Der geteilte Rasen - Jan Mohnhaupt - E-Book

Der geteilte Rasen E-Book

Jan Mohnhaupt

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Beschreibung

Fußball in den Wendejahren: Eine Geschichte von Umbruch und Einheit 1989/1990 war eine Zeitenwende. Im Herbst 1989 fiel die Mauer, der Kalte Krieg ging zu Ende. Und auch auf dem Rasen schien das Timing perfekt: Im Sommer 1990 wurde die DFB-Auswahl in Italien Weltmeister; Jubel von Köln bis Dresden, von Rostock bis München – endlich grenzenlos. Doch während im Westen bald wieder Alltag einkehrte, vollzog sich im Osten der große Umbruch: Fabriken schlossen, die Arbeitslosenzahlen schnellten in die Höhe. Die, die konnten, suchten ihr Glück im Westen. Tiefgründige Erkundung des ostdeutschen Fußballs Im Gegenzug kamen viele Hasardeure, Glücksritter und Abenteurer, die "drüben" nun die große Chance witterten. Auf die Euphorie der Wende folgte bald Ernüchterung und der schnelle Ausverkauf, auf die Ekstase folgte Agonie – auch im Fußball. Die führenden Ost-Klubs mussten um die wenigen ihnen zugewiesenen Plätze im gesamtdeutschen Profifußball kämpfen, während sich die Vereine aus dem Westen die besten Spieler der untergehenden DDR sicherten. Die Folgen sind bis heute zu spüren und zu sehen. In den Tabellen und Stadien, in den Kurven und Kabinen. Und dennoch weist gerade die gesamtdeutsche Erinnerungskultur in Bezug auf den Fußball noch so manchen blinden Fleck auf. • Fußball in den Wendejahren neu erzählt, mit den Auswirkungen bis heute. • Eine Zeit, die Deutschland veränderte – wunderbar nacherzählt von Jan Mohnhaupt. • Gespräche mit zahlreichen Zeitzeugen und Experten, darunter: Fans von Rostock bis Jena, von Dresden bis Magdeburg, ehemalige Spieler (u.a. Rico Steinmann, Ojokojo Torunarigha, erster afrikanischer Profi in der DDR, Erdal Keser) und Journalisten (u.a. Frank Willmann, Christoph Dieckmann). Aus historischer Sicht befasst sich Jan Mohnhaupt seit Jahren mit dem ostdeutschen Fußball zur Wendezeit. Wie stark diese Umbruchphase noch heute die Atmosphäre in den Stadien prägt, hat er am Beispiel des 1. FC Magdeburg beobachtet und miterlebt. Zudem sprach der Autor im Rahmen der Recherche zu diesem Buch mit zahlreichen Fans (BFC Dynamo, 1. FC Union, 1. FC Magdeburg, Dynamo Dresden, Hansa Rostock, Lok und Chemie Leipzig, Hallescher FC, Carl Zeiss Jena, Wismut/Erzgebirge Aue und Motor/Optik Rathenow).

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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1. Auflage 2026

© Verlag Die Werkstatt GmbH, Bielefeld

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar: ISBN 978-3-7307-0799-9 (Print)

ISBN 978-3-7307-0815-6 (Epub)

Umschlag: Jürgen Frost

Lektorat: Stephan Lahrem/Text-Arbeit, Simon Kraßort

Schlusskorrektorat: Erwin Puschkarsky

Gesamtherstellung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.werkstatt-verlag.de

Für Klaus, der in der DDR keinLehrer werden durfte und dennoch einPädagoge im besten Sinne geworden ist, und Claus, schmerzlich vermisst.

INHALT

PROLOG DER WESTLER

KAPITEL I 1989 Nichts ist unendlich

KAPITEL II 1990 Alles wird besser …

KAPITEL III 1991 1992 … nichts wird gut

KAPITEL IV 2024 2025 AUF EINER GRÜNEN WIESE

EPILOG WAS WURDE AUS …?

ANHANG

PROLOG DER WESTLER

Es war noch Winter, als der Erste von drüben in dem Fußballverein eines kleinen Ortes im westlichen Brandenburg auftauchte. Ein 24-jähriger Torwart, ein Student aus Berlin. ’Ne Bulette, wie sie im Dorf zu sagen pflegen. Einer aus der Mannschaft – auch ein Student – hatte ihn angeschleppt, der Neue wolle mal mittrainieren. Da der Kader ohnehin klein war und der Fremde sich nicht allzu blöd anstellte, nahmen sie ihn mit wenigen Worten, aber ohne Murren auf. Den mitgebrachten Kasten Bier zum Einstand leerten sie zügig mit der schnöden Bemerkung: Westbier.

