Der Geruch des Todes - Cat Warren - E-Book

Der Geruch des Todes E-Book

Cat Warren

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Beschreibung

Für die Polizei ist es ein Vermissten- oder Kriminalfall. Für die Angehörigen ist es eine Tragödie. Für den Hundeführer ist es harte Konzentrationsarbeit. Für den Leichenspürhund ist es ein spannendes Spiel. Cat Warren, Professorin für Journalistik und Literaturwissenschaft, sucht zunächst eigentlich nur nach Möglichkeiten, ihren nicht ganz einfachen Deutschen Schäferhund Solo vernünftig auszulasten. Dabei stößt sie auf die Sucharbeit nach Toten und taucht ein in die faszinierende Welt der Wissenschaft rund um den Geruch, Geruchszersetzung, Forensik und die Leistung der Hundenase. Die unbekümmerte und zielstrebige Begeisterung, mit der ihr Hund sich auf die Suche nach dem Geruch des Todes macht, lässt sie auch ganz neue Perspektiven auf das Leben und seine Vergänglichkeit erleben. Folgen Sie den beiden auf ihre Wege und Irrwege und erfahren Sie viel Spannendes über die Geruchsleistung von Hunden, aber auch über die Zusammenarbeit und das Zusammenwachsen von Hund und Mensch in einer Parallelwelt, die wir nur zu gerne aus unserem Alltag ausblenden.

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Seitenzahl: 567

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cat Warren

DER GERUCH DES TODES

Einsätze einesLeichenspürhundes

© 2013 by Cat Warren

für die englischsprachige Originalausgabe Touchstone

An Imprint of Simon & Schuster, Inc.

1230 Avenue of the Americas

New York, NY 10020

ISBN der Originalausgabe 978-1-4516-6731-8

Titel der Originalausgabe: What the Dog knows - Scent, Science, and the Amazing Ways Dogs Perceive the World

© für die deutschsprachige Ausgabe 2017

KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH, Nerdlen

www.kynos-verlag.de

Übersetzt ins Deutsche von Chrissi Schranz

Titelfoto: Archiv Kynos Verlag

Layout und Grafik: Kynos Verlag

e-Book-Ausgabe der Printversion 2017

e-Book-ISBN: 978-3-95464-155-0

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-149-9

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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

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Inhalt

Einleitung

1 Der kleine Prinz der Dunkelheit

2 Der Tod und der Hund

3 Nasenwissen

4 Die Stunde des Leichenspürhundes

5 Das Hütchenspiel

6 Die Chemie des Todes

7 Spareribs

8 Schutzdienst zum Trost

9 Im Sumpf

10 Klugheit und Gutgläubigkeit

11 Die ganze Welt ist Tatort

12 Die Trauer der anderen

13 Im Schützengraben

14 Am Wasser

15 Das perfekte Instrument

16 Grabungsarbeiten

17 Auf zu neuen Ufern

18 Ein Schwanzwedeln

19 Coda

Danksagung

Anmerkungen und Quellen

Über die Autorin

Einleitung

Ich fühle mich schon wohler dabei, mit den Toten zu arbeiten. Besser gesagt mit Teilen der Toten. Ein paar Zähne, ein Rückenwirbel, ein Stück Teppich, das eine Zeitlang unter einer Leiche gelegen hat. Erde, die ich an der Ruhestätte verwesender Toter aufgelesen habe, um meinen Deutschen Schäferhund zu trainieren. Beim Öffnen eines Einmachglases voller Erde rieche ich nichts als die Wälder North Carolinas − moschusgetränkte Schatten, ein Hauch modriger Erlenblätter. Solo riecht die Verstorbenen.

Solo ist ein Leichenspürhund. Manchmal läutet mein Telefon, wenn jemand vermisst und wahrscheinlich tot ist: Solos Dienste sind gefragt. Ob es ihn deprimiert, einen Toten zu finden? Nein. Solos Arbeit − und sein Spaß − beginnen, wenn ein Leben endet. Nichts macht ihn glücklicher, als auf der Suche nach einem Vermissten durchs Moor zu tollen. Für ihn ist der menschliche Tod ein einziges Spiel. Um zu gewinnen, muss er ihn einfach nur riechen, ihm so nahe wie möglich kommen, mir Bescheid geben und seine Belohnung kassieren: ein Zerrspiel mit dem Knotenseil.

Ich hatte nicht erwartet, dass der Tod eine Sonnenseite hat, und noch weniger, dass ein Hund mir diese näherbringen würde. Solo hat mir in den acht Jahren, die wir bereits gemeinsam arbeiten und trainieren, eine ganz neue Welt gezeigt: eine mitunter finstere Welt, doch erhellt das Licht, das durch ihre Schatten dringt, noch ganz andere Seiten meines Lebens.

Solo und ich tun unsere Arbeit aus unterschiedlichen Gründen. Solos Motivation ist nicht nur das Zerrspiel am Ende, obwohl er sich darüber unheimlich freut, sondern auch die Arbeit an sich: Auf der Jagd nach geruchlichen Irrlichtern fegt er übers Feld wie Speedy Gonzalez. Mich hingegen motiviert es, Solo bei der Arbeit zu beobachten − einen schwarz-roten Schäferhund mit einem breiten Grinsen und einem gewaltigen Ruder von Rute. Seine Nase fängt eine verborgene Welt ein, deren geheimnisvolles Wissen er für uns Menschen übersetzt. Einer der Diensthundeführer bewunderte Solos deutliche Körpersprache mit den Worten: „Diesen Hund kann man lesen wie ein Buch.“ Glücklicherweise ein einfaches Buch, wie gemacht für eine arbeitshundetechnische Anfängerin wie mich. Eher Wilhelm Buschs Max und Moritz als Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. Es ist gut, dass Solos Herangehensweise der von Wilhelm Busch entspricht, denn manchmal lässt mich die Welt der Vermissten und Toten nicht einschlafen. Ich drehe und wende sie in Gedanken, zerpflücke einzelne Puzzleteile in dem Versuch, undurchschaubare Handlungsstränge zu verstehen. Ein berühmter Leichenspürhundetrainer brachte es auf den Punkt: „Die Suche ist eine klassische Kriminalgeschichte.“

Manch einer runzelt die Stirn, wenn er von meinem Hobby erfährt. Enge Freunde und sogar ein paar Kollegen an der Universität sind fasziniert von der Vorstellung, doch andere erschaudern. Manchen Kollegen gegenüber erwähne ich bewusst nicht, was ich in meiner Freizeit mache. Die meisten wissen nichts davon. Warum auch? Einer unserer Administratoren reagierte verdutzt, als ich meinte, dass ich die gleich stattfindende Konferenz verpassen würde; Solo müsse dringend eine Mordkommission bei der Suche unterstützen. Ob ich nicht Lust hätte, schlug er am nächsten Morgen mit lobenswertem Optimismus vor, meine Aktivitätenliste um Leichenspürhundearbeit zu erweitern − so als freiwilligen Dienst und soziales Engagement? Ich bin mir nicht sicher, ob dieses sonderbare Hobby meine akademische Glaubwürdigkeit unterstreicht, aber ich weiß zu schätzen, dass er die Möglichkeit in Betracht zieht. Mir ist durchaus bewusst, dass die Suche nach Toten ein esoterischer Bereich fern der Arbeitshundewelt und ganz schön gewöhnungsbedürftig ist. Rümpft jemand die Nase, wechsle ich das Thema und spreche über Politik.

Akademiker haben natürlich kein Monopol darauf, sich überlegen zu fühlen. In ruhigen Momenten auf einer Suche fragt mich gelegentlich ein Vertreter des Sherriffs oder ein Polizeibeamter, womit ich mein Brot verdiene. Wenn ich erzähle, dass ich an der Universität unterrichte − dass ich Professorin bin, erwähne ich nie − zuckt mein Gegenüber manchmal zusammen und sucht verstohlenen Blickes Zeichen von Kraftlosigkeit und Schwäche an mir, bis uns die Suche unsere Unterschiede vergessen lässt. Dabei sind wir auf derselben Wellenlänge − für kurze Zeit zumindest.

Solo hat keine Ahnung davon, dass ich ein Doppelleben führe und er mit ein Grund dafür ist. Warum sollte er auch? Er ist ein Hund. Ebenso wenig weiß er, dass Tod und Verfall des menschlichen Körpers Abscheu und Unsicherheit hervorrufen. Für ihn ist der Tod ein Zerrspielzeug. Für mich ist Solo der ideale Mittelsmann zwischen mir und dem Tod. Nicht nur auf der Suche, sondern auch beim Training wird er zum Mittelpunkt meines Universums − bis auf unser Suchgebiet gerät alles in Vergessenheit. Meine Aufgabe ist, ihn wenn nötig zu führen, aber nicht bei der Arbeit zu stören, dafür zu sorgen, dass er ausreichend Wasser trinkt und weder belebten Straßen noch Hinterhof-Rottweilern zu nahe kommt, und ihn ununterbrochen genau zu beobachten, während er Luftströme prüft und darauf reagiert.

Die Suche nach Leichen ist eine eigentümliche Art Waldspaziergang. Wenn ich einer Schnappschildkröte begegne oder ein Indigofink durchs Blätterdach blitzt, oder wenn die winterlichen Wälder den Blick auf eine verlassene Tabakscheune zwischen goldenen Buchen freigeben, bleibt meine Freude bestehen, selbst wenn der Grund meines Ausflugs ein düsterer ist. Und es gibt nicht nur Schönes dort draußen: Verborgene Stacheldrahtzäune, Stechwinden und Kletternder Giftsumach, umgestürzte Baumstämme und Dickicht, Kahlschläge und mitten im Wald abgeladener Müll erfordern meine Aufmerksamkeit. Solo läuft nicht gern durch Stechwinden, doch abgesehen davon liebt er es, seine Nase in dunkle Löcher zu stecken, in Berge verrosteter Metallteile auf Schrottplätzen und in die Spalten der Grundmauern eines verlassenen Gehöfts. Ich fürchte mich mehr vor Schlangen, scharfen Metallplatten und Glassplittern als vor den Gefahren, die vom Menschen ausgehen − selbst wenn es sich um einen Mordfall handelt. Ich weiß auch mehr über den Drogenhandel in North Carolina als früher und meide bestimmte Autobahnraststätten entlang der I-40 selbst dann, wenn ich tanken muss.

