängt ihm in den Mundwinkeln. Ich will nicht, daß er sich in der Kirche der Nachwelt präsentiert mit einem Fluch auf den Lippen, zumal mit einem Fluch gegen meinen ältesten Sohn.«

»Mutter?«

»Was gibt es denn noch?«

»Hast du ihn denn geliebt?«

»Nun geh schon, laß uns endlich allein.«

»Und was ist mit dem Pastor?«

»Ja, zu dem fährst du auch. Und redest mit ihm.«

»Was soll ich denn mit ihm reden?«

Darauf erhielt er keine Antwort. Seine Mutter hatte ihre gefalteten Hände auf das Totenbett gelegt und die Stirn auf die Hände gebettet.

Vor Magdalena Winkelmanns Kate stieg Friedrich vom Wagen und band den langen Zügel um den Pfosten an der Gartentür. Nur Lenas Garten hatte einen richtigen Zaun aus hölzernen Latten und ein festes Tor. Das hatte ihr Mann Franz gemacht, der während seiner neunjährigen Ehe mit Lena viel Mut und Kraft darauf verwandt hatte, ihr Leben und das des Kindes Barbara abzusichern, soweit dies möglich war.

Außer seinen Ersparnissen von einunddreißig Talern Kurant, ein paar einfachen Möbeln, Kleidern auf Vorrat, zwei Ballen Stoff und der sicheren Handhabung von Alphabet und hochdeutscher Sprache hatte er Frau und Tochter vor allem diesen Zaun hinterlassen.

»Das Alphabet und die Herrschaftssprache macht euch zu etwas Besserem«, hatte er gesagt, »und den Zaun baue ich, damit dieses Bessere gut behütet wird.«

Magdalena Winkelmann betrieb im Kirchspiel und weit drüber hinaus den Beruf einer Totenwäscherin und -kleidnerin. Ihre Dienste waren sogar in der nahen Kreisstadt sehr begehrt, weil sie’s verstand, die Toten schöner zu machen, als sie im Leben je waren. Sie konnte den weiland Grimmigen ein sanftes Lächeln verpassen, die frühzeitig Vertrockneten mit später Blüte schmücken und sogar den Häßlichen ein wenig Anmut schenken, dies alles so überzeugend, daß sich die Hinterbliebenen fragten, warum sie es nicht schon immer wahrgenommen hätten.

Friedrich-Carl, den quadratischen Schädel voller halber Gedanken, das Herz beladen mit unnennbaren Gefühlen, öffnete das Gartentor und ging den schmalen Weg zwischen üppig blühenden Lavendelsträuchern entlang zur Haustür. Er hatte noch nie ein Wort mit der Toten-Lena gewechselt, doch war sie ihm von Angesicht vertraut, solange er denken konnte, und sie hatte in seinem Phantasieleben stets einen großen Raum eingenommen. Dies nicht nur, weil man von ihr sagte, sie unterhalte eine innige Beziehung mit dem Tod, sondern auch, weil Lenas prachtvolle Lebendigkeit ihn schon als kleinen Jungen verwirrt hatte. Bereits im Alter von fünf, sechs Jahren hatte sich seine ungezügelte Knabenphantasie der Person der Toten-Lena bemächtigt. Wohl beschützt durch ihre kräftigen, warmen Arme, war er sogar gegen den klapprigen Sensenmann, den ein Bild in Vaters Bibliothek darstellte, zu Felde gezogen, und er hatte sich unter Lenas Röcke geträumt, wenn er beim Lernen versagte, wenn die Mutter nicht zu finden war, die Tante ihm die Süßspeisen entzog und der Vater ihn überhaupt nicht zu kennen schien. Und vor allem, wenn ihn der Großvater wieder und wieder in brutaler Selbstgerechtigkeit nach dem eigenen Bild zurechtzustutzen suchte.

Nun also betätigte Friedrich-Carl zum ersten Mal den Klopfer an Lenas Tür. Zwar war der Jüngling abgesichert durch seinen offiziellen Auftrag, doch zitterte er innerlich vor Sorge, daß ihm die Toten-Lena seinen heimlichen Umgang mit ihrer Phantasiegestalt anmerken könnte. Denn sie hatte ja offenbar – so ging jedenfalls die Rede im Dorf – Zutritt zu verborgenen Regionen und sah Dinge, die andere nicht sehen konnten.

Als auf sein Klopfen hin keine Antwort erfolgte, drückte er zögernd die Klinke herunter, die Tür gab nach.

Der Innenraum war kühl und duftete stark nach Lavendel. Rechts die Küche, links ein Zimmer, dazwischen ein schmaler kurzer Flur, der in einer offenen Tür zum Hintergarten endete. Friedrich-Carl räusperte sich und stapfte dann mit betont lauten Schritten durch die fremde Kate.

Im gleißenden Sonnenlicht stehend, betrachtete er das kleine Anwesen. Ein paar Obstbäume, ein Gemüsegarten, seitlich der Stall, ein Misthaufen, ein paar Schweine, jenseits des Zaunes das Feld mit Rüben und Kartoffeln, dahinter die Weide, kaum groß genug für zwei Kühe.

Schon wollte Friedrich-Carl laut nach Magdalena Winkelmann rufen, da entdeckte er an einem Brunnen, der mit Jelängerjelieber umrankt war, ein Mädchen, wohl noch ein Kind. Auf dem Brunnenrand stand eine Schüssel mit Wasser, daneben lag ein Tuch. Das Mädchen hatte seinen Kopf in die Wasserschüssel gesteckt und rieb und knetete mit wütender Energie sein Haar, so als müsse es den Dreck von Jahrhunderten hinauszwingen. Der Saum seines weiten Rockes war hoch genommen und ins Taillenband gesteckt, die von der Schulter gezogene Bluse baumelte um die Hüften.

Nun erst recht hätte sich der Eindringling bemerkbar machen sollen, doch brachte er keinen Ton heraus. Der bloße Rücken des Mädchens war lang und mager, jeden einzelnen Wirbel konnte man sehen, und die eckigen Schultern schienen nur aus Haut und Knochen zu bestehen.

