Ein zweites Leben - Myron Bünnagel - E-Book

Ein zweites Leben E-Book

Myron Bünnagel

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Beschreibung

Eine Entführung. Ein sumerisches Artefakt. Eine kaltblütige Killerin. Und ein Weg nach draußen. Auf der Suche nach einer verschwundenen Altertumsforscherin muss sich Privatdetektiv Roger Cross auf ein riskiantes Abenteuer einlassen, um seinen Hals zu retten. (Teil 6 der Krimis aus dem Totenreich)

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Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Myron Bünnagel

Ein zweites Leben

Krimi aus dem Totenreich 6

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

Impressum neobooks

1

Ich hörte die Explosion noch vier Straßen weiter, auf dem Weg zum Büro. Sie ließ die Scheiben der Schaufenster klirren und brachte den Verkehr beinahe augenblicklich zum Erliegen. Die Leute reckten die Hälse, kamen aus den Geschäften oder rissen die Fenster ihrer Wohnungen auf. Ihre Neugier wurde mit einer dunklen Rauchwolke belohnt, ölig und schwarz, die langsam in den grauen Vormittagshimmel aufstieg.

Ihren Ursprung musste sie irgendwo in den Anfängen des Ascension Drive haben, vielleicht in der Nähe der Stadtverwaltung. Das heulen der Sirenen überlagerte das aufgeregte Raunen um mich herum, hinter mir begannen die Fahrer bereits ungehalten zu hupen. Aber es dauerte, ehe der Verkehr wieder anrollte. Ich übte mich in Geduld und sah der Rauchwolke zu, wie sie langsam ausdünnte, in schwarze Stränge zerfaserten. Sah ziemlich bedrohlich aus und ich grübelte darüber nach, was die Explosion ausgelöst haben konnte, als ich zum Büro weiterfuhr. Feuer und Rauch waren in der Stadt der Toten nicht ungewöhnlich. Ihre Bausubstanz war marode, nicht wenige Gebäude waren in der Lebendwelt abgebrannt, eingestürzt oder abgerissen worden. Zumindest letzteres ohne ihre Bewohner. Aber das sah nicht wie einer der üblichen Zwischenfälle aus, in denen ein Haus ausbrannte oder zusammenbrach. Der ölige Rauch löste sich nur widerwillig auf, hing immer noch im tristen Himmel, als ich meinen Wagen ins Parkhaus lenkte. Der Edsel lief gut, aber ich vermisste den Packard, den ich bei einer Verfolgungsjagd eine Klippe hinunter gelenkt hatte. Zudem klemmte bei meinem neuen Wagen das Verdeck, aber ich war ohnehin nicht der Typ für offene Spazierfahrten.