Überhaupt scheint die Welt mit einem großen Hund an der Seite weniger furchteinflößend − wenn man dem Tod ins Auge blickt, gilt das wahrscheinlich ganz besonders. Seit Tausenden von Jahren und in zahlreichen Religionen, vom Hinduismus in Indien bis zu den Maya-Religionen in Mesoamerika verlassen sich die Toten auf Hunde, um an ihr Ziel zu gelangen. Auch die Zarathustrier wollten einen Caniden am Begräbnis − aber nicht irgendeinen, sondern bevorzugt einen „vieräugigen“ Hund mit einem dunklen Fleck über jedem Auge. Ich stelle mir einen urtümlichen Schäferhund, einen Vorfahren Solos vor, der einen fröhlichen Slalom durch die Trauernden läuft.

Tragödien, manchmal auch das Scheitern und eine gewisse unvermeidbare Grausamkeit sind Teil dieser Arbeit. Ich vergesse all diese Facetten nicht: Sie sind wichtig, ohne jedoch hervorzustechen, und zwar nicht nur, weil ich Solo an meiner Seite habe. Schlaue Ermittlungsbeamten und Sherriffs, erfahrene Fahndungsleiter, ortsansässige Helfer, die jeden Feldweg und Bach des Bezirks kennen, und Familien und Freundeskreise, die sich sorgen − die meisten bringen sich ein − beschäftigen mein selektives Gedächtnis und drängen alles andere in den Hintergrund.

Die Arbeit mit meinem überschwänglichen Schäferhund und seiner guten Nase leitete eine Odyssee ein, die bald beginnen sollte, Welten miteinander zu verschmelzen, die ich jahrzehntelang unabhängig voneinander geliebt hatte: die Natur, die Forschung und das Schreiben über Biologie und angewandte Naturwissenschaft, und das Arbeiten und Spielen mit Tieren − in erster Linie mit Hunden. Die Nase des Hundes hat mich zu Umweltbiologen, Gerichts-anthropologen, Kognitionspsychologen, Leichenbeschauern und Militärforschern geführt. Ich hatte die Gelegenheit, talentierte Arbeitshundetrainer und -führer zu treffen, zu befragen und von ihnen zu lernen − Menschen, die ich bald so sehr ins Herz schloss wie die Hunde selbst. Ich habe gemeinsam mit Hundeführern und Trainern gearbeitet, die mit Drogen-, Bomben und Diensthunden trainieren. In der Welt der Strafverfolgung sind Hunde nicht nur gute Freunde, sondern unabkömmliche Partner, die den Menschen an ihrer Seite Nase, Ohren und manchmal auch ihre Zähne leihen. Sie riechen und hören Dinge, die den Hundeführern verborgen bleiben, und sind bereit, Orte zu betreten, vor denen die meisten Menschen zurückschrecken.

Die Erkenntnis, die mich faszinierte, bestand nicht etwa darin, dass Gebrauchshunde schier Unmögliches möglich machen. Ohne den Menschen könnten sie das nicht. Vielmehr faszinierte mich die Einsicht, wie untrennbar ihr Erfolg mit dem Können des Menschen am anderen Ende der Leine und der Qualität seines Trainings zusammenhängt. Der Erfolg eines Gebrauchshundes ist alles andere als selbstverständlich: Das Training und der Umgang mit Hunden, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Nase verdienen, erfordert Fantasie, Wissen und ständige Arbeit. Leben und Karriere jener Hundemenschen sind so eng mit ihren Tieren verwoben, dass es schwierig sein kann, zu erkennen, wo der Mensch endet und der Hund beginnt; sie ergänzen einander. Und zwar nicht, weil ihre Arbeit ruhig oder einfach wäre; das Gegenteil ist der Fall. Häufig arbeiten sie an gefährlichen Orten oder inmitten verheerender Katastrophengebiete − sei es aufgrund von Kriminalität, Krieg, Klimaveränderung, Erdbeben oder Flugzeugunglücken. Die einzigartige Perfektion der Mensch-Hund-Partnerschaft in unserer seltsam komplexen und mechanisierten Welt bewahrt Gebrauchshunde davor, überflüssig zu werden. Sie sind ein Überbleibsel aus einfacheren Zeiten. Manch einer sieht sie als sentimentalen und unnötigen Luxus. Nicht alle Hund-Mensch-Teams arbeiten effektiv − doch jene, die gut sind, sind sehr, sehr gut: Sie können Gerüche unterscheiden, Gebiete absuchen und Aufgaben erfüllen, denen keine Maschine gewachsen ist. Wir stellen neue Anforderungen an die alte Arbeit der Hunde.

Arbeit und Training mit den Hunden sind kein Vollzeitjob für mich. Wahrscheinlich werden sie immer ein Hobby bleiben, das ich ausgesprochen ernst nehme. Trotz meiner Albträume, wann immer ich einen Fehler mache, mache ich weiter. Ich bin süchtig. Ich werde besser darin, weder Universität noch Training zu vernachlässigen, und ich lerne, mit der unvermeidbaren Traurigkeit umzugehen. Was bleibt, ist die intensive körperliche und kognitive Herausforderung, eine Suche in ihre essentiellsten Elemente zu zerlegen, damit der Hund bestmöglich arbeiten kann. Wenn ich mit Solo durch den Wald spaziere, während Geruchsfäden in der morgendlichen Wärme aufsteigen, konzentriere ich mich so intensiv auf meine Umgebung, dass die Zeit stehen bleibt, sich krümmt und zu existieren aufhört. Oder ich genieße ein abendliches Training, während die Glühwürmchen um Solo tanzen, der einem komplexen Geruchsrätsel leichtfüßig durch die Dunkelheit folgt.

Er ist ein Hund, der seine Geschichte zugleich lebt und erzählt, wenn seine braunen Augen glücklich und ungeduldig glitzern und er über eine Kuhweide springt, um mich dorthin zu führen, wo er in sechzig Meter Entfernung etwas vermutet.

„Hey, hierher, komm! Schnell! Das tote Zeug ist hier! Komm, ich zeig’s dir!“

1

Der kleine Prinz der Dunkelheit

Ein Einzelkind zu sein ist für sich genommen schon eine Krankheit.

- G. Stanley Hall, Von seltsamen und außergewöhnlichen Kindern, 1896 -

Der Deutsche Schäferwelpe musste aus dem Schnitt im Bauch seiner Mutter gezogen werden. Ein schweres Bündel. Der einzige Welpe im Wurf.

Er hatte einen prächtigen Kopf und war stark für ein Neugeborenes, schrieb Joan, die Züchterin aus Ohio, in ihrer E-Mail an mich. Seine Stärke war wenig verwunderlich − schließlich hatte er keinerlei Konkurrenz um die Nahrung seiner Mutter! Ich betrachtete die ersten Fotos nach dem Kaiserschnitt: Auf einem Bild kuschelte er sich fest in Joans schützende Hände, auf einem anderen hing er an einer der acht Zitzen seiner Mutter. Er konnte sich immer jenen Milchspender aussuchen, den er gerade wollte. Er sah zerdrückt aus und schien die Augen zusammengekniffen zu haben. Sein Kopf erinnerte an einen Maulwurf − alles andere als prächtig, doch Joan konnte das sicherlich besser einschätzen. Der Einzelwelpe war ihr fünfundzwanzigster Wurf Deutscher Schäferhunde und würde Vitas erster und letzter bleiben.

Abgesehen von seinem guten Aussehen, dem kräftigen Körper und einer für ein neugeborenes Wesen beeindruckenden Gelassenheit gab es etwas Weiteres zu berichten. Er hatte eine ausgesprochen sensible Nase, schrieb Joan. „Wenige Stunden, nachdem wir heimgekommen waren, wachte er auf, als ich den Raum betrat, und ich sah seine Nase arbeiten.“ Ich las über dieses unwichtige Detail hinweg. Theoretisch konnte ich mir zwar etwas unter einer „arbeitenden Nase“ vorstellen, aber das interessierte mich nicht. Meinen beiden vorigen Deutschen Schäferhunden hatte ich beigebracht, ihre Nasen vom Schritt meiner Besucher fernzuhalten. „Nicht schnüffeln!“ war eines unserer Standardkommandos.

Die wichtigste Neuigkeit, die Schlagzeile, war einige Absätze weiter unten in Joans E-Mail vergraben: „Warten wir ab, wie sich unser kleiner Prinz entwickelt, und dann kannst du entscheiden, ob du ihn haben willst.“ Sie versicherte mir, mir jederzeit mit Rat und Tat beizustehen, falls mich die Aussicht auf ein Einzelkind beunruhige, und dass sie und ihre erwachsenen Schäferhunde dem Welpen helfen würden, sämtliche Probleme zu überwinden.

