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Kansas, 1953: Der Kriegsveteran Ray Corbin kehrt in die Staaten zurück, um einem verstorbenen Freund die letzte Ehre zu erweisen. Der Tote hatte den verwegenen Plan, in den ausgetrockneten Ölfeldern der Red Hills noch einmal nach dem schwarzen Gold zu suchen. Corbin erklärt sich bereit, das Projekt im Namen der Witwe zu übernehmen. Mit einer Handvoll Leute beginnt er in den einsamen Hügeln mit den Vorbereitungen. Doch es sind nicht nur die Hoffnungen auf schnelles Geld, die die Gemüter erhitzen. Da ist der aufdringliche Liebhaber der Witwe, ein ewig lächelnder, aber zwielichtiger Handlungsreisender. Dann die Tochter des Toten, die hübsche Cora, die ganz eigene Träume verfolgt. Und die Witwe selbst, die in ihrem neuen Vorarbeiter weit mehr als nur einen Liebhaber sieht. Der Preis für das schwarze Gold wird ein Leben sein.
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Myron Bünnagel
Schmutzige Hoffnungen
Roman noir
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
Impressum neobooks
Die Flamme tanzte im Wind und fand Schutz hinter vorgehaltener Hand. Sie schälte kräftige, lange Finger aus der Nacht, dann ein Gesicht. Dunkles Haar und ebensolche Augen, Kohlenstücke, in denen sich das Licht spiegelte. Eine lange Nase und ein dünnlippiger Mund, der eine Zigarette hielt. Das Feuer griff nach Papier und Tabak, hinterließ einen roten Lichtpunkt, ehe es unter einer schnellen Handbewegung erlosch. Der Mann war nunmehr ein vager Umriss in der Dunkelheit, die brennende Zigarette sein winziges Auge.
Die Bahnhofsuhr in seinem Rücken schlug Elf. Eine Folge leiser, unmelodischer Töne, die an den Klagelaut eines eingesperrten Tieres erinnerte. Das Licht, das matt durch die Glastür der kleinen Schalterhalle fiel, erlosch und nahm ein weiteres Stück Helligkeit fort.
Der Mann wartete. Die einzige Bewegung an ihm ging von seinem Arm aus, als er gelegentlich die Asche der Zigarette auf den Boden rieseln ließ. Dabei blickte er die lange Straße entlang, die das Städtchen teilte. Sie war leer, kein Mensch unterwegs. Einzig in wenigen Fenstern brannte noch Licht, als wären darin unruhige Seelen gefangen, die sich weigerten, wie der Rest des Ortes in todesähnlichen Schlaf zu versinken.
Mit einem leisen Seufzen schnippte er seine Zigarette fort. Der Glutpunkt beschrieb einen Bogen, tanzte in einem Funkenregen über den Asphalt und verlosch langsam. Er zündete sich eine neue an. Seine Augen folgten der Hauptstraße in die andere Richtung, aber nach wenigen Metern gab das Städtchen auf und überließ die Asphaltlinie einer weiten Ebene.
Nach einiger Zeit tauchte in der Dunkelheit ein Augenpaar auf. Zwei gelbe Punkte, die träge heranwuchsen und schließlich mit ihrem Lichtkegel die Nacht zerschnitten. Der Wagen kam heran, seine Scheinwerfer tasteten über die Fassaden der Häuser, offenbarten einen Friseurladen und ein Eisenwarengeschäft, die Fenster wie blicklose Augen, zogen den wartenden Mann für einen kurzen Moment aus der Finsternis, um dann zum Stehen zu kommen. Der Motor erstarb und die Wagentür wurde aufgestoßen. Es war ein behäbiger Pick-up, so mit Staub bedeckt, dass es selbst in der Schwärze der Nacht zu erkennen war.
Eine Gestalt hievte sich aus der Fahrerkabine, keuchend und leise fluchend. Dann flammte eine Taschenlampe auf und ihr Strahl glitt wie ein großer Bruder des Glutpunktes über den Asphalt, zuckte für einen Augenblick wild hin und her, bis er die Füße des Wartenden fand und sich langsam daran emporzog. Schwere, zerkratzte Schuhe, eine saubere, aber keineswegs neue braune Hose, ein grauer Rollkragenpullover über einem kräftigen Oberkörper. Bevor der gleißende Strahl das Gesicht erreichte, verharrte er.
„Ray Corbin?“, fragte eine krächzende Stimme hinter der Taschenlampe.
„Der bin ich.“
Der Lichtkegel richtete sich in den mondlosen Himmel und der Fahrer brachte sein Gesicht in den Kreis der Helligkeit. Dabei trat er einen Schritt vor und reichte dem anderen die Hand. „Freut mich, Mr. Corbin.“ Sie schüttelten sich die Hände. „Ich bin Tony Hull. Ira Reed bat mich, Sie abzuholen.“ Die Haut des Mannes war bleich und glänzte vor Schweiß. Seine spitze Nase stach aus dem schmalen Gesicht hervor. Die Augen lagen wie verängstigte Tiere tief in ihren Höhlen. „Tut mir leid, dass es später geworden ist, habe mir wohl den Magen verdorben. Jedenfalls musste ich anhalten und mir die Seele aus dem Leib kotzen.“ Tony grinste, aber es bereitete ihm Mühe. „Ist das Ihr Gepäck?“ Der Lichtstrahl der Taschenlampe fing den großen Lederkoffer und eine zerbeulte, abgewetzte Reisetasche ein. „Schmeißen Sie es hinten drauf und wir machen uns auf den Weg.“
Der Mann namens Ray hob seine Sachen auf und trug sie zum Wagen hinüber. Die Ladefläche des Pick-ups war leer und er legte den Koffer sorgfältig darauf ab. Dann kletterte er hinauf, bemüht, seine Hose nicht zu verschmutzen, und zurrte das Gepäckstück mit einem Riemen an der Rückwand der Fahrerkabine fest. Tony folgte seinen Bewegungen mit der Taschenlampe. „Was Zerbrechliches drin?“, fragte er und wischte sich über die Stirn.
„Mmh“, antwortete Ray nur, kletterte von der Ladefläche und warf seine Reisetasche achtlos hinauf.
„Dann mal los. Ira wird sich Sorgen machen.“ Tony schob sich hinter das Lenkrad und zog ächzend die Tür zu. Ray ging langsam um den Wagen herum, blickte einen Augenblick die Hauptstraße hinunter und stieg auf der Beifahrerseite ein.
Der Pick-up setzte sich murrend in Bewegung. Sie wendeten und fuhren langsam aus der Stadt hinaus. Das Licht der Scheinwerfer glitt erneut über die geschlossenen Geschäfte, die wirkten, als würden sie nie wieder öffnen, dann tastete es sich die Straße entlang, fraß sich langsam durch die Dunkelheit. Sie passierten das Ortsschild mit der Aufschrift Auf Wiedersehen in Dodge City darauf. Vor ihnen lag eine schier endlose Weite, die sich in der Ferne untrennbar mit dem Nachthimmel vereinte. Große Reklametafeln tauchten aus der Dunkelheit auf, fein säuberlich neben der Straße aufgereiht. Eine Frau wiegte ein lachendes Baby im Arm und strahlte eine Waschmittelpackung an. Eine überdimensionale Katze räkelte sich vor einer Dose Katzenfutter. Eine Schale mit unappetitlichen Fleischbrocken stand daneben. Schließlich ein pausbäckiger Mann, einen Teller mit Steak und Bratkartoffeln vor sich. Der Werbeschriftzug lief ihm quer über den lichten Schädel. Dann wieder die Nacht und die Monotonie der Straße.
„Stört es Sie, wenn ich rauche, Mr. Hull?“
„Nein, keineswegs. Machen Sie nur. Und nennen Sie mich Tony.“ Er saß zusammengesunken hinter dem Lenkrad und starrte in die Finsternis hinaus.
Ray zündete sich eine Zigarette an und stieß genüsslich den Rauch aus. Durch das geöffnete Fenster drang kühler Fahrtwind herein. „Sagen Sie Ray zu mir. Wie weit ist es noch, Tony?“
„Etwa dreißig Meilen. Waren Sie schon mal in Ashland?“
„Nein.“
„Da haben Sie nicht viel verpasst, Ray. Es gibt da eigentlich nichts, nur ein bisschen Landwirtschaft.“
„Und Öl.“
Tony sah ihn merkwürdig von der Seite an. „Es gab hier mal Öl. In den Dreißigern. Aber seitdem die Quellen nichts mehr abgeworfen haben, ist die Gegend wie ausgestorben.“
Sie schwiegen einige Zeit. In der Dunkelheit konnte Ray nur die mit dicken Gras und knotigem Heidekraut bewachsenen Ebenen ausmachen. „Auf der linken Seite liegen die Ausläufer der Red Hills.“
Ray schnippte seine Zigarette aus dem Fenster und zündete sich eine neue an. „Wollen Sie auch eine, Tony?“
Der andere schüttelte den Kopf: „Würde gerne eine paffen, wenn nur der Magen nicht so schlimm wäre. Außerdem mag es Ira nicht, wenn ich rauche. Im Haus sind Glimmstängel verboten.“
„Immer noch nicht besser?“
„Nein, ich habe das Gefühl, dass mir jemand die Magenwände perforiert.“
„Klingt nicht gut. Wenn Sie wollen, fahre ich.“
„Danke, ist schon besser als auf der Hinfahrt. Habe wohl das falsche Ende vom Braten erwischt. Eine Mütze voll Schlaf und ich … HIMMEL!“ Tonys Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze, als er erschrocken auf die Straße blickte. Seine Hände rissen am Lenkrad. Der Pick-up wankte bedenklich und sprang auf die Gegenfahrbahn. Er trat kräftig auf die Bremsen und der Wagen kam zum Stehen. „Verflucht!“
„War ein Hund oder so was“, sagte Ray und wischte sich Zigarettenasche von der Hose.
