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Der Generationenvertrag gilt als Fundament der gesetzlichen Rentenversicherung. Doch was genau verspricht er – und unter welchen Voraussetzungen kann dieses Versprechen heute noch eingelöst werden? Nicht einzelne Reformmaßnahmen stehen hier im Fokus, sondern die tragenden Annahmen, auf denen die Rentendebatte beruht. Es zeigt, warum sich politische und ökonomische Expertenvorschläge seit Jahrzehnten ähneln, obwohl sich Arbeit, Wertschöpfung, Lebensläufe und gesellschaftliche Verantwortungsstrukturen deutlich verändert haben. Im Zentrum stehen Generationengerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit – nicht als moralische Zuschreibungen zwischen Jung und Alt oder zwischen den Geschlechtern, sondern als strukturelle Gestaltungsaufgabe. Wer trägt Verantwortung? Welche Leistungen zählen? Welche Risiken werden verteilt und abgesichert – und welche systematisch ausgeblendet? Der Autor analysiert zentrale Annahmen der wirtschafts- und sozialpolitischen Verengung der Rentendebatte, beleuchtet die Rolle von Erwerbsarbeit, Produktivität, Zeit, Vermögen und sozialer Infrastruktur und entwickelt daraus Perspektiven, die nicht auf einfache Lösungen zielen, sondern auf langfristig tragfähige Strukturen. Dabei wird deutlich: Komplexität ist nicht dasselbe wie Kompliziertheit. Es geht darum, Zusammenhänge sichtbar und gestaltbar zu machen. Der Generationenvertrag ist eine Einladung, die Rentenfrage umfassend zu betrachten – als Spiegel gesellschaftlicher Prioritäten und als Chance, Solidarität und Verantwortung generationen- und geschlechtergerecht zu gestalten.
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Seitenzahl: 121
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Dilemmata entstehen dort, wo komplexe Systeme in lineare Kategorien übersetzt werden.
Was als ökonomisches Dilemma der Rentenversicherung erscheint – und oft als solches erzählt wird – ist häufig weniger ein Irrtum, als Folge einer linearen Regelungslogik: Nicht die Komponenten stehen im Widerspruch, sondern ihre moderierte, lineare Regulierung.
Ein komplexitätstaugliches „Recht auf eine armutsvermeidende Altersvorsorge“ sollte deshalb nicht als Gegenpol zum Erhalt wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit oder zum angeblichen Verlust von Arbeitsplätzen inszeniert werden. Entscheidend ist vielmehr, wie die Bedingungen ihrer wechselseitigen Funktionsfähigkeit innerhalb des Rentensystems gestaltet werden.
Nicht fragen: Was darfst du? Was kannst du?Sondern: Was darf nicht kaputtgehen?
Ein komplexitätstaugliches „Recht auf eine armutsvermeidende Altersvorsorge“ macht die Welt nicht komplizierter, sondern das Recht realistischer. Es schützt nicht primär einzelne Leistungsansprüche, sondern die Bedingungen, unter denen Menschen im Alter lebenswert und angemessen leben können. Es reguliert nicht linear, sondern über Schwellen und Rückkopplung. Und es ersetzt starre Vorgaben durch überprüfbare Verbindlichkeiten.
Dietmar Helmer
Nachhaltige Marktwirtschaft
Reihe 3, Band 2
Der Generationenvertrag
Ein zerbrechendes Versprechen?
Vorschläge für die Rentenkommission –
und für Politik, Wissenschaft, Journalismus
und Gesellschaft
Texte: © 2026 Copyright bei Dietmar Helmer
Umschlaggestaltung: © 2026 Copyright bei Dietmar Helmer
1. Auflage Januar 2026
Verantwortlich für den Inhalt:
Dietmar Helmer
Washingtonring 119
71686 Remseck-Pattonville
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Inhaltsverzeichnis
Auftakt
Kapitel 0
Begriff und Irritation
Vorwort
Kapitel 1a
1a.1 Komplexität und Kompliziertheit – eine notwendige Unterscheidung
1a.2 Die Rentenversicherung: komplexe Wirklichkeit, komplizierte Behandlung
1a.3 Kybernetik und Emergenz
1a.4 Zwei Beispiele aus der Rentenpraxis
1a.4.1 Die Rentenanpassungsformel
1a.4.2 Der Grundrentenzuschlag
1a.5 Konsequenz für den Diskurs
1a.6 Rentenkommissionen
KAPITEL 1b
Komplex ist nicht kompliziert – Macht, Modelllogik und das Expertentum in der Rentenpolitik
1b.1 Was ist schon „einfach“?