Da er der Erste aus dem Westen war und niemand wusste, wie die Menschen sonntags am Spielfeldrand darauf reagieren würden, wenn so einer tatsächlich im Tor stünde, entschied sich der Trainer, den Neuen zunächst nur auswärts einzusetzen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Zu groß könnten die Vorbehalte sein gegen einen von drüben. Denn bislang war noch keiner wie er hier aufgeschlagen.

Diese Anekdote hat sich nicht in den frühen Neunzigerjahren zugetragen, sondern rund zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, im Frühjahr 2008. Und nicht irgendwo in der weltfernen Provinz, sondern im Berliner Speckgürtel. Der junge Torwart aus dem Westen, das war ich.

Gut drei Jahre blieb ich, fuhr jede Woche zum Training und zu den Spielen mit Regionalzug, S-Bahn und Bus raus nach Brandenburg, aufs Land; jede Strecke dauerte rund anderthalb Stunden, zu Auswärtsfahrten ging es anschließend noch im Auto weiter. So vergingen die Sonntage und so lernte ich über den Amateurfußball den Osten kennen. Ich kam an Orte, von denen ich nie zuvor gehört hatte – nach Bornim, Busendorf und Ketzin, nach Michendorf, Groß-Kreutz und Seddin. Ich saß verschwitzt mit den anderen beim Bier vor der Kabine, sah die Sonne hinterm Waldrand untergehen, schaute dem Igel zu, der im Dämmerlicht über den Platz zuckelte, was mir die johlende Bemerkung einbrachte: „Der Westler hat noch nie ’nen Igel gesehen!“ Bald weihten sie mich in weitere

Besonderheiten der örtlichen Fauna ein, wie etwa Wildschwein am Spieß oder den Unterschied zwischen Wessi und Fuchs, aber dazu später mehr. Meine obligatorische „Banane danach“ – samt gelber Plastikdose in Bananenform – sorgte für große Heiterkeit. Jede Zeitung, die in meiner Sporttasche steckte und nicht die Bild war – also jede –, kommentierten sie mit gespielter Abfälligkeit. Ich lernte Bautz’ner Senf und Werder Ketchup schätzen, Hasseröder Pils zwar kennen, aber nicht lieben.

Im Vergleich zum Fußball im Ruhrgebiet bemerkte ich manche Unterschiede und viele Gemeinsamkeiten: In meiner Brandenburger Mannschaft gab es kaum Arbeitslose, einige Jahre zuvor noch in Bochum hatte sich rund ein Drittel der Jungs als „arbeitssuchend“ bezeichnet. Im Ruhrgebiet huschte der Blick des Schützen vorm Elfmeter oft kurz in jene Ecke, in die er schießen wollte. In Brandenburg hingegen versuchten die meisten, mich durch einen Blick ins andere Eck zu täuschen. Wie in Bochum waren auch in Brandenburg die Onkelz, der FC Bayern und Spitznamen, die auf „i“ enden, schrecklich beliebt. Ich bekam auch einen, aber ohne „i“. Im Grunde wurde ich dort erst das, was ich vorher noch nicht gewesen war – ich wurde zum „Westler“.

Im Ruhrgebiet spielte ich meist auf roter Asche. Kunstrasen war heiß begehrt, manche Vereine in Bochum warteten auf ihn ähnlich lange, wie die Menschen früher in der DDR auf den Trabi. Im „tiefen Westen“ waren daher die Plätze meist rot und hart, echter Rasen war rar gesät, und wo es ihn gab, wurde er vom Platzwart – oft ein griesgrämiger, buckliger Mann – bewacht, der diesen Ort hütete wie ein Kobold seinen Schatz.

In Brandenburg spielte ich dagegen in blühenden Landschaften. Das Spielfeld war meist eine schwere Wiese, mal mehr, mal weniger gut gewalzt, voller Gänseblümchen, Löwenzahn und Wegerich. Dort war die Tierwelt regelmäßig Zaungast. Einmal musste ein Spiel unterbrochen werden, weil ein Bienenschwarm durchs Mittelfeld zog. Andernorts hüpften zur Halbzeit Frösche übers Feld. Ein anderes Mal ließ sich ein Storch zu Spielbeginn auf dem Vereinsheim nieder, wo er das gesamte Spiel über stehend verharrte. Kurz nach dem Schlusspfiff schiss er kommentarlos aufs Dach und flog davon.

Kunstrasen gab es kaum, rote Asche noch viel seltener. Ich habe nur auf einem einzigen Schotterplatz gespielt. Und während meine verwöhnten Sportsfreunde jammerten, weckte das Knirschen der Körner unter den Stollen fast nostalgische Gefühle in mir.

All das sind Eindrücke, an die ich mich rund anderthalb Jahrzehnte später wieder erinnere. Und wenn es etwas gibt, an das ich fast mit Rührung zurückdenke, dann ist es die raue Herzlichkeit, die ich in Brandenburg erfahren habe. Zuneigung und Akzeptanz wurden mir selten durch Worte gezeigt, eher durch die Art und Weise, wie etwas gesagt oder getan wurde. Wer es nicht erlebt hat, kann sich wohl kaum vorstellen, wie zärtlich ein aus voller Kehle gebrülltes „Westler!“ nach einem gehaltenen Elfer klingt.

