Der gelassene Hund - Gülay Ücüncü - E-Book
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Der gelassene Hund E-Book

Gülay Ücüncü

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Beschreibung

Immer mehr Hunde reagieren auf die Herausforderungen unserer schnelllebigen Gesellschaft mit überreiztem Verhalten. Die erfahrene Hundetrainerin und Verhaltensberaterin Gülay Ücüncü erklärt leicht verständlich Ursachen und Hintergründe – unverzichtbares Wissen, um dem Hund zu mehr Selbstbeherrschung zu verhelfen. Selbstbeherrschung ist die Grundlage dafür, den Frustrationen des Alltags ruhig und gelassen zu begegnen. Durch Impulskontrolle lernen Hunde, Situationen auszuhalten, in denen ihre Bedürfnisse nicht sofort befriedigt werden.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover

Zum Geleit

Willkommen an Bord!

Nicht gestört – aber gestresst

Navigationssystem statt Schritt-für-Schritt-Anleitungen

1. Mensch und Hund auf großer Fahrt

Höher, schneller, weiter

Anforderungen an den Menschen

Immer verfügbar, immer »on«

Gesetzliche Anforderungen

Soziale Kontrolle und Hunde-Knigge

Höher, schneller, weiter – auch beim Hund?

Reibungslos durch eine fremde Welt: Anforderungen an den Hund

Nur nicht auffallen

Ein freudiges Naturell ist Pflicht

Eingeschränkter Radius

Herausforderung Stadt

An der kurzen Leine des Gesetzes

Vom Arbeitstier zur Projektionsfläche

Die Rolle des Hundes im Leben des Menschen früher und heute

Der Aufstieg zum Sozialpartner

Der Hund als unfreiwilliger Therapeut

Anpassungswunder Hund

Vom Wolf zum Hund

Mensch wird sesshaft, Hund gleich mit

Wolf und Mensch – nicht irgendeine Beziehung

Hundeaufgaben im Laufe der Jahrhunderte

Back to the roots?

Hund im Dilemma

Der Hund als Freund und Partner: ein Rollenkonflikt

Viele gute Gründe?

Die Sache mit der Augenhöhe

Mit Herz und Verstand beim Hund

Das Fundament: Die stabile Mensch-Hund-Beziehung

Sicherheit durch Vertrauen

Vertrauen durch Verbundenheit

Das unsichtbare Band

Sicherheitsbeauftragter Hund

Wie das Kind, so der Hund

Was bedeutet Bindung?

Bindung zwischen Mensch und Hund

Sicherheit durch Abgrenzung und Führung

Persönliche Abgrenzung

Der Persönlichkeits-Spiegel

2. In ruhige Gewässer

Was ist Selbstbeherrschung?

Hunde außer Balance

Impulskontrolle und Selbstbeherrschung: Konzepte und Begriffe

Das Denken lenken, planvoll handeln

Selbstbeherrschung – beim Hund?!

Die exekutiven Funktionen

Expedition in das Gehirn

Das Gegeneinander und Miteinander der Systeme

Botenstoffe

Die Transmittersysteme

Auf der Suche nach dem Angenehmen

Belohnung und Belohnungsaufschub: Marshmallow-Test

Belohnung und Motivation

Einflüsse auf die Selbstbeherrschung

Warum ist Selbstbeherrschung so wichtig?

Hilfe, Frust!

Mit Frust leben lernen

Mit Selbstbeherrschung gegen den Frust

Übung macht den Meister

Grundlage für erfolgreiches Lernen

Selbstbeherrschung trainieren

Auch Langeweile ist Frust

Offen für den Menschen

Ganz natürlich und sogar wichtig: Aggression

Durch den Wind: Jagdverhalten

Jagdverhalten und Aggression: eine Frage der Motivation

3. Kurs nehmen

Stress

Was ist Stress?

Stress oder Herausforderung?

Stress für die Selbstbeherrschung

Stress und Evolution

Hat mein Hund Stress?

Entscheidend: die subjektive Bewertung

Erfahrungen, Anlagen und Bindung

Persönlichkeit und Genetik

Temperament und Persönlichkeit

Wie entsteht Persönlichkeit?

Anlagen zur Entfaltung bringen

Geerbt oder erlernt? Veranlagung und äußere Einflüsse

Der »Werkzeugkasten der Persönlichkeit«

Die Bedeutung von Stress

Stressverarbeitung und Persönlichkeit

Bindung und Persönlichkeit

Weitere Einflüsse auf die Persönlichkeit

Motivation, Belohnung und Impulshemmung

Der Sitz der Persönlichkeit

Selbstbeherrschung und Rassezugehörigkeit

Aggressive Impulse beherrschen

Persönlichkeit beschreiben

Welpen- und Junghundeentwicklung

Lernfenster zur Welt

Entwicklung als Prozess

Spielerisch lernen: Beißhemmung

Aggression und Spiel

Spiel: unverzichtbares Training für später

Junge Hunde und Jagdverhalten

Land unter: Hund in der Pubertät

Ein wohlwollender Kapitän

Erziehung auf Grundlage von Selbstbeherrschung

Einschränkungen schon früh aushalten lernen

Ruhe und Regeneration

Vor Anker: Regeneration des Hundes

Schlaflosigkeit macht Stress

Gehirnentgiftung im Schlaf

Schlaflosigkeit macht Stress macht Schlaflosigkeit

Regeneration durch Berührungen

Ruhe und Nähe

Willkommener Rückzug

Aktivität und Ruhe im Gleichgewicht

Ruhe macht in Muscheln Perlen

Bewegung

Raus bei Wind und Wetter

Der Mensch bewegt sich zu wenig

Wie viel Bewegung ist ideal?

Ein Gespür für die individuellen Bedürfnisse

Positive Effekte von Bewegung

Körperliche Bewegung und das Gehirn

Bewegung hält das Gehirn fit

Geistige Stimulation durch Sinnesreize

Wind und Sonne in den Segeln

Ernährung

Treibstoff fürs Leben

Kontroversen – was kann, was muss, was soll der Hund fressen?

Selbstbeherrschung braucht Energie

Tryptophan

Und was gehört nun in den Napf?

Individuelle Ernährungsberatung

Krankheiten

Vom Leidensdruck

Krankhafte Störungen versus mangelnde Selbstbeherrschung

Impulskontrollstörung

Trauma

Suchtverhalten

ADHS

Schilddrüse

Offenheit im Sinne des Hundes

Haltung und Einstellung

Wie ist das mit dir …

Du und dein Hund als Teil der Welt

Was ist für dich stimmig?

Wer bist du?

Du als Kapitän der Beziehung

Stress und Perfektionismus

Deine Fehlertoleranz

Deine Intuition

Verbundenheit

Dein Verständnis von Freiheit und Sicherheit

Hast du eigentlich Spaß?