„Hab ich mich erschrocken! Wir wären fast im Graben gelandet.“ Tony wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Nein, war kein Hund. Eher ein Fuchs. Von den Biestern gibt es hier eine Menge.“
Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.
„Ein Fuchs? Soso …“, bemerkte Ray leise und lächelte, ohne dass der Fahrer es bemerkte.
„Nicht mehr lange und wir sind da.“ In der Dunkelheit tauchten nun die unförmigen Umrisse der Red Hills auf. „Vor uns liegt Ashland. Ein Achthundert-Seelen-Kaff. Schimpft sich Stadt, aber außer einer Tankstelle, einer Bar, einem miesen Hotel und einem Krämerladen gibt es hier nicht viel. Sie werden es lieben, Ray.“
Einzelne, schüchterne Lichter tauchten vor ihnen auf. Ashland, Kansas – Population 850, hieß es in weißen Lettern auf einem wackligen, von rotem Staub bedeckten Holzschild. Auch hier teilte eine breite Straße den Ort, der in seiner nächtlichen Leblosigkeit an eine Filmkulisse erinnerte. Sie fuhren an den Häusern vorbei, aber Ray interessierte sich kaum dafür.
Vier Meilen hinter dem Städtchen bogen sie von der Straße in einen Feldweg ab. Der Pick-up rumpelte über die unebene Fahrbahn und zog eine Staubwolke hinter sich her. Nach einigen Metern tauchte ein Wall hoher Bäume links und rechts der Zufahrt auf. Sie fuhren durch ein weißes Holztor und sahen das Haus. Das gesamte Erdgeschoss war hell erleuchtet und auf der breiten Veranda glomm eine große Laterne.
Mit knirschenden Rädern kam der Wagen hinter einem gepflegten, schwarzweißen Packard zum Stehen.
„Da sind wir“, seufzte Tony und stieß die Wagentür auf.
Ray stieg aus und reckte die Arme.
Von einer Hollywood-Schaukel auf der Veranda beobachteten ihn zwei Personen.
Während Tony die Ladefläche öffnete, sagte er: „Das sind Cora, die kleine Reed, und ihr Freund Donald. Hier haben Sie schon alle sehnsüchtig erwartet.“
Bevor sie zum Haus hinübergingen, nahm der neue Gast noch einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, eher sie auf dem Boden austrat. „Dann los“, meinte er. Gemeinsam stiegen sie die drei Stufen zur Veranda hinauf.
In der Dunkelheit wirkte das Haus sehr einladend. Es sah sauber und gepflegt aus, der Anstrich schien nur ein paar Wochen alt zu sein.
„Gefällt es Ihnen?“, fragte Tony.
„Hübsch.“
„Habe es selbst gestrichen. Ist eine von diesen neuen Farben, besonders witterungsbeständig.“ Er tätschelte liebevoll einen weißen Stützbalken.
Im Licht der Laterne nahm Ray seinen Fahrer genauer in Augenschein. Tony trug einen hellen Anzug und glänzende Schuhe. Seine Haltung war gerade, aber sein schmaler Kopf pendelte unruhig auf dem dünnen Hals hin und her. Er sah noch immer kränklich aus, fahle Haut und Schweiß auf der Stirn, aber dennoch war er auf eine bestimmte Weise attraktiv. Ein charmanter Zug um seine Augen und ein schnelles Lächeln unter dem dünnen Schnurrbart.
Ray stellte seinen Koffer neben der Eingangstür ab. Die Blumen vor der Veranda verströmten einen schweren Duft.
Die beiden Personen waren von der Schaukel aufgestanden und kamen herüber. „Hallo, Tony. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ Eine spöttische, melodische Mädchenstimme, klar und gewinnend. Ray blickte ihre Besitzerin automatisch an. Sie reichte ihm bis zur Brust, hatte rotblondes, glattes Haar, das im Lampenschein zu glühen schien, und sehr helle, blaue Augen, die wirkten, als läge ein Schleier darüber. Ihr Gesicht war hübsch, noch voller jugendlicher Unschuld, die sich zu handfester Schönheit auswachsen würde. Ihre Stimme perlte über ihre ebenmäßigen Lippen. Sie trug ein dunkles Kleid, das von einem Gürtel tailliert wurde.
Tony verharrte einen winzigen Moment, als träfe ihn ihr Spott wie glühende Nadeln, aber dann richtete er sich auf und antwortete brüsk: „Ich habe mir den Magen verdorben und musste unterwegs anhalten.“ Sie lachte, nur kurz, aber der Laut schien sich noch einen Augenblick länger in der zwischen Blumenduft und Sommerschwüle aufzuhalten, ehe er verklang. „Lass gut sein, Cora“, entgegnete er müde. Seine Zunge glitt über die ausgetrockneten Lippen. „Mr. Ray Corbin, dies ist Ms. Cora Reed und das hier ist Mr. Donald March von der March-Ranch nebenan.“
Cora hielt ihm eine kühle Hand hin und Ray ergriff sie langsam. Sie war so klein und zierlich, dass sich seine kräftigen, gebräunten Finger wie eine Bärenfalle darum schlossen. Die Berührung dauerte etwas länger als üblich gewesen wäre. „Freut mich, Ms. Reed.“
„Sie sind Vaters Freund, nicht wahr? Ich erinnere mich an Sie.“ In ihr spöttisches Lächeln schlich sich ein Anflug von Wärme.
„Ja, früher nannten Sie mich Onkel Ray und hatten eine helle Freude daran, mir an den Ohren zu ziehen.“
„Daran erinnere ich mich nicht“, sagte sie mit übertriebener Unschuld. Ihre Finger lösten sich zögernd voneinander. Er wollte die Kühle ihrer Haut nicht verlieren.
Donald March ergriff seine Hand und schüttelte sie enthusiastisch. Er war ein gut gebauter Junge mit einem glatten Gesicht, einer breiten Nase und trägen Augen, die sich kaum zu bewegen schienen. Er trug eine dunkle Anzughose, ein weißes Hemd und einen hellbraunen Pullover darüber. „Freut mich, Mr. Corbin. Ich habe Photographien von Ihnen gesehen, aus dem Krieg.“
Ray nickte höflich, aber er spürte, dass Cora ihn noch immer ansah.
Tony stöhnte: „Ihr entschuldigt mich, aber mein Magen … Ich werde Ira sagen, dass Sie da sind, Ray.“ Er presste eine Hand auf den Mund, die andere auf den Bauch und stolperte ins Haus.
Die drei verbliebenen Personen schwiegen einige Zeit. Ray blickte in die Dunkelheit hinaus, aber aus den Augenwinkeln betrachtete er das Mädchen.
Donald schlenderte zu einem kleinen Tisch vor der Schaukel und fragte: „Wollen Sie ein Glas Limonade? Das Eis ist leider geschmolzen, aber sie ist noch kühl.“ Mit der Linken schwenkte er ein halbvolles Glas.
Ray schüttelte den Kopf: „Danke, nein.“
Cora nahm den Blick von der Tür, durch die der kranke Tony verschwunden war und lächelte zögerlich, als ließen sich die Gedanken nur mühsam aus ihrem Kopf verscheuchen. „Sie sehen anders aus ohne die Uniform.“
„Ich trage schon lange keine mehr.“
„In Vaters altem Arbeitszimmer hängen ein paar Bilder, aber alle zeigen Sie nur als Soldat, Mr. Corbin.“
Donald trat zu ihnen, trank einen tiefen Schluck und leckte sich über die Lippen. „Ira meinte, Sie wären im Krieg schwer verwundet worden?“
Ray nickte und legte eine Hand an seine linke Seite, kurz oberhalb der Hüfte. „Das war in Frankreich, ’44. Ein deutscher Heckenschütze hat mich durchlöchert.“
Cora sah ihn mit ihren verschleierten blauen Augen an: „Vater hat Ihnen das Leben gerettet, stimmt es?“
„Ja. Er war ein tapferer Mann, Ihr Vater.“
Über das Gesicht der jungen Frau huschte ein Schatten. Ray überlegte und versuchte sich an Coras Alter zu erinnern. Wenn er sich nicht täuschte, musste sie neunzehn oder zwanzig sein.
„Zwanzig“, lachte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Der Schatten war aus ihrem Gesicht verschwunden, aber eine dauerhafte Andeutung davon blieb in ihren Augen bestehen. Ein Splitter aus Trauer, Enttäuschung oder Verbitterung im klaren Blau.
Etwas stach ihn in den Nacken und Ray schlug danach. Als er seine Hand betrachtete, war ein wenig Blut an seinen Fingern. „Verdammte Viecher“, knurrte er.
„Die Mücken sind dieses Jahr eine Plage. Aber mir macht das nichts, sie stechen mich nicht.“ Donald reichte ihm ein Taschentuch.
Cora knuffte dem Jungen in den Arm: „Das liegt daran, dass du selbst eine Mücke bist, Donny. Eine große, starke Mücke, die mir ins Netz gegangen ist.“
Er errötete heftig und warf Ray einen hastigen Blick zu: „Lass das, Cora.“ Ein Hund trottete die Treppenstufen hinauf. Es war ein Dalmatiner, mit zwei großen Flecken auf der Schnauze. Er schnupperte kurz an Ray, dann legte er sich vor Donalds Füße. „Und das ist Dot“, verkündete er stolz und tätschelte dem Tier den Kopf.
Die Tür zur Veranda öffnete sich. Ein helles Rechteck fiel auf den hölzernen Boden. Und darin zeichnete sich die Silhouette einer Frau ab. Ray betrachtete erst den Schatten, der einen Augenblick lang dalag wie gemalt, dann sah er die Besitzerin an, um sich zu vergewissern, dass der Umriss auf dem Boden kein bloßes Schattenspiel war. Das Auffälligste an Ira Reed war ihr ausgeprägter Busen, dessen Kontur noch durch ihren kleinen Wuchs hervorgehoben wurde. Das dunkelgrüne Kleid schien an seine Grenzen gelangt zu sein und spannte bedenklich darüber. Der Rest ihres Körpers war wohlproportioniert, rund und fest. Ihr Gesicht war blass, mit einigen Sommersprossen auf der Nase und blondem, vollem Haar, das sich in halblangen Locken über ihre Ohren und Stirn ergoss. Ihre Augen waren grün, mit Sprenkeln durchsetzt.
„Mr. Corbin.“ Sie hielt sie ihm in einer zierlichen Geste die Hand hin. Ihre Haut war warm und weich.
„Mrs. … Reed.“ Eine winzige Pause zwischen beiden Worten.
Ira Reed bemerkte sie, legte für einen Augenblick die Stirn in Falten, um sofort darauf verstehend zu lächeln. „Nennen Sie mich Ira, das ist vielleicht besser.“
Ray fing ihr Lächeln auf und erwiderte es: „Gern.“
„Kommen Sie ins Haus. Sie sind sicherlich müde von der Reise.“ Sie trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen.
„Mein Gepäck …“
„Tony wird sich schon darum kümmern. Sind Sie hungrig?“
„Kaum. Ich habe während der Zugfahrt im Speisewagen gegessen.“ Er ging an ihr vorbei ins Haus, so dicht, dass er sie beinahe berührt hätte. Dabei streifte ihn ein Duft, der an frische Pfirsiche erinnerte.
Der Flur war hellgelb tapeziert. Eine weiße Holztreppe führte nach oben, vier Türen zweigten in andere Räumlichkeiten ab. An den Wänden hingen Gemälde von Wildvögeln, Flugstudien.
„Es ist schon spät. Ich glaube, es ist das Beste, wenn sich Donald jetzt verabschiedet.“ Ira wandte sich an Cora.
Ray konnte förmlich spüren, wie das Mädchen zu einer Entgegnung ansetzte, diese aber nicht aussprach. Er war sich sicher, dass ihr Blick auf seinem Rücken ruhte. „Ist gut, Ira. Wir wollen uns nur verabschieden.“ Die Wärme, die eben noch in ihren Worten gelegen hatte, war einer eisigen Kälte gewichen.
„In Ordnung. Aber nicht zu lange.“ Die blonde Frau schloss die Tür und lehnte sich für einen Moment dagegen. Ray beobachtete sie. Schuldbewusst zuckte sie mit den Schultern und setzte wieder ihr Lächeln auf. „Das ist nicht so einfach zwischen Cora und mir, wie Sie sich vielleicht denken können, Ray.“
„Ich habe nie Kinder großgezogen“, antwortete er.
Sie seufzte. Dann stieß sie sich ab und kam auf ihn zu. Ihr Gang war weich, ihre Hüften wiegten sich ganz sachte im Takt einer nur ihr zugänglichen Musik. „Wollen Sie sich frisch machen? Oder lieber gleich zu Bett gehen?“ Ihre grünen Augen musterten neugierig sein Gesicht.
Ray brauchte einen Moment, bis er antworten konnte. Wieder stieg ihm ihr Duft in die Nase. „Ich bin noch nicht müde. Aber für etwas Wasser und Seife wäre ich dankbar.“
„Das können Sie gerne haben. Und nicht nur das. Ich habe Ihnen das Gästezimmer herrichten lassen. Zudem steht in der Küche noch etwas kalter Braten.“ Sie ging an ihm vorbei und stieg die Treppe hinauf. „Kommen Sie mit, Ray.“
Er folgte ihr langsam. Beinahe zwangsläufig legte sich sein Blick auf ihre Beine, deren weiße Haut unter dem grünen Stoff hervorschaute. Und auf ihre Fesseln über den glänzenden, schwarzen Schuhen. Als sie die oberste Stufe erreichte, sah sie sich nach ihm um und schenkte ihm ein Lächeln. In ihren Augen glitzerte es.
„Das Bad ist hier. Ein Handtuch und Seife liegen auf der Anrichte.“ Sie öffnete eine Tür und winkte ihn in ein geräumiges Badezimmer. Hellgrüne Fliesen, eine gusseiserne Wanne auf Löwenfüßen, ein schwerer, brauner Tisch mit eingelassener Waschschüssel und ein mannshoher Spiegel gegenüber dem Eingang.
„Ich warte unten auf Sie, Ray.“ Wieder klang es, als bette sie seinen Namen auf ihrer Zunge. Dann schloss sie die Tür.
Sein Ebenbild im Spiegel warf ihm einen fragenden Blick zu. Er zuckte die Schultern und ließ kaltes Wasser in die Schüssel laufen. Er erinnerte sich daran, dass Jasper Reed viel Geld dafür ausgegeben hatte, fließendes Wasser und Strom in dieses Haus zu kriegen. Nach den Schützengräben in Frankreich hatte sich Jasper geschworen, niemals mehr einen Tag lang ungewaschen zu bleiben. Ray wusch Hände und Gesicht und versuchte sich seinen Freund in diesem Badezimmer vorzustellen. Es fiel ihm schwer. Sieben Jahre verwischten die Bilder in seinem Kopf. Er ließ die Hände im kalten Wasser und legte die Stirn gegen das kühle Glas des Fensters über dem Waschbecken.
Die Anstrengungen der Reise machten sich bemerkbar. Als wäre er zu Fuß die Jahre bis vor dem Krieg zurückgegangen, um festzustellen, dass es das Damals nicht mehr gab. Erinnerungen an Jasper und Eve stiegen in ihm auf, aber sie blieben unscharf, wie ein schlechter Film, und stumm. Er konnte keinen Ton dazu finden, keinen Klang und kein Gefühl dazu.
Von draußen hörte er Stimmen. Worte, die in seine Gedanken sickerten und ihm die unsteten Bilder unweigerlich entgleiten ließen. Lautlos öffnete er das Fenster einen Spalt weit und blickte hinaus. In der Dunkelheit glomm das Licht der Veranda, aber das Fenster lag zur östlichen Seite des Hauses, so dass er Cora und Donald nicht sehen konnte.
„… keine Lust auf deine ewige Eifersucht, Donald!“
„Ich und eifersüchtig? Ja, vielleicht. Aber ich habe auch allen Grund dazu. Du schmeißt dich an jedes Hosenbein, das vorbeikommt.“
„Du bist gemein. Und es stimmt nicht. Er ist ein alter Freund der Familie.“
„Das bedeutet nicht, dass du ihm schöne Augen machen musst.“ Donalds Worte waren voller Wut.
„Ich habe nun einmal schöne Augen, weißt du. Und wenn hier einer eifersüchtig sein darf, dann ich. Es kommt mir nämlich so vor, als würdest du diesen elenden Köter mehr lieben als mich.“
„Dot ist kein Köter! Das nimmst du sofort zurück.“
Die Stimmen schwiegen einige Zeit.
Ray trocknete sich die Hände ab und wartete.
„Vielleicht habe ich etwas überreagiert, Cora. Er ist natürlich nur ein alter Freund. Tut mir leid. Aber du weißt ja, wie ich bin. Der Gedanke, dass du andere Männer …“ Er stockte.
Coras Antwort war weich und einschmeichelnd: „Schon okay, Donny. Sei wieder lieb mit mir. Komm her. So ist es gut.“
„Cora …“, aber der Satz erstarb.
Ray stellte sich vor, wie die beiden eng umschlungen auf der Schaukel saßen. Der Gedanke gefiel ihm aus irgendeinem Grund nicht und er schloss das Fenster, um nach unten zu gehen.
Mit schnellen Schritten stieg er die Treppe hinab. Ira Reed wartete im hinteren Teil des Flurs auf ihn. Neben ihr hing ein Gemälde, auf dem sich zwei Wildgänse im Flug befanden. Prächtige Tiere, die Köpfe anmutig ausgestreckt und die Flügel ausgebreitet. Sie sah ihn an: „Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Ray?“
Er nickte. „Danke.“
„Und Sie wollen wirklich nichts essen? Nicht mal eine Kleinigkeit?“
„Nein, danke.“
Ihr Lächeln war sanft, verstehend. Die Sommersprossen auf ihrer Nase waren kaum zu erkennen. „Dann gehen wir am besten ins Arbeitszimmer.“ Mit diesen Worten öffnete sie eine Tür und lud ihn ein, ihr zu folgen. „Tony lässt sich entschuldigen. Sein Magen macht ihm Probleme. Er hat sich bereits hingelegt.“ Das Zimmer, das sie betraten, war geräumig. Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus, ein großer Schreibtisch nahm die Mitte des Raumes ein. Ein schwerer Ledersessel dahinter. An der linken Wand standen zwei mäßig gefüllte Bücherregale, an der rechten hingen eine lange Reihe gerahmter Photographien.
„Schließen Sie die Tür, Ray“, sagte sie und ging zum Schreibtisch hinüber.
Neben dem Eingang hing eine große, vergilbte Landkarte. Red Hills stand in der Legende. Ray studierte sie aufmerksam.
„Ein Teil davon gehört uns.“
Er nickte und besah sich die Aufnahmen. Schwarzweiße Erinnerungen, manche abgegriffen und zerknickt. Es waren etliche von ihm darunter, alle aus seiner Zeit als Soldat. Ray allein, gemeinsam mit Jasper Reed oder anderen Kameraden. Ein Bild von ihm kurz nach seiner Verwundung, sein Körper eingehüllt in weiße Laken, eine Flasche Schnaps auf dem Nachttisch neben dem Krankenhausbett. Die anderen Bilder zeigten zumeist Jasper, als Jäger oder mit Fremden. Gelegentlich ein Photo von Eve Reed, einer hübschen, dunkelhaarigen Person. An fünf Stellen zeichneten sich jedoch nur die Umrisse der Bilderrahmen an der Wand ab. Jemand hatte sie fortgenommen.
Ira stand mit einem Mal neben ihm, ihre Schulter streifte seinen Arm und ihr Duft stieg ihm wieder entgegen. „Jasper hat große Stücke auf Sie gehalten.“
„Ich nicht weniger von ihm. Hätten wir ihn nicht zurückgehalten, dann hätte er die Deutschen im Alleingang aufgerieben.“
Sie schluckte. „Zum Schluss nicht mehr.“
Ray schwieg betreten, den Blick auf die Photographien gerichtet, ohne sie zu sehen. „Es tut mir leid, Ira. Ich wünschte, ich hätte bei ihm sein können.“
Ihre Schultern zuckten, als würde sie weinen, aber ihre Augen blieben trocken. „Es war besser so. Sie hätten ihm auch nicht helfen können. Niemand konnte das. Dem Krebs war es egal, dass er ein Kriegsheld war.“
„Er war für mich da, als ich beinahe gestorben wäre. Es wäre das Mindeste gewesen, in seinen letzten Stunden bei ihm zu sein.“
Sie schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, Ray. Jasper war so stolz, er hätte nicht gewollt, dass Sie ihn so sehen.“
Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Der Impuls, sie zu umarmen, durchzuckte ihn. Aber er schaffte es nicht, die Arme zu heben, sie hingen schlaff an seiner Seite. „Ich war an seinem Grab auf dem Veteranenfriedhof in Fort Riley, bevor ich herkam.“
Ira zuckte die Schultern: „Ich war seit der Beerdigung nicht mehr da. Es ist nur ein dummes Holzkreuz und hat nichts mit ihm zu tun.“ Ihre Hand berührte eine Aufnahme, strich nachdenklich über das Glas. „Dieses Bild hat er geliebt.“
„Das war Ende ’46 in Paris. Sehen Sie, dort hinten kann man ein Stück vom Eiffelturm erkennen.“ Jasper, ein kräftiger Mann mit einem fröhlichen Gesicht, in der Uniform eines Oberst, und Ray, einige Jahre jünger als sein Freund, ein lachender Sergeant, posierten Arm in Arm vor einem kleinen Laden. Jeder von beiden hielt zwei Weinflaschen in den Händen, weitere standen auf den Pflastersteinen vor ihnen. „Wir sollten ein deutsches Waffenlager ausheben, aber unser Informant hatte sich geirrt. Statt auf die Waffen, stießen wir auf einen zugemauerten Keller voller Weinflaschen. Es wurde ein ziemlich feuchter Abend für unsere Truppe.“
Ira lachte leise und die trübe Stimmung war verschwunden. „Jasper meinte, Sie hätten einen Großteil des Fundes im Alleingang vernichtet.“
Ray wedelte abwehrend mit den Händen: „Vielleicht. Ich kann mich an den Ausgang der Nacht nicht mehr erinnern. Aber Jasper war nicht der Typ, der sich seinen Beuteanteil entgehen ließ.“
Sie gingen zum Schreibtisch hinüber, auf dem Landkarten und Papiere lagen. Ira blieb neben ihm und sah ihn lange an. „Danke, dass Sie gekommen sind, Ray.“ Er hielt ihren Blick in seinem. „Ich wüsste nicht, wer uns ansonsten hätte helfen können.“
„Ich schulde es Jasper. Und auch wenn es nicht so wäre, bin ich froh, gekommen zu sein.“
Ein zaghaftes Lächeln strich über ihr Gesicht. „Meinen Sie, wir haben eine Chance?“
Er zuckte die Schultern: „Ich muss erst die Karten sehen, das Land und dann ein paar Gesteinsproben nehmen, ehe ich etwas sagen kann.“
„Jasper war sich sicher.“
„Er hatte immer einen guten Riecher, was Geschäfte anging, vielleicht hat er sich nicht getäuscht.“
„Die Karten sind hier, in den Schubladen sind noch mehr. Er hat in den letzten Monaten alles zusammengesucht, was er auftreiben konnte. Er wusste, dass Sie kommen würden.“
„In Ordnung. Ich werde sie mir morgen ansehen.“
„Und dann fahren wir raus.“
Er nickte.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Gästezimmer, Ray.“ Gemeinsam gingen sie nach oben, die Helligkeit war bereits aus dem Haus verschwunden. „Es ist schrecklich spät“, sagte Ira und ging vor ihm die Treppe hinauf. Langsam, geschmeidig.
„Da ist mein Zimmer, direkt neben Ihrem, Ray. Und gegenüber das von Cora.“ Sie führte ihn den Flur entlang. Hellblaue Tapete, gleichfarbige, weiche Teppiche und die Flugstudien von Wildvögeln an den Wänden. „Hier.“ Sie öffnete die Tür in ein großes Zimmer. An der Wand stand ein Doppelbett, gegenüber davon ein wuchtiger Schrank aus dunklem Holz. Ein rostroter Teppich und kleine Landschaftsbilder in verzierten Rahmen rundeten das Ambiente ab. „Ist es in Ordnung?“, fragte Ira.
Ray trat an ihr vorbei, streifte ihren Duft und sah sich kurz um. „Ja, ausgezeichnet.“
Sein Gepäck stand vor dem Bett.
„Schlafen Sie gut, Ray.“ Sie lächelte ihn an, ehe sie die Tür schloss.
„Sie auch, Ira.“
Dann war er allein und lauschte auf ihre sich entfernenden Schritte. Ohne Licht zu machen, entpackte er seine Reisetasche und sortierte die Habseligkeiten im Schrank ein. Als letztes zog er ein sorgsam verschnürtes Bündel hervor.
Er trat ans Fenster und blickte hinaus, während er langsam, ohne hinzusehen, die Schnür löste und das Tuch auseinander schlug. Zwischen dem weißen, mit Ölflecken verunzierten Stoff schimmerte das mattdunkle Metall eines Revolvers. Es war eine große, schwere Waffe, die er einen Augenblick lang in der Hand wog, um sie dann wieder ins Tuch einzuwickeln. Das verschnürte Bündel verbarg er sorgfältig auf dem Schrank.
Dann zog er sich aus und legte sich schlafen.
„Guten Morgen, Ray. Setzen Sie sich, frühstücken Sie mit mir.“ Das Esszimmer war hell und weitläufig. Die Tapete trug einen kaum merklichen Gelbton zur Schau. Vor den hohen Fenstern hingen mit Spitze besetzte Gardinen. Über einer kleinen Teakholzkommode protzte ein wuchtiges Landschaftsgemälde mit seinen herbstlichen Farben, kleinere Geschwister von ihm verzierten den Rest der Wände. Herzstück des Zimmers war eine lange Tafel, auf der silberne Kännchen und Schälchen neben weißem Geschirr standen. In einer Nische führte ein Durchgang zur Küche, aus der leiser Lärm zu hören war.
Tony Hull saß allein am Tisch, einen Teller mit belegten Broten und Rührei vor sich, eine aufgeschlagene Zeitung in der Hand. Sein Gesicht hatte wieder Farbe gewonnen und sein Mund unter dem dünnen Bart lächelte zufrieden. Er trug eine helle Hose, ein weißes Hemd und einen mit blassbraunen Karos verzierten Pullunder. Seine braunen Schuhe waren auf Hochglanz poliert. „Setzen Sie sich wohin Sie wollen. Penny wird Ihnen gleich Ei bringen. Trinken Sie Kaffee, Ray?“
Ray nahm schräg gegenüber von Tony Platz. Während der andere ihm Kaffee in eine zerbrechliche Tasse eingoss, tauchte aus der Küche ein blasses, kantiges Mädchen auf, gekleidet in ein schwarzes Kleid und eine weiße Schürze. Sie lächelte unbeteiligt und schaufelte ihm Rührei auf den Teller. Dann rückte sie ihm Butterschale und Brotkorb zurecht und verschwand wieder in die Küche.
„Die gute Seele des Hauses. Sie hilft Ira im Haushalt“, erklärte Tony und schob sich eine Gabel voll Ei in den Mund.
Ray begann langsam zu essen. „Mit Ihrem Magen wieder alles in Ordnung?“
Hull lächelte und klopfte sich mit der Hand auf den Bauch. „Ja, nichts, was ein paar Stunden Schlaf nicht kurieren konnten. Sie sind mir doch nicht böse wegen gestern Nacht?“
„Warum sollte ich Ihnen böse sein, Tony?“
Während seiner Antwort wedelte er unruhig mit der Hand: „Weil uns dieser verdammte Fuchs fast in den Graben befördert hätte. Ich hätte ihn überfahren sollen.“
„Schon in Ordnung. Ich mag Füchse, insofern bin ich froh, dass Sie ihn nicht überfahren haben.“
Tony sah in einen Augenblick lang irritiert an. „Ein Tierfreund, was? Trotzdem, ich bin ein ausgezeichneter Fahrer, Ray, wirklich. Ich fahre viel und gut.“
„Schwamm drüber. Wo sind denn alle?“
Der andere war einen Moment lang in Gedanken vertieft: „Ich kann Füchsen nichts abgewinnen. Die übertragen doch Tollwut, oder nicht? Ira steht immer etwas später auf und Cora lässt das Frühstück zumeist ganz aus.“
Sie aßen einige Zeit schweigend, nur von Pennys leisem Lärmen in der Küche und dem Rascheln der Zeitung begleitet. Als er zu Ende gelesen hatte, faltete Tony das Blatt sorgfältig und legte es neben sich auf einen Stuhl. „Sie wollen heute sicherlich hinausfahren, nicht wahr, Ray? Sich das Land anschauen, stimmt es nicht?“
Ray nickte und trank seine Tasse leer: „Das wäre sinnvoll.“
„Wenn Sie wollen, begleite ich Sie und Ira. Ich habe den Mittag über nichts zu tun und muss erst gegen drei Uhr nach Dodge City.“
„Arbeit?“
Tony nickte und strich sich mit einem Finger sorgsam den Bart glatt. „Ich bin Handlungsreisender, verstehen Sie? Für ein großes Unternehmen. Ich verkaufe Waschmittel an Ladenketten.“
„Waschmittel?“
Ein Lächeln erschien unter dem dünnen Oberlippenbart: „SunTop – Wäsche wie ein Sommermorgen. Vielleicht kennen Sie unsere Werbeplakate? Die hübsche Mutter im strahlend weißen Kleid, das Baby auf dem Arm, vor einer aufgehenden Sonne.“
„Bedaure.“
„Nicht schlimm. Da kommt Ira.“ Die Tür zum Speiseraum öffnete sich und Ira Reed trat ein.
Sie trug eine enge Kombination, einem Reitdress nicht unähnlich, mit hellbrauner Hose und weißer Bluse. Ihr blondes Haar war nach oben gesteckt, aber einzelne Haarsträhnen tanzten in ihrer niedrigen Stirn.
„Wie ich sehe, sind die Herren der Schöpfung schon wach.“ Ihre Stimme klang träge, nach Schlaf und sterbenden Träumen.
„Guten Morgen, Ira.“ Tony winkte ihr zu, aber sie sah Ray an.
„Guten Morgen, Ray.“ Sein Name kam ihr mit leichtem Zögern über die Lippen, aber in ihren Augen lag ein warmes Funkeln.
Er nickte ihr zu: „Guten Morgen, Ira.“
Sie kam zum Tisch und setzte sich neben Tony. „Haben Sie gut geschlafen, Ray?“
„Wie ein Baby.“
„Das freut mich.“
„Willst du Kaffee, Ira?“
„Ja, bitte, Tony.“ Das Mädchen erschien mit dem Ei und frischem Brot. Ira aß ein paar Happen, dann stocherte sie lustlos in ihrem Frühstück herum.
„Tony meint, er würde uns auf das Ölfeld begleiten“, sagte Ray.
„Tut er das?“ In Iras Stimme schwang ein leicht ironischer Unterton mit. „Na, von mir aus.“ Sie sah erst Ray, dann Tony an.
„Aber klar, Ira. Ich war ja auch nur auf ein oder zwei kurze Stippvisiten dort. Eigentlich wollte ich die Hintertür streichen, aber ich muss erst neue Farbe aus der Stadt holen.“
„Tony kümmert sich ein wenig um das Haus, müssen Sie wissen, Ray. Er ist nicht ungeschickt dabei. Nur seit er diese wetterfeste Farbe entdeckt hat, möchte er am liebsten alles damit anstreichen.“
„Jetzt übertreibst du aber, Ira.“ Tony lächelte verschmitzt.
„Meinst du?“ Ira zuckte mit den Schultern. „Wollen wir gleich nach dem Frühstück los, was meinen Sie, Ray?“ Wieder spielten ihre Lippen mit seinem Namen, strichen darüber, sehr langsam.
„In Ordnung. Am Nachmittag würde ich mir dann gerne die Karten und Unterlagen ansehen.“
„Aber ja, die laufen doch nicht fort.“ Sie lachte, ein heller, weicher Ton.
„Von mir aus können wir los“, meinte Ray und trank seinen Kaffee aus.
„Großartig. Fährst du den Pick-up vor, Tony?“
Sein Lächeln war ein wenig gezwungen. „Mach ich, Ira. Aber ich bin nicht dein Dienstbote, vergiss das nicht.“ Seine Stimme blieb ruhig, dennoch klang ein schneidender Ton darin an.
Ira sah ihn einen Moment herablassend an, dann verschwand das Lächeln von ihren Lippen und sie mied Tonys Blick. „So war das doch nicht gemeint“, sagte sie leise.
„Gut. Ich will nur eben noch nach dem Stromzähler sehen. Wir treffen uns am Wagen.“ Tony erhob sich, nickte dem anderen Mann zu und verließ das Zimmer.
Ray, der so getan hatte, als wäre ihm die Unstimmigkeit zwischen dem Paar entgangen, stand ebenfalls vom Tisch auf.
„Tony bastelt immer am Stromzähler herum. Das Ding funktioniert nicht richtig, schon seit wir es bekommen haben. Aber er kriegt es einfach nicht hin.“ Sie betonte die Worte, als wären sie eine Erklärung für die Auseinandersetzung. Ihr Blick blieb unverwandt auf ihren Teller gerichtet.
„Ich werde noch ein paar Sachen holen, dann können wir los.“ Ray ging hinaus.
Als er zum Wagen kam, warteten Tony und Ira bereits auf ihn. Die schlechte Stimmung zwischen ihnen schien verflogen. „Ah, da sind Sie ja endlich. Werfen Sie Ihre Tasche hinten drauf und steigen Sie ein.“
Ray legte eine kleine, abgewetzte Reisetasche auf die Ladefläche und stieg auf der Beifahrerseite ein. Tony war hinter das Steuer geklettert und ließ den Motor an. Ira saß in der Mitte, die Hände in den Schoß gelegt. Als er sich setzte, bemerkte er den Umriss ihrer Brüste, die sich groß und fest unter dem weißen Blusenstoff abzeichneten. Ihre Augen streiften ihn und sie lächelte kurz, als hätte sie seinen Blick gespürt.
„Dann mal los“, sagte Tony.
„Will Cora nicht mit?“
„Die schläft bestimmt noch. Außerdem mag sie die Ölfelder nicht.“
Ray sah über die Schulter zum Haus zurück, als sich der Wagen in Bewegung setzte. Für einen kurzen Moment glaubte er, ein Gesicht an einem der oberen Fenster zu sehen. Ein blasses und ernstes Gesicht.
„Unser Feld liegt etwa vier Meilen von hier, aber wir müssen einen Umweg fahren, um mit dem Wagen nah heranzukommen“, erklärte Ira und Ray wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu.
Der Pick-up rumpelte langsam über die staubige Straße. „Beizeiten wollen wir die Zufahrt asphaltieren lassen, aber momentan fehlt dazu das nötige Geld.“ Sie zogen eine hellbraune Staubwolke hinter sich her. Links und rechts reihten sich einige spärliche Bäume auf. „Die Vorbesitzer haben sie gepflanzt, um einen Sichtwall zu bekommen, aber die Bäume lassen sich Zeit damit. Hier draußen wächst nichts außer Gras und Dornensträuchern“, seufzte Ira.
Durch die unruhige Fahrt rutschte sie auf ihrem Platz herum. Gelegentlich berührten sich ihre Knie, aber Ray konnte nicht sagen, ob von ihrer Seite Absicht dahinter steckte.
Sie deutete nach links: „Das ist das Anwesen der Marchs, Donalds Familie. Wohnen seit drei Generationen hier und besitzen viel Land. Der alte March ist durch Öl reich geworden und jetzt zehren sie von seinen Ersparnissen.“ Ray nahm ihren zarten Pfirsichduft wahr und bemühte sich, ihren Worten zu folgen. In einiger Entfernung, einsam inmitten einer unebenen Grasfläche, stand ein rosafarbenes Landhaus. Dahinter zeichneten sich die Ausläufer der Red Hills ab.
Sie erreichten die Straße und bogen nach Osten ab, weg von Ashland. Nichts als Hügel, zumeist braun oder rostrot, und Gras bewachsene Ebenen. Dazwischen das glitzernde Band der Straße, das sich in der flimmernden Ferne verlor.
„Etwas einsam hier“, meinte Tony. „Die nächste größere Stadt ist Dodge City. Da gibt es einmal die Woche Kino und ein Konzert am Samstag.“
In der Ferne tauchten kleine Türme auf den braunen Feldern auf. Auch auf diese Entfernung erkannte Ray, dass es Förderanlagen waren. „Dahinten liegt das alte March-Ölfeld. Die Förderung wurde vor sieben oder acht Jahren aufgegeben. Die Anlagen rosten vor sich hin.“ Ira strich nachdenklich über ihre Oberschenkel, die sich fest und glatt unter der engen Hose abzeichneten.
Nach etwa fünf Meilen verließen sie die Hauptstraße und bogen in einen kaum erkennbaren Feldweg ab. Der Pick-up holperte und schaukelte über Schlaglöcher, eine dichte Staubwolke hüllte sie ein. „Pferde sind hier draußen ideal, aber Jasper hat immer nur davon gesprochen, welche anzuschaffen. Irgendwie ist es nie dazu gekommen. Mir recht, ich kann ohnehin nicht reiten.“ Ira zwinkerte Ray zu, die blonden Strähnen tanzten auf ihrer Stirn.
Sie fuhren etwa drei Meilen. Die Red Hills rückten immer näher, wuchsen aus der Grasebene heran. „Näher geht es nicht“, erklärte Tony und hielt an.
Ray sprang aus dem Wagen und half Ira beim Aussteigen. Sie drückte kaum merklich seine Hand und sah ihn an, als sie neben ihm stand. Ihr Gesicht war gerötet, die Fahrt hatte sie alle durchgeschüttelt. Sie zupfte ihre Frisur zurecht und nahm erst die Augen von ihm, als Tony um den Pick-up herum gestapft kam.
Vor ihnen erstreckten sich die Red Hills, rostbraune, mit trockenem Gras bewachsene Hügel, die aussahen, als hätten dämonische Hände ihre Fingernägel hineingegraben und sie zerrissen. Ein schwerer, warmer Wind strich über sie hinweg, während sich am Himmel dünne Wolken wie ein Wellenmeer ausbreiteten.
„In diese Richtung liegt unser Haus, aber man kann es von hier nicht sehen. Kommen Sie, Ray, wir zeigen Ihnen die Felder.“ Tony deutete mit der Hand nach Südwesten, dann ging er auf einen Hügel zu.
Ira blickte ihm missmutig nach, seufzte und lächelte: „Kommen Sie, Ray.“ Einen Augenblick sah es so aus, als wollte sie ihm den Arm anbieten, aber dann entschied sie sich anders und ging langsam neben ihm her. Er ergriff seine Tasche und sie folgten Tony über die rötliche, trockene Erde.
„Jasper hat viel Geld und Hoffnungen in dieses öde Fleckchen Land gesteckt, Ray. Ich wünschte mir so sehr, dass er sich nicht getäuscht hat.“
Das Trio erstieg einen kleinen Hügel und hielt an. „Das ist es“, hauchte Ira. Sie stand zwischen den beiden Männern und blickte in die Ferne.
Vor ihnen erstreckte sich ein unebenes Tal, eingefasst von zerkratzten Hügeln und weiten Grasflächen, dazwischen, gleich erkrankten Stellen, steinige rote Erde. Sie schwiegen einige Zeit, als laste die Einsamkeit der Landschaft auf ihnen.
„Was meinen Sie, Ray?“, fragte Tony und tupfte sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn. Er bewegte sich langsam und vorsichtig voran, sorgsam darauf bedacht, seine helle Hose nicht zu verschmutzen. Und es gelang ihm tatsächlich, dem Staub zu entgehen, nur der Glanz seiner Schuhe hatte gelitten.
Ray antwortete nicht, sondern ließ die beiden stehen und wanderte ins Tal hinab. Vom Fuß des Hügels aus ging er etwa fünfzig Meter weit, dann blieb er reglos stehen, die Augen auf den Boden geheftet. Zwischen dem Gras wuchsen spärliches Heidekraut und ausgetrocknete Sträucher.
Schließlich ging Ray in die Hocke und grub seine Finger in die trockene Erde, füllte seine Hand damit und zerrieb sie zwischen den Fingern. Dann schnupperte er daran, sog ihren Geruch ein, als wäre es alter, teurer Wein. Wieder verharrte er, die Augen halb geschlossen.
Die beiden anderen kamen langsam zu ihm herunter, blieben erwartungsvoll hinter ihm stehen. Ray ließ die restliche Erde langsam zwischen seinen Fingern hindurchrinnen.
Als er sich erhob und umdrehte, hing Iras Blick an seinen Lippen. „Was ist es, Ray?“, fragte sie angespannt. Tony fuhr sich nervös mit der Zunge über die weißen Zähne.
„Es riecht nach Öl“, antwortete Ray.
Der andere Mann lächelte unter seinem dünnen Bärtchen, aber es wirkte in der Hitze mehr, als blecke er die Zähne.
Ira ergriff die von Erde verschmutze Hand, hob sie langsam an ihr Gesicht und roch zögerlich an seinen Fingerspitzen. „Sind Sie sicher, Ray?“ Der Druck ihrer Hand war fest und heiß.
Er nickte: „Es riecht nach Öl. Aber erwarten Sie noch nichts. Ohne genaue Untersuchung kann sich Ihre Hoffnung auch in schale Luft verwandeln.“
Tony schien ihn nicht zu hören. „Öl!“, flüsterte er vor sich hin. Seine Augen glitzerten fiebrig.
„Oh, Ray. Das wäre so wundervoll.“ Ira ließ seine Hand los.
Er sah sie ernst an: „Fangen Sie nicht unnötig an zu träumen, Ira. Der Duft nach Erdöl hat schon viel falsche Hoffnung genährt. Diese Gegend hier gilt als ausgetrocknet, da wäre es ein kleines Wunder, wenn wir hier auf unangetasteten Reserven stehen würden.“
„Aber Jasper war sich sicher …“
Ray zuckte die Schultern: „Warten wir es ab. Ich nehme mir ein paar erste Proben mit, dann muss ich mich an die Karten und Gutachten setzen.“
Er kniete sich wieder hin, öffnete die Reisetasche und entnahm ihr eine kleine Kiste und zwei Glasfläschchen. Sorgfältig füllte er etwas Erde in die Flaschen und Steine in die Schachtel. „In Ordnung.“
„Dann lassen Sie uns Heim fahren.“ Ira lächelte ihn an.
„Ich muss mich ohnehin bald auf den Weg nach Dodge City machen“, meinte Tony.
Sie gingen zum Wagen zurück, jeder in seine Gedanken vertieft. Die Sonne hatte sich über die Hügel erhoben und verbreitete eine trockene, flirrende Hitze. Das ausgedörrte Gras protestierte unter ihren Schritten.
Tony brachte den Pick-up wieder auf die Hauptstraße Richtung Ashland. Es herrschte kaum Verkehr. Der kühle Fahrtwind drang durch die Fenster herein, zerrte an Haaren und durchschwitzter Kleidung.
Als sie in die Einfahrt zum Reed-Anwesen einbogen, kamen sie an Cora und Donny vorbei. Der Dalmatiner Dot sprang um sie herum, während sie in ein Gespräch vertieft waren.
„Arbeitet dieser Junge nicht?“, knurrte Tony.
„Was regst du dich auf, Tony? Er ist doch noch ein Junge. Und seine Eltern haben genug Geld.“
„Trotzdem, Ira. Er sollte arbeiten, anstatt hier schon am Mittag aufzutauchen.“
Cora winkte ihnen zu, als sie langsam vorbeifuhren.
Der Wagen hielt hinter dem Packard und sie stiegen aus, um zum Haus hinüberzugehen.
„Ich mache mich schnell frisch, dann bin ich weg. Kann sein, dass ich es nicht pünktlich zum Abendessen schaffe“, erklärte Tony und stieg die Treppe zum Bad hinauf.
Ira seufzte, aber Ray war sich nicht sicher, ob aus Resignation oder Erleichterung. „Wollen Sie ein Glas kalter Limonade, Ray? Ich bestimmt.“ Er nickte und sie führte ihn in die Küche, einem hellen Raum mit einem gusseisernen Herd und weißen Schränken. Der Tisch und die Spüle waren neu, alles war sauber und glänzte.
Ira nahm einen großen Krug aus dem Kühlschrank und schenkte zwei Gläser voll zitronengelber Limonade. „Penny macht sie selbst. Ein Wundermittel bei einer solchen Hitze.“ Sie trank in kleinen, hektischen Schlucken.
Ray hielt sein kaltes Glas in der Hand und beobachtete ihren Hals, als sie den Kopf zurücknahm um zu trinken. Ihre Haut war hell und glatt. „Schmeckt sie Ihnen nicht?“ Sie lächelte und fuhr sich mit der Zunge genießerisch über die Lippen.
Er nahm einen Schluck. „Ein wenig sauer vielleicht.“
„Tun Sie etwas Zucker hinein, dann ist sie nicht so sauer. Ich mag sie so am liebsten.“
Nickend ging er zum Fenster hinüber und sah hinaus in den Garten.
Ira trat neben ihn, das Glas frisch gefüllt. Ihr Pfirsichduft mischte sich mit dem der Zitronenlimonade.
Sie sahen sich an, lächelten, ohne Worte zu finden und vertieften sich wieder in die Betrachtung des ausgetrockneten, braunen Rasens.
Vorne im Haus schlug eine Tür, einige Augenblicke später startete ein Motor und ein Wagen fuhr davon. „Das war Tony. Vermutlich ist er wütend“, sagte Ira in Gedanken versunken. Dann schwiegen sie erneut, bis sie einen leisen Laut ausstieß und ihren Platz am Fenster verließ. „Ich zeige Ihnen jetzt die Karten und das ganze Zeug.“
Er folgte ihr aus der Küche in den Flur und dann ins Arbeitszimmer. Sein Blick streifte die Photographien an der Wand und verweilte auf neuen, kahlen Stelle.
„Es ist alles hier“, erklärte Ira und winkte ihn zum Schreibtisch herüber. Darauf lagen etliche Landkarten, manche vom Alter vergilbt, Papiere mit Zahlen und geologischen Analysen, die meisten aus den Dreißigern. „Hier in der Schublade sind noch mehr. Setzen Sie sich, Ray. Ich bringe Ihnen noch eine Limonade.“ Sie verließ das Zimmer und er nahm in dem alten Ledersessel Platz.
Seine Finger strichen über die Blätter, schoben sie langsam hin und her. Er zog wahllos eines heraus und las es aufmerksam. Dann begann er die Papiere zu sortieren, legte sie in ordentlichen, dünnen Stapeln vor sich ab.
Die Tür öffnete sich und Ira schlüpfte mit einem gefüllten Glas herein. Sie lächelte sanft, als sie den Mann bei der Arbeit sah. Vorsichtig stellte sie das Glas ab, strich einen Tropfen vom Rand und sagte: „In der ersten Schublade sind Papier und Stifte, falls Sie sich Notizen machen möchten, Ray.“
Er sah zu ihr auf, wobei sein Blick zwangsläufig über ihren üppigen Busen glitt. Auch er lächelte: „Danke, ich komme schon zurecht.“
Sie zögerte, musterte ihn einen Augenblick und nickte: „Gut. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie.“ Ray war bereits wieder in die Papiere vertieft, als sie das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss. Er breitete die Karten vor sich aus, studierte sie, legte einige der Gutachten daneben und fing an, sich in seiner kleinen, unruhigen Handschrift Notizen zu machen.
Ray schlenderte durch den Garten und sog nachdenklich an seiner Zigarette. Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, die Glutspitze in der Handfläche verborgen, während sich der dünne Rauch um seine Finger legte. Vor ihm zeichneten sich die Red Hills weich in der Nachmittagssonne ab. Die Hitze des Tages verlor langsam an Intensität, war aber noch immer eine pyretische Last. Die Grillen stimmten sich bereits auf den Abend ein.
Er lehnte an einem der wenigen Bäume und betrachtete die mit trockenem Gras überzogenen Hügel. Der Wind wehte ihm den müden Geruch der endlosen Weite entgegen.
„Geben Sie mir auch eine Zigarette, Mr. Corbin?“ Cora Reed stand plötzlich neben ihm, ihr blaues Kleid ein wohltuender Kontrastpunkt in der braun-roten Tristesse.
Er fischte seine Packung aus der Hemdtasche, klopfte eine Zigarette heraus und hielt sie ihr entgegen. Sie nahm sie mit ihren schlanken Fingern und führte sie an die Lippen. „Haben Sie auch Feuer?“
Er steckte die Packung wieder ein und gab ihr mit einem Streichholz Feuer. Sie beugte sich zu seiner Hand vor, hielt den Tabak an die Flamme und sah ihn unter ihren langen Wimpern hervor an. „Danke.“ Sie sog genüsslich den Rauch ein und ging langsam vor ihm auf und ab. Bei jedem Schritt konnte er ihre blassen, zarten Knöchel zwischen dem blauen Stoff sehen.
„Kommen Sie voran, Mr. Corbin?“
Er nahm den Blick von ihr und richtete ihn wieder auf die Hügel. „Ich verschaffe mir gerade einen Überblick. Karten studieren, geologische Gutachten lesen.“
„Glauben Sie, dass Dad Recht hatte?“, fragte Cora und musterte ihn dabei aufmerksam.
„Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Aber Jasper hatte eine feine Nase, was Gelddinge anging.“
„Auch für Öl?“
„Er wird schon seine Gründe gehabt haben, auch wenn hier seit mehr als zehn Jahren kein Barrel mehr gefördert wurde.“
„Haben Sie schon mal Öl gefunden?“
„Vor dem Krieg, ja. Ich war in Kanada und Texas. Aber nach dem Krieg war ich nicht mehr in den Staaten.“
„Sie waren in Frankreich, oder?“
Ray nickte und strich die Asche von seiner Zigarette.
„Gab es da auch Erdöl?“ Leichter Spott in ihrer weichen Stimme.
„Nein, aber Frauen.“
Sie sah ihn an, ernst, mit etwas in den Augen, das an den Glanz von Eifersucht erinnerte. Dann lächelte sie: „Kann ich mir vorstellen.“
„Ich glaube nicht.“
„Sie halten mich für ein Kind. Ich bin aber keins mehr.“
Er zuckte die Schultern.
Sie schwiegen einige Zeit und lauschten den Grillen.
„Kennen Sie ein bisschen was von Ashland?“
„Nur das, was ich gestern Nacht gesehen habe. Und das war nicht besonders viel“, erwiderte er.
„Hätten Sie Lust, sich von mir herumführen zu lassen? Ich langweile mich hier zu Tode und Sie könnten mir von Europa erzählen, Mr. Corbin.“
„Ich weiß nicht.“
„Kommen Sie, ich beiße nicht.“
Nach einem kurzen Zögern antwortete er: „Von mir aus.“
„Großartig. Ich zeige Ihnen die Stadt und dann fahren wir zum Cimarron, da ist es schön. Passt Ihnen morgen?“
„In Ordnung.“
„Danke, Mr. Corbin. Es wird bestimmt lustig.“ Sie lächelte vergnügt, drückte ihre Zigarette aus und ging zum Haus.
Ray lehnte sich zurück und blieb noch einige Zeit im Schatten des Baumes stehen, ehe er an seine Arbeit zurückkehrte.
Es klopfte und Ray sah von den Papieren auf. „Herein.“
Ira stand in der Tür und lächelte ihn an. „Wir wollen zu Abend essen, kommen Sie auch, Ray?“
Er rieb sich die Augen und nickte. „Natürlich.“ Sein Blick schweifte zum Fenster hinaus. Die Hügel leuchteten im Schein des Sonnenuntergangs in Rot, Braun und mattem Grün.
Ira wartete auf ihn und ging zum Speisezimmer voraus. „Kommen Sie voran, Ray?“ Ihre Hüften bewegten sich weich hin und her. Sie hatte die Hose gegen einen dunkelblauen, weiten Rock getauscht. Pfirsichduft stieg ihm in die Nase.
„Ich denke schon. Jasper hat ziemlich viel Material zusammengesucht.“
„Alles, was er auftreiben konnte. Er hat die alten Ölfamilien abgeklappert, im städtischen Archiv gewühlt und die Leute von der geologischen Gesellschaft genervt.“
„Es wird etwas dauern, bis ich einen vollständigen Überblick habe.“
„Hetzen Sie sich nicht, Ray.“
„Keine Bange.“
Sie betraten das erleuchtete Esszimmer. Die lange Tafel war reich gedeckt, wirkte in Anbetracht der wenigen Anwesenden überladen. Donald und Cora saßen nebeneinander. Der junge Mann trug einen weinroten Pullover und ein kariertes Hemd darunter. Das Mädchen hatte sich umgezogen. Das mit zarten Blumen bedruckte Kleid passte ihr perfekt. Sie lächelte Ray kurz zu. Ihnen gegenüber hatte Tony Hull Platz genommen, noch immer so makellos wie am Mittag gekleidet.
„Setzen Sie sich, Ray.“ Ira wies ihm einen Platz neben Cora zu. Kaum hatte er sich gesetzt, da erschien bereits das Mädchen und stellte silberne Schüsseln und ein Tablett vor ihnen ab. „Braten und Klöße – Jasper konnte nie genug davon bekommen. Ich hoffe, Sie mögen sie, Ray.“
„Bestimmt.“
Sie reichten die Schüssel herum und füllten ihre Teller.
„Schon was Interessantes bei Ihrer Recherche gefunden?“ Tony sah ihn neugierig an.
„Noch nicht viel. Es ist ein ganz schöner Haufen Material.“
„Na, solange Sie es verstehen … Ich habe es mir selbst angeschaut, aber für mich sind das alles nur Zahlen und Fremdworte.“ Tony zuckte mit den Schultern und zerschnitt sorgfältig sein Fleisch.
„Glauben Sie denn, dass es da noch Öl gibt? Mein Vater meint, es sei reine Zeit- und Geldverschwendung.“ Donald sah ihn mit trägem Blick an.
„Ausgeschlossen ist es nicht. Es kommt darauf an, wie sorgfältig die vorherigen Bohrungen waren. Vielleicht finden wir ein Vorkommen, das noch unangetastet ist. Manchmal liegen zwei Felder direkt übereinander oder so dicht beisammen, dass bei Probebohrungen zwei gefunden werden, aber man nur eins annimmt.“
„Das ist etwas vage, oder nicht, Mr. Corbin?“ Donald schien sich nur mäßig für das Thema zu interessieren.
„Warten wir es ab. Jasper Reed wird nicht ohne Grund seine Vorbereitungen getroffen haben.“
„Wenn Sie meinen … Aber mein Vater sagt, Sie machen sich was vor.“
Ray sah ihn kalt an. „Die Leute sagen immer viel.“
Donald hielt im Kauen inne und starrte ihn unfreundlich an. Ein amüsiertes Lächeln huschte über Coras Gesicht.
Tony Hull wechselte das Thema: „Wollen Sie uns nicht was über Europa erzählen, Ray? Ich habe gehört, die haben da ganz ausgezeichnetes Bier.“
„In Frankreich gibt es vor allem Wein.“
„Na, auch gut. Und die Menschen, wie sind die Leute da so?“
„Nicht anders als hier, wenn ihnen der Krieg das Nötigste zum Leben verwehrt hat.“
„Verstehe schon. Habe damals Bilder vom zerbombten Deutschland im Aktualitätenkino gesehen. Denen haben wir es ganz schön gegeben, was?“
Donald March mischte sich wieder ins Gespräch ein: „Ich wünschte, ich wäre damals alt genug gewesen, um Bomberpilot zu werden.“ In seinen Augen glitzerte es.
„Die hätten dich niemals genommen, Donny.“
„Wieso sagst du das, Cora? Ich wäre bestimmt ein verdammt guter Pilot gewesen und hätte diesem Hiller eine Bombe auf sein Haus geworfen.“
„Hitler“, bemerkte Ray.
Donald sah ihn verunsichert an: „Wie auch immer.“
„Siehst du?“, zischte Cora peinlich berührt.
„Was denn? Es wissen doch alle, wen ich meine. Außerdem hat das nichts damit zu tun, dass ich ein großartiger Kampfpilot gewesen wäre.“
„Jetzt hör schon auf damit, Donny“, bat das Mädchen und stocherte verlegen in ihrem Essen herum.
„Wie du willst.“ Die beiden blickten beleidigt auf ihren Teller.
„Ich hoffe, Ihr könnt es mir verzeihen, aber ich muss noch mal weg.“ Tony tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab, faltete sie sorgfältig und legte sie neben seinen Teller.
„Aber es gibt noch Nachtisch, Tony“, bemerkte Ira. In ihrer Stimme klang Enttäuschung an.
„Tut mir leid, ich würde gern. Aber ich bin schon spät dran. Ray, essen Sie einfach meine Portion mit, tun Sie das, ja?“ Hull war bereits an der Tür.
„Wohin gehst du noch so spät?“
Er hielt im Schritt inne und sah Ira an. „Auf einen Kundenbesuch, was denn sonst? Der alte Knabe mag es gern gemütlich, deshalb trinken wir noch ein Gläschen zusammen. Wartet nicht auf mich.“ Er schenkte allen ein strahlendes Lächeln, strich sich rasch über den dünnen Bart und war verschwunden.
„Wir wollen auch noch weg. Ashley Coons hat uns eingeladen“, sagte Cora und erhob sich.
„Aber das Essen …“, setzte Ira an.
„War köstlich. Wir müssen uns beeilen. Kommst du, Bomberpilot?“ Donald verzog den Mund, stand jedoch gleichfalls auf. Sein Blick glitt zur Küchentür hinüber. „Was gibt es denn?“
„Apfelstrudel.“
„Oh …“ Er seufzte traurig.
„Komm schon, Donny. Entschuldige, Ira. Gute Nacht, Mr. Corbin.“ Sie winkte ihnen zu, dann war sie mit Donald im Schlepptau fort.
Einen Augenblick herrschte Schweigen am Tisch. Dann sah Ira zu Ray hinüber. „Aber Sie essen doch Nachtisch?“
„Gern.“
Das Mädchen erschien in der Küchentür, gekleidet in einen billigen, grauen Mantel. „Soll ich noch schnell abräumen, Mrs. Reed?“
„Nein, schon gut, Penny. Ich mache das schon. Sein Sie morgen nur pünktlich da, um alles in Ordnung zu bringen.“
„Ja, Madame. Der Apfelstrudel ist im Ofen und in ein paar Minuten fertig. Ich wünsche eine gute Nacht.“
„Gute Nacht, Penny.“ Die Angestellte verließ die Küche durch die Hintertür.
„Ich räume das nur schnell ab, Ray.“
„Lassen Sie mich Ihnen helfen, Ira.“
Sie lächelte ihn an. In ihre Wangen stieg eine leichte Röte. „Das ist lieb von Ihnen. Dafür bekommen Sie ein extra großes Stück Kuchen.“ Sie begannen abzuräumen.
„Er duftet schon hervorragend“, bemerkte Ray. Die Küche war erfüllt vom süßen Aroma des Apfelstrudels.
„Warten Sie, wir nehmen uns gleich ein Stück. Schauen Sie doch im Kühlschrank nach, da steht ein Krug mit Vanillesoße.“ Ira zog dicke Küchenhandschuhe über und holte die Backform aus dem Ofenrohr.
„Hier ist sie.“ Er stand dicht neben ihr und sah ihr zu, wie sie zwei große, dampfende Stücke abschnitt und auf Teller legte.
„Danke.“ Sie goss reichlich Soße darüber und lutschte etwas davon langsam und sinnlich von ihrem Daumen. „Wirklich köstlich“, hauchte sie.
Ray sah sie an. „Das kann ich mir vorstellen.“
Sie errötete wieder. „Wissen Sie was, Ray? Wir nehmen unsere Portionen und setzen uns zur Feier des Tages ins Lesezimmer, da ist es gemütlicher als im großen Esszimmer.“
Eine breite Couch mit kunstvoll geschwungenen Armlehnen dominierte den Raum. Die Wände waren in einem blassen Minzgrün tapeziert, mit schmalen Bücherregalen und zwei Vitrinen davor. Vor den Fenstern hingen grüne Vorhänge. „Setzen Sie sich, Ray.“ Ira nahm am linken Ende der Couch Platz.
Ray sah sich kurz um, dann setzte er sich zu ihr.
„Probieren Sie. Ich hoffe, er schmeckt Ihnen. Meine Mutter hat mir das Rezept gezeigt.“
Sie aßen schweigend. Gelegentlich berührten sich ihre Blicke, aber nicht für lange.
„Ausgezeichnet, Ira. Wirklich.“ Er stellte den leeren Teller auf ein kleines Tischchen.
„Das freut mich. Sie wollen jetzt bestimmt eine Zigarette rauchen, nicht wahr? Ich weiß, es ist nicht nett, aber ich muss Sie dafür nach draußen verweisen. Ich vertrage den Qualm einfach nicht.“
„Schon in Ordnung. Ich kann auch später rauchen.“
Sie lächelte erleichtert.
„Ich wusste nicht, dass Jasper mit zunehmendem Alter zu einer Leseratte geworden ist.“ Seine Handbewegung schloss die Regale ein.
„Nein, die stammen von Eve.“
Er nickte.
„Kannten Sie sie gut?“
Ray überlegte. „Sie war eine sehr eigensinnige Person.“
„Jasper hat nie viel von ihr gesprochen.“
Wieder senkte sich Schweigen über den Raum.
„Wollen Sie vielleicht was von der Umgebung kennen lernen, Ray? Wir könnten Sie ein wenig herumführen.“
„Cora hat bereits angeboten, morgen eine Erkundungstour mit mir zu unternehmen. Nach Ashland und an den Fluss.“
Sie sah ihn einen Moment lang unsicher an, dann sagte sie: „Das ist doch großartig. Wir fahren alle zusammen. Tony, Cora, Sie und ich. Ich bereite uns ein schönes Picknick am Cimarron vor. Was meinen Sie, Ray?“
Er zuckte die Schultern. „Warum nicht.“
„Ich werde Sandwichs machen. Mit Truthahn. Warten Sie, bis Sie die probiert haben.“ Ira lehnte sich verträumt zurück. Die Bluse spannte über ihren vollen Brüsten. „Warum sind Sie so lange in Frankreich geblieben, Ray? Jasper hätte Sie gerne hier gehabt.“ Sie sah ihn unter halbgeschlossenen Lidern an.
Ray blickte durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen. Die Nacht davor war von einem undurchdringlichen Schwarz. „Dafür gibt es viele Gründe.“
„War einer davon eine Frau?“ Sie schloss die Augen und errötete. „Entschuldigen Sie, Ray. Das wollte ich nicht fragen. Es ist mir so herausgerutscht.“
Er sah sie an. Ganz leicht nahm er ihren Pfirsichduft wahr. „Fragen Sie ruhig, ich muss ja nicht antworten.“
„Entschuldigen Sie.“
Ein Lächeln umspielte seinen Mund. „Es war eine Frau, ja. Aber das ist schon ein paar Jahre her. Später waren es Geschäfte und vor allem Gewohnheit. Es lebt sich etwas anders in Europa.“
„Leider war ich noch nie dort. Was meinen Sie damit?“
„Es ist … alt. Das ist es – alt. Die haben viel mehr Geschichte und Erinnerungen dort.“
„Haben Sie viel davon gesehen?“
„Nein, eigentlich nicht. Man spürt es mehr. In der Art, wie dort alles gebaut wird, die Art, wie die Menschen dort sind.“
„Das klingt schön.“ Sie hatte die Augen geöffnet und sah ihn aufmerksam an.
Ray schüttelte den Kopf. „Es ist nicht schöner oder hässlicher als hier. Und die Probleme sind auch nicht anders als hier.“
„Aber Paris! Ich meine, man liest immer, es sei die Stadt der Liebe und Romantik.“
„Geben Sie nicht zu viel darauf, Ira.“
Sie zog einen Schmollmund. „Nehmen Sie mir nicht meine Träume, Ray. Sind Sie kein Romantiker?“
Sein Blick hielt sie gefangen und er bemerkte, wie sich ihr Körper anspannte. Ihre Lippen waren halb geöffnet und schimmerten feucht. Wieder fiel ihm ihr Duft auf, stärker dieses Mal. Iras Finger strichen unruhig über ihren blauen Rock.
„Vielleicht“, sagte er nach langem Schweigen und wandte den Blick ab.
Sie seufzte schwach.
Ray erhob sich. „Ich werde zu Bett gehen.“
Sie sah ihn an, halb ängstlich, halb erwartungsvoll.
„Gute Nacht, Ira.“
„Gute Nacht, Ray.“
Langsam ging er hinaus in den Flur, fühlte, wie ihre Augen seinen Bewegungen folgten, und schloss die Tür hinter sich. Halbdunkel umfing ihn, berührte seine Erinnerungen. Er dachte an Jasper, an ihre Zeit in Frankreich, an das Mädchen, das sie geliebt hatten, und daran, wie sein Freund schließlich nach Amerika zurückgegangen war.
Er strich sich über die Augen, tat einen Schritt in Richtung der Treppe und zögerte. Leise ging er zum Arbeitszimmer hinüber und öffnete die Tür. Fahles Licht fiel durch das breite Fenster und ließ die Einrichtung wie schwache Echos erscheinen. Ray trat zum Schreibtisch, zog die unterste Schublade auf und entnahm ihr eine halb gefüllte Flasche. Dann ging er hinaus, vorbei an der Reihe kaum erkennbarer Photographien, ohne sie anzusehen. Er stieg die Treppe hinauf in sein Zimmer, öffnete das Fenster, zog sich Hemd und Schuhe aus und legte sich auf das Bett.
Die Nacht hatte wenig Abkühlung gebracht. Warme, trockene Luft drängte herein.