Nachwuchssorgen gab es die ganze Zeit über, bei vielen Spielen hatten wir so gerade eben elf Mann zusammenbekommen, oft nur durch Aufstocken mit Altherren oder B-Jugendspielern, eine A-Jugend gab es noch nicht. Nach drei Jahren, nachdem die Lage immer prekärer geworden war und der Verein beschlossen hatte, eine Spielgemeinschaft mit dem Klub eines Nachbarorts zu bilden, entschied ich mich, zu gehen.

Nach meinem letzten Spiel bekam ich als Andenken ein giftgrünes Torwarttrikot überreicht, mit meinem Namen auf dem Rücken. Das „o“ bildete das Vereinswappen. Als ich gehen wollte, versperrten mir drei Fans den Weg, die sonst meist schweigsam gewesen und vor allem dadurch aufgefallen waren, dass sie am Spielfeldrand stets eine Südstaatenflagge in den Boden rammten. „Du gehst?“, fragte einer von ihnen. Es klang forscher, als es gemeint war. Ich nickte. Was sie dann sagten, weiß ich mich nicht mehr genau. Aber ich kann mich noch an das Bedauern in ihren Blicken erinnern. Sie hatten mich, den Westler, wohl zu schätzen gelernt.

★★★

Im Osten ist der Ball rund wie überall, und dennoch hat der Fußball dort seine Eigenarten. Was für meinen Brandenburger Dorfverein die „Wende“ ganz vordergründig bedeutete, konnte ich an einem alten Aufnäher aus DDR-Zeiten sehen, auf dem das Emblem gestickt war. Statt des heutigen Zusatzes „SG“ stand dort „BSG“, die Abkürzung für Betriebssportgemeinschaft, jene Sportvereinigungen, die nach 1945 an die Stelle der bürgerlichen Vereine getreten waren. Ein einziger Buchstabe war die sichtbare Veränderung. Von den gewaltigen Umwälzungen, die sich dahinter verbargen, verriet er nichts. Mich aber interessierte genau dieser Umbruch, dem die Menschen – und damit auch ihre Vereine – im Osten Deutschlands infolge der Friedlichen Revolution ausgesetzt waren.

Aus dem Ruhrgebiet hatte es mich nach Berlin in die Hauptstadt gezogen, und von dort hatte mich der Fußball in die brandenburgische Provinz gebracht. Der verschwundene Buchstabe und die drei Jahre vor Ort haben dazu beigetragen, dass ich mich später intensiver als viele Westdeutsche mit der Geschichte des Fußballs in Ostdeutschland befasst habe. Ich habe in den vergangenen Jahren über zahlreiche Themen geschrieben: Ich schrieb über einen Vater, der seine Liebe zum berühmt-berüchtigten BFC Dynamo an seine beiden Söhne weitergegeben hat; ich schrieb über ein Häuflein Fans, das einst seinem heiß geliebten Halleschen FC mit dem Bus bis nach Moskau hinterherreiste. Ich ließ mir vom Vereinsarchivar des F.C. Hansa Rostock die kostbarsten Schätze des Vereins zeigen – die Meisterschale und den NOFV-Pokal von 1991, Insignien der bereits untergegangenen DDR. Und ich erfuhr, wie achtlos der Verein lange mit diesem Teil der eigenen Geschichte umgegangen war: Die ostdeutsche Meisterschale verkam zur Obstschale. Jahrelang lag sie unbemerkt auf der Hansa-Geschäftsstelle, versteckt unter einer Serviette, Bananen, Orangen und Äpfeln, bevor sie zufällig beim Staubwischen wiederentdeckt wurde. Dem Pokal erging es noch schlechter, aber dafür konnte zumindest der F.C. Hansa nichts. Als Leihgabe war die Trophäe ins Sportmuseum nach Leipzig gekommen, wo sie für längere Zeit verschütt ging, später wieder auftauchte, jedoch in drei Teile zerbrochen.

Ein gestrichener Buchstabe in einem Vereinswappen, kaputte Pokale, gebrochene Geschichte und Geschichten. Und gleichwohl vielerorts eine Liebe zum Fußball, die über Generationen und alle Distanzen hinweg Bestand hat. All das sind Eindrücke, die ich bei meiner Zeitreise durch den ostdeutschen Fußball gesammelt habe. So groß manche Gemeinsamkeiten zwischen dem Fußball im tiefen Westen und dem im Osten der Republik auch sind, die Unterschiede sind gravierend. Dieses Buch soll zeigen, wie sich die Umbrüche von 1989/90 auf den Profifußball der Männer im Osten auswirkten und ihn bis heute prägen. Und es kann hoffentlich dazu beitragen, dass auch Fußballinteressierte im Westen erkennen, welch große Geschichte der Fußball in diesem Teil des Landes besitzt. Große Geschichten bietet er allemal.