Die Kleine zog den Kopf aus der Schüssel, richtete sich auf und warf mit einem ungeduldigen Ruck die dunklen Haare zurück. Ein paar Strähnen blieben ihr vor dem Gesicht hängen, Wasser tropfte auf ihren bloßen Oberkörper, wo sich bereits in merkwürdigem Gegensatz zu der sonstigen Magerkeit kleine runde Brüste gebildet hatten. Mit geschlossenen Augen tastete sie nach dem Tuch, konnte es nicht finden, verharrte dann in angespannter Aufmerksamkeit, so als habe sie etwas gehört oder gefragt und warte nun auf die Antwort, blinzelte schließlich und öffnete die Augen.

Und da sah sie Friedrich-Carl.

Sie schrie nicht, sie bedeckte sich auch nicht, sie erstarrte mitten in der Bewegung und schien genauso unfähig zu sein wie er, dem Geschehen eine vernünftige Wendung zu geben.

Dumpf und schwer vor unbegreiflicher Sehnsucht, stand der Sechzehnjährige da und sah das Mädchen an. Plötzlich drängten all die Tränen, die im Sterbezimmer nicht hatten fließen wollen, in ihm hoch, er schluckte dagegen an, wollte sich nicht blöd machen und hätte doch so gerne endlich losgeheult.

Laut knarrend öffnete sich die Stalltür, ein ärgerlicher Ruf ertönte: »Barbara …!«

Magdalena stapfte über den Hof. »Nichts hat sie geschafft, die Kuh nicht gemolken, die Rüben nicht gehackt, die Möhren nicht gebündelt. Statt dessen läßt sie sich beim Haarwaschen beglotzen!«

Zwei kräftige Ohrfeigen, Barbaras Kopf flog hin und her. Als Magdalena nun auch noch nach einem Stock griff, der neben dem Brunnen lehnte – »dir gehört der bloße Rücken versohlt!« –, kam endlich Leben in Friedrich-Carl.

»Er ist tot«, schrie er, »der Großvater ist tot.«

Lena ließ den Stock fallen und wendete sich ihm zu.

»Wurde ja auch Zeit«, sagte sie, »hat länger durchgehalten als die meisten. Steht der Einspänner vor dem Tor?«

Friedrich-Carl nickte.

»Dann werd ich mich jetzt umkleiden und meine Sachen packen. Und der junge Herr wartet derweil draußen auf mich und läßt sich hier nicht wieder blicken, jedenfalls nicht, bevor er mir den nächsten Toten zu vermelden hat. Da kann einer hundertmal vom Schloß sein, dies hier ist mein Eigenes. Hier wird nicht herumgetrampelt und wird nicht geglotzt. Weil ich eine Freie bin und keine von den gräflichen Häuslern.«

Sie schob Friedrich-Carl zur Seite und ging ins Haus, ohne dem Mädchen weitere Beachtung zu schenken. Auf ihrem Gesicht, das zuvor noch von Zorn verzerrt gewesen war, lag jetzt der Ausdruck großer Geschäftigkeit und freudiger Erwartung.

Inzwischen hatte Barbara ihre Bluse hochgezogen und war dabei, die Knöpfe zu schließen.

»Schlägt sie dich oft?« fragte Friedrich-Carl.

Barbaras Blick huschte über seine Gestalt, von den Füßen bis zum Kopf, landete dann kurz in seinen Augen.

»Jaja«, sagte sie.

»Das sollte sie nicht tun.«

»Hab ich’s aber doch verdient«, sagte Barbara, wickelte sich das Handtuch um die Haare, wandte sich ab und ging mit langsamen Schritten hinüber zum Rübenfeld.

Neben dem Einspänner wartete Friedrich auf die Totenfrau. Nun liefen ihm doch die Tränen übers Gesicht. Da er vergessen hatte, ein Schnupftuch einzustecken, nahm er die schwarze Halsbinde ab, um sich die Augen zu trocknen.

Nach einer Weile, die Friedrich endlos erschien, trat Magdalena aus dem Haus. Sie sah jetzt sehr verändert aus. Die hellblonden Haare, die zuvor unordentlich herunterhingen, hatte sie in zwei festen Zöpfen um den Kopf gelegt, sie trug Schuhe und Strümpfe und ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid, das fast elegant aussah, jedenfalls eleganter als das gute Schwarze von Friedrich-Carls Mutter. Als sie auf den Kutschbock stieg und sich neben den jungen Mann setzte, sagte sie: »Ich hoffe, man hat ihn nicht angerührt.«

Friedrich-Carl erschrak. »Wen?« fragte er.

»Den Toten, wen denn sonst? Ich arbeite nicht gut, wenn schon jemand versucht hat, etwas am Gesicht der Leiche zu verändern.«

»Ich weiß nicht. Nein, wohl nicht. Mutter ist bei ihm. Sie hat gesagt, daß dies die letzte Stunde ist, da der Großvater sich selbst gehört.«

»Soso, hat sie das gesagt. Und wie ist er gestorben?«

»Zornig.«

Magdalena nickte. »Es heißt, er sei immer zornig gewesen, seit seine junge Frau die zweite Geburt nicht überstanden hat. Und das war vor bald fünfzig Jahren. Eingetrocknet ist er dabei leider nicht, ganz im Gegenteil. Weiß es der Pastor schon?«

»Noch nicht. Ich soll ihm Mitteilung machen, jetzt auf dem Heimweg.«

Sie fuhren durch das Dorf. Die Leute, denen sie begegneten, sahen hinter ihnen her und begriffen. »Muß wohl der alte Graf sein, Rudolph von Siggelow, der Weibergraf, war ja schon über achtzig. Und was wird jetzt?«

Immer noch konnte Friedrich-Carl seinen Tränenfluß nicht beherrschen. Als er vor dem Pastorat anhielt und abstieg, sagte Lena: »Was heult denn der junge Graf? Ist doch jetzt ein Stück hochgerückt auf der Leiter der Gutsherrschaft, ist fast schon ganz oben. Nur noch ein einziger muß abtreten, und der macht’s dem Tod leicht, hat sich dem Branntwein verschrieben. Der zornige Alte jedoch, der hat’s voll ausgelebt! Also sollt der junge Herr nicht heulen.«

»Er war mein Großvater«, sagte Friedrich-Carl.