Beunruhigen? Probleme? David und ich hatten soeben den Hauptpreis im Welpen-Lotto gewonnen: einen schönen, gesunden Rüden! Wir hatten einen Welpen! In der Woche davor war ich um meinen E-Mail-Posteingang geschlichen und hatte auf den Geburtsbericht gewartet. Fast ein Jahr war vergangen, seit unser geliebter Deutscher Schäferhund Zev gestorben war. Das nächste Kapitel unseres Lebens mit Schäferhunden war endlich angebrochen. Ich machte mich auf die Suche nach David, der im Büro an seinen Logik-Kursen arbeitete. Ich hüpfte durchs Wohnzimmer und lief zum Computer zurück, um David die E-Mail laut vorzulesen. Er wartete geduldig ab, während ich die Worte aussprach und Realität werden ließ. Ich wartete, bis meine Euphorie abgeklungen war, bevor ich Joan zurückschrieb. Ich wollte reif und ausgeglichen klingen. All das Planen, die Arbeit und die Kosten für einen einzigen Welpen statt für eine ganze Wurfkiste voller zappelnder Beine und Ruten. Die anderen auf der Warteliste würden enttäuscht sein. All das war mir bewusst, doch tat es meiner überschwänglichen Freude keinen Abbruch.

Zehn Monate zuvor hatte ich mich in die Linien der Schäferzüchterin aus Ohio und in die Vorstellung, einen solchen Welpen zu haben, verliebt. Joan Andreasen-Webb züchtete und hielt Schäferhunde aus westdeutschen Linien. Sie zog ihre Welpen mit Ziegenmilch und Rohfleisch auf und sozialisierte sie gut. Ihre erwachsenen Hunde lagen am Gehsteig unter Kaffeehaustischen, kamen zur Kinder-Lesestunde in der Bibliothek, hüteten Schafe und brillierten in einer Sportart namens Schutzhund, von der ich nichts weiter wusste, als dass sie Beißen auf Kommando involvierte. Einige ihrer Welpen wurden sogar zu Polizeihunden ausgebildet. Jahre zuvor hatte ich als Reporterin einen Polizeihund begleitet; die Intensität und das tiefe Bellen des Hundes beeindruckten und erschreckten mich zu gleichen Maßen. Das war es nicht, was ich von einem Deutschen Schäferhund wollte. Mein Welpe hatte genau zwei Aufgaben: ruhig unter dem Schreibtisch zu liegen, während ich arbeitete, und dann aufzuspringen, um am Obedience-Turnierplatz alle anderen in den Schatten zu stellen − ein Hobby, das ich aufgegeben hatte, als Zev zu krank wurde, um Turniere zu laufen.

Schließlich ließ ich das Tagträumen sein und suchte Informationen zu Einzelwelpen im Internet. Für uns Menschen stellt das den Normalfall dar: Die meisten von uns kommen als einzelnes neugeborenes Kind auf die Welt. Für Hunde bedeutet „Einzelkind“ genau dasselbe − nur dass im selben Atemzug zahlreiche Horrorgeschichten erwähnt werden. So läuft das im Internet allerdings meistens. Du suchst nach Erklärungen, und die Symptome lesen sich, als handle es sich um die Pest.

Für gewöhnlich senden und erhalten die Welpen in einem Wurf täglich Tausende von Signalen, während sie übereinander purzeln, einander abschlecken und beißen, vor Schmerz quietschen, entschuldigend pinkeln und sich über die Lefzen schlecken, um beim nächsten Mal sanfter zuzubeißen. Das Gedränge unter den Geschwistern bereitet sie auf die rauen Sitten der Hundezone vor, auf den bissigen Chihuahua der Nachbarn und auf überraschende Begegnungen mit seltsamen Menschen und Kindern. Ein Einzelwelpe dagegen lebt in einer Welt, in der es kaum Grenzen gibt. Häufig entwickelt er „Berührungsängste“ anstatt einer „Beißhemmung“. Er ist „unfähig, soziale Situationen ruhig und elegant zu lösen“. (Obwohl ich kein Einzelkind war, konnte ich den letzten Punkt nachvollziehen.) Er ist „unfähig, mit Frustration umzugehen“. (Diesen auch.) Joan hatte angedeutet, dass ein Einzelwelpe auch potentielle Vorteile hätte, und ich war erleichtert, in den folgenden Absätzen darüber zu lesen. Einzelwelpen können zu außergewöhnlich treuen Gefährten werden, da sie besonders enge Beziehungen zu Menschen eingehen − manchmal zumindest.

David und ich vermieden es an diesem Abend, das „Was wäre, wenn ...“ anzusprechen. Wir hatten dem Welpen bereits einen Namen gegeben, bevor Vita läufig wurde: Coda, wörtlich „Schwanz“ auf Italienisch, die musikalische Bewegung am Ende einer Komposition − ein Rückblick, ein nachdenkliches Reflektieren, ein Schlussplädoyer. Dieser Welpe würde unser akademisches und soziales Leben nicht unterbrechen, sondern ergänzen. Ich hatte vor kurzem eine volle Professur an einer guten Universität erhalten und stand am Beginn einer vielversprechenden akademischen Karriere. Ich lieferte Forschungsergebnisse und erfüllte meine Bestimmung der durchsetzungsfähigen und hippen Jungprofessorin, die in coolen schwarzen Outfits auftrat und ihren Prinzipien treu blieb. Nichts und niemand konnte mich aufhalten. Vielleicht war ich kein akademischer Superstar, aber ich war verdammt gut in meinem Job. Ein Welpe war ein einfaches Geschenk, meine Belohnung für all die Arbeit und eine willkommene Ablenkung vom Universitätsalltag.

David und ich waren realistisch − zumindest redeten wir uns das ein. Wir erwarteten, dass ein Welpe aus westdeutschen Arbeitslinien mehr Energie haben und härter im Nehmen sein würde als Zev, dessen Lieblingsbeschäftigung darin bestanden hatte, im Gras zu liegen und an Blumen zu schnuppern. Wir hatten bereits einen Hund, der einen Teil unserer Zeit und Energie in Anspruch nahm: eine wunderschöne Irische Setterhündin, die wir vor einigen Jahren von meinem Vater übernommen hatten. Er war mit einer liebenswerten Frau zusammengezogen, die nicht an große, nahezu unkontrollierbare Hunde gewöhnt war, und wir boten an, Megan aufzunehmen, um die Belastung der neuen Beziehung durch die Hunde zu lindern. Ich log David an und versprach, dass es nicht bloß töchterliche Pflicht war, sondern Spaß machen würde, eine einjährige läufige Hündin zu adoptieren.

Obwohl Megan mittlerweile vier war und die Tage, an denen wir wünschten, sie an einen netten Bauernhof am Land abzugeben, selten geworden waren, hatte sich meine Einstellung zu Irischen Settern seit meiner Kindheit kaum verändert. Sie hatten unser kleines Haus in Oregon mit Lebensfreude, mangelndem Gehorsam und einem nahezu unheimlichen Ausbruchstalent erfüllt. Sie verschwanden regelmäßig im dunklen Nebel des Willamette-Tals, liefen querfeldein ins Nirgendwo und verirrten sich meilenweit von unserem kleinen Haus in den Hügeln − und zwar ausschließlich nachts. Ihre übrigen Sünden waren unerheblich: Sie sprangen an Gästen hoch, klauten leere Toilettenpapierrollen, um damit zu spielen, und rollten sich in unbeobachteten Momenten lautlos auf Betten und Lehnstühlen ein. Mein Vater liebte ihre Streiche; er liebte es, die seidigen Setterköpfe zu streicheln. Sie lenkten ihn von seinem mühsamen Alltag ab: einer fordernden Forschungskarriere, seiner pflegebedürftigen gelähmten Frau und drei mitunter wilden Kindern, die erzogen werden wollten. Die Setter und ihr Übermut waren sein einziger Urlaub.

Anders als mein Vater erfüllten Hunde für mich nicht den Zweck einer Ablenkung. Ich wollte Hunde, die sich vollkommen auf mich einließen − und umgekehrt. Anfang zwanzig waren Deutsche Schäfer meine Lieblingsrasse geworden. Einerseits, weil ich ihre Intelligenz und Würde und ihre körperliche Ähnlichkeit zu Wölfen liebte, andererseits, weil sie eine Antithese zur Rasse der Setter darstellen. Als ich David kennenlernte, war mein zweiter Schäfer noch ein junger Hund; er verliebte sich in uns beide. Zev war ein unkomplizierter Botschafter für seine Rasse.

David und ich beschlossen, dass der zerdrückte Maulwurf einen Namen brauchte, der besser zu ihm passte als Coda. Seine Ankunft in dieser Welt fühlte sich weniger wie das Ende einer Komposition und mehr wie eine Improvisation an. David, ein Jazzliebhaber, nannte ihn Solo.

Verhaltensforscherin und Autorin Patricia McConnell widmet einen Großteil ihrer beruflichen Laufbahn und Forschung Hunden mit Verhaltensproblemen. Eines ihrer Bücher enthält ein Kapitel zum Thema Aggressionsbewältigung bei Hunden. Sie berichtet über ihre Reaktion, als ihr Lieblings-Border-Collie einen einzelnen Welpen auf die Welt brachte: „Ich sollte doch den Menschen helfen – und nicht genau jene Probleme verursachen, die zu lösen meine Aufgabe war! Als der Tierarzt bestätigte, dass der Wurf aus einem einzigen Welpen bestehen würde, war ich außer mir. Man würde annehmen, dass diese Nachricht kein Drama wäre − doch genau so fühlte es sich an.“ McConnell überlegte kurz, den Welpen einzuschläfern, verwarf die Idee jedoch, sobald sie das kleine, warme Fellbündel in Händen hielt. „Im Laufe der Jahre hatte ich eine überdurchschnittlich große Anzahl Einzelwelpen mit ernsten Verhaltensproblemen gesehen.“ Sie war die Verhaltenstrainerin, die zu viel wusste. Dennoch entschied sie, das Experiment zu wagen − zugunsten ihrer Forschung und vielleicht im Sinne zukünftiger Klienten, die, an ihren Einzelwelpen verzweifelt, ihre Hilfe suchten.