Mag sein, dass die Ostvereine mit den großen Fußballklubs und -konzernen im Westen wirtschaftlich und sportlich kaum mehr mithalten können (das können viele Traditionsvereine im Westen auch nicht mehr). Abgehängt oder gar unattraktiv sind sie deswegen aber keineswegs, wie ich beim einzigen Europapokalsieger aus der DDR und heutigen Zweitligisten 1. FC Magdeburg erlebt habe und wovon das vierte und letzte Kapitel handelt. Dort prägt der Fußball die Stadtgesellschaft und ist aus ihr nicht wegzudenken. Mehr noch, im Umgang mit seinem bedeutendsten Fußballverein offenbart das oft so schroffe Magdeburg seine liebevolle Seite.

Bliebe nur noch zu klären – was einen Wessi von einem Fuchs unterscheidet. Es ist, wie ich gelernt habe, ganz einfach: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, der Wessi macht es andersrum. Es ist in Humor gekleidete Abwertungserfahrung, ein vermeintlich lustiger Spruch für selbsterlebte oder tradierte Enttäuschungen und Demütigungen. Die Umwälzungen, die sich nach 1989 im östlichen Teil Deutschlands abgespielt haben, haben weniger mit fabelhafter Dummheit zu tun als mit überzogenen Erwartungen, struktureller Benachteiligung, Anspruchs- und Konkurrenzdenken sowie Ignoranz. Das zeigt sich auch und gerade im Fußball. Der „Volkssport Fußball“, schrieb der im heutigen Sachsen-Anhalt aufgewachsene Journalist Christoph Dieckmann 2016 in der Zeit, eigne sich „wunderbar als Spiegel der Zeitgeschichte – wenn man sie ehrlich reflektiert, das Gelungene wie die Erfahrungen des Scheiterns. Wahrhaftiges Erinnern lebt von allen unvergesslichen Gefühlen. Alles, was uns erschüttert, prägt unsere Biografie.“

Das gilt auch heute noch. Und vielleicht sogar mehr denn je.

Das Wort Wenn ist das deutscheste

aller deutschen Worte.

FRIEDRICH HEBBEL, 1838

Wenn nicht diese Mauer gefallen

wäre. Das kam für unser Team

ein halbes Jahr zu früh.

EDUARD GEYER, 2009

Nichts ist unendlich. Aber – fast – alles ist möglich. So scheint es zumindest an diesem 15. November 1989 im Praterstadion von Wien: Unter den 4.000 Gästen aus der DDR kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Vor knapp einer Woche ist in Berlin die Mauer gefallen. Österreich, das bereits im Frühjahr gemeinsam mit seinem Nachbarn Ungarn dem Eisernen Vorhang erste Risse zugefügt hatte, hat die historische Stunde erkannt und den Fußballfans aus der DDR zwei Tage Visafreiheit eingeräumt. In drei Sonderzügen haben sie sich daraufhin von Ost-Berlin, Leipzig und Dresden in Richtung Wien aufgemacht, zudem Hunderte in Trabis und Wartburgs. Mitten im Trubel um die Friedliche Revolution in der DDR, inmitten des gesellschaftlichen Umbruchs gelingt der Auswahl des Deutschen Fußball-Verbands (DFV) ein 1:1-Unentschieden im letzten und entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Österreich. Dank dieses einen Punktgewinns sichert sich die DDR-Elf zum zweiten Mal nach 1974 die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Im Sommer wird es nach Italien gehen.

Während die ostdeutschen Spieler um den Torschützen Rico Steinmann mit den mitgereisten Schlachtenbummlern, wie Auswärtsfans damals genannt werden, feiern, haben sich die übrigen Ränge des Praterstadions mit dem Schlusspfiff jäh geleert. Die Österreicher sind schon ersatzgeschwächt ins alles entscheidende Spiel gegangen und mussten zudem kurzfristig auf Stürmer Toni Polster verzichten, der sich beim Aufwärmen verletzt hatte. Sein Ersatz, der von vielen favorisierte Heimo Pfeifenberger, hat Österreich zwar früh in Führung gebracht. Der Karl-Marx-Städter Rico Steinmann glich jedoch noch vor der Pause per Strafstoß aus. Etwas Glück war dabei im Spiel, da Steinmann beim Schuss weggerutscht ist und der Ball halbhoch mittig einschlug, anstatt im linken Toreck, wie von Tormann Lindenberger vermutet. Bei diesem Ergebnis blieb es. Mit dem 1:1 gegen Österreich in Wien hat sich die Elf von Trainer Eduard Geyer das Ticket für Italia ’90 gesichert, wo sie nun allein die deutschen Farben vertreten wird.