»Er war ein harter Mann«, sagte Lena.

Der Besuch beim Pastor war schnell erledigt. Friedrich machte seine Sache gut, erklärte mit kargen Worten, war ernst und würdig. Danach mußte er nicht mehr heulen.

Als er wieder neben Lena saß, sagte sie: »Nicht nur hart, er stand auch in schlechtem Ruf wegen seiner Weibersucht. Die Männer hier konnten ihre Frauen nicht in Frieden haben und mußten vor ihm die Töchter verstecken. Jetzt wird’s gewiß besser werden. Der neue Herr ersäuft seinen Drang im Alkohol. Damit kann man umgehen.«

»Ja«, sagte Friedrich-Carl und ihm fiel ein, daß ihre Mutter Kathrine geheißen hatte.

»Fragt sich, was der junge Herr machen wird, wenn’s den überkommt.«

Sie blickte ihn von der Seite an. Friedrich-Carl errötete und starrte auf den Rücken des Braunen. Lena ordnete ihre Röcke, richtete sich gerade auf und drückte die Schultern zurück.

»Der wird sich beherrschen müssen«, sagte sie.

»Ich bin nicht wie mein Großvater«, sagte Friedrich-Carl.

Lena nickte. »Und die Mutter hat geweint und ist bald mitgestorben?«

»Ja«, sagte Friedrich-Carl.

»Gute Frau. War doch nicht ihr Vater, nur der Schwieger. Hätt Besseres verdient.«

Danach schwieg Lena, um erst in der Allee, kurz vorm Schloß, erneut den Mund aufzutun.

»Und meine Tochter Barbara, die wäscht sich alle paar Tage die Haare. Nur daß man nicht denkt, es wär was Besonderes gewesen vorhin, die ist ja noch ein Kind, seit drei Jahren vaterlos. Dazu nicht ganz gescheit. Sie weiß nicht, was sie tut, und sie weiß auch nicht, warum.«

»Ja«, sagte Friedrich-Carl.

»Verbringt viel Zeit in der Kirche, schrubbt dort den Boden, poliert die Bänke, stellt Blumen vor das Bethlehem-Bild. Aber die Rüben auf unserem Feld, die hackt sie nicht, und unser Garten müßt gänzlich verwildern, wenn ich mich nicht drum kümmern täte.«

»Ja«, sagte Friedrich-Carl.

»Und maulfaul ist sie obendrein, fast so wie dieser junge Herr.«

»Ja«, sagte der junge Herr. Ihm schien es gleichgültig, was Barbara für ihre Mutter war, wozu sie sich die Haare wusch und warum sie lieber die Kirche statt Magdalenas Garten pflegte. Ihr Anblick hatte sich in ihm festgebissen.

»Und wozu seufzt der junge Herr?« fragte Magdalena.

»Ich hab nicht geseufzt, nur tief geatmet«, wehrte sich Friedrich-Carl und fügte dann patzig hinzu: »Und deine Tochter interessiert mich nicht, ist ja noch ein Kind.«

»Dann ist es ja gut«, sagte Magdalena.

Verstohlen betrachtete der junge Mann sie von der Seite. Er sah die Falten neben den Mundwinkeln, sah die trockene Haut an den Jochbögen, den welken Hals. Jung ist sie wohl doch nicht mehr, dachte er, wenngleich sie immer noch rosige Wangen und überaus klare blaue Augen hat. Und daß ihre Mutter Kathrine hieß, dafür kann sie nichts.

»Muß man nun auch mich beglotzen«, sagte Lena unwillig.

»Ich suche nur nach einer Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter.«

»Die find man nicht. Alles, was sie hat, hat sie vom Vater. Und diesen jungen Herrn geht’s sowieso nichts an. Der soll sich kümmern um seine eigenen Ähnlichkeiten und soll sich nicht um meine Tochter scheren. Hat keinen Vater mehr, das Kind, muß also ich es züchtigen und zurechtbiegen für zwei. Und bei Gott, das will ich tun!«

Lena schwieg einen Moment, dann drückte sie erneut die Schultern zurück, reckte den Hals und konzentrierte sich auf ihre bevorstehende Arbeit.

»Wie will man ihn haben, den Alten? Meist bevorzugen die Hinterbliebenen ein Lächeln.«

»Bestimmt nicht!« sagte Friedrich-Carl.

»Da hat der junge Herr wohl recht«, überlegte Lena, »lächeln war seine Sache nicht, eher laut lachen, will sagen brüllen vor Lachen, und das klang dann nie froh. Kaum möglich, dies in ein Totengesicht zu schreiben. Was im Leben brüllendes Lachen war, könnt im Tod leicht aussehen wie Wutgeschrei.«

»Er hat aber sehr oft geschrien vor Wut«, sagte Friedrich-Carl.

»Dann hat er wohl Grund dafür gehabt. Also, wie nun, wie soll ich ihn bereiten? Der junge Herr darf Wünsche äußern. Und möchte dabei wohl nicht vergessen, daß auch er einmal ein Alter wird.«

»Gewiß nicht, ich werd vorher abtreten.«

»Ah, gut. Mir soll’s recht sein. Denn mit den Jungen beschäftige ich mich besonders gern. Dabei versuche ich, alles, was sie noch nicht erfahren haben, in ihr Gesicht hineinzulegen. Eine schöne Aufgabe, die viel ernste Zuwendung erfordert.«

Magdalena wendete sich dem Jüngling zu und fuhr ihm unverhofft mit beiden Händen über das Gesicht, nicht etwa zärtlich, sondern wie eine erfahrene Materialprüferin. »Hm, hm«, machte sie, »das scheint mir fürwahr noch recht leer zu sein, wird viele Stunden Arbeit kosten. Aber möglich ist es. Und was sind schon ein paar Stunden, gemessen an den vielen verpaßten Jahren.«

Ärgerlich stieß Friedrich-Carl ihre Hände zur Seite. »Hab ich etwa gesagt, daß ich sogleich sterben will? Jetzt, da der Alte tot ist, wird erst einmal kräftig gelebt, aus dem vollen, ohne seinen bösen Blick. Darum kannst du mit ihm machen, was immer du willst, laß ihn lächeln oder lachen oder schreien vor Schmerz und Wut. Er kann sich ja nicht mehr wehren, und darum ist es mir einerlei.«

Lena nickte. »Gar so maulfaul scheint der junge Herr doch nicht zu sein, macht Worte, wenn man ihn dazu treibt, läßt vielleicht sogar Taten draus werden.«

Da wurde Friedrich-Carl plötzlich ganz leicht ums Herz. Dem Großvater hatte der Tod das Befehlen verschlagen, und die Totenfrau neben ihm schreckte ihn nicht mehr. Sogar mit dem Tod selbst konnte man zurechtkommen, man mußte nur versuchen, ihn klein zu machen.

