Der Glanz der Sehnsucht - Brenda Clarke - E-Book

Der Glanz der Sehnsucht E-Book

Brenda Clarke

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Beschreibung

Folge der Melodie deines Herzens: Der schicksalhafte England-Roman »Der Glanz der Sehnsucht« von Brenda Clarke jetzt als eBook bei dotbooks. Die Liebe geht verschlungene Wege … Schon seit sie denken kann, stand die junge Anne im Schatten ihrer älteren Schwester Imogen – ist nun ihre Zeit gekommen, um selbst zu glänzen? Die Töchter aus gutem Hause brennen beide mit voller Hingabe für die glanzvolle Welt des Theaters, eine Welt, die Licht und Schatten gleichermaßen in sich vereint: Hier lernt Anne den aufstrebenden Bühnenstar Chris kennen, der mit seiner charmanten Art ihr Herz erobert. Doch als er wie aus heiterem Himmel die Verlobung mit einer angesehenen Schauspielerin bekannt gibt, ist es für Anne, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Nur Imogen scheint ihr jetzt noch Trost und Zuversicht spenden zu können … doch können die Schwestern die Gräben zwischen ihnen überwinden? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die mitreißende Familiensaga »Der Glanz der Sehnsucht« von Brenda Clarke. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 583

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über dieses Buch:

Die Liebe geht verschlungene Wege … Schon seit sie denken kann, stand die junge Anne im Schatten ihrer älteren Schwester Imogen – ist nun ihre Zeit gekommen, um selbst zu glänzen? Die Töchter aus gutem Hause brennen beide mit voller Hingabe für die glanzvolle Welt des Theaters, eine Welt, die Licht und Schatten gleichermaßen in sich vereint: Hier lernt Anne den aufstrebenden Bühnenstar Chris kennen, der mit seiner charmanten Art ihr Herz erobert. Doch als er wie aus heiterem Himmel die Verlobung mit einer angesehenen Schauspielerin bekannt gibt, ist es für Anne, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Nur Imogen scheint ihr jetzt noch Trost und Zuversicht spenden zu können … doch können die Schwestern die Gräben zwischen ihnen überwinden?

Über die Autorin:

Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben.

Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, und »Der Himmel über Glastonbury«.

***

eBook-Neuausgabe Dezember 2022

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1993 unter dem Originaltitel »A Durable Fire« bei Bantam Press, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Beständiges Feuer« bei Knaur.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1993 by Brenda Clarke

Published by Arrangement with Brenda Clarke

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1995 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)

ISBN 978-3-98690-564-4

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Brenda Clarke

Der Glanz der Sehnsucht

Roman

Aus dem Englischen von Ulrich Rutzenhöfer

dotbooks.

Doch Liebe, beständiges Feuer,

das ewig brennt,

nie schwach, nie alt, nie tot

ein Erlöschen nicht kennt.

(Sir Walter Raleigh, 1552–1618)

TEIL EINS

1971–1975

Erstes Kapitel

»Oma! Bist du da? Kann ich reinkommen?«

»Aber sicher, Liebes. Ich bin hier drin. Du weißt doch, daß du jederzeit willkommen bist.«

Felicity Bryce saß in ihrem Wohnzimmer vor einem Stickrahmen. Hinter ihr konnte man durch das große Panoramafenster der Dachwohnung die Dächer von Clifton erkennen, deren Umrisse sich vor dem strahlendblauen Augusthimmel deutlich abhoben. Sie hörte auf, aus einem Bündel bunter Wollfäden, die über der Lehne ihres Sessels hingen, den gewünschten herauszusuchen, und blickte lächelnd hoch, als ihre jüngste Enkelin ins Zimmer kam. Felicity war sich völlig darüber im klaren, daß es falsch war, ein Lieblingskind zu haben. Deshalb gab sie sich auch alle Mühe zu verbergen, daß sie Anne ihrer älteren Schwester Imogen vorzog. Es blieb nur einfach dabei, so verteidigte Felicity ihre Neigung vor sich selbst, daß Anne ihr sehr ähnlich war; sie paßten zueinander, hatten beide Interesse am Schneidern, an Stickereien und an Mode im allgemeinen; auch bei Büchern und Theaterstücken hatten sie den gleichen Geschmack. Die vierzehnjährige Imogen dagegen glich eher ihrer Mutter, Felicitys Tochter Barbara. Barbara war das einzige Kind von Felicity und Vincent, da Felicity zu ihrem großen Bedauern keine weiteren Kinder hatte bekommen können. Wie immer, wenn sie an Vincent dachte, blickte Felicity automatisch zu dem Foto in dem Silberrahmen, das den Ehrenplatz auf dem Regal über dem Kamin einnahm. Selbst jetzt, nach all dieser Zeit, vermißte sie ihn ebenso wie die fünfunddreißig Jahre, die sie glücklich miteinander verbracht hatten. Zu den Dingen, die Felicity am meisten bedauerte, gehörte es, daß Anne ihren Großvater nie gekannt hatte, da sie erst vier Monate nach seinem Tod zur Welt gekommen war.

»Hast du denn schon alles gepackt, und bist du abfahrbereit?« fragte Felicity, als Anne ihr einen Kuß gab.

Anne hockte sich zu ihrer Großmutter auf die noch freie Lehne des Sessels und kicherte. »Bin ich. Aber ob Mama und Im soweit sind, weiß ich nicht.«

Felicity runzelte tadelnd die Stirn. »Ich wünschte, du würdest die Namen nicht immer so abkürzen, Liebes. Es klingt, als ob du zu mundfaul wärst.«

Sie seufzte. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum die zwei immer so lange brauchen. Sie haben beide kein Gespür dafür, sich anzuziehen. Wenn sie nach dem Zufallsprinzip irgend etwas in den Koffer werfen würden, käme auch nichts anderes dabei raus. Wann kommt das Taxi?«

»Ich glaube, es ist für halb zwei bestellt. Wir wollen früh zu Mittag essen und dann den Zug viertel nach zwei von Temple Meads aus nehmen. Kommst du alleine zurecht, Oma, wenn wir weg sind?«

Felicity lachte. »Mein liebes Kind, ich bin noch nicht senil. Schließlich bin ich erst dreiundsechzig und durchaus in der Lage, mich alleine in einem Haus zurechtzufinden. Außerdem fahrt ihr doch jedes Jahr im August nach London, um die Haldanes zu besuchen. Wie, denkst du, habe ich wohl die letzten sechs Jahre überlebt? Und wie habe ich es davor geschafft, als ich noch ganz alleine gewohnt habe?«

Anne umarmte ihre Großmutter. »Ich weiß. Dumm von mir. Ich mach’ mir nur Sorgen um dich, das ist alles.«

»Weiß ich.« Felicitys Augen waren ein wenig verschleiert, als sie ihrer Enkelin den Arm tätschelte. »Und denk nicht, daß ich es nicht zu schätzen weiß. Es bedeutet mir viel, sehr viel. Aber deine Mutter wird sowieso in zwei Wochen wieder zurück sein. Sie fährt ja nicht mit euch und den Haldanes nach Devon.«

»Macht sie doch nie. Sie behauptet, daß sie maximal zwei Wochen von der Kanzlei wegbleiben kann.«

Felicity stieß einen weiteren Seufzer aus, diesmal jedoch nur im Spaß. »Oje, das harte Los der Anwälte!« Mit normaler Stimme fügte sie dann hinzu: »Tja, sie hat sich diesen Beruf selbst ausgesucht. Anwältin zu sein war schon immer ihr sehnlichster Wunsch gewesen.«

Sie hatte es mehr gewollt als eine Heirat, mehr als Kinder; aber Felicity war klug genug, diese Gedanken für sich zu behalten. Trotzdem konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Barbara über Kenneth Seymours frühen Tod vor acht Jahren – Anne war damals knapp drei Jahre alt gewesen – insgeheim erleichtert war. Barbara war nie der Typ zum Heiraten gewesen, und deshalb hatte es Felicity wie aus heiterem Himmel getroffen, als sie plötzlich ihre Verlobung mit einem Anwaltskollegen bekanntgegeben hatte. Barbara und Kenneth heirateten im März 1954. Imogen wurde zweieinhalb Jahre später geboren. Felicity vermutete, daß es schon damals um die Ehe nicht mehr zum besten stand, doch hatten sich die beiden wieder zusammengerauft. Eine Scheidung war unüblich und mehr noch als heute ein Eingeständnis von Versagen. Sie bekamen noch ein Kind, dem Himmel sei Dank dafür! Felicity konnte sich ein Leben ohne Anne nicht vorstellen. Aber sie persönlich zweifelte nicht im geringsten daran, daß Barbaras Trauer nur sehr oberflächlich gewesen war, als Kenneth zusammenbrach und 1963 kurz vor Weihnachten plötzlich an einer Gehirnblutung starb. Barbara hatte keinerlei Schwierigkeiten gehabt, ihr Leben als Single wieder aufzunehmen, obwohl sie zwei kleine Kinder zu versorgen hatte. Ein paar Jahre später hatte sie vorgeschlagen, das Dachgeschoß des viktorianischen Hauses in der College Lane 4 in eine Einliegerwohnung umzuwandeln, in die dann Felicity einziehen sollte.

»Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist das nur vernünftig«, hatte sie in der ihr eigenen direkten und humorlosen Art gesagt, »und mich wird es beruhigen zu wissen, daß jemand zu Hause ist, wenn die Mädchen abends aus der Schule kommen, vor allem, wenn ich noch bis spät in die Nacht arbeiten muß.«

Felicity hatte die Neigung verspürt, ihrer Tochter diese Selbstbezogenheit übelzunehmen, aber sie war dann doch eingezogen und hatte die Entscheidung nicht bereut. Ansonsten hätte sie ihre geliebte jüngere Enkelin nie so gut kennengelernt.

»Stell dich dahin und laß dich anschauen«, befahl sie.

Anne gehorchte, rutschte von der Stuhllehne und drehte sich vor ihrer Großmutter im Kreis. Ihr glänzendes, glattes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und die sanften grauen Augen – das Auffallendste an dem kleinen, herzförmigen Gesicht – blitzen vor Lebensfreude unter den etwas dunkleren goldbraunen Bögen ihrer Augenbrauen hervor. Der kindlich schmale Körper sah zerbrechlich aus, und Annes bleiche Gesichtsfarbe erweckte den Eindruck einer schwachen Konstitution. Doch Felicity wußte es besser. Anne war kräftig wie ein junges Pferd, sowohl in geistiger als auch körperlicher Hinsicht. Sie war viel besser ausgerüstet, mit den Unwägbarkeiten des Lebens fertigzuwerden, als ihre ältere Schwester. Imogen war zum Opfer bestimmt, das hatte ihre Großmutter längst erkannt. Dagegen gab es nichts, was Anne unterkriegen konnte. Anne würde es nicht zulassen. Sie hatte Kampfgeist.

Felicity betrachtete ihre Enkelin mit kritischen Augen. »Das ist ein hübsches Kleid«, sagte sie nach einer Weile voller Anerkennung. »Dieser gedeckte Orangeton verleiht deiner Haut etwas mehr Farbe. Ich bin sicher, du hast bei der Auswahl deine Hand im Spiel gehabt, denn deine gute Mutter hätte niemals so viel Geschmack bewiesen.« Sie spitzte ihren Mund. »Trotzdem fehlt noch etwas, um dieses durchgängige Orange aufzulockern. Ich hab’s. Bin gleich wieder da.«

Felicity verschwand in ihr Schlafzimmer und kam kurz darauf mit einem kleinen Leinentaschentuch zurück. Es war salbeigrün. »Steck das in deine Brusttasche«, forderte sie Anne auf. »Ja. So ist es gut.« Sie zog ein Band hervor, das fast die gleiche Farbe hatte. »Nimm das für deine Haare, statt dieses schrecklichen Gummis mit den Plastikkugeln. Zeig her. Wunderbar! Jetzt siehst du wirklich schick aus, gerade richtig für die Gesellschaft eines unserer herausragendsten und jetzt auch noch in den Adelsstand erhobenen Schauspielers.«

»Meinst du Onkel Cliff? Es klingt lustig, wenn du so über ihn redest. Aber egal.« Anne kam wieder zum Sessel ihrer Großmutter zurück und setzte sich auf die Lehne. »Mama behauptet, Tante Pen ist als Schriftstellerin genauso berühmt wie Onkel Cliff als Schauspieler. Sogar noch berühmter, weil Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihre Bücher lesen, aber nicht so viele ins Theater gehen. Aber wahrscheinlich sehen die dann Onkel Cliffs Filme.«

Felicity schaute auf ihre Nasenspitze herunter. Sie ignorierte Annes letzten Satz und erwiderte: »Um so schlimmer, vor allem wenn man bedenkt, was für Bücher Penelope heutzutage schreibt. Ich würde«, so fügte sie nachdrücklich hinzu, »nicht ein einziges ihrer Bücher in meinem Haus dulden.«

Anne war fasziniert. »Warum nicht? Mary James aus meiner Schule sagt, daß ihre Mutter gesagt hat, es sei nichts als Porno oder so. Aber Melissa Tate hat erzählt, daß ihre Mutter sich immer sofort für den neuesten Band in der Stadtbücherei vormerken läßt, gleich wenn er erschienen ist.«

»Mmmm. Nun ja, ich kann dazu nur sagen, daß Mrs. James mehr Geschmack und Diskretion beweist als Mrs. Tate. Aber es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Ich bin jedenfalls sicher, daß das nächste Buch – es muß demnächst herauskommen – wieder alle Bestsellerlisten anführen wird. Genau wie die letzten drei.« Da schoß ein anderer Gedanke durch Felicitys Kopf. »Liest Barbara das Zeug etwa?«

Anne schüttelte den Kopf. »Mama liest keine Romane. Das weißt du doch. Sie kann Literatur nicht ausstehen. Tante Pen und sie sind sich wirklich nicht sehr ähnlich, findest du nicht auch? Ich habe mich schon oft gefragt, wie sie dann so dicke Freundinnen werden konnten.«

Felicity wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Stickerei zu, suchte einen purpurroten Faden aus dem Bündel, das neben ihr lag, und zog ihn durch die Nadel.

»Da bist du nicht die einzige, Liebes«, sagte sie und lehnte sich nach vorne, um in den Stoff zu stechen. »Es ist wohl eine dieser unerklärlichen Anziehungskräfte. Sie sind sich in der Schule begegnet und sind seitdem die besten Freundinnen. Vielleicht weil sie sich gegenseitig ergänzen; Penelope ist so extrovertiert und deine Mutter so zurückhaltend.« Felicity blickte nachdenklich auf den Stich, den sie gerade gemacht hatte und der sich wie ein Blutstropfen von dem dunklen Hintergrund abhob. »Und einige wenige Dinge haben sie ja auch gemeinsam. Sie sind beide verrückt nach Kricket, was ja die Schulsportart schlechthin ist, nicht etwa Tennis. Aber das wirst du, wenn du aufs Gymnasium kommst, alles selbst herausfinden. Obwohl deine Mutter heute keine Romane mehr liest, hat sie es doch getan, als sie noch jünger war. Außerdem haben Penelope und sie den gleichen Humor, den zufälligerweise du von Barbara geerbt hast. Sie und Penelope konnten sich stundenlang vor Lachen kugeln, wenn sie Romane wie Eine Kugel im Ballett gelesen haben. Das ist natürlich ein weiteres gemeinsames Hobby: Ballett. Siehst du, sie sind doch nicht so verschieden, wie es auf den ersten Blick aussieht.«

»Nein, wahrscheinlich nicht.« Anne schwang eines ihrer dünnen braunen Beine hin und her. »Egal. Wenn ich älter bin, lese ich jedenfalls Tante Pens Bücher. Mama sagt, daß Tante Pen sie nur wegen des Geldes schreibt. Sie sagt, Tante Pen behauptet, daß sie viele Jahre damit verbracht hat, erstklassige historische Romane zu schreiben, damit aber nur ein Taschengeld verdient hat; jetzt, wo es modern ist, dieses Zeug zu schreiben, sieht Tante Pen keinen Grund, warum sie nicht auch etwas davon haben sollte. Und Mama gibt ihr recht.«

»Tatsächlich?« erwiderte Felicity trocken. »Ich hätte gedacht, daß die Frau von Sir Clifford Haldane sich um so etwas wie Geld nicht zu kümmern bräuchte; aber man weiß wahrscheinlich nie so genau, in was für Verhältnissen andere Leute wirklich leben. Die Schauspielerei ist schon immer ein unsicheres Feld gewesen. Clifford Haldane hat außerordentliches Glück gehabt. Als er noch an der Bristol Old Vic studiert hat, hätte ihm wohl niemand von uns einen solchen Ruhm und so ein Vermögen vorhergesagt.«

Eine Stimme erhob sich in der kleinen Diele der Wohnung.

»Mutter! Ist Anne oben bei dir?«

»Ja, hier bei mir im Wohnzimmer«, gab Felicity zurück, und einen Augenblick später erschien Barbara, gefolgt von Imogen.

Beim Anblick ihrer Tochter zuckte Felicity zusammen. »Liebes, nein!« rief sie. »Um alles in der Welt nicht eine blauweiß getupfte Bluse zu einem grün und braun gemusterten Rock. Was ist denn mit der flotten hellbraunen Jacke und dem ärmellosen grünen Top, das ich dir gekauft habe?«

Barbara sah leicht verärgert aus. »Keine Ahnung. Ich habe es wahrscheinlich eingepackt. Wir fahren doch nur nach Paddington und gehen nicht zu einer Gartenparty der königlichen Familie. Du legst vielzu viel Wert auf das Aussehen, Mutter, und auch Anne setzt du solche Flausen in den Kopf. Gott sei Dank ist Imogen eher wie ich.« Sie linderte ihre Worte, indem sie sich vornüberbeugte und Felicity einen liebevollen Kuß gab, fuhr dann aber in dem gleichen gereizten Ton fort: »Warum, um alles in der Welt, habe ich mich dazu überreden lassen, ihr einen solchen Namen zu geben? Wessen Vorschlag war das bloß?«

»Meiner nicht.« Felicity wies mit ausgestreckter Hand jede Schuld von sich. »Wenn ich mich recht entsinne, spielte Clifford zu der Zeit gerade in dem Shakespeare-Drama Cymbeline. Kenneth und du, ihr seid in die Vorstellung gegangen, während du schwanger warst, und dir hat der Name gefallen.«