Denn der Zufall will es, dass am selben Abend im Müngersdorfer Stadion von Köln die DFB-Elf gegen Wales ebenfalls nur unentschieden spielt. Was für die eine deutsche Mannschaft zur Qualifikation reicht, bedeutet für die andere das Aus für alle WM-Pläne. Nur ein Sieg hätte die bundesdeutsche Auswahl nach Italien gebracht. Sinnbildlich für den gesamten Spielverlauf – nach der frühen Führung der Waliser hatte Rudi Völler noch vor der Pause ausgeglichen – war der Pfostentreffer von Thomas Häßler kurz nach dem Seitenwechsel. Was wäre gewesen, wenn Häßler den Ball in der 48. Minute nicht an den Pfosten gesetzt hätte? Und was, wenn Pierre Littbarskis Strafstoß in der 77. vom Pfosten ins Tor und nicht wieder herausgesprungen wäre? So aber besiegelt das 1:1 von Köln das westdeutsche WM-Debakel. Erstmals seit der Europameisterschaft 1968 verpasst die DFB-Elf damit ein internationales Turnier. Teamchef Franz Beckenbauer, der schon vor dem entscheidenden Spiel gegen Wales halb im Scherz gesagt hatte, dass er im Fall eines Scheiterns auswandern werde, kann sich nun darüber ernsthaft Gedanken machen, wohin es ihn zieht. Neu ist die Situation für ihn schließlich nicht; schon in den späten Siebzigern ist er nach New York gegangen, um den allzu aufdringlichen bayerischen Finanzbehörden und den Schlagzeilen über sein Privatleben zu entkommen. Während die Bild nach dem WM-Aus „Schämt Euch!“ titelt, die Süddeutsche Zeitung schreibt, die „Italienische Reise endet am Rhein“, und das Hamburger Abendblatt bemerkt, „Des Kaisers letztes Hemd hat keine Taschen“, kalauert die West-Berliner taz „Mit Geyer über die Alpen“. Und die Neue Fußballwoche aus Ost-Berlin, die ebenso wie ihr West-Berliner Pendant Fuwo genannt wird, frohlockt: „Wir sind dabei!“.

Kaum vorstellbar, aber just in dem Moment, da die DDR ihre Grenzen öffnet, nutzt die oftmals so wankelmütige Nationalelf ihre historische Chance und qualifiziert sich zum zweiten Mal für eine Weltmeisterschaft. Hatten die DDR-Spieler vor dem Spiel bereits über eine Zukunft in der Bundesliga nachgedacht, betreten sie nun die größte Bühne, die der internationale Fußball zu bieten hat; in Italien könnten sie sogar europäische Topteams auf sich aufmerksam machen. Bald darauf kommen Fragen auf, wann es einen gesamtdeutschen Fußball geben wird und wie dieser aussehen soll. Das Dilemma ist klar: Was wird aus der Auswahl des Deutschen Fußball-Verbands (DFV), die beim bedeutendsten Sportturnier der Welt einen Staat und einen Fußballverband vertritt, deren Zukunft ungewiss ist? Stell dir vor, es ist WM, und ein Team ohne Land und Verband fährt hin. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verfügt hingegen über wirtschaftliche Stärke und politische Macht, steckt aber sportlich in seiner größten Krise. Was käme wohl dabei heraus, wenn sich Vertreter beider Verbände unter diesen Umständen träfen, um über eine gemeinsame Zukunft zu verhandeln?

FUSSBALL - EINE SPIELWIESE DES KONTRAFAKTISCHEN

Dieses Szenario hat so nie stattgefunden und ist dennoch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Bekanntermaßen hat die DDR in Wien mit 0:3 verloren, weil sich Toni Polster nichts gezerrt, sondern das Spiel seines Lebens gemacht hat. Die BRD hat 2:1 gegen Wales gewonnen, weil Thomas Häßler nicht den Pfosten getroffen, sondern mit seinem Tor das Fiasko von der verpassten WM gerade noch verhindert und so wohl den Grundstein für den späteren Titelgewinn gelegt hat. Die DFB-Auswahl wurde in Italien zum dritten Mal Weltmeister. Und Beckenbauer, der damit endgültig zum „Kaiser“ geworden war, faselte noch in der Nacht des Triumphs freudetrunken, dass Deutschland dank der bald hinzustoßenden Spieler aus Ostdeutschland „für die nächsten Jahre nicht zu besiegen“ sei.

Tatsächlich trat die DDR zum 3. Oktober 1990 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Der Sport folgte der Politik. Der DFV löste sich Ende November auf, nur um sich umgehend als Regionalverband des DFB neu zu gründen. Die DDR-Klubs bestritten 1990/91 ihre letzte Saison, an deren Ende ihre Eingliederung in den bundesdeutschen Profifußball stand. Für sie waren zwei Startplätze in der 1. und sechs in der 2. Bundesliga vorgesehen, der Rest versank in den Niederungen des Amateurfußballs.

