Der fünfte Mörder - Wolfgang Burger - E-Book

Der fünfte Mörder E-Book

Wolfgang Burger

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Beschreibung

Beinahe wäre Kriminaloberrat Gerlach Opfer eines Bombenanschlags geworden: Vor seinen Augen explodiert der Geländewagen eines bulgarischen Zuhälters. Wenig später ereignen sich weitere rätselhafte Morde, und Gerlach kommt der Verdacht, es könne sich ein Bandenkrieg anbahnen. Als er zu ermitteln beginnt, wird er von oberster Stelle zurückgepfiffen. Ausgerechnet jetzt hat der Heidelberger Kripochef gute Gründe, sich ernsthafte Sorgen um seine pubertierenden Töchter zu machen, und zu allem Übel nimmt auch sein Liebesleben eine unvorhergesehene Wendung.

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

5. Auflage Dezember 2012

ISBN 978-3-492-95174-6

© Piper Verlag GmbH, München 2011

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: Anja Weber-Decker / plainpicture

Datenkonvertierung E-Book: CPI – Clausen & Bosse, Leck

1

Terror!, war mein erster Gedanke in der Stille nach der Explosion. Der Dschihad hat Heidelberg erreicht!

Ich stand keine zwanzig Schritte von dem soeben in die Luft geflogenen Wagen entfernt und hatte das Atmen vergessen. Noch bevor die letzten Trümmer zu Boden geprasselt waren, ging irgendwo eine Alarmsirene los. In meinen Ohren hallte die Detonation nach.

Jemand hatte geschrien. Eine Frau. Sie stand unmittelbar neben mir, an einem Zigarettenautomaten. Nicht mehr ganz jung, registrierte mein Polizistenhirn automatisch, zierlich, neckische, weißblonde Strubbelfrisur. Ihre Augen waren groß vor Schreck, und sie war so blass, wie ich mich fühlte. Am linken Nasenflügel blitzte ein Steinchen im Sonnenlicht. Die Rechte hatte sie vor den Mund geschlagen. Handtasche und Portemonnaie lagen am Boden, darum herum ein wenig Kleingeld verstreut.

Die Alarmsirene jaulte, dass es in den Ohren gellte.

Gott sei Dank schien niemand verletzt zu sein, oder gar tot, soweit ich es überblicken konnte. Auch mir war offenbar nichts passiert – abgesehen von dem mächtigen Schrecken. Ich fühlte keinen Schmerz, entdeckte kein Blut an mir. Da war nur diese Starre, der Druck auf der Lunge, die dumpfe Beklemmung, die mir das Atmen schwer machte. Ich hob einen Fuß, versuchte einen Schritt. Noch einen. Meine Beine funktionierten vorschriftsmäßig.

Als hätte ein unsichtbarer Regisseur das Kommando gegeben, wurden an den umliegenden Häusern plötzlich Fenster aufgerissen, die Menschen auf den Bürgersteigen bewegten sich wieder, Autos bremsten, deren Fahrer sich nicht an dem inzwischen brennenden Wagen vorbei trauten, eine Straßenbahn, die etwa fünfzig Meter stadtauswärts im Verkehr stecken geblieben war, bimmelte vorwurfsvoll.

Ich musste etwas tun. Schließlich war ich Polizist und hatte den Überblick zu bewahren, Ruhe zu verbreiten, zu helfen, zu retten. Aber was? Hier gab es ja nichts zu retten. Niemand lag am Boden. Niemand schien in dem explodierten Wagen zu sitzen. Und ich hatte nicht einmal einen Feuerlöscher. Oder doch? Natürlich! In meinem Peugeot, neben dessen offener Fahrertür ich eben noch gestanden hatte, musste einer sein. Irgendwo, seit Ewigkeiten unbenutzt. Unter dem Fahrersitz?

Ich fand das rote Ding sofort, zerrte es heraus, etwas fiel zu Boden, ich ließ es liegen und rannte zu dem dunklen Geländewagen, aus dem die Flammen mit jeder Sekunde höher schlugen. Porsche Cayenne, notierte ich, Farbe: schwarz, dunkel getönte Scheiben.

Es knisterte und knackte und prasselte. Offenbar konnte ich inzwischen auch wieder hören. Die Geräusche waren in die Welt zurückgekehrt. Und die Gerüche. Es stank nach verbranntem Plastik und verschmortem Gummi.

Unbegreiflicherweise schien wirklich kein Mensch zu Schaden gekommen zu sein, obwohl die Neuenheimer Brückenstraße viel befahren, die Gehwege auf beiden Seiten jetzt, am Samstagvormittag, voller Passanten waren.

Ich zerrte den Sicherungsstift von meinem kleinen, so erbärmlich kleinen Feuerlöscher, drückte die rote Taste. Etwas Weißes zischte heraus. Zu schwach, zu dünn, viel zu wenig. Schon Sekunden später zischte nichts mehr, die Flammen schlugen höher als zuvor, mein Gesicht glühte von der Hitze. Die Bombe schien unter dem hinteren Teil des Wagens gesessen zu haben. Vermutlich genau unter dem Tank.

Jemand rief mir etwas zu. Ein älterer, stämmiger Mann mit Kugelglatze. Zehn, zwölf Meter von mir entfernt. Näher wagte er sich nicht heran.

»Weg da!«, brüllte er und gestikulierte wild. »Die Kiste kann jeden Moment in die Luft gehen!«

Er hatte recht. Ich wich zurück. Stieß gegen ein Auto, das hinter dem Cayenne parkte, kam ins Straucheln. Der Feuerlöscher glitt mir aus der Hand, kullerte irgendwohin.

»Ganz schön mutig«, meinte der aufgeregte Mann und hieb mir kräftig auf die Schulter. »Also, ich hätte mich das nicht getraut, mein Gott!«

Er steckte in einem verschossenen, viel zu bunten Trainingsanzug, war einen Kopf kleiner als ich und hatte die Gesichtsfarbe eines Babys, dem man zu viele Karotten gefüttert hat.

»Mein Feuerlöscher ist zu klein«, stellte ich überflüssigerweise fest und wunderte mich, dass meine Stimme fast normal klang.

»Wenn Sie vorhin nicht umgekehrt wären …«, stieß der Mann keuchend hervor, während er unverwandt den brennenden und qualmenden Cayenne beobachtete. »Ich muss schon sagen!«

Die nervtötende Alarmsirene heulte immer noch. Sie kam mir sogar noch lauter vor als vorhin. Konnten Sirenen mit der Zeit lauter werden?

»Was?«, fragte ich verwirrt.

»Na, da!« Er wies auf meinen etwas entfernt am Straßenrand parkenden Peugeot, dessen Fahrertür immer noch offen stand. »Hätte böse ins Auge gehen können, wenn Sie vorhin nicht umgekehrt wären! Erinnern Sie sich denn nicht? Sie sind noch mal zu Ihrem Auto zurück, und das dürfte Ihnen wohl das Leben gerettet haben.«

Endlich verstand ich, was er meinte. Mir wurde kalt. Ich war aus meinem Wagen gestiegen – wann? vor einer Minute, vor zweien, vor zehn? – und hatte mich auf den Weg gemacht. Zum Geldautomaten in der kleinen Bankfiliale, vor deren Schaufenstern ich momentan etwas hilflos herumstand und deren Alarmanlage immer noch plärrte, obwohl doch offensichtlich nichts beschädigt war. Keine der großen Scheiben hatte auch nur einen Sprung. Dahinter bunte Werbung. Günstige Baukredite. Unverzichtbare Versicherungen. Sensationelle Tagesgeldzinsen nur noch bis zum Ende des Monats.

Richtig, ein wenig Bargeld hatte ich schnell holen wollen, fürs Wochenende. Am Vorabend war ich wegen dieses Toten im Neckar nicht mehr dazu gekommen. Bevor ich hier angehalten hatte, war ich in Theresas und meinem Liebesnest gewesen, nur zwei Ecken entfernt, und hatte endlich den Duschkopf zum Entkalken in Essigreiniger gestellt. Das hatte ich schon seit Ewigkeiten vorgehabt, aber immer wieder vergessen. Und auf dem Heimweg hatte ich rasch noch ein paar Scheine aus dem Automaten ziehen wollen.

Überraschenderweise hatte ich sofort einen Parkplatz gefunden. Auf halbem Weg vom Auto zur Bank war mir eingefallen, dass meine Brieftasche noch auf dem Beifahrersitz lag. So hatte ich noch einmal kehrtgemacht, mich einen Idioten geschimpft und wieder einmal gefragt, ob ich auch früher schon so schusselig gewesen war oder ob das die ersten Anzeichen von Altersdemenz waren. Und als ich mich in meinen Wagen beugte, um das Vergessene zu holen, war der Cayenne in die Luft geflogen.

Ja, buchstäblich in die Luft geflogen.

Die Erde hatte gebebt bei der Explosion.

Und meine Vergesslichkeit hatte mir wohl tatsächlich das Leben gerettet. Hätte ich meine Brieftasche nicht im Wagen liegen lassen, dann wäre ich jetzt vermutlich tot.

