Stadt der Sünder - Myron Bünnagel - E-Book

Stadt der Sünder E-Book

Myron Bünnagel

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Beschreibung

Ein Satz pikanter Fotos. Ein perfektes Erpressungsopfer. Eine todsichere Chance. Gideon Marr ist das Leben in der verschlafenen Kleinstadt Prezella leid. Die Liebe seines Lebens direkt vor sich und doch unerreichbar. Finanziell abhängig von seiner Mutter Dolores. Mit einem dunklen Fleck in seiner Vergangenheit. Gideon hat sich geschworen, niemals mehr eine krummes Ding zu drehen. Doch eine ungefährliche, kleine Erpressung kann er sich nicht entgehen lassen. Absolut sicher, zumindest bis die Ereignisse anfangen, aus dem Ruder zu laufen. Und zwar gehörig. Auf der Jagd nach dem großen Geld muss er nicht nur zwei brutale Killer abschütteln, sondern auch erkennen, dass tiefe Abgründe in Prezella lauern. Es geht ums nackte Überleben in der Stadt der Sünder.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Myron Bünnagel

Stadt der Sünder

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Erster Teil

I. Am Abgrund (Prolog)

II. Der Job

III. In flagranti

IV. Entscheidung

V. Ausführung

VI. Näher am Abgrund

VII. Aussichten

VIII. SIE

IX. Arbeit

Zweiter Teil

X. Feuer (Prolog)

XI. Einkassiert

XII. Mutter

XIII. Mehr Probleme

XVI. Schmutzige Hoffnungen

XV. Erpressung

XVI. Handlanger

XVII. Knietief

XVIII. Funken

XIX. Flammen

XX. Katharsis

XXI. Muttersöhnchen

XXII. Abschied (Epilog)

Impressum neobooks

Erster Teil

I. Am Abgrund (Prolog)

Das Leben war ein Abgrund: Man kroch am Rand entlang, bis man den Halt verlor. Oder hinab gestoßen wurde. Dann ging es nur noch abwärts. Man schlitterte, überschlug sich, prallte ein paar Mal heftig auf und fiel.

Unten wartete der schnelle Tod … wenn man Glück hatte.

Und der Moment, in dem man einen Fehltritt machte, kam. Früher oder später.

Es ging nur darum, ihn so lange wie möglich hinauszuzögern. Egal wie.

Das ging mir in jenem Augenblick durch den Kopf, als ich dort oben lag. Durchnässt, frierend, mit einem Schädel, der jede Sekunde bersten würde. Vielleicht nicht mit derselben Klarheit. Nicht als Lebensphilosophie. Darum hatte ich mich nie viel geschert. Einfach als verdammte Offenbarung: Das Leben zieht dich runter, bis du krepierst. So in etwa. Vielleicht waren Schmerz und Angst die Augenöffner. Meine linke Gesichtshälfte war taub, aber nicht ausreichend genug, um das Stechen darin zu überdecken. Ich schmeckte Blut. In meiner Schulter rumorte es, weil meine Arme zu grob nach hinten gezogen wurden. Und der Draht schnitt mir in die Handgelenke, wo sie zusammengebunden waren. Meine Stirn ruhte auf dem Fels, der Regen prasselte herab. Ich lag auf der Seite, wagte aber nicht, mich zu bewegen. Dazu war der verdammte Abgrund zu nah. Ich meinte nicht den metaphorischen, sondern die Felsschlucht vor mir. Jakobsschlucht. Eine fünfzig Meter tiefe Wunde inmitten der Hügel. Ich hatte oft genug hier oben gesessen, um jeden Vorsprung der Steilwand zu kennen. Auch jetzt, mitten in der Nacht. Das machte es nicht besser. Der Fels schimmerte madig-weiß und der Wald dort unten sah aus wie aus einem Horrorfilm. Auch wenn ich die Augen schloss, ging das Bild nicht weg. Wurde schlimmer, weil der Grund in meiner Vorstellung immer weiter nach unten wirbelte. Wie in diesem Hitchcock-Streifen mit dem Kirchturm und dem Typen mit der Höhenangst. Also starrte ich hinunter. Das war der Moment, in dem ich die Angst spürte. Die vor dem Sterben. Sie war plötzlich da und schnürte mir die Kehle zu und brachte Herzgefäße zum Platzen. Sie war nicht wie die anderen Ängste. Viel direkter und deutlicher und irgendwie … befreiend. Da oben fürchtete ich nichts mehr, als abzukratzen. Meine Gehirnmasse über die Felsen zu verteilen. Mir das Genick zu brechen. Den Sturz zu überleben und dann da unten jämmerlich zu krepieren. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass die Angst da war.

Aber gleichzeitig war der Gedanke auch erhebend. Wenn die Existenz wirklich so ein scheiß Abgrund war, dann konnte sie auch hier und jetzt enden. Vielleicht redete ich mir das aber auch nur ein, um der Panik zu entgehen.

Nur der Film kam nicht. Ich meine den, der vor dem inneren Auge ablaufen sollte. Vermutlich war ich einfach noch nicht tot genug. Oder das war nur Gerede. Das einzige, was mir durch den Kopf ging, war, dass Dolores ziemlich sauer sein würde. Trotz der Schmerzen musste ich fast lachen. Dolores … von allen in der Welt!

Dann gingen die Scheinwerfer an. Ich hatte vergessen, dass er da war. Irgendwo hinter mir stand der Jeep und strahlte mich an wie ein verdammtes Ausstellungsstück. Mit Mühe hob ich den Kopf und schaute über die Schulter. Das grelle Licht trieb mir Skalpelle in die Augen, die zerlegten gleichzeitig auch noch meine Wirbelsäule. Erkennen konnte ich nichts. Dichte Regenschleier trieben dahin. Das Fahrzeug stand neben ein paar Tannen, vielleicht zehn Meter hinter mir. Er musste darin sitzen und mich beobachten. Schon eine ganze Weile. Ich hatte keine Ahnung, seit wann ich hier oben lag. Oder wie lange ich bewusstlos gewesen war. Die Schmerzen wurden unerträglich und ich wandte mich wieder um. Die Helligkeit, die es an mir vorbei in die Schlucht schaffte, verstärkte die unheimliche Atmosphäre noch. Ich wünschte mich eine Million Kilometer fort von hier. Oder wenigstens in mein Hotelzimmer. Oder, dass der verdammte Regen endlich aufhörte.

Die Autotür schlug zu. Seine Schritte kamen langsam näher, ich konnte sie auf dem matschigen Boden hören. Alles in mir sträubte sich dagegen, aber ich schaute dennoch hin. Shit, er sah aus wie der Teufel. Nicht mit Hörnern, sondern mit Basecap, Jeansjacke, Holzfällerhemd und Lederhandschuhen. Es war dieses beschissene Licht, das ihn einrahmt und sein Gesicht im Schatten ließ. Wie etwas aus dem Wald da unten. Er kam näher und ragte über mir auf. Und er war so verflucht wütend, dass mein Herz einen Sprung tat. Seine Stimme war ein Knurren, sein Mund ein dunkles Loch. Du mieses, kleines Schwein. Du verdammter Drecksack.

Dann trat er zu. Die Stiefelspitze in die Nieren. Ich biss die Zähne zusammen und unterdrückte einen Schrei. Er wusste, wie es wehtat. Nach dem vierten war mein Rücken nur noch pochender Schmerz, vor meinen Augen flimmerte es. Aber ich schrie nicht. Tränen, aber keinen Laut.

Er legte eine Pause ein, schnaufte wie ein Stier. Ich konnte nicht mal mehr den Kopf heben.

Dann schrie ich. Brüllte wie am Spieß, als er einen Stiefel unter meine Beine rammte und mich mit einem Ruck vorwärts beförderte. Ich kippte auf den Abgrund zu, fast wie im Zeitraffer. Und verfluchte mich selbst, meine Vorsätze gebrochen zu haben. Und dachte an sie. Dolores …

II. Der Job

Ich habe mich oft gefragt, warum ich gerade in Prezella hängen geblieben war. Wenn ich auf dem Marktplatz die Zeit totschlug. Oder wenn ich beim immer gleichen Metzger eine Rostbratwurst aß. Dann schaute ich mich manchmal um, sah die Häuser und die Leute, von denen ich die meisten schon von Kindheit an kannte. Alles war vertraut, abgenutzt, klein und verschlafen. Und war doch etwas, in dem meine Wurzeln lagen. Ich war darin aufgewachsen, war durch die Gassen gerast. Hatte mir an den Schaufenstern die Nase platt gedrückt. Das widerte mich an, weil es so provinziell, so monoton war. Ich hatte andere Städte erlebt – Berlin, Köln, Leipzig. Groß, anonym, modern. Voller Möglichkeiten, Hoffnungen, Träume. Und doch … hier war ich, saß auf der gleichen Bank, auf der ich als Teenager Bier getrunken hatte. Vertilgte den letzten Rest einer Wurst, die schmeckte wie alle Würste vorher. Prezella, verlässliche Kleinstadt. Einen Steinwurf von der tschechischen Grenze. Hier konnte ich genauso gut auch sterben. Beerdigt neben meinem Großvater, draußen auf dem alten Friedhof. Und wie er, konnte ich mit den anderen Greisen in der Sonne sitzen, abends im Krug oder einer anderen Kneipe, bis sie mich tot raustrugen. Irgendwie so musste es mit ihm gewesen sein, aber ansonsten wusste ich nicht viel über den alten Mann. Vermutlich war er einer der Stränge, die mich hier so lange festgehalten hatten. Trotz allem. Prezella war irgendwo ein Teil von mir, ich von ihr. Und die Leute wussten das, genau wie sie alles andere über mich wussten. Oder zu wissen glaubten. Denn in ihrer Überzeugung lag genügend Sicherheit für mich – für alles, was sie nicht wissen durften. Und ich kannte sie, verstand intuitiv, wie sie reagierten. Wem ich aus dem Weg gehen musste, wer Korn und Bier spendierte.

Es gab noch mehr … Ich war kein Naturtyp, nichts mit Wandern oder so. Aber manchmal fuhr ich raus aus dem Stadtmief, hinauf in die Hügel. Wald, freier Himmel – seit ein paar Jahren wusste ich das wirklich zu schätzen. Dann gab es noch zwei oder drei andere Dinge, die mich hielten, an die ich aber nie richtig dachte. Weil ich nicht genau wusste, was ich davon halten sollte.

Ich blickte auf die LCD-Uhr, die ich mir vor ein paar Tagen gekauft hatte. Stoßfestes Plastik, vielleicht ein wenig zu jugendlich. Viertel vor drei, ich musste mich auf den Weg machen. Mein alter Ford stand hinter der Kirche. Metallicbraun, mit Schiebedach und zerbeulter Beifahrertür. Man kannte die Karre überall in der Stadt, so dreckig war sie. Ich wusch sie nur zweimal im Jahr. Dafür konnte ich mühelos erkennen, wenn sich jemand daran zu schaffen gemacht hatte. Ein bisschen Vorsicht konnte nicht schaden. Das Lokalradio plärrte Veranstaltungstipps heraus. Kino, Kirchenchor, Seniorenausflug. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Der Dialekt der Moderatorin tropfte aus den Lautsprechern. Ich war mit ihr zur Grundschule gegangen. Wenn es eins gab, dass ich wirklich nicht verinnerlicht hatte, dann war es der verdammte Dialekt. Ich verstand ihn zwar, sprach ihn aber nie. Vielleicht, um mir hier ein bisschen Andersartigkeit zu bewahren.

Ich verließ den alten Stadtkern und fuhr durch Habefeld, einem eingemeindeten Vorort, so idyllisch und verschlafen wie ein Hinterwäldlernest. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Zeit seit der Wende an manchen Flecken hier eingefroren war. Dahinter, an die Ausläufer der bewaldeten Hügel geschmiegt, erstreckten sich die Villen. Alte, teure Häuser, in denen die Reichen und Wichtigen von Prezella wohnten, solange ich denken konnte. Die 48 war ein wuchtiges Herrenhaus mit elfenbeinfarbener Fassade, hohem Gitterzaun und einem überdachten Pool, der vor etlichen Jahren an das alte Gebäude angebaut worden war. Die Prezellaer hatten sich monatelang darüber aufgeregt.

Ein cremeweißes Mercedes-Cabrio stand in der Einfahrt. Ich fuhr daran vorbei und parkte um eine Straßenecke, blieb ein paar Minuten im Wagen, trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Endlich stieg ich aus, kontrollierte den Sitz meines Hemdes, das ich mir eben im Kaufhaus HOJ gekauft hatte. Weiß, mit dünnen, lila Streifen. Dazu Jeans und Turnschuhe. Eine Rasur hätte mir gut getan, andererseits passten die Stoppeln für den Moment.

Ich konnte mich nicht erinnern, jemals die 48 betreten zu haben, selbst damals nicht, als wir die Gegend unsicher gemacht hatten. Ein paar Jahre nach der Wende war es ein Sport, die ehemaligen Bonzenvillen mit Graffiti zu verschandeln. Eine späte Form von Protest, die Politgrößen waren da schon lange aus diesem Teil der Stadt verschwunden und hatten den Neureichen Platz gemacht. Die Josigers, die hier wohnten, gehörten nicht dazu. Bodo war ein Selfmademan, hier geboren und nach dem Mauerfall mit seiner Spedition und ein paar fragwürdigen Spekulationen zu viel Geld gekommen. Seine erste Frau zählte zum alten Stadtadel, ehe sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Unter Alkoholeinfluss war sie in einen neu gebauten Brückenpfeiler gerast, unten am Fluss. Das musste jetzt zehn Jahre her sein. Bodo war nicht lange allein geblieben. Cornelia zog bei ihm ein und brachte Großstadtflair mit. Nach sechs Monaten heirateten sie, gaben eine verschwenderische Party und ließen den Pool bauen. Ich hatte während meines Studiums ein paar Mal für Josigers Firma gearbeitet, kannte die beiden aber nur flüchtig. So flüchtig man jemanden eben kennen konnte, dessen Leben Stadtgespräch war. Aber ich war mir sicher, dass Cornelia Klasse hatte. Kein verwöhntes Landmädchen, sondern ein Großstadtkätzchen mit Klauen. Als sie mich heute Morgen angerufen hatte, war das durchaus eine Überraschung. Sie hatte einen Job, den ich für sie erledigen konnte. Diskret, gegen Bezahlung. Mehr sagte sie nicht. Dann hatte sie mich für den Nachmittag zu sich eingeladen.

Ich betätigte den Klingelknopf auf dem verschnörkelten Namensschild und starrte in den Himmel hinauf. Weit im Osten hatten sich die Wolken dunkel verfärbt. Vermutlich würde es heute noch regnen. Die Gegensprechanlage knisterte und eine weibliche Stimme fragte: „Ja?“

„Gideon“, erwiderte ich. Irgendwo hing bestimmt eine Kamera, aber ich konnte sie beim besten Willen nicht entdecken. Es gab ein Surren und das Gitter öffnete sich. Also ging ich zum Haus hoch und warf dabei einen Blick ins Innere des Coupes. Rote Lederpolster, volle Einkaufstüten auf der Rückbank – von der einzigen Edelboutique am Ort.

Jemand hatte sich ziemlich viel Mühe mit dem Garten gegeben, ordentliche Blumenbeete, gestutzte Hecken und so. Es gab einen Pavillon mit Tischen darunter, weiter hinten einen Tennisplatz.

Die Haustür stand offen und führte in eine luftige Eingangshalle mit Marmortreppe und Galerie, Stofftapete und moderner Malerei. Keine Menschenseele. Aber eine Tür führte ins Wohnzimmer. Ledergarnitur, Flachbildfernseher, Bücherregale. Und der Durchgang zum Pool. Ich konnte das leise Plätschern des Wassers hören. Er war weiß gekachelt, mit einem Sprungbrett am anderen Ende und Zugang zum Garten. Aus Kübeln heraus rankten sich allerlei exotische Pflanzen die Fenster hoch. Es war so feuchtwarm, dass ich zu schwitzen anfing.

Cornelia zog eine Bahn auf mich zu, das Haar unter eine Badehaube geschoben, in einem schwarzen Schwimmanzug. Sie wirbelte kaum Wasser auf und legte schließlich die Arme auf den Beckenrand. Das, was sich unter der Oberfläche von ihr abzeichnete, war viel versprechend. Ihr Gesicht war hübsch, der Mund ein wenig zu breit. Und ihre Augen – ich hatte selten solche Augen gesehen: zwischen blau und grau und völlig ohne Leben.

„Reich mir den Morgenmantel, Marr.“ Ihre Stimme war rau, ein bisschen träge.

Alle nannten mich Marr, kaum jemand benutzte meinen Vornamen. Egal, ob ich die Leute persönlich kannte oder nicht. Es war nicht einmal Herr Marr, sondern einfach nur Marr.

Ich fischte den weißen Frottebademantel von einer Holzliege, während sie hinter mir aus dem Pool stieg. So viel ich wusste, war sie nur ein paar Jahre älter als ich, vielleicht Mitte Dreißig, aber man merkte es ihrem Körper kaum an. Makellose Beine, straffe Brüste, deren Nippel sich gegen den schwarzen Stoff drückten, und ein schmaler Po. „Zünd mir eine Zigarette an.“

Auf einem Beistelltischchen lag eine Packung Burmas. Seit langer Zeit war mir auch mal wieder nach einer Kippe, aber ich hatte damals mit dem Rauchen aufgehört und seitdem nicht wieder angefangen.

„Danke.“ Sie sog daran, schnürte den Morgenrock lose zu und machte es sich auf der Liege bequem. „Setz dich. Willst du was trinken?“ Ihre schlanken Finger zeigten auf eine Kühltasche. Im zerstoßenen Eis ruhten zwei Flaschen Champagner.

Ich schüttelte den Kopf und okkupierte einen Baststuhl ihr gegenüber. Dabei fragte ich mich, ob wir hier ganz allein waren. Bodo arbeitete vermutlich noch, doch es musste einiges an Personal geben. Aber das Haus war still, nur der Pool gurgelte vor sich hin. Unbewusst krempelte ich die Ärmel nach oben. Cornelia sah nachdenklich auf meine Arme, ich war nicht gerade ein Schwächling, und lehnte sich dann zurück.

„Sie sprachen von einem Job, Frau Josiger?“

„Cornelia, bitte. Alles andere ist so förmlich, Marr.“

„Cornelia …“

Sie lächelte und zog die Badekappe ab. Ihr Haar war schwarzblau, seidig glatt und schulterlang. „Besser.“ Ihre kalten Augen fixierten den Champagner, dann mich. Ich war mir nicht sicher, ob sie getrunken hatte. Irgendetwas in ihrer Art brachte mich darauf, aber womöglich täuschte ich mich auch. „Du bist clever und arbeitest, ohne viele Fragen zu stellen. Das mag ich.“

Cleverness hatte ihre Grenzen. Aber eigentlich stimmte ich ihr zu.

„Und du kannst mit einer Kamera umgehen.“

Es kostete mich viel Mühe, weiterhin unbeteiligt zu wirken. Natürlich kannte sie die alte Geschichte. War das Ganze nur einer ihrer Späße, mit denen sie mich aufziehen wollte? Aber in ihrem Gesicht änderte sich nichts, es war einfach nur eine Tatsache für sie. „Kommt schon hin …“

„Und Geld kannst du auch gebrauchen, Marr.“ Eine weitere Tatsache.

„Also, wie wäre es, wenn du das Tanzen sein lässt und zur Sache kommst?“

Wieder ihr Lächeln, ganz ohne Wärme. „Mein Mann betrügt mich.“

Das saß. Ich meine, man hörte früher oder später Gerüchte über alle verheirateten Männer im Ort. Immerhin gab es den Club 69 im Industriegebiet nicht ohne Grund. Das meiste davon war bloßes Gerede. Das über Bodo stammte noch aus seiner ersten Ehe. Und jetzt, bei einer wie Cornelia … Kaum vorzustellen.

„Und ich brauche Beweise. Du sollst sie mir beschaffen.“

Ich hatte schon alle möglichen Jobs gehabt, gute und schlechte. So einer war noch nicht dabei gewesen. „Du meinst, ich soll ihn in flagranti erwischen?“

Sie verdrehte die Augen: „Wie du das sagst … der alte Bock vögelt irgendein Flittchen und ich will wissen, wer sie ist.“ Kaum Wut in ihrer Stimme.

„Wissen oder Beweise?“

„Sei nicht blöd, beides natürlich. Finde die beiden. Du kriegst fünfhundert Euro, wenn du es schaffst. Hier, die kannst du dann auch behalten.“ Sie zog einen Karton hinter der Liege hervor und schob ihn mir in die Hand. Eine digitale Spiegelreflex, schwer und kompakt. Neues Modell, mindestens noch mal fünfhundert wert. Ich hatte seit Jahren keine Kamera mehr in den Händen gehalten. Fotografieren konnte für mich zur Manie werden und Ärger einbringen. Viel Ärger. Dabei machte es mir wirklich Spaß. Augenblicke einfangen, jedes erstarrte Detail unter die Lupe nehmen. Damals hatte ich meine Kamera in den Müll geworfen und alles andere verbrannt. Aber da war es schon zu spät gewesen.

„Was sagst du, Marr? Das ist angemessen für so eine Aufgabe.“

Ich hätte nein sagen sollen. Als ich damals die Negative anzündete, hatte ich mir vorgenommen, nie weder eine Kamera in die Hand zu nehmen. Aber stattdessen schwieg ich und sah auf die Schachtel auf meinem Schoß. Das hier war etwas völlig anderes. Nicht manisch, sondern einfach nur ein Job, der gutes Geld versprach. Und damit ein wenig Unabhängigkeit. Ich konnte den Apparat später versetzen und die Sache wäre erledigt. „Scheidung?“, fragte ich, ohne aufzusehen.

Cornelia seufzte: „Vielleicht, ich weiß es noch nicht. Erst einmal brauche ich Gewissheit. Also machst du es, Marr?“

Meine Entscheidung war gefallen, als ich die Spiegelreflex in die Hand genommen hatte. Ich fing sie im Sucher ein. „Was stellst du dir vor?“ Sie war fotogen, kein Zweifel.

Jetzt kam so etwas wie Feuer in ihren Körper. Sie setzte sich aufrecht. Der Morgenmantel hatte sich geöffnet, trocken schien ihr Badeanzug fast durchsichtig. „Hefte dich an seine Fersen. Die meiste Zeit sitzt er ohnehin in seinem Büro oder fährt raus zu Kunden. Gut möglich, dass er dann eine kleine Nummer einschiebt.“

„Und was, wenn nicht?“

„Nicht gibt es nicht. Ich bin mir sicher. Aber ich brauche Gewissheit.“ Sie machte eine Pause und sah mich an: „Wenn du dir Sorgen wegen des Geldes machst – behalte die Kamera, falls da wirklich nichts sein sollte.“ Cornelia schüttelte den Kopf. „Aber du wirst deine Fünfhundert bekommen, da bin ich sicher. Lass dich bloß nicht entdecken.“

„Ich werde mir Mühe geben.“ So eine Art Privatdetektiv war ich noch nie gewesen, aber so schwierig konnte das nicht sein. Außerdem hatte ich schon mal jemanden als Schatten begleitet. Bemerkt hatte er das erst zu spät …

Cornelia zog ein winziges Handy aus der Tasche, so rot wie die Ledersitze in ihrem Coupe. „Ja? Jetzt nicht … Genau. In einer Viertelstunde.“ Sie beendete das Gespräch und wog das Telefon in der Hand. „Alles klar soweit? Sobald du was hast, rufst du mich an, Marr. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.“

„Von mir aus.“ Ich hatte ohnehin nicht viel anderes zu tun, weder heute noch morgen noch irgendwann in den nächsten Tagen. Aber ich musste mir einen anderen Wagen besorgen, wenn ich Bodo beobachten wollte. Meine Karre kannte er, kannte jeder in Prezella.

„Gut.“ Sie erhob sich. Einen Moment ließ ich ihre Figur auf mich wirken. Wirklich schöne Beine. Ich fragte mich, ob sie da unten rasiert war. Eine wie sie bestimmt. „Das genügt, du musst jetzt gehen.“ Sie band den Morgenrock zusammen und brachte mich zur Haustür.

„Du hörst von mir“, sagte ich zum Abschied, aber da hatte sie die Haustür bereits geschlossen. Ich runzelte die Stirn und ging zurück zum Ford. Die Schachtel mit der Kamera hielt ich unter dem Arm und tätschelte sie nachdenklich. Als ich hinter dem Steuer saß, war ich kurz davor, die Spiegelreflex auszupacken. Es kostete mich wirklich Überwindung, aber ich legte sie auf den Beifahrersitz. Sie musste zelebriert werden, heute Abend, in Ruhe.

Vor der 48 parkte ein silberner Volvo. Ich fuhr langsamer. Das Fahrzeug kannte ich und an der Haustür sah ich Tilo Borrmann, seines Zeichens aufstrebender Anwalt. Erledigte so allerlei diskrete Angelegenheiten für jene in Prezella, die sich seine Dienste leisten konnten. Vor fünfzehn Jahren hatten wir im selben Fußballverein gekickt. Nach der Schule ging er zum Studium nach Westdeutschland, aber dann war er doch wieder zurückgekommen und hatte hier eine eigene Kanzlei eröffnet. Nicht lange, und durch seine skrupellose Art hatte er sich mit den örtlichen Kollegen verscherzt. Dafür zählten einige der dicksten Fische zu seinem Klientel. So wie es schien, auch die Josigers. Aber ob Bodo wusste, dass Borrmann seine Frau beriet? Ich zweifelte daran. Scheidung lag in der Luft.

III. In flagranti

Was faszinierte mich am Fotografieren so? Nicht das Künstlerische, dafür hatte ich nie eine Ader. Auch nicht die Suche nach dem richtigen Motiv oder Augenblick, ich nahm ohnehin nur Personen auf. Vermutlich bin ich dabei nicht mal ein besonders guter Fotograf. Nein, es war die Nähe. Die Intimität, die ich mit einer Kamera einfing. Unbemerkt. Gesichter, Körperhaltungen, Momente, in denen meine Modelle nicht ahnten, dass sie abgelichtet wurden. Ich war kein Voyeur, mir ging keiner dabei ab. Ich legte es nicht mal darauf an, jemanden nackt oder beim Sex zu erwischen. Klar, vorgekommen war das schon, aber mehr, weil es sich ergab. Ich suchte nicht danach.

Es ging um eine andere Art von Intimität: Teil von jemandem zu sein, ohne dass er es wusste. Kleinigkeiten mitzubekommen, die sonst niemand sah. Ein bisschen wie dieser Film mit diesem Typen, der Mädchen dabei fotografierte während er sie ermordete. Natürlich brachte ich niemanden um, trat nicht einmal in Erscheinung oder machte jemandem Angst. Obwohl die meisten wohl Panik bekommen hätten bei dem Gedanken, wie nah ihnen ein Objektiv schon gekommen war. Und, wenn ich ehrlich war, hatte es auch irgendetwas mit Macht zu tun. Wie diese Wilden, die sich davor fürchteten, dass ihnen beim Fotografieren ihre Seele gestohlen wurde. In solchen unbemerkt geschossenen Bildern steckte etwas davon. Zumindest fühlte es sich so an.

Ich war allerdings aus der Übung. Diese Digitalkameras waren immer moderner geworden, seit ich vor ein paar Jahren das letzte Mal eine benutzt hatte. Aber praktisch. Ich besorgte mir eine schnelle Speicherkarte, groß genug, um ganz Prezella abzulichten. Dann fing ich an zu fotografieren, ein paar Probeaufnahmen, während ich wartete. Bodos Firma. Mein geliehener Golf parkte zwischen zwei LKWs und von dort aus konnte ich das Eingangstor samt Pförtnerhaus sehen. Das war nur ein paar Stunden am Tag besetzt. Hier draußen passierte nicht viel und nachts gab es den Werksschutz. Hinter einem weiten Parkplatz standen zwei Lagerhallen, eine Werkstatt und der Anbau mit den Büros. Bodos Räume befanden sich in der oberen Etage. Manchmal meinte ich Bewegungen hinter den Fenstern zu erkennen, aber Bäume versperrten mir die genaue Sicht. Sein blauer Jeep stand im Hof. Gelegentlich fuhren Lastwagen an oder ab, dann versank ich tiefer im Rücksitz, auf dem ich es mir gemütlich gemacht hatte. Das Radio lief leise, aber ich hörte kaum zu. Die Kamera in meiner Hand ließ mir keine Ruhe, seit ich sie letzte Nacht ausgepackt hatte. Sie schien zu Leben. Bilder im Takt eines schlagenden Herzens. Und ich hatte sie im Griff, konnte sie auch einfach beiseite legen und eine Weile aus dem Fenster starren. Draußen zog die Dunkelheit herauf, kroch hinter den Bergen hervor wie ein ungutes Gefühl. Der Wind zerrte an den Ästen und manchmal trommelten Regentropfen auf das Wagendach. Ich knabberte an einem Schokoriegel und sah auf die Uhr – bald neun. Immerhin war ich seit heute Morgen unterwegs, hatte Bodo beim Verlassen der Villa abgepasst, mich an ihn gehängt, als er gegen elf eine Kundentour drehte. Hatte mir ein Rostbrätl reingezogen, während er im Ratskeller zu Mittag aß. Nur, um den Rest des Tages hier abzuwarten. Von einer Geliebten keine Spur. Er hatte mich nicht bemerkt, war viel zu selbst versunken oder in Telefonate vertieft. Und ich hatte ihn fotografiert, anfangs ein paar zur Probe, dann genauer. Es kam ganz von allein. Bild um Bild – Porträt, Profil, Front. Im Jeep, am Firmentor, in der Fußgängerzone. Ich war ganz dich bei ihm – konnte ihn atmen hören, ihm über die Schulter sehen. Es war das alte Kribbeln. Angenehm, aber irgendwo beunruhigte es mich auch. Also ließ ich die Spiegelreflex auf dem Rückweg zur Spedition auf dem Beifahrersitz. Ich hatte alles unter Kontrolle.

Das grelle Licht der Scheinwerfer schreckte mich auf, ließ mir gerade noch genügend Zeit, abzutauchen. Der Jeep röhrte die Einfahrt herunter, das Tor glitt automatisch hinter ihm zu, dann war er schon an mir vorbei und jagte den Hügel hinab.

Ich fluchte lauthals und kletterte hinter das Steuer, warf den Motor an und manövrierte den Golf aus der Parklücke. In seinem Büro brannte kein Licht mehr, ich hatte einfach vor mich hin geträumt. Wenn er wie gewohnt fuhr, lief ich Gefahr, ihn aus den Augen zu verlieren. Also riskierte ich ein bisschen was und quälte meinen Wagen durch die Kurven. Der verdammte Regen hatte zugenommen. Endlich sah ich seine Rücklichter und ging vom Gas. Er bog auf die Umgehungsstraße ein. Hier herrschte mehr Betrieb, so dass es ihm nicht auffallen sollte, wenn ein Verfolger hinter ihm blieb. Zudem konnte er nicht so rasen. Ich entspannte mich. Auch wenn ich kein Profi war, lief es doch glatt. Ein wenig Nervenkitzel war auch dabei.

Wir blieben einige Zeit auf der Schnellstraße, die man nach der Wende um Prezella gelegt hatte. Keinen interessierte es damals, wie sehr man damit die Landschaft verschandelte. An der Ausfahrt Ost orientierte er sich plötzlich von der Stadt weg, in Richtung des Waldes. Einen Moment war ich irritiert, weil ich nicht verstand, wo er hin wollte. Denn hier draußen gab es nur die Kommune, sonst nichts. Dann wusste ich, welches Ziel er haben musste. Direkt neben dem Areal, das den Alternativen gehörte, gab es eine Reihe Ferienhäuser, mitten im Wald. Sie waren vor zwei oder drei Jahren hochgezogen worden und sollten den Anfang einer Ferienanlage bilden. Aber Rechtsstreitigkeiten um den Besitz des Baugrunds hatten das Projekt zum Erliegen gebracht. Die Alternativen besaßen mehr Grund und Boden, als man angenommen hatte. Und sie wollten nicht verkaufen. Seitdem schlugen sich ihre Anwälte miteinander. Josiger war einer der Investoren gewesen, nicht verwunderlich also, dass er sich dort ein lauschiges Liebesnest eingerichtet hatte.

Ich ließ mich weiter zurückfallen, denn hier draußen war wenig los und meine Scheinwerfer musste er irgendwann bemerken. Außerdem kannte ich die Gegend hier wie meine Westentasche. Die Ferienhäuser hatten einen eigenen Parkplatz, einsehbar von der Straße. Aber zu Fuß konnte man sich der Anlage von der anderen Seite her nähern. Durch den Wald der Kommune. Eigentlich hätte ich den Golf dort parken können, aber man kannte mich und fremde Fahrzeuge fielen sofort auf. Also stellte ich ihn ein Stück zurück am Straßenrand ab und machte mich auf den Weg. So hatte Bodo genügend Zeit, die Dinge etwas warmlaufen zu lassen.

Nach den ersten fünfzig Metern war ich bereits durchnässt. Der Regen wollte nicht aufhören, aber zwischen den Bäumen würde es nicht mehr so schlimm sein. Über der Einfahrt zur Kommune hing ein Holzschild, das leise quietschte. Ein paar Fahrzeuge standen herum, der klapprige Gemeinschaftsbus, zwei ausgezehrte Schrottautos und ein Kleinwagen. Weiter hinten sah ich die Lichter der ersten Hütten in der Dunkelheit schimmern. Es gab mindestens zwanzig davon, allesamt aus Holz gebaut und im Wald verteilt. Dazu eine Gemeindehalle und die Tofu-Anlage. Trotz des Windes konnte ich sie leise rattern hören. Sie war seit knapp zehn Jahren die einzige Errungenschaft der Kommune und warf neben dem Gemüseanbau und Handwerksarbeiten genügend Kohle ab, um den Laden am Laufen zu halten. Die Kommune gab es schon seit den späten Sechzigern. Während der DDR-Zeit tummelten sich hier Alternative im Deckmantel von Kunsthandwerk und Freikörperkultur. Außerdem ein paar Spinner, die sich dem Erhalt der Indianerkultur verschrieben hatten. Ich konnte mich nicht erinnern, wer schlimmer gewesen war. Die Freaks in Wildlederklamotten und Federschmuck, die auf dem Platz am See Tänze aufführten, oder die bekifften Nackten, die man regelmäßig aus dem Wasser fischen musste. Zumindest die Alternativen waren ausdauernder gewesen, von den Indianern war nur noch ein altes Ehepaar übrig geblieben. Ihren sächsischen Akzent hatten sie trotz Kriegsbeil nie abgelegt.

Ich hatte hier drei oder vier Jahre gelebt, ich weiß nicht mehr genau. Damals war ich fünf und lief ich genauso nackt und schmutzig umher wie die wenigen Kinder, die es zu der Zeit hier gab. Ich ging den Kommunenleuten heute aus dem Weg, den meisten zumindest. Irgendwie ertrug ich den Gedanken nicht, dass sie mich noch als splitternacktes Kind erlebt hatten. Vor allem der alte Silvester. Er war so etwas wie der Diktator der Gemeinschaft. Klar, man entschied im Konsens, aber meist nur das, was er wollte. Wie die Indianer auch, war er von Anfang an dabei. Und an ihm lag der ganze Clinch wegen dem Ferienpark. Silvester war ein sturer, sarkastischer, ungewaschener Drecksack. Da bestand bei mir Konsens. Es lag eine gewisse Ironie darin, dass Bodo seine Affäre direkt vor dessen Haustür vollzog.

Neben dem Parkplatz führte ein Trampelpfad in den Wald. Aber in der Dunkelheit konnte ich ihn nicht finden und zwängte mich mühsam durch das Unterholz. Immerhin drang kaum Regen durch das Blätterdach. Als ich klein war, hatte ich mich stundenlang hier herumgetrieben. Wir waren damals sechs oder sieben Kinder, ein paar ganz kleine darunter. Jeder in der Kommune kümmerte sich um uns. Oder niemand. Wir verliefen uns im Wald, bewarfen die Hütten mit Steinen, fielen in den See und stahlen Essen aus der Vorratskammer. Klang alles ziemlich idyllisch, aber eigentlich war es nur ein ganzer Haufen Scheiße, durch den wir mit unseren kurzen Beinen staken mussten. Keine Ahnung, wie oft ich in dem Alter Leuten beim Vögeln zugeschaut oder heimlich an einem Joint gezogen hatte.

Ich brauchte zwanzig Minuten, bis ich die Ausläufer der Ferienanlage erreichte. Man hatte geplant, sie bis zum Ufer runter zu erweitern, ehe Silvester dazwischen schlug. Zwei der Häuser waren nur noch Bauruinen, von Wind und Wetter und Kommunarden unbrauchbar gemacht. Dazwischen verliefen betonierte Wege. Im Sommer gab es einen Kiosk und Shuttlebusse zum Freibad, da die Touristen den See nicht benutzen durften. So viel ich wusste, schrieb das Projekt keine schwarzen Zahlen und Bodo war frühzeitig ausgestiegen. Aber nicht völlig, wie es schien.

In drei der Wohneinheiten brannte Licht. Von dem, was ich im Dunkel erkennen konnte, befand sich die Anlage in einem desolaten Zustand. Der Beton war gesprungen, überall wucherte Unkraut und der Wald war sehr dicht an die Gebäude herangerückt. Ich fragte mich, ob hier überhaupt Urlaubsgäste wohnten oder nur ein paar reiche Herren Zwischenquartier bezogen hatten, wenn es im Club 69 keine akzeptablen Mädchen gab.