»Ich muß verrückt gewesen sein«, sagte Barbara mit Nachdruck. »Er erinnert mich immer an dieses gräßliche Buch Was Katy tat. Sie hatte so eine vornehme Freundin, die Imogen hieß und die immer zum Tee kam.«

Imogen, die ihrer Großmutter pflichtbewußt einen Kuß gegeben und sich dann in den zweiten Sessel geworfen hatte, äußerte sich völlig unerwartet: »Mir gefällt er. Der Name ist ungewöhnlich und auf jeden Fall besser als nur einfach Anne.«

Die beiden Schwestern sahen sich sehr ähnlich. Sie hatten beide blonde Haare, die gleichen zartknochigen Gesichter und Körper wie junge Fohlen. Das einzige Unterscheidungsmerkmal war die Augenfarbe. Imogen hatte blaue Augen, wie ihre Mutter. Sie wurde in ein paar Monaten fünfzehn und zeigte auch schon die ersten Anzeichen weiblicher Reife. Unter ihrem hellblauen Baumwollkleid zeichnete sich der Ansatz ihrer jugendlichen Brüste weich ab. Trotz ihres momentanen Ausbruchs mochte sie ihre jüngere Schwester eigentlich sehr gern. Sie waren vier Jahre auseinander, hatten aber – einer dieser Zufälle, die sich in manchen Familien von Zeit zu Zeit ereignen – das gleiche Geburtsdatum, den 18. Oktober. Das hatte die Schwestern enger miteinander verbunden, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre.

Anne zeigte diese innige Bindung gerade, indem sie keinen Anstoß an Imogens Worten nahm, sondern Imogen einfach nur liebevoll anlächelte. Reuig stand ihre Schwester auf und umarmte sie.

»Tut mir leid, hab’s nicht so gemeint«, entschuldigte sie sich mit einem verlegenen Lächeln. Als sie Felicitys Blick bemerkte, sagte sie schnell: »Fahr mich nicht an, Oma. Ich seh’ schon an deinem Blick, daß dir mein Kleid nicht gefällt.«

»Es ist nicht das Kleid«, gab Felicity zurück, »sondern die weißen Lackschuhe und diese Handtasche. Weißes Lackleder sieht so gewöhnlich aus.«

Da griff Barbara ein. »Los, Mädchen. Wenn wir noch irgend etwas zu Mittag essen wollen, bevor das Taxi kommt, dann müssen wir uns beeilen. Mutter, wenn ich keine Zeit mehr haben sollte, um noch mal raufzukommen und dir vor der Abfahrt auf Wiedersehn zu sagen, paß gut auf dich auf, und wir seh’n uns dann in zwei Wochen wieder. Wenn es irgendwelche Probleme gibt, hast du ja Penelopes neue Telefonnummer. Ich hab’ sie dir kürzlich gegeben.«

»Ach ja. Gut, daß du mich daran erinnert hast. Ich hätte es sonst vergessen. Das neue Haus in St. John’s Wood. Clifford muß an seinem letzten Film ziemlich gut verdient haben. Du mußt mir genau davon berichten, wenn du wieder zurück bist.«

Barbara beugte sich herab und küßte ihre Mutter zum Abschied. »Bei drei Jungs hatten sie wohl das Bedürfnis nach etwas mehr Platz«, murmelte sie vage. »Außerdem«, fügte sie etwas forscher hinzu, »ist es sehr praktisch für die Kricketspiele der Lords.«

Felicity schüttelte den Kopf und lächelte wehmütig. »Selbst wenn ich hundert Jahre alt werden würde«, sagte sie, »würde ich trotzdem deine und Penelopes Leidenschaft für Kricket niemals verstehen. Für mich ist es das langweiligste Spiel auf der ganzen Welt.«

»Das ist ein verdammt langweiliges Stück«, sagte Christopher Haldane und blickte von dem Manuskript, das er gerade las, auf, »und es wird ein sagenhafter Flop.«

Sein Bruder Timothy, vier Jahre jünger, aber genauso groß, blond und gutaussehend, gähnte mitfühlend. »Warum hast du dann angenommen? Warte doch, bis sich was anderes ergibt.«

Chris, der ausgestreckt auf dem Lieblingssofa seiner Mutter gelegen hatte, schwang die Beine auf den Boden und versuchte vergeblich, den Fleck, den seine Schuhe zurückgelassen hatten, zu entfernen.

»Du hast gut reden«, erwiderte er. »Du kannst drei glückliche Jahre im Elfenbeinturm der Universität verträumen. Aber ich bin wieder auf dem Boden der Realität, noch dazu mit einem nur bescheidenen Abschluß in der Tasche, und muß meinen eigenen Weg finden. Wenn ich Schauspieler werden will – und das war schließlich schon immer mein Wunsch –, dann muß ich es ohne Vaters Hilfe schaffen. Gute Rollen wachsen nicht auf Bäumen, noch nicht einmal solche Rollen wie die hier. Ich habe sogar den Verdacht, daß ich selbst diese Rolle hier auch nur wegen meines Namens bekommen habe.«

»Eine der Strafen, wenn man einen berühmten Vater hat.« Tim gähnte wieder. »Wenn das eine Strafe ist, dann bin ich jedenfalls entschlossen, mich dadurch nicht behindern zu lassen.«

Sein Bruder versuchte nochmals erfolglos, den anstößigen Fleck wegzurubbeln, gab dann aber den hoffnungslosen Kampf auf. Er würde wohl den Zorn seiner Mutter über sich ergehen lassen müssen. »Du willst also immer noch zum Theater?« fragte er.

»Natürlich.« Tim wirkte beleidigt. »Wenn du das kannst, warum soll ich es nicht auch können? Vielleicht wird aus uns eine neue Schauspielerdynastie wie die Redgraves oder die Millses.«

Chris lachte leise. »Aber ohne Richard! Der ist fest entschlossen, Tierarzt zu werden.«

»Erinnere mich bloß nicht daran!« Timothy stand von seinem Platz auf, schlenderte zum offenen Fenster und schaute auf die ruhige Allee hinunter. Das geschäftige Brummen des Verkehrs auf der Hauptstraße von St. John’s Wood war in der Ferne zu hören. »Das gehört zu den Vorteilen dieses Umzugs. Rich hat das ganze Dachgeschoß für sich und kann dort all seine aufgelesenen Vögel und sonstigen Tiere, vor allem diese ekelhaften Insekten, unterbringen. Ich frage mich des öfteren«, fügte er hinzu, ohne etwas dabei zu denken, »ob Mama Vater bei Richard hereingelegt hat. Ich meine, er ist so ganz anders als wir. Klein und dunkel, während wir groß und blond sind. Und er hat keinerlei schauspielerische Ambitionen.«

»Laß dich nicht durch Mutters Bücher irreführen«, antwortete Chris lachend. »In Wirklichkeit ist sie ganz schön prüde.«

»Glaubst du, ich weiß das nicht?« Tim drehte sich wieder vom Fenster weg. »Ich hab’ nur Spaß gemacht. Nein, bei Richard schlägt Mamas Verwandtschaft mütterlicherseits durch. Ich habe Fotos von ihnen gesehen.« Er warf sich wieder in seinen Sessel. »Mensch, ist das langweilig. Warum müssen wir nur hierbleiben, um Barbara und die Mädchen willkommen zu heißen? Seit ich mich erinnern kann, sehen wir sie doch drei- bis viermal im Jahr. Warum müssen wir gerade heute so förmlich sein? Ich hatte außerdem eine Verabredung«, fügte er gereizt hinzu. »Ich bin achtzehn und du bist einundzwanzig. Warum lassen wir uns nur so bevormunden?«

»Weil wir zur Zeit beide auf die Großzügigkeit unserer Eltern angewiesen sind«, gab Chris zu bedenken, »deshalb ist es nicht nur höflich, sondern auch klug, das zu tun, was sie von uns verlangen. Außerdem waren Barbara und die Mädchen bisher noch nicht in diesem Haus. Mutter hat wohl Gründe, die sie selbst am besten versteht, warum es schön wäre, wenn wir bei ihrer Rückkehr vom Bahnhof alle hier sind. Was mich gerade daran erinnert, daß einer von uns beiden sich jetzt besser daran macht, Richard von seinem Speicher loszueisen. Wenn du mit der Person verabredet warst, an die ich denke, dann war es sicher gut so. Die Eltern würden es sicherlich nicht gutheißen, wenn du eine ... hm ... Beziehung zu Sylvia Gibson hättest.«

Tim zuckte schuldbewußt mit den Schultern. »Sie ist eine verdammt gute Schauspielerin«, sagte er.

»Was hat das denn damit zu tun?« lachte Chris. »Sie wird dir wohl kaum Schauspielunterricht geben, wenn ihr allein seid, nehme ich mal an. Der springende Punkt ist doch, daß sie zwölf Jahre älter ist als du und daß sie, obwohl sie nie verheiratet war, mit verschiedenen Männern zusammengelebt hat. Mutter hat möglicherweise nichts gegen sie als Bekannte einzuwenden, aber als zukünftige Schwiegertochter ...« Er ließ den Satz unvollendet.

