Der ganz andere Vater - Kenneth E Bailey - E-Book

Der ganz andere Vater E-Book

Kenneth E Bailey

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Beschreibung

Viele Menschen tun sich schwer, Gottes bedingungslose Liebe anzunehmen. Kenneth E. Bailey zeigt, wie Jesus in der Geschichte vom verlorenen Sohn auf atemberaubende Weise von der Vaterliebe Gottes erzählt: Einer Liebe, die sich nach uns Menschen sehnt und selbst den höchsten Preis dafür bezahlt, um unsere Heimkehr ins Vaterhaus zu ermöglichen. Auf ungewohnte Weise bringt Bailey den Kern der christlichen Botschaft zum Ausdruck: Ein spannender Kommentar zu Lukas 15 liefert wertvolles Hintergrundwissen. Arabische Kalligraphie illustriert diese Botschaft, und schließlich zeigt ein dramatisches Theaterstück (das sich mit einfachen Mitteln aufführen oder lesen lässt): Gott ist auf der Suche nach seinen Kindern. Bailey hilft mit diesem Buch, die Geschichten, die Jesus erzählte, neu zu verstehen. Dabei stützt er sich auf seine jahrzehntelange Forschungs- und Lebenserfahrung im Nahen Osten und fragt: Was haben die Erzählungen Jesu damals für seine Zuhörer bedeutet?

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Kenneth E. Bailey

Der ganz andere Vater

Die Geschichte vom verlorenen Sohn aus nahöstlicher Perspektive

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gertrud Geddert

Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-738-6, Bestell-Nummer 588 623E

Dieses Buch in gedruckter Form: ISBN 3-937896-23-6, Bestell-Nummer 588 623

Originally published in English unter the title The Cross & the Prodigal: Luke 15 Through the Eyes of Middle Eastern Peasents by InterVarsity Press, P. O. Box 1400, Downers Grove, Illinois 60515- 1426, USA. All rights reserved. © 2005 by Kenneth E. Bailey

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, wurden der Bibel in der Übersetzung von Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, entnommen. © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Umschlaggestaltung: Simone Hark-Schmidt, OffenbachUmschlagfoto: PhotoCase.com

© 2006 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

»Kenneth Bailey muss man kennen! Ich kann ihn wärmstens empfehlen: Wer seine Auslegung über das Gleichnis vom verlorenen Sohn liest, merkt, dass Bailey den kulturellen Kontext der Bibel und den Nahen Osten kennt und mithilft, die Bibel mit frischen Augen zu lesen. Es ist ein großer Gewinn, wenn Baileys homiletischer Ansatz auch deutschen Lesern bekannt wird. Man kann nur wünschen, dass dieses Buch eine weite Verbreitung findet!«

Kirchenrat i. R. Albrecht Hauser, Leiter des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz

»Die Geschichte vom ›Verlorenen Sohn‹ (Lukas 15) gilt als ›Evangelium im Evangelium‹. Oft wird sie dazu benutzt, die Verkündigung Jesu gegen die Theologie des Apostels Paulus auszuspielen. Ohne künstliche Allegorisierung zeigt Kenneth E. Bailey in seinem Buch Der ganz andere Vater, wie dieses Gleichnis auf seine Weise die Selbsterniedrigung Gottes in der Person von Jesus Christus darstellt.

Dieser Aspekt ist von großer Wichtigkeit für einen offensiven Dialog mit dem Islam. Jahrzehntelange Erfahrungen in der arabischen Welt haben Professor Bailey zu einem kompetenten Gesprächspartner gemacht. Seine wissenschaftlichen Kenntnisse und sein erzählerisches Talent können uns helfen, diesen jetzt auch in Europa unausweichlichen Dialog zu führen.«

Dr. theol. habil. Rainer Riesner, Professor für Neues Testament, Universität Dortmund

»Vor über dreißig Jahren lernte ich Ken Bailey als Freund und Kollegen an der Near East School of Theology in Beirut (Libanon) kennen und schätzen. Ich war fasziniert von seinem neuartigen Zugang zur Bibel, den er aufgrund seines langjährigen Zusammenlebens mit Menschen im Nahen Osten gewann. Nun freue ich mich, dass sein damals entstandenes Buch in überarbeiteter Fassung auf Deutsch erscheint und seine Erkenntnisse somit einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht werden.