Die Fakten sind bekannt, das Geschehene ist nicht zu leugnen, aber es war weder unausweichlich noch vorhersehbar. Denn das ist Geschichte nie. Es mag Entwicklungen geben, die naheliegender sind als andere. Alternativlos sind sie in keinem Fall. Immer gibt es andere Möglichkeiten, die nicht ergriffen und verwirklicht werden. Das gilt für die große Geschichte genauso wie für den Fußball. Das Spielfeld ist so etwas wie eine Möglichkeitslandschaft. Es gibt viele Wege zum Tor. Glückt einer, sind alle vorherigen Alternativen hinfällig. Misslingt er aber, folgt das Geraune im Konjunktiv. Ach, hätte …

Mir geht es nicht ums Raunen und Klagen, sondern darum, an denkbare und plausible Alternativen zu erinnern, die – eben, weil sie nicht eingetreten sind – oft hinter dem Faktischen verschwinden und vergessen werden. Als hätte es solche Alternativen nie gegeben.

Um die vielen Möglichkeiten zu veranschaulichen, die es in der Wendezeit im ostdeutschen Fußball gegeben hat, lohnt es sich, etwas früher anzusetzen, und zwar rund sieben Monate zuvor, im Frühjahr 1989, als die Situation noch eine völlig andere und vom späteren „Schicksalsjahr ’89“ noch keine Rede war.

SONNABEND, 1. APRIL 1989

Ost-Berlin, Stadion der Weltjugend, FDGB-Pokal-Finale

BFC DYNAMO - FC KARL-MARX-STADT

Zwei Dinge sind in der DDR der späten Achtziger gewiss: zum einen, dass die Mauer noch in fünfzig oder hundert Jahren stehen wird, so wie es der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker erst zu Jahresbeginn verkündet hat. Und zum anderen, dass der BFC Dynamo wieder Meister wird, so wie es in den vergangenen zehn Jahren am Ende jeder Oberligasaison gewesen ist. Auch wenn an der ersten Gewissheit kaum jemand zweifelt, geben sich längst nicht alle Menschen in der DDR damit zufrieden. Im Gegenteil. Die Zahl der Ausreiseanträge ist im zu Ende gehenden Jahrzehnt von rund 20.000 auf mehr als 100.000 jährlich gestiegen. 1988 sind zudem knapp 40.000 Menschen aus der DDR in die BRD ausgereist, das sind mehr als doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. Im Januar 1989 haben sich neun Bürgerinnen und Bürger der DDR in die Ständige Vertretung der BRD in Ost-Berlin geflüchtet, um von dort auszureisen. Das Land illegal zu verlassen ist noch immer lebensgefährlich. Anfang Februar ist der 20-Jährige Chris Gueffroy bei einem Fluchtversuch vom Ost-Berliner Bezirk Treptow nach Neukölln in West-Berlin von DDR-Grenzern erschossen worden. Gueffroy hatte von Freunden gehört, dass der Schießbefehl an der Mauer seit Kurzem ausgesetzt sei. Um sicherzugehen, wollten er und sein Begleiter während des Staatsbesuchs des schwedischen Ministerpräsidenten Ingvar Carlsson fliehen. Die bittere Ironie ist, dass erst zwei Monate später nach anhaltendem internationalem Protest infolge seines Todes der Schießbefehl ausgesetzt wird.

In anderen Ländern des Ostblocks rumort es bereits heftig. In Polen hat es im Verlauf der vergangenen Monate Gespräche zwischen der kommunistischen Regierung und der verbotenen Gewerkschaft Solidarność gegeben, die schließlich Anfang April zu deren offizieller Anerkennung führen. Die sowjetischen Teilrepubliken im Baltikum pochen zunehmend auf Unabhängigkeit; in Litauen ist Russisch als Staatssprache abgeschafft worden. In der DDR tritt zwar zum 1. April 1989 eine neue Reiseverordnung in Kraft, wonach Eheleute angeheiratete Verwandte im Westen besuchen dürfen. Vielen ist das allerdings zu wenig an Aufbruch innerhalb des verkrusteten Staates.

Seit Anfang der Achtziger richten Leipziger Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen in der Nikolaikirche gemeinsame Friedensgebete aus. Mitte Januar 1989 kommen auf dem Marktplatz 500 Menschen zu einer unangemeldeten Demonstration zusammen. Sicherheitskräfte lösen die Versammlung auf und nehmen 53 Demonstrierende fest. Eine Woche später entscheidet Honecker, die Ermittlungsverfahren gegen sie einzustellen, wohingegen Manfred Hummitzsch, Chef der Leipziger Bezirksverwaltung der Staatssicherheit, der Stasi, das Vorgehen bei der Demo im Nachhinein als „zu unentschlossen“ kritisiert. Mehrere DDR-Oppositionsgruppen kündigen an, eigene Kandidatinnen und Kandidaten für die anstehenden Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 aufstellen zu wollen.