1b.2 Die systematische Gegenüberstellung
1b.3 Wer macht die Dinge kompliziert?
1b.4 Ist es das Bewusstsein – oder das Unterbewusstsein?
1b.5 Oder sind es die Institutionen?
1b.6 Wer profitiert von der Kompliziertheit?
1b.7 Anlehnung an die Naturwissenschaften
1b.8 Der eigentliche Kern
1b.9 Blickwinkel ändern
1b.10 Warum diese Sichtweise für die künftige Rentenpolitik entscheidend ist
1b.11 Die Dominanz einer bestimmten ökonomischen Sicht
1b.12 Was heißt „normativ“?
1b.13 Wenn Komplexität zur Rechenaufgabe wird
1b.14 Die Funktion der Kompliziertheit
1b.15 Warum ich kein „Experte“ im üblichen Sinne sein will
1b.16 Wozu diese Ausführungen dienen
Kapitel 2
2.1 Grundstruktur der Finanzierung
a) Beitragsfinanzierung aus Erwerbsarbeit
b) Bundeszuschüsse aus dem Bundeshaushalt
2.2 Offene Grenzfragen der Zuständigkeit
2.3 Einkommensarten und ihre Rolle für die Rentenfinanzierung
2.4 Wirkungsfragen und Rückkopplungen
2.5 Der Bundeszuschuss
2.6 Zeitgebundene Plausibilität – und ihre Grenzen
2.7 Das Schweizer System der Altersvorsorge
a) Beitragssystem der AHV
b) Begrenzung der Leistungen und Durchbrechung des Äquivalenzprinzips
c) Einordnung im gesamtgesellschaftlichen Kontext
2.8 Das österreichische System der Altersvorsorge
a) Beitragssystem gesetzliche Pensionsversicherung
b) Leistungslogik und Nähe zum Äquivalenzprinzip
c) Bundeszuschüsse und staatliche Verantwortung
d) Einordnung im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz
2.9 Das norwegische Modell
a) Das staatliche Rentensystem
b) Der staatliche Pensionsfonds als zweite Ebene
c) Zeitliche Verantwortung statt kurzfristiger Entlastung
d) Einordnung im Vergleich zu Deutschland, Schweiz und Österreich
2.10 Gesamtüberblick: Vier Systeme, vier Finanzierungslogiken
2.11 Zusammenfassung
Kapitel 3a
3a.1 Die Rentenkommission 2020 – Verwaltung eines Konflikts
3a.2 Was nicht verhandelt wurde
3a.3 Auftrag und Kontext der Kommission 2020
3a.4 Der von der Rentenkommission 2020 verhandelte Korridor
a) Renteneintrittsalter
b) Beitragssätze
c) Rentenniveau / Leistungen
d) Bundeszuschüsse
e) Versichertenkreis
f) Rücklagen / Kapitaldeckung
3a.5 Erweiterter Entscheidungsraum
3a.6 Blick in die Zukunft – Kommission 2026
Kapitel 3b
3b.1 Von der Rentenkommission 2020 zur Rentenkommission 2026
Methodische Bemerkung
Der Auftrag zur Reform 2026
3b.2 Private Altersvorsorge als politischer Ausführungsparameter
3b.3 Betriebliche Altersvorsorge – institutionell vermittelt, funktional individualisiert
3b.4 Die rekursive Finanzierungslogik
3b.5 Systemische Konsequenz: Entgangene Beiträge
3b.6 In der Konsequenz lässt sich festhalten:
Kapitel 3c
3c.1 Kreativität innerhalb eines begrenzten Rahmens
3c.2 Expertenvorschläge zur Rentenreformdebatte
3c.2.1a Biografische Moral – Akademiker
3c.2.1b Biografische Moral – Berufsgruppendifferenzierung
3c.2.2a Moralische Aktivierung – Ehrenamt und Rentner
3c.2.2b Unsichtbare Leistungen – Carearbeit
3c.2.3 Selektive Aktivierung
3c.3 Zusammenfassung Kapitel 3c.1 und 3c.2
3c.4 Die Frühstartrente – Kapital und Börse
3c.5 Vom Frühstart-Sparen zum kWh-Konzept