Bis zum Büro war es nur die Straße runter, unterwegs holte ich mir eine Zeitung vom letzten Monat und zwei Kaffee, die nach diesem Alter schmeckten. Die Ausgabe war so alt, weil Dinge aus der Welt der Lebenden mit leichtem Verzug im Totenreich auftauchten. Der Kaffee schmeckte so, weil hier drüben nichts Geschmack hatte, sondern tot war. Ebenso tot waren die Bewohner. Leute, die nach ihrem Ableben in den schimmernden Zug ins Jenseits gestiegen waren. Ein silberglänzendes, dampfspeiendes Ungetüm, das durch den Mahlstrom schnaufte, der zwischen Leben und Tod lag. Doch diese gequälten Seelen fuhren nicht in den Himmel hinauf, oder in die Hölle. Nein, sie wurden am Bahnhof der Stadt aus ihrer Schockstarre gescheucht und ohne Handgepäck ins Totenreich entlassen. Da standen sie, verwirrt und verängstigt. Gerade noch den süßen Atem des Lebens von sich gebend, nun abrupt davon fortgerissen und in eine Welt aus dauerndem Zerfall und Hoffnungslosigkeit gestoßen. Status: neuer Bewohner des Totenreichs. Grund des Aufenthalts: Begleichen, was immer sie daran hinderte, mit dem Zug weiter in Richtung Erlösung fahren zu können. Ob die Erlösung letztlich Himmel, Hölle oder sonst eine metaphysische Existenzebene war. Dauer des Aufenthalts: Vielleicht bis in alle Ewigkeit. Geisteszustand: Kurz vor Durchdrehen. Während sich hinter ihnen das metallische Ungeheuer schnaubend und heulend entfernte, konnten sie ihre verbliebenden Sinne zusammenraffen und zusehen, wie sie zurechtkamen. Nicht, dass man sie gänzlich mit ihrer Misere alleingelassen hätte. Da gab es das Amt der Seelen, das dem Neuankömmling mit ein bisschen Bürokratie bei den ersten Schritten im Jenseits half. Oder das Büro der Erleuchtung, das sich die besten Kandidaten unter den Neuen aussuchte, um sie zur himmlischen Erlösung zu führen. Während die Damen und Herren vom Neunten Kreis genau jene Kandidaten davon zu überzeugen suchten, den Weg ins Fegefeuer anzutreten. Also eine ganze Menge Spaß, während man versuchte, sein Ableben zu verkraften. Manch einer blieb nicht sehr lange, brachte in seinem Seelenleben in Ordnung, was ihn an der Erlösung gehindert hatte, bekam sein Ticket und dampfte ab. Andere brauchte ewig, um endlich von hier wegzukommen. Einigen von ihnen half ich, so gut ich konnte. Die Restlichen richteten sich ein und taten, was sie auch schon in der Lebendwelt getan hatten. Solange, bis es ihnen unerträglich wurde oder sie doch noch auf den Trichter kamen. Nur ein paar, wie ich, bemühten sich, weder Himmel, noch Hölle zu nahe zu kommen.

Der Aufzug streikte schon wieder und ich hatte es aufgegeben, mich bei der Hausverwaltung zu beschweren. Dafür hatte jemand im Hausflur nicht gerade mit Reinigungsmittel gespart, ohne einen nennenswerten Erfolg zu erzielen, außer die Luft zu verpesten. Ich stieß die Bürotür auf, um dem Gestank zu entgehen. „Abbie, ich befürchte, der Hausmeister hat die Mieter nebenan in Reiniger aufgelöst, weil sie sich zu oft über den defekten Aufzug beklagt haben.“

„Ich glaube eher, dass er uns ausräuchern möchte, weil wir uns zu häufig beschweren.“ Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und sortierte Akten. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich im Lauf der Jahre so viel Papierkram angesammelt hatte. Abbie, eine rothaarige, schnippische Person mit irischen Wurzeln, arbeitete seit ein paar Monaten für mich. Vorher hatte sie für einen meiner Konkurrenten im Vorzimmer gesessen – einem unsympathischen Kerl namens Brunner, der den Rest seiner Tage die Wand in einer Irrenanstalt anstarrte. Statt sich einen völlig neuen Job zu suchen und über Brunner hinwegzukommen, hatte sie sich entschlossen, sich meiner charmanten Art als Arbeitgeber auszusetzen.

„Hier, dein Kaffee. Ich habe dir gesagt, wir sollten warten, bis der Kerl zur Hölle gefahren ist und jemand anderes den Fahrstuhl repariert, früher oder später müssen sie dieses Scheusal einfach abholen.“ Enar, der Hausmeister, war ein schweigsamer, dürrer Zwei-Meter-Mann, vermutlich Skandinavier, mit einer Laune, die auch die Höllenfeuer hätte gefrieren können. Er war nie mit dem beschäftigt, um das er gebeten worden war, dafür aber immer beschäftigt. Vermutlich plante er Morde oder mauerte Leichen ins Fundament ein.