»Da sind wir«, sagte Friedrich-Carl.

»Das seh ich«, sagte Magdalena.

»Warst schon mal drinnen im Schloß?«

»Als Kind einmal, mit meiner Mutter. Ich denk nie mehr dran.«

»Deiner Mutter? Hieß deine Mutter Kathrine?«

»Allerdings. Kathrine Brodersen.«

»Und nur ein einziges Mal bist du hier gewesen? Und nachher nie wieder?«

»Doch vor zehn Jahren. Da hat der alte Graf nach mir geschickt, angeblich wegen dem Diener Ludwig. Der wird gewiß eine schöne Leich, hab ich mir gedacht, hat einen guten Kopf, dem werd ich eine Miene geben, als wäre er nicht sein Leben lang ein Bediener gewesen, sondern einer, der sich bedienen läßt. Na, und dann war’s überhaupt keine schöne Leich, sondern nur ein geiler alter Bock. Der Herr Graf persönlich wollt sich schadlos halten an der Totenfrau. Ich wußt ja, in welch schlechtem Ruf er stand und daß er ein fürchterliches Genie mit den Mädchen war, aber daß er dafür seinen Diener würde sterben lassen, nur um mich in sein Zimmer zu kriegen, das hat mich doch überrascht.«

»Der alte Ludwig lebt immer noch«, murmelte Friedrich-Carl.

»Und der alte Graf ist tot. Das nenn ich ausgleichende Gerechtigkeit.«

»Hast du …, ich meine, bist du denn damals …« Friedrich-Carl räusperte sich und bekam schon wieder einen roten Kopf.

»Ob ich ihm zu Willen gewesen bin?« Erneut wandte Lena sich dem Jüngling zu. In ihren Augen blitzte es, halb zornig, halb ironisch.

Sie ist zwar alt, dachte Friedrich-Carl, aber Kraft und Eifer hat sie wie zehn Junge.

»Der kleine Herr wird noch viel an sich erleben müssen, bevor er seinem Großvater das Wasser reichen kann. Gut möglich, daß er es niemals schafft. Aber keine Sorge, solange er sich mir im Tod anvertraut, werd ich ihm zu größter Manneskraft verhelfen. Er hat ja einen guten Knochenbau, breite Schultern, einen festen Nacken, angenehme Augen und einen vollen Mund. Wenn er nicht zu lange wartet mit dem Sterben, könnt ich aus ihm vielleicht gar mehr herausholen als aus dem Alten.«

Ihre Worte fuhren Friedrich-Carl direkt in die Hose. Er schluckte und sagte dann frech: »Warum muß denn dafür erst gestorben werden? Ich hätt nichts dagegen, wenn du mir jetzt schon zur Manneskraft verhilfst.«

Seufzend entgegnete Lena: »Und ich hätt nichts dagegen, wenn im Kopf dieses jungen Herrn neben den ewigen Gelüsten auch noch Raum wäre für ein wenig Anstand und Vernunft.«

Mit diesen Worten ergriff sie ihre Tasche und sprang vom Wagen, wobei sie zuerst ein wenig hochhüpfte, ganz so, als wäre ihr ohne einen kleinen willkürlichen Zusatz der Weg vom Kutschbock zum Hofplatz zu kurz. Die schwarzen Röcke flatterten. Doch dann erinnerte sie sich ihrer Aufgabe, richtete sich hoch auf, versteifte ihr Rückgrat und ging mit kurzen, hölzernen Schritten auf das Tor des Trauerhauses zu.

Friedrich-Carl übergab Reimers den Einspänner. In seines Vaters Bibliothek warf er dem gemalten Sensenmann einen höhnischen Blick zu, spuckte sogar kurz vor ihm aus, setzte sich schließlich breitbeinig in den abgescheuerten Lederfauteuil und goß sich einen großen Cognac ein.

Das Hausmädchen Kaline, dreiundzwanzig Jahre alt, kurzhalsig und breithüftig, kam herein. In der einen Hand hielt sie den Staubwedel, in der anderen einen Wischlappen.

»O min Gott, de jonge Herr!« sagte sie erschrocken.

»Wo ist mein Vater?«

»In sin Bett, hei slöpt sin Kummer ut.«

»Und Mutter?«

»Bi den ollen Herrn, nicht mehr allein, nu mit de Toten-Lena.«

»Und was willst du hier?«

»Ick mut putzen.«

»Komm her zu mir. Aber mach erst die Tür zu. Na komm schon«, sagte er, »schlaf nicht im Stehen ein.«

Grob drückte er ihr die Knie auseinander und zerrte sie auf seinen Schoß. Eine Notwendigkeit war es, was er da mit ihr trieb, wenn auch gewiß keine Wohltat. In lahmer Trauer starrte das Mädchen vor sich hin. Sie überließ ihm alle Arbeit und hielt sich weiterhin an Wischlappen und Staubwedel fest, während er sich keuchend abmühte. Als er es schließlich vollbracht hatte, sie dann von ihm herunterstieg und den Rock schüttelte, fragte sie: »Wenn de jonge Herr nu ümmers son Jieper hat, schall ick denn over Nacht in sin Bett kumm? Dann künnt wi so richtig en afperren, nich so wat wie hier in Graf Christians ollen Stool.«

»O Gott nein«, stöhnte Friedrich-Carl.