3c.6 Die kWh-Rente – Vorsorge als reale Sicherungsarchitektur
Überleitung zu Kapitel 4
Kapitel 4
Vorschläge zur Rentendebatte – die Architektur des Möglichen
Einleitung
Die (unvollständigen) Vorschläge im Überblick:
Vorschlag 1
Die Beitragsbemessungsgrenze als Verteilungsentscheidung
Vorschlag 2
2.1 Wertschöpfung statt Arbeitseinkommen in den Blick nehmen
2.2 Arbeit, Wertschöpfung und Ertrag unterscheiden
Vorschlag 3
Lebensleistung nicht auf Erwerbsarbeit verkürzen
Zwischenfazit zu den Vorschlägen 1 bis 3
Vorschlag 4
4.1 Zeit als soziale Ressource neu gewichten
4.2 Gesellschaftlich unverzichtbare Zeitbindungen jenseits von Erwerbs- und Sorgearbeit
Vorschlag 5
5.1 Produktivitätsgewinne berücksichtigen
5.2 Produktivitätsgewinne durch KI-Systeme – Entlastung, Verschiebung, Verteilungsfrage
Vorschlag 6
6.1 Vermögen und Kapitalerträge als Teil der Solidarfinanzierung
6.2 Aktuelle Zahlen zur Vermögensentwicklung und Ungleichverteilung in Deutschland
6.3 Zwischen Vermögensdynamik und Systemstabilität
Zwischenfazit zu den Vorschlägen 4 bis 6
Vorschlag 7
7.1 Nachhaltigkeit als ökonomischen Schlüsselbegriff verstehen
7.2 Die Ambiguität der Nachhaltigkeit
Vorschlag 8
Verantwortung institutionell neu verteilen
Vorschlag 9
Den Generationenvertrag als offene Gestaltungsfrage
Vorschlag 10
Hier könnte Ihr Vorschlag stehen
Weitere Gestaltungsansätze in der aktuellen Debatte
Abschließende Einladung
Vorschlag 11
Rücklagenbildung und Zeitgerechtigkeit
Von Maßnahmen zu Maßstäben
Was dieses Kapitel leistet – und was nicht
Kapitel 5
Prolog – Die Auslegung von Fakten
Journalismus – Wenn Fakten sprechen: Wer übersetzt sie?
Der Spiegel, Fakten und Deutungshoheit
Wo Argumentation verkürzt wird
Daraus muss jedoch nicht notwendig folgen:
Ein wissenschaftliches Beispiel: VDI-Studie und Prof. Koch
Meine erweiterte Perspektive
Der entscheidende Punkt
Was in der Debatte vermischt wird
1.Fakten
2.Modelle
3.Interpretationen
4.Normative Setzungen
Was das für die Rentendebatte bedeutet
Drei typische Verkürzungen
Worum es mir geht – und worum nicht
Meine Schlussfolgerung aus dieser Perspektive
Warum diese Unterscheidung politisch entscheidend ist
Anmerkungen zu Quellen und Arbeitsweise
Über den Autor – ohne Etikett
Freiwillige Beiträge
Schlussbemerkung
„Verlässlicher Generationenvertrag“ – so lautete der Auftrag der Rentenkommission 2020. Der Begriff klingt beruhigend. Er verspricht Stabilität in einer Debatte, die von Unsicherheit geprägt ist. Es lohnt ein genauerer Blick auf das, was mit dieser Verlässlichkeit gemeint ist – und auf das, was nicht.
Bei näherer Betrachtung entsteht der Eindruck, dass der Generationenvertrag weniger gestärkt als verwässert wurde. Nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch das, was weder empfohlen noch beschlossen wurde; durch Relativierungen, Verschiebungen und Auslassungen. Verantwortung wird vor allem auf die Schultern der Beitragszahler gelegt, ohne deutlich zu machen, dass auch andere wirtschaftliche Akteure, weitere Einkommensarten und der Staat – also die Gesellschaft insgesamt – Teil dieser Verantwortung sind.