Bereits im zarten Alter von fünf Wochen, schreibt McConnell, schenkte ihr der Border-Collie-Welpe ein grimmiges Knurren, die Lefzen über die winzigen Milchzähne zurückgezogen. „Ich hatte nichts weiter getan, als ihn zu berühren.“

Joan gab dem Einzelwelpen den Spitznamen „Seine königliche Hoheit“. Solo war der Herrscher über seine Welt. Schon bevor er acht Wochen alt war, hatte er das Äquivalent eines Oxford-Studiums in der Tasche. Der einzige Welpe im Wurf zu sein hatte seine Vorteile. Joan nahm ihn überallhin mit: zu Akupunkturterminen, in den Baumarkt, zu Besuchen bei Freunden und auf Erkundungsspaziergänge in die Wälder. Ich folgte seinen Heldentaten über E-Mail und Fotos. Er hatte alles, was ein Welpe sich wünschen konnte, und mehr. Das heißt − nicht ganz: alles außer anderen Welpen, mit denen er hätte interagieren können. Seine junge Mutter Vita, eine triebstarke Importhündin aus Westdeutschland, sah sich nicht in der Rolle seiner Mentorin. Ihre Vorstellung davon, Solo zu bemuttern, bestand darin, ihn fieberhaft zu stillen und dann davonzustürmen wie Karl der Kojote, der den Road Runner in einer Staubwolke hinter sich zurücklässt. Also nahm sich Solos Großtante Cora mit beigem Fellkleid und gutmütigem Gesichtsausdruck, schelmischem Sinn für Humor und Toleranz für ungewöhnliche Welpen (weil sie selbst ein solcher gewesen war) seiner Erziehung an. So läuft es immer in Großfamilien, und manch einer entwickelt sich gerade darum umso besser. Cora interessierte sich für und amüsierte sich über Solo. Sie brachte ihm ihre Liebe für Spielzeug und Spiele näher, und er konnte sich alles erlauben. Auf einem der Fotos spaziert Solo mit seiner Lieblings-Stoffente im Maul über Coras ausgestreckten Körper und hinterlässt Pfotenabdrücke in ihrem plüschigen Fell.

Sie mögen mich, weil ich ein Schurke bin. Es gab leider nicht genug Schurken in Ihrem Leben.

- Han Solo, Das Imperium schlägt zurück, 1980 -

Solo war kein zerdrückter Maulwurf mehr; mittlerweile erkannte auch ich, dass er einen prächtigen Kopf bekommen würde. Ein bedeutender Teil dieses herrlichen Schädels diente seinem olfaktorischen System. Selbst aus vollem Lauf in Richtung Joan kam er mitunter schlitternd zum Stillstand und blähte die Nasenflügel, so weit er nur konnte, um einen eigensinnigen Geruch zu prüfen. „Die Nase regiert ihn“, sagte Joan. Das waren keine guten Neuigkeiten. Aufgrund ihres Jagdhund-Erbes erstarrte Megan bei Anblick eines Vogels, einer Katze oder eines Eichhörnchens zur Salzsäule; jede ihrer Synapsen auf die eine, einzige Aufgabe gerichtet. Ich hatte auf einen Hund gehofft, der sich einzig und allein auf mich konzentrieren würde! Ich wusste, dass es etwa ein Jahr dauern würde, um ihn auf Touren zu bringen, doch hatte ich jenen Hundeführern im Obediencetraining, die ihre hängebackigen Bassets und Beagles anflehen mussten, die am Boden schnorchelnden, vom Geruch hypnotisierten Nasen zu heben und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, schon immer mit einem Anflug von Verachtung betrachtet.

Mitte Mai 2004, es hatte bereits um die dreißig Grad in Ohio − Vorboten eines noch heißeren Sommers −, fuhren wir die siebenhundert Kilometer von North Carolina zu Joan, um Solo kennenzulernen und abzuholen. Als wir ankamen, entspannte er alleine in einer offenen Box im Vorgarten, ein Stillleben in Rot und Schwarz, eine Pfote unter die Brust gefaltet, und überblickte sein Reich. Er hatte die kurze Phase, in der Schäferwelpen süß aussehen − mit weichen Schlappohren und Nasen, die noch nicht an Haifischschnauzen erinnern − bereits hinter sich gelassen. Solo begrüßte uns kurz, beschnüffelte und ignorierte uns dann. Er rannte umher und rempelte die erwachsenen Schäferhunde mit Spielsachen an. Er hatte Nerven aus Stahl. Er wirkte eingebildet. Er machte mich leicht nervös. Joan hatte eine schöne Abschiedsfeier mit Hunden und Menschen organisiert, um uns auf die Reise zurück nach North Carolina zu schicken. Solo rannte, knurrte und sprang die ganze Feier über auf und ab. Er verabschiedete sich von seinem würdigen Vater, Quando, indem er sich in dessen goldener Nackenkrause verbiss und ließ erst los, als Quando ihn über die lange Höckernase hinweg anblickte und einen Schritt nach hinten machte.

Wir sammelten Solo und seine kostbaren Spielsachen ein und fuhren die Landstraße entlang, zurück nach North Carolina. Auf dem Rücksitz, zu seiner eigenen und unserer Sicherheit in einer Reisebox verwahrt, lag unsere flauschige Zukunft. Das Einzige, was mir von der langen Fahrt noch in Erinnerung ist, sind die Hitze und die Tatsache, dass Solo ein perfekter, entspannter Beifahrer war, fröhlich aus dem Auto sprang, wann immer wir stehen blieben, wedelnd sein Geschäft verrichtete und dann zurück in seine Box kletterte wie ein erwachsener Schäferhund im Miniaturformat. Mittlerweile hatte ich ein besseres Gefühl bei der Sache.

„Meine Güte“, staunte unsere Freundin Barbara Smalley, die am selben Abend vorbeikam, um den Neuankömmling zu begutachten. Der neun Wochen alte Solo sprang an Megan hoch, biss in ihre Ohren und ritt ihr auf. „Der hält euch auf Trab, was?“ David und ich waren am Ende unserer Kräfte, Solo hingegen zeigte keine Spur von Erschöpfung. Megan sabberte und hechelte in ihrer Not. Aufgrund meiner Versuche, einzugreifen, sah ich bereits aus wie ein Junkie: Rotviolette Punkte und Kratzer zierten meine Arme an all jenen Stellen, an denen Solo seine Rage an mir ausgelassen hatte.

Er vertrieb sich unseren ersten gemeinsamen Abend mit Jaulen und Knurren und kaute sich methodisch durch eine Stoffbox, die teuer gewesen, Solo jedoch nicht einmal annähernd gewachsen war. Solo meinte, die Nacht sei noch jung, und ich heulte in Davids Armen. Ich wollte unseren neckischen, sanften Zev zurück! Seine schlimmste Sünde hatte darin bestanden, ein Stück Seife aus der Dusche zu stehlen und vorsichtig auf den Badezimmerfußboden zu legen, mit einem einzigen Zahnabdruck. „Ich mag ihn nicht!“, heulte ich, wobei David mich über Solos Jaulen hinweg kaum verstand. Ich sah eine düstere Zukunft vorher; einen Deutschen Schäfer, der wie ein Orkan durch unser Haus und unsere Ehe tobte und ein Schlachtfeld an Scherben hinterließ.

David, seine Stimme sanft und entschlossen, sagte genau das Falsche: „Wir bringen ihn einfach zurück“, und mein verzweifeltes Heulen wurde doppelt so laut. Später behauptete David, dass er mit dem Vorschlag nur meine Depression hatte vertreiben wollen.

Am nächsten Morgen erwachte ich in grimmiger Stimmung. Ich bewaffnete mich mit einer Bauchtasche voller fettiger Leberkekse und einem Plastik-Clicker, dessen Metallzunge ich mit dem Daumen nach unten drücken konnte, um mit dem resultierenden „Tock“-Geräusch das exakte Verhalten zu markieren, von dem ich wollte, dass Solo es zeigte. Das kleine Miststück! Ich würde es mit Clicks, Geduld und Keksen formen und modellieren wie einen Plastilinhund! Zumindest, bis er es aufgab, Megan aufreiten zu wollen. Die Vorstellung des Hundes, der sich zu meinen Füßen zusammenrollte und vor sich hindöste, während ich schrieb, hatte ich bereits aufgegeben.

David und ich verliebten uns Hals über Kopf in Solo. Ich verliebte mich stärker, da ich alles ein paar Stufen intensiver empfinde als er. Zu Mittag desselben Tages hatte der Welpe mich völlig in seinen Bann gezogen. Solo war ein manischer Clown, ein Harpo Marx, der mich unentwegt zum Lachen brachte. Er war lustig und charmant − zumindest David und mir gegenüber. Er fand uns großartig und teilte uns dies in zahlreichen Worten mit: Er quietschte, knurrte, bellte, jaulte und fiepte mit einer Stimme, die einem angehenden Opernsänger alle Ehre gemacht hätte. Eine derartige Varietät hatte ich bisher nur in einer Sondersendung über Afrikanische Wildhunde auf National Geographic gehört. Solo starrte uns an, sagte „Gruuuuu!“, als wäre er ein Wolf, und verbog seinen Körper wie ein Akrobat, um unsere Reaktion zu sehen. Er fand Spielsachen, stürzte sich darauf, brachte sie uns, ließ sie fallen und ging rückwärts. Er begann, ihre Namen zu lernen. Er spielte und spielte und spielte. Mit uns. Nicht mit Megan. Er versuchte, uns zu beißen, und kollabierte in meinem oder Davids Schoß, wo er im Schlaf mit den Beinen zuckte. Sobald er aufwachte, fixierte er uns mit intensiven Blicken. Los geht’s! Wenn er nicht schlief, ließ er uns nicht aus den Augen und wartete auf das nächste große Abenteuer.