Warum musste diese dämliche Alarmanlage nur so einen Höllenlärm machen? Man konnte ja keinen klaren Gedanken fassen bei diesem Geheule!

Mir war ein wenig schwindlig. Ich war es nicht gewohnt, an einem sonnigen Samstagvormittag mit knapper Not dem Tod von der Schippe zu springen. Wir hatten Ende April, und nach einem ungewöhnlich langen und kalten Winter war in den letzten Tagen mit Macht der Frühling ausgebrochen.

Bis eben war die Luft noch voller Fliederduft und guter Laune gewesen.

Jetzt stank sie nach verbranntem Cayenne.

Die Feuerwehr! Weshalb war mir das nicht früher eingefallen? Ich zückte mein Handy, drückte die entsprechenden Tasten. Der Bombenanschlag war unserer Leitstelle schon bekannt, die Feuerwehr längst auf dem Weg. Ich hörte auch schon die Signalhörner in der Ferne.

Das immer noch heftig lodernde Wrack parkte nicht vor der Bank, sondern vor einem Nachbarhaus, einem frisch renovierten und sehr gepflegten Altbau, in dessen Erdgeschoss sich eine Apotheke befand. Die Bank dagegen residierte in einem phantasielosen, zitronengelben Fünfziger-Jahre-Kasten.

Bei der Apotheke hatte es – im Gegensatz zur Bank – erheblichen Sachschaden gegeben. Hinter gesprungenen Schaufensterscheiben sah ich bleiche, zu Tode erschrockene Gesichter.

Die Martinshörner kamen rasch näher.

»Mann, hat das vielleicht gescheppert!«, stellte der Glatzkopf neben mir zugleich fassungslos und befriedigt fest. »Na ja, man hat ja praktisch darauf gewartet, dass hier mal was passiert.«

Er sprach mit dem Akzent eines Menschen, der aus Norddeutschland stammt, aber schon seit Jahrzehnten im Süden lebt. Trotz des beißenden Brandgeruchs stellte ich fest, dass sein Trainingsanzug lange keine Waschmaschine mehr von innen gesehen hatte.

»Ey, was ist das denn für ’ne Scheiße?«, schimpfte ein junger Mann, der plötzlich neben mir aufgetaucht war, mit greller Stimme. »Wer macht denn so eine Scheiße, ey?«

»Das ist Ihr Wagen?« Mit einem Mal war ich wieder in der Gegenwart angekommen.

Der junge Mann war größer als ich, schlaksig und muskulös zugleich und im Augenblick etwas blass um die Nase. Wie viele Großgewachsene versuchte er sich kleiner zu machen, indem er den Rücken beugte und den Kopf nach vorne neigte. Er trug einen hellgrauen Anzug und schwarze Halbschuhe aus einem jener Läden, in deren Schaufenstern die Preisschildchen immer so liegen, dass man sie nicht entziffern kann.

»War meine Karre, muss man ja wohl sagen«, zeterte er. »Zahlt bei so was eigentlich die Versicherung?«

Der Besitzer des Cayenne war dunkelhaarig und rollte das R, als stammte er aus dem Osten. Ansonsten war sein Deutsch nahezu akzentfrei. Auch seine kräftigen Hände waren dunkel behaart, an der Rechten protzte ein Siegelring. Und wenn er nicht gerade dabei zusah, wie sein geliebtes Auto sich in einen rußigen Schrotthaufen verwandelte, war er vermutlich gut gebräunt im Gesicht. Seine goldene Armbanduhr war gewiss mehr wert als mein altes Auto.

»Ah!«, rief der Glatzkopf erfreut. »Die Bullerei ist auch schon da!«

Gleich zwei Streifenwagen bremsten. Die Kollegen hatten sich offenbar während der Fahrt per Funk abgesprochen. Einer stellte sich etwa fünfzig Meter nördlich vom Ort der Explosion quer, der zweite ein Stück weiter südlich. Die Kollegen sprangen aus ihren Wagen und begannen, mit energischen Bewegungen den sich stauenden Verkehr weiterzuwinken, um Raum für die anrückende Feuerwehr zu schaffen. Und die kam auch schon. Der Jeep mit dem Einsatzleiter vorneweg, gefolgt von zwei schweren Gerätewagen.

Die Martinshörner erstarben, und sofort hörte man wieder das nervenzermürbende Gejaule der Alarmanlage. Türen sprangen auf, Männer in schweren Monturen begannen, ohne Hast und Aufregung das zu tun, was sie schon tausendmal getan hatten.

»Also, echt, Mann!« Der junge Mann im teuren Anzug trat mit dem Fuß auf wie ein trotziges Kind. »Diese dreimal verfickten Drecksäue!«

Ich hielt ihm meinen Dienstausweis unter die Nase.

»Gerlach, Kriminalpolizei«, erklärte ich dem verdutzten Angebertypen. »Können wir uns irgendwo unterhalten, wo es ein bisschen ruhiger ist?«

Zwei uniformierte Kollegen kamen auf mich zugelaufen. Ein älterer, bulliger Mann und eine schmale, vielleicht dreißigjährige und offensichtlich gut trainierte Frau.

»Sie?«, fragte der Mann keuchend. »Was macht denn der Kripochef persönlich hier? Und wie sind Sie überhaupt so schnell hergekommen?«

Ich berichtete den beiden in knappen Worten, was in den letzten Minuten geschehen war.

»Wenn das mal kein Anschlag auf Sie gewesen ist, Herr Kriminaloberrat!«, stieß die Kollegin mit runden Augen hervor.

»Wie kommen Sie denn auf so was?«

Noch während ich sprach, wurde mir bewusst, dass ihre Befürchtung nicht völlig unberechtigt war. In Sekundenschnelle ging ich die letzten Wochen und Monate durch. Wen hatte ich ins Gefängnis gebracht? Wer hatte mir gedroht, Verwünschungen ausgestoßen? Es fiel mir niemand ein. Als Täter kam natürlich auch jemand in Frage, den ich längst vergessen hatte. Der vor Jahren Rache geschworen hatte und vielleicht erst seit Kurzem wieder auf freiem Fuß war. Als Kripobeamter macht man sich eine Menge Feinde über die Jahre.

Zwei behelmte Männer näherten sich dem brennenden Cayenne – den man inzwischen kaum noch als solchen erkannte – mit großen Feuerlöschern in den Händen. Schaum schoss ins Feuer. Tausendmal mehr Schaum als vorhin aus meinem Spielzeug.

Und dann war es auch schon vorbei.

Das Feuer war aus.

Nur die Alarmanlage der Bank schien niemals wieder verstummen zu wollen.

2

»Worauf haben Sie gewartet?«, fragte ich den immer noch schwitzenden Glatzkopf.

»Was?« Verständnislos sah er mich an. »Wie?«

»Sie sagten eben, Sie hätten praktisch damit gerechnet, dass hier mal etwas passiert.«

»Ach, das.« Er wandte den Blick ab. Machte eine fahrige Bewegung zur Straße hin. »In letzter Zeit hat sich hier so ein komischer Kerl rumgetrieben. Mir war im ersten Moment klar, der führt nichts Gutes im Schilde, so …« Er schluckte. »Na ja, wie der ausgesehen hat.«

»Wie genau hat er denn ausgesehen?«

»Irgendwie südlich.« Er hob die gut gepolsterten Schultern. »Ich habe ihn für einen Araber gehalten, ehrlich gesagt, und von denen kommt ja zurzeit nicht viel Gutes, nicht wahr? Jung ist er gewesen. Zwanzig, maximal fünfundzwanzig. Und schlank und nicht besonders groß. Dunkelhaarig, sagte ich das schon? Und so einen stechenden Blick hat der gehabt, ist einem durch und durch gegangen.«

»Wann haben Sie den jungen Mann zum ersten Mal hier gesehen? Und wann zuletzt?«

»Zum ersten Mal …« Er dachte nach, ohne den Blick von dem immer noch qualmenden Wrack zu wenden. »Anfang der Woche dürfte das gewesen sein. Montag oder Dienstag.« Endlich sah er mir ins Gesicht. »Und zuletzt? Vor einer halben Stunde vielleicht. Vorhin ist er jedenfalls noch da gewesen, da bin ich mir sicher. Jetzt ist er natürlich verschwunden.«

Unwillkürlich sahen wir uns beide um, aber ein Mann, auf den die Beschreibung passte, war nirgendwo zu entdecken.

»Wo hat er gestanden?«

»Immer da drüben.« Mein Gesprächspartner deutete auf die Ecke der Bank, wo sich der Eingang befand und die Schröderstraße in die Brückenstraße mündete.