Verlässlichkeit wird beschworen, während die inhaltliche Kontur des Versprechens unschärfer wird. Verlässlich erscheint weniger das Versprechen selbst als seine Wiederholung.
Was bleibt, ist ein Generationenvertrag, der politisch anschlussfähig bleibt – aber an Orientierungskraft verliert.Ein Vertrag, dessen Begriff Bestand hat, während sein Inhalt verblasst.
Ein verlässlicher Begriff ersetzt kein klares Versprechen. Verlässlichkeit wird beschworen, wo Verbindlichkeit schwindet.
Dieses Buch ist aus der Beobachtung entstanden, dass wir viele unserer großen gesellschaftlichen Fragen zu stark entlang von Zuschreibungen diskutieren, statt sie als gemeinsame Verantwortung zu begreifen. Ich verstehe die Rentendebatte nicht als moralische Abrechnung und nicht als technisches Finanzierungsproblem, sondern als Gestaltungsaufgabe.
Der Generationenvertrag ist für mich kein Rechenmodell und kein politischer Slogan. Er ist Ausdruck eines gemeinsamen Verantwortungs- und Pflichtbewusstseins darüber, wie Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zwischen den Generationen und zwischen den Geschlechtern austariert werden können.
In einer Zeit, in der Rentenfragen häufig auf Lebensarbeitszeit, Beitragssätze oder fiskalische Stellschrauben reduziert werden, setze ich einen anderen Fokus: auf unterschiedliche Formen von Arbeit und Einkommen, auf Wertschöpfung jenseits individueller Arbeitsleistung und auf Lebensleistungen jenseits klassischer Erwerbsbiografien. Es geht um Nachhaltigkeit und Gemeinschaft, um Sicherheit und Anerkennung. Was will eine sich wandelnde Gesellschaft einander verantworten? Und wie lassen sich soziale und ökologische Teilhabe unter heutigen wirtschaftlichen Bedingungen gestalten?
Der Anlass ist die seit Jahrzehnten wiederkehrende Befassung mit der Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung – unter Einbeziehung immer neuer Kommissionen. Die Debatten verlaufen dabei meist in einem engen Rahmen, der sich seither kaum verändert hat: längere Lebensarbeitszeiten, höhere Beiträge, reduzierte Leistungen. Einiges daran ist nicht falsch. Vieles bleibt jedoch unvollständig.
Zahlreiche Fragen werden benannt – auch von der Rentenkommission 2020 –, jedoch selten konsequent zu Ende gedacht oder in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen betrachtet, geschweige denn systematisch durchgerechnet. Im Januar hat die Rentenkommission 2026 – genannt die Alterssicherungskommission – die Arbeit aufgenommen.
Der hier entwickelte Ansatz versteht sich nicht als Gegenentwurf, sondern als Erweiterung des Gestaltungsraums: als Einladung an Politik, Wissenschaft, Journalismus und Gesellschaft, die Rentenfrage im Zusammenhang von Arbeit, Wertschöpfung, Nachhaltigkeit und sozialer Teilhabe neu zu verorten. Es geht darum, den Rahmen sichtbar zu machen, in dem gerechnet, argumentiert und entschieden wird – und zu fragen, ob dieser Rahmen dem heutigen Bild gesellschaftlicher Vielfalt und moderner Lebensverläufe noch gerecht wird.
Komplex1 ist nicht kompliziert2
Warum die Rentenfrage anders gedacht werden muss
In der öffentlichen Debatte über die Rente fällt ein Wort besonders häufig: komplex. Die Alterssicherung sei zu komplex, um grundlegend verändert zu werden. Zu viele Faktoren, zu viele Abhängigkeiten, zu viele Unwägbarkeiten. Der Verweis auf Komplexität wirkt dabei wie eine sachliche Beschreibung – und zugleich wie eine stille Grenzziehung dessen, was als verhandelbar gilt.
Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen. Komplex und kompliziert bezeichnen verschiedene Sachverhalte.
Komplex sind Systeme,
die aus vielen miteinander verbundenen Elementen bestehen.