Zwischen altersstarrer Staatsführung und zaghaftem, aber wachsendem bürgerlichen Aufbegehren, zwischen Ausreiseanträgen und Reformwünschen gibt der DDR-Fußball im Frühjahr 1989 ein ebenfalls recht widersprüchliches Bild ab. Auch er changiert zwischen allgemeiner Lethargie und lokaler Euphorie, zwischen Stagnation im Großen und Achtungserfolgen im Kleinen. Während die DFV-Auswahl seit Monaten nach ihrer Form sucht und erfolglos durch die WM-Qualifikation schlingert, ist Dynamo Dresden drauf und dran, die eigenen Dämonen zu besiegen. Die SGD erlebt zu dieser Zeit auf europäischer Bühne die erfolgreichste Saison ihrer Klubgeschichte. Auch in der Oberliga deutet sich ein Machtwechsel an. Seit Saisonbeginn führen die Dresdner die Tabelle an. Der BFC Dynamo, der Serienmeister aus der Hauptstadt, liegt abgeschlagen zurück. Mit der Erfolgssträhne des BFC war es in den vergangenen Jahren ein bisschen wie mit der Mauer. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, sie war alltäglich geworden. Dass die eine Gewissheit sich bald auflösen dürfte, sorgt zumindest unter Fußballfans für ein wenig Abwechslung. Mehr aber auch nicht. Selbst wenn der Meistertitel erstmals seit einer Dekade nicht mehr nach Ost-Berlin geht, darf der BFC dennoch auf eine Trophäe hoffen. Wie schon in der Vorsaison stehen die Berliner im Endspiel um den FDGB-Pokal, den von der Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB) gestifteten Wanderpokal. Es ist bereits ihr neuntes Finale. Gewinnen konnten sie den Pokal nur zweimal, zuletzt im vergangenen Jahr.

35.000 Zuschauerinnen und Zuschauer sind an diesem Frühlingstag ins Stadion der Weltjugend gekommen, um das Spiel zwischen dem Titelverteidiger und dem FC Karl-Marx-Stadt zu sehen. Der FCK steht zum dritten Mal im Finale, gewinnen konnte er es noch nie.

Aufseiten der Berliner hat ein Spieler besonderen Anteil am Finaleinzug – Andreas Thom. Der Stürmer steht geradezu symbolisch für den BFC in den späten Achtzigern. Angefangen hat alles in Herzfelde in der Gemeinde Rüdersdorf am östlichen Stadtrand Ost-Berlins. 1971, mit sechs Jahren und 1,28 Meter Körpergröße, hat Thom dort bei der TSG Herzfelde begonnen, Fußball zu spielen. Trotz seiner schmächtigen Statur setzte er sich durch, denn er hatte Talent. 1974, mit neun Jahren, kam er auf die Kinder- und Jugendsportschule in Ost-Berlin und in die Jugendabteilung des BFC Dynamo. Mit 13, 14 hat er sich gewünscht zu wachsen, da zählte er noch immer zu den Kleinen. Die Kleinen, das merkte er bald, können nicht darauf warten, dass sie das Schicksal eines Tages erhört und ihnen einen Wachstumsschub gibt. Sie müssen andere Wege suchen, müssen schlauer spielen als die Größeren, Stärkeren. Thom orientierte sich an anderen Spielern, die ebenfalls nicht groß sind. Wie Alain Giresse. Der Franzose misst gerade einmal 1,63 Meter und hat es dennoch auf einen EM-Titel, zwei WM-Halbfinals und mehr als 600 Ligaspiele gebracht.

Im Herbst 1983 hat Thom beim BFC in der Oberliga debütiert, kurz darauf schoss er auch schon sein erstes Tor. Im Frühjahr 1985 besuchte ein Fernsehteam der Sendung Fußball-Panorama den mittlerweile 19-Jährigen, der bereits sechs Länderspiele bestritten hatte, daheim in Herzfelde für ein Porträt. „Jung und erfolgreich“ hieß die Reihe. Die Kamera zeigte ihn mit Hansi auf dem Finger, seinem grüngelben Wellensittich, der 142 Worte beherrschen sollte. Ob „Tor“ und „Fußball“ dazu gehörten, wurde Thom gefragt. „Die hat ihm meine Mutter bisher noch nicht beigebracht.“ Hansi gab sich noch wortkarger als Thom, der in Interviews oft etwas mürrisch wirkt. Thom, das war schon damals klar, ist kein Mann großer Worte, dafür vieler und wichtiger Tore. Fünfmal hat er auf dem Weg ins Pokalendspiel 1989 getroffen.