»Und was hat er gemacht?«

»Na, geguckt.«

»Wohin?«

»Da rüber!« Eine ungeduldige Handbewegung zur gegenüberliegenden Straßenseite hin. »Der baldowert was aus, habe ich mir schon am ersten Tag gedacht. Hat nicht viel gefehlt, und ich hätte die Polizei gerufen. Hab ich dann aber doch lieber gelassen. Man weiß ja, wie das ist mit den Ausländern.«

Aus irgendeinem Grund, und nicht nur wegen seines Körpergeruchs, war mir der Mann unsympathisch. Deshalb klang es vermutlich nicht allzu freundlich, als ich fragte: »Wie ist es denn so mit den Ausländern?«

»Na ja, am Ende steht man als ausländerfeindlich da. Und deshalb habe ich dann doch nicht angerufen. Und jetzt ist es zu spät. Jetzt haben wir den Salat.«

Die Löscharbeiten waren beendet, die Feuerwehrleute schon dabei, ihre Gerätschaften zusammenzupacken. Ich pickte mir den Ranghöchsten meiner immer zahlreicher werdenden uniformierten Kollegen heraus, einen Polizeihauptmeister mit Eselsgesicht, und gab einige Anweisungen.

»Das Wrack absperren, damit keiner anfängt, hier Souvenirs zu sammeln. Zeugen identifizieren. Niemand geht hier weg, bevor seine Personalien aufgenommen sind und gegebenenfalls seine Aussage notiert ist. Ich erwarte später eine Liste von Ihnen mit sämtlichen Namen und allen Fahrzeugen, die in der Straße parken. Außerdem lassen Sie in den umliegenden Häusern an jeder Tür klingeln und fragen, ob jemand zufällig aus dem Fenster gesehen und etwas beobachtet hat. Und, ach ja, fordern Sie die Spurensicherung an und einen Brandsachverständigen.«

Der überrumpelte Kollege, so viel Verantwortung sichtlich nicht gewohnt, nickte betroffen zu jedem meiner Sätze.

»Wird gemacht«, stammelte er. »Sie können sich auf mich verlassen, Herr Kriminaloberrat.«

Vermutlich hatte er die Hälfte schon wieder vergessen.

»Da können Sie gleich bei mir anfangen«, erklärte der Glatzkopf fröhlich. »Ich habe zwar nichts gesehen, aber umso mehr gehört. Ich wohne nämlich zwei Stockwerke über der Bank. Ehrlich gesagt, ich dachte, das Haus stürzt ein!«

Große Dieselmotoren wurden angelassen. Die Feuerwehr rückte ab. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass die Alarmsirene schon seit Sekunden schwieg. Der schwarz uniformierte Mitarbeiter eines privaten Wachdienstes, der sie ausgeschaltet hatte, kletterte eben wieder in seinen ebenfalls schwarzen Kleinwagen. Ich lief zu ihm, packte ihn am Ärmel.

»Bei der Bank ist alles in Ordnung?«, fragte ich.

Er strahlte mich mit sonnigem Lächeln an. »In bester Ordnung sogar. Waren nur die Glasbruchsensoren an den Scheiben, die den Alarm ausgelöst haben.«

Er nickte mir freundlich zu und fuhr davon.

Auch ein erster Pressefotograf war inzwischen aufgetaucht und schoss aus allen denkbaren Perspektiven Fotos vom sensationellen Event-»Bombenanschlag in Heidelberg«. Ich sah die Schlagzeilen schon vor mir. »Al-Qaida jetzt auch in der Kurpfalz?«

Mitdenkende Kollegen hatten inzwischen die Straße mit Flatterband abgesperrt, wodurch natürlich auch der Straßenbahnverkehr zum Erliegen gekommen war. Aber daran war im Moment nichts zu ändern. Die Fahrer der Wagen, die nicht weiterkamen, versuchten zu wenden, was den meisten auch gelang. Allmählich kehrte wieder so etwas wie Ordnung und vor allem Ruhe ein.

Ein Kastenwagen mit dem Emblem eines lokalen Fernsehsenders auf der Tür hielt mit quietschenden Bremsen unmittelbar vor der Absperrung. Ein Hüne mit dunklen Flecken unter den Achseln kletterte heraus, wuchtete sich eine Kamera auf die Schulter und begann zu filmen, was es noch zu filmen gab.

»Wo ist eigentlich der Geschädigte geblieben?« Ich sah mich um. Der Angeber mit der goldenen Armbanduhr war verschwunden.

»Da lang.« Die durchtrainierte Kollegin deutete auf ein kleines Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite, über dessen Tür in altertümlich geschwungenen, hellblauen Neonbuchstaben »Bella Napoli« stand.

»Sie kommen bitte mit.« Ich gab der Frau einen Wink. »Den Herrn sehen wir uns mal ein bisschen genauer an.«

Während ich, gefolgt von der jungen Kollegin, die Straße überquerte, zückte ich mein Handy und wählte Sven Balkes Nummer. Er war in der Nähe des Fundorts unserer Wasserleiche unterwegs, erfuhr ich, und half einigen Kollegen beim Absuchen der Neckarufer. Sie hofften, dort etwas zu finden, das uns Anhaltspunkte zur Identität des Toten oder seines Mörders liefern könnte.

Zwei angetrunkene Angler hatten die Leiche des zwischen dreißig und vierzig Jahre alten Mannes am Vorabend entdeckt, westlich von Edingen, etwa zehn Kilometer flussabwärts von Heidelberg. Der Tote war unbekleidet gewesen und hatte nach Meinung des Arztes schon einige Tage im Wasser gelegen. Nun wurden im Neckar – wie in jedem Fluss – hin und wieder Leichen angeschwemmt. Was uns allerdings alarmiert hatte: Diese hatte ein Einschussloch in der Stirn. Der Mann, den wir auf Grund seines muskulösen Körpers und großflächiger Tätowierungen eher den unteren Gesellschaftsschichten zurechneten, war an einem Schuss aus kurzer Entfernung gestorben, genau zwischen die Augenbrauen. An seinen Handgelenken hatten meine Spurenspezialisten zudem blaue Fasern gefunden, die vermutlich von einem Kunststoffseil stammten, wie man es in jedem Baumarkt für wenige Euro kaufen kann.

Bei meiner Ersten Kriminalhauptkommissarin Klara Vangelis hatte ich mehr Glück als bei Sven Balke. Trotz Samstag war sie in der Direktion und versuchte, unseren unbekannten Toten anhand der aktuellen Such- und Vermisstenmeldungen zu identifizieren. Ich bat sie, die Wasserleiche fürs Erste Leiche sein zu lassen und schleunigst herzukommen. Ich brauchte hier dringend jemanden mit Erfahrung und Überblick.

Im Inneren des Bella Napoli duftete es nach guter italienischer Küche, obwohl noch keiner der adrett mit Blümchen und rosafarbenen Kerzen dekorierten Tische besetzt war. Der stämmige Wirt mit silbergrauem, kurz geschnittenem Haar kam mir mit freundlich-verstörter Miene und auf einen schwarzen Stock gestützt entgegengehumpelt. Sein linkes Kniegelenk schien steif zu sein. Auf den ersten Blick wirkte er nicht wie ein Neapolitaner, sondern eher wie ein knorriger Bauer aus den tiefsten Abruzzen. Sein Körper war eckig, das Gesicht markant, über dem Mund ein buschiger, ebenfalls ergrauter Schnauzbart. An der Theke langweilten sich zwei ausgesucht attraktive Bedienungen, eine hochgewachsene Rothaarige und eine Dunkle mit blau-schwarz schimmerndem Haar. Den Besitzer des Cayenne entdeckte ich nicht.

»Sehrrr schlimme Sache!«, knarrte der Wirt und reichte mir eine kurze und außerordentlich kräftige Hand. »Sie Polizei?«

Ich ließ ihn meinen Ausweis sehen und stellte mich vor. Die Zähne, die er beim breiten Lächeln entblößte, sahen schlecht aus.

»Ich Anton«, erklärte er mit devoter Verbeugung und quetschte gleich noch einmal meine Hand. »Anton Schivkov. Kommen von Bulgarien.«

»Wo ist der junge Mann geblieben, der hier vor ein paar Minuten reingekommen ist?«

»Slavko gegangen hinten. Telefonieren. Junge Leut immer telefonieren, immer, nicht wahr?«

In einer Mischung aus ängstlicher Erwartung und Bitte um Nachsicht grinste er mich an. Bulgarien zählte offenbar zu den Ländern, wo man Vertretern der Staatsgewalt noch Respekt zollte.

»Ich möchte ihn sprechen«, erklärte ich streng. »Wenn möglich, gleich, bitte.«

Der alte Bulgare humpelte eilfertig davon und verschwand durch die Tür zur Küche.

Das Lokal war einfach, aber geschmackvoll eingerichtet. Warme Farben, viel helles Holz. Unaufdringliche Bilder an der Wand zeigten Fischerdörfer und Sonnenuntergänge am Meer. Mochte der Wirt auch vom Balkan stammen – nach den Gerüchen zu schließen, die aus der Küche drangen, war der Koch Italiener.

Inzwischen war es halb zwölf geworden, wie eine mit drei glutäugigen Grazien bemalte Uhr über der blitzsauberen Theke anzeigte. Ich fragte mich, ob die Fischerdörfer in Italien oder in Bulgarien lagen. Lag Bulgarien überhaupt am Meer? Gab es dort Fischer? Ich wusste so gut wie nichts über dieses Land, wurde mir bewusst, außer, dass es seit einigen Jahren irgendwie zur Europäischen Union gehörte und auch wieder nicht.