»Mein Leben gehört mir«, verteidigte sich sein Bruder fauchend. »Ich mache damit, was ich will. Und überhaupt, welches Recht hat Mama, so selbstgerecht zu sein, wenn man bedenkt, was für Bücher sie schreibt?«

Chris hatte auf einmal keine Lust mehr, die Diskussion fortzusetzen. Wenn er ehrlich war, nahm er es seiner Mutter auch etwas übel, daß sie ihn gezwungen hatte, an diesem schönen Sommernachmittag zu Hause zu bleiben, nur um Besucher willkommen zu heißen, die ohnehin ein so fester Bestandteil seines Lebens waren, daß er ihnen gegenüber schon lange jede Formalität aufgegeben hatte. Imogen und Anne waren wie die Schwestern, die sie nie gehabt hatten, und Barbara redete er schon seit Jahren nicht mehr mit der Höflichkeitsform Tante an. Er behandelte sie jetzt mit der ungezwungenen Vertrautheit, die man einer alten Bekannten entgegenbrachte. Aber er war weniger selbstbezogen als Tim und sensibler für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen. Deshalb hatte er bemerkt, wie wichtig es für seine Mutter war, bei der Begrüßung der Seymours im neuen Haus die ganze Familie dabeizuhaben. Für Penelope war das Haus sowohl Zeichen ihres eigenen neuerlichen Erfolges als auch Ausdruck von Cliffords Aufstieg zu Ruhm und Ehren – ein Aufstieg, der vor drei Jahren mit seiner Erhebung in den Ritterstand gekrönt worden war. Penelopes plötzliches Bedürfnis, ihre Bücher in einem eigenen Arbeitszimmer zu schreiben und nicht mehr, wie sie es zuvor getan hatte, am Küchen- oder Eßtisch, hatte letztendlich den Anstoß gegeben, von dem Haus in Pimlico, wo sie und Clifford den größten Teil ihrer Londoner Zeit verbracht hatten, in dieses größere und wesentlich geräumigere Haus etwas außerhalb, in St. John’s Wood, umzuziehen.

Es war schon drei Jahre her, daß Penelope Fallon – für geschäftliche Dinge benutzte sie immer ihren Mädchennamen – den bewußten Entschluß gefaßt hatte, von der Aufhebung der Zensur und anderer Auflagen, einem Vermächtnis der sechziger Jahre, zu profitieren. Wenn andere Schriftsteller mit erotischen Romanen Geld machen konnten, warum sollte ihr das dann nicht auch gelingen? Sie verstand etwas von ihrem Handwerk, und sie zweifelte nicht daran, daß sie ähnlichen Erfolg haben würde, wenn sie ihre natürlichen Hemmungen überwand. Ihre Erwartungen waren nicht enttäuscht worden. Mit der aktiven Unterstützung und Ermunterung ihrer Verlegerin und Freundin Irene Woodhouse hatte sie vor zwei Jahren Verlangen veröffentlicht, nach dem Klappentext ein Roman voller Lust und Leidenschaft, der sofort die Spitze der Bestsellerliste erklommen hatte. Die Tatsache, daß sie die Ehefrau von Sir Clifford Haldane war, hatte ihr nicht geschadet, sondern den zahlreichen Interviews, um die sie sowohl die Boulevardpresse als auch das Fernsehen baten, noch das gewisse Etwas gegeben. Allerdings war sie als Interviewpartnerin kein berauschender Erfolg gewesen. Trotz ihrer aufgeschlossenen Persönlichkeit und ihrer Bereitwilligkeit, alle Fragen offen und freimütig zu beantworten, hatte man nichts über ihr Privatleben herausfinden können – außer, daß sie eine glückliche und rechtmäßig verheiratete Ehefrau war, die es bei weitem vorzog, über die Erfolge ihres berühmten Ehemannes und über ihre drei Söhne zu plaudern, als ihr Buch zu diskutieren, das sie – was sie auch offen zugab – nur wegen des Geldes geschrieben hatte. Es wurde außerdem deutlich, daß ihr Herz immer noch an ihren früheren Romanen hing; und statt kundzutun, wie ihr die Ideen zu den erotischen Episoden in Verlangen gekommen waren, hatte sie die nervenzermürbende Angewohnheit – zumindest aus der Perspektive der Interviewer –, zu Themen abzuschweifen wie »Welche historische Wahrheit verbirgt sich hinter Figuren wie Macbeth und Richard III., und welche Unterschiede ergeben sich im Vergleich zu Shakespeares Interpretation?«

Zwei weitere Bücher, Den Mond im Steinbock und Der Rokoko-Garten, waren in schneller Folge erschienen. Ein viertes Buch mit dem Titel Weggeworfene Rosen – ein Zitat aus einem Gedicht von Ernest Dowson – sollte im September herauskommen. Ein Stapel Vorabdrucke war mit der Morgenpost gekommen, und Mrs. Clennan, die Haushaltshilfe, hatte sie in den ersten Stock gebracht und neben dem Kaffeetisch in eine Ecke gestellt. Chris bemerkte sie jetzt zum ersten Mal, und während er aufstand und hinüberschlurfte, um sich ein Exemplar zu nehmen und den Einband zu betrachten, sagte er: »Wenn es jemanden gibt, der den Fehler vermeiden sollte, Mama mit Penelope Fallon, der Verfasserin von schwülstiger Literatur, zu verwechseln, dann sind wir das. Mama fände das sicher völlig in Ordnung, wenn du mit Sylvia Gibson auf den Seiten ihrer Romane ins Bett hüpfen würdest, aber im echten Leben wird sie dir die Hölle heiß machen.«

»Glaubst du, ich weiß das nicht?« fragte Tim gereizt zurück.

»Das macht es ja gerade so heuchlerisch. Was soll’s«, fügte er hastig hinzu, bevor ihm sein Bruder widersprechen konnte, »Sylvia und ich hüpfen nicht miteinander ins Bett, leider. Sie ist genauso empfindlich in bezug auf den Altersunterschied wie Mutter. Redet dauernd von Verführung Minderjähriger. Heutzutage und in unserem Jahrhundert so etwas Dämliches von sich zu geben.«

»Finde ich nicht. Sie ist eine Kollegin von Vater. Sie haben schon mehrmals zusammen auf der Bühne gestanden. Ich kenne sie nicht persönlich, aber es klingt so, als sei sie ganz vernünftig. Du wirst sie vergessen, wenn du erst ein oder zwei Monate in Oxford bist.« Chris hatte, während er sprach, gedankenlos in Weggeworfene Rosen geblättert und brach plötzlich in hemmungsloses Gelächter aus. »Mein Gott! Das mußt du lesen, auf Seite neunundvierzig.« Er schwankte zu einem Sessel, setzte sich hin und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. »Das ist in der Praxis einfach nicht durchführbar!« Und er bekam wieder einen Lachkrampf.

Tim kam voller Neugier herüber und schnappte sich das Buch aus der kraftlos herunterhängenden Hand seines Bruders. Seine Augen wanderten die eng gedruckten Zeilen entlang, bis sie sich plötzlich vor Unglauben weiteten und innehielten. »Meinst du das da mit den Vanilletörtchen?« fragte er unsicher, bevor auch er vom Lachen überwältigt wurde. »Meinst du«, japste er, als er endlich wieder zu Atem kam, »Mama weiß, wovon sie spricht? Ich meine, glaubst du, daß sie und unser alter Herr jemals ...?« Die Worte versagten ihm, als die derart heraufbeschworenen Bilder beide Brüder außerstande setzten, noch einen zusammenhängenden Satz von sich zu geben.

Noch während sie in diesem fast hysterischen Zustand waren und sich hilflos vor Lachen im Zimmer kugelten, ging die Tür des Wohnzimmers auf, und ihre Eltern kamen herein, dicht gefolgt von Barbara Seymour, Imogen und Anne.

Zweites Kapitel

Als sie vor zwanzig Minuten im Bahnhof Paddington eingefahren waren, war Barbara Seymour überrascht und insgeheim auch ziemlich geschmeichelt gewesen, als sie gesehen hatte, daß sowohl Penelope als auch Clifford Haldane am anderen Ende des Bahnsteigs auf sie warteten. Menschen eilten an den beiden vorbei und drehten sich nach Clifford um, offenbar im Bewußtsein, dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben, ohne allerdings einen konkreten Namen damit zu verbinden. Einige wenige erkannten ihn sofort und schenkten ihm ein zögerndes Lächeln, nicht sicher, wie er ihre Bewunderung aufnehmen würde. Am Ende sagte niemand etwas, doch erwiderte er ein oder zwei schüchterne Grüße mit einem liebenswürdigen Nicken seines eindrucksvollen Kopfes.

Barbara war sich nie so ganz sicher, wie sie zu dem Ehemann ihrer besten Freundin stand. In den Tagen, als er noch Schauspielstudent an der Theaterschule Old Vic in Bristol gewesen war, ein Jahr nach ihrer Gründung 1946, und Penelope eine Beziehung zu ihm angefangen hatte, hatte Barbara ihn überhaupt nicht gemocht. Oder vielleicht war es fairer zu sagen, daß sie wegen seines ausnehmend guten Aussehens und seines an Arroganz grenzenden Selbstbewußtseins gegen ihn eingenommen war. Auf jeden Fall war er nicht der Mann, der sie beeindruckt hätte. Sie hatte ihr ganzes Leben lang nichts für den heroischen Typ übrig gehabt. Sonst hätte sie wohl niemals Kenneth Seymour geheiratet.