In dem Buch erweist sich Bailey nicht nur als hervorragender Exeget, sondern auch als origineller Künstler und Schriftsteller, als engagierter Forscher und Missionar. Sein Buch ist allen zu empfehlen, die sich für Fragen interkultureller Theologie interessieren und sich an dem Gespräch über die Bibel mit Christen aus aller Welt beteiligen.«

Dr. Hermann Vorländer, Direktor des Missionswerks der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

»In den Gleichnissen Jesu werden stets Erfahrungen aus dem Lebensumfeld der Zuhörer angesprochen. Aus der Alltagserfahrung leitet das Wort des Herrn zur Gottesoffenbarung. Diese Einsicht wird von Kenneth E. Bailey aus seiner jahrelangen reichen Kenntnis von Sprachen und Kultur des Vorderen Orients erschlossen.

Wie er mit seinen Vorlesungen und Schriften Theologen und Laien in gleicher Weise oft überraschend für das Verständnis des Wortes Gottes den Blick öffnen kann, macht die Wirkung dieser so anschaulichen Auslegung der drei Gleichnisse von Lukas 15 aus. Der Leser wird hineingenommen in das, was Jesus sagt und was der Sohn Gottes für uns tut.«

Prof. Dr. Reinhard Slenczka, D. D., emer. Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen sowie bis 2005 Rektor der Luther-Akademie Riga (Lettland)

»Kenneth Bailey ist ein hervorragender Kenner des Neuen Testaments und der Kultur des Nahen Ostens. Diese Kombination führt immer wieder zu überraschenden Erkenntnissen beim Studium vertrauter Texte.«

Martin Forster, Dozent für Neues Testament am Theologischen Seminar Bienenberg und Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Theologie bei den Vereinigten Bibelgruppen in Schule und Universität (VBG)

»Was der in der angelsächsischen Welt bekannte Exeget des Neuen Testaments mit diesem Buch sowohl dem tiefer schürfenden Bibelleser und der interessierten Bibelleserin als auch den exegetischen Fachleuten in die Hand gibt, ist in der Tat einmalig!

Als Frucht eines Lebens seit seiner Kindheit in der arabischen Welt entstanden Einblicke in die ursprüngliche soziale Umwelt wie in die semitische Sprachkultur, die den Lebenskontext der Gleichnisse Jesu in aufregender Weise neu erschließen. Die ›ghost writer‹ der Auslegungen sind gewissermaßen Fellachen und orientalisch-christliche wie muslimische Intellektuelle.

Kunstvolle Kalligraphien haben Ken Bailey ebenso inspiriert wie seine dramaturgische Begabung. Ihr verdanken wir im zweiten Teil auf einer zusätzlichen Ebene die Umsetzung des Gleichnisses vom ›verlorenen Sohn‹ in ein bühnengerechtes Theaterstück: Welche Kreativität, verbunden mit Erfahrungsreichtum und Gelehrsamkeit!«

Dr. theol. Paul Löffler, ehem. Dekan der Theologischen Hochschule für den Nahen Osten in Beirut (Libanon)

»Dies ist ein Buch für alle, die wissen wollen, was Jesus damals zu seinen Zuhörern sagte, um zu verstehen, was die Bibel heute zu uns sagt. Diese Arbeit Ken Baileys ist sehr aufbauend, geistlich und theologisch. Und wenn Sie sich gerne durch neue Erkenntnisse überraschen lassen, dann wird Ihnen Der ganz andere Vater gefallen!«

The Rev. Marian McClure, Ph. D., Director, Worldwide Ministries, Presbyterian Church (USA)

»Es kommt nur äußerst selten vor, dass sich in Forschungsarbeiten zum Neuen Testament die historische Sachkenntnis eines Wissenschaftlers mit der poetischen Vorstellungskraft eines Erzählers vereinigt. Ken Baileys Der ganz andere Vater vereinigt den Professor mit dem Schriftsteller.

Durch die einzigartige Vertrautheit des Autors mit der christlichen Literatur des Nahen Ostens und sein tiefes Verständnis nahöstlichen Dorflebens liefert der erste Teil des Buches eine faszinierende Erklärung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Dieses Gleichnis stellt nicht einen sentimentalen Bericht über die Reise eines traurigen Sünders dar, sondern vielmehr ein Porträt von Gott als Vater, der bei der Suche nach seinen beiden verlorenen Söhnen jeden nur erdenklichen Preis bezahlt; ein Porträt, das allen mit einem Patriarchen verbundenen Erwartungen widerspricht.