Am zweiten Abend weinte ich nicht. Teils, weil ich erschöpft war, teils, weil ich zu erkennen begann, dass wir etwas Seltsames und Außergewöhnliches erlebten. Solo lenkte mich von meiner Verzweiflung ab. David, der Intelligenz höher schätzte als alles andere, versuchte vergeblich, seine Selbstzufriedenheit zu unterdrücken: Wir hatten den intelligentesten Hund, der ihm je begegnet war.

Intelligent heißt nicht friedfertig. Megan schien in einem Schockzustand gefangen. Sie starrte uns an, ohne uns zu sehen, das Weiß ihrer großen braunen Augen deutlich sichtbar. Um ihr einen kleinen Vorteil zu verschaffen, weichte ich ihre fransigen Ohren in Bitterapfel-Spray ein, der Solos davon abhalten sollte, von ihren Ohren zu baumeln. In der zweiten Nacht setzte sie ihren ganzen bitterapfel-klebrigen Körper wie eine Raupe ein, um ihr Schaumstoffbett so weit wie möglich von Solos Box im Schlafzimmer wegzuschieben, Zentimeter für Zentimeter: „Ich. Kann. Diesen. Welpen. Nicht. Leiden.“

Solo war das egal. Megan war nur ein Hund, und Hunde waren nicht seine Menschen. Solo hatte keine Wurfgeschwister, die er hätte vermissen können. Wir mussten keinen Wecker in die Box legen, um schlagende Geschwisterherzen zu imitieren. Er schlief die Nacht durch. Er fühlte sich alleine wohl.

In den nächsten Tagen versuchten David und ich, Solo die internationale Bedeutung von „Au!“ zu vermitteln. Ohne Wurfgeschwister, mit denen er hätte interagieren können, hatte er diese Lektion versäumt. Joan hatte ihm natürlich beigebracht, was passierte, wenn er seine spitzen Zähne in ihre Haut bohrte − doch mit neuen Händen, die er beißen konnte, vergaß er das Gelernte ganz einfach. Wir schrieen jedes Mal auf, wenn uns die Welpenzähne berührten. Solo verstand den Zusammenhang nicht, legte aber interessiert den Kopf schief, wenn wir aufheulten. Seine freundliche, geduldige erwachsene Schäferfamilie hatte ihm niemals Schmerzen zugefügt, wenn er im Spiel grob wurde, und er hatte keine Vorstellung davon, was es bedeutete, jemandem wehzutun.

Am vierten Tag legte Megan ihren betrogenen Blick ab und hörte auf zu sabbern. Sie schenkte Solo eine kurze königliche Spielverbeugung: Die Erlaubnis, Kontakt aufzunehmen, war erteilt. Als Nächstes brachte sie ihm grundlegende Manieren bei, die seine grobsten Regelbrüche unterdrückten: Schluss mit dem Beißen. Keinerlei Aufreit-Versuche. Kein Über-Megan-Stehen, wenn sie sich hinlegte. Keine riesige Welpenpfote auf ihrer Schulter. Sie bewegte sich ein winziges Stück zur Seite, sodass Solos Angriffssprünge ins Leere liefen und er, alle Viere von sich gestreckt, am Boden landete, statt die elegante Setterhündin zu rammen. Sie warf uns einen flüchtigen Blick zu und öffnete das Maul leicht, sodass ihre kleinen weißen Zähne hervorblitzten − ein Lächeln. Innerhalb weniger Stunden nahm Megans Rute wieder die übliche Position einer stolz im Wind wehenden Fahne ein, wenn ihre seidigen Fransen auch etwas in Mitleidenschaft gezogen waren. Zum ersten Mal, seit wir sie vor drei Jahren aus Oregon zu uns geholt hatten, flößte Megan uns Ehrfurcht ein. Unsere Traumtänzerin war erwacht. Wir beobachteten, wie sie sich auf Solo einließ und dann wieder zurückzog, wie sie den emotional beeinträchtigten Welpen geschickt und kaum merklich manipulierte. Wir wollten wissen, was Megan wusste.

Auch Solo ließen wir nicht aus den Augen. Ich begann zu verstehen, was Joan mit ihren Anspielungen auf seinen „Nasentrieb“ gemeint hatte. David ging nach draußen, um im Garten zu arbeiten, und ich brachte Solo fünf Minuten später hinaus, um zu vermeiden, dass er ins Haus pinkelte. Er hatte kein Interesse, sein Geschäft zu erledigen; stattdessen senkte er seine Nase zu den warmen Steinen des Innenhofes und lief los. Er lief weiter durch die Bluthirse, die Nase dicht überm Boden. Seine spitzen Ohren ließen seinen Kopf wie eine Haifischschnauze wirken. Er hob die Schnauze nicht, bis er fest gegen Davids Beine stieß. Dieser hatte hinter dem Glashaus gearbeitet und blickte überrascht nach unten. Solo war seiner Spur dreißig Meter weit gefolgt, über zwei Kurven und drei unterschiedliche Oberflächen. Solos ganzer Körper wackelte vor Vergnügen und er biss fröhlich in Davids Jeans, bis dieser ihn mit einem „Au!“ unterbrach. Solo hatte seine erste kurze Fährte ausgearbeitet und ein neues Lieblingskommando: „Wo ist David?“

Wir hatten Solo erst wenige Wochen, als uns mein Vater und meine Stiefmutter Angie von Oregon besuchten. Papa war selig, während seine alten Hände, deren Haut um die dicken Fingerknochen bei jedem Besuch lockerer wirkte, über Megans Kopf strichen. Er sah müde aus − nun, so hatte er den Großteil seines Lebens über gewirkt. Ich versuchte, Solo − das Gegenteil dessen, was Papa an einem Hund schätzte − müde zu machen und so weit wie möglich von den dreien fernzuhalten. Um drei drängten wir Papa Davids selbstgebackenes Brot und Schwarztee auf, um fünf einen Scotch auf Eis und lange politische Diskussionen. Papa war froh, dass ich sesshaft geworden war, mit meinem Doktortitel und einem guten, liebevollen Ehemann. Ich hatte länger dafür gebraucht, als er geplant hatte − mehr als vierzig Jahre. Wir hatten bereits öfter darüber geredet. Ich wusste, dass er nur das Beste für mich wollte, wenn er die Hoffnung aussprach, dass ich mich nun auf profunde akademische Gedanken konzentrieren könne. Jetzt, wo ich mein Leben mit dem intelligenten, humorvollen und verlässlichen David teilte, musste Papa sich keine Sorgen mehr machen, was die Vampire der Einsamkeit aus mir machen würden. Und weil ich unter die Akademiker gegangen war, würde ich, anders als zu meinen Zeiten als Reporterin, keine gefährlichen Unfälle in Chemielabors, Naturkatastrophen und Kriminalprozesse mehr recherchieren. Papa war beruhigt. Er hatte uns in Corvallis, Oregon, großgezogen, einer Stadt, die kürzlich zum sichersten Ort der Vereinigten Staaten gewählt worden war: keine Erdbeben, keine Hurrikans, keine Wirbelstürme, keine extremen Klimabedingungen, nichts. Er freute sich, dass mein Leben, abgesehen von einem gelegentlichen Hurrikan, jetzt fast so vorhersehbar war wie damals.

Ich musste mich umgedreht haben. In diesem Moment sprang Solo ab. Blut quoll aus einer dicken blauen Vene auf Papas Handrücken. Er tat es mit einem Schulterzucken ab. Selbst wenn er ein Deutscher Schäfer war − Solo war nur ein Welpe. Ich sperrte ihn in seine Box und gab ihm einen Ziegenknochen zum Kauen. Der siebentägige Besuch neigte sich dem Ende zu. Papa und ich spazierten eine letzte langsame Runde durch den Garten, bevor er und Angie zurück an die Westküste fliegen würden. Wir begutachteten die neuen Heidelbeersträucher; eine Sorte, die speziell für die Temperaturen und Luftfeuchtigkeit North Carolinas gezüchtet worden war. Wir bewunderten die Kardinäle, die wie rote Explosionen mit ihren charakteristischen „Chew! Chew! Chew!“-Rufen aus den Weidenblättrigen Eichen zu Boden schossen. Wir sprachen darüber, wie gut die Zukunft für uns beide aussah. Papas nicht diagnostizierter Krebs war in diesem Juni wahrscheinlich gerade dabei, Metastasen zu bilden.

Meine einfachen Kommandos zum Sitzen, Bei-Fuß-Gehen oder „Sich-Entspannen“ interessierten Solo kein bisschen. Seine Tollheit und sein Tatendrang bestimmten, was Sache war: Er hielt nichts davon, sich im Vorraum niederzulegen und auf sein Abendessen zu warten − er startete wie eine Rakete, drehte und bog seinen Körper in der Luft, kam schlitternd vor der Tür zu stehen und versuchte sich an einem Salto, bevor er die geduckte Haltung eines grinsenden gotischen Wasserspeiers einnahm, um sein Dinner zu empfangen.

Solo liebte David und mich, und sogar Megan. Anderen Hunden gegenüber war er ein unberechenbarer Soziopath. Er hielt seine Artgenossen, besonders Schäfer und andere Hunde mit Stehohren, für Feinde. Sein Ruf eilte ihm voraus: Sobald er einen fremden Hund roch, sträubte er knurrend die Nackenhaare. Tierarztbesuche waren eine Herausforderung. Eine Tierärztin schrieb in ihre Notizen, dass er sich zu einem boshaften Hund entwickle. Solo war zehn Wochen alt. Ich wechselte den Tierarzt. Eine andere Tierärztin empfahl teure Akupunkturbehandlungen und Homöopathie. Ich wechselte auch sie. Solo war kein guter Kandidat für Welpenkurse: Schon beim Betreten des Trainingsgebäudes sträubte er knurrend die Nackenhaare. Dieselben Trainer, die gelächelt hatten, wann immer Zev und ich auftauchten, brachten ihre Shelties und Schnauzer in Sicherheit, sobald sie Solo erblickten. Bekannte Unterordnungstrainer mit jahrzehntelanger Erfahrung und zahlreichen Begleithunde- und Obedience-Pokalen entwarfen Strategien für Solo: Vielleicht brauchte er eine neue Art Kopfhalfter, ein Halti, um seine eigensinnige Schnauze durch die Sturm- und Drangzeit zu führen. Eine Trainerin, mit der Zev und ich jahrelang gearbeitet hatten, riet mir, Solos für sein Verhalten hart zu strafen. Ich wechselte auch sie. Ich wurde richtig gut darin, Trainer und Tierärzte zu wechseln.