Aber mit der Zeit lernte sie Clifford Haldane besser kennen und merkte, daß unter seiner Arroganz ein gewisser Spott gegenüber der eigenen Person verborgen war. Zusammen mit der für Schauspieler typischen Unsicherheit und den dazugehörigen Selbstzweifeln machte ihn das zu einem viel liebenswerteren Menschen, als sie es sich zuerst hatte vorstellen können. Während sie ihn beobachtete, wie er zur Begrüßung auf sie zukam, überlegte sie sich, ob es sein Erfolg war, der sie störte; oder dieses Gefühl, sich durch seine Aufmerksamkeit geschmeichelt zu fühlen. Sie erinnerte sich daran, wie sie vor einigen Jahren wegen einer kleineren Operation im Krankenhaus gewesen war und beobachtet hatte, wie eine der Stationsschwestern, eine kluge, intelligente Frau und zugleich eine ausgezeichnete und kompetente Schwester, sich verzweifelt bemüht hatte, nicht unterwürfig und übermäßig beeindruckt zu wirken, wenn der Oberarzt seine Runde machte. Aber dieser Versuch war fehlgeschlagen, weil der Mann es als Selbstverständlichkeit angesehen hatte, mit der gleichen Achtung und Ehrfurcht behandelt zu werden, wie sie ihm auch sonst von jedem entgegengebracht wurde. So ähnlich fühlte sich Barbara in bezug auf Clifford.

Sie hörte sich mit schwärmerischer Stimme sagen: »Cliff! Wie schön von dir, daß du gekommen bist. Du hast bestimmt schrecklich viel zu tun.«

»Im Augenblick mache ich eine Pause, Babs. Es freut mich, dir zu Diensten zu sein.« Der tiefe und bestimmte Ton seiner Stimme, der selbst bei leisestem Flüstern garantiert die letzten Reihen des größten Theaters erreichte, ließ wieder ein paar Leute den Kopf herumdrehen; zwei Frauen, die gerade vorbeigingen, stießen sich gegenseitig in die Seite. Clifford wandte sich Anne und Imogen zu: »Na, ihr beiden Mädchen. Kriegt euer armer alter Onkel Cliff keinen Kuß mehr?«

Imogen hielt sich scheu im Hintergrund, bot ihm dann aber doch die Lippen für ein spitzes Küßchen und verschwand schnell wieder. Anne dagegen warf die Arme um seinen Hals und küßte ihn mit uneingeschränkter Zuneigung. Sie wußte, daß er berühmt war, doch hatte sie deswegen nie Hemmungen gehabt. Für sie war er einfach Onkel Cliff, der Ehemann der besten Freundin ihrer Mutter, wenngleich er mittlerweile – aus ihrer Sicht der Dinge – als Vater Christophers eine noch viel wichtigere Rolle spielte.

Es war kurz vor Weihnachten gewesen, Barbara und sie hatten die Haldanes besucht, um für ein paar Tage in London einzukaufen, als sie plötzlich anfing, Chris ganz neu wahrzunehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt war er einfach nur ein weiteres Familienmitglied gewesen, zehn Jahre älter als sie und daher alt genug, um als langweiliger Erwachsener eingestuft zu werden. Aber während dieser kurzen Ferien war er ihr auf einmal als Mann bewußt geworden, und sie hatte sich Hals über Kopf in ihre erste Schulmädchenschwärmerei gestürzt, ganz abgesehen von Marlon Brando und Sean Connery. Es war einzig die Aussicht, Christopher wiederzusehen, die ihr Herz so heftig klopfen ließ, als sie die Eingangshalle des Bahnhofs verließen und in das wartende Taxi stiegen.

Ihre Mutter und Penelope redeten schon wieder ohne Punkt und Komma; genaugenommen redete Penelope, während Barbara zuhörte und nur hin und wieder eine Bemerkung einwarf; sie waren so mit sich selbst beschäftigt, daß alle anderen von dem Gespräch ausgeschlossen waren. Anne fragte sich, warum die großen Freundschaften der Geschichte und Mythologie – David und Jonathan, Damon und Pythias – immer Männerfreundschaften gewesen waren. Auch Frauen waren zu großen Beziehungen fähig.

»Meine Liebe, ich hoffe, dir wird das neue Haus gefallen«, sagte Penelope gerade, als das Taxi in den Nachmittagsverkehr der Edgware Road eintauchte. »Nun, du wirst es gleich selbst sehen. Ich wußte beim ersten Anblick sofort, daß es genau das Richtige für uns ist. Ich glaube, bei Cliff hat den Ausschlag gegeben, daß es The Laurels heißt. Danach konnte er nicht mehr widerstehen; und jetzt nervt er alle anderen Bewohner der Cameron Road damit, daß er die Straße Brickfield Terrace nennt. Die Hälfte weiß nicht, worum es geht, und das macht ihm natürlich einen Heidenspaß. Du weißt, wie gerne er in Rätseln spricht.« Sie kniff ihrem Mann liebevoll ins Bein, ohne jedoch ihre Aufmerksamkeit von Barbara abzuwenden. »Der Keller ist riesig, und wir haben dort einen Probenraum für Cliff und ein Arbeitszimmer für mich eingerichtet – beide Räume natürlich schalldicht. Unser lieber Richard ist mit seiner ganzen Menagerie unters Dach verbannt worden.« Während Penelope weiterplapperte, wurde sie von Anne, die ihr gegenüber auf einem der kleinen Klappsitze saß, still beobachtet. Christopher und Timothy sahen ihrem Vater sehr ähnlich; sie waren groß, blond und attraktiv; Penelope dagegen war keine Schönheit. Sie hatte ein rundes Gesicht, eine Stupsnase, leuchtendblaue Augen und einen Wuschelkopf voller Naturlocken, die sie nur selten einem Friseur aussetzte. Sie zog sich gut an, wenn es die Umstände erforderten. Ihre Lieblingskleider bestanden jedoch aus klassischen Blusen und Hosen sowie einem langen, weiten, uralten Kaftan, den sie zum Schreiben trug. »Es muß bequem sein«, entschuldigte sie sich immer gegenüber unerwarteten Gästen, wenn sie sich in diesem unförmigen Kleidungsstück in ihre Mitte begab, »sonst kann ich mich nicht konzentrieren.«

Richard sah wohl seiner Mutter ein bißchen ähnlich, dachte sich Anne, als das Taxi in die von Bäumen gesäumte Sackgasse einbog und vor dem großen viktorianischen Haus anhielt. Auf einer der beiden Steinsäulen, die zu beiden Seiten des offenen Tores standen, war ganz deutlich die Aufschrift The Laurels zu lesen. Während Clifford den Fahrer bezahlte, gingen alle anderen mit Penelope den Weg zur Eingangstür hinauf. Dort mußten sie warten, bis Penelope ihren Schlüssel gefunden hatte. Der Vorgarten bestand aus einem Rasenstück, das von Lorbeerbüschen umrahmt war. Daher hatte das Haus auch seinen Namen. In der Mitte des Rasens war ein rautenförmiges Blumenbeet, in dem eine Hortensie ihr Bestes tat, um ein paar schmutzig aussehende Blüten hervorzubringen.

Clifford stieß gerade zu ihnen, als sie über die Türschwelle in die Eingangshalle traten. Das Licht der Nachmittagssonne warf durch die buntverglasten Fenster, von denen sich zwei zu beiden Seiten der Eingangstür befanden und ein drittes am Treppenabsatz gegenüber lag, ein rautenförmiges Muster auf den polierten Parkettboden.

Penelope machte eine erklärende Handbewegung. »Erdgeschoß: Eßzimmer, Küche, Waschküche, Arbeitszimmer. Aber ich will mich jetzt nicht damit aufhalten, euch das zu zeigen. Ihr bekommt eine Führung, wenn ihr ausgepackt und euch wieder erholt habt. Geht nach oben ins Wohnzimmer, ich werde inzwischen Mrs. Clennan bitten, uns einen Tee nach oben zu bringen. Sie kommt täglich und ist ein absoluter Schatz. Eine von der aussterbenden Sorte. Sie hat für die früheren Besitzer gearbeitet, und wir haben sie quasi geerbt, als wir das Haus gekauft haben. Allein deswegen war das eine der weisesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben. Du weißt ja, daß ich in unserem Haus in Pimlico alles allein gemacht habe.«

Ohne ihre Rede zu unterbrechen, führte Penelope sie nach oben, wo man aus dem großen, nach vorne gelegenen Raum Lachsalven vernahm. Anne erkannte Christophers Stimme, und ihr Herz begann zu klopfen.

»Was, zum Teufel, haben die zwei angestellt?« wollte Clifford wissen, als er sie überholte und die Tür weit aufstieß. In diesem Augenblick hörte man Füße poltern, und Richard kam vom zweiten Stock heruntergestürmt, dicht gefolgt von einem kleinen Hund unbestimmter Rasse, der aufgeregt kläffte.

»Hallo, Anne!« rief er, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen, und schlang besitzergreifend einen Arm um ihre Schultern.

»Komm mit nach oben und schau dir mein Reich an. Es ist absolut super. Ich hab’ ein ganzes Stockwerk nur für mich allein. Ach, das ist übrigens mein neuer Hund. Er ist mir zugelaufen. Ich habe ihm den Namen Sir Cloudesley Shovel gegeben.«

»Ich verstehe wirklich nicht, was daran so lustig ist. Du und Tim, ihr habt einen verdorbenen Humor.«

Penelope hatte ihrem ältesten Sohn das Buch entrissen und es zu den übrigen auf den Kaffeetisch gelebt. Jetzt bewachte sie den ganzen Stapel wie eine Tigerin ihre Jungen.

»Wenn wir schon von Verdorbenheit reden ...«, keuchte Tim, traute sich aber nicht, mehr zu sagen, weil er Angst hatte, wieder in Gelächter ausbrechen zu müssen. Er gab sich damit zufrieden, statt dessen Barbara und die beiden Mädchen mit einem kurzen »Hallo Babs, Imogen. Hallo, Annie« zu begrüßen.

Er war der einzige Mensch, der sie jemals Annie nannte, und Anne konnte es nicht ausstehen. Sie mochte Timothy nicht besonders, was komisch war, wenn man bedachte, wie sehr er seinem älteren Bruder ähnelte. Aber mit ihren nicht ganz elf Jahren begann sie doch schon zwischen Aussehen und Charakter zu unterscheiden; und obwohl sie sich wie die meisten jungen Mädchen und auch noch viele ältere von gutaussehenden Gesichtern beeindrucken ließ, hatte sie doch Verstand genug festzustellen, daß menschliche Qualitäten wichtiger waren. Chris war nicht nur gutaussehend, sondern auch gutmütig, und deshalb bewunderte sie ihn. Dagegen gab es in Timothys Wesen eine unterschwellige Unzufriedenheit, die ihn mitunter gereizt und gedankenlos machte. Außerdem fehlte ihm das Gespür für die Bedürfnisse anderer. Als er noch jünger gewesen war, hatte sein Lieblingssatz geheißen: »Das ist nicht fair.«

»Um was geht es hier eigentlich?« wollte Clifford Haldane wissen, der sich in seiner selbstbewußten Art ins Zentrum des Spektakels geschoben hatte und mit seinem gebieterischen Auftreten sofort die Szene beherrschte.

»Mamas neues Buch«, gab Chris grinsend als Antwort.

»Seite neunundvierzig. Das mit den Vanilletörtchen.«

»Das reicht jetzt«, protestierte Penelope wütend. Sie wandte ihren Blick in Richtung Richard und Anne. »Bitte, pas devant les enfants.«

Ihr jüngster Sohn seufzte nachsichtig. Er sagte zu Anne: »Das heißt nicht vor den Kindern. Sie glaubt, ich verstehe das nicht. Ich nehme an, sie hat wieder irgend etwas Unanständiges in ihrem neuen Buch geschrieben. Es ist mitunter ziemlich peinlich, wenn sie mich deswegen in der Schule hochnehmen. Aber so sind Eltern zu einem. Keinerlei Rücksicht.« Er gab sein etwas aufgeblasenes Gehabe wieder auf und zerrte Anne am Ärmel. »Komm schon nach oben! Ich möchte dir unbedingt meine neuen Zimmer zeigen. Oder willst du hier unten diese langweilige Teetrinkerei über dich ergehen lassen?«

Genau das war es, was Anne wollte, in Sicht- und Hörweite von Christopher zu bleiben, in der Hoffnung, daß er sie vielleicht doch noch besonderer Beachtung würdigen würde. Aber tief in ihrem Herzen wußte sie, daß es nicht passieren würde – er saß schon ganz in ein Gespräch vertieft auf der Stuhllehne des väterlichen Sessels. Da Richard sie bedrängte »Komm jetzt nach oben!« und Sir Cloudesley Shovel versuchte, sie in die Ferse zu zwicken, beschloß sie, daß es wohl das beste war, sich zu fügen. Sie hatte ohnehin keine richtige Lust auf Tee, weil sie im Speisewagen Limonade getrunken hatte, und außerdem hatte sie lange genug gesessen. Deshalb folgte sie Richard eine weitere, mit Teppich ausgelegte Treppe nach oben in den zweiten Stock und dann noch weiter, hoch zum Speicher.

Der Speicher hatte ursprünglich aus drei kleinen Räumen bestanden, die jetzt zusammengelegt worden waren. Die Wände waren weiß gestrichen, die schmalen Fenster waren mit Rollos ausgestattet und ließen im hochgezogenen Zustand ein Maximum an Licht herein. Der Speicher war auch mit einer primitiven Toilette ausgestattet gewesen, die jetzt zu einem kleinen Bad mit Waschbecken, Toilette und Dusche ausgebaut worden war. Dadurch bekam der Rest des Zimmers eine leichte L-Form. Am einen Ende des Zimmers standen ein Bett, ein Schrank und eine Kommode mit einem Fernsehapparat, außerdem ein Sessel, der mit einem groben, strapazierfähigen, cremefarbenen Stoff überzogen war und so aussah, als ob noch nie jemand darin gesessen hätte.

Der Rest des Zimmers wurde von Bücherregalen, einem Hundekorb, zwei Katzenkörben und einem langen Tapeziertisch eingenommen, auf dem etliche Käfige und Kartons standen. In einem der Käfige war ein weißer Hase, in einem anderen waren kurzhaarige Meerschweinchen; bei näherer Betrachtung der Kartons zeigte sich, daß sie einen Star mit einem gebrochenen Flügel, einen am Bein verwundeten Igel und eine Anzahl von Schlangen enthielten, die gerade dabei waren, Kohlblätter in sich hineinzuschlingen.

»Zur Zeit studiere ich das Verhalten von Schlangen«, erklärte Richard, als Anne vor Entsetzen zurückfuhr. »Da gibt es nichts, wovor du Angst haben mußt!« fügte er verächtlich hinzu. »Sie können dir nichts tun.«

»Die sind so schleimig«, verteidigte sich Anne. »Wie Nacktschnecken.« Sie ging zu einem der Fenster hinüber, wo sich eine schwarze Katze auf dem breiten weißen Fensterbrett sonnte. Anne beugte sich vor, um das kurze, seidige Fell zu streicheln, und die Katze schnurrte sanft, ohne den Kopf zu heben.

»Das ist Machiavelli«, sagte Richard, während er herüberkam und das Tier einfach auf den Arm nahm. Daraufhin zeigte Sir Cloudesley Shovel sofort eifersüchtig seine Mißbilligung, indem er wild auf- und niedersprang und mitleiderregend zu wimmern anfing. »Runter mit dir, Cloud! Runter! Brav. Du brauchst nicht angeben, nur weil wir Besuch haben. Eigentlich verstehen sich die beiden sonst ganz gut«, versicherte er Anne. »Nun? Was sagst du dazu? Ist es nicht phantastisch?«

»Es riecht«, beschwerte sich Anne und rümpfte unwillig die Nase.

»Natürlich riecht es hier!« Richard wurde ungeduldig.

»Tiere riechen nun mal, Menschen übrigens auch.« Er setzte Machiavelli wieder auf dem Fensterbrett ab, wo dieser sich sofort wieder zum Schlafen hinlegte. »Komm, ich stelle dir Alcibiades vor.«

»Wen?«

»Den Hasen. Er fühlt sich ein bißchen einsam. Seine Partnerin ist letzte Woche gestorben.«

»Warum gibst du deinen Tieren so seltsame Namen?« wollte Anne wissen, während sie zögernd einen Finger durch das Drahtgitter des Käfigs steckte, ihn dann aber schnell wieder zurückzog, als der Hase mit seinen scharfen und spitzen Zähnen flink danach schnappte.

»Die sind nicht seltsam! Du erwartest doch nicht, daß ich sie Muschi, Waldi oder Wuschel nenne.« Seine Verachtung war deutlich spürbar.

»Ich hatte mal eine Katze, die Muschi hieß«, verteidigte sich Anne.

Richard warf ihr einen mitleidigen Blick zu, beließ es aber sonst bei der Frage: »Was ist aus ihr geworden?«

»Sie wurde angefahren, und wir mußten sie einschläfern lassen. Mama hat danach gesagt, wir dürften jetzt keine Haustiere mehr haben. Sie sagte, damit sei man nämlich angebunden ... emotional und auch praktisch.«

»Hm! Ich bin froh, daß sie nicht meine Mutter ist.« Die Meerschweinchen fingen zu quieken an. »Komm! Geh’n wir in den Garten und rupfen etwas Gras für Bo und Berry. Boadicea und Berengaria«, fügte er großspurig hinzu. »Vielleicht finden wir auch Alphonso. Das ist die Schildkröte.«

Sie gingen wieder nach unten. Als sie am Treppenabsatz des ersten Stockes vorbeikamen, tönten fröhliche Stimmen aus dem Wohnzimmer, und Anne erkannte Christophers Lachen. Sie zögerte einen Augenblick und war versucht hineinzugehen, aber Richard packte ihren Arm und drängte sie die nächste Treppe nach unten, scheuchte sie durch die Eingangshalle und zur Küchentür hinaus, in den langen, schmalen, von einer Mauer umgebenen Garten auf der Rückseite des Hauses. Dieser Teil des Gartens zeigte deutlichere Anzeichen einer gewissen Pflege als der Vorgarten. Die obere Hälfte war einem Gemüsegarten vorbehalten, der gerade mit den Früchten des Hochsommers überquoll, der Rest bestand aus einem ordentlichen Rasen, den ein Plattenweg durchzog. Vor dem Haus war eine Veranda aus Steinen, geschmückt mit einer Vielzahl dekorativer Büsche und Miniaturbäume in grüngestrichenen Kübeln; ein Pfirsichbaum spendete etwas Schatten für die leeren Liegestühle, die mit einer leuchtenden, geblümten Baumwolle-Polyester-Mischung bezogen waren.

Anne war beeindruckt. »Macht Onkel Cliff das hier alles allein?« wollte sie wissen.

Richard, der den Weg voranging, machte ein erstauntes Gesicht. »Paps hat nicht die blasseste Ahnung von Gartenarbeiten. Zweimal die Woche kommt jemand, der es für ihn übernimmt. Sein Name ist Mr. Bone, und er ist wunderbar. Siehst du das? Er läßt dieses Stück Rasen extra wegen den Meerschweinchen stehen. Und die Salatköpfe in dieser Reihe gehören mir. Für Alcibiades. Wirf mal einen Blick unter die Kohlköpfe da drüben und schau nach, ob du Alphonso findest.«

Nach kurzem Nachdenken hatte Anne sich wieder ins Gedächtnis gerufen, wer das denn war, und fing halbherzig an, die Schildkröte zu suchen. Sie mochte Tiere, vorausgesetzt, daß sie weich und knuddelig waren und ein Fell hatten. Für den Rest brachte sie keine große Begeisterung auf. Spinnen und Reptilien waren ihr sogar ausgesprochen zuwider, und deshalb war sie erleichtert, als sie nichts von Alphonso entdecken konnte. Sie teilte die ungebrochene Leidenschaft ihres Spielgefährten für die Fauna der Welt nicht und war immer wieder verärgert, wenn Richard davon ausging, daß sie auch einmal Tierärztin werden wollte. Sie hatte zwar keine eindeutige Vorstellung davon, was sie werden wollte, aber bis sie eine Entscheidung treffen mußte, dauerte es ja noch etliche Jahre. In ihrem Hinterkopf zeichnete sich allerdings schon vage die Vorstellung ab, daß es etwas mit dem Theater zu tun haben sollte, damit sie in der Nähe von Chris sein oder wenigstens seine Interessen teilen konnte.

»Hast du ihn schon gefunden?« fragte Richard, während er Hände voll Gras in die Plastiktüte stopfte, die er gerade aus seiner Hosentasche gezogen hatte. Dann stürzte er sich plötzlich mit einem Freudenschrei auf die Kohlköpfe, und als er sich wieder aufrichtete, hielt er die Schildkröte in den Händen. Cloud, der ihnen in den Garten gefolgt war, fing wieder wie wild zu bellen an, so daß Alphonso seinen verschrumpelten Kopf herausstreckte, um zu sehen, was sich da draußen tat. Beine, die aussahen, als wären sie aus Kreppgummi, folgten, und Richard streckte ihn Anne entgegen.

»Da hast du ihn. Du kannst ihn auch mal halten, wenn du willst.«

Anne zögerte, da sie Richard zwar nicht beleidigen wollte, sich aber doch ekelte. Da öffnete sich im zweiten Stock ein Fenster zum Garten hinaus, und Penelopes Stimme kam zu ihrer Rettung.

»Kommt rauf, ihr zwei. Anne, Liebes, deine Mutter möchte, daß du anfängst auszupacken und vor dem Abendessen noch badest. Richard! Dir würde ein Bad auch nichts schaden. Du kannst dann auch das Hemd wechseln; es ist schmutzig.«

Richard wollte schon energisch protestieren, aber Penelope gab ihm keine Chance. Sie zog den Kopf wieder ein und schloß das Fenster.

»Eltern!« rief er angewidert aus. »Immer wollen sie, daß man sich wäscht! Welchen Sinn hat das, wo ich doch sowieso wieder schmutzig werde.« Trotzdem setzte er Alphonso wieder in seinem Versteck unter den Kohlköpfen ab und folgte Anne ins Haus.

Beim Abendessen stellte Anne zu ihrer großen Verwunderung und Freude fest, daß sie neben Christopher saß. Nicht, daß es ihr viel genützt hätte. Nachdem er ihr freundlich zugegrinst und brüderlich die Haare zerzaust hatte, wandte er wie alle anderen alle Aufmerksamkeit seinem Vater zu, der gerade in der Stimmung war, ausführlich irgendwelche Anekdoten zum besten zu geben – seine unwillkürliche Reaktion auf jedes neue Publikum. Bis Anne ihre Ruhe wiedergefunden hatte und die ersten Gabeln voll Makkaroni mit Käse in den Mund geschoben hatte, war Clifford schon in voller Fahrt, mitten in einer Geschichte über einen Schauspieler, dessen Namen sie nicht mitbekommen hatte.

»Diese Frau verfolgte ihn überallhin. Aber wirklich überallhin. Egal, in welchem Theater er auftrat, immer war sie da, und zwar genau in der Loge, die der Bühne am nächsten war. Sie trug dann immer diese Abendkleider mit den schrecklichen Dekolletés, und die Brüste fielen über den Rand der Brüstung wie ein Paar überreife Melonen. Doch die Krönung war, daß niemand die Vorstellung überhaupt wahrnahm, solange sie da war. Das Publikum war viel zu sehr damit beschäftigt, sie anzuschauen und zu hoffen, daß das Kleid irgendwann ganz herunterfallen würde. Mein Gott! Wie hat der arme Hund geflucht. Aber er konnte natürlich nichts dagegen tun. Sie hatte ja das Recht, in die Vorstellung zu kommen und sich das Stück anzusehen.«

»Und wie ist es ausgegangen?« fragte Barbara, die zwar in das allgemeine Gelächter einstimmte, aber ihre Töchter mit leichtem Unbehagen beobachtete. Wirklich, Cliff paßte überhaupt nicht auf, welche Sprache er vor den Kindern verwendete. Es wunderte sie immer wieder, daß die Jungs sich alle so gut gemacht hatten.

»Sie fand ein neues Objekt ihrer Begierde und machte statt dessen diesem das Leben zur Hölle. Verehrer, der Himmel beschütze sie! Unser Auskommen hängt von ihnen ab. Aber manchmal können sie zu einer schrecklichen Plage werden.«

»Ach ja! Dieses Problem werde ich noch eine ganze Weile nicht haben«, sagte Chris und ignorierte Tims vorlautes »wenn überhaupt«. Er wandte sich seiner Mutter zu, die am anderen Ende des Eßtisches saß. »Am Montag fange ich mit den Proben an; würdest du mich bitte wecken, wenn du aufstehst?« Für seinen Vater fügte er hinzu: »In irgendeiner gräßlichen, verdreckten Kirche in Camden, die nicht mehr genutzt wird. Kennst du sie?«

Bevor ihr Mann antworten konnte, fuhr Penelope gereizt dazwischen: »Soll das heißen, daß du nicht zu Irenes Hochzeit kommen kannst? Du weißt, daß sie besonderen Wert darauf gelegt hat, daß du da bist.«

Christopher sah verärgert aus. »Was soll das, Mama, ich hatte nie vor hinzugehen. Sie ist deine Agentin, nicht meine. Ich kenne diese Frau kaum, und dem Typen, den sie heiratet, bin ich noch nicht einmal begegnet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es ihr irgend etwas ausmacht, wenn ich nicht da bin. Papa geht doch mit dir, und ich bin sicher, du kannst auch für Tante Babs eine Einladung organisieren.«

»Dein Vater kommt nicht mit«, erwiderte Penelope giftig.

»Er muß sich mit jemandem wegen einer Neuaufführung von Ben Jonsons Volpone treffen. Zumindest hat er mir diese Geschichte erzählt, und er bleibt dabei.« Chris warf seinem Vater einen Blick voller Respekt zu. Penelope fuhr fort:

»Und zu behaupten, du würdest Irene nicht kennen, ist einfach lächerlich. Sie hat schon öfter mit uns zu Abend gegessen.«

»Aber ich war die letzten drei Jahre in Oxford«, gab ihr ältester Sohn sanft zu bedenken. »Warum sie um alles in der Welt so scharf darauf ist, gerade mich bei ihrer Hochzeit dabeizuhaben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Du hast mich wahrscheinlich mit Tim verwechselt. Er hat sich bestimmt hinter deinem Rücken an Irene rangemacht. Er mag ältere Frauen.«

Tim warf ihm über den Tisch einen wütenden Blick als Warnung zu, den niemand zu sehen schien außer Chris und Anne. Aber sie war zu jung, um darüber zu spekulieren, was das wohl zu bedeuten hatte, und außerdem interessierte sie der köstliche Sommerpudding von Mrs. Clennan mit einer Riesenschüssel Sahne viel mehr.

»Du hast Irene mehr als einmal gesehen, Chris.« Seine Mutter bestand darauf. »Ich weiß, daß sie dir für nächste Woche eine Einladung zu ihrer und Jeremys Hochzeit geschickt hat, weil sie dich mag. Aber wenn du nicht kommen kannst, dann geht es wohl nicht. Ich werde Barbara an deiner Stelle mitnehmen.«

Auch wenn Chris erstaunt war, so leicht davongekommen zu sein, war er doch nicht willens, sein Glück auf die Probe zu stellen und sich nach dem Grund zu erkundigen. Seine Mutter konnte hartnäckig sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, und er war einfach dankbar, daß sie diesmal ohne große Gefechte aufgegeben hatte.