»Aber de jonge Herr mut noch wat lernen. Dat erste Mol is nie sehr gut. Und ick kann em wat wiesen.«

»Wer sagt dir denn, daß es das erste Mal war?«

Da warf sie ihm einen offenen Blick zu, und er sah, daß ihre Augen zwar merkwürdig schief standen, daß sie jedoch wasserblau waren und einen dunklen Rand um die Iris hatten.

»Wat nu aber tid, dat ick putzen tu«, sagte sie.

Friedrich-Carl stand auf und versorgte seine Kleidung. Im Hinausgehen strich er ihr nachlässig übers Haar, so wie sein Großvater die Dogge Rex zu streicheln pflegte, wenn sie sich wärmend auf seinen Füßen niedergelassen hatte.

Später haben die Leute, die Abschied nehmend an dem alten Grafen Siggelow-Gebbin in der Gebbiner Kirche vorbeigezogen sind, sehr unterschiedliche Dinge geredet. Er habe eine Miene gehabt wie ein lüsterner Liebhaber, wie ein wutschnaubender Verlierer, wie ein donnernder Landvogt. Seinem Enkel Friedrich-Carl jedoch ist er vor allem erschienen als einer, vor dem man sich nicht mehr zu fürchten brauchte, dessen Augen nicht mehr sahen, dessen Hände nicht mehr straften, dessen Verdikt nicht mehr verdammen konnte. Und während der Jüngling gemeinsam mit seinem inzwischen ausgenüchterten Vater die Beileidsbekundungen der Gebbiner, Rahdener und Badekower und der Herren der umliegenden Güter entgegennahm, war sein Atem schwer gegangen von dem Gefühl großer Erleichterung, das sich bald steigerte zu Dankbarkeit, vielleicht sogar zu einer verspäteten Liebe. Jedenfalls hatte ihn dieser Tod plötzlich doch geschmerzt, kein häßlicher, schreiender Schmerz, sondern eher eine tränenfeuchte Sentimentalität wie bei der Lektüre eines traurigen Romans.

Einmal war er sogar in heftiges Schluchzen ausgebrochen, als er nämlich durch den Tränenschleier hindurch plötzlich statt des Großvaters die junge Barbara Winkelmann im Sarg liegen sah, ihre Bluse bis zur Taille hinuntergezogen, die nassen gekringelten Haare wie kleine Schlangen auf der bloßen Brust. Graf Christian hatte seinem Sohn den Ellbogen in die Rippen gestoßen und gezischt: »Was soll das Theater, nimm dich zusammen.«

Während des gesamten Trauergottesdienstes und auch später auf dem Weg zum Grab hielt sich die Leichenkleidnerin Magdalena Winkelmann wie eine enge Verwandte in nächster Nähe des Sarges. Niemand machte ihr den Platz streitig. Denn diese kurze Spanne zwischen Sterben und Vergehen, wenn ein letztes Mal das Tageslicht auf den Toten fällt, war Magdalenas ureigene Zeit, und die Menschen wußten, daß sie jetzt über besondere Kräfte verfügte.

Sie sah dem Jüngling in die Augen, und was sie dort erblickte, gefiel ihr gar nicht. Der junge Siggelow-Gebbin maßte sich offenbar an, in die Fußstapfen des Großvaters zu treten. Da hatte der Alte in seinem eifersüchtigen Kampf gegen das nachfolgende Leben den Jungen noch so sehr demütigen und prügeln können, die Säfte seiner Jugend waren durch den erzwungenen Rückstau nur um so stärker ins Gären geraten.

Friedrich-Carl von Siggelow-Gebbin, ein unausgegorener, klotziger Jüngling mit breiter Stirn und dem eckigen Siggelowschen Kinn, schon jetzt groß und schwer, würde seinen Vater gewiß bald um Haupteslänge überragen. Kein Kluger, dachte Magdalena, kein Raffinierter. Eher ein Träumer mit gefährlich schwankenden Stimmungen, einer, dem eine starke Mutter gutgetan hätte oder ein verständiger Vater oder wenigstens eine zuverlässig wärmende Kinderfrau. Nichts davon war ihm beschieden gewesen, nur ein eifersüchtig prügelnder Großvater und ein ererbter Titel und das dazugehörige Klassenbewußtsein, das so hohl und leer war wie die Kassen des gräflichen Gutes.

Und nun hatte dieser Jüngling offenbar ein Auge auf Magdalenas einzige Tochter geworfen, hatte dieses magere Ding mit dem langen Hals und den knochigen Schultern für seine Phantasie vereinnahmt. Magdalena wußte, warum, hatte jedoch bislang angenommen, daß es noch niemandem außer ihr selbst möglich gewesen sei, in Barbaras schmächtiger Erscheinung das Versprechen späterer Schönheit zu sehen. Wenn der junge gräfliche Tölpel da tatsächlich etwas vor der Zeit begriffen hatte, dann würde über kurz oder lang der Riegel an der Haustür und der stabile hölzerne Zaun des Franz Winkelmann nicht mehr ausreichen, um »das Bessere« zu beschützen. Vor allem dann nicht, wenn die Tür heimlich von innen geöffnet würde.

Denn Magdalena hatte sehr wohl bemerkt, daß Friedrich-Carl sich des Anblicks ihrer halbnackten Tochter keineswegs gegen deren Widerstand bemächtigt hatte. Es wäre für die Kleine doch ein Gebot des Anstands gewesen, sich abzukehren, fortzulaufen oder sich wenigstens sofort zu bedecken. Aber nein, Barbara hatte stillgehalten und sich ihm willig präsentiert wie eine läufige Hündin.

Magdalena erschrak über den häßlichen Vergleich, den abzumildern und zu korrigieren ihr jedoch nicht gelang. Was also war zu tun? Man würde Barbara fortschaffen müssen, dem jungen Herrn aus Augen und Sinn. Weit fort. Der Gedanke daran machte Magdalena schon jetzt elend. Sie versuchte sich abzulenken durch praktische Erwägungen.