Auf der anderen Seite fehlt an diesem Tag einer, der für den FCK ähnlich wichtig ist wie Thom für den BFC – Rico Steinmann. Sein Trainer Hans Meyer hält große Stücke auf den offensiven Mittelfeldspieler. Das sagt er dem jungen Steinmann auch gelegentlich, allerdings auf seine ganze eigene Weise: „Bist ein Guter, das weißte auch. Aber du kannst ein sehr Guter werden.“ Steinmann ist eines der vielversprechendsten Talente der späten Achtzigerjahre in der DDR. 1986 ist er mit der U18-Auswahl Europameister geworden, im Jahr darauf WM-Dritter mit der U20. Mit knapp 21 Jahren hat er bereits zehn Länderspiele absolviert und sich beim FC Karl-Marx-Stadt etabliert. Seine großen Ziele hat er dem DDR-Fernsehen im Herbst 1988 verraten – die Teilnahme an der WM 1990 und mit dem FCK im Europacup zu spielen. „In welchem Cup ist mir eigentlich egal“, sagte Steinmann. Dazu müsste der FCK am Ende der Saison nur unter die ersten drei der Oberliga kommen oder den Pokal holen.

Vielleicht wäre das Endspiel mit Steinmann anders verlaufen, aber an diesem Tag fehlt er verletzt. Seine Mitspieler können das nicht kompensieren, zudem flattern bei einigen die Nerven, wie Trainer Meyer anschließend bemängelt. Die Entscheidung fällt in der 57. Minute. Nach einem Konter über Libero Frank Rohde und Thomas Doll stürmt Thom allein aufs Tor zu, vor sich nur noch Jens Schmidt. Am herauseilenden FCK-Torwart schiebt er den Ball vorbei ins lange Eck und entscheidet damit das 38. Pokalfinale. Der wohl größte DDR-Fußballer seiner Zeit ist wieder einmal der spielbestimmende Mann gewesen.

Thoms Weg vom Berliner Stadtrand zum Leistungsträger beim „Stasiklub“ Dynamo scheint im Nachhinein fast vorgezeichnet, eine Karriere nach Plan. Im September 1985 wurde er Kandidat der SED. Beim BFC hat er offiziell den Rang eines Unterleutnants der Volkspolizei, ohne jedoch in diesem Beruf zum Einsatz zu kommen. 1988 war für ihn das erfolgreichste Jahr. Mit dem BFC ist er zum fünften Mal Meister geworden, er hat zudem den Pokal und damit das Double gewonnen. Mit 20 Treffern wurde Thom Torschützenkönig der Oberliga und anschließend zum Fußballer des Jahres gewählt. Er sei „im Umgang mit dem Ball wie ein Südeuropäer“, hieß es. Nun, mit knapp 24, ist Thom ein gestandener Spieler, mehrfacher Meister und Pokalsieger sowie 42-facher Nationalspieler. Was soll da noch kommen? In anderen sozialistischen Ländern stünde demnächst ein Wechsel ins kapitalistische Ausland an. Polnische Fußballer dürfen seit Mitte der Achtziger mit 28 Jahren gegen Devisen in den Westen gehen, ebenso Spieler aus Bulgarien, sofern sie mindestens 40 Länderspiele absolviert haben. Für Spieler aus der Tschechoslowakei liegt die Grenze bei 32 Jahren und mindestens 45 Länderspielen. In der DDR ist all das undenkbar. Wer so etwas befürwortet oder gar offen ausspricht, findet sich schnell im Abseits wieder, wie Thoms Mannschaftskollege Frank Rohde, der im Frühjahr 1989 im Kreis der Nationalelf gefordert hat, „die guten und sehr guten Spieler unserer Republik in den europäischen Spitzenklubs spielen zu lassen“, wenn der DDR-Fußball nicht den Anschluss verlieren wolle. Das Kapitel Nationalelf war für Rohde danach vorbei.

Der einzig legale Weg ins Ausland bleiben also vorerst Europacupspiele mit dem BFC oder Länderspielreisen mit der DFV-Auswahl. Doch diese Ausflüge dauern nur kurz; der BFC scheidet meist schon früh aus. Und für eine Weltmeisterschaft hat sich die DDR seit 15 Jahren nicht mehr qualifiziert. Jeder andere Weg hinaus hieße Flucht. Ein Spieler wie Thom ist beim BFC Dynamo und in der Auswahl mit Mitte 20 auf dem Zenit angelangt.

Ein Jahrzehnt lang hat der BFC Dynamo den Fußball der DDR dominiert, zehn Meisterschaften und zuletzt zweimal den Pokal in Folge gewonnen. Mit diesem Pokalsieg neigt sich die erfolgreichste Phase des Klubs aber dem Ende zu. Das 38. Pokalfinale der DDR bringt nicht nur den letzten großen Titelgewinn des BFC, es wird auch das letzte Endspiel an diesem Ort gewesen sein. Das „Wembley der DDR“ ist schon bald zu groß für das schrumpfende Land.