Aber noch während sie geredet hatte, war Penelope der Gedanke gekommen, daß Irenes Interesse für Chris möglicherweise doch nicht von so harmloser Natur war, wie sie den Eindruck zu erwecken versuchte. Penelopes ältester Sohn sah sehr gut aus, und Irene war anfällig für gutaussehende Männer. Penelope hatte auch den Verdacht, daß Irenes Heirat mit Jeremy Grantham keineswegs eine Liebesheirat war – zumindest was Irene betraf. In den wenigen Jahren ihrer Bekanntschaft hatte Penelope bemerkt, daß Irene nicht ungern einen Blick auf andere Männer warf.

Drittes Kapitel

Irene Woodhouse hatte im Sommer 1967 in Cambridge Examen gemacht und im Herbst des gleichen Jahres im Verlagshaus Herrald & Simpson als Verlagsassistentin für den Bereich Romantische Belletristik angefangen. Getrieben von dem Bedürfnis, ihr eigener Herr zu sein, verließ sie den Verlag sechs Monate später wieder. Sie gründete mit Hilfe einer beträchtlichen Erbschaft, die ihr ihre Lieblingstante hinterlassen hatte, eine eigene Literaturagentur mit Büro in der Nähe von Covent Garden. Die Miete war sehr teuer, aber sie war sich darüber im klaren, daß es wichtig war, eine gute Adresse zu haben, solange man noch unbekannt war und darum kämpfen mußte, Eindruck zu machen. Die kurze Zeit bei Herrald & Simpson war nicht umsonst gewesen, und da sie ein umgängliches und beliebtes Mitglied des Verlags gewesen war, waren ihr auch nach ihrem Weggang alle gut gesonnen, nicht zuletzt der Herausgeber selbst, Jeremy Grantham. Ihm hatte es die langbeinige Rothaarige mit den grünen Augen angetan. Es gab zwar eifersüchtige Neider, die behaupteten, Irenes Augen seien blau, doch mußte sie nur ein grünes Kleid anziehen, um diese Aussagen Lügen zu strafen.

Indem sie sich mühevoll durch ganze Stapel von Verlagskatalogen kämpfte und die Autoren im Who’s Who der Schriftsteller und Autoren nachschlug, schaffte sie es, eine Liste von Autoren zu erstellen, die offensichtlich keinen Agenten hatten. Sie schrieb jedem davon einen Brief und wies auf die Vorteile hin, die man hatte, wenn man jemand anderem, der die Zeit hatte, die einzelnen Märkte zu studieren, die unangenehme Arbeit des Verhandelns und Feilschens überlassen konnte. Eine der ersten, die antworteten und das Angebot annahmen, war Penelope Fallon.

Der Name sagte Irene nichts, aber ein Besuch bei der Stadtteilbibliothek machte sie bald mit der Tatsache vertraut, daß Penelope als Autorin einiger historischer Romane bekannt war, die aus einer Mischung von historischen Tatsachen und Fiktion bestanden. Die Romane waren ohne Zweifel gut und von dem Literaturkritiker einer Provinzzeitung sogar als brillant bezeichnet worden, aber sie hatten bisher nicht viel Geld eingebracht. Da sie sich nur an einen speziellen Leserkreis richteten, waren sie immer nur in gebundenen Ausgaben erschienen und wurden hauptsächlich aus Bibliotheken entliehen. Irene rief Penelope an und war erstaunt, am anderen Ende die unverkennbare Stimme von Clifford Haldane zu hören.

»Aber woher um alles in der Welt soll ich denn wissen, daß sie beide verheiratet sind?« fragte sie, als Penelope sie zum ersten Mal in ihrem Büro in Covent Garden besuchte. »Es wäre eine unbezahlbare Werbung für Sie.«

»Daran habe ich nie gedacht«, gab Penelope zu. »Werbung hat nie zu den Prioritäten meines Verlegers gehört.«

Irene nickte. Sie kannte Harper Bennetts Firmenphilosophie: viele Autoren, geringer Vorschuß, kurze Bücher – maximal sechzigtausend Wörter, keine Neuauflagen. Um dem Verlag Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mußte sie zugeben, daß er etlichen Schriftstellern, die ansonsten nie einen Verleger gefunden hätten, eine Chance gab. Trotzdem hatte Irene das Gefühl, daß jemand wie Penelope es mittlerweile hätte weiter bringen sollen.

»Sie brauchen einen Agenten«, sagte sie entschlossen.

»Und Sie müssen etwas anderes schreiben. Versuchen Sie es mit romantischer Literatur. Dieses Jahrzehnt hat die Lesegewohnheiten der Frauen verändert. Sex-Szenen sind der Renner. Damit macht man heutzutage das große Geld. Ich sage nicht, daß es ewig anhält. Nichts hält ewig. Aber gerade jetzt ist es zweifellos gefragt. Glauben Sie, daß Sie das fertigbringen? Nicht jeder kann das, vor allem nicht ältere Frauen. Aber Sie – wie bitte? – Anfang vierzig? Das ist immer noch jung.«

So etwas von einer Dreiundzwanzigjährigen zu hören war schmeichelhaft, und Penelope hatte versprochen zu sehen, was sich machen ließ. Letztendlich war es ihr leichter gefallen, als sie erwartet hatte, und der phänomenale Erfolg von Verlangen – damals waren gerade Ein-Wort-Titel besonders beliebt – war der Anfang einer Beziehung gewesen, die sich bald in Freundschaft verwandelte. Irene wurde ein gerngesehener Gast im Haus in Pimlico, wohin sie Jeremy Grantham häufig begleitete; doch hatten die beiden auf Penelope nie den Eindruck gemacht, mehr als gute Freunde zu sein. Deshalb hatte es sie wie aus heiterem Himmel getroffen, als Irene ihr vor einem Monat mitgeteilt hatte, daß Jeremy und sie heiraten würden.

Zu dieser Zeit hatte Penelope gerade mitten im Durcheinander des Umzugs gesteckt, und da Clifford in Shepperton an einem Film arbeitete, lastete der Hauptanteil der Arbeit auf ihr. Sie hatte nur ihre etwas erstaunten Glückwünsche ausgesprochen, sich über die Sache selbst jedoch wenig Gedanken gemacht – bis zu diesem Augenblick, als sie, von Kissen gestützt, neben Clifford im Bett saß. Im Haus war es still, da alle anderen auch schon schlafen gegangen waren. »Weißt du«, bemerkte sie nach längerem Schweigen, »ich fange heute abend an, mich zu fragen, warum Irene Jeremy Grantham eigentlich heiratet.«

Clifford, der im Schein der Nachttischlampe eine stark zerlesene Ausgabe des Volpone studierte, grunzte. »Vielleicht ist es diese alte Sache Liebe. Weißt du, wenn Carl alles mit den Sponsoren regeln kann und ein vernünftiges Theater verfügbar ist, könnten wir das Stück schon bis Weihnachten auf die Beine stellen. Gerade jetzt ist die richtige Zeit für ein Klassik-Revival im West End. Die Besetzung wird noch etwas problematisch. Wir bräuchten den richtigen Mosca. Vielleicht ist ja Alan Dobie frei. Ich habe ihn im Schauspielhaus von Oxford in der Rolle gesehen ... oh, vor fünfzehn Jahren.«

Penelope erkannte, daß ihr Mann mit sich selbst beschäftigt war, und gab es auf, ihn für Irenes Angelegenheiten zu interessieren. Sie nahm wieder ihre schweigsame Betrachtung der gegenüberliegenden Wand auf und starrte auf die Tapete mit den Rosenspalieren. Penelope mochte sie eigentlich nicht, aber sie tat ihre Schuldigkeit, bis sie Zeit hatte, das Zimmer neu zu tapezieren. Da kam ihr ein Gedanke. War Irene vielleicht schwanger?

Je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie, der Wahrheit auf den Grund gekommen zu sein. Irene hatte bleich und dünn ausgesehen, als sie sie vor zwei Tagen zum letzten Mal gesehen hatte. Sie hatte die ihr eigene gesunde Ausstrahlung verloren und den Glanz ihrer Haut. Penelope hatte es damals auf die Aufregung vor der bevorstehenden Hochzeit zurückgeführt, doch jetzt sah sie alles in einem anderen Licht. Sie rief sich in Erinnerung, wie sie in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft ausgesehen hatte; und plötzlich fühlte sie sich unwohl, so, als hätte sie aus Versehen die geheimen Briefe einer Fremden gelesen. Außerdem war sie aus einem unerklärlichen Grund froh darüber, daß Chris sie nicht auf die Hochzeit begleiten konnte. Es würde sehr viel bequemer sein, Barbara dabeizuhaben. Sie mußte morgen früh Irene anrufen, um sicherzustellen, daß ihr das auch recht war. Jetzt, wo sie die Sache genauer betrachtete, konnte sie wirklich keinen Grund erkennen, warum Irene Chris eingeladen hatte.

Irene Woodhouse, demnächst Irene Grantham, stand am Fenster ihres Schlafzimmers und schaute in die trübe graue Weite von Hampstead Heath hinaus. Hinter ihr schnarchte Jeremy im Bett, da er beim Abendessen darauf bestanden hatte, die Neuigkeit mit Champagner zu feiern.