Den zweiten Teil des Buches stellt ein Theaterstück mit vier Szenen dar, in dem diese Auslegung des Gleichnisses auf der Bühne dargeboten wird. Damit wird die exegetische Theologie wieder zu ihrem ursprünglichen Medium zurückgeführt: zum Erzählen einer Geschichte.«

Ulrich Mauser, Otto A. Piper Professor of Biblical Theology Emeritus, Princeton Theological Seminary

»Dr. Kenneth Bailey erschließt die Gleichnisse und Lehren unseres Herrn Jesus auf eine erfrischend neue Art. Als einer, der einen großen Teil seines Lebens im Nahen Osten verbrachte, bringt er erfrischend neue Perspektiven. In der sich entfaltenden Geschichte vom verlorenen Sohn zeigt Bailey, dass es ohne große Kosten auf Seiten des Vergebenden keine Vergebung geben kann.

Diese Ausgabe stellt die Überarbeitung und Erweiterung eines bereits vorher ausgezeichneten Buches dar. Ich empfehle es mit großer Freude.«

The Right Rev. John W. Howe, D. D., Bishop, Episcopal Church Diocese of Central Florida

»Der ganz andere Vater ist ein Buch, das die Ansichten von Neutestamentlern und Evangelien-Wissenschaftlern in der ganzen Welt beeinflusste. Durch die erste Ausgabe (1973) etablierte sich Bailey als einer der führenden Ausleger des Neuen Testaments und begann einen einzigartigen Neuansatz in der Evangelien-Auslegung.

Mehr als sechzig im Nahen Osten verbrachte Lebensjahre (von Ägypten bis Irak) hinterließen in ihm eine tiefe Kenntnis des kleinbäuerlichen Lebens. Er spricht fließend Arabisch, kann gleichermaßen in syrisch, koptisch und aramäisch arbeiten und kennt die rabbinische Literatur bis ins Detail. Diese Kenntnisse stellt er hier in den Dienst der Auslegung von drei Gleichnissen aus Lukas 15. Er kann dabei die Bedeutung von nahöstlichen Besonderheiten für Forschungsarbeiten im Neuen Testament aufschließen.

Heute muss Bailey mit Wissenschaftlern wie Joachim Jeremias in einem Atemzug genannt werden, als führende Gleichnisausleger, deren Arbeit für alle nachfolgenden Ausleger richtungsweisend ist.«

Gary M. Burge, Ph. D., Professor für Neues Testament, Wheaton College and Graduate School

»In Der ganz andere Vater setzt Kenneth Bailey seine seltene und ungewöhnliche Vertrautheit mit der bäuerlichen Kultur des Nahen Ostens ein, um drei bekannte Gleichnisse zu beleuchten: das verlorene Schaf, der verlorene Groschen und der verlorene Sohn.

Bailey hat recht, wenn er behauptet, dass christliche Gemeinschaften mit einer engen Verbindung zur biblischen Welt uns vieles über den kulturellen Hintergrund der biblischen Erzählung lehren können. Dieses klassische Werk, neu revidiert, liefert eine frische Perspektive für ein Verständnis der Liebe Gottes, des Vaters, und für die Erkenntnis, dass die im Kreuz sichtbare Gnade Gottes schon in den Lehren Jesu Christi sichtbar wurde.«

Philip Graham Ryken, Senior Minister,

Ustaz Nageeb Ibraheemgewidmet, in dessen Herz das Licht scheint, das die Finsternis nicht überwinden kann, und dessen leuchtendes Leben

Inhalt

Einleitung zu dieser Ausgabe

Vorwort

Teil eins: Kommentar zu Lukas 15

1 Freut euch mit mir (Lukas 15,1–10)

2 Der Todeswunsch (Lukas 15,11–12)

Der jüngere Sohn

Der ältere Sohn

Der Vater

3 Der gesichtswahrende Plan (Lukas 15,13–19)

4 Die erschütternde Begegnung (Lukas 15,20–24)

Der Weg der Pilgerreise des Verlorenen

5 Der fehlende Höhepunkt (Lukas 15,25–32)

Das Gleichnis von den zwei verlorenen Söhnen – das theologische Bündel

Teil zwei: »Nicht einen Sohn habe ich«

Theaterstück in einem Akt mit vier Szenen

Einleitung

Die Rollen in der Reihenfolge ihres Auftrittes

1. Szene Der Frühstückstisch

2. Szene Die Schweineherde

3. Szene Das Gewand

4. Szene Das Bankett

Hinweise zur Inszenierung

Shaluks Lied

Bibliographie:

Zitierte Werke

Ausgewählte Literatur zum Thema

Einleitung zu dieser Ausgabe

Es sind fast vierzig Jahre vergangen, seit ich dieses Buch verfasste, und diese Neuauflage stimmt mich froh und dankbar. Das Lektorat von InterVarsity Press hat mich gebeten, an dieser Stelle kurz etwas über den Weg zu schreiben, der letztlich zu diesem Buch geführt hat. Diesem Wunsch komme ich gerne nach.

Andrew Walls, der angesehene schottische Historiker für nicht-westliches Christentum bestätigte bei zahlreichen Gelegenheiten, dass die moderne Missionsbewegung die Entstehung neuer akademischer Disziplinen mit sich brachte. Er nennt Anthropologie und Linguistik zusammen mit asiatischen und afrikanischen Studien. Es gibt vielleicht noch eine andere Disziplin, die dieser bemerkenswerten Liste hinzugefügt werden sollte: die Erforschung des Neuen Testaments im Hinblick auf seinen nahöstlichen Hintergrund. Dieser vorgeschlagene Studienzweig mag vielen als Widerspruch in sich erscheinen. Ist nicht der Nahe Osten das Zentrum des Islam? Was hat diese Welt mit dem Neuen Testament zu tun? Gibt es überhaupt genügend Grundlagen für eine solche Erforschung des Neuen Testaments?

Im Nahen Osten leben mehr arabisch sprechende Christen, als es Juden in der ganzen Welt gibt. Diese demographische Tatsache ist im Westen weitgehend unbekannt. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass alle Araber Muslime sind. Die Folge dieser Unkenntnis ist, dass Araber zwar am ersten Pfingstfest teilnahmen (Apostelgeschichte 2,11), die heutigen christlichen Araber aber von der westlichen Welt fast völlig ignoriert werden. Dafür gibt es mindestens drei mögliche Erklärungen.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschrieb Winston Churchill die tiefe Trennung zwischen Ost- und Westeuropa als einen »Eisernen Vorhang«. In den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung fielen über das Gebiet um das Mittelmeer nicht nur einer, sondern drei Vorhänge, die den Nahen Osten von Europa trennten.

Die erste Trennung entstand durch das Konzil von Chalkedon (451 nach Christus), welches zu einer tiefen Spaltung zwischen den Kirchen der griechischen und römischen Welt einerseits und den meisten Kirchen am östlichen Mittelmeer andererseits führte. Der zweite Vorhang fiel mit der islamischen Invasion im frühen siebten Jahrhundert. Als der Islam sich über den Nahen Osten ergoss und über Nordafrika, Spanien und mit der Zeit auch über Kleinasien und den Balkan fegte, entstand eine große Trennung zwischen der »christlichen Welt« und der »islamischen Welt«. Traurigerweise wurden die im Osten lebenden Christen, die von mächtigen muslimischen Kräften überrollt worden waren, zum größten Teil vergessen. Ein dritter Vorhang könnte als der linguistische Vorhang bezeichnet werden. Geschichtlich gesehen waren die Hauptsprachen der nicht-chalkedonischen Christen des Ostens syrisch, koptisch und arabisch. Diese schwierigen Sprachen werden so gut wie nie von neutestamentlichen Wissenschaftlern erlernt. Diese drei Vorhänge bewirken, dass das Christentum des Ostens, mit all seinen geistlichen Schätzen, zum größten Teil unbekannt blieb. Dies bedeutet, dass wir im Westen seit ungefähr 1 500 Jahren das Neue Testament fast ohne jeglichen Kontakt mit den Christen des östlichen Mittelmeergebietes auslegten, die auf einzigartige Weise die Erben der traditionellen Kultur des Nahen Ostens und dadurch auch der Kultur der Bibel sind.

Als Jude beteiligte Jesus sich an der nahöstlichen Kultur und seinem Milieu. Ein starker hellenistischer Einfluss zur Zeit Jesu kann zwar nicht bestritten werden; die Primärsprachen Jesu waren aber aramäisch und hebräisch, nicht griechisch. Was sind nun die Auswirkungen der Kultur des Nahen Ostens für meine exegetische Reise durch Lukas 15, die dieses Buch zu dokumentieren sucht?

Mein 40-jähriger Aufenthalt unter Christen im Nahen Osten befand sich gerade im formativen Anfangsstadium, als ich Der ganz andere Vater verfasste. In all diesen Jahrzehnten arbeitete, dachte und lehrte ich in arabisch. Ich nahm in dieser Zeit auch am kirchlichen Leben Teil, indem ich die auf dem Semitischen basierenden Evangelien erforschte und die vorherrschend semitischen Völker darin unterrichtete. Diese Jahre hinterließen einen sehr tiefen Eindruck in mir.

Wenn Theologie in philosophischen Begriffen ausgedrückt und mit Hilfe von Philosophie und Logik strukturiert wird, dann braucht man dazu Intelligenz und die Fähigkeit, logisch denken zu können. Wenn Theologie aber in Form einer Geschichte präsentiert wird, dann kann die Bedeutung dieser Geschichte nicht angemessen erfasst werden, ohne dass der Interpretierende – so gut wie nur möglich – Teil der Kultur des Erzählers und dessen Zuhörer wird. Eine wunderbare Darstellung dieses Dilemmas präsentiert N. T. Wright in seinem neuen Buch über die Auferstehung.1 Wright zitiert ein Beispiel von George Caird: Aus dem Mund eines Amerikaners bedeutet: »I am mad about my flat!«: »Ich ärgere mich über meine Reifenpanne!« Aber für einen Engländer bedeutet der gleiche Satz: »Ich bin von meiner Wohnung begeistert!« Die Kultur des Sprechers muss also berücksichtigt werden, wenn das Gesagte verstanden werden soll. Das Gleiche trifft für das Leben und die Lehre Jesu zu. Natürlich ist der Geist Gottes durch die Jahrhunderte nicht ohne Zeugnis geblieben. Und doch gibt es Bedeutungsebenen eines Textes, die erst dann erschlossen werden können, wenn die Kultur des Nahen Ostens verstanden und bei der Auslegung der Schrift eingesetzt wird. Lukas 15 ist ein hervorragendes Beispiel für diese Wahrheit.

Ist es eine Schande, wenn ein Mann seinen Vater um sein Erbe bittet, wenn der Vater noch lebt? Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn der ältere Bruder dazu schweigt? Wie soll der Vater reagieren? Bringt der junge Mann seiner Familie im Dorf Schande, wenn er seinen Anteil des Erbes verkauft? Als der Sohn »zu sich kam«, bedeutet das, dass er »bereute« oder dass er »versuchte, etwas zum Essen zu bekommen«? Warum gibt es in der Geschichte keine Mutter? Macht der Vater sich lächerlich, wenn er die Straße hinunterrennt? Darf ein Vater seine Gäste verlassen, um mit seinem ältesten Sohn zu reden, der draußen auf dem Hof schmollt? Und falls er es tut, was bedeutet das? Diese und viele andere Fragen wurden mir mit der Zeit wichtig, als ich das Vorrecht hatte, von meiner Jugend an fast 70 Jahre lang im Nahen Osten zu leben und zu lernen.

Dieses Buch stellte meinen ersten Versuch dar, die Kultur des Nahen Ostens als Ausgangspunkt einer Interpretation eines bekannten Textes aus den Evangelien zu nehmen. Natürlich können wir nicht naiv davon ausgehen, dass die derzeitige Kultur des Nahen Ostens mit der des ersten Jahrhunderts identisch ist. Aber die konservativen traditionellen Dörfer des Nahen Ostens waren für mich ein kultureller Standort, an dem die oben genannten Fragen sich mir geradezu aufdrängten und nach gut durchdachten Antworten schrieen. Ohne diesen Standort hätten sich diese Fragen mir gar nicht erst gestellt und ich hätte infolgedessen auch nicht nach Antworten gesucht. Trotz aller Einschränkungen war mir klar, dass die Kultur des Nahen Ostens ein besserer Ausgangspunkt war, die Gleichnisse Jesu zu interpretieren als meine ererbte derzeitige amerikanische Kultur.

Meine Auslegung von Lukas 15 hat sich sowohl in Bezug auf Methode als auch in Bezug auf die Ergebnisse weiterentwickelt. Ich bin mir fünf verschiedener Stadien bewusst.

1. Die alte Kultur des Nahen Ostens. Mein Ausgangspunkt war die oben erwähnte Tatsache, dass ich das Vorrecht hatte, unter den Christen des Nahen Ostens zu leben und von ihnen zu lernen.

2. Die neutestamentliche Literatur der Christen des Ostens. Gleich zu Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit wurde ich mir allmählich der 1 800 Jahre alten Übersetzungsgeschichte des neutestamentlichen Textes vom Griechischen ins Syrische, Koptische und Arabische bewusst. Übersetzung bedeutet immer auch Interpretation. Jede Übersetzung ist gleichzeitig ein Minikommentar. Die frühesten dieser Übersetzungen sind jetzt schon seit Jahrzehnten meine täglichen Begleiter. Ich entdeckte die bedeutenden syrischen Kommentatoren des Neuen Testaments, wie zum Beispiel Hibatallah ibn al-Assal und Abdallah ibn al-Tayyib. Diese und weitere in arabischer Sprache arbeitenden Wissenschaftler wurden bisher zum größten Teil noch in keiner Sprache veröffentlicht und sind dadurch über einen kleinen Kreis im Nahen Osten hinaus weithin unbekannt. Zehntausende exegetischer, nur als Handschrift vorhandene Predigten, erwarten mich noch.

3. Die rabbinische Literatur. Es gibt keinen Ersatz für Ursprungsquellen. Das zweimalige Lesen der Mischna vom Anfang bis zum Ende war ein aufregendes Abenteuer. Vor allem deswegen, weil ich mich beim Lesen immer wieder in die gleiche Art traditionellen nahöstlichen Dorflebens zurückversetzt sah, die ich bereits kennen gelernt hatte. Ich hatte beim Lesen ein wirklich starkes Déjà-vu-Erlebnis. Nach diesem formativen Erlebnis der hebräischen Literatur war mir klar, dass die primären Strukturen des täglichen Lebens, die ich bereits im konservativen Dorfleben des Nahen Ostens beobachtet hatte, auch in den Schriften der Rabbis des ersten und zweiten Jahrhunderts nachgewiesen werden konnten. Das Lesen des größten Teiles der neunundzwanzig Bände des babylonischen Talmuds und das Lesen des Jerusalemer Talmuds lieferte weitere wichtige Einzelheiten. Es lohnte sich auch, einige Jahre in der Welt der zehn Bände der Midrasch Rabbah, und noch mehr, in der Welt der Tosefta und des Targumim zu leben.

Es geht nicht um die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Veränderungen, die in jeder Gemeinschaft unvermeidbar sind. Ich gehe auch nicht davon aus, dass die rabbinische Interpretation eines bestimmten Psalms im dritten Jahrhundert der des ersten Jahrhunderts entspricht. Es geht vielmehr darum, wie ich bereits an anderer Stelle schrieb:

Beim Auslegen der Gleichnisse Jesu trifft der Auslegende unwillkürlich Entscheidungen (bewusst oder unbewusst) über kulturelle Einstellungen zu: Frauen, Männern, der Familie, Familienstrukturen, Familienloyalitäten und Erwartungshaltungen, Kindern, Architekturstilen, Landwirtschaftsmethoden, Führungsstilen, Wissenschaftlern, religiösen Autoritäten, dem Handel, Handwerkern, Dienern, Essgewohnheiten, einer Gemeinschaft entgegengebrachten Loyalitäten, Formen des Humors, Erzählformen, Methoden der Kommunikation, der Verwendung von Metaphern, Diskussionsformen, Formen der Versöhnung, Einstellungen zu Zeit, zu Regierungsvertretern, was und wie sehr etwas als schockierend angesehen wird, Reaktionen auf soziale Situationen, Gründen für eine Verärgerung, Einstellungen zu Tieren, emotionalen und kulturellen Reaktionen auf verschiedene Farben, Kleidung, sexuelle Vorschriften, Funktion und Bedeutung von persönlicher Ehre und Gruppenehre, und noch viele weitere Dinge.2

Alle Menschen, egal welcher Kultur sie angehören, vertreten bestimmte Standpunkte, die ihre Ansichten bezüglich der genannten Aspekte beeinflussen. Diese kulturell bedingten Einstellungen wirken im Unterbewusstsein und beeinflussen unvermeidlich die Art und Weise, wie eine Person eine Geschichte liest. Meine durch mein Leben im Nahen Osten gemachten Erfahrungen, zusammen mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den frühen rabbinischen Quellen, gaben mir die Möglichkeit, aus meiner eigenen kulturellen westlichen Welt auszubrechen.

4. Psalm 23. Auf meiner Reise durch die Überzeugungen von Jesus dem Rabbiner begann ich allmählich zu verstehen, dass das Gleichnis vom verlorenen Schaf in Lukas 15,3–7 eine »Neubearbeitung« des bekannten Psalms vom Schafhirten darstellt. Als ich begann, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, entdeckte ich in diesem Gleichnis viele neue Schätze.3

5. Jakob. Manchmal stolpert man über eine neue Entdeckung, obwohl man gar nicht danach sucht. So ging es mir beim Hören eines anregenden Vortrages über die Geschichte des Jakob, bei dem mir plötzlich ein Licht aufging. Angeregt durch diesen Vortrag, entdeckte ich nach und nach einundfünfzig Vergleichspunkte und Gegensätze zwischen der Geschichte von Jakob in 1. Mose 27,1–36,8 und dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Mit dem großen Gleichnis der beiden verlorenen Söhne erzählte Jesus ganz eindeutig die Geschichte neu, wie Israel seinen Namen und seine Identität erhalten hatte.4

Ein weiterer Aspekt der Bedeutung dieses großartigen Gleichnisses liegt im Thema christliches Zeugnis gegenüber oder Dialog/Auseinandersetzung mit dem Islam. Der 11. September 2001 und seine Nachwirkungen haben das Christentum und den Islam heute auf weitaus entscheidendere Arten einander gegenübergestellt, als dies vor 40 Jahren der Fall war. Im Islam wird das Gleichnis vom verlorenen Sohn weiterhin als eine Verneinung sowohl der Menschwerdung als auch des Sühneopfers Christi gelesen. (Oberflächlich gelesen scheint es so, als würde sich der verlorene Sohn ohne Hilfe von außen durch seine eigenen Bemühungen mit seinem Vater versöhnen. Wenn das so wäre, dann würde Jesus in diesem Gleichnis islamische Theologie wiederspiegeln.) Der ganz andere Vater versucht sich mit dieser Herausforderung auseinander zu setzen und einige Antworten vorzuschlagen.

Für mich persönlich hatte mit dem ersten Schreiben dieses Buches eine jahrzehntelange Reise begonnen. Handelt es sich dabei um eine »Stimme in der Wildnis?« Vielleicht. Ich hoffe es nicht. Wird es noch andere Stimmen geben, die noch besser als ich in die kulturelle Welt des Nahen Ostens eintauchen werden und noch tiefer in den unerschöpflichen Reichtum der Geschichten von und um Jesus eindringen und sie noch genauer auslegen werden? Ich wünsche es mir ernsthaft. Kann aus diesem vorsichtigen und unsicheren Schritt der mögliche Beginn einer neuen wissenschaftlichen Disziplin werden, die vielleicht eines Tages einmal »Nahöstliches Studium des Neuen Testaments« heißen wird? Ich weiß es nicht. Ich kann nur hoffen, dass eines Tages wieder

eure jungen Männer Visionen sehen und eure alten Männer träumen werden (Joel 2,28; Apostelgeschichte 2,17).

Vielleicht ist ein erklärendes Wort über das Theaterstück angebracht, das den zweiten Teil dieses Buches ausmacht. Wenn »Erzählung« ein ernstzunehmender Teil theologischer Sprache ist, die effektiv Bedeutungen kreiert und vermittelt, dann dürfen Gefühle und Dramatik nicht ignoriert werden. Das Problem ist, dass zeitgenössische »biblische Theaterszenen« häufig zu einem Teil Fiktion sind und dass diese fiktiven Anteile im Verlauf den biblischen Teil und seine Botschaft verdecken. Wenn dies der Fall ist, dann stellt ein Theaterstück zwar die Ideen eines Dramatikers dar, verletzt aber die Absicht des biblischen Erzählers.