Aus der Küche hörte ich einen kurzen und heftigen Wortwechsel in einer unverständlichen Sprache, dann erschien der gehbehinderte Wirt wieder, gefolgt von dem Mann, den er Slavko genannt hatte. Der hielt sein Wichtigtuer-Handy noch in der Hand.

In meinem Rücken öffnete sich die Eingangstür. Eine weitere aufsehenerregende Dunkelhaarige stöckelte an mir vorbei, nickte dem Wirt zu und verschwand mit gesenktem Blick und wiegendem Modelschritt durch eine zweite Tür, die vermutlich ins Treppenhaus und zu den Toiletten führte.

Slavko hieß mit Nachnamen Dobrev und war um drei Ecken mit dem Wirt verwandt. Er lebte schon seit vielen Jahren in Heidelberg, erzählte er bereitwillig, und war mit einer waschechten Handschuhsheimerin verheiratet.

Der Wirt hatte sich einen Stuhl genommen und gesetzt, das steife Bein von sich gestreckt. Nun beobachtete er seinen jungen Verwandten mit einer Miene, als würde er nicht zögern, ihn mit seinem Stock zu verprügeln, sollte er sich nicht anständig aufführen.

»Ich bin Deutscher, wissen Sie«, erklärte Slavko Dobrev stolz und versenkte sein Edelhandy in einer Tasche seiner teuren Anzugjacke.

»Was sind Sie von Beruf?«

»Alles Mögliche.« Er wechselte einen Blick mit dem Wirt. Grinste. »Zurzeit helfe ich meinem Onkel mit dem Lokal.«

Und davon konnte man sich Joop-Anzüge leisten und ein Smartphone und eine Protzarmbanduhr und einen Porsche Cayenne, dachte ich.

Laut sagte ich: »Wer war das?«

»Wer war was?«

»Sie wissen, was ich meine.«

»Sie meinen, wer mein Auto …? Ich hab keinen blassen Schimmer. Ehrlich.«

»Mit wem haben Sie gerade telefoniert?«

Eine Spur zu zögernd hob er die Schultern.

»Mit meiner Frau. Wollt ihr sagen, was passiert ist, bevor sie es im Radio hört und sich Sorgen macht.«

»Sie haben vorhin eine Bemerkung gemacht, als wüssten Sie ganz genau, wer hinter dem Anschlag steckt.«

Nun begann Dobrev zu schwitzen.

»Der Schock«, brummt er unglücklich. »Da sagt man schnell mal was.«

»Herr Dobrev«, sagte ich förmlich, »Sie wissen ganz genau, wer hinter dem Anschlag steckt. Zumindest haben Sie einen Verdacht.«

»Einen Dreck weiß ich, fuck!« Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. »Ich bin hier das Opfer, Mann! Meine Karre war nagelneu, und jetzt ist sie Schrott! Siebzigtausend Mücken sind im Arsch, und ich hab keine Ahnung, ob mir irgendwann irgendeine Scheißversicherung auch nur einen Cent davon ersetzt!«

Bereitwillig zeigte er mir den Kfz-Schein und seinen Personalausweis. Der Cayenne war auf seinen Namen zugelassen und tatsächlich erst vier Monate alt. Zwischenzeitlich hatte eine weitere Bedienung das Lokal durchquert, dem Wirt zugenickt, Dobrev ignoriert und war nach hinten verschwunden. Demnächst würden vermutlich die ersten Gäste auftauchen. Ich notierte mir Namen und Anschrift der beiden Männer. Der Wirt wohnte in einem gemieteten Haus in Wieblingen im Westen von Heidelberg, sein merkwürdiger Neffe in einer Etagenwohnung in Handschuhsheim.

Ich gab Dobrev seine Papiere zurück.

»Wie lange hat der Cayenne da drüben gestanden, bevor es gekracht hat?«

»Paar Minuten«, murmelte Slavko unglücklich. »Bin beim Großmarkt gewesen, Gemüse kaufen und Fleisch und Fisch. Grad war ich fertig mit den letzten Kisten und komm wieder aus der Küche, und da – rums!«

»Da haben Sie ja ganz schön Glück gehabt!«

»Kann man wohl sagen, ja«, erwiderte er mit gesenktem Blick.

»Und Sie wissen wirklich nicht, wer hinter dem Anschlag steckt? Wer Sie unbedingt tot sehen möchte?«

»Nein. Weiß ich nicht.«

Es hatte keinen Sinn, hier weiterzubohren. So wandte ich mich wieder an den Wirt, dessen Blick an meinen Lippen klebte.

»Haben Sie vielleicht einen Verdacht, wer hinter dem Anschlag auf Ihren Neffen stecken könnte?«

»Nix weiß.« Erschrocken schüttelte er den Kopf. »Ich gerne helfen, bitte glauben. Ich Polizei immer helfen. Deutsch Polizei gut!« Er schenkte meiner Kollegin einen bewundernden Blick. »Und viel schöne Frrrau!«

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie sie ein wenig größer wurde und glücklich errötete.

»Fahren Sie auch hin und wieder mit dem Wagen Ihres Neffen? Könnte die Bombe Ihnen gegolten haben?«

Er zog eine ratlose Miene. »Warum tun? Ich friedliche Mensch. Slavko friedliche Mensch. Wir keine Feinde.«

»Konkurrenten vielleicht? Die Sie um den Erfolg Ihres Restaurants beneiden?«

Die Falten in seinem wettergegerbten Gesicht wurden noch tiefer. Anton Schivkov schüttelte betrübt das kantige Haupt.

»Wir Friede mit alle Menschen. Wir Gast in Deutschland. Deutschland gut. Wir keine Feinde. Deutschland gut.«

»Schon komisch«, meinte die Polizeimeisterin, als wir in die laue, immer noch ein wenig nach verbranntem Gummi stinkende Frühlingsluft hinaustraten.

»Was finden Sie komisch?«

»Wie viele Bedienungen der hat. So teuer ist das da doch gar nicht, dass der sich so viel Personal leisten kann.«

Ich blieb mitten auf der Straße stehen. »Ich verstehe nicht ganz …«

Eine Straßenbahn bimmelte mich an. Offenbar hatte man die Sperrung der Straße schon wieder teilweise aufgehoben, sodass die Straßenbahnen wieder durchkamen. Für den Autoverkehr war sie allerdings nach wie vor gesperrt. Ich ging ein paar Schritte weiter, um den Schienennahverkehr nicht weiter zu behindern.

»In der Zeit, die wir da drin gewesen sind, sind drei Bedienungen reingekommen, und eine hübscher als die andere. Und zwei sind ja vorher schon da gewesen.«

Mir kam ein böser Verdacht. Der Neffe mit der teuren Armbanduhr. Das Zuhälterauto mit den dunklen Scheiben … Wieder zog ich mein Handy heraus. Während ich auf das Rufzeichen wartete, registrierte ich, dass in der Zwischenzeit Klara Vangelis angekommen war. Wie üblich trug sie ein von eigener Hand maßgeschneidertes dunkles Kostüm. Ihre schwarzen Locken schimmerten im Sonnenlicht. Sie winkte mir kurz zu und sprach dann weiter mit dem Chef der Spurensicherung, der ihr mit großen Gesten etwas erklärte.

Sekunden später hatte ich den Chef des Sittendezernats am Ohr, Hauptkommissar Kollisch. Er war nicht amüsiert über die Störung seines Wochenendfriedens im Schrebergarten. Aber nachdem er gebührend geschimpft hatte, ließ er mit sich reden. Was blieb ihm übrig? Schließlich genehmigte ich seine Urlaubsanträge.

»Klar kennen wir die zwei Früchtchen«, maulte er. »Die Bulgaren haben wir schon eine ganze Weile auf dem Radar.«

»Das heißt, das Bella Napoli ist in Wirklichkeit ein getarntes Bordell und gar kein Restaurant?«

»So würd ich das nicht sagen. Man kann da ja essen, es wird gekocht und alles. Und der alte Schivkov kann natürlich Bedienungen einstellen, so viele er lustig ist. Was in den Zimmern darüber läuft, was seine Kellnerinnen in ihrer Freizeit machen, ist eine andere Geschichte.«

»Darf er als Bulgare hier überhaupt so ohne Weiteres ein Lokal eröffnen?«

»Der Mann ist Deutscher, Herr Gerlach.«

»Der Alte?«

»Nein, der Junge. Die Konzession läuft auf Dobrev. Aber auch wenn es anders wäre – Bulgarien gehört zur EU. Er müsste bloß das Frikadellenabitur machen.«

»Das was?«

Kollisch lachte gutmütig. »Ein vierstündiger Kurs. Grundlagen der Hygiene, bisschen Lebensmittelrecht, das ist alles. Dann können Sie loslegen und Ihr Gourmetrestaurant aufmachen.«

»Und die Mädchen wohnen alle in den Zimmern über dem Lokal? Wie viele sind das?«

»Mal vier, mal sechs, mal acht. Es schwankt.«

»Ich nehme an, die Damen stammen ebenfalls aus Bulgarien?«

»Das nehmen Sie richtig an. Normalerweise sind es Studentinnen, die sich hier ein, zwei Auslandssemester gönnen. Alles ganz legal und nicht zu beanstanden. Manche sieht man sogar hin und wieder an der Uni, habe ich mir sagen lassen. Nebenbei vögeln sie rum, was das Zeug hält, und verdienen sich für ihre Verhältnisse dumm und dämlich. Manche helfen auch ein bisschen im Lokal, und irgendwann verschwinden sie wieder. Dafür kommen andere. So geht der Ringelreihen schon seit Jahren.«

Die Kollegen von der Spurensicherung hatten inzwischen begonnen, das Wrack des Cayenne und seine nähere Umgebung zu untersuchen. Irgendwo begann eine Kirchturmuhr zu schlagen.