In Parchim gab es einen Tuchhändler, Hermann Wotersen, der hatte ihr einst das Versprechen seiner Freundschaft gegeben. Mit ihm könnte sie sich beraten. Gewiß wußte er irgendwo eine Familie, die Barbara eine Zeitlang aufnehmen würde, möglichst weit entfernt. Ein Wollweber vielleicht, einer in Schlesien. Die nagten zwar alle am Hungertuch, aber Magdalena war bereit, notfalls ein kleines Zugeld zu entrichten und dafür ihre eiserne Reserve anzutasten. »Alles für unser liebes Kind«, hatte Franz immer wieder gesagt, und um so unähnlicher das liebe Kind ihm selbst und Magdalena wurde, desto nachdrücklicher hatte er das verbindende »unser« betont. »Alles für das Beste unserer Tochter.«

Und Magdalenas Bestes? Sie würde einsam sein ohne das Kind im Haus, sie würde dem Alter, das sich bislang nicht an sie herangetraut hatte, die Hand reichen müssen. Sie würde schlußendlich aus eigenem Willen die Balance zerstören und sich mehr und mehr dem Tod zuwenden. Aber sie würde nicht erlauben, daß die Zukunft ihres Traumkindes in einer aussichtslosen Liebesgeschichte hängenbleiben würde.

Wie Barbara in den Ruf kam,

nicht ganz gescheit zu sein

Magdalena war im Frühjahr 1811 als uneheliches Kind der Kathrine Possehl und des Häusler-Sohnes Johannes Brodersen geboren worden. Beide Familien hatten seit Generationen in Gebbin gelebt, dem Vernehmen nach in ferner Vergangenheit als Kleinbauern, bis das große Bauernlegen begonnen hatte und die Leibeigenschaft gesetzlich fixiert worden war.

Magdalenas voreheliche Geburt war nicht etwa eine Folge unsoliden Lebenswandels ihrer Eltern, sondern lag an der gräflichen Verweigerung des Ehekonsenses und an dem Entschluß des jungen, in Trauer um seine Gattin verbitterten Grafen Rudolph, die Häuslerstelle der alten Brodersens nach deren Tod nicht wieder neu zu besetzen. Er wollte sich so die Verpflichtung für eine Familie vom Halse schaffen, die seit Generationen für die Gutsherrschaft gearbeitet und gesetzlichen Anspruch auf Versorgung hatte. Früher hatte es immer geheißen: Je mehr Kinder, je mehr fleißige Hände in der Wirtschaft. Heute hieß es nur noch: Je mehr Kinder, je mehr Mäuler zu stopfen.

Ein reiches Gut ist Gebbin nie gewesen, doch hatte es immerhin die Gutsherrschaft wie auch die Familien der fast hundert Häusler, Pächter und einiger Händler und Handwerker ernährt. Und mehrmals war es den Siggelower Junggrafen, die meist von angenehmem Äußeren waren und kräftig und gesund, auch gelungen, sich eine gute Mitgift zu erheiraten. Das allerdings hatte Graf Rudolph, zum Zorn seines Vaters und zum ungläubigen schadenfrohen Gelächter eines Großteils der Mecklenburger Ritterschaft, nicht getan. Statt dessen war er auf die schönen Augen der kaum siebzehn Jahre alten Sophia von Vornow hereingefallen, Ludwigsluster Kleinadel ohne nennenswerte Mitgift. Noch bevor seinem Vater die drohende Mesalliance aufgegangen war, hatte der zwanzigjährige Rudolph die zarte, ebenso engelsgleiche wie feurige Sophia bereits geschwängert. Daraus wäre wohl immer noch keine unumstößliche Heiratsverpflichtung entstanden, wenn nicht Rudolph mit sturer Dickköpfigkeit an Sophia festgehalten hätte und wenn nicht – und das gab den Ausschlag – Sophias Vater eine persönliche Beziehung zum Mecklenburgischen Regenten, dem Herzog Friedrich-Franz, gehabt hätte. Dieser, von dem es hieß, daß auch er von Sophia bezaubert war, hatte sich kurz und unmißverständlich eingemischt. So hatte die Hochzeit denn stattgefunden, an einem heißen Julitag des Jahres 1800, in der Gebbiner Kirche auf dem Hügel zwischen Schloß und Dorf.

Da sei schon etwas sehr Vertracktes an dieser jungen Braut gewesen, erzählte man sich später, die habe zwar ein Gesicht gehabt wie die Jungfrau Maria auf dem Weihnachtsbild über dem Altar, und sie habe auch ganz demütig getan und ihrer Schwiegermutter beide Hände geküßt, doch habe sie andererseits nicht die geringste Scham an den Tag gelegt und ihren Sechsmonatsbauch so siegreich vorgestreckt, als sei das Kind darin, nämlich der spätere Graf Christian-Carl, dem Jesuskind vergleichbar und ganz sicher nichts, dessen man sich schämen müßte. Und über Sophias Kopf sei während der Trauung ein zarter Engel geflogen, einer mit traurigen Augen, als Vorbote ihres frühen Todes. Unter dem Schleier jedoch, im Rücken der Braut, habe ein häßliches verschmitztes Teufelchen gesessen und unanständige Gesten gemacht.

Ob man den Teufel denn auch tatsächlich gesehen habe, mit Pferdefuß und Hörnern und allem drum und dran?

Nicht so ganz genau, weil ja der Schleier darüber hing, aber dagesessen habe er, das sagten alle, die während der Hochzeit in der Kirche gewesen seien, zum Beispiel die alte Thea Menken, die nämlich am gleichen Tag geheiratet habe und die darum in der ersten Bankreihe habe sitzen dürfen. Und was Thea dann noch gesehen habe, zweifelsfrei: Der kleine Teufel habe heimlich auf den Ring gespuckt, den die Braut dem Grafen Rudolph angesteckt habe.

Warum denn das?

Damit er am Finger des Grafen kleben bliebe auf immer und ewig.

Für zwei, die sich vor Gott zusammentun, könne wohl das Immer-und-Ewig kein Teufelswerk sein?

Könne es doch, nämlich weil Treue nur verlangt würde, »bis daß der Tod euch scheidet«. Danach müsse der Übriggebliebene wieder frei sein, um weiterzuleben. Graf Rudolph jedoch habe sich nie befreien können, so sehr er auch gegen seine Erinnerung und das alte Treueversprechen gewütet habe, der Teufel habe ihm nämlich nicht nur auf die Hand gespuckt, er sei ihm später auch in die Seele gefahren und in den Leib. Und je älter der Graf Rudolph geworden sei, um so größer und mächtiger sei auch der Teufel geworden und habe schließlich den Grafen ganz und gar ausgefüllt.