Ihre Wechselwirkungen sind nicht vollständig vorhersehbar;
Ursache und Wirkung treten häufig zeitverzögert oder indirekt auf.
Gesellschaften, Ökosysteme, Arbeitsmärkte – und auch die Alterssicherung – sind komplexe Systeme.
Kompliziert sind Systeme,
die zwar vielschichtig wirken,
deren Funktionsweise jedoch grundsätzlich zerlegbar, erklärbar und regelbasiert ist,
und die bei hinreichendem Aufwand vollständig beschrieben werden können.
Maschinen, Steuerformulare oder Verwaltungsverfahren und die Ausgestaltung der Rentenversicherung sind kompliziert.
MerksatzKomplexität ist eine Eigenschaft der Realität.
Kompliziertheit ist eine Eigenschaft der Gestaltung innerhalb dieser Realität.
Die Alterssicherung ist zweifellos ein komplexes gesellschaftliches System. Sie verbindet Demografie, Arbeitsmärkte, Produktivität, soziale Erwartungen und politische Entscheidungen. Diese Komplexität lässt sich nicht auflösen – wohl aber gestalten.
In der Praxis geschieht jedoch häufig das Gegenteil. Anstatt die Komplexität offen zu reflektieren, wird sie mit zunehmender Regelhaftigkeit, neuen Ausnahmen und Detailsteuerungen beantwortet. Das Ergebnis ist kein besseres Verständnis, sondern wachsende Kompliziertheit.
So entsteht ein paradoxer Zustand:
Die Realität der Altersversorgung bleibt komplex.
Die Rentenarchitektur wird in seiner Ausgestaltung zunehmend kompliziert.
Der wissenschaftlich-politische Diskurs erklärt sich selbst für alternativlos.
Der Verweis auf die Komplexität der Rentenfrage erfüllt dabei oft eine doppelte Funktion: Er beschreibt reale Zusammenhänge – und markiert zugleich eine Grenze des Diskussionsspielraums.
Wenn etwas als „zu komplex“ gilt,
wird es seltener grundsätzlich hinterfragt,
werden neue Perspektiven schneller als naiv eingeordnet,
verschiebt sich die Debatte von Gestaltungsfragen hin zur Verwaltung bestehender Parameter.
Dabei ist gerade das der falsche Schluss.
MerksatzKomplexe Systeme benötigen nicht mehr Regeln, sondern tragfähige Rahmen und Verständlichkeit.
Die Verwischung der Unterscheidung zwischen komplex und kompliziert ist keine sprachliche Feinheit. Sie hat eine lange wissenschaftlich-politische Geschichte und gewinnt dann an Bedeutung, wenn Gesellschaften beginnen, in Orientierungslosigkeit hinwegzugleiten.
Bereits die Kybernetik3 der Mitte des 20. Jahrhunderts machte deutlich, dass Systeme mit Rückkopplungen, Verzögerungen und Wechselwirkungen anders behandelt werden müssen als mechanische Abläufe. Der Begriff leitet sich vom griechischen kybernētēs ab – dem Steuermann. Gemeint war nicht Kontrolle, sondern Regelung unter Unsicherheit. Norbert Wiener4 und andere frühe Kybernetiker verstanden darunter die Kunst, Systeme zu begleiten, deren Verhalten sich nicht vollständig vorausberechnen lässt.
Ein zentrales Motiv dieser Denkweise war die Einsicht, dass lineare Ursache-Wirkungs-Modelle in solchen Systemen an ihre Grenzen stoßen.
Kleine Eingriffe können große Effekte haben, während massive Maßnahmen wirkungslos bleiben können. Entscheidend ist nicht die Detailsteuerung einzelner Elemente, sondern der Rahmen, in dem sich das System selbst organisiert.
Eng damit verbunden ist der Begriff der Emergenz5. Er beschreibt das Auftreten neuer Eigenschaften auf Systemebene, die sich nicht aus den Einzelteilen erklären lassen. Vertrauen, Stabilität, soziale Sicherheit oder Altersarmut sind emergente Phänomene. Sie lassen sich nicht direkt herstellen oder berechnen, sondern ergeben sich – oder eben nicht – aus institutionellen Strukturen, ökonomischen Bedingungen und kulturellen Erwartungen.