Ich hatte noch nie einen Hund gehabt, der anderen Hunden gegenüber aggressiv reagierte. Es war wie ein scharlachroter Buchstabe auf der Stirn, der bestätigte, was viele bereits wussten: Deutsche Schäfer waren gefährlich. Ich recherchierte und recherchierte. Ich bestellte teure Videos und Bücher über Aggression beim Hund. Über die Leine übertrugen sich meine Nervosität und die Vorahnung, wie Solo reagieren würde, auf sein limbisches System und verstärkten sein reaktives Verhalten noch weiter. Meine Ausstrahlung bestätigte, was er bereits wusste: Fremde Hunde bedeuteten Ärger, und Solo bedeutete noch mehr Ärger für sie. Meine Beziehung zu anderen Hundehaltern begann darunter zu leiden.

Ein Trainer, der es gewohnt war, mit fröhlichen Labradoren zu arbeiten, warf mir einen bestürzten Blick zu und schüttelte den Kopf, nachdem Solo knurrend einen kurzhaarigen Vorstehhund angesprungen hatte, der es gewagt hatte, ihn fröhlich zu begrüßen, während er im Gruppenkurs ein Platz/Bleib zu halten versuchte. „Herrgott noch mal“, knurrte ich, hauptsächlich zu mir selbst, „kontrollier doch deinen Hund und nimm ihn an die Leine!“ Ich war am Ende meiner eigenen Leine angekommen und begann, Aggressionen gegenüber Menschen zu entwickeln. Ich ging, bevor der Kurs zu Ende war, und mailte Joan. Sie schickte mir Unmengen von Ratschlägen. An diesem Abend heulte ich wieder in Davids Armen, wütend auf Solo, auf den dummen Vorstehhund-Besitzer und auf mich selbst.

Diesmal war meine Verzweiflung schlimmer. Inzwischen war Solo mehr als der Welpe, den ich großzuziehen plante − ich liebte ihn. Er war mein Hund und meine Verantwortung, der die langen Nach-Hause-Fahrten nach missglückten Welpenkursen am Rücksitz verschlief. Ich ließ ihn im Stich und versagte, während ich mit Trainingsmethoden jonglierte und sämtliche Orte mied, an denen wir anderen Hunden hätten begegnen können.

Bisher hatte kein Schäfer aus Joans Nachzucht Solos Verhalten im Umgang mit anderen Hunden gezeigt. Später erzählte sie mir, dass sie sich Sorgen gemacht hatte, als Solo zur Welt kam. Sie wusste, was es bedeutete, ein Einzelwelpe zu sein, und hatte erfolglos versucht, einen größeren Wurf zu finden, in dem sie „Seine königliche Hoheit“ unterbringen konnte. Kein Züchter in der näheren Umgebung hatte einen Wurf in einem ähnlichen Alter.

“Ganz ehrlich“, schrieb Joan, „nach all diesen Jahren des Trainings und den Erfahrungen mit Solo denke ich, dass die Mehrheit der Welpen, die ohne Geschwister aufwachsen, die Nuancen der Hundesprache einfach nicht lernt. Sie lernen nicht, dass Kommunikation ein Geben und Nehmen ist.“

Wer Solo knurren und in Angriffshaltung gehen sah, fragte mich: „Du hast ihn nach Han Solo benannt, nicht wahr?“ Nein. Ganz und gar nicht. Ich war kein Star Wars-Fan, und ich mochte den Charakter nicht, obwohl ihn Harrison Ford spielte. Und doch passte seine Beschreibung haargenau auf Solo: charismatisch. Egoistisch. Dreist. Ein talentierter, rücksichtsloser Außenseiter.

Ein Einzelgänger.

2

Der Tod und der Hund

Obwohl sie für ihre guten Eigenschaften geschätzt werden − Jäger, Wächter, Hirte, Freund, Arbeiter − sind es doch dieselben Hunde, die Gräber verunstalten, Kadaver fressen und die Tore zur Hölle bewachen …

- Paul Shepard, The Others: How Animals Made Us Human, 1997 -

Zwei Monate nach Solos Ankunft fand ich mich in Nancy Hooks Garten in Zebulon wieder. Ich saß auf der Kante eines metallenen Klappstuhls. Nancy ließ sich im Liegestuhl nach hinten sinken und nahm einen Schluck aus ihrer in einen Bierkühler gewickelten Limonadenflasche. Sie war ein freundlicher, lockerer Mensch − abgesehen von der Warnung, die sie hin und wieder an die Hunde richtete, die in ihren Zwingern miteinander stritten. „Na wartet, gleich komm ich rüber ..!“ Sie verstummten. Es war Mitte Juli und sowieso zu warm zum Raufen. Japankäfer brummten vorbei. Ringelspinner-Raupen hatten einen großen Teil der Blätter des riesigen Pekannussbaums, unter dem wir saßen, eingesponnen und kahlgefressen.

Ich kannte Nancy noch aus der Zeit, zu der ich mit Zev das Gruppentraining besuchte, das sie auf einem Parkplatz abhielt. Sie hatte uns beide herzlich und freundlich aufgenommen, wenn sie auch kein besonders großes Interesse an Zev hatte: Er war so sanftmütig und unauffällig, dass man ihn in einer Hundegruppe leicht übersah.

Seither hatte ich Nancy kaum gesehen, doch ich begann, mich besser an sie zu erinnern, als ich in die Einfahrt bog und den schwarzen Hirschjagd-Aufkleber auf ihrem Pritschenwagen sah. Ihr Haar war immer noch kupferrot, ihre kastanienbraunen Augen von Lachfältchen umrandet. Sie trug Tarnhosen.

Ich hatte Nancy eine verzweifelte E-Mail geschrieben, als ich mich erinnerte, wie praktisch sie dachte und humorvoll sie war. Ich hatte beide diese Eigenschaften dringend nötig. „Klar“, sagte sie, „komm zu mir ins Camp Hook, und bring deinen Hund mit!“ Sie war kompetent und entspannt. Ich war nervös und redete viel. Solo, der sich unmöglicher verhielt, als der schlimmste viermonatige Schäferhund sollte und jedwede Anmut vermissen ließ, hatte die Nackenhaare gesträubt, den Rücken gekrümmt und wilde Augen. Immer wieder preschte er auf die Zwingeranlage zu, halb Hengstfohlen, halb Tasmanischer Teufel. Er knurrte und stieß sich mit den Pfoten am Maschendrahtzaun ab. Ich sprang aus meinem Klappsessel hoch, fischte nach den Keksen in meiner Bauchtasche und versuchte, ihn abzulenken und das Verhalten, das Nancy zu sehen bekam, zu minimieren. „Solo? Solo! Schau! Braaaaaver Hund!“ Ich stopfte sein gieriges Maul mit Leberkeksen.

“Hör auf, ihn vollzutexten“, sagte Nancy, „und gib ihm nicht so viele Kekse. Du machst ihn zu einer Memme.“ Meine Hand erstarrte mitten in der Luft. „Er ist einfach ein Macho“, sagte sie. „Ein kleines Arschloch. Was willst du mit ihm machen?“

Und mit dieser einfachen Frage begann meine eigenartige Hundewelt, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. „Was willst du mit ihm machen?“ hieß nicht endlose Therapiesitzungen und Beruhigungsmittel, um Solo zu einem schläfrigen und unterwürfigen Hündchen zu machen, das hin und wieder ein warnendes Hundeflüsterer-“Tzzzzz!“ und einen drohenden Zeigefinger brauchte, um nicht aus der Reihe zu tanzen. Genauso wenig sollte es heißen, dass ich Solo mit Clicks und Keksen zum perfekten Unterordnungs-Turnierhund machen konnte. Das war nichts für Solo; außerdem langweilte auch ich mich bereits mit der Hundesportwelt. Nancy wollte damit auch nicht sagen, dass Solo der typische Hundezonen-Hund werden könne, der es mir erlaubte, bis zum Sonnenuntergang mit anderen entspannten Hundebesitzern auf einer Parkbank zu tratschen, während wir unseren Hunden beim Spielen und Bellen zusahen.

Sie meinte: „Welchen Job soll dein Hund haben?“

Ich hatte keine Ahnung. Ich wollte, dass er keine Zeit hatte, um das zu tun, was Nancy gerade zu sehen bekam. Ich wollte, dass er eine Aufgabe hatte. Keinen vorgeblichen Job, der nur dazu diente, sein kleines Herz der Finsternis auszulasten. Nach Möglichkeit auch keine Aufgabe als Therapiehund in einem Seniorenheim, nachdem er sich verhielt wie ein Elefant im Porzellanladen. Ich wollte, dass seine Aufgabe einen Sinn hätte, weil ich den Sinn meiner eigenen Arbeit ständig hinterfragte.

Nancy hörte sich meine Ängste und Zweifel nicht lange an. „Du denkst zu viel nach“, sagte sie. „Genau das ist dein Problem.“

Sie befahl mir, Solo in Ruhe zu lassen. Ich zog meine Hände aus dem fettigen Keksbeutel und legte sie auf die Knie. Ich wandte meinen Blick von Solos Boshaftigkeit ab. Innerhalb weniger Minuten gesellte er sich zu uns und ließ sich mit einem Seufzer ins schattige Gras fallen. Schlimm zu sein macht keinen Spaß, wenn niemand darauf reagiert.