Aber anfangs, da sei das Teufelchen noch recht umgänglich gewesen, wohlgezähmt von der schönen Sophia, die ihn, obgleich er doch ziemlich häßlich gewesen sei und umgeben von diesem typischen Teufelsgestank, oftmals geherzt und geküßt habe und gehalten wie ein Schoßhündchen. Ach, und es sei so viel gelacht worden während der Jahre ihrer kurzen Ehe, und Sophia habe viele Feste gefeiert und feines Porzellan angeschafft und geschliffene Gläser und französische Möbel und jeden Monat ein neues Kleid. Recht und vernünftig sei das natürlich nicht gewesen, weil sich die Siggelowschen dafür hätten verschulden müssen, aber Recht und Vernunft seien überhaupt nicht ins Spiel gekommen, weil nämlich alle Menschen im Schloß der schönen Sophia verfallen gewesen seien, ihr und ihrem Teufelchen. Sogar das alte Grafenpaar habe nichts gegen die Verschwendungssucht der Schwiegertochter unternommen, und das Gesinde im Schloß und die Büdner und Häusler hätten klaglos die Nächte durchgearbeitet, um wenigstens einen Teil des hinausgeworfenen Geldes wieder einzubringen.

Und dann sei das erste Kind geboren worden, Christian-Carl, den man später im Dorf respektlos den Saufgrafen nennen würde. Und wer nun etwa gemeint hätte, daß Sophia zur Ruhe kommen würde und sich mütterlich gebärden müßte und würdig wie eine rechte Schloßherrin, der sollte sich sehr geirrt haben. Ihre Lebenslust sei immer heftiger geworden und ihre Scham immer geringer, und sie und Graf Rudolph hätten beim Mondschein nackt im See gebadet, und die Tür zu ihrem Schlafgemach sei auch tagsüber oft verriegelt gewesen, und dahinter habe man sie juchzen und lachen und stöhnen gehört. Dennoch: Schamlosigkeit und Verschwendungssucht und Lebensgier beiseite, das sonst so düstere Schloß Gebbin habe während der drei Jahre von innen her geleuchtet wie ein ausgehöhlter Kürbis mit einer Kerze darin.

Und inzwischen sei das Teufelchen herangewachsen, und der kleine Engel, den man anfangs noch manchmal ganz munter im Haus habe herumflattern sehen, der sei immer schwächer und zarter und durchsichtiger geworden. Der Teufel habe sein übermütiges Spiel mit dem Engel getrieben und habe ihm schließlich die Flügel ausgerissen, worauf der Engel abgestürzt sei und sich noch im Sturz aufgelöst habe und unsichtbar geworden sei wie ein vergehender Seufzer.

Und das sei genau an dem Tag geschehen, als die Gräfin Sophia ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht habe. Dieser zweite Sohn, Graf Conrad, der sei ganz riesengroß gewesen und mindestens so stark wie ein junges Kalb, und er habe sich so ungestüm in diese Welt gedrängt, daß seine Mutter dabei zerrissen und verblutet sei. Ja, so habe sich alles abgespielt, und danach sei das Licht im Schloß erloschen. Der Teufel habe sich des Grafen Rudolph bemächtigt, das Gut sei mehr und mehr geschrumpft unter der Last der Schulden, das alte Grafenpaar habe sich zurückgezogen, um dem verteufelten Sohn das Regiment zu überlassen, die Donner-Maria, des Grafen Rudolph unverheiratete Schwester, sei ins Schloß gekommen, in dem sie von nun an mit harter Hand die häuslichen Belange geregelt habe. Die beiden Knaben jedoch, Christian-Carl und Conrad, seien ungeliebt herangewachsen.

Die junge Barbara, das Kind der Magdalena Winkelmann, schweigsam zwar, aber gewiß nicht taub, liebte diese alten Geschichten.

Mit mehr Gesten als Worten und mit dem Blick ihrer ungewöhnlich dunklen Augen versuchte sie die Überlebenden dieser vergangenen Tage auszuhorchen. Dabei gewöhnte sie sich daran, in den Bewohnern des Schlosses, auch den heutigen, keine wirklichen Menschen zu sehen, eher ferne Sagengestalten wie jene, von denen ihr Vater, der Lehrer Franz Winkelmann, in der Schule erzählte: Etwa dem geizigen Bäcker von Parchim, der Alten mit der eisernen Elle oder den unverweslichen Edelmann von Greven. In Franz Winkelmanns lehrhaften Legenden gab es immer einen vernünftigen, gerechten Schluß, die Bösen wurden bestraft, die Guten belohnt. Also würde Entsprechendes auch mit den Schloßbewohnern geschehen, so daß man sich nicht unnötig zu besorgen brauchte. Und gar so gefährlich schien der vom Teufel besessene, inzwischen sehr alte Graf Rudolph nun auch wieder nicht zu sein. Jedenfalls war Barbara ihm einmal auf dem Friedhof begegnet, da hatte er neben dem großen Stein mit dem Marmorengel gekniet, und ihm waren die Tränen über das alte Gesicht gelaufen. Barbara hatte sich gewaltig erschreckt und wollte rasch auf und davon, aber er hatte sie zu sich gerufen und gesagt, sie solle ihm aufhelfen. Das hatte sie getan, und als er wieder stand, hatte er ihre Hand noch einen Moment festgehalten.

»Wessen Kind?« hatte er gefragt.

»Das von der Toten-Lena und von Franz Winkelmann«, hatte sie geflüstert.

»Soso, von der Lena. Übers Jahr wird sie mich dann herrichten können, sag ihr das.«

»Ich werd’s ihr sagen.«

»Und sonst sagst du gar nichts. Vor allem nicht, daß du mich hast knien sehen. Der alte Siggelower kniet nämlich nicht.«

»Nein, der kniet nicht.«

»Ist doch vom Teufel besessen!«

Ihre kleine dünne Hand hatte in der seinen gezittert, und dann hatte er so fest zugedrückt, daß sie nicht einmal mehr zittern konnte.

»Wie alt?« hatte er gefragt.

»Im November dreizehn.«

»Siehst nicht aus wie die Lena.«

»Ich komm nach dem Vater.«

Da hatte er grob gelacht und gebrummt: »Nach welchem Vater?«

Bevor Barbara noch hatte antworten können, war er dann davongestapft.

Der Mutter gegenüber hatte sie später nicht nur das Knien, sondern die ganze Begegnung verschwiegen. Wahrscheinlich hätte es sonst nur wieder eine Ohrfeige gesetzt.

Die Großeltern Kathrine und Johannes, Magdalenas Vater und Mutter, hatte Graf Rudolph, damals in der Franzosenzeit, fortjagen wollen aus Gebbin, weil zu viele hungrige Mäuler von dem verarmten Siggelowschen Gut fressen wollten. Doch dann wurde das Kind Magdalena geboren, unehelich in der Häuslerkate ihrer Eltern, eine Schande, und weil sie nicht gehen wollten, denn sie wußten ja nicht, wohin, hatte man gedroht, Kathrine ins Arbeitshaus in Güstrow zu stecken und Johannes zu den Napoleonischen Soldaten, mit denen er hätte gen Rußland ziehen müssen, wo er entweder im Morast erstickt oder im Schnee erfroren wäre. Dazu ist es dann aber nicht gekommen, weil Kathrine in ihrer Not sich dem Teufel ergeben hatte.

Dem Teufel? Wo und wie und welchem Teufel?

Darauf hat Magdalena nie antworten wollen, und wenn Barbara zu sehr nachbohrte, dann lief sie nur wieder Gefahr, sich eine Ohrfeige einzuhandeln.

Doch gab es ja auch noch andere Zeugen in Gebbin und Badekow und Rahden, allerdings waren die meisten, wenn es um die Siggelowschen Teufeleien ging, ziemlich vorsichtig. Das Leben war so schon schwer genug, wozu noch weitere Bürden riskieren, indem man sich gegen die Mächtigen stellte. Aber manche redeten dennoch, sei es aus Klatschsucht oder aus Angeberei oder weil sie sich durch diese oder jene Sonderstellung herausgehoben und abgesichert wähnten. Eine davon war Thea Menken, die Küstersfrau. Die war im gleichen Jahr geboren wie Graf Rudolph, war auch im gleichen Jahr zur Konfirmation gegangen und hatte den Küster Friedrich Menken, der damals bereits Witwer und schon über vierzig war, im gleichen Jahr geheiratet wie Graf Rudolph seine Sophia, nämlich im Jahr 1800. Und weil, wie sie selber sagte, die Übereinstimmung, wenn sie mal so richtig in Schwung gekommen ist, meist nur sehr schwer zu bremsen sei, hat es dem himmlischen Herrn schließlich auch gefallen, sie im gleichen Jahr wie den Grafen Rudolph zu verwitwen. Danach war dann aber Schluß damit.

Thea Menken also fühlte sich sowohl durch die schicksalhafte Übereinstimmung mit Rudolph von Siggelow-Gebbin wie auch durch ihr Aufgehobensein in der Kirche – »was für den Grafen sein Schloß, ist für mich der Schoß der Kirche, und auf die Dauer ist mein Aufenthaltsort gewiß sicherer als der seine« – hinreichend geschützt, so daß sie sich jede Art Gerede über die Gutsherrenfamilie leisten zu können meinte.

Nach dem Tod ihres Mannes übernahm Thea Menken die Küsterdienste, und sie war’s zufrieden, zumal sie durch ihre Position im kirchlichen Schoß auch noch über ein paar andere Einnahmequellen verfügte. Zum Beispiel verkaufte sie ihre Gebete, wenn jemand ganz dringend Gottes Gnade benötigte. Dann konnte man sie stundenlang in der Kirche vor dem Altar knien sehen, das Gesicht mit jenseitigem Ausdruck dem Kreuz zugewandt, und in besonders schwierigen Fällen kniete sie sogar auf Kieselsteinen.

Viele Dörfler schworen auf Theas magische Kräfte, und besonders in harten Zeiten hatte sie gut zu tun. Zu ihr kamen die Liebenden und die Leidenden ebenso wie die Verwirrten, Ängstlichen und sogar die Rachsüchtigen. Moralische Bewertungen gab es bei Thea nicht, sie verkaufte ihr Ohr und ihre Gebete vorurteilslos und konnte für ein kleines Aufgeld auch innigst um eine böse Krätze beten oder um die Schweinepest oder sogar um einen Blitzschlag. Sie erfuhr viel und konnte dadurch auch einiges bewirken.

Pastor Sägebrecht und später auch dessen Nachfolger, Pastor Wiechert, hatten die Betgeschäfte unterbinden wollen, das sei ja direkt katholisch und abergläubisch und also grundsätzlich verboten, worauf Thea Menken nur geantwortet hatte, sie ließe sich ihre gute Beziehung zu Gott dem Herrn von niemandem madig machen, auch nicht vom Pastor, für den sie zu den üblichen Küsteraufgaben auch noch jeden Tag ein freies Extragebet verrichte.

Als Magdalenas Tochter Barbara heranwuchs und die Mutter sich in vielen Fällen weigerte, die kindliche Neugier zu befriedigen, schloß das Mädchen sich mehr und mehr an Thea Menken an. Und Thea, die selbst nie Kinder gehabt hatte, ließ sich die Nähe der merkwürdigen schwarzhaarigen Barbara gern gefallen, zumal diese ihr bei der Arbeit in der Kirche und dem Küstergarten zur Hand ging.

Ihre Erkundungen betrieb Barbara meist per Umweg. Sie begann ganz einfach irgendwo und vertraute darauf, daß der Fluß der Unterhaltung sie schon zu einem lohnenden Ufer tragen würde.

»Mein Vater ist tot«, sagte Barbara.

»Das kannst wohl glauben«, bestätigte Thea Menken, »wer und was dein Vater auch gewesen sein mag, tot ist er jedenfalls.«

»Der war auch sehr geizig.«

»War er.«