„Vorher wird dieser verfluchte Schwede noch den Aufzug in Ordnung bringen. So wahr mir Gott helfe!“ In ihren grünen Augen blitzte es gefährlich. „Da wartet übrigens ein Kunde auf dich.“

Er saß tatsächlich völlig reglos in der Besucherecke, gerade mal auf der Kante des Sessels, um sich die hellgraue Hose nicht besudeln. Ich war nicht besonders erfreut, ihn zu sehen. „Jules Bradford. Das ist … eine Überraschung. Du bist wohl hier, um mir die Ehrenbürgerschaft zu überreichen?“ Ich hängte Mantel und Hut auf und sah ihn unfreundlich an.

„Das wird wohl erst geschehen, wenn der Herrgott den Thron aufgibt.“ Er erhob sich, aber wir schüttelten uns nicht die Hand. In seinem geschniegelten Anzug sah er aus wie eine Taube. Wobei dieser Vergleich vielleicht auch durch diese wiegenden Bewegungen seines Schädels gefördert wurde. Ein nervöser Tick, so wie andere ihre Hände nicht stillhalten konnten oder mit den Augen zwinkerten, wiegte er den Kopf vor und zurück. Fehlte nur, dass er zu Gurren anfing.

„Dann wüsste ich keinen Grund für deinen Besuch und halte es für angebracht, wenn du verschwindest.“

In Bradfords Augen, grau wie seine Kleidung, trat ein eigenartiger Schimmer. Mehr als die übliche Abneigung. Wirkte richtig bösartig. „Tatsächlich bin ich geschäftlich hier, Cross.“

„Danke, kein Interesse. Abbie, zeig dem netten Herrn doch die Tür.“ Jules und mich verband eine alte Geschichte. Sehr alt. Ich hatte damals mit meinem Job hier drüben angefangen und er bat mich, ein Mädchen für ihn zu suchen. Wie sich herausstellte, seine Schwester. Corin Bradford, gesegnet mit einem ganz anderen Charakter als dieser ölige Mistkerl. Warmherzig und freundlich. Sie steckte in Schwierigkeiten und ich vielleicht meine Gefühle zu tief in die ganze Angelegenheit. Nachdem ich sie gefunden hatte, half ich ihr aus der Patsche. Oder versuchte es wenigstens, statt sie zu ihrem Bruder zurückzubringen. Aber etwas ging schief und am Ende verlor Corin wieder. Jules verkraftete das Verschwinden nicht sonderlich gut.

Er seufzte: „Nicht privat, sondern offiziell. Das Amt hat einen Auftrag für dich.“

„Das Amt, mmh?“ Ich wechselte einen kurzen Blick mit meiner Sekretärin, die uns beobachtete, als wären wir exotische Kampffische in einem Aquarium. „In Ordnung, ich kann es mir wenigstens mal anhören.“ Abbie nickte leicht. Ein offizieller Auftrag vom Amt der Seelen fehlte noch in den Referenzen. Jene Institution, die sich um die frisch verstorbenen Seelen kümmerte, die hier im Totenreich ankamen. Das Amt hatte eine mehr oder minder offizielle Funktion und diente als hilfreiche Anlaufstelle für all die gequälten Seelen, die hier drüben strandeten. Aus dem Leben gerissen, orientierungslos und verängstigt, konnten Neubürger hier um Unterstützung bitten. Das Amt kannte leere Wohnungen, Jobs und Therapeuten.

Ich stieß die Tür zu meinem Büro auf und Jules folgte mir, ohne eine Aufforderung abzuwarten. Auf meinen Wink setzte er sich auf einen der Besucherstühle, wieder nur auf die Kante. Ich ließ mich in meinen Sessel fallen. „Was gibt es also?“

Er sah sich einen Moment um, fand aber scheinbar nichts, was seiner Missbilligung würdig war. Abgesehen von meiner Person. „Das Amt hat mich geschickt, dir einen Auftrag zu geben. Normalerweise haben wir einen Partner für solche Angelegenheiten, aber der hat vor kurzem sein Geschäft aufgegeben, wie es scheint.“ Er lächelte kalt. „Du hast nicht nur seine Aufgabengebiete übernommen.“ Jules neigte den Kopf in Richtung Empfang. „Ich gehe davon aus, dass du nicht ganz unbeteiligt an Brunners Abgang warst, aber das Amt sieht das anders.“

„Ich will der einzige verdammte Privatschnüffler in dieser Stadt sein, Brunner war nur im Weg. Du weißt doch, dass ich jedwede Konkurrenz nicht vertrage.“ Bradford nickte unbestimmt. Er musste mich wirklich für einen schlechten Kerl halten. Doch selbst wenn das zutraf, war er immer noch etwas schlechter. Aber bei Brunners Abgang traf mich ich keine Schuld. „Was will das Amt also von mir?“

„Du sollst jemanden für uns finden.“ Er spreizte die Finger. „Und bei uns abliefern.“ Jules starrte mich zwischen den Fingern hindurch an, nagelte mich mit seinen grauen Augen fest. „So schwer ist das nicht, Cross.“

„Manchmal vielleicht doch. Wen vermisst ihr?“

Er senkte die Hand. „Eine Tote namens Refugia Goodrow. Kam vor vier Tagen an und wurde von einem unserer Mitarbeiter betreut. Als er sie gestern abholen wollte, tauchte eine schwarze Limousine auf, zwei Männer stiegen aus, schlugen ihn nieder und entführten die Goodrow.“

„Klingt nach einer großartigen ersten Woche im Totenreich für die Dame. Ihr habt sicherlich die Polizei gerufen.“

Jules bejahte: „Wir haben nicht viel Hoffnung, dass sie sich besondere Mühe in der Angelegenheit geben.“ Der städtische Polizeiapparat bewegte sich beständig zwischen chronischer Unterbesetzung, interner Querelen, Korruption und persönlichen Dramen. Man konnte einen guten Tag in seinen Mühlen erwischen, oder Pech haben. „Hershel Sarnowski kümmert sich darum.“

„Kenne ich nicht. Was könnt ihr mir über Refugia Goodrow sagen, nach wem suche ich? Wer hätte ein Interesse daran, sie zu entführen?“ Auch wenn ich Jules nicht ausstehen konnte, das Amt der Seelen war ein guter Auftraggeber. Und machte einen wichtigen Job, in dem es die frisch Verstorbenen in den ersten Wochen hier an die Hand nahm. Ihnen Unterkunft verschaffte, einen Job und generelle Orientierung in diesem Hexenkessel.

„Die üblichen Informationen. Goodrow, Refugia. 51 Jahre, 1,61 m, braune Haare, braune Augen, keine auffälligen Merkmale. Professorin für Altertumsforschung. Verstarb bei Komplikationen während einer Gallensteinoperation. Ankunft vor vier Tagen.“ Bradford leierte die Daten herunter, als hätte er jede Kundenkartei im Kopf abgelegt. „Warum sie Opfer einer Entführung wurde, vermögen wir bisher nicht zu sagen.“

„Gab es Forderungen? Weitere Zeugen? Was ist mit eurem Mitarbeiter?“

„Nein, keine Lösegeldforderungen. Shelton Dikkers ist zuverlässig, seit zwei Jahren im Außendienst. Am besten sprichst du selbst mit ihm. Ich schreibe dir seine Adresse auf. Shelton kann dir auch Refugias Wohnung zeigen.“

Ich schob ihm Papier und Kugelschreiber zu, der erst beim dritten Versuch funktionierte. „Muss ich sonst noch was wissen?“

Jules schüttelte den Kopf. „Es gibt nichts weiter. Wann fängst du an?“

„Sofort.“ Ich steckte die Adresse ein.

„Gut. Finde sie, schnell.“ In seinen Augen lag für einen Moment wirkliche Besorgnis. Erlosch aber gleich wieder, als er sich in Erinnerung rief, wo er sich befand. „Ruf mich an, wenn du sie gefunden hast.“