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Ein verschwundener Privatdetektiv. Ein untergetauchter Killer. Eine tragische Liebesgeschichte. Als Roger Cross den Auftrag des zwielichtigen Ölmagnaten Fisher annimmt, einen verschollenen Berufskollegen aufzutreiben, ahnt er noch nicht, in welchen Sumpf aus Verkommenheit er sich vorwagt. Denn Missgunst und Hass kann auch der Tod nicht auslöschen. (Teil 5 der Krimis aus dem Totenreich)
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Myron Bünnagel
Der gebrochene Killer
Krimi aus dem Totenreich 5
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1
Impressum neobooks
Der Ort hieß Dayville, hätte aber genauso gut Deadville heißen können. Ich war bereits zweimal durchgefahren und es trieb sich nicht eine Seele auf der Straße herum. Der Tag hatte sich hier in den Hügeln vorzeitig verabschiedet. Selbst wenn noch etwas von ihm übrig geblieben wäre, hätte ihn der dichte Nebel gefressen. Die einzigen Lichtquellen waren meine Scheinwerfer und ein paar erleuchtete Fenster. Beides erinnerte an Irrlichter mit hinterhältigen Absichten. Hinter dem Ortsausgang breiteten sich Wiesen und dichte Wälder aus, so einladend wie Lovecraft-County. An Vollmondnächten tanzten hier irrsinnige Hexen ihren Reigen, während unsägliche Dinge zwischen den Wurzeln hervorkrochen. Ich wendete und fuhr noch einmal zurück. Dayville bestand nur aus ein paar Straßen, aber ich war als Schnüffler lausig genug, um das Landgut dennoch nicht zu finden. Dafür aber einen einzelnen Spaziergänger, der auf dem Gehweg dahintrottete. Meinen Job hatte ich wenigstens nicht ganz verfehlt. Ich hielt neben ihm und winkte den Mann heran. Er war ein Typ wie viele andere, Ende Vierzig, Bauchansatz und fliehende Stirn. Unter dem Mantel trug er einen gestreiften Pyjama, in der Hand eine Leine ohne Hund, deren Halsband er bei seinem Rundgang hinter sich her schleifte.
„Lausiger Abend, um noch mal vor die Tür gehen zu müssen.“ Ich hielt ihm eine zerknautschte Packung Zigaretten hin, aber er lehnte ab.
„Macht keinen Unterschied, die Abende hier draußen sind alle so.“
„Hoffentlich sind die Tage besser.“
Er besah sich die Leine in seiner Hand. „Spielt keine Rolle, ich muss trotzdem raus.“
„Irgendetwas treibt uns immer. Beißt er?“
„Nein, hat kaum noch Zähne. Haben Sie sich verfahren?“, fragte er.
„So ohne Fährtenhund bin ich verloren. Vielleicht leihen Sie mir Ihren?“
„Kann auch kaum noch was sehen oder riechen.“
„Dann müssen Sie mir helfen. Ich suche das Fisher-Landgut.“
„Den alten Reitstall?“, wollte er wissen.
„Kann sein.“
Er deutete die Straße runter in die Richtung, aus der ich gekommen war. „Vor dem Ortsausgang links in den Feldweg.“
„Da ist kein Weg, ich bin zweimal dran vorbeigefahren.“
„Sie müssen nur genau hinsehen, ich gehe die Strecke jeden Abend.“
„Ich versuche es noch einmal.“
„Würde Sie hinbringen, aber er hat ein lahmes Hinterbein und wir brauchen unsere Zeit.“ Der Mann im Pyjama zeigte auf seinen nicht vorhandenen Hund.
„Werde es schon finden, danke. Graben Sie einen Knochen für ihn aus.“
„Er frisst kaum noch.“
Der Köter war tot, aber es war sinnlos, ihm das zu erklären. Hatte seinen Hund zu Lebzeiten wohl abgöttisch geliebt. Es war dann manchmal schwer im Totenreich alle Tassen im Schrank zu behalten. Ich winkte zum Abschied und ließ ihn mit seiner Hundeleine allein.
Die Zufahrt war da, als hätte sie nur auf mich gewartet. Ich hatte sie im Nebel schlichtweg übersehen. Mein Edsel holperte über die Schlaglöcher. Ich vermisste den Packard, den ich eine Klippe runter gefahren hatte. Aber ich würde nicht in einem imaginären Autor herumfahren, nur mit einem Lenkrad in der Hand und im Pyjama. Also hatte ich ein paar Gefallen eingelöst, die mir ein paar ehemalige Klienten schuldig geblieben waren. Ein Ersatzteil hier, eines da, bis mir mein Mechaniker McGuire aus den Einzelteilen einen fahrtüchtigen Wagen zusammengebaut hatte. Als verblasster amerikanischer Traum waren die Teile eines Edsel hier drüben im Totenreich einigermaßen vollständig aufzutreiben. McGurie hatte mir versprochen, dass der neue Wagen ebenso zuverlässig laufen würde wie der Packard. Bisher konnte ich mich nicht beklagen, vermisste mein altes Schmuckstück aber dennoch.
Nach einem schmalen Waldstück tauchte das Landgut vor mir auf. Eingezäunte Wiesen, eine halb zerfallene Reithalle, Ställe und eine Villa, die mäßig erleuchtet war. Eine einzelne Laterne hing über dem Eingangstor. Das Ganze sah aus, als wäre das Ambiente einer Hazienda auf halbem Weg erstickt. Ich parkte zwischen einem klapprigen Jeep und einem europäischen Coupé, stieg aus und streckte die morschen Knochen. Hier draußen war es still und einsam, musste also der Ausblick sein, der einen hier raus zog. Der hier war blond und trotz des Nebels vorteilhaft in Szene gerückt. Sie stand an einer der Koppeln, einen Stiefel auf die unterste Zaunlatte gesetzt. Weiße Bluse, Reiterhose und Proportionen, die zur Landschaft passten. Sie regte sich nicht, sondern starrte nur auf die verlassene Wiese hinaus. Als warte sie auf jemanden, der niemals kommen würde.
Ehe ich ihr die Wartezeit etwas versüßen konnte, legte sich eine Hand schwer auf meine Schulter. Behaart genug, dass ich es selbst in der Dunkelheit erkennen konnte. „Das ist Privatbesitz, Freundchen. Allessamt.“
„Schade, ich bin Immobilienmakler und könnte sicherlich einen Käufer finden.“
Die Finger gruben sich fester in meine Schulter. „Sieh besser zu, dass du Land gewinnst. Mr. Fisher mag keine Hausierer.“
„Das soll er mir lieber selber sagen. Immerhin hat er mich herbestellt. Und jetzt nimm die Pranke von meinem Mantel, oder ich wechsle ins Bestattungsgeschäft.“
„Hat er das?“ Der Druck ließ nach. „Sie sind dieser Privatschnüffler. Wir hatten Sie vor einer Stunde erwartet. Mr. Fisher mag keine Unpünktlichkeit.“
„Mr. Fisher sollte ein paar Leuchtreklamen aufstellen, damit man die Adresse in diesem verfluchten Nebel finden kann“, bemerkte ich.
„Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihm.“ Er ließ mich los.
„Von mir aus.“ Die Blondine hatte von uns keinerlei Notiz genommen. „Gehen wir.“
Ich folgte ihm zum Haus hinüber. Er war etwas kleiner als ich, aber gedrungen wie eine Kanonenkugel. Lag vielleicht auch an seinem kahlen Schädel, der ganz im Kontrast zu den nackten Unterarmen und seinem Hals stand. Die waren überzogen mit genügend Haaren, um einen Gorilla neidisch zu machen. „Ich bin Leon, der Gutsverwalter.“
„Was gibt es hier zu verwalten?“
„Genügend.“
Wir gingen an der Reithalle vorbei, deren Fenster nur noch gezackte Öffnungen waren. Dem Eingangstor fehlten die Flügel und direkt dahinter hatten sich schwere Dachbalken gelöst.
„Mr. Fisher trainiert wohl nicht mehr viel.“
„Mr. Fisher interessiert sich nicht für Reitsport.“
„Dann hat ihn sein Makler schlecht beraten.“
„Seine Frau allerdings schon, früher wenigstens“, antwortete er mürrisch.
Ich deutete mit dem Daumen zurück: „Die blonde Statue von eben.“
Leon nickte nur und hielt mir die Tür ins Haus auf. Wenigstens gab es hier drinnen keinen Nebel, nur eine Menge Ölgemälde mit Pferden darauf. Für jemanden ohne Begeisterung für Reiterei, hatte Fisher das Thema unentwegt vor der Nase. Wir gingen durch einen Flur und nach einmaligem Anklopfen in einen geräumigen Salon, in dessen Mitte ein Billardtisch stand. Die Lampe darüber beleuchtete das makellose Grün, der Rest des Raumes lag im Schatten. Zwei Sessel, Bücherschränke, noch mehr Gemälde an den Wänden. Und Lucas Fisher, alleiniger Besitzer der Sacrilege Oil. Ein Mann, der es bis in die späten Fünfziger geschafft hatte, ehe ihn eine Lungenentzündung dahingerafft hatte. Schwarzes Haar, am Hinterkopf kahl, schlaffe Gesichtszüge, funkelnde Augen, Tendenz zum Bauch. Er trug ein weißes Hemd, die blassrote Krawatte gelockert, dunkle Hosen und setzte gerade zum Stoß an. Die weiße Kugel schoss gegen die Bande und versenkte die gelbe im Loch.
„Sie sind spät.“ Fisher sah mich kurz, aber eindringlich an, ehe er routiniert den nächsten Ball versenkte.
„Und Sie mögen Verspätungen nicht. Ihr Wachhund hat mich schon aufgeklärt.“
„Leon ist ein guter Mann, Mr. Cross. Für mich arbeiten nur gute Männer.“
„So sagt man.“
Für die nächste Kugel benötigte er zwei Versuche, was ihm deutlich missfiel. „Sind Sie ein guter Mann, Mr. Cross?“
Ich trat näher und setzte mich auf den Rand des Tisches. Meine Finger strichen über das Grün. Makellos, keine Flicken, keine blanken Stellen. „Wäre ich sonst hier, Mr. Fisher?“
„Spielen Sie?“, fragte er.
„Ich würde nur Gefahr laufen, einen Riss in den Bezug zu machen.“
„Nicht bereit für ein wenig Risiko?“
Ich nahm die Acht vom Tisch und ließ das Licht der Lampe darauf scheinen. „Mein Job birgt schon genügend Risiken.“ Leon stand unbeweglich an der Tür. „Wollen Sie mir sagen, was ich für Sie tun kann?“ Ich legte die Kugel zurück und musste warten, bis Fisher sie ebenfalls versenkt hatte.
„Jemand ist verschwunden und Sie sollen ihn für mich finden.“
„Hoffentlich nicht hier oben im Nebel, dann lehne ich lieber gleich ab. Hier findet man nicht mal ein Landgut.“
Er grinste: „Ich mag es ungestört. Der Auftrag birgt ein wenig Ironie, Mr. Cross. Es ist fast, als müssten Sie sich selbst finden.“
„Das kriege ich morgens gerade noch hin“, erwiderte ich.
„Nein, ich meine, Sie müssen einen Mann suchen, der Ähnlichkeiten mit Ihnen hat: Marc Brunner.“
„Der Privatdetektiv? Schon in seinem Büro versucht?“
Fisher verzog das Gesicht: „Natürlich, Mr. Cross. Tatsächlich hat Brunner vor kurzem genau an der Stelle gesessen, an der Sie nun sitzen. Aber dann ist er losgezogen, um einen Auftrag für mich zu erledigen und seitdem verschwunden.“
„Sie meinen, Marc Brunner, der Experte für das Auffinden von Vermissten, wird selbst vermisst?“
„Ich erwähnte die ironische Note bereits, Mr. Cross. Brunner sollte mir vorgestern berichten, tauchte jedoch nicht auf. Leon war in seinem Büro, aber das Mädchen dort wusste auch nicht, wo der Boss war.“
„Ich gebe zu, dass meine Neugier geweckt ist. Wen hat Brunner für Sie gesucht?“
Fisher spreizte die Hände: „Das ist Brunners Auftrag. Ihrer ist es, ihn zu finden. Der erstere ist … delikat, ich möchte die Angelegenheit ungern unter das Volk bringen.“
„Sehr wahrscheinlich, dass Sie das müssen, Mr. Fisher. Ansonsten kann ich auch gleich hier oben im Nebel anfangen und Ihre Zeit verschwenden.“
„Bitte, Mr. Cross, einem guten Mann wie Ihnen wird schon was einfallen. Brunner ist immerhin einer Ihrer Zunft.“
„Sein Büro wäre der logische Ausgangsort. Aber Ihr Wachhund hat sich dort bereits umgesehen.“
„Leon war da, aber das sollte Sie nicht abhalten. Nachforschungen sind nicht gerade sein Fachgebiet.“
„Ich hatte gehofft, der Schein trügt. Brunner hat dort wahrscheinlich Notizen abgelegt, auch über Ihren Auftrag. Warum sparen Sie mir also nicht die Mühe, Mr. Fisher, und sagen mir gleich, nach wem er gesucht hat.“
„Ich gab ihm strickte Anweisungen, keinerlei Vermerke zu machen. Aber man weiß nie. Verdienen Sie sich Ihr Geld, Mr. Cross.“ Fisher ordnete die Kugeln zu einem neuen Spiel. „Und mehren Sie Ihren Ruf, indem Sie den brillanten Brunner finden.“
Brunner, der Mann mit einer verdammten Spürnase, was Vermisstenfälle anging. Der über ein gut sortiertes Netzwerk an Informanten und Kontakten verfügte. Ich war ihm zweimal begegnet. Ein arroganter, unsympathischer Mistkerl. Von mir aus konnte er verschwunden bleiben. Aber noch besser, war es, ihn aufzustöbern. „Wir sind im Geschäft, Mr. Fisher.“