Wenn Regelgenauigkeit Orientierung ersetzt
Die jährliche Rentenanpassung6 gilt als technisch anspruchsvoll und wird häufig als Beleg für die Komplexität des Systems angeführt. Tatsächlich ist sie kompliziert, nicht komplex. Lohnentwicklung, Beitragssätze, Nachhaltigkeitsfaktor und Sicherungsniveau greifen in einer mathematisch präzisen Formel ineinander. Das Ergebnis ist berechenbar – aber kaum noch erklärbar.
Komplex wird das System erst jenseits der Formel: bei der Frage, wie Rentenanpassungen tatsächlich wirken. Proportionale Erhöhungen stabilisieren hohe Renten stärker als niedrige. Kaufkraftverluste treffen Haushalte unterschiedlich. Vertrauen entsteht nicht aus der Korrektheit der Formel, sondern aus der erlebten Angemessenheit ihrer Wirkung.
Hier zeigt sich Emergenz: Akzeptanz oder Misstrauen sind keine Parameter, sondern Systemeffekte.
MerksatzKomplizierte Regeln erzeugen Berechenbarkeit – komplexe Systeme verlangen Verständlichkeit.
Kompliziertheit als soziale Selektionslogik
Der Grundrentenzuschlag7 ist ein instruktives8 Beispiel dafür, wie soziale Anerkennung in der Rentenversicherung über formale Kriterien organisiert wird. Die Idee, langjährige Erwerbs- und Sorgearbeit bei niedrigen Einkommen aufzuwerten, ist sozialpolitisch nachvollziehbar. Ihre Umsetzung folgt jedoch einer Logik, die weniger komplex als kompliziert ist.
Wer legte die Schwelle von 33 Jahren sogenannter Grundrentenzeiten fest? Wer sie knapp verfehlt, erhält keinen anteiligen Zuschlag, sondern geht leer aus. Gerade Menschen mit brüchigen Erwerbsbiografien, langen Krankheitsphasen, Phasen unfreiwilliger Arbeitslosigkeit oder familiären Belastungen werden so von einer sinnvollen sozialen Grundleistung ausgeschlossen. Niemand würde behaupten, dass die Lebensleistung dieser Menschen unzureichend wäre, man zählt sie formal einfach nicht.
Die institutionelle Praxis reagiert auf soziale Komplexität mit administrativer Kompliziertheit. Altersarmut wird nicht vermieden, sondern verlagert – in die Grundsicherung und zum Sozialamt.
Die Schwierigkeit, über Rente offen zu diskutieren, liegt weniger in ihrer Komplexität als in der Art, wie sie institutionell bearbeitet wird. Komplexe Probleme verlangen Orientierung, nicht Überregulierung. Komplexität lässt sich nicht abschaffen – Kompliziertheit schon.
MerksatzDie Rentenfrage ist komplex. Ihre Behandlung ist oft unnötig kompliziert.
Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick zwangsläufig auf die Rentenkommissionen9 selbst. Sie sind interdisziplinär besetzt, geprägt von ökonomischer und juristischer Expertise, und arbeiten unter hohem Erwartungsdruck. Ihre Stärke liegt in der analytischen Durchdringung bestehender Regeln, ihre Schwäche möglicherweise in der Nähe zu Modellen, die Komplexität vor allem als Rechenaufgabe begreifen.
Wo ökonomische Modelle Stabilität und Optimierung oder Maximierung suchen und juristische Logik Rechtssicherheit garantiert, entsteht leicht ein Fokus auf Regelkohärenz10 und Parametersteuerung. Die Frage, ob der gewählte Rahmen selbst noch haltbar ist, gerät dabei in den Hintergrund.
Gerade deshalb wäre es lohnend, Rentenkommissionen11 nicht nur als Orte technischer Optimierung zu verstehen, sondern als Räume, in denen über Komplexität, Emergenz und Lernfähigkeit gesellschaftlicher Sicherungssysteme reflektiert wird – jenseits vertrauter Alternativen und jenseits der Annahme, dass mehr Präzision im Detail automatisch zu mehr Orientierung im Ganzen führt.
