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Eine Liebe, die alle Grenzen überwindet: Der ergreifende Liebesroman »Wie eine Rose im Frühling« von Brenda Clarke jetzt als eBook bei dotbooks. Bath zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die junge Margaret reist von New York nach England, um im Haushalt ihrer Freundin aus Kindertagen eine Stelle als Gouvernante anzutreten. Hier lernt sie den vornehmen Paul Devereaux kennen, der ihre ganze Welt mit einem einzigen Blick aus seinen sanften, grauen Augen verändert. Obwohl der reiche Handelsmann und die amerikanische Gouvernante unterschiedlichen Welten angehören, fühlen sie sich unwiderstehlich zueinander hingezogen. Doch wie weit ist Margaret bereit zu gehen für eine Liebe, die nicht sein darf? Als schließlich am Horizont die dunklen Wolken des Krieges heraufziehen, droht Margaret nicht nur ihr glückliches Leben in England zu verlieren – sondern auch den Mann, den sie über alles liebt … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der gefühlvolle historische Liebesroman »Wie eine Rose im Frühling« von Brenda Clarke. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 646
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über dieses Buch:
Bath zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die junge Margaret reist von New York nach England, um im Haushalt ihrer Freundin aus Kindertagen eine Stelle als Gouvernante anzutreten. Hier lernt sie den vornehmen Paul Devereaux kennen, der ihre ganze Welt mit einem einzigen Blick aus seinen sanften, grauen Augen verändert. Obwohl der reiche Handelsmann und die amerikanische Gouvernante unterschiedlichen Welten angehören, fühlen sie sich unwiderstehlich zueinander hingezogen. Doch wie weit ist Margaret bereit zu gehen für eine Liebe, die nicht sein darf? Als schließlich am Horizont die dunklen Wolken des Krieges heraufziehen, droht Margaret nicht nur ihr glückliches Leben in England zu verlieren – sondern auch den Mann, den sie über alles liebt …
Über die Autorin:
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben.
Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer« und »Der Himmel über Glastonbury«. Weitere Titel sind in Vorbereitung.
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eBook-Neuausgabe April 2022
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1984 unter dem Originaltitel »A Rose In May« bei Hutchinson, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1990 unter dem Titel »Wie eine Rose im Mai« bei Knaur
Copyright © der englischen Originalausgabe 1984 by Brenda Clarke
Published by Arrangement with Brenda Clarke
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1990 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fb)
ISBN 978-3-96655-730-6
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Brenda Clarke
Wie eine Rose im Frühling
Roman
Aus dem Englischen von Gabriela Schönberger-Klar
dotbooks.
Und sie war schön wie eine Rose im Mai
Geoffrey Chaucer 1340?-1400
1901-1902
Der Ponywagen fuhr in schneller Fahrt die Argyle Street entlang und bog dann auf den Laura Place ein. Vor ihnen erstreckte sich die Great Pulteney Street in ihrer ganzen Pracht und bot einen imposanten Anblick. Das also war Bath, dachte sich die jüngere der beiden Insassen des Wagens und sah sich neugierig um.
Es kam Margaret Dunham so vor, als hätte sie eben erst zu Ende gedacht: Das also ist England! Die Zugfahrt war wie im Traum vergangen, und nach den Wochen auf See gewöhnte sie sich gerade wieder an das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben. Sie war verwirrt, um so mehr, als sie eigentlich erwartet hatte, direkt nach London zu fahren. Aber statt dessen hatte Jessie, als sie ihre Schwester in Southampton am Hafen abgeholt hatte, gemeint: »Die Devereaux’ sind in Bath. Wir werden sie dort treffen.«
»Um Himmels willen, Jess, wie viele Häuser besitzen sie denn noch?« fragte Margaret. »Ich kann mich, glaube ich, daran erinnern, daß man ein Haus in Cornwall erwähnte.«
»Latchetts. Das ist der Landsitz der Familie. Und dann ist da natürlich auch noch das Haus in der Hill Street, wenn sie während der Saison in London sind.«
»Und dieses Haus in Bath?«
»Das dient geschäftlichen Zwecken. Ein Teil von Paul Devereaux’ Kapital steckt in den Kohlengruben von Somerset. In der Longreach-Mine. Aber, um Gottes willen, beeile dich, Maggie, sonst verpassen wir noch den Zug. Und versuche etwas weniger ... weniger kolonial auszusehen!«
»Jessie Dunham!« Margaret war entsetzt gewesen. »Ich habe nie erwartet, dieses Wort aus dem Mund einer Amerikanerin zu hören!« Sie überlegte, daß sieben Jahre in England ihre ältere Schwester verändert hatten, und das nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Jessie war eigentlich nie ein Snob gewesen. Margaret hatte keine Ahnung, wie lange sie von zu Hause fort sein würde, aber sie schwor sich insgeheim, daß sie nie vergessen würde, Bürgerin des größten Landes der Welt zu sein, selbst wenn ihre Abwesenheit ein Leben lang dauern sollte.
Der Wagen hielt vor einem der hohen, rußgeschwärzten Häuser in der Great Pulteney Street. Bladud House war an beiden Seiten der Tür zu lesen.
»Wir sind da«, sagte Jessie aufgekratzt und kletterte aus dem Wagen, ohne auf die Hilfe des Kutschers zu warten. »Komm schon, Maggie! Halte dich nicht mit deinen Koffern auf. Harper kann sich darum kümmern.«
Der junge Stallbursche, der den Auftrag gehabt hatte, die beiden Damen am Bahnhof abzuholen, verzog das Gesicht hinter Jessies Rücken. Er hielt sie für eine zickige Person, die ihre Freundschaft mit der Herrin und ihre privilegierte Stellung als deren Vertraute und Gesellschafterin ausnutzte. Aber er teilte nicht die allgemeine Abneigung, die ihr die übrige Dienerschaft entgegenbrachte. Teddy Harper war ein gutmütiger Bursche, und er räumte ein, daß auch er, wäre er gezwungen gewesen, so wie Mrs. Devereaux Tausende von Meilen fern der Heimat zu leben, gerne vertraute Menschen um sich gehabt hätte.
»Das ist ja alles schön und gut«, hatte die Köchin düster bemerkt, als er gewagt hatte, seiner Meinung Ausdruck zu verleihen. »Ich will ja gar nicht leugnen, daß du mit Jessie Dunham recht haben könntest. Aber auch noch ihre Schwester aus Amerika zu holen, damit sie die Gouvernante von Miss India werden soll, das geht denn doch zu weit.« Mr. Stapleton, der Butler, hatte zustimmend genickt, und, ermutigt durch diese außergewöhnliche Anerkennung, war die Köchin fortgefahren: »Sogar die reichen Yankees stellen keine amerikanischen Gouvernanten ein, um ihre Kinder zu unterrichten. Sie holen sich eine von uns.«
Teddy hatte sich nicht informiert genug gefühlt, um weiter über das Thema zu diskutieren, auch wenn das ungeschriebene Protokoll der Dienstbotenetage ihm dieses erlaubt hätte. Als jüngster Stallbursche war er schon etwas zu weit gegangen, als er ungefragt seine Meinung gesagt hatte, und so hielt er jetzt den Mund. Außerdem ging ihn die Sache nichts an, und es war nicht sehr wahrscheinlich, daß ihn die Ankunft einer neuen Gouvernante – ob englisch oder amerikanisch – sehr treffen würde.
Er hatte am Bahnhof wenig Gelegenheit gehabt, den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen, und er empfand nun beinahe so etwas wie einen Schock, als er die Hand ausstreckte, um Margaret Dunham vom Wagen zu helfen. Sie hatte dasselbe entschlossene Kinn wie ihre Schwester, aber damit hatte es mit der Ähnlichkeit auch schon ein Ende. Während Jessie Dunham klein und rundlich wie ein dünkelhaftes Rotkehlchen war, verfügte ihre jüngere Schwester über die Art von Figur, von der Teddy mit seinen siebzehn Jahren bisher nur hatte träumen können. Ihre Rundungen waren nicht zu übersehen. Das dicke, üppige Haar, das unter dem kleinen Hut zu einer Rolle hochgeschlagen auf dem Kopf saß, war von einem intensiven Rostrot, und die Strähnen, in denen sich die schwache Aprilsonne verfing, leuchteten von verhaltenem Feuer. Und die Augen – Augen, die bei Jessie von einem hellen, stechenden Blau waren –, sie waren bei Margaret Dunham fast grün.
Etwas von seinen Gefühlen mußte sich auf Teddys Gesicht gezeigt haben, denn Margaret Dunham schenkte ihm ein Lächeln, als sie wohlbehalten den Boden erreichte. Teddy kicherte in sich hinein. Sie würde dafür sorgen, daß die Dienerschaft Gesprächsstoff hatte, und das nicht zu knapp!
Jessie ging die Treppen hinunter und voraus in die Küche, die sich im Souterrain befand und bis auf einen stämmigen jungen Mann mit rundem, fröhlichem Gesicht und verschmitzt funkelnden Augen leer war. Er saß in einem Schaukelstuhl neben dem Küchenherd, stand aber auf, als die beiden Frauen eintraten. Jessie schien etwas aus der Fassung zu geraten.
»Daniel? Warum bist du nicht oben und tust deine Arbeit?«
»Jess, meine Liebe«, sagte der junge Mann und küßte sie vertraut auf die Wange. »sei nicht so streng. Ein Kammerdiener kann nicht vierundzwanzig Stunden am Tag im Dienst stehen. Mr. Devereaux hat sich momentan mit Hugh Stafford zurückgezogen. Dem Manager der Longreach- Mine«, fügte er hinzu, als Jessie ihn fragend ansah. »Und außerdem war ich natürlich neugierig darauf, meine zukünftige Schwägerin kennenzulernen.« Er wandte sich mit einem entwaffnenden Lächeln an Margaret. »Ich bin Daniel Cooper, Mr. Devereaux’ Diener, und, wie sie dir zweifellos erzählt hat, Jessies Zukünftiger.«
»Sie – du meinst ...? Du und Jess ...? Ihr werdet heiraten?« Margaret sah verwirrt aus und fühlte sich auch so.
Daniel stieß einen Seufzer gespielten Vorwurfs aus. »Sie hat es dir nicht erzählt! Jessie! Jessie! Wie wenig denkst du doch an deinen Geliebten.«
»Unsinn!« stieß Jessie hervor und errötete. »Ich hatte einfach noch keine Zeit, das ist alles. Wir haben uns seit fast sieben Jahren nicht mehr gesehen, und wir hatten Wichtigeres zu besprechen.«
Ihr Geliebter rollte seine Augen himmelwärts und murmelte: »›Wahrheit ist des Mannes höchstes Gut.‹ Oder auch der Frau, je nachdem.«
Margaret lachte. »Ich glaube nicht, daß ich dieses Zitat kenne«, sagte sie. »Es ist jedenfalls nicht von Shakespeare.«
»Chaucer.« Daniel musterte sie anerkennend. Nichts von alledem, was Jessie ihm über ihre vier Jahre jüngere Schwester erzählt hatte, hatte ihn auf dieses wunderschöne Geschöpf vorbereitet. Immer wenn er sie um eine Beschreibung gebeten hatte, war Jessie ihm ausgewichen. »Ich glaube, sie ist recht hübsch. Zumindest dachten das die Jungens zu Hause, als sie noch jünger war. Aber sie ist keine Herzensbrecherin.«
Als er sie jetzt so ansah, da war Daniel sich dessen nicht sicher. Er zitierte bewundernd: »›Und sie war schön wie eine Rose im Mai.‹ Das war noch einmal Chaucer. Seine Beschreibung Kleopatras.«
»Ach, du und dein Chaucer!« rief Jessie ungeduldig aus. Sie warf ihm einen Blick zu, in dem teils Zuneigung, teils Verzweiflung lag. »Wo ist die Köchin? Ich sagte ihr doch, wann sie uns zu erwarten hätte. Ich nahm an, sie würde hier sein und uns eine Tasse Tee machen.« Sie nahm ihren Hut ab und warf ihn auf den Küchentisch. »Ich nehme an, ich muß ihn selbst machen. Daniel, komm und mach dich nützlich. Setz dich und unterhalte dich mit Maggie. Danach kannst du jemanden suchen, der ihre Koffer in ihre Zimmer bringt.«
Daniel verbeugte sich widerspruchslos und zwinkerte dann Margaret zu, als er für sie einen Stuhl heranzog. Jessie wirbelte geschäftig in der Küche umher, klapperte mit den Tassen und füllte den Kessel mit Wasser.
Auch Margaret setzte nun mit einem Seufzer der Erleichterung den Hut ab und rückte ihre Frisur zurecht, bis sie wieder einigermaßen in Ordnung war. Sie lächelte Daniel zu, zu müde für eine Unterhaltung. Hunderte von Fragen schwirrten in ihrem Kopf herum, aber momentan war sie zu erschöpft und konnte nur die banalste aller Fragen stellen.
»Warum heißt das Haus hier Bladud House? Es ist ein eigenartiger Name.«
Daniel erklärte es ihr. »Bladud war ein britischer Prinz, der ungefähr um das Jahr fünfhundert vor Christus lebte. Man hält ihn für den Gründer von Bath. Er war auch der Vater von König Lear.«
Margaret runzelte die Stirn. »Wie seltsam. Ich meine, mir ist nie in den Kopf gekommen, daß Lear einen Vater gehabt haben könnte. Er scheint irgendwie so ... so monumental zu sein. Wie aus Stein gemeißelt.«
Daniels Anerkennung wuchs. »Jess«, warf er seiner Verlobten vor, »warum hast du mir eigentlich nie gesagt, daß du eine so bemerkenswerte Schwester hast?«
Jessie gab ein schnaubendes Geräusch von sich und knallte die Zuckerdose neben das Milchkännchen mitten auf den Tisch. Dann goß sie einen Strahl goldbrauner Flüssigkeit in jede der drei Tassen mit dem Rosenmuster ein.
»Maggie war immer schon belesen. Deswegen hat Pa auch darauf bestanden, daß sie aufs College ging.« Jessie, die Teekanne in der Hand, trat einen Schritt zurück und musterte ihre Schwester von oben bis unten. »Ich habe sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Vermutlich kann man sagen, daß sie sich nicht schlecht entwickelt hat.«
»Mein liebes Mädchen –« setzte Daniel herzlich an, brach dann aber ab und zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn, mit Jessie zu streiten. Sie schaute nie weiter als bis zum Ende ihrer Nasenspitze.
Als sie ihren Tee getrunken hatten, warf Jessie einen Blick auf die Uhr, die an der Brusttasche ihrer Jacke festgesteckt war.
»Drei Uhr. Beatrice wird gerade aus ihrem Mittagsschläfchen aufwachen. Ich bringe dich jetzt besser nach oben, damit du sie begrüßen kannst.« Sie stand auf. »Und denk daran, Maggie! Wenn wir allein sind, dann kannst du sie ruhig Beatrice nennen, aber in der Öffentlichkeit ist sie Mrs. Devereaux.« Margaret drückte voll Zuneigung die Schultern ihrer Schwester. »Jess, Liebes, ich bin kein solcher Dummkopf, wie du vielleicht glaubst.«
»Hmm... Dann komm nach oben. Beatrices Zimmer liegen im zweiten Stock und gehen auf den Garten hinaus.«
»Maggie! Nach all den langen Jahren! Ach, ist es nicht schön, dich wiederzusehen? Und wie du gewachsen bist! Schon eine richtig erwachsene Dame.«
Beatrice Devereaux, die mit siebzehn Jahren das heimatliche New York verlassen hatte, um in eine der reichsten und vornehmsten Familien Englands einzuheiraten, war ehrlich erfreut, ihre Gefährtin aus den Kindertagen wiederzusehen. Sie umarmte Margaret in einer Wolke aus blaßgelbem Satin und Spitzen, da sie sich nur ein Negligé über ihre Unterröcke geworfen hatte. Für den Mittagsschlaf hatte sie ihr Korsett abgelegt und noch nicht wieder angelegt. Ihr Körper, der sich eng an Margaret drückte, war weich und nachgiebig.
»Es ist schön, dich wiederzusehen, Beatrice. Und vielen Dank, daß du mir diese Stelle angeboten hast. Ich bin davon überzeugt, daß es Dutzende englischer Gouvernanten gibt, die weitaus passender gewesen wären.«
»Ich wollte keine englische Gouvernante als Lehrerin für meine Töchter. Ich wollte dich. Aber setz dich doch neben mich und erzähl mir, was es Neues gibt. Ich war tief betroffen, als ich vom Tod deines Vaters erfuhr. Onkel Herbie! Kannst du dich noch erinnern, daß ich ihn immer so genannt habe?«
Margaret, die sich neben Beatrice auf eine pinkfarbene Chaiselongue setzte, konnte einen Augenblick lang keine Antwort geben. Tränen traten ihr in die Augen und schnürten ihr die Kehle zu. Und dennoch, als sie zusammen mit Jessie im Zug nach Bath gekommen war, da hatte sie ganz ruhig über ihren Vater reden, sogar Einzelheiten über den Schlaganfall erzählen können, der ihn innerhalb weniger Stunden getötet hatte. Aber Jessie hatte nie wirklich viel für Herbert Dunham empfunden, so wenig wie er für sie. Jessie ähnelte mehr ihrer Mutter, die zehn Jahre zuvor gestorben war, und um die sie tief getrauert hatte. Es war Margaret, die ihrem Vater immer sehr nahegestanden hatte.
»Tatsache ist nun mal, daß Jess und ich uns auf die Nerven gehen«, hatte Herbert Dunham einmal halb entschuldigend gemeint. Das war zu der Zeit gewesen, als Coleman Smith, sein Vorgesetzter, zum erstenmal auf die Idee gekommen war, daß Jessie seine Tochter Beatrice nach deren Hochzeit nach England begleiten sollte. Herbert hatte sich schuldig gefühlt, da ihm dieser Vorschlag sehr entgegengekommen war.
»Pa, Jessie möchte genauso gerne gehen, wie du willst, daß sie geht«, hatte Margaret ihm versichert. »Sie und Beatrice sind gleich alt und waren schon immer enge Freundinnen.«
Zweifellos war das Haus in der Innenstadt New Yorks viel ruhiger geworden, nachdem Jessie es verlassen hatte.
»Frieden und Ruhe, mein Mädchen«, hatte Herbert Dunham gesagt und dabei an der alten Pfeife gezogen, die sein Urgroßvater aus England mitgebracht hatte, »Frieden und Ruhe, das allein ist wichtig.«
In Herbert Dunhams Leben hatte es von beidem nicht sehr viel gegeben. Als Sohn eines Minenarbeiters im Kohlenrevier von Pennsylvania hatte er seine Kindheit in bitterster Armut verbracht. Mit fünfzehn Jahren war er nach New York ausgerückt, wo er sich Arbeit in einer der Fabriken von Coleman Smith gesucht hatte. Seine schwache Gesundheit hatte ihn davor bewahrt, noch in die letzte Phase des Krieges zwischen Norden und Süden hineingezogen zu werden, und indem er bis zum Umfallen geschuftet hatte und seinem Arbeitgeber immer loyal ergeben war, war er die Karriereleiter immer weiter hinaufgeklettert, bis man ihm schließlich die Leitung der Fabrik in Brooklyn anvertraut hatte. Und Coleman Smith hatte – sowohl als Angestellter als auch als Mensch – eine so hohe Meinung von ihm gehabt, daß die beiden, trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft, enge Freunde geworden waren. Nach dem Tode von Florence Dunham waren Jessie und Margaret oft in das große Haus an der Fifth Avenue eingeladen worden, um mit dem einsamen und mutterlosen Mädchen zu spielen, das das einzige Kind des Multimillionärs war.
Und im Lauf der Zeit hing Beatrice Smith ebensosehr an den beiden Dunham-Mädchen wie ihr Vater; so sehr, daß sie, als sie Paul Devereaux heiratete und nach England übersiedelte, Jessie darum bat, sie als Zofe zu begleiten. Und als die ältere ihrer beiden Töchter alt genug war, um unterrichtet zu werden, da war es wiederum Margaret Dunham gewesen, die sie sich als Gouvernante gewünscht hatte. Paul Devereaux, der seiner Frau in inniger Liebe zugetan war und sich nur wenig für häusliche Angelegenheiten interessierte, hatte ihr gesagt, sie solle das tun, was sie für richtig hielt.
Das Stellenangebot war zwei Tage nach Weihnachten eingetroffen. Margaret hatte schon einen abschlägigen Bescheid formuliert und erklärt, daß sie ihren Vater nicht allein lassen könne und daß sie außerdem sehr zufrieden mit ihrer Arbeit als Lehrerin an einer Schule in der Bronx sei, als Herbert Dunhams plötzlicher Tod alles veränderte. Und so fand sie sich also vier Monate später in einer fremden, europäischen Welt wieder, in der nur Beatrice Devereaux und Jessie ihre einzigen Verbindungen zur Vergangenheit darstellten. Sie war verwirrt, hatte Angst, war aber fest entschlossen, es sich nicht anmerken zu lassen. Energisch drängte sie ihre Tränen zurück. Die nächste halbe Stunde verging wie im Flug und war ein einziges Weißt-du-noch? und Kannst-du-dich-noch-erinnern?, bis Beatrice auf die Uhr sah und einen Schrei der Bestürzung ausstieß.
»Jessie! Sieh nur, wie spät es ist! Schon halb vier, und ich bin um vier mit Olga verabredet. Schnell, mein Korsett! Ich ziehe das blaue Kleid mit der weißen Seidenbordüre an. Maggie, Liebes« – sie erhob sich von der Chaiselongue und hauchte dabei einen hastigen Kuß auf Margarets Stirn – »ich mache dich beim Tee mit den Mädchen bekannt. In der Zwischenzeit kann dir eine der Zofen dein Zimmer zeigen. Ich habe dich neben dem Kinderzimmer und neben Nanny Watkins untergebracht ... Nein, nicht diesen Hut, Jess. Den mit den Federn. Und meine Perlen und die Ohrringe mit den Diamanten. Du weißt doch, wie sehr die Russen Juwelen lieben.«
Margaret stand am Fenster ihres Zimmers und blickte über die engen Gärten und überfüllten Hinterhöfe der benachbarten Häuser. Sie hatte ausgepackt, sich gewaschen und umgezogen. Sie hatte auch, auf dem Bett liegend, versucht, etwas zu schlummern, aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Sie war es nicht gewohnt, nachmittags zu schlafen, und ihr Körper hatte sich noch immer nicht ganz auf den Zeitunterschied zwischen New York und England eingestellt.
Sie sollte eigentlich aufgeregt sein, sagte sie. Das hier war Bath, worüber sie so viel gelesen hatte. Jane Austen war durch diese Straßen gewandelt. Aus irgendeinem Ort in der Nähe war Sheridan mit Elizabeth Linley durchgebrannt. Und es gab ein Bath, das noch älter war und unter den eleganten Plätzen und Straßen voll georgianischer Häuser verborgen war: Das Aquae Sulis der Römer. Und wenn man noch weiter zurückging und die Legende von Bladud der Wahrheit entsprach, dann hatte es da im Jahre fünfhundert vor Christus ein prähistorisches Dorf gegeben ...
Margaret bewegte sich ruhelos. Das Gewicht von so viel Geschichte lastete schwer auf ihr: es kam ihr vor, als lebte man hier in einem Museum. Sie stammte aus einem jungen Land, in dem der Verlauf der Zeit in Jahrzehnten und nicht in Jahrhunderten gemessen wurde. Sie bemerkte, daß sie in den vergangenen Minuten ein Lied gesummt hatte, das ihr Vater ihr beigebracht hatte. Er hatte ihr so viele vorgesungen, als sie noch klein war. Sein Lieblingslied war immer die dröhnende »Battle Hymn of the Republic« gewesen. Sie konnte ihn jetzt direkt hören, wie er den Refrain sang: »Glory, glory Hallelujah! Our God is marching on!«
»O Gott!« dachte sie niedergeschlagen. »Ich habe Heimweh. Warum war ich überhaupt damit einverstanden, hierherzukommen?«
Die Tür öffnete sich, und Jessie kam herein.
»Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat. Ich wollte dir eigentlich beim Auspacken helfen. Aber fühle dich nicht gleich allzusehr zu Hause. Wir werden in ein paar Wochen zur Eröffnung der Saison nach London umziehen – obwohl es dieses Jahr bestimmt etwas ruhiger zugehen wird, da der Hof sich immer noch in Trauer wegen Königin Victoria befindet. Ich habe eine der Zofen gebeten, uns den Tee zu bringen. Wir werden es hier gemütlicher haben als unten in der Küche.«
Jessie war verstimmt. Sie mochte diese Aufenthalte in Bath nicht besonders, da das Haus zu klein war, um bequem alle Dienstboten unterzubringen, die die Devereaux’ bei sich hatten. Folglich war es Jessie nicht möglich, hier ein eigenes Wohnzimmer zu haben, das ihr ihrem Status nach eigentlich zustand. »Also, setz dich«, fuhr sie fort. »Es gibt noch eine Menge, worüber wir reden müssen.«
Margaret zog einen zerbrechlich wirkenden Stuhl mit zierlichen Beinen an das Bambustischchen heran, das neben dem Fenster stand. Im Kamin brannte ein Feuer, wofür sie dankbar war. Die Witterung im April war feucht und kühl.
»Wer ist die Frau, die Beatrice besucht?«
»Die Herzogin. Sie ist in Bath zur Kur. Die Herzogin von Leamington«, fügte Jessie ungeduldig hinzu, als Margaret nicht aufhörte, sie fragend anzusehen. Dann, als ihre Schwester sie immer noch verständnislos ansah, meinte sie: »Du meine Güte, Maggie! Du weißt doch sicher noch, daß der Herzog von Leamington Paul Devereaux’ Cousin ist!«
Margaret schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ich mich sehr für die Einzelheiten interessierte, als Beatrice heiratete. Ich war ja erst vierzehn. In diesem Alter hat man ganz andere Dinge im Kopf.«
Es klopfte an der Schlafzimmertür, und eine Zofe kam mit einem Tablett herein, das sie auf das Bambustischchen stellte. Außer einer dickbauchigen Teekanne mit dem passenden Milchkännchen und der passenden Zuckerdose waren da noch ein blauer Porzellanteller, auf dem einige Schnitten Sandkuchen mit kandierten Früchten und Scheiben eines vor Marmeladefüllung und Sahne überquellenden Biskuitkuchens lagen, und eine Tonschüssel voll Muffins, die vor Butter trieften. Alles war für eine typisch englische Teestunde vorhanden, wie man sie aus Büchern kannte, und Margarets Gefühl der Unwirklichkeit verstärkte sich noch mehr.
»Die Herzogin«, informierte Jessie ihre Schwester, als die Zofe den Raum verlassen hatte, »war vor ihrer Eheschließung mit dem Herzog eine russische Gräfin. Sie sind jetzt seit sechs Jahren verheiratet. Er lernte sie als Mitglied der offiziellen britischen Delegation kennen, die man zur Hochzeit des Zaren und der Zarin nach Sankt Petersburg entsandt hatte, aber ihr Vater war gegen die Verbindung, da sie russisch-orthodox, der Herzog aber Mitglied der Kirche von England war. Dann starb der alte Graf, und Olga wechselte ihre Religion. Sie ist ganz verrückt nach dem Herzog, obwohl er Jahre älter ist als sie und außerdem den Ruf hat, ein Frauenheld zu sein.« Jessie stopfte die Überreste eines Muffins in ihren Mund und tupfte sich die Butter vom Kinn. »Ihre jüngere Schwester, die Gräfin Anna Rastorgujewa, lebt bei ihnen. Eine richtige Zicke. Kann den Herzog überhaupt nicht ausstehen. Jetzt iß doch schon, Maggie! Du hast doch kaum etwas angerührt.«
»Ich habe keinen Hunger.« Maggie schob ihren Teller beiseite. »Jess, warum heiratest du Daniel Cooper?«
Jessie hielt in der Bewegung inne, als sie gerade dabei war, in ein Stück Biskuitkuchen zu beißen, und starrte ihre Schwester verständnislos an.
»Weil er um mich angehalten hat und weil er einen guten Ehemann abgeben wird. Ist das nicht der Grund, aus dem die meisten Frauen heiraten?«
»Ich dachte eigentlich, daß Liebe etwas damit zu tun hätte.«
Jessie schnaubte. »Wir sprechen hier über das wirkliche Leben, Maggie. Wir leben nicht zwischen den Buchdeckeln eines Romans.«
»Für mich hatte es den Anschein, als sei Paul Devereaux sehr in Beatrice verliebt gewesen, als er sie heiratete, genauso wie sie in ihn. Zumindest hatte ich den Eindruck, kann ich mich erinnern.«
»Wenn du reich und gutaussehend bist«, schnauzte Jessie, »dann kannst du dir den Luxus erlauben, dich zu verlieben. Aber wenn du so aussiehst wie ich, dann bist du einfach dankbar, wenn du ein respektables Angebot bekommst.« Sie betrachtete ihre Schwester nachdenklich. »Ich könnte mir denken, daß du mit deinem Aussehen deine Ziele etwas höher stecken könntest.«
Margaret rührte in ihrem Tee. »Warum heiratet Daniel dich?« fragte sie.
Einen Moment lang sah Jessie beleidigt aus; aber dann lächelte sie und zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich aus denselben Gründen, denke ich mir. Er ist nicht unbedingt Gerald du Maurier. Er ist sechsundzwanzig und möchte eine Familie gründen. Seine Mutter besitzt hier in Bath einen Süßwarenladen. Sie ist nicht ganz gesund und wünscht sich, daß Daniel das Geschäft übernimmt.«
»Du willst also in England bleiben?« Diese Erkenntnis traf Margaret wie ein Schock.
»Es ist meine Heimat geworden«, erwiderte ihre Schwester einfach. »Ich weiß, daß dir so ein Gefühl momentan wie Ketzerei vorkommen muß, aber du wirst dich wundern, wie schnell du dich hier einlebst.« Jessie warf einen Blick auf die Taschenuhr, die jetzt an ihrer weißen Schneiderbluse steckte. »Es ist noch Zeit für eine weitere Tasse Tee, bevor ich dich nach unten begleite. Nanny Watkins hat den Auftrag, die Kinder um Punkt fünf Uhr in den Salon zu bringen.«
Der erste Eindruck Margarets von ihrer Schülerin, die ernst neben ihrer Mutter auf dem brokatbezogenen Sofa saß, war der einer puppengleichen kleinen Gestalt – viel zu brav, um wahr zu sein; sie sah sich einer verschwenderischen Fülle blonder Ringellöckchen und einem weißen Rüschenkleidchen mit einer rosa Schärpe aus Satin gegenüber, und ein Paar enormer porzellanblauer Augen erwiderte klar ihren eigenen neugierigen Blick.
»Sie ist hübsch«, dachte Margaret, »aber das weiß sie auch.«
Beatrice stand hinter dem überladenen Teetischchen auf, um sie zu begrüßen. Es war mehr die Geste einer Freundin als die einer Dienstherrin und würde in den Dienstbotenquartieren sicher für Aufregung sorgen. Dennoch bemerkte Margaret sehr wohl, daß die Atmosphäre hier anders als oben war, und sie bemühte sich, Beatrice als »Mrs. Devereaux« anzusprechen.
Beatrice schob ihre älteste Tochter nach vorne. »Das ist India. India, Liebling, das ist Miss Dunham, die deine Gouvernante sein wird.«
India streckte die Hand aus und lächelte artig. »Wie geht es Ihnen, Miss Dunham?« Der Klang der Stimme war äußerst englisch und ohne jede Spur des Neuengland-Akzentes ihrer Mutter.
Margaret nahm die kleine Hand mit den Grübchen in die ihre. »Wie geht es dir, India? Ich hoffe, wir werden gute Freunde werden.«
In diesem Augenblick kam es zu einer Ablenkung. Die jüngere Tochter, Mareth, hatte das Interesse an der neuen Gouvernante dazu genutzt, der Aufsicht von Nanny Watkins zu entschlüpfen und steuerte nun den Teetisch und einen Teller mit Schokoladenplätzchen an. Während ihre dicken kleinen Händchen so viele davon ergriffen, wie sie halten konnten, und sie versuchte, sie alle auf einmal in den Mund zu stecken, traf eine zornige Zurechtweisung von Nanny Watkins ihren Zögling. Mareth fing Margarets Blick auf und begann zu kichern.
Beatrice lächelte nachsichtig. »Sie bringen sie besser nach oben, Nanny, und waschen ihr die Hände. Wir wollen doch nicht überall Schokolade an den Möbeln haben.«
Als Mareth unter Protestgeschrei aus dem Raum getragen wurde, kam Paul Devereaux herein, gefolgt von einem gedrungenen, trotzig aussehenden Mann von Mitte Vierzig, der kurzgeschnittenes graues Haar und tiefliegende Augen von einem undurchsichtigen, ganz besonders hellen Blauton hatte. Die Augen ließen Margaret an Kieselsteine denken, und sie geriet etwas aus der Fassung, als sie nach wenigen Augenblikken feststellen mußte, daß diese Augen unverwandt auf sie gerichtet waren.
Paul Devereaux kitzelte seine ungeratene Tochter unter dem Kinn. »Hallo, Klößchen. Was hast du denn angestellt? Warum bringen Sie sie weg, Nanny? Sie wissen doch, daß ich die Kinder zur Teezeit gerne hier habe.«
»Ihre Hände sind voller Schokolade, Paul«, erklärte Beatrice und nahm ihren Platz hinter dem Teetisch wieder ein. »Sie hat Schokoladenplätzchen gestohlen.«
Ihr Mann lachte und küßte Mareth auf ihr lockiges Köpfchen, während Nanny Watkins mißbilligend die Lippen schürzte. Ihrer Meinung nach waren Mr. und Mrs. Devereaux als Eltern viel zu nachgiebig, was sie auf den – um mit ihren Worten zu sprechen – »freizügigen amerikanischen Lebensstil« zurückführte.
Paul wandte sich an den Mann hinter sich und bat ihn, vorzutreten. »Ich habe Mr. Stafford Tee versprochen, bevor er geht, meine Liebe. Es hat uns viel Zeit gekostet, die Bücher der Longreach-Mine durchzugehen.«
»Selbstverständlich.« Beatrice schenkte dem Zechenleiter ihr freundlichstes Lächeln. »Bitte, nehmen Sie doch Platz, Mr. Stafford. Paul, mein Lieber, das hier ist Jessies Schwester, Margaret. Du weißt doch, sie ist heute angekommen.«
Dem Ausdruck auf Paul Devereaux’ Gesicht nach zu schließen war es offensichtlich, daß er es nicht nur vergessen, sondern auch noch Probleme hatte, sich zu erinnern, warum Margaret überhaupt da war. Sie streckte die Hand aus.
»Ich werde Indias Gouvernante sein, Mr. Devereaux. Ich werde mein Bestes tun, um Ihr in mich gesetztes Vertrauen nicht zu enttäuschen.«
Ihre Erinnerungen an Paul Devereaux waren sehr flüchtiger Natur; Erinnerungen, die auf kurzen Blicken beruhten, die sie während der Hochzeitszeremonie und später während des Empfangs in New York von ihm erhascht hatte. Aber ihr war der Eindruck eines hochgewachsenen, kräftig gebauten jungen Mannes geblieben, der breite Schultern und einen dicken, braunen Haarschopf hatte. Als er jetzt ihre Hand ergriff, stellte sie fest, daß er auch ein Paar wunderschöne graue Augen, ein kantiges Kinn, das auf einen festen Willen schließen ließ, den eigenen Weg zu gehen, und einen Händedruck hatte, dessen Kraft ihr fast die Finger brach. Er war ganz bestimmt nicht der schwächliche englische Aristokrat der Romane und Theaterstücke. Er sah mehr wie ein Farmer aus, dachte Margaret.
Paul Devereaux wiederum hatte sich, als er den Plänen seiner Frau zustimmte, Margaret Dunham aus Amerika zu holen, eine jüngere, gelehrtere Ausgabe von Jessie vorgestellt. Ganz bestimmt hatte er dabei kein rothaariges Mädchen mit funkelnden grünen Augen und einem ansteckenden Lächeln im Sinn gehabt. Es war schon seltsam, aber vielleicht war es gerade dieses Lächeln, das auf überströmende Vitalität und Sinn für Humor schließen ließ, das ihm noch viel mehr Unbehagen verursachte als Margarets andere, mehr ins Auge stechende Attribute. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Hugh Stafford sie anstarrte, als wäre er vom Blitz getroffen. Paul riß sich zusammen.
»Willkommen in England, Miss Dunham«, sagte er höflich und ließ ihre Hand los. »Ich hoffe, Sie hatten eine gute Überfahrt.« Margaret gab irgendeine höfliche Bemerkung zur Antwort, hatte später aber nicht die leiseste Ahnung, was sie gesagt hatte. Der alles beherrschende Gedanke in ihrem Kopf war der, daß in den ganzen einundzwanzig Jahren ihres Lebens kein Mann je einen solchen Eindruck auf sie gemacht hatte wie Paul Devereaux in dem kurzen Augenblick, in dem sie einander vorgestellt wurden. Hätte sie jemand noch vor einer halben Stunde gefragt, ob sie an Liebe auf den ersten Blick glaube, dann hätte sie voll Überzeugung geantwortet: »Nein!« Jetzt aber, plötzlich, war sie sich dessen nicht mehr sicher.
Die folgenden Wochen, bevor die Familie nach London zurückkehrte, waren ein Kaleidoskop an ungewohnten Geräuschen, Eindrücken und Emotionen. Es schien so vieles zu tun zu geben, so viele Namen mußte man sich merken, und an so viele Dienstboten mußte man sich gewöhnen.
»Ach Gott, Maggie!« rief Jessie hochmütig aus. »Verglichen mit Hill Street gibt es in der Pulteney Street kaum Dienstpersonal, und verglichen mit Latchetts sind es verschwindend wenige. Und falls du jemals Hawksworth, den Landsitz des Herzogs in Wiltshire, besuchen solltest, dann wirst du feststellen, daß die Devereauxs recht bescheiden leben.«
»Trotzdem scheinen es mir immer noch fürchterlich viele Leute zu sein, die nur dazu da sind, einen oder zwei Menschen zu bedienen«, warf Margaret ein. »Besonders, da die meisten von ihnen sich nur mühselig durchs Leben schlagen.«
Jessie schnalzte mit der Zunge. »Ich hatte gehofft, daß diese egalitären Ideen von Pa nicht auf dich abgefärbt hätten, Maggie Dunham, aber wie ich sehe, waren meine Bitten vergebens. Doch paß auf, was du sagst. Wir sind hier in England, wo jeder seinen Platz kennt.«
Margaret lächelte. »Mach dir keine Sorgen, Jess. Wenn schon Marx und Engels in diesem Land keine Revolution bewirken konnten, dann bin ich mir ganz sicher, daß Margaret Dunham das auch nicht schaffen wird.«
»Mark wer?« Jessie war mißtrauisch. »Wenn du dich jetzt schon in zweifelhafter Gesellschaft befinden solltest, Maggie ... Und rede nur nicht über Revolution. Sonst werden die Leute denken, daß du nicht richtig im Kopf bist.«
Margaret verzichtete darauf, ihre Schwester daran zu erinnern, daß es eine Revolution gewesen war, die zur Geburt Amerikas beigetragen hatte. Sie wußte, daß Jessie das nie begreifen würde, und außerdem wollte sie mit ihrer Zeit mehr anfangen, als sich auf fruchtlose Diskussionen einzulassen. Beatrice hatte klar zum Ausdruck gebracht, daß ihrer Absicht nach India, und später dann Mareth, im umfassendsten Sinn des Wortes erzogen werden sollten.
»Das ist der Grund, warum ich dich wollte, Margaret, Liebe, und nicht irgendeine steife, förmliche englische Gouvernante, die sich nur auf Anstand und gutes Benehmen konzentrieren würde. Selbstverständlich möchte ich, daß die Mädchen den Wert dieser Dinge schätzenlernen. Ich will bestimmt nicht ein Paar wilde Kinder großziehen. Aber ich will, daß sie auch noch etwas anderes im Kopf haben, als sich nur der Notwendigkeit bewußt zu sein, sich einen Ehemann zu angeln. Oh«, fügte sie mit einem schüchternen kleinen Lächeln hinzu, »ich bin wahrscheinlich gerade die Richtige, um so etwas zu sagen! Mit achtzehn schon verheiratet! Aber ich hatte auch großes Glück, so einen wunderbaren Mann kennenzulernen. Ich möchte, daß India und Mareth neben den gesellschaftlichen Umgangsformen auch Bildung mitbekommen. Es hat mir immer sehr leid getan, daß Papa die Ausbildung von Frauen als Zeitverschwendung erachtete. Maggie, du würdest es nicht glauben, wie unwissend ich bin. Aber einmal abgesehen von reinem Bücherwissen, ich möchte auch, daß die Mädchen noch andere Dinge sehen; sie sollen sich für das interessieren, was um sie herum vor sich geht, und sie sollen auch über die Vergangenheit Bescheid wissen. In Bath und London und Cornwall gibt es so viele interessante Dinge zu sehen. Du sollst dich bei deiner Arbeit nicht auf das Klassenzimmer beschränkt fühlen.«
»Und Mr. Devereaux? Denkt er ebenso wie du?« hatte Margaret gefragt.
»Er überläßt alle häuslichen Entscheidungen mir«, hatte Beatrice ausweichend geantwortet; und damit hatte Margaret sich begnügen müssen.
Während der restlichen Zeit ihres Aufenthaltes in Bath sah sie Paul Devereaux nur selten. Es war, als würde er ihr mit Absicht aus dem Weg gehen, so oft mußte Beatrice ihn bei ihren gelegentlichen Besuchen im Klassenzimmer oder im Kinderzimmer entschuldigen. Und sehr oft, wenn Margaret und Nanny Watkins die Kinder in den Stunden zwischen Tee und Dinner in den Salon brachten, war Paul nicht anwesend.
»Das wird sich ändern, wenn wir wieder in London sind, mein Liebling«, versicherte Beatrice der enttäuschten Mareth. »Papa hat immer sehr viel zu tun, wenn er in Bath ist.« Dennoch vertraute sie Jessie später an, daß sie ihn noch nie so beschäftigt erlebt habe. Es kam ihr in den Sinn, daß er Margaret nicht mögen könne und deshalb der neuen Gouvernante absichtlich aus dem Weg ging, aber sie verwarf den Gedanken wieder. Sie hatten sich ja kaum kennengelernt.
Trotzdem wollte die Idee ihr nicht aus dem Kopf, und eine Woche nach Margarets Ankunft, als sie im Bett lagen, zufrieden und schläfrig, nachdem sie sich geliebt hatten, da murmelte Beatrice: »Paul, Liebling, du hast doch nichts gegen Margaret Dunham, oder?«
Sie rekelte sich genüßlich, während sie sprach, und schlang ihre Beine um die seinen. Zu ihrer großen Überraschung hatte Beatrice den Geschlechtsakt von Anfang an sehr genossen, obwohl sie niemals erwartete, daß Paul dabei sein Nachthemd auszog, geschweige denn davon träumte, ihr eigenes auszuziehen. Totale Nacktheit erschien ihr sowohl unanständig als auch hemmungslos; aber je länger sie verheiratet war, desto stärker wurde die Vorfreude auf die Nächte. Tagsüber ertappte sie sich oft dabei, wie sie sich den Moment ausmalte, wenn beide endlich allein und zusammen im Bett liegen würden. Es stellte ihren Sinn für Ausgewogenheit zufrieden, daß Pflicht und Vergnügen Hand in Hand gehen sollten. Paul wünschte sich einen Sohn und Erben, und es war ihre Pflicht, ihm einen zu schenken, wenn sie konnte.
Paul drehte sich nicht um, um sie anzusehen, sondern starrte in die stickige, alles umhüllende Dunkelheit.
»Ich habe mir über Miss Dunham keine Gedanken gemacht, außer am Tag ihrer Ankunft«, log er. »Nein, ich habe nichts gegen sie, obwohl ich sie für ziemlich jung halte.«
»Sie mag ja jung sein, aber sie ist klug. Sie war schon immer clever, schon als sie noch klein war.«
»Dann ist ja alles in Ordnung.« Paul gähnte, gab ihr einen Gutenachtkuß und rollte sich auf seine Seite.
Aber nichts war in Ordnung. Er war sich Margaret Dunhams Anwesenheit im Haus ständig bewußt. Warum fand er sie nach so kurzer Bekanntschaft nur so beunruhigend? Er wußte, was sein Cousin Francis sagen würde.
»Das Schlimme an dir, mein Junge, ist, daß du zu früh geheiratet hast. Zwanzig Jahre ist doch kein Alter, um eine Familie zu gründen. Du hättest zuerst noch etwas vom Leben sehen sollen. Wenn du wild auf die Kleine bist, dann hole sie dir ins Bett. Ein paar Geschenke werden sie bei Laune halten.«
Aber Paul wußte, daß Margaret Dunham nicht das war, was der Herzog als »leichte Beute« betrachtete, noch hätte er sich das gewünscht. Er war Beatrice in den sieben Jahren ihrer Ehe nie untreu gewesen, eine erstaunliche Leistung in einer Gesellschaft, in der Ehebruch fast schon als alltäglich angesehen wurde. Er hielt es also für unvermeidlich, daß er früher oder später auf ein hübsches Gesicht hereinfallen würde; und Margaret Dunham war viel mehr als das. Sie war wie eine frische Brise, die durch ein behagliches, vertrautes Zimmer wehte ... Er durfte nicht an sie denken. Er liebte seine Frau und hatte sie immer geliebt, seit er Beatrice zum erstenmal vor neun Jahren, kurz nach dem Tod seines Vaters, auf seiner Reise nach New York gesehen hatte. Er rollte sich auf die andere Seite und umarmte Beatrice liebevoll.
Es war am letzten Tag im April, an dem Tag, bevor sie Bath verließen, um nach London zu fahren, daß Margaret Hugh Stafford zum zweitenmal traf. Das war auch der Tag, an dem sie die Herzogin von Leamington und ihre Schwester, die Gräfin Anna Rastorgujewa, kennenlernte.
Gegen Mitte des Vormittags streckte Betty Lewisham, das Mädchen, das für das Kinderzimmer zuständig war, ihren Kopf zur Tür des Arbeitszimmers im zweiten Stock herein, das Margaret als Klassenzimmer diente.
»Die Missis sagt, sie sollen Miss India um halb eins in den Salon hinunterbringen. Ihre Gnaden und die Gräfin kommen zum Lunch, und Miss India und Miss Mareth sollen ihnen guten Tag sagen. In Ordnung?«
»Ja, vielen Dank, Betty. Und Betty –!« Das Mädchen, das sich bereits zurückgezogen hatte, tauchte gehorsam wieder auf. »Hast du schon wieder geweint?«
Betty säuberte sich hastig die Nase mit dem Handrücken. »Nein, natürlich hab ich das nicht, Miss. Wie kommen Sie darauf?«
Das Kind konnte nicht älter als fünfzehn, höchstens sechzehn Jahre alt sein, dachte Margaret. Sie war dünn und hatte ein blasses Gesicht wie jemand, der mit minderwertiger Nahrung und zu wenig Licht und frischer Luft groß geworden war. Betty war aus London und wurde von der auf dem Land aufgewachsenen Nanny Watkins verachtet, die sie gnadenlos schikanierte, wann immer sie dazu Gelegenheit hatte.
»Hat Nanny dich wieder drangsaliert?« wollte Margaret wissen, doch das Mädchen wirkte verängstigt und schüttelte nur den Kopf. Sie würde sich nie über Nanny beklagen, denn an gute Stellungen kam man nur schwer heran, wie ihr ihre Mutter eingeschärft hatte, bevor sie von zu Hause weggegangen war.
»Paß bloß auf, daß du die Stellung behältst, du verdammte, kleine, nichtsnutzige Kröte! Ihr Mädels könnt euch nicht alle wie Damen aufführen, so wie deine verdammte Schwester.«
Jetzt sagte Betty: »Nein, Miss. Ich bin in Ordnung. Ehrlich.«
»Na gut, wenn du meinst ... Sag Nanny Watkins, daß ich mit India um halb eins fertig sein werde. Wir werden die Kinder dann zusammen nach unten bringen.«
Als sich die Tür hinter Betty schloß, sah India von ihrem Lesebuch auf und nickte weise. Sie war, wie Margaret herausgefunden hatte, recht frühreif für ihr Alter.
»Nanny drangsaliert sie wirklich, wissen sie, Dunny. Sie drangsaliert jeden.«
Der Spitzname »Dunny« hatte sich wie selbstverständlich aus dem förmlichen »Miss Dunham« der ersten Tage entwickelt. India hatte ihn ganz von selbst benutzt, und Margaret hatte sich sehr gefreut, da es doch darauf hindeutete, wie schnell sie von ihrem Zögling akzeptiert worden war. Ihr wiederum wuchs India jeden Tag mehr ans Herz, und sie entdeckte unter dem Gehabe aus kindlicher Selbstzufriedenheit ein warmherziges, im Grunde liebevolles kleines Mädchen.
»Drangsaliert sie dich und Mareth auch?«
»Ich glaube, sie würde gern, aber sie hat Angst, wir könnten es Mama sagen. Aber zu Betty kann sie sehr unfreundlich sein.« India schloß das Buch und lächelte. »Ich freue mich, daß du Tante Bällchen kennenlernst. Sie ist eigentlich nicht unsere Tante, da Onkel Francis Vaters Cousin ist, aber Mareth und ich nennen sie ›Tante‹, weil es höflicher ist, da sie doch so viel älter ist als wir. Ihre Schwester nennen wir auch Tante Anna, aber die ist schrecklich; ganz knochig, und sie sieht so aus.« India schnitt ein dünnes, säuerliches Gesicht. »Tante Bällchen ist ganz dick und lacht immer. Papa sagt, die beiden erinnern ihn an die fetten und mageren Jahre des Pharaos.«
»Das reicht, India.« Margaret versuchte, nicht zu lachen. »Ich bin sicher, dein Vater möchte nicht, daß das, was er gesagt hat, wiederholt wird. Jetzt schlag dein Buch wieder auf, machen wir mit dem Alphabet weiter.«
Als sie aber später India in das Wohnzimmer im ersten Stock begleitete, in dem Beatrice die Herzogin und die Gräfin Anna Rastorgujewa empfing, war Margaret sehr beeindruckt, wie zutreffend die Beschreibung von Paul Devereaux war.
Die Herzogin von Leamington war kaum ein Jahr älter als Beatrice, konnte aber leicht für eine Frau in den Dreißigern gehalten werden. Tief in einen geräumigen Sessel versunken, füllte sie ihn bis ins letzte Eckchen aus; eine Frau, die wie ein bequemes Kissen wirkte, feiste, dick beringte, rosa Hände, ein plumpes Gesicht mit Pickeln, die von zu vielen Leckereien herrührten, und schläfrige Augen mit weißen Lidern hatte. Sie sprach mit sanfter, gutturaler Stimme ein sehr gutes Englisch, das sie noch mit den schwebenden, trägen Gesten ihrer kurzen, dicken Arme unterstrich.
Die Gräfin Rastorgujewa war das absolute Gegenteil ihrer Schwester. Sie war gertenschlank, hatte ein schmales, aufgeschlossenes Gesicht; wie eine Knospe, die verblüht war, noch ehe sie zu einer Blume hatte werden können. Sie saß aufrecht auf einem harten Stuhl ohne Lehne, hielt den schmalen Rücken kerzengerade und den Kopf unbeweglich. Ihr dunkles Haar war akkurat in der Mitte gescheitelt und sauber über den Ohren festgesteckt. In ihren großen braunen Augen – ihren anziehendsten Attributen – lag nicht ein Funken Humor. Ihr einfacher grauer Mantel, ihr Rock und die gestärkte weiße Bluse standen in krassestem Gegensatz zu der mit Spitzen, Rüschen und Biesen überladenen Garderobe der Herzogin.
»Ah! Liebling!« rief die Herzogin aus, sobald sie India erblickte. »Komm sofort hierher und gib deiner Tante Bällchen einen Kuß. Der böse Onkel Francis ist nicht hier. Ich habe ihm gesagt: ›Komm zur Kur nach Bath‹, da er Rheumatismus hat. Aber nein! Er zieht es vor, in London zu bleiben. Er sagt, er habe sich um die Geschäfte zu kümmern.«
Die Gräfin gab ein hämisches Geräusch von sich und preßte ihre dünnen Lippen noch fester zusammen. Ihre Schwester brüllte vor Lachen.
»Ah, die Kleine denkt, er treibt sich sicher bei irgendwelchen Weibern in den Hurenhäusern herum«, verkündete sie mit entwaffnender Offenheit. »Und ich glaube, damit hat sie wahrscheinlich recht.«
Beatrice meinte scharf: »Olga, bitte! Denk an die Kinder!«
Die Herzogin kicherte und kniff Mareth in ihr rundliches Kinn. »Die Kinder, sie sind zu unschuldig, zu jung. Sie verstehen das nicht. Und wenn sie alt genug wären, um zu verstehen, dann würde ich ihnen bestimmt nichts erzählen, was sie nicht schon wüßten. So oder so, was ist daran schlecht?«
Margaret sollte noch erfahren, daß diese vernichtende Ehrlichkeit typisch für die Herzogin und in erster Linie dafür verantwortlich war, die Zuneigung ihres Mannes zunächst erweckt und dann auch gehalten zu haben.
»Olga nennt die Dinge beim Namen«, pflegte der Herzog bewundernd zu sagen. »Ich könnte niemals was mit diesen Weibern anfangen, die immer um den heißen Brei herumreden.«
Aber im Augenblick konnte Margaret nichts anderes tun, als fasziniert die Herzogin anzustarren, bis es Zeit für sie und die dünnlippige Nanny Watkins war, die Kinder zum Essen nach oben ins Kinderzimmer zu bringen.
»Ausländer!« murmelte Nanny, als sie Mareth auf ihr Stühlchen setzte und ihr einen Latz um den Hals band. »Der Herrgott hat einen Fehler gemacht, als er die Ausländer erschaffen hat.«
Margaret wußte nicht so recht, ob sie die Beleidigung persönlich nehmen sollte. Sie hatte bereits gelernt, daß viele Briten die Amerikaner als schurkische Engländer betrachteten, die wie die Eingeborenen lebten, genauso, wie die Adligen des Mittelalters die Anglo-Iren eingeschätzt hatten, die außerhalb ihrer Gesellschaft leben mußten. Sie hielt es für das beste, nichts zu sagen, obwohl sie fühlte, daß Nanny gehässig sein wollte.
Später an diesem Nachmittag schlenderten sie und India die Gay Street entlang. In Übereinstimmung mit Beatrices Wünschen gestaltete Margaret den Unterricht für das Kind so abwechslungsreich und interessant wie möglich. Heute hatten sie sich Bauwerke von Bath angesehen. Als sie schließlich wieder den Heimweg antraten, waren beide erschöpft.
An der Ecke zur George Street blieb Margaret stehen und warf einen Blick auf das Kind, das müde zu werden begann. Sie wollte Nanny Watkins keine Gelegenheit geben, sich zum x-ten Male darüber zu beklagen, daß all diese Ausflüge zu nichts Gutem führen würden.
»Soll ich dich ein kleines Stückchen tragen?« fragte sie.
India nickte und streckte die Arme aus.
»Erlauben Sie, Miss ... Miss Dunham, nicht wahr?« Und der Mann, der so lautlos hinter sie getreten war, setzte seinen Hut wieder auf, bückte sich und nahm India auf den Arm, als wöge sie nicht mehr als eine Feder.
Margaret drehte sich erstaunt um. »Oh ... Vielen Dank. Ja, ich bin Margaret Dunham. Und Sie sind ... Sie sind Mr. Stafford, Mr. Devereaux’ Aufseher in der Mine.«
»Leiter, Miss Dunham. Zechenleiter. Ich fühle mich geschmeichelt, daß Sie sich an mich erinnern. Gehen Sie zurück in die Great Pulteney Street?«
»Ja ... Mr. Stafford, bitte bemühen Sie sich nicht. Kommen Sie, geben Sie mir das Kind.«
»Sie ist viel zu schwer für Sie, und ich bin da viel geübter. Ich habe selbst einen Sohn.«
»Sie sind verheiratet?« Margaret verspürte eine Welle der Erleichterung, so, als ob dieser Mann mit den extrem hellen Augen sie auf seltsame Weise bedrohte.
»Ich bin Witwer. William, mein Sohn, ist ungefähr in Ihrem Alter.«
Sie bogen in die Milsom Street ein, und Margaret suchte nach Worten. Wieder übermannte sie ein seltsames Gefühl der Vorahnung. Sie erinnerte sich an die Art, mit der er sie an dem ersten Nachmittag nach ihrer Ankunft angesehen hatte. So intensiv, so ... so, ja wie eigentlich? So hungrig; ja, das war es. Sie hatte sich gefühlt wie Rotkäppchen vor dem Wolf.