Nancy und ich besprachen meine Optionen. Sie unterrichtete alles, von Stubenreinheit über Verhaltensmodifikation bis hin zu Unterordnung und Fährtenarbeit. Solo zum Rettungshund auszubilden war nicht ideal. Ich konnte meine Studierenden weder auf einen Vortrag zum feministischen Essentialismus warten lassen, während ich nach einer vermissten Dreijährigen suchte, die in Wahrheit bloß bei den Nachbarn mit Action-Figuren spielte, noch konnte ich mich darauf verlassen, dass mein Körper in der Lage wäre, einem Hund auf der Suche kilometerweit durchs Dickicht zu folgen; ich könnte Asthmaanfälle bekommen, mein Ischiasnerv sich entzünden; ich würde mit angelaufenen oder gesprungenen Brillengläsern durchs Gebüsch torkeln. Die Vermissten hatten eine bessere Chance verdient, als ich sie zu bieten hatte.

Das sah Nancy ein. Außerdem war ihre Begeisterung für den sozialen Aspekt der Rettungshunde-Arbeit im Laufe der Jahre abgeflaut. Ihre Beschreibung der Intrigen der Rettungshundeteams erinnerte mich stark an das Anglistikinstitut meiner Fakultät, nur ohne dessen viktorianischen Charme. Weitere Probleme tauchten auf: Ich wollte keine Suchausrüstung tragen, die mich aussehen ließ wie eine Pfadfinderin. Und dann war da die Vorstellung eines Teams. Klar, ich konnte mit anderen zusammenarbeiten, aber mit dem fröhlichen Spruch „Einer für alle, alle für einen!“ konnte ich wenig anfangen. Zu Solo passte er auch nicht. Es war besser, wenn er sich nicht ständig in der turbulenten Welt sozialer Gepflogenheiten unter Caniden zurechtfinden musste. Ihn aussenden, um gemeinsam mit einer Reihe selbstbewusster Spürhunde zu suchen? Sie würden sich seine Garstigkeit nicht gefallen lassen, und das Einzige, was von ihm überbliebe, wären Büschel von schwarz-rotem Fell am Wegesrand. Es gab eine Lösung für all die Zeitprobleme, meine zweifelhafte Teamfähigkeit und Solos psychopathischen Welpencharakter. Nancy war sehr zufrieden mit sich selbst, als ihr diese einfiel: „Ein Leichenhund.“

Ich wusste nicht genau, was Nancy meinte, doch hatte ich bereits eine Ahnung: „Toter Hund.“ Ich bin gut darin, Wörter aneinanderzureihen und zu wissen, was sie bedeuten. Das ist es schließlich, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene.

„Es passt perfekt“, jubelte Nancy. Die Toten würden auf uns warten, und während sie warteten, verströmten sie Geruch. Mit der Ausnahme von steifgefrorenen Leichen wird der Geruch im Laufe der Zeit immer stärker. Leichenspürhunde und ihre Führer arbeiteten systematisch − und meistens alleine, nicht mit anderen Menschen und Hunden. Die Aufgabe des Hundes war sowohl einfach als auch komplex: jene Stelle zu finden, wo der Geruch am stärksten ist, und sie seinem Menschen zu zeigen. Irgendjemand muss diese Arbeit machen. Angehörige und die Exekutive wollen meistens − nicht immer, aber meistens −, dass die Leiche gefunden wird. „Außerdem“, sagte Nancy strahlend und die Lachfältchen um ihre Augen wurden deutlich sichtbar, „macht es wirklich Spaß. Du wirst es lieben!“

Sie vermied es, zu erwähnen, dass meine lachsfarbenen Leinenhosen vermutlich nicht das ideale Outfit für die Suche wären.

Am Ende unserer Trainingseinheit schickte sie Solo und mich auf den Heimweg. Ich war verschwitzt, roch nach Leberkeksen und der Gedanke an vermisste Personen erfüllte mich mit unerklärlicher Freude. Der erschöpfte Solo schlief friedlich auf der Rückbank; einzig seine riesigen Pfoten zuckten hin und wieder. Diesmal stießen sie in die klimatisierte Luft statt gegen den Maschendrahtzaun.

Nancy, die mit meinen zwanghaften Gewohnheiten vertraut war, verbot mir explizit, über Leichenspürhundetraining zu lesen. Ich würde Solos Training vermasseln, wenn ich zu früh zu viele Theorien las. Sie erlaubte mir zwei Ausnahmen: Bill Syrotucks Scent and the Scenting Dog und Andy Rebmanns Cadaver Dog Handbook. Ich bestellte beide Bücher. Da Warten nicht zu meinen Stärken gehört, warf ich danach den Computer an und tippte „der Tod und der Hund“ in mein Suchfenster.

Im Jahr 2012 publizierten tschechische Archäologen ihren Fund dreier Totenschädel, die domestizierte Hunde vermuten ließen: Sie hatten kürzere Schnauzen und ein breiteres Neurocranium als bei ihren wölfischen Cousins üblich. Zwischen die Kieferknochen eines der 31.500 Jahre alten Totenschädel war ein flaches Knochenfragment − möglicherweise das eines Mammuts − geschoben worden. Der Mammutknochen wirkte so bewusst platziert und sinnträchtig, dass die Archäologen nicht anders konnten, als zu spekulieren: War der Knochen Teil eines Begräbnisrituals, der die Seele des Tieres beschwichtigen und es zum Zurückkommen einladen sollte? Sollte es durch die Gabe darin bestärkt werden, verstorbene Menschen zu begleiten?

Kein Haus stünde für mich fest und sicher auf der von Ahura geschaffenen Erde, gäbe es nicht meinen Hütehund oder Haushund.

- Ahura Mazda, zarathustrischer Gott -

Die Spekulationen sind gar nicht so weit hergeholt. Hunde lauerten zwar für lange Zeit am Rande der Zivilisation, doch luden wir sie auch ein und ließen ihnen einen besonderen Status zukommen. Seit Tausenden Jahren und in zahlreichen Religionen verlassen sich die Lebenden darauf, dass Hunde ihre Toten geleiten − dass sie uns vom Diesseits ins Jenseits führen, wo auch immer das Jenseits liegt. Nur wenige Mythen sind ähnlich weit verbreitet. Die Versuchung, diese Aufgabe den Hunden zu übergeben, ist verständlich: Sie scheinen geradewegs dafür gemacht. Hunde heulen den Mond an und warnen uns, dass der Tod am Horizont lauert. Sie hören und riechen, knurren und sträuben die Nackenhaare und warnen uns vor Gespenstern, die unsere stumpfen Sinne übersehen.

Sie fressen auch gerne − sogar uns, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Tote Menschen unterscheiden sich nur leicht von anderen Tierkadavern. Wir bestehen aus Protein. Tote beginnen, sofern das nicht bewusst verhindert wird, zu stinken und werden damit täglich attraktiver für Schmeißfliegen, aber auch weiter entwickelte Tiere wie Hunde.

Teilweise kommt die religiöse Verbindung zweifellos von einem Ritualisieren der düsteren, aber durchaus nützlichen Tatsache, dass Hunde und andere Caniden wie Schakale Abfälle fressen. Der Mensch beobachtete dieses Verhalten − freudig und ohne böse Folgen für die Tiere − und kam zu dem Entschluss, dass Hunde und ihre nächsten Verwandten mächtig sein mussten, immun gegen die Dämonen des Todes, welche die Leichen umgeben. Der Nutzen der Caniden ging über das simple Beseitigen der Toten hinaus. So wurde im alten Ägypten in einem pragmatischen wie auch religiösen Schritt der Schakal-Hund zum Gott gemacht. Anubis, der Freund der Toten, war kein Grabräuber, sondern der Beschützer der Toten in ihren Gruften.

Während Anubis das Thema zahlreicher Kunstwerke und Berichte ist, sind nur ein oder zwei Dokumente aus dem neunzehnten Jahrhundert erhalten, die davon erzählen, wie die alten Baktrer (im heutigen Afghanistan) und die Hyrkanier (damals Teil des persischen Reiches) mit jener Vorliebe der Caniden umgingen. In den Berichten lesen wir, dass die Baktrer Hunde einsetzten, die sie als canes sepulchrales bezeichneten. Sie hatten eine ganz bestimmte Aufgabe: die Toten zu fressen. Als Gegenleistung erhielten sie die beste Pflege und Aufmerksamkeit, „denn es schien nur angemessen, dass die Seelen der Verstorbenen in gesunden und starken Körpern wohnen sollten.“ Kein schlechter Deal für die Verstorbenen, die sich in einem mobilen, flauschigen Sarg aufhalten durften! Die wenigen geschichtlichen Informationen, die uns erhalten sind, schweigen sich darüber aus, was nach dem Tod des Hundes passierte.

Auch für die Zarathustrier in Persien spielten Hunde eine zentrale und vielschichtige Rolle auf Begräbnisritualen. Wie die Ägypter und Baktrer hatten sie offenbar beschlossen, das Beste aus der hündischen Liebe zu stinkendem Protein zu machen. Hütehunde waren bereits ein zentraler Teil des nomadischen Erbes der Zarathustrier. Forscherkoryphäe Mary Boyce schreibt zum antiken Iran, dass „sterblichen Hunden“ in heiligen zarathustrischen Texten „auffällig große Bedeutung zukommt“. Die Hunde wurden mit Feuer verglichen − sowohl schützend als auch zerstörerisch. „Es ist wahrscheinlich, dass den Hunden diese Macht zugesprochen wurde, weil sie zugleich im Avesta immer wieder im Zusammenhang mit dem Verschlingen von Leichen auftauchen“, schreibt Boyce.