Nach eurem gemeinsamen Kompass

4. Anker werfen

Zu guter Letzt …

5. Service

Danksagung

Quellen

Zum Weiterlesen

Bildteil

Impressum

Zum Geleit

Mangelnde Gelassenheit hat so viele Gesichter wie Ursachen und ist sicherlich ein Phänomen unserer Zeit.

Ein unausgeglichener, aufgedrehter, unruhiger Hund ist eine häufige Erscheinung in unserer hektischen, schnelllebigen Welt. Ihm wird in aller Regel eine mangelnde Impulskontrolle unterstellt. Wir kennen so etwas – das Kind braucht einen Namen – auch Diagnosen werden quasi modern, sind gleichfalls Kinder ihrer Zeit.

Statt Impulskontrolle, medizinisch-psychiatrisch verstanden, wird Selbstbeherrschung gemeint, so der Tenor dieses Buches, die Fähigkeit eines Hundes, einem Impuls zu widerstehen und Situationen auszuhalten, in denen Bedürfnisse nicht oder nicht sofort in Handlungen umgesetzt werden können. Selbstbeherrschung wird als Grundlage für Gelassenheit dargestellt und ist genetisch disponiert wie durch Lernen modifizierbar, kann somit verbessert wie verschlechtert werden. Wichtig dabei ist immer die Beziehung zum Menschen, der in diese Begrifflichkeit mit einzuschließen ist, als Dreh- und Angelpunkt jeder Hundeentwicklung. Statt Kontrolle und damit Einschränkung und Druck, wird die Fähigkeit eines Mensch-Hund-Teams verstanden, Spannungszustände über Handlungsspielräume zu regulieren. Dabei wird der besonderen Beziehung zwischen Hunden und Menschen Rechnung getragen, indem der Hundehalter seinen Hund unterstützt durch gemeinsam Erlebtes, Durchlebtes, durch klare Regeln und durch seine Zuverlässigkeit dem Hund gegenüber. Den besonderen Möglichkeiten in einer besonderen Beziehung (Aufeinanderbezogensein von Hunden und Menschen – über Artgrenzen hinaus) wird so Rechnung getragen. Dieses tiefe Verständnis von Hunden und Menschen kennzeichnet dieses überaus kluge Buch, das immer wieder die Dinge des Lebens zwischen Hunden und Menschen perfekt auf den Punkt bringt.

Verhaltensprobleme entstehen zumeist dann, wenn die Umweltanforderungen die Fähigkeiten eines Hundes zu einer sinnvollen Interaktion unmöglich machen, also sein Anpassungsvermögen überfordern. Vor allem Instabilität und Unvorhersagbarkeit seiner Umwelt – und besonders seines Halters – sind hierbei für einen Hund extrem belastend und stressvoll.

Jedem Hund geht es also gut, wenn er sich den unterschiedlichen Lebensbedingungen anpassen kann. Hat er die Möglichkeit, im Zusammenleben mit seinem Menschen Strategien zu erarbeiten, so verbindet das beide. Gelingt das nicht, wird er frustriert sein, was ihn dann unter Umständen vom Menschen trennt.

Was mir weiter an diesem Buch so besonders gefällt, ist der so genaue wie tiefsinnige Umgang mit Begrifflichkeiten. Und genau dieser ist doch das A und O des einander Verstehens, der einfachste und beste Weg der Vermeidung von Missverständnissen. Die Hundewelt ist voll der »Diagnosen«, und Bewertungen und Missverständnisse unter Hundehaltern sind leider Normalität.

Jeder Hund und jeder Mensch nun ist so individuell wie ihre jeweilige Beziehung zueinander – das Leben mit Hunden ist wohl auf eine Art Co-Konstitution (sensu Haraway, 2003) zugeschnitten, soll es sozial wirkungsvoll sein. Weder Mensch noch Hund, die eine Beziehung eingegangen sind, können also unabhängig voneinander sinnvoll analysiert werden, sind vielmehr miteinander (oder durcheinander) »entstanden« und formen sich interindividuell immer wieder gegenseitig in oftmals komplizierten Zeiten des Zusammenlebens.

Struktur und Verlässlichkeit, Orientierung und Sicherheit, Zuneigung und Vertrauen werden als unerlässliche Kriterien der Beziehung zum Menschen dargestellt. Menschen allerdings suchen ihrerseits Stressabbau im Hund und werden im städtischen Dschungel zusätzlich von anderen Hundehaltern unter Druck gesetzt, von Stressausgleich kann häufig nicht die Rede sein. Und gestresste Menschen führen gestresste Hunde.

Zudem werden Hunde immer wieder über Gebühr physisch ausgelastet, quälen sich mit Sportprogrammen zum caninen Hochleistungssportler. Unsere Schnelllebigkeit geht an unseren Hunden nicht spurlos vorüber. Hunde dürfen zudem nicht (unangenehm) auffallen, müssen sich zurücknehmen, dürfen nicht belästigen. Allerdings ist die Wertung, was belästigt, sehr subjektiv … Dieses gilt insbesondere in den Ballungszentren Großstadt, wo auf engstem Raum gelebt wird.

Die wichtigste Aufgabe eines Hundes heute ist die des Sozialpartners. Und wer passt besser zum Menschen als der Hund? Es entstand Verwobenes im Leben von Wölfen, die Hunde wurden, und Menschen, den Kumpanen des Hundes.

Im Hund steckt seine Entwicklung zum Menschen hin. Bedingt durch den lang andauernden Prozess der Domestikation und die soziale Passung der Stammart Wolf mit dem Menschen, ist dieser dem Hund »wichtiger« geworden als es seine Artgenossen sind, wie in etlichen Untersuchungen zu belegen ist. Hunde sind von vornherein, also nicht nur durch Erfahrungsprozesse, stärker an den Menschen gebunden. Ihre soziale Neigung zum Menschen ist somit genetisch disponiert. Im Zuge jahrtausendelanger Auslese hat sich eine Zusammengehörigkeit entwickelt, der Mensch wurde dabei eine Art »Überhund« (dog humanization im Sinne von Morey, 2010). Man bedenke die vielen Analogien im sozialen Bereich (Feddersen-Petersen, 2008), die intuitives Verhalten so einfach wie geradezu eindeutig machen! Die Kehrseite ist, dass Hunde nicht selten soziale Vorzeigefunktionen haben. Möglicherweise ist es gerade das aufeinander Bezogensein, das Hunde immer wieder auch instrumentalisiert. Hunde gehören zu uns wie kein anderes Haustier. Sie sollen uns auch abbilden, haben soziale Außenwirkung wie Kinder. Nur ambivalenter – entstanden aus emotionaler Sprachlosigkeit? Unsere Beziehung zum Hund ist sicher ambivalent.

Hunde bilden ihre(n) Menschen ab, ihre Entwicklung mit ihm und mitunter auch den Zeitgeist. Zudem sind Hunde auch soziale Prestigeobjekte, wie Kinder.

Die Kapitel zum Aufbau und zur Funktion des Gehirns, zu den Transmittersystemen und Botenstoffen, zu Bindung und Persönlichkeit u. a. sind exzellent gelungen, weder zu fachchinesisch geschrieben, noch zu detailliert abgefasst, zudem perfekt platziert, da sie jeweils verdichten, was vorher thematisiert wurde. Es ist sehr hilfreich, wenn Begrifflichkeiten, die unter Hundehaltern gang und gäbe sind, wie etwa Belohnung und Motivation (als Belohnungserwartung) auf den Zahn ihrer Bedeutung gefühlt wird. Und als beeinflussender Faktor der Selbstbeherrschung wird u. a. der Stress thematisiert.

Die Empfindung von Stress findet vor allem auf einer subjektiven, emotionalen Ebene statt, und es ist daher aus menschlicher Sicht zuweilen schwierig einzuschätzen, welche Situation für ein Tier in belastender Weise stressvoll ist und welche nicht. Innerhalb seines individuellen Anpassungsvermögens gibt es für jeden Hund einen optimalen »Wohlfühlbereich«. Der eine Hund fühlt sich am wohlsten, wenn er viel beschäftigt ist, neue Hunde und Menschen trifft – wenn er also viel positiven Stress erfährt. Ein anderer Hund will vielleicht auch beschäftigt werden, aber vorzugsweise mit einer festen, gleichbleibenden Aufgabe. Wieder ein anderer Hund fühlt sich vor allem dann wohl, wenn er viel Ruhe hat.

Wie weit und für wie lange ein Hund sich außerhalb dieses Bereiches befinden kann, ohne ernsthafte Probleme zu entwickeln, ist unterschiedlich und beschreibt eben sein Anpassungsvermögen. Entscheidend ist also stets die subjektive Bewertung des Hundes: wird eine Situation als bedrohlich und nicht zu bewältigen empfunden – oder als willkommene Herausforderung.

Dieses Buch beschreibt ein freundschaftliches Zusammenleben zwischen Mensch und Hund auf das Feinste, als vertrauensvolles Miteinander auf Gegenseitigkeit, das für den Hund Sicherheit bedeutet (der Mensch übernimmt den Schutz des Hundes!), kooperativ ist und intuitives Verstehen fördert. Über den Verbund mit dem Menschen erfährt der Hund Vertrauen. Der Mensch entscheidet – und gibt Sicherheit. Das lernt der Hund, darauf fußt sein Vertrauen dem Menschen gegenüber, das fördert die Aufeinander-Bezogenheit – Hunde erwerben dann, so möchte ich sagen, soziales Geschick.

Ein ganz wichtiges Buch zum Verständnis der Beziehung zum Hund in unserer nicht selten widersprüchlichen Zeit. Ich hoffe, dass es reichlich Leser findet, denn es wird in seiner Klarheit viele Augen öffnen!

Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen

Ethologin

Fachtierärztin für Verhalten und Tierschutz

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Zitierte Literatur

Feddersen-Petersen, D. U. (2008): Der lächelnde Hund. Eine mimische Analogie sozialer Kommunikation mit dem Menschen? In: Ich, das Tier. Tiere als Persönlichkeiten in der Kulturgeschichte. S. 123 – 132. Hrsg. Ullrich, J., Weltzien, F. und Fuhlbrügge, H. Dietrich Reimer Verlag GmbH, Berlin.

Haraway, D. (2003): The Companion Species Manifesto. Dogs, People, and significant Otherness. Chicago.

Morey, D. F. (2010): Dogs. Domestication and the development of a social bond. Cambridge University Press.

Willkommen an Bord!

Impulskontrolle ist in aller Munde. Was immer ein Hund tut, wenn er nicht hört: Der hat doch was zu tun mit der Impulskontrolle! Diese Erklärung haben neuerdings viele Hundehalter bei der Hand. Wenn es um Impulskontrolle geht, klingt es oft so, als sei der Hund irgendwie gestört. Als würde er nicht ganz richtig ticken.

Das sagt viel über unsere zwiegespaltene Einstellung zum Hund. Einerseits sah man Hunde lange vor allem als Reiz-Reaktions-Maschinen. Sie jagten, sie fraßen, sie pflanzten sich fort. Wenn man ihnen genug zu fressen gab, erledigten sie ihren Job als Wachhund oder auf der Jagd. Es hat lange gedauert, bis man Hunden überhaupt Emotionen zugestanden hat. Bis heute ist ihre rechtliche Stellung zumindest mehrdeutig. »Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt« – so besagt es Paragraf 90a des Bürgerlichen Gesetzbuches. Doch weiter heißt es: »Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.« Ein bisschen, so scheint es, gelten Hunde doch noch als Sachen.

Andererseits gibt es einen manchmal bizarren Trend zur Vermenschlichung von Hunden. Sie sind Kumpel, Partner- und Kindersatz, Sportprofis, Projektionsfläche für unsere Wünsche und Sehnsüchte und müssen mitunter Nietenmäntel und Schnuller am Halsband tragen. Dabei beneiden wir sie doch insgeheim um ihre Nähe zur Natur!

Nicht gestört – aber gestresst

Aber nicht nur diese Rollen, auch andere Faktoren der Menschenwelt wie Hektik, Lärm und Straßenverkehr laufen der Natur des Hundes zuwider. Als hochsoziales und anpassungsfähiges Wesen macht er all das mit. Doch er reagiert in ganz individueller Weise darauf. Ein Ergebnis kann ein unausgeglichener, aufgedrehter, unruhiger Hund sein – eben einer ohne Impulskontrolle. Ein simpler Zusammenhang, der für das Thema dieses Buches von großer Bedeutung ist.

Das Buch erläutert die Ursprünge der Mensch-Hund-Beziehung, die Grundlagen der Impulskontrolle und warum ich lieber von Selbstbeherrschung spreche. Damit ist die Fähigkeit des Hundes gemeint, Situationen auszuhalten, in denen Bedürfnisse nicht oder nicht sofort in Erfüllung gehen – und wie er gelassen damit umgeht. Diese Fähigkeit ist in vielen Alltagsbegegnungen unverzichtbar, in denen der Hund nicht sofort seinen Impulsen nachgeben darf, unbeherrscht reagieren, seinem Jagdverhalten nachgehen, sonstwie anecken oder destruktive Aggression zeigen könnte. Gute Selbstbeherrschung erleichtert nicht nur den alltäglichen Umgang miteinander, sie wirkt sich ebenfalls auf die Konzentration, Aufmerksamkeit und Regenerationsfähigkeit des Hundes aus. Selbstbeherrschung ist auch die Grundlage für Gelassenheit, diesen Zustand, um den wir Menschen im Alltag allzu oft ringen. Im Begriff der Gelassenheit schwingen Ruhe und Ausgeglichenheit mit, Langmut und Geduld, aber auch Demut und Souveränität. Weitere Bedeutungsdimensionen drängen sich auf: Wer gelassen sein will, muss gelassen werden – und sich verlassen können. Im besten Fall ermöglicht Gelassenheit den Blick auf das Wesentliche im Leben, auch wenn es einmal schwieriger wird. Der Weg zur Gelassenheit führt über die Selbstbeherrschung.

Hinter schlechter Selbstbeherrschung stehen eingeschliffene Verhaltensweisen und zu einem gewissen Teil Veranlagungen, die nicht von selbst wieder verschwinden. Der Grund sind neuronale Verknüpfungen im Gehirn, die wiederum durch eine Vielzahl von Faktoren bedingt werden. Darauf haben wir jedoch Einfluss, weshalb Selbstbeherrschung bis zu einem gewissen Grad erlernbar ist. Je jünger ein Individuum ist, desto leichter fällt es ihm, doch prinzipiell sind die entsprechenden Verknüpfungen ein Leben lang beeinflussbar. Dazu braucht ein Hund Unterstützung durch den Menschen. Sie beginnt damit, dem Hund gewissermaßen die Koordinaten zur Navigation durch die Menschenwelt vorzugeben. Vergleiche mit menschlichen Verhaltensweisen können dabei hilfreich sein, sind aber auch trügerisch – ein Hund bleibt bei aller Ähnlichkeit mit dem Menschen eben immer ein Hund.

Ich erkläre zunächst, welche Bedürfnisse in einer stabilen Hund-Mensch-Beziehung erfüllt sein müssen, damit das Navigationssystem zur Gelassenheit funktionieren kann: Struktur und Verlässlichkeit; Orientierung und Sicherheit; Zuneigung und Vertrauen. Daneben werden die verschiedenen Einflüsse auf die Selbstbeherrschung vorgestellt. Es wird deutlich, dass jeder Hund und jede Mensch-Hund-Beziehung einzigartig sind, weshalb standardisierte Übungen oft nicht zum Erfolg führen.

Navigationssystem statt Schritt-für-Schritt-Anleitungen

Falls du gehofft hast, in diesem Buch Anleitungen und Übungen zu finden, die du mit deinem Hund zum Thema durchführen kannst, muss ich dich leider enttäuschen. Um Methoden geht es hier nicht, und auch von besagten Anleitungen in einschlägigen Büchern halte ich nicht viel. Sie sind zwangsläufig zu pauschal, denn sie berücksichtigen nicht die individuellen Gegebenheiten, die Mensch-Hund-Beziehung in ihrer Gesamtheit, mit allen individuellen Faktoren. Für das Erlernen und Festigen von Selbstbeherrschung braucht es das echte Leben, damit das Lernen ganz nah an dessen Gegebenheiten stattfindet, mit Training jederzeit im Alltag. Das habe ich immer wieder auch selbst erfahren dürfen. Als Trainerin habe ich fast täglich mit Hunden zu tun, die sich nicht gut beherrschen können. Mein Erfahrungsschatz mit diesen unruhigen, nervösen und überdrehten Hunden ist die Grundlage dieses Buchs, und ich weiß: Einmal in der Woche ein Stündchen üben reicht nicht, um zu wirklichen Veränderungen zu kommen.

Zugleich bin ich aber auch Halterin eines Hundes mit bewegter Geschichte. Ich verstehe, was es heißt, einen Hund mit gering ausgeprägter Selbstbeherrschung zu halten und ihn 24 Stunden am Tag um mich zu haben. Ich kenne die Nöte von verzweifelten Hundemenschen, die mit besten Absichten angetreten sind, denn auch mein Hund hat mich manches Mal an meine persönlichen und beruflichen Grenzen gebracht. Ich habe beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass auch Trainer nicht alles regeln und schon gar nicht alles heilen können. Eine wichtige Erkenntnis! Wer verspricht, jeden Hund heilen zu können, der lügt. Doch das Lebensgefühl und das Miteinander lassen sich verbessern. Denn wenn man verzweifelt ist, ist jede Verbesserung ein großer Schritt auf dem Weg zum Ziel, ein gutes Maß, ein funktionierendes Miteinander zu finden.

Die meisten Hunde haben aus einer Vielzahl von Gründen keine oder nur wenig Selbstbeherrschung erlernt, sie sind also nicht als »gestört« zu betrachten. Dieses Buch richtet sich daher vorwiegend an die »ganz normalen Fälle«, also an Hunde und deren Menschen, denen im Rahmen von Erziehung viel geholfen werden kann. Darüber hinaus gibt es im Kapitel »Krankheiten« einen Einblick, welche Gründe es für mangelnde Selbstbeherrschung noch geben kann. Welche Ursache auch immer dahintersteckt, für alle gilt: Einen Großteil der Bemühungen macht immer eine umfassende, wohlwollende und liebevolle Erziehung aus.

Von dieser Anleitung ist das Zusammenleben mit einem Hund im besten Falle jederzeit geprägt. Ich nenne diese Art von Verbundenheit auch das »unsichtbare Band« – doch dazu später mehr. Statt Übungen abzuarbeiten, dürfen Hundemenschen ein Gefühl bekommen, was in ihrer individuellen Mensch-Hund-Beziehung stimmig ist. Deshalb ist dieses Buch auch eine herzliche Einladung, dein Bauchgefühl (wieder) zu entdecken und darauf zu vertrauen.

So manche Erkenntnis in diesem Buch wird dich vielleicht überraschen – umso mehr, als sie doch im größeren Zusammenhang ganz offensichtlich auf der Hand liegt. Das Buch will deshalb nicht nur die Hintergründe der Selbstbeherrschung erklären, sondern auch zum Nachdenken über das Verhalten des Hundes und über die Mensch-Hund-Beziehung anregen.

Gute Erkenntnisse und viel Spaß beim Lesen!

1. Mensch und Hund auf großer Fahrt

Im ersten Teil des Buches geht es zunächst ganz allgemein um Hund und Mensch in unserer Gesellschaft. Eigentlich geht es uns gut, doch trotz des relativen Wohlstands fühlen sich viele Menschen überfordert mit ihrem Leben. Objektive Lebensqualität und subjektive Zufriedenheit klaffen in den Industrienationen auseinander, die Menschen fühlen sich im eng getakteten Alltag zunehmend wirkungs- und bedeutungslos. Der Hund scheint ein Gegengewicht zu sein, er symbolisiert für viele Menschen die Natur und das Unverfälschte. Tatsächlich beschränken sich gemeinsame Naturerlebnisse oft auf Ausflüge in städtische Parks, kurze und sich wiederholende Spaziergänge im straffen Takt unseres Alltags. Dem Menschen wird in seiner Rolle als Hundehalter so einiges abverlangt, doch noch viel mehr wird vom Hund erwartet. Er soll sich in der Menschenwelt zurechtfinden, möglichst unauffällig, hübsch anzusehen und sozial kompatibel sein als Freund des Menschen, als Partner- oder Kindersatz. Das war nicht immer so, weshalb wir einen Blick in die Vergangenheit werfen. Welche Rolle hatte der Hund früher, wie hat sie sich verändert? Inwiefern hat sich mit dem Rollenwechsel des Hundes auch die Beziehung zum Menschen verändert? Und welche Voraussetzungen müssen für eine stabile Mensch-Hund-Beziehung überhaupt erfüllt sein? Die Anpassungsfähigkeit des Hundes an den Menschen, die er schon evolutionär bewiesen hat, steht im engen Zusammenhang mit der Selbstbeherrschung.

Höher, schneller, weiter

Die Welt scheint sich rapide zu verändern, die Menschen müssen immer schneller und flexibler reagieren. Der Hund bildet in mancher Perspektive ein wohltuendes Gegengewicht gegen die Schnelllebigkeit und Komplexität der Zeit. Doch auch rund um den Hund sieht sich der Mensch mit allerlei Anforderungen konfrontiert – und zugleich muss auch der Hund in der Welt des Menschen Regeln und Gesetzen folgen. Dabei strömen verlockende Reize laufend auf ihn ein … Es braucht einige Gelassenheit, sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Anforderungen an den Menschen

Vieles ist im Wandel: Wir arbeiten, konsumieren und genießen anders als früher – und schneller. Wir fliegen mal eben übers Wochenende ins Ausland, pendeln viele Kilometer täglich zur Arbeit und beantworten unterwegs ein paar Mails. Filme können wir jederzeit gucken, Informationen sofort im Internet finden – und digitale Nachrichten ploppen im Sekundentakt auf. Der Mensch muss schnell umschalten und sich immer wieder rasch an neue Situationen anpassen können. Berufliche und private Sphären mischen sich durch ständige Verfügbarkeit. Das hohe Tempo und die Allverfügbarkeit erfordern es, ständig auf Empfang zu sein. Der Einfluss der sozialen Medien trägt dazu bei, dass sich auch unsere privaten Beziehungen verändern, der Freundschaftsbegriff ist erweitert, zugleich sind viele Beziehungen von Unverbindlichkeit geprägt.

Immer verfügbar, immer »on«

Die Vernetzung und Verfügbarkeit bieten großartige Möglichkeiten, doch viele Menschen empfinden die Schnelllebigkeit auch als Druck. Sie eilen ihren Aufgaben hinterher und versuchen verzweifelt, die Fäden in der Hand zu behalten. Immer am Ball zu bleiben, nichts zu verpassen und schnell zu reagieren – all das sind Anforderungen, die bei vielen Leuten Stress verursachen, unter anderem, weil es ein hohes Maß an Beherrschung und Disziplin erfordert. Auf diesen Druck reagieren die Menschen ganz unterschiedlich. Entweder sie rennen, um mitzuhalten, wobei die wenigsten auf Dauer das Tempo halten und an ihre psychischen Grenzen geraten. Oder sie verweigern sich dem Tempo und den technischen Möglichkeiten, allerdings riskieren sie damit soziale oder berufliche Ausgrenzung.

Der Hund steht für ein Gegengewicht zu diesen Entwicklungen. Fragt man Hundehalter danach, was ihr Hund ihnen bedeutet, sagen viele, ihr Tier würde sie »erden«. Der Hund steht mit seinen grundlegenden Bedürfnissen für Stressausgleich, er ist wie ein sozialer Alleskleber, der die Menschen zueinander bringt, der sich ins Fell weinen lässt und dem einsamen Menschen das Gefühl gibt, in dieser Welt nicht verloren zu sein. Doch auch wenn der Hund eigentlich für Einfachheit und Eindeutigkeit steht, ist die Beziehung des Menschen zum Hund von einigen äußeren Faktoren geprägt. Denn die gesellschaftlichen Anforderungen haben natürlich auch nicht vor dem Leben mit dem Hund haltgemacht.

Gesetzliche Anforderungen

Zunächst einmal muss der Mensch im Zusammenhang mit seinem Hund, zumindest in Deutschland, gesetzliche Anforderungen und Auflagen erfüllen. So müssen Halter Hundesteuer und meist damit einhergehend für eine spezielle Hunde-Haftpflichtversicherung zahlen. Weitere Gebühren können dazukommen, wenn sie eine Gehorsamsprüfung ablegen wollen, um von der Anleinpflicht für Hunde befreit zu werden. Zu diesen Themen müssen sie Informationen zu Gesetzen und Vorschriften einholen. Die meisten Bestimmungen in Deutschland sind durch die Bundesländer und Kommunen geregelt und nicht sofort transparent. Viele Hundebesitzer sind deshalb unsicher, welche Regelungen für sie gelten.

Auch die Gesellschaft selbst übt Druck aus. Der Hund soll ein bestimmtes Bild erfüllen, als Familienmitglied, Kumpel oder Symbol für einen bestimmten Lebensstil. Für andere Facetten des Tiers ist die Gesellschaft nicht immer offen. Die Medien leisten ihren Teil dazu, dass das vermittelte Bild stereotyp und klischeebehaftet ist. Das Ergebnis? Der Druck auf den Menschen wächst, alles jederzeit im Griff haben zu müssen und den Hund um jeden Preis unauffällig zu halten. Zugleich hören viele Menschen im Zusammenleben mit dem Hund aus Angst vor sozialer Ausgrenzung oder sogar juristischen Klagen immer weniger auf ihr Bauchgefühl.

Soziale Kontrolle und Hunde-Knigge

Druck entsteht auch dadurch, dass von neuen Hundehaltern erwartet wird, den neuen Wegbegleiter perfekt und natürlich möglichst schnell zu erziehen. Zusätzlich setzen sie sich auch noch aus persönlichen Motiven selbst unter Druck, alles soll komplikationslos über die Bühne gehen. Unter Hundehaltern kann mitunter ein erstaunlicher Gruppenzwang herrschen! Ein großes Thema unter Hundehaltern ist die gegenseitige Rücksichtnahme – beziehungsweise mangelnde Rücksichtnahme. Weitere Knigge-Themen sind unerbetene Erziehungstipps und verletzende Kommentare anderer Hundebesitzer über das eigene Verhalten oder das des Hundes. Es scheint, als wollten alle Parteien so wenig wie möglich von ihrem Lebensraum abgeben und so wenig Rücksicht wie möglich auf Menschen mit anderen Interessen nehmen. Dieses Streitpotential baut zusätzlichen Druck auf. Hundebesitzer können sich in erbitterten Kleinkämpfen gegenseitig das Leben schwermachen – auf der Straße, aber auch online, denn in den sozialen Medien verhärten sich die Fronten. Dieser Verstärkereffekt führt dazu, dass Menschen schon voreingenommen zum Spaziergang aufbrechen. Diese Stimmung überträgt sich natürlich auch auf den Hund. Gleichwohl haben soziale Medien natürlich auch den Vorteil, dass Menschen für das Thema sensibilisiert werden und leichter Unterstützung organisiert werden kann, wenn etwas schiefläuft.

Unter dem Anspruch, immer alles richtig machen zu wollen und das hohe Tempo des Alltags beizubehalten, vergessen die Menschen, dass sie ihren Stress auch an ihre Hunde weitergeben. Gestresste Menschen vermitteln Stress, ohne sich dessen bewusst zu sein. Tiere haben feine Sensoren und nehmen Stimmungen schnell wahr. Vor allem feinfühlige Hunde zeigen dann mit auffälligem oder unangemessenem Verhalten selbst Stresssymptome – der weitergegebene Druck entlädt sich. So gibt es Stress in der Dauerschleife: Der Mensch weiß nicht, was mit dem Hund los ist, und der Hund versteht nicht, was mit seinem Menschen los ist – ein Teufelskreis. Beiden Seiten müssen sich zusammenreißen, um den Erwartungen zumindest einigermaßen gerecht zu werden.

Höher, schneller, weiter – auch beim Hund?

Die meisten Hundehalter wollen das Beste für ihre Hunde. Da wir Menschen an das Tempo und die schnelle Taktung unseres Alltags gewöhnt sind, gehen wir davon aus, dass auch ein Hund mehr Auslastung braucht – mehr Beschäftigung, mehr Bewegung, mehr Spezialfutter, mehr … Menschen kompensieren über ihre Hunde auch einen eigenen Mangel. Sie befürchten oft, dass ihr Hund nicht ausgelastet genug ist. Beispielsweise kann ein leistungsorientiertes, komprimiertes Sportprogramm für den Hund dazu führen, dass er zum Hochleistungssportler wird, der sich an immer mehr Auslastung gewöhnt, die der Halter jedoch unter Umständen nicht mehr erfüllen kann, zum Beispiel, wenn er mal für länger krank wird.

Gerade Hunde, die einen ohnehin hohen Erregungslevel haben und darin auch noch – meist unbeabsichtigt – gefördert werden, haben Probleme damit, ihre Systeme wieder herunterzufahren. Sie sind es gewohnt, physisch hoch zu touren, und das merkt man auch ihrem ganzen Wesen an. Sie sind unruhig und spannungsgeladen, wirken aufgedreht und überreizt. Oft sind sie im wahrsten Sinne des Wortes atemlos. Sie haben schlicht kein Gefühl dafür, dass es neben Phasen der Action auch die Möglichkeit von Ruhezeiten gibt.

Und so ist es auch eine Anforderung an den Menschen, für Ruhe zu sorgen. Takten wir uns selbst doch einfach mal um einige Beats pro Minute runter und übertragen wir die eigene Hektik angesichts der Schnelllebigkeit der Zeit nicht auf den Hund. Viele Menschen können schon ihre eigenen Bedürfnisse kaum wahrnehmen, wie sollen sie dann die Bedürfnisse ihrer Hunde wahrnehmen? So durchgetaktet, wie wir heutzutage sind, übersehen wir leicht unsere eigenen Bedürfnisse und einfache Zusammenhänge, warum sich der Hund unerwartet verhält.

Reibungslos durch eine fremde Welt: Anforderungen an den Hund

Auch der Hund muss sich mächtig in die Ruder legen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Anders als der Mensch hat er allerdings nicht die Wahl, denn der Hund sucht es sich nicht aus, mit uns zu leben. Er kann nicht wählen zwischen einer Familie und einer alleinstehenden Person oder zwischen einer Wohnung und einem Haus mit Garten. Es ist in erster Linie der Mensch, der sich den Hund aussucht. Letztlich ist es doch so: Der Mensch bedient sich einfach eines Hundes, den er niedlich findet oder der ihm aus einem anderen Grund gefällt. Dieser Hund, der gar nicht gefragt wurde, soll so schnell wie möglich funktionieren. Natürlich ist vielen Menschen klar, dass ein Hund auch erzogen werden muss, aber auch das soll reibungslos und zügig klappen, denn der Mensch möchte der Gesellschaft einen gut erzogenen Hund an seiner Seite präsentieren.

Nur nicht auffallen

Nicht durch das Verhalten aufzufallen ist wichtig, gerade in den Städten, wo viele urbane Menschen heutzutage Angst vor Hunden haben. Sie sind entweder noch nie mit Hunden in Kontakt gekommen oder sie haben negative Erfahrungen gemacht. Menschen mit Angst reagieren oft sehr aggressiv, wenn sich nur ein Hund in ihrer Nähe aufhält. Sie empfinden es als Verletzung ihrer Individualdistanz, selbst wenn es sich nur um einen freundlich-neugierigen Hund handelt. Andere Menschen, für die der Hund eine Unbekannte darstellt, weil sie mit diesem Tier nie in Berührung gekommen sind, reagieren verhalten und fühlen sich bei einer direkten Begegnung mit einem Hund überfordert. Auch dies spüren Hunde. Grundsätzlich gilt: Ein Hund darf keine Belästigung darstellen, sondern muss sich zurücknehmen können. Er soll aufs Wort gehorchen, darf keinerlei aggressives Verhalten zeigen, egal wie ihm geschieht, und er darf nicht jagen, so will es die Gesellschaft. Hier zeigt sich die große Bedeutung der erforderlichen Selbstbeherrschung.

Ein freudiges Naturell ist Pflicht

Doch der Hund soll nicht nur nicht belästigen, sondern er soll auch unauffällig sein. Wenn er auffällt, dann nur positiv durch sein freundliches, gutmütiges Wesen. Er soll sich seinerseits bitteschön möglichst von jedem anfassen lassen. Dabei haben auch Hunde eine Individualdistanz. Manche Tiere haben kein Problem damit, gestreichelt zu werden, doch es gibt auch Hunde, die unwillig oder ängstlich reagieren, wenn ein Mensch im wahrsten Sinne des Wortes übergriffig wird und einfach mal anfassen will. Dennoch wird auch von so einem Hund erwartet, dass er einwandfrei funktionieren muss. Und gestreichelt werden – das muss ein Hund einfach aushalten können.

Eingeschränkter Radius

Genauso soll der Hund seinen Bewegungsdrang im Griff haben. An vielen Lieblingsorten des Menschen muss der Hund möglichst unsichtbar und lautlos sein, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln, Cafés und Restaurants. Nicht dass es wünschenswert wäre, wenn Hunde im Restaurant über Tisch und Stühle springen, doch aus der Perspektive des Hundes sind in solchen Situationen besondere Erwartungen an ihn gestellt.

Besonders hoch sind die an ihn gestellten Anforderungen im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr. Läuft ein Hund im öffentlichen Raum zum Beispiel einem Eichhörnchen oder einer Katze hinterher, kann er für Verkehrschaos oder im schlimmsten Fall für einen Unfall sorgen. Viele Hunde müssen deshalb immer, wenn sie draußen sind, an die Leine.

In vielen Städten gibt es zunehmend ausgewiesene Hundeauslaufflächen. Doch diese offiziellen Hundezonen, in denen ein Hund ohne Leine sein kann, sind oft so klein, dass es hier schnell langweilig wird – für den Menschen und erst recht für den Hund. Wenn man sich die Höhe der Hundesteuer anschaut, erscheinen die Flächen dann noch einmal kleiner.

Herausforderung Stadt

Einem Hund in der Stadt wird übrigens grundsätzlich noch einmal mehr abverlangt als einem Hund, dessen Menschen auf dem Land leben. Verteidigt ein Hund auf dem Land sein Territorium, wird das oft gar nicht so eng gesehen – er bewacht halt Hof und Haus. In der Stadt geht das nicht, denn hier lebt der Hund nicht nur mit anderen Hunden, sondern auch mit vielen Menschen auf engstem Raum. Er muss sich auf so gut wie allen Gebieten viel mehr zurücknehmen lernen als ein Artgenosse auf dem Land, wobei ein wachsender Anteil der Menschen mit ihren Hunden in den Städten lebt.

An der kurzen Leine des Gesetzes

Manche Hunde stehen unter dem besonderen Druck gesetzlicher Auflagen: die sogenannten Listenhunde. In Deutschland sind die Listen Angelegenheit der Bundesländer. Sie führen Hunderassen auf, von denen man ein gewisses Gefährdungspotenzial annimmt. Ihre Haltung und Zucht ist besonders geregelt, in den meisten Regionen müssen sie einen Maulkorb tragen und an der Leine geführt werden. In manchen Bundesländern gilt während der Brut- und Setzzeit – also für mehrere Wochen von Frühjahr bis Sommer – eine grundsätzliche Anleinpflicht für alle Hunde. Der Schutz der Wildtiere in der Brut- und Setzzeit ist aus der Sicht von uns Menschen äußerst sinnvoll, aber ein Hund versteht nicht, warum er in diesen Monaten auf ein- und demselben Weg angeleint sein muss, in der restlichen Zeit aber nicht. Wie so viele niedergeschriebene oder unausgesprochene Regeln der Menschenwelt ist auch diese ihm von Natur aus fremd und unverständlich – und allesamt verlangen sie Selbstbeherrschung.

Wenn der Mensch nur noch verbissen die Baustellen des Tages bearbeitet, dann müssen der Mensch und auch der Hund vor allem eins: funktionieren – auch in ihrer Beziehung zueinander. Dann ist die Erdung, die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, also das, was wir am Hund so sehr schätzen, gegenstandslos geworden. Deshalb ist eine der wichtigsten Anforderungen an den Menschen, bei Problemen mit dem Hund die eigene Haltung zu überprüfen. Es gibt nicht immer eine schnelle Lösung, der Veränderungsprozess fängt oft beim Menschen an. Menschen, die sich an mich wenden, frage ich, ob sie bereit sind, Muster und Strukturen zu durchbrechen. Das ist nicht immer einfach, obwohl es sich viele Menschen wirklich wünschen. Zu einer neuen Haltung zu kommen, ist zwar eine Entscheidung, aber es ist eben auch ein Prozess, der etwas Zeit und Mut zur Veränderung braucht. Soll der Hund Selbstbeherrschung lernen, halte ich es sogar für unerlässlich, sich auf diesen Prozess einzulassen. Es lohnt sich!

Vom Arbeitstier zur Projektionsfläche

Der Hund ist das älteste Haustier des Menschen. Im Wandel vom Arbeitstier zum Sozialpartner hat sich seine Rolle zuletzt stark verändert. Die gemeinsame Geschichte ist aber gekennzeichnet von der Anpassungsfähigkeit des Hundes an den Menschen – eine wichtige Voraussetzung für die Selbstbeherrschung. Blicken wir einmal zurück.

Die Rolle des Hundes im Leben des Menschen früher und heute

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Hunde zu einem bestimmten Zweck und mit einer bestimmten Aufgabe gehalten. Durch die sich verändernde Struktur der Arbeit des Menschen hat sich das geändert. Im Zuge der Industrialisierung und später der Digitalisierung wurden viele Berufe und Tätigkeiten überflüssig, bei denen der Mensch lange auf die Hilfe des Hundes zurückgegriffen hat. Alarmanlagen ersetzen Wachhunde, es gibt immer weniger Schäfer – und welcher Landwirt braucht heute schon noch wirklich dringend einen Hund? Innerhalb weniger Generationen wurde der Hund sozusagen arbeitslos. Natürlich gibt es auch heute noch Hunde mit wichtigen und klar definierten Aufgaben, die teilweise denen von früher ähneln. Die meisten Hundeberufe liegen allerdings heute im sozialen Bereich, doch nur ein kleiner Teil der Hunde hat so klar definierte und spezialisierte Funktionen. Die meisten Hunde sind arbeitslos – aber nicht aufgabenlos. Ihre neue Funktion ist die der Sozialpartner.

Der Aufstieg zum Sozialpartner

Der Hund füllt für den modernen Menschen eine entscheidende Lücke. Menschen brauchen soziale Beziehungen, um zu gedeihen. Gerade Menschen, denen es schwerfällt, Bande zu anderen Menschen zu knüpfen, können vom Kontakt zu Hunden profitieren, denn Hunde geben Zuwendung und Treue, ohne dass die Beziehung allzu eng werden muss. Aber auch für Menschen mit guter Bindungsfähigkeit erfüllt der Hund die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, Einfachheit und Zuwendung. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen unter den wachsenden Kommunikationsanforderungen leiden – immer verfügbar, immer online –, füllen die positiven Effekte von Hunden als Sozialgefährten genau die Nische, in der viele moderne Menschen geradezu bedürftig sind.

Hunde scheinen in der zunehmend komplexen, modernen Welt angenehm einfach und transparent. Sie sind nicht falsch oder hinterhältig, stattdessen vertrauensvoll und nicht nachtragend. Mit großer Treue lieben sie ihre Menschen bedingungslos, auch wenn diese nicht perfekt sind. Der Hund ist, ohne dass es ihm auch nur im Geringsten unangenehm wäre, gefühlvoll – er nimmt seine eigenen Emotionen, positive wie negative, und auch die des Menschen verlässlich wahr. Damit bringt er den Menschen wieder in Verbindung mit seinen eigenen, häufig unterdrückten Gefühlen. Nur ihrem Hund gegenüber können manche Menschen so sein, wie sie wirklich sind – er lacht sie schließlich nicht aus. In vielen modernen Gesellschaften leiden die Menschen unter Einsamkeit und sozialer Kälte. Und genau hier hilft der Hund pragmatisch und uneigennützig als emotionaler Seenotretter für einsame Menschenseelen.

Der Hund als unfreiwilliger Therapeut

Viele Hunde sind mit dieser – relativ gesehen – neuen Rolle überfordert, denn natürlich sind sie immer noch Hunde und keine Ersatzmenschen. Das ist nicht unproblematisch. Die meisten Hunde haben Schwierigkeiten, heftige menschliche Emotionen wie Enttäuschung, Ärger, Kummer oder auch überbordende Liebe abzufedern. Als emotionale Lückenbüßer sind sie schlicht nicht geeignet, denn ungezügelte Gefühle können sie oft nicht einordnen und reagieren verunsichert.

Es gibt noch ein paar andere fragwürdige moderne Funktionen des Hundes – zum Beispiel, wenn sich Rassehunde regelmäßig auf Hundeshows präsentieren lassen müssen oder als Spitzensportler zu Höchstleistungen gedrillt werden. Manche Menschen halten Hunde wie modische Accessoires oder präsentieren sie als Statussymbole. Andere Halter scheinen am Hund ihren Helferkomplex auszuleben.

Anpassungswunder Hund

So unterschiedlich die Funktionen des heutigen Hundes sind – von seiner ursprünglichen Aufgabe als Helfer bei der Arbeit hat er sich weit entfernt. Dennoch hat der Hund heute vermutlich einen höheren Stellenwert als je zuvor in der Hund-Mensch-Geschichte. Dass viele Hunde ihre neue Aufgabe als eine Art Ersatzmenschen, als Familienmitglieder oder beste Kumpel relativ gut bewältigen, liegt an ihrer Anpassungsfähigkeit. Sie hat nämlich erst dazu geführt, dass Mensch und Hund so eine besondere Beziehung haben. Darin hat der Hund seine Nase immer ganz vorn im Wind: Jahrtausendelang hat er sich nach dem Menschen gerichtet. Der heutige Hund ist das Ergebnis von ständiger Anpassung an die sich verändernden Lebensbedingungen und -umstände des Menschen. Mit der sich verändernden Spezies Mensch haben sich auch die Funktionen des Hundes für den Menschen immer wieder gewandelt.

Vom Wolf zum Hund

Es gilt als gesichert, dass Hunde allein vom Wolf abstammen. Dies belegen genetische, verhaltensbiologische und anatomische Daten. Weitgehend unstrittig ist außerdem, dass die Domestikation, also die Haustierwerdung des Wolfes, stattfand, bevor der Mensch in der Jungsteinzeit sesshaft wurde. Der Kontakt zwischen dem Menschen und dem wolfsähnlichen Tier, aus dem später der Hund werden sollte, bestand demnach schon, bevor der Mensch Ackerbau betrieben und Vieh gehalten hat. Der Hund ist damit das älteste Haustier des Menschen. Die Domestikation des Wolfes verlief vermutlich in zwei Schritten, mit der Sesshaftwerdung des Menschen als wichtigem Ereignis, das alles änderte. Die Ergebnisse aus Molekularanalysen eines internationalen Forschungsteams legen nahe, dass die Domestikation vor 18.800 bis 32.100 Jahren begann (Thalmann et al. 2013). Wie genau Wölfe gezähmt wurden, lässt sich mangels Daten nicht mehr genau rekonstruieren, mehrere Varianten sind denkbar. Der Verhaltensforscher Erik Zimen hält die Pflege und Sorge um den Nachwuchs – die zahmen Wölfe leckten die Kleinkinder sauber –, die Vertilgung von Nahrungsresten und Unrat und die aufmerksame, wenn auch ängstliche Beobachtung ihrer Umwelt zu diesem frühen Zeitpunkt der Mensch-Hund-Beziehung für entscheidend (Zimen 2010, 101). Vielleicht waren die Hundevorgänger auch Wärmespender bei Kälte, Wächter der Lagerstätten und lebende Nahrungsreserve sowie Jagdpartner bei der Beschaffung von Nahrung, die anschließend geteilt wurde.

Mensch wird sesshaft, Hund gleich mit

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen vor etwa 15.000 Jahren wurde alles anders. Der Mensch baute Häuser, Siedlungen, Städte; produzierte Lebensmittel und legte Vorräte an; in der Folge hielt er weitere Haustiere wie Rinder und Ziegen. Die Sesshaftwerdung war auch der Beginn eines Systems, das auf territorialem Anspruch beruhte; Hierarchien hielten Einzug in die menschlichen Gesellschaften.

Der Hund veränderte sich mit – und wurde mehr und mehr zum Haustier. Vermutlich gab es erst mit diesem zweiten Schritt der Domestikation eine gerichtete Selektion auf Zahmheit. Die freundlichsten, zutraulichsten Tiere standen im engsten Kontakt zu Menschen, die zahmsten Nachkommen blieben in der Nähe der Menschen. Die Anpassungsfähigkeit des Hundes an klimatische Bedingungen hatte zudem zur Folge, dass sich verschiedene Hundetypen bildeten.

Seine Anpassungsfähigkeit war von Anfang an eine Grundvoraussetzung für alle Funktionen, die der Hund für den Menschen hatte – nur gefährlich durfte er für den Menschen in seiner Umgebung nicht sein. Damit fand über einen langen Zeitraum eine Auswahl der verträglichsten, freundlichsten, zahmsten Hunde durch den Menschen statt. Schon früh in der gemeinsamen Geschichte tat der Hund gut daran, sich selbstbeherrscht zu zeigen, wenn er die Vorteile der Kooperation nutzen wollte. Gezielte Zucht nach Rassen war das noch nicht – doch der Mensch machte das Tier, das ohnehin schon gut zu ihm passte, noch passender. Die moderne Hundezucht mit Blick auf Rassehunde begann erst vor etwa 150 Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts wurden in England erste Zuchtvereine gegründet. Hintergrund war die Qualität von Jagdhunden.

Wolf und Mensch – nicht irgendeine Beziehung