Ich schrieb die Drehbücher für zwei professionell produzierte Filme, von denen einer auf den drei Gleichnissen in Lukas 15 beruht.5 In dem jahrelangen Prozess der Überarbeitung dieses Drehbuches sah ich mich ständig der Versuchung ausgesetzt, die Absichten Jesu, so wie ich sie verstand, zu ignorieren und im Film die Ideen des Filmdirektors zu verwirklichen. Durch die Unterstützung des Produzenten war es möglich, dieser Versuchung erfolgreich zu widerstehen, aber sie war immer vorhanden. Vielleicht sind solche Schwierigkeiten der Grund, dass in der Vergangenheit ernsthafte biblische Auslegung und biblische Dramen wenig miteinander zu tun hatten. Außerdem ist es vielen wohl gar nicht erst eingefallen, dass eine gute Erzählung emotional berührt und dass ein Drama den Zielen einer seriösen Exegese dienen kann.

Es ist meine Hoffnung, dass auch andere inspiriert werden, sich auf diesen oft vernachlässigten Weg zu wagen. Von Anfang an hatte ich mir vorgenommen, ernsthafte Exegese und ernsthafte dramatische Dichtung miteinander zu verbinden. Sie gehören zusammen. Der Leser wird über den Erfolg oder das Scheitern dieser Verbindung entscheiden müssen.

Es stimmt, »eine Reise über tausend Meilen beginnt mit einem Schritt«. Eine selbstverständliche Folgerung dieses berühmten Satzes ist: »Der erste Schritt muss in die richtige Richtung gehen.« Beim Zurückschauen habe ich den Eindruck, dass der »erste Schritt«, den dieser bescheidene Beitrag darstellt, in der Tat in die richtige Richtung ging.

Es ist mein Gebet, geneigte Leserinnen und Leser, dass diese hier erklärten Gleichnisse Jesu Sie auf Ihrem Weg des Glaubens bestärken, so wie sie mich auf meinem Weg bestärkt haben.

»Er war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.«

Kenneth E. Bailey

Anmerkungen

1 N. T. Wright, The Resurrection of the Son of God. Fortress, Minneapolis 2003.

2 Kenneth E. Bailey, Finding the Lost: Cultural Keys to Luke 15. Concordia, St. Louis 1992, S. 32.

3 Dies führte zum Schreiben von Finding the Lost.

4 Siehe Kenneth E. Bailey, Jacob and the Prodigal: How Jesus Retold Israel’s Story. InterVarsity Press, Downers Grove, IL 2003.

5Er war verloren und wurde gefunden, ein in Kairo, Ägypten, produzierter arabischer Film mit englischen Untertiteln, 110 Minuten.

Vorwort

Im Verlauf der Jahrhunderte seit dem Aufstieg des Islams wiederholten Muslime immer wieder den Ruf: »Christen haben die Botschaft von Jesus verfälscht« und verwiesen dabei als Beweis auf das berühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ihre Beweisführung kann wie folgt zusammengefasst werden:

In diesem Gleichnis verkörpert der Vater offensichtlich Gott, während der jüngere Sohn die Menschheit repräsentiert. Der Sohn verlässt das Elternhaus, gerät in Schwierigkeiten und entschlieât sich endlich, zu seinem Vater zurückzukehren. Er »yistaghfir Allah« (sucht die Vergebung Gottes). Bei seiner Ankunft heißt der Vater den Sohn willkommen und zeigt so, dass er, der Vater, »rahman wa rahim« (gnädig und barmherzig) ist.

Es gibt kein Kreuz und keine Menschwerdung, keinen »Sohn Gottes«, keinen »Retter«, kein »Wort, das Fleisch wurde« und keinen »Weg zur Erlösung«, keinen Tod und keine Auferstehung, keinen Vermittler und keine Vermittlung. Der Sohn braucht keine Hilfe, um nach Hause zurückkehren zu können.

Das Ergebnis ist offensichtlich: Jesus ist ein guter Muslim, der in diesem Gleichnis muslimische Theologie bestätigt. Das Herzstück des christlichen Glaubens wird daher gerade von dem Propheten abgelehnt, dem das Christentum nachzufolgen behauptet. Der Islam, wo es weder Kreuz noch Retter gibt, bewahrt demnach die wahre Botschaft des Propheten Jesus.