Es paßte so gar nicht zu ihr, sich solchen nervösen Phantasievorstellungen hinzugeben. Sie blickte zu India hoch, die ganz ohne Anstrengung von starken Armen gehalten wurde und ihre kleinen Ärmchen zufrieden um den Hals von Hugh Stafford geschlungen hatte. Sie empfand offensichtlich keine Abneigung; und sagte man nicht, Kinder und Tiere hätten einen guten Instinkt?
»Haben Sie geschäftlich in Bath zu tun, Mr. Stafford?« Das Schweigen drohte gar zu drückend zu werden.
»Heute nicht. Ein Freund hat mir angeboten, sein Pony und seinen Wagen zu benutzen. Ich wollte eine alte Freundin von mir besuchen, Jane Cooper, Daniel Coopers Mutter.« Sie bogen in die Green Street ein. »Wir kommen jeden Moment an ihrem Süßwarenladen vorbei.«
»Sie kennen Mrs. Cooper?« Weder Daniel noch Jessie hatten das erwähnt.
»Wir sind seit mehr als zwanzig Jahren gute Freunde. Durch mich hat Daniel seine Stellung bei Mrs. Devereaux bekommen. Er wird Ihr Schwager, nicht wahr? Darf ich fragen, wann die Hochzeit sein wird?«
»Sie haben sich bis jetzt noch nicht entschieden ... Und da ist schon Mrs. Coopers Laden. Sie brauchen nicht weiter mitzukommen, Mr. Stafford. India kann von hier aus laufen. Es ist nicht sehr weit.«
»Ich werde jetzt laufen«, meinte India bekräftigend und strampelte, um auf die Beine gestellt zu werden. Sich an ihre guten Manieren erinnernd, fügte sie höflich hinzu: »Vielen Dank, Mr. Stafford.«
Hugh Stafford zögerte, als verabschiedete er sich nur ungern von ihnen. »Ich kann ebensogut den ganzen Weg mit Ihnen kommen.«
Aber India hatte sich schon freigezappelt, und Margaret hielt ihre Hand. »Es war sehr freundlich von Ihnen, Mr. Stafford, aber wir dürfen Sie nicht länger in Anspruch nehmen.«
Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Niederlage einzustekken. Er ergriff ihre ausgestreckte Hand und lüftete mit der anderen den Hut. Mit weiteren, hastig gemurmelten Dankesworten ließen Margaret und India ihn stehen.
Sie befanden sich bereits auf der Pulteney Bridge, die rechts und links von Geschäften gesäumt war, als Margaret rasche Schritte hinter sich hörte. Einen Augenblick später wurde ihr Name gerufen. Hugh Stafford, der vor Anstrengung ein rotes Gesicht hatte, streckte ihr eine Pralinenschachtel entgegen.
»Für Sie«, murmelte er verlegen; er drückte ihr die Pralinen in die Hand, als schämte er sich für das, was er tat. »Die teuersten im ganzen Laden. Das hat mir Mrs. Cooper versichert.«
»Mr. Stafford! Das kann ich nicht. Bitte, nein!«
Angesichts ihrer Ablehnung sah er so verletzt und verwirrt aus, daß Margaret anfing, Mitleid mit ihm und Ärger über sich selbst zu empfinden. Was war ihr nur so bedrohlich erschienen? Er war doch nur ein kräftig gebauter Mann, der sich in seinem glänzenden guten Anzug unwohl fühlte und dessen Hut unbequem auf seinem lockigen Haarschopf saß. So anmutig wie möglich nahm sie die Pralinen entgegen.
»Vielen Dank. Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber jetzt müssen wir wirklich gehen. Es ist schon fast Teezeit, und Nanny mag es gar nicht, wenn wir zu spät kommen.«
Der Umzug nach London nahm den ganzen nächsten Tag in Anspruch, und Margaret hatte keine Zeit, an ihre Begegnung mit Hugh Stafford zu denken. Dafür war sie dankbar. Trotz ihres momentanen Mitleids mochte sie ihn nicht. Sie konnte ihre Gründe nicht erklären; sie wußte nur, daß er sie abstieß. Zusammen mit Nanny Watkins, Betty Lewisham und den zwei Kindern fuhr sie im Zug nach London. Die Mädchen schliefen fast den ganzen Weg. Auch Nanny Watkins hielt ein kleines Nickerchen, und so ergriff Margaret die Gelegenheit, Betty Lewisham besser kennenzulernen.
Bettys Konversation beschränkte sich fast ausschließlich auf »meine Schwester Hilda«, und es stellte sich heraus, daß Hilda Lewisham, das älteste von fünf Kindern, die Stütze der Familie war, auf die alle anderen Mitglieder angewiesen waren. Während Mrs. Lewishams häufig wiederkehrender Krankheitsanfälle übte sie einen ausgleichenden Einfluß auf die jüngeren Geschwister aus. Diese Krankheit hatte, wie Margaret schnell diagnostizierte, mehr mit Mrs. Lewishams Besuchen im Pub als mit Unterernährung und Anämie, die wohl die Gründe dafür hätten sein können, zu tun.
Hilda hatte eine bessere Erziehung als ihre Brüder und Schwestern genossen. Das war einer alten Dame namens Mrs. Frensham zu verdanken, für die Hilda, kurz nach ihrem Abgang von der Schule, als Dienstmädchen gearbeitet hatte.
»In der Borough Street, da hat sie gewohnt, über einem der Läden. Ihr Mann war Metzger, aber Hilda hat immer gesagt, Mrs. Frensham hätte mehr Klasse. War ’ne richtige Lady. Unter ihrem Stand hat sie geheiratet, aber sie und ihr Mann waren glücklich wie die Schneekönige. Ihr war es immer egal gewesen, daß ihre Familie nichts mit ihm zu tun haben wollte.«
Mrs. Frensham hatte, wie es schien, Bücher besessen. »Ganze Regale voll, hat Hilda mir gesagt.« Betty schien erstaunt zu sein, daß ein Viertel wie Southwark tatsächlich jemanden hervorgebracht hatte, der um des Vergnügens willen las.
Hilda aber, die unbedingt ihre dürftige Volksschulbildung, die man ihr nur widerwillig zugebilligt hatte, erweitern wollte, hatte sich beharrlich durch Dickens und Fielding und Scott hindurchgelesen und dabei eine Welt der Phantasie für sich entdeckt, von der sie bis dahin nicht gewußt hatte, daß es sie überhaupt gab. Die praktische Mrs. Frensham hatte dafür gesorgt, daß ihr Schützling Unterricht in Buchhaltung und dem neumodischen Schreibmaschinenschreiben bekam, mit dem Ergebnis, daß Hilda nun einen Arbeitsplatz bei Bloomfield, den Diamantenhändlern in Hatton Garden, hatte. Ihre älteste Schwester war offensichtlich Bettys ganzer Stolz.
Margaret vermutete, daß Bettys Eltern ihr nur sehr wenig Freude bereiteten. Sie entlockte Betty die Information, daß Mr. Lewisham als Stukkateurgeselle arbeitete, dabei öfter arbeitslos als beschäftigt war, und, wie seine Frau, die schlechte Angewohnheit hatte, seine Sorgen im Pub zu ertränken. Mrs. Lewisham nahm jede Arbeit an, die sich ihr bot, wann immer ihre Gesundheit es ihr erlaubte.
»Manchmal geht sie ins Westend. Cherry Bruvvers in Covent Garden«, vertraute Betty ihr an, die ganz vergaß, daß London als Stadt für Margaret ebenso fremd war, wie New York es für sie gewesen wäre, »schält Erbsen und reißt abgelegte Kleider für das Savoy Hotel zu Putzlumpen. Manchmal geht sie auch ins Vic zum Putzen. Dort haben wir unsere Bettlaken her.«
Das »Vic«, so schien es, war die Kurzform für die Old Victoria Music Hall in der Waterloo Road, und Mrs. Lewisham kaufte dort die ausrangierten Dekorationsstoffe für einen halben Penny oder einen Viertelpenny, je nach Zustand, in dem sie waren. Dann wurden sie eine Woche lang in der Blechbadewanne der Familie eingeweicht, bis sie schließlich – nach zusätzlichem Bleichen – weich genug waren, in den wanzenverseuchten Betten im Hause Lewisham verwendet zu werden. Die Reihenhäuschen der schmalen Straße, in der Betty lebte, sollten