Zwölf Uhr. Mittag.

Meine Töchter fielen mir ein, die allein zu Hause saßen und sich vermutlich wunderten, wo ihr Vater wieder einmal blieb.

»Ist Ihnen etwas von Streitereien in Zuhälterkreisen bekannt?«, fragte ich meinen jetzt ein wenig freundlicher gestimmten Dezernatsleiter.

»Nicht, dass ich wüsste. Der Bulgare ist zu klein, als dass die anderen ihn ernst nehmen würden.«

»Wer sind momentan die anderen?«

Das rot-weiße Absperrband um den Cayenne flatterte fröhlich im Wind. Die drei Spurensicherer, von denen man wegen ihrer weißen Schutzanzüge nicht sagen konnte, ob es Männlein oder Weiblein waren, krochen um den Ort der Explosion herum und suchten Zentimeter für Zentimeter den Boden ab. Hin und wieder wurde etwas in ein Klarsichttütchen getan und sorgfältig in eine große, silberne Metallbox gesteckt.

»Bis vor ein paar Jahren haben die Russen den Ton angegeben«, sagte Kollisch. »Später haben sich die Rumänen breitgemacht, aber für die läuft es in letzter Zeit ja nicht so besonders. Momentan ist es eigentlich friedlich in der Szene.«

Ich sah Kollegen, teils in Zivil, teils in Uniform, mit Notizblöcken bewaffnet die Passanten befragen, Personalien feststellen, Aussagen notieren. Auf Klara Vangelis war Verlass. Sie war meine beste und zuverlässigste Mitarbeiterin, die jederzeit klaglos auch an Wochenenden Dienst tat, obwohl sie seit Januar verheiratet war.

Ich verabschiedete mich von Kollisch und wählte, da ich das Handy schon einmal in der Hand hatte, meine eigene Nummer. Es tutete eine Weile, aber niemand nahm ab. Vermutlich schliefen meine Töchter noch und hatten meine Abwesenheit gar nicht bemerkt. Gestern Abend waren sie auf der Geburtstagsparty eines Klassenkameraden gewesen, dem zurzeit angesagtesten Jungen der ganzen Mittelstufe, wie ich ihrem aufgekratzten Getuschel bei den umständlichen und zeitraubenden Vorbereitungen entnommen hatte. Fast zwei Stunden hatten sie damit verbracht, sich aufzuhübschen, und als sie später duftend und gickelnd aufbrachen, sahen sie aus, als ginge es nicht zu einer Party, sondern auf eine schräge Modenschau.

Die Eltern des Geburtstagskinds hatten die Veranstaltung diskret im Auge behalten und ihre jugendlichen Gäste spät nachts sogar nach Hause chauffiert. Nach dem Lärm zu schließen, den meine Mädchen bei ihrer Heimkehr produzierten, musste es eine gelungene Party gewesen sein. Mir graute ein wenig vor den drohenden Berichten, wer sich jüngst in wen verliebt oder mit wem schon wieder zerstritten hatte.

Ich steckte das Handy ein und ging zu meinen Spurenspezialisten hinüber. »Und?«, fragte ich den Chef der Gruppe.

Er hob die Achseln. »Hab’s grad schon der Frau Vangelis erklärt. Der Sprengsatz hat direkt unterm Tank gesessen. Großes Glück, dass der Cayenne ein Diesel gewesen ist und kein Benziner. Sonst würd’s hier ganz anders aussehen. Schade um das schöne Auto.«

3

Balkes Jeans waren schmutzig, ein Ärmel des olivgrünen T-Shirts beim heldenhaften Einsatz am Neckarufer zerrissen. Sein gerötetes Gesicht verriet, dass er sich zu lange in der Sonne aufgehalten hatte. Er stammte aus dem hohen Norden Deutschlands, war hellblond und vertrug Sonne schlecht. Klara Vangelis dagegen wirkte wie frisch aus dem Ei gepellt, dabei war sie seit heute Morgen um halb sieben im Dienst. Obwohl Tochter griechischer Eltern, war sie in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir saßen in der Polizeidirektion bei einer ersten, improvisierten Fallbesprechung zusammen.

Zwischenzeitlich war ich kurz zu Hause gewesen, hatte mich umgezogen und notdürftig die Rußspuren von Händen und Gesicht gewaschen. Meine Hose hatte beim erfolglosen Löschversuch ein Brandloch und mein schönes dunkelblaues Poloshirt große, ölige Rußflecken davongetragen, die auch die chemische Reinigung nicht wieder herausbekommen würde. Meine Töchter hatte ich nicht zu Gesicht bekommen. Ich hatte ihnen einen Zettel auf den Küchentisch gelegt, damit sie wenigstens wussten, wo ich steckte, sollten sie vor dem Abend das Bewusstsein wiedererlangen.

Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern sichtete ich die spärlichen Ergebnisse unserer ersten Ermittlungen. Der Cayenne war ein Totalschaden. An den umliegenden Häusern waren sieben Scheiben zu Bruch gegangen, ein hinter dem Geländewagen geparkter BMW war durch herumfliegende Teile stark beschädigt. Selbst der Straßenbelag hatte durch den Brand gelitten. Drei Personen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion in der Apotheke aufgehalten hatten, wurden wegen Verdachts auf Schock ärztlich behandelt.

Zu elft drängten wir uns in stickiger Luft um einen länglichen Besprechungstisch, während draußen alle Welt ihr verlängertes Wochenende genoss. Heute war Samstag. Übermorgen war erster Mai und somit Feiertag. In der Sonne hatte ich liegen wollen, herumtrödeln, ausspannen, drei lange Tage. Und Theresas Buch lesen, das vorgestern aus der Druckerei gekommen war.

»Nach Lage der Dinge gehen wir davon aus, dass es ein Zeitzünder gewesen ist«, erklärte der schwitzende Leiter des Spurensicherungstrupps mit leicht gekränkter Miene und sonorem Bass. Seine Hände waren wesentlich schwärzer, als meine es gewesen waren, obwohl er sie gewiss auch gründlich gewaschen hatte. »Sicher ist beim gegenwärtigen Stand aber noch gar nichts. Möglich, dass die Techniker in Stuttgart was anderes sagen, wenn sie die paar Krümel untersucht habe, die von der Zündelektronik übrig sind. Der Mann hat übrigens verdammtes Glück gehabt, dass er nicht in seinem Auto gehockt ist. Eine Viertelstunde früher …« Er seufzte schwer und schüttelte betrübt den Kopf.

Das war eine gute Nachricht. Zeitzünder bedeutete nämlich, dass der Anschlag nicht mir gegolten haben konnte. Fünf Minuten vor der Explosion hatte noch nicht einmal ich selbst gewusst, dass ich mich bald in der Nähe des Cayenne aufhalten würde.

Vangelis fasste zusammen, was sie bisher in Erfahrung gebracht hatte: »Halter des Cayenne ist ein gewisser Slavko Dobrev. Auf seinen Namen läuft auch das Lokal. Slavko arbeitet für seinen Onkel, von dem vermutlich das ganze Geld stammt. Er fungiert offenbar als Strohmann des Alten, weil er – im Gegensatz zum Onkel – deutscher Staatsbürger ist. Tagsüber macht er Fahrdienste und kauft ein. Abends ist er so was wie die Security.«

»Eine Pizzeria mit Security?«, fragte Balke verblüfft, der von meinem Verdacht auf illegale Prostitution noch nichts wusste.

Vangelis klärte ihn auf.

Der Spurensicherer räusperte sich. »Wir können übrigens verdammt froh sein, dass die Karre nicht mitten in der Stadt in die Luft geflogen ist. Dann hätten wir jetzt nicht nur ein paar kaputte Scheiben, sondern womöglich Tote oder Schwerverletzte. War schon eine dicke Ladung. Da hat’s einer wirklich ernst gemeint …«

»Was wissen wir sonst über den Sprengsatz?«, fragte ich.