Ein Hund, der dies tun konnte, ohne von Nasu, dem Dämon der Fäulnis, heimgesucht zu werden, musste unter dem Schutz der Götter stehen. Das Begräbnisritual im Zarathustrismus hieß sagdid, „vom Hund gesehen“. Diese Aufgabe musste von einem besonderen Hund erledigt werden. Ein Hund, der an einen Deutschen Schäfer erinnert. Der ideale sagdid-Hund war ein mindestens vier Monate alter Rüde. Er war „goldbraun“ mit „vier Augen“ − vielleicht ähnlich wie der rostrot-schwarze Solo mit zwei unruhigen schwarzen Flecken an jener Stelle, an der beim Menschen die Augenbrauen säßen. Einer der kleinen gusseisernen Gegenstände im Teheran-Museum sieht aus wie ein gedrungener Deutscher Schäferhund, obwohl die Rasse damals noch nicht existierte. Ein typischer damaliger Hund könnte weiß gewesen sein, mit gelbbraunen Augen − wahrscheinlich ähnlich dem israelischen Kanaan-Hund, einer alten Hütehundrasse, die es heute noch gibt, oder einer der Wachhunderassen aus derselben Gegend.

Die Hunde, die zum sagdid ausgewählt wurden, wurden für ihre Arbeit bezahlt. Und die Zarathustrier wussten, wie man einen Hund trainiert: Drei Stück Brot wurden auf den Toten gelegt, um den Hund zu verleiten, sich zu nähern, den Blick auf der Leiche ruhen zu lassen und Nasu zu vertreiben. Genauso begann ich, Solo beizubringen, den Geruch des Todes zu erkennen und ihm nachzugehen − nur dass ich kein Brot, sondern Leberkekse und Spielzeug verwendete, um sein Interesse zu wecken.

Die Arbeit der Hunde endete nicht mit dem sagdid. Nachdem der vieräugige Hund seine Arbeit beendet hatte, brachten Totenträger die Leiche fort, und die Dorfhunde und Geier folgten und feierten ein Festmahl.

Zarathustrische Hunde − von den Schäfern über die Jäger bis zu den Hausund Dorfhunden − hatten ein gutes Leben: Sie wurden besonders reich gefüttert, wenn Menschen starben. Dabei bekamen sie nicht nur ein Stück Brot und halfen beim Vertilgen der Leiche, nein, sie erhielten auch ein ganzes Ei und Teile der Opfergaben für die Toten.

Wenn zarathustrische Haushunde starben, wurden sie auf besondere Art verabschiedet. Boyce schreibt: „Bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde ein verstorbener Haushund in ein altes heiliges Hemd gewickelt, mit einem heiligen Gürtel verbunden und zu einen unwirtlichen Ort gebracht, wo kurze, feierliche Ritualen für seine Seele zelebriert wurde.“

Mir gefielen alle Rituale, ganz besonders das für den Haushund. Es ging einen Schritt weiter als das, was wir nach Zevs Tod gemacht hatten: Der Tierarzt hatte uns seine Asche in einer Plastikdose mitgegeben. Die Dose befand sich in einem burgunderroten Seidenbeutel, der mit einer kleinen Regenbogenbrücke bestickt war. Die Dose steht immer noch am Eichenschreibtisch meines Urgroßvaters. Ich weiß nicht, worauf wir warten. Wir sollten seine Asche an einen unwirtlichen Ort bringen.

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte, Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden, Und dem Gevögel umher.

- Homer, die Ilias -

In der westlichen Welt wurden die Hunde nicht annähernd so gut behandelt wie bei den Zarathustriern – und das, obwohl wir der Wölfin, die Romulus und Remus fütterte und aufzog, zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet wären. Wer hätte Rom und damit unsere Version der Zivilisation begründet, wäre sie nicht gewesen? Wir schrecken davor zurück, Hunde in unser religiöses Leben zu integrieren, und vor der Vorstellung, dass Hunde Menschen fressen könnten, graut uns. Homer machte sich die Anziehungskraft, die Leichen auf Hunde ausüben, in der Ilias zunutze und schuf damit die perfekten Rahmenbedingungen für Horror und Chaos.

Der große, böse und zumeist dunkle Hund lauert am Rande der westlichen Zivilisation. Hekate, die hellenistische Göttin der Geister und der Zauberei, hatte eine schwarze Hündin als Schutzgeist an ihrer Seite. Die Griechen opferten Hekate schwarze Welpen; überhaupt stellten Hunde in vielen Religionen eine beliebte Opfergabe dar. Zerberus, der dreiköpfige Höllenhund, erlaubte neuen Seelen, das Totenreich zu betreten, doch ließ er niemanden wieder gehen. Gamr, ein blutbefleckter Wachhund der nordischen Mythologie, der stark an einen Deutschen Schäferhund erinnert, bewachte das Tor zur Unterwelt, in die Übeltäter verbannt wurden. Die Cŵn Annwn, Geisterhunde der walisischen Mythologie, sagten den Tod vorher.

Zumindest erlaubten die polytheistischen Religionen den Hunden, eine Vielzahl von Rollen zu spielen. Vielleicht verschlangen sie Kadaver, doch waren sie auch Wächter und Führer. Homer eröffnete die Ilias zwar mit gierig schlingenden Hunden, doch in der Odyssee wird der sterbende Hund seines Helden zum Symbol für Treue: Einzig und allein Argos erkennt Odysseus, als dieser nach zwanzigjähriger Abwesenheit von seinen Reisen zurückkehrt. Die drei großen monotheistischen Religionen hingegen gestehen den Hunden traditionell keine Vielzahl an Rollen zu. Sophia Menache, Historikerin an der Universität von Haifa, postuliert, dass jüdische, christliche und muslimische Religionen sich von Hunden und deren vertrauter Beziehung zum Menschen bedroht fühlen: Im landwirtschaftlichen Leben spielten Hunde beim Hüten, Bewachen und Ziehen von Lasten eine zentrale Rolle. Sie erinnerten die monotheistische Würdenträger an die allgegenwärtige Konkurrenz der Sekten, welche häufig Tiere verehrten. Wenn wir uns also mit den organisierten Religionen der westlichen Welt auseinandersetzen und die Frage stellen, ob die Hunde einen Vorteil daraus zogen, muss die Antwort Nein lauten. Im neuen Testament werden Hunde zweiundvierzig Mal erwähnt − und zwar fast ausschließlich im negativen Sinne. Die Antipathien und Unsicherheiten der drei Religionen wurden im Laufe der Jahrhunderte milder. In vielen muslimischen Ländern wird allerdings noch immer kurzer Prozess mit Hunden gemacht, und so mancher Christ strebt bis heute nach alleiniger Herrschaft über die Natur.

Bis in die Gegenwart sind wir in der westlichen Welt seltsam fasziniert von der Rolle, die Hunde beim Tod spielen. Scamp, ein Schnauzer in einem Seniorenheim in Ohio, machte 2007 Schlagzeilen, weil er dazu neigte, vor der Zimmertür jener Patienten, deren Tod kurz bevorstand, bellend auf- und abzulaufen. Über einen Zeitraum von drei Jahren hatte er „auf unheimliche Weise“ den Tod von vierzig Menschen vorhergesagt, erzählt Adeline Baker, die Leiterin des Heims in einem Interview mit Inside Edition. Die Patienten taten alles andere, als Scamp aus dem Weg zu gehen: „Wir sehen ihn nicht als den Sensenmann“, erklärt Adeline Baker. „Es ist schön, zu wissen, dass am Ende unseres Lebens jemand bei uns sein wird, selbst wenn wir keine Familie haben.“

Vielleicht wurde Scamps Gegenwart als tröstend empfunden, weil er nicht groß und schwarz, sondern klein und grau war und lustige Augenbrauen hatte. So oder so hält das hartnäckige Gerücht, dass große, schwarze Hunde in US-amerikanischen Tierheimen häufiger eingeschläfert werden als andere, wissenschaftlichen Studien nicht stand.

In unseren modernen Zeiten haben wir für die Homer’sche Wortwahl der Leichen verschlingenden Hunde Euphemismen gefunden. Forensische Wissenschaftler sprechen heute von der „Prädation der Hunde“, doch obwohl wir einen hübschen lateinischen Namen für das Phänomen haben, halten wir lieber einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Und doch: Vor ein paar Jahren strömten Kinder in unser örtliches Wissenschaftsmuseum, um eine der populärsten Ausstellungen zu sehen, die je aufgezogen worden waren: Es ging um Insekten und den Tod. TV-Serien wie CSI und Bones − Die Knochenjägerinhaben uns im Umgang mit Maden und damit, was sie uns über das Verwesungsstadium eines Kadavers erzählen, erstaunlich abgehärtet und zur Beliebtheit eines ganzen Forschungsgebiets beigetragen: forensische Entomologie, die Lehre vom Tod und den Insekten. Wissenschaftler wissen jede Menge über die Rolle von Bären im Zusammenhang mit Kadavern; über die Rolle der Hunde ist weniger bekannt. Die Handvoll Studien, die zu diesem Thema auffindbar sind, zeigen jedoch, dass Hunde und ihre Cousins, die Kojoten, eine große Rolle beim Beseitigen menschlicher Überreste spielen.

Die Medien scheinen jede Menge darüber zu wissen, wie Hunde Tote finden. Die Geschichten finden sich überall, Hunderte, ja Tausende Varianten derselben Story: Jemand führt seinen Hund spazieren − und findet eine Leiche. Ich bin mir sicher, dass eine Studie zeigen würde, dass gewöhnliche Familienhunde auf Spaziergängen oder beim Streunen weit mehr Leichen finden als Hunde, die speziell auf diese Aufgabe trainiert wurden. Das ergibt sich ganz einfach aus den Millionen Hundenasen da draußen, die Überstunden arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden.