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Eine mysteriöse Halskette. Ein verschwundener Spieler. Ein skrupelloser Gangster. Eine verführerische Frau. Roger Cross hat in seinem neusten Fall alle Hände voll zu tun, Licht ins Dunkel des Totenreichs zu bringen. Ist die Kette nur ein bloßes altägyptisches Schmuckstück? Oder wirklich ein Weg zurück ins Leben? Schon bald muss Cross ordentlich strampeln, um den Kopf über Wasser zu halten. Denn die Erinnerung ans Lebendreich ist Gold wert - die Rückkehr auch einen Mord! (Teil 3 der Krimis aus dem Totenreich)
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Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Myron Bünnagel
Die letzte Reise
Krimi aus dem Totenreich 3
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1
Impressum neobooks
Ich konnte das Meer durch das geöffnete Fenster riechen, noch bevor die mehrspurige Straße zu einem einsamen Band Richtung Labelle verkümmerte. Ein schwerer, feuchter Geruch, der heran kroch und zu nisten begann. Er erinnerte mich an einen ungelüfteten Keller in dem irgendetwas vor sich hinfaulte. Eine Leiche vermutlich. Hinter den Vororten mit ihren heruntergekommenen Eigenheimen kamen ein paar verlassene landwirtschaftliche Betriebe und schließlich ausgedorrte Wiesen. Dann schlängelte sich die Küstenstraße an vergilbten Reklametafeln vorbei, mindestens zehnmal das gleiche Motiv – Suntop Waschpulver mit einer strahlenden Hausfrau darauf. Aus mir unbekannten Gründen musste sich die Werbung auch über den Tod hinaus behaupten. Jetzt tauchte das Meer auf und weigerte sich bald darauf, aus der Landschaft zu verschwinden. Sein Gestank passte zu der schwarzen Brühe, die bis zum Horizont reichte. Das Meer der Unsicherheit. Angeblich brandete es bis in die Gefilde der Lebenden, man musste nur weit genug hinausfahren. Wenn einen nicht vorher die tückische Strömung oder Untiefen hinderten. Mit Sicherheit wusste jedoch niemand, was am anderen Ufer wartete. Weit draußen kreuzten einige schrottreife Tanker in den Fahrtrinnen, vermutlich direkt im Bermuda-Dreieck verloren gegangen. Der Himmel über ihnen wollte die Sonne nicht durchlassen und hielt sie hinter einem diesigen Schleier gefangen. Ein warmer, idyllischer Tag.
Labelle lag drei Fahrtstunden von der Stadt entfernt, ein verschlafenes Küstenörtchen mit weißen Häuschen und den typischen Touristenläden. Nur, dass niemand hier jemals zum Urlaubmachen herkam. Die Villen schmiegten sich ans Kliff, bereit, in die Tiefe zu stürzen, wenn der Fels zu bröckeln begann. Ein exklusives Fleckchen für die Reichen und Schönen.
Barrents Haus lag am anderen Ende von Labelle, etwas abseits selbst von den anderen Villen. Ein Gebäude mit viel Glas und einem Flachdach, zeitlos geschmacklos. Eine hölzerne Plattform hing über dem Abgrund und lud zu Tanzabenden ein.
Ich lenkte meinen Wagen die Einfahrt hoch und parkte neben einer Limousine und einem Sportcoupé. Die verdorrten Blumen und das abgestorbene Gras waren sorgfältig gepflegt, dem Haus selbst merkte man erst auf den zweiten Blick an, dass es Opfer eines Feuers geworden war. Unter der weißen Farbe sah ich die verkohlten Holzleisten.
Der Türklopfer brachte es nicht zum Einsturz, also wartete ich. Im Hintergrund rauschte träge das Meer, im Haus ging eine Tür, aber ansonsten war es hier oben angenehm ruhig.
Ein Butler öffnete und streckte den Kopf heraus. „Sie wünschen?“ Er war klein und aufgequollen, mit einer grobporigen Nase und blutunterlaufenen Augen. Sehr wahrscheinlich, dass er sich tot gesoffen hatte.
„Roger Cross – Mr. Barrent erwartet mich.“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Das ist richtig. Bitte, folgen Sie mir nach hinten.“ Er stieß die Tür auf und führte mich durch die Villa nach draußen. Alles war sauber und ordentlich, aber der Brandgeruch würde dennoch nie ganz verschwinden. Das Innere war wie ein Mausoleum, totenstill und voll gestellt mit Grabbeigaben aus allen möglichen Epochen. Irdene Krüge, Waffen, Masken, Schmuck – in Vitrinen, Regalen und an den Wänden. Ich blieb vor einer Auslage mit goldenen Ketten und Ringen stehen, vielleicht altrömischer Herkunft, aber was wusste ich schon davon. „Muss ja ein paar besorgte Hinterbliebene haben, Ihr Chef.“
Der Butler runzelte die Stirn: „Mr. Barrent ist Sammler, einer sehr bedeutender.“
„Natürlich auch möglich.“
Der alte Knabe machte sich nichts aus Humor: „Hier entlang, bitte, Mr. Cross.“ Er geleitete mich durch das Wohnzimmer auf die Terrasse. Die Plattform war mit einem Tisch und Stühlen hergerichtet. „Wenn Sie sich bitte einen Augenblick gedulden wollen.“ Er sparte sich die Verbeugung und überließ mich dem Wind und dem Panorama. Das ganze Konstrukt knarrte und ächzte, als ich mich an die Reling lehnte und auf das schwarze Wasser hinab schaute. Weit draußen trieben Bojen, die übereifrige Schwimmer davor warnten, sich der Strömung auszusetzen, auch wenn ich nicht wusste, wer überhaupt einen Fuß in diese stinkende Brühe setzen würde. Die dunklen Wellen liefen unter mir an einem hellen Strand aus, an dem ein Motorboot lag. Eine Jacht lohnte wohl nicht. Unweit davon stand ein einsamer Liegestuhl auf dem sich eine Blondine räkelte, die noch viel einsamer aussah. Ihr Badeanzug verbarg nicht allzu viel des wohlproportionierten Körpers. Unsere Blicke begegneten sich und ich war mir sicher, dass sie gerne ein wenig Gesellschaft dort unten gehabt hätte.
„Mr. Cross? Schön, dass Sie es einrichten konnten. Mein Name ist Geoffrey Barrent.“ Eine tiefe Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er wirkte wie ein Mittfünfziger, grau an den Schläfen, nicht mehr ganz formschön um die Hüften, Maßanzug, nervöse Hände.
„Schöne Aussicht haben Sie von hier oben.“ Ich deutete mit dem Kinn in die Tiefe.
„Meine … Frau.“
„Nett.“ Wir schüttelten uns die Hand und nahmen Platz. Barrent schien einer von den Typen zu sein, für die alles richtig lief: Geld und politischer Einfluss ergänzt von einer hübschen Geliebten und einer unauffälligen Todesart. Herzinfarkt oder etwas in der Art. Kein äußerer Makel – nicht mal ein Loch in der Brust. „Wie kann ich Ihnen helfen, Stadtrat?“
Seine Finger brauchten immer etwas zu tun – sich eine Zigarette anzünden, die Asche fortschnippen. Er stieß den Rauch aus und beobachtete, wie der Wind ihn zerfaserte. „Mir ist etwas abhanden gekommen, von dem ich hoffe, dass Sie es wiederbeschaffen.“
„Blond?“
Barrent sah mich einen Moment mit halb geöffnetem Mund an, dann zerdrückte er die angefangene Kippe auf dem Boden. Das Holz unter seinem Stuhl war übersät mit kleinen Brandlöchern. „Nein, nichts in der Richtung. Meine … Frau genügt mir völlig, wenn Sie das meinen.“
„Für die Meinungsbildung sind nun Sie zuständig, Stadtrat. Was also fehlt, wenn es keine Frau ist?“
„Ein Kunstgegenstand.“
„Eine der Grabbeigaben.“
„Richtig. Ein wertvolles Stück aus meiner Sammlung, eine Kette in Form einer Totenmaske. Reines Gold, die Augen sind aus Edelsteinen. Spätägyptisch.“ Er zündete sich eine neue Zigarette an. Sein Feuerzeug war ungewöhnlich – ein silbernes Zippo mit einer Gitarre darauf. Das Metall glänzte wie frisch poliert.
„Ist das auch eine?“
Barrent hielt es gegen das Licht. „Ja, aus dem Grab eines Musikers.“
„Hübsch.“ Das Besondere an Grabbeigaben war, dass sie zumeist makellos ins Reich der Toten wechselten. Die ganzen anderen Dinge wiesen immer eine Unstimmigkeit auf – Kratzer, fehlende Teile, Defekte. Oft war es die emotionale Bindung ihres Besitzers, der ihnen vorausgeeilt war. Oder eine kollektive Sehnsucht, die sie hierher trieben. Wenn sie schließlich hier ankamen, waren sie so tot wie alle hier und mussten mühsam wieder zusammengebastelt werden. So gab es hier mehr Schrott als alles andere. „Diese Halskette ist Ihnen gestohlen worden?“
Der Stadtrat zögerte einen Moment mit seiner Antwort, dann nickte er: „Ja, leider. Ich bewahrte das kostbare Stück in einem Wandsafe auf, aber vor zwei Tagen war es plötzlich verschwunden.“
„Ein Einbruch?“
„Nicht direkt …“
„Einer Ihrer Angestellten?“
Barrent schüttelte den Kopf: „Mein Sohn.“
„Barrent Junior?“ Ich hatte nicht gehört, dass der Politiker ein Kind hatte. Andererseits hatte ich auch von seiner Frau noch nichts gehört. Aber es gab solche Clans – ganze Sippschaften, die sich auch im Tod noch auf die Nerven gingen. Vermutlich moderten sie alle in der gleichen Gruft.
„Nicht mein leiblicher Sohn. Harry Price war Pilot, ehe ihn die Japaner abgeschossen haben. Er ist … beinahe mein eigen Fleisch und Blut.“
„Ektoplasma.“
„Sie wissen, was ich meine. Ehe er zu mir kam, irrte er ziellos umher. Ich gab ihm ein Zuhause. Wir stehen uns sehr nahe.“
„Deshalb auch der Diebstahl.“
„Harry hat Probleme, er ist ein Spieler. Ich gebe ihm Geld, aber es genügt nicht. Er hat die Kette genommen, um seine Schulden zu begleichen.“
„Sie scheinen schon alles zu wissen, wofür brauchen Sie da mich?“
„Das ist korrekt. Ich weiß sogar, bei wem er die Schulden hat. Einem Gangster namens Danny Eston, vielleicht haben Sie schon von ihm gehört. Er betreibt eine Reihe Clubs und Spielhöllen.“
„Flüchtig. Man sagt, er habe ein paar hervorragende Beziehungen zur Stadtverwaltung, die ihm eine Menge Ärger ersparen, wenn er etwas Illegales durchzieht. Also immer.“
„Davon weiß ich nichts, Mr. Cross, und will davon auch nichts wissen. Ich will einzig und allein die Kette. Sie sollen sie beschaffen.“
„Zurückstehlen?“
„Oder kaufen, falls es nicht anders geht. Eston wird sie mit Sicherheit noch nicht abgestoßen haben, sondern wissen, dass ich sie zurückhaben will.“
„Aber direkte Geschäfte mit einem wie ihm schaden Ihrem Image, daher schalten Sie mich ein.“
„Ein Mann in meiner Position kann es sich nicht erlauben, mit kriminellen Elementen zu verkehren. Ich erwarte, dass Sie dementsprechend diskret vorgehen und meinen Namen nicht nennen.“
Immerhin war mein gesellschaftlicher Status schlecht genug, um mit einem Verbrecher vom Schlage Estons Umgang zu pflegen. „In Ordnung, ich beschaffe Ihnen die Halskette wieder, Barrent.“
„Und Harry!“
„Ist der auch gestohlen worden?“
„Natürlich nicht. Aber seit der Tat ist er nicht mehr nach Hause gekommen. Ich möchte, dass Sie ihm sagen, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht und ich ihn zurückerwarte.“