»Nichts.« Er hob den Blick keine Sekunde von den Notizen, die ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lagen. »Ich tippe aber auf Plastiksprengstoff aus dem Osten. An den kommen sie zurzeit am leichtesten, drum wird er immer wieder gern genommen. Das bisschen Material, was wir haben, ist mit dem Zünder zusammen auf dem Weg zum LKA in Stuttgart. Nächste Woche wissen wir mehr. Jedenfalls war’s eine Haftladung mit Magnet, so viel kann ich schon mal sagen.« Er demonstrierte mit seinen Baggerhänden, wie groß beziehungsweise klein ein solcher Sprengsatz war. »Das geht ganz fix. Sie tun, als wäre Ihnen ein Schuhbändel aufgegangen, bücken sich, und patsch – pappt das Ding unterm Wagen. Da muss einer schon gut hingucken, dass er was davon mitkriegt.«

»Die Bombe könnte also schon länger am Tank geklebt haben?«

»Tage, Wochen, kein Problem. Das fällt höchstens in der Werkstatt auf oder beim TÜV. Ich meine, wer guckt schon jeden Tag unter sein Auto? Auf der anderen Seite – wozu sollte der Täter das Risiko eingehen, dass doch einer was merkt? Oder sein Opfer den Sprengsatz an einer Bodenwelle verliert? Ich tippe, das Päckchen hat erst seit ein paar Stunden dort gehangen.«

Klara Vangelis wirkte heute müde, fiel mir auf, und blasser als sonst. Hoffentlich wurde sie mir nicht krank. Sie gab sich offenkundig Mühe, es niemanden merken zu lassen. Jetzt ergriff sie wieder das Wort: »Augenzeugen haben wir bisher leider keine. Niemand hat die Explosion direkt beobachtet, obwohl sich zusammen mit Ihnen, Herr Gerlach, sieben Personen in der unmittelbaren Umgebung aufgehalten haben. Sie dürften übrigens am nächsten dran …«

Mein Handy unterbrach ihren Bericht.

»Wo bleibst du denn?«, fragte Sarah ohne Begrüßung. »Wieso gibt’s nichts zu essen? Wir haben Hunger!«

»Ich habe euch einen Zettel auf den Küchentisch gelegt.«

»Und den sollen wir essen? Was ist denn überhaupt los?«

In der Hoffnung, sie gnädig zu stimmen, erzählte ich ihr von dem Bombenanschlag.

»Und wegen deiner blöden Bombe sollen wir jetzt verhungern, oder was?«

»Im Gefrierschrank sind Brötchen. Die könnt ihr euch aufbacken. Im Kühlschrank sind Käse und Salat und Gurke …«

»Man soll jeden Tag mindestens einmal warm essen, haben wir gelesen.«

»Warum kocht ihr euch nicht selbst eine Kleinigkeit?«

»Kochen?« Sarah klang, als hätte ich vorgeschlagen, bei Schneeregen im Neckar zu baden. »Wir können nicht kochen.«

»Dann wird es dringend Zeit, dass ihr es lernt. Ihr werdet demnächst sechzehn, erzählt ihr mir jeden zweiten Tag.«

»Klar. Schon. Aber … was denn?«

»Irgendwo müsste noch eine Dose Würstchen sein. Ketchup ist auch da. Ihr könntet Hotdogs machen.«

»Wir sind aber Vegetarier.«

Wie konnte ich das vergessen? Nachdem sie in den letzten Monaten hin und wieder schwach geworden waren, hielten sie sich seit Neuestem wieder strikt an die selbst auferlegten Ernährungsregeln.

»Wie wär’s mit Omelette? Mit Tomaten zum Beispiel?«

»Omelette?«

Meine Mithörer wurden unruhig. Manche grinsten nur deshalb nicht, weil sich das nicht gehört, wenn der Chef telefoniert.

»Im Eis müssten auch noch Gemüseburger sein.«

»Fast Food ist total ungesund. Du bist unser Vater, und wir haben ein Recht darauf, dass du uns gesund und regelmäßig ernährst. Das haben wir erst letzte Woche im Ethikunterricht besprochen. Kinder haben auch Rechte.«

An Tagen wie diesem hasste ich die Schule.

Die Unruhe im Raum nahm zu. Einige konnten sich das Grinsen nun doch nicht mehr verkneifen, andere begannen zu tuscheln und rissen vermutlich Witze über mich.

»Jetzt hört mal zu«, versetzte ich. »Esst, was ihr wollt. Wenn ihr etwas braucht, dann geht einkaufen. Ihr seid weiß Gott alt genug, ein paar Stunden ohne mich über die Runden zu kommen. Und wenn euch das nicht passt, dann hungert eben.«

Nachdem ich das Handy ausgeschaltet hatte, fuhr Vangelis fort, als wäre nichts gewesen. »Die Überwachungskameras der Bank habe ich überprüfen lassen. Aber die beobachten nur den Schalterraum und die Geldautomaten.«

Sie hatte eine Skizze vom Ort des Geschehens und einen Zeitplan angefertigt. Der Cayenne hatte seit elf Uhr sieben an der Stelle gestanden, wo er später in die Luft geflogen war. Der Apotheker hatte den Zeitpunkt exakt angeben können, weil er Slavko Dobrev beim Einparken beobachtet und sich für den Fall, dass sein dahinter stehender BMW einen Kratzer erleiden sollte, die Uhrzeit notiert hatte. Im Gespräch mit Vangelis hatte er durchblicken lassen, dass man in der Nachbarschaft durchaus wusste, was sich in den Räumen über dem Bella Napoli abspielte und womit Dobrev seinen Cayenne finanzierte.

Um elf Uhr einundvierzig war die Bombe explodiert, und der geliebte, erst ein gutes Jahr alte BMW des Apothekers hatte weit mehr als nur einen Kratzer abbekommen.

»Wo steht der Cayenne normalerweise die Nacht über?«, fragte ich in die Runde.

Niemand wusste eine Antwort. Mit Dobrev hatte ich selbst gesprochen, aber ich hatte vergessen, ihn danach zu fragen. Das war jedoch kein Problem, denn ich hatte ihn samt seinem Onkel auf drei Uhr ins Präsidium gebeten.

»Da wär eventuell noch was«, meldete sich Polizeimeisterin Grünwald zaghaft zu Wort, die mich ins Bella Napoli begleitet hatte. Vor Verlegenheit hatte sie rote Flecken im Gesicht. »Weiß ja nicht, ob’s wichtig ist. Da gibt’s nämlich einen Nachbarn, einen Lehrer, der wohnt im Haus neben dem Lokal. Und der sagt, er hätte in den letzten Tagen öfters einen jungen Mann da gesehen. Der hätte sich ständig da rumgedrückt, sagt er, und das Lokal beobachtet. Sonst hätte er nichts gemacht. Bloß die ganze Zeit das Bella Napoli beobachtet.«

Vangelis nickte. »Ein zweiter Zeuge hat den jungen Mann unmittelbar vor der Explosion auch gesehen. Später war er verschwunden.«

»Ziemlich gefährlich soll der aussehen«, fügte die junge Kollegin stolz hinzu. »Ein bisschen wie ein Araber.«

»Von diesem angeblichen Araber habe ich auch schon gehört«, sagte ich. »Schicken Sie die Zeugen bitte so schnell wie möglich zum Erkennungsdienst.«

»Hab ich schon.« Ein bisschen unsicher schob sie den Versuch eines Phantombilds in die Mitte des Tischs. Eine Verbrechervisage mit kräftigem Kinn und stechendem Blick aus dunklen Augen starrte uns an.

»Sieht ja echt aus wie ein Serienkiller«, meinte Sven Balke und betrachtete das Bild mit spöttischem Lächeln. »Der muss es gewesen sein, keine Frage.«

»Egal, wie gut oder schlecht das Phantombild ist«, ich schob es der Kollegin mit anerkennendem Nicken wieder zu, »schicken Sie es an alle Dienststellen im Umkreis von hundert Kilometern. Außerdem zeigen Sie es sämtlichen Nachbarn. Und sicherheitshalber schicken Sie es auch an die Bundespolizei wegen der Grenzkontrollen und ans BKA. Wenn wir ein bisschen Glück haben, dann steht er schon auf irgendeiner Fahndungsliste.«

Sie strahlte.

»Neues von unserem unbekannten Toten?«, fragte ich Balke, als die anderen sich erhoben und ich meine Papiere zusammenschob.

Stöhnend winkte er ab. »Wir haben beide Ufer kilometerweit abgesucht, praktisch jeden Stein umgedreht und jede Brücke bis fast nach Heidelberg hinauf mit der Lupe untersucht. Wir haben ein paar Reifenspuren gefunden und Fußspuren im Uferbereich. Auf der Autobahnbrücke war eine Schleifspur, das könnte was sein. Momentan läuft noch die Auswertung. Ich habe aber wenig Hoffnung, ehrlich gesagt. Der Typ kann überall ins Wasser gekippt worden sein. Am ehesten nachts um vier von der Autobahn. Man hält kurz auf der Brücke, macht die Warnblinkanlage an, klappt den Kofferraumdeckel hoch und wartet, bis gerade kein anderes Auto in Sicht ist …«

»Zeugen?«

Er schüttelte den Kopf und sah sehnsüchtig hinaus in den sonnensatten Nachmittag. »Wir wissen nicht, wer der Tote ist, wir wissen nicht, wer ihm das Loch in der Stirn verpasst hat, wir wissen nicht mal, wo man ihn ins Wasser geschmissen hat. Nur eines weiß ich: Er hat seinem Mörder in die Augen gesehen, als der abgedrückt hat.«

Seit Balke nicht mehr solo war, kam er mir friedlicher vor und ausgeglichener. Und er legte plötzlich Wert auf geregelte Dienstzeiten.

»Der Arzt meint übrigens, der Typ stammt aus dem Osten«, fuhr Balke fort. »Irgendwas mit den Zähnen und mit den Tätowierungen. Russland vielleicht. Und er hat ein paar alte Verletzungen, die auf ein bewegtes Leben schließen lassen. Unter anderem eine Narbe am linken Oberarm, die von einem Messerstich stammen könnte.«

Gemeinsam verließen wir als Letzte das Besprechungszimmer und gingen zu meinem Büro hinüber. Anton Schivkov und sein Neffe waren noch nicht da, obwohl es schon kurz vor drei war.

»Aus Russland …«, wiederholte ich.

»Denken Sie, es gibt einen Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Bulgaren?«

»Wir wollen es nicht hoffen.« Ich schloss die Tür auf, und wir durchquerten mein Vorzimmer, das am Samstag natürlich verwaist war. »Ein Bandenkrieg zwischen irgendwelchen Osteuropäern ist das Letzte, was ich brauchen kann.«

4

Auf den Glockenschlag um drei kam der Anruf von der Pforte. Die beiden Bulgaren waren da. Ich ließ sie nach oben bringen, bat Schivkov, auf einem Stuhl im Flur zu warten, und führte Dobrev in mein Büro.

Als wir uns an meinem Schreibtisch gegenübersaßen, wirkte der junge Bulgare bei Weitem nicht mehr so selbstbewusst wie noch am Vormittag. Vermutlich hatte er inzwischen begriffen, dass er nur auf Grund glücklicher Zufälle noch am Leben war. Sein Händedruck war stark gewesen, linkisch und klebrig. Vor meinem Fenster, vermutlich auf der Dachkante, sang eine Amsel. Aus der Ferne antwortete eine andere.

»Wie ist Ihr üblicher Tagesablauf?«, begann ich das Gespräch. »Das ist wichtig, damit wir herausfinden können, wo und wann der Täter den Sprengsatz angebracht hat.«

»Normalerweise fahre ich den Onkel morgens gegen neun zum Restaurant.«

»Hat er kein eigenes Auto?«

»Doch. Einen Mercedes. Aber er fährt nicht mehr gern, wegen seinem schlimmen Bein. Und der Verkehr ist ihm auch zu aufregend. In Bulgarien, da, wo er herkommt, ist nicht so viel Verkehr.«

»Wo genau kommt er denn her?«

»Er stammt aus Breznik. Das ist ungefähr vierzig Kilometer westlich von Sofia in den Bergen.«

»Wie geht Ihr Tag weiter, nachdem Sie Ihren Onkel vor dem Bella Napoli abgesetzt haben?«

»Ich fahre einkaufen. Im Großmarkt und bei Metro in Mannheim. Gegen halb elf liefere ich die Sachen in der Küche ab, und dann hab ich eigentlich frei bis zum Abend. Bis das Geschäft im Restaurant richtig losgeht.«

»Und was ist an den Abenden Ihre Aufgabe?«

Jetzt wurde sein Blick unsicher. »Bisschen gucken, dass es keinen Stress gibt. Dass die Gäste sich anständig aufführen. Manchmal muss man wen vor die Tür setzen.«

Ich vermutete, dass es eher darum ging, die Freier der Damen in den oberen Stockwerken im Auge zu behalten, behielt meinen Verdacht jedoch vorläufig für mich.

»Heute waren Sie später dran als üblich. Warum?«

»In der Küche ist eine Lampe kaputt gewesen. Schon länger. Der Koch hat sich ein paar Mal beschwert, aber der Elektriker ist einfach nicht gekommen, obwohl er es immer wieder versprochen hat. Da hat der Onkel mich gefragt, ob ich nicht mal danach gucken will. Hat mich eine halbe Stunde gekostet. Aber dann hat sie wieder gebrannt. Ein loser Draht.«

»Sie kennen sich mit so was aus?«

»Nicht wirklich. Aber das ist easy gewesen.«

»Dieser Wackelkontakt hat Ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet.«

Dobrev vermied es, mir in die Augen zu sehen, und knispelte mit seinen Fingernägeln herum.

»Was ist eigentlich Ihr Beruf?«

»Früher, in Bulgarien, war ich beim Militär. Am Ende als Oberfeldwebel, würde man hier sagen. Aber da unten funktioniert ja nichts, und dann habe ich gedacht, warum probierst du es nicht mal im Westen? Ich hab zum Glück ein bisschen Deutsch gekonnt. Meine Mutter ist Deutschlehrerin und hat es mir beigebracht. Und da hab ich mir gedacht, wieso sollst du da unten versauern oder verhungern …«

»Wann ist das gewesen?«

»Vor neun Jahren. Ungefähr.«

Seine Antworten kamen mit wenigen Ausnahmen rasch und bereitwillig. Im Großen und Ganzen schien er die Wahrheit zu sagen.

»Und hier haben Sie Ihre Frau kennengelernt?«

»Ja.« Jetzt sah er auf. »Die Rosalind. Sie ist eine gute Frau, auch wenn sie es manchmal ein bisschen mit den Nerven hat.«

»Wie haben Sie eigentlich früher Ihren Lebensunterhalt verdient, bevor Ihr Onkel kam?«

»Mal dies, mal das. Alles Mögliche.«

»Und seit Ihr Onkel hier ist, gehört Ihnen das Haus in Neuenheim, das unter Freunden eine Million wert sein dürfte. Woher hatten Sie plötzlich so viel Geld?«

»Das Haus gehört mir nur auf dem Papier. Der Onkel hat Geld mitgebracht. Er ist ziemlich reich gewesen in Bulgarien.«

»Er ist noch nicht so lange in Deutschland wie Sie, nehme ich an.«

»Nein. Ziemlich genau drei Jahre jetzt.«

»Warum hat er seine Heimat denn verlassen, in seinem Alter?«

»Hat ihm nicht mehr gefallen. Wir haben nie groß drüber geredet.«

»Und wie ist er da unten zu seinem Reichtum gekommen?«

»Weiß nicht. Er redet nie über Geld. Er hat es und fertig.«

»Aber er bezahlt Sie so gut, dass Sie sich einen Cayenne leisten können.«

Wieder Nicken. »Ich bin auch fleißig. Fragen Sie ihn ruhig. Er wird es bestätigen.«

»Wo holen Sie morgens Ihren Onkel ab?«

»Na, in Wieblingen. Er hat da ein kleines Haus. Einen Bungalow. Der Mietvertrag läuft auch auf meinen Namen. Viele Vermieter zicken rum, wenn man keinen deutschen Ausweis vorzeigen kann.«

Die Amsel vor meinem Fenster gönnte sich ein Päuschen.

»Wo steht der Cayenne normalerweise nachts?«

»In der Hans-Thoma-Straße in Handschuhsheim. Da wohne ich.«

»Steht er in einer Garage?«

»Irgendwo am Straßenrand, wo gerade Platz ist. Da gibt’s keine Garagen, in der Ecke.«

»Demnach wäre es kein Problem gewesen, nachts den Sprengsatz an Ihrem Wagen anzubringen?«

»Wohl nicht. Nein.«

»Wie haben Sie die letzten Tage verbracht? Wo waren Sie überall? Wo hat der Cayenne unbeaufsichtigt gestanden? Ist Ihnen vielleicht etwas Verdächtiges aufgefallen?«

Das waren offenbar zu viele Fragen auf einmal gewesen.

»Fangen wir mit Mittwoch an«, sagte ich.

Am Mittwoch öffnete das Bella Napoli erst abends, erfuhr ich. Tagsüber war Dobrev in Mannheim gewesen, um sich irgendetwas zum Anziehen zu kaufen, was er aber nicht gefunden hatte, und später im Technikmuseum in Speyer.

»Echt cool da! Dieses russische Space-Shuttle zum Beispiel wollt ich immer schon mal sehen. Hammergeil, das Teil.«

Gemeinsam erstellten wir ein nahezu lückenloses Bewegungsprofil. Welche Straßen war er wann gefahren? Wo hatte der Cayenne wie lange unbeaufsichtigt geparkt? Aber je länger wir diskutierten und rekonstruierten, desto mehr kam ich zur Überzeugung, dass das Ganze sinnlos war. Es gab Tausende von Gelegenheiten, wo und wann der Täter die Bombe unter dem Tank des Wagens angebracht haben konnte.

Am Freitag, also gestern, hatte Dobrev nicht wie üblich seinen Onkel morgens zum Restaurant gefahren, sondern war in Mannheim gewesen, in der Nähe des Rhein-Neckar-Stadions. Schon die zögernde Art, wie er damit herausrückte, ließ mich vermuten, dass hier etwas zu holen war.

»Wozu?«, fragte ich streng. »Was wollten Sie da?«

»So halt«, erwiderte er lahm. »Zum Spaß.«

»Verkaufen Sie mich nicht für dumm, Herr Dobrev!«

»Ich … Es …« Er knackte mit seinen Fingern und schwieg.

Ich bohrte nach, quälte ihn ein wenig, aber es führte zu nichts. So dumm Slavko Dobrev war, so verstockt konnte er sein. Er war Chauffeur und Helfer seines reichen Onkels und hatte ansonsten von kaum etwas eine Ahnung.

»Wir denken darüber nach, ob der Mordanschlag mit der Gastfreundschaft Ihres Onkels für hübsche junge Damen zu tun hat. Hat es in der Vergangenheit Ärger mit der Konkurrenz gegeben? Drohungen?«

Mein Gegenüber schwieg mit gesenktem Blick und kaute auf der Unterlippe. Ich beugte mich vor und fuhr eindringlich fort: »Wer immer das getan hat, Herr Dobrev, wird es wieder versuchen. Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, dann kann ich den oder die Täter vielleicht aus dem Verkehr ziehen, bevor etwas passiert. Wenn nicht, dann sind Sie demnächst tot.«

Dobrev schwieg und kaute. Ich gab auf. Es war schließlich sein Leben, das auf dem Spiel stand.

»Ich hoffe«, sagte ich, als ich ihn ohne Händedruck verabschiedete, »Sie sind noch am Leben, wenn wir uns wiedersehen.«

Ich brachte Slavko Dobrev vor die Tür und bat Schivkov herein, der offenbar die ganze Zeit aufrecht auf seinem Stuhl sitzend ausgeharrt hatte. Dobrev schien nicht auf seinen Onkel warten zu wollen, sondern machte sich eilig davon.

Anton Schivkov hatte, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte, seinen bulgarischen Pass mitgebracht, seine Freizügigkeitsbescheinigung und sogar die Meldebescheinigung des Heidelberger Einwohnermeldeamts und die Konzession für sein Lokal. Er drängte mir die Dokumente geradezu auf, als läge ihm nichts mehr am Herzen, als die Legalität seiner Anwesenheit und Tätigkeit zu beweisen. Vermutlich war man vor den Behörden seiner Heimat ein Niemand ohne gültige Papiere. Um ihn zufriedenzustellen, sah ich mir die Dokumente an und reichte sie ihm zurück.

Das Gespräch gestaltete sich schwierig. Fragen zu seiner Herkunft beantwortete er mit nervtötender Zuvorkommenheit. Als wir allerdings zur Herkunft seines Geldes kamen, ließen seine Sprachkenntnisse dramatisch nach. Familie hatte er keine mehr.

»Frau tot«, murmelte er mit einer Handbewegung, die alles und nichts bedeuten konnte. »Ich viel, viel allein.«

Für eine Sekunde wirkte er sehr verloren. Aber es war nur ein winziger Moment der Stille, dann straffte er sich und strahlte mich wieder an, als würde er nichts im Leben lieber tun, als die Fragen deutscher Polizisten zu beantworten.

»Sind Sie deshalb nach Deutschland gekommen? Weil Sie in Bulgarien niemanden mehr haben?«

»Deutschland gekommen, ja.« Er nickte eifrig. »Deutschland gut. Menschen gut. Polizei gut.«

Ich stützte meine Unterarme auf den Schreibtisch und faltete die Hände. »Herr Schivkov, mal ehrlich, wie wird man in Bulgarien Millionär?«

»Millo …?«

Ich atmete tief ein und formulierte meine Frage um: »Wie kommt man in Ihrer Heimat zu so viel Geld, dass man sich in Deutschland ein Haus kaufen kann?«

»Deutschland gut Land. Viel Frieden. Viel gut Menschen. Viel gut Polizei.«

Es war sinnlos.

»Ich werde einen Dolmetscher besorgen«, erklärte ich dem alten Mann, Wort für Wort betonend. »Es wäre schön, wenn Sie sich zur Verfügung halten würden, damit wir das Gespräch morgen fortsetzen können.«

»Verfügung gut«, erwiderte er strahlend. »Gerne reden mit deutsch Polizei. Polizei in Bulgaria …« Er tat, als würde er auf den Boden spucken, und reichte mir mit breitem Lächeln seine wulstige Bauernhand.

Sekunden nachdem er durch die Tür war, entdeckte ich, dass er seine Papiere vergessen hatte. Ich lief hinaus auf den Flur und rief seinen Namen. Aber niemand antwortete. Ich lief die Treppe hinunter, konnte Schivkov jedoch nirgendwo entdecken. So schnell konnte er eigentlich angesichts seiner Gehbehinderung gar nicht sein. Aber niemand, den ich traf, wollte ihn gesehen haben. Beide Aufzüge standen mit offenen Türen im Erdgeschoss. Schließlich fragte ich die blonde Kollegin an der Pforte. Angeblich hatte in den letzten Minuten niemand das Haus verlassen.

»Das ist der alte Mann, der vorhin mit dem großen jungen zu Ihnen gewollt hat, nicht wahr?«, fragte sie.

»Genau der.«

»Die Treppe wird er nicht genommen haben, so schlecht, wie der zu Fuß ist.« Sie überlegte mit runden Augen. »Vielleicht hat er noch aufs Klo müssen, oder hat sich im Haus verlaufen?«

Im Grunde konnte mir das ja gleichgültig sein.

»Falls er vorbeikommt, dann geben Sie ihm bitte das hier. Er hat es bei mir vergessen.«

Ich schob Schivkovs Papiere unter der Sicherheitsglasscheibe hindurch und stieg die Treppen hinauf. Als ich meine Bürotür öffnete, sang die Amsel wieder.

Noch einmal wählte ich Kollischs Nummer. Dieses Mal war der Leiter des Sittendezernats von Beginn an freundlich. Ich dagegen weniger.

»Wie kommt es eigentlich, dass dieser alte Bulgare mitten in der Stadt ein Bordell betreibt und Sie nicht einschreiten?«

»Das ist doch gerade sein Trick, Herr Kriminaloberrat: dass das gar kein Puff ist. Der Alte vermietet Zimmer an junge Frauen, das ist nicht verboten. Die studieren und jobben nebenbei in seinem Lokal. Dass er ein bisschen viele und noch dazu ausgesucht hübsche Bedienungen beschäftigt, kann man ihm auch nicht verbieten. Dass die Miete sich gewaschen hat, ist seine Sache. Seine Mädels sind volljährig. Die dürfen Miete zahlen, so viel sie wollen, und schlafen, mit wem sie wollen und so oft sie wollen. Und wenn ihr Stecher anschließend einen Hunderter auf dem Nachttischchen liegen lässt, dann ist das sein Problem und nicht meins. Tut mir leid, Herr Kriminaloberrat.«

Leider hatte er vollkommen recht. Es war praktisch unmöglich, der illegalen Prostitution Herr zu werden. Selbst wenn wir eine der Damen dabei ertappen sollten, wie sie von einem Freier ihren Liebeslohn entgegennahm, war nichts gewonnen. Niemand konnte einen Mann daran hindern, einer Frau Geschenke zu machen. Und niemand konnte es einer Frau verbieten, Geschenke anzunehmen. Selbst in offensichtlichen Fällen von Zwangsprostitution war es in der Vergangenheit vorgekommen, dass die Bordellbetreiber am Ende nur wegen Hinterziehung von Sozialabgaben oder ähnlichen Nebensächlichkeiten verurteilt wurden.

Eine Spur freundlicher fuhr ich fort: »Weshalb ich Sie eigentlich sprechen wollte: Halten Sie es nicht doch für denkbar, dass wir es hier mit einem beginnenden Revierkrieg zu tun haben?«

»Für denkbar halte ich alles. Aber den Rumänen mit ihren Flatrate-Puffs haben wir in den vergangenen Jahren den Strom abgedreht. Die haben im Moment andere Sorgen. Die Russenmafia hat sich in den letzten Jahren eher aufs Nobelgeschäft verlegt. Da ist alles legal und sauber, und natürlich kann man wesentlich mehr Kohle abziehen. Da sind die Klos besser geputzt als in manchem Restaurant. Denen dürfte der Bulgare also ziemlich egal sein.«

»Es könnte ums Prinzip gehen.«

»Sie meinen, nach dem Motto: In meinem Revier macht mir ohne meine Erlaubnis niemand ungestraft Konkurrenz?«

»Ungefähr so, ja. Gibt es einen Namen, der Ihnen in diesem Zusammenhang einfällt?«

»Kopf von dem Russenclan ist früher ein gewisser Lebedev gewesen. Aber der ist vorletztes Jahr ums Leben gekommen. Seither ist seine Witwe am Drücker.«

»Dobrev ist eine absolute Null«, berichtete mir Klara Vangelis kurze Zeit später. »Bevor der Alte hier aufgekreuzt ist, hat er sich in Bodybuilderkreisen herumgetrieben. Eine Weile hat er geboxt, aber meistens nur Prügel eingesteckt. Erst seit sein Onkel das Bella Napoli aufgemacht hat, wirft er mit Geld um sich.«

Ende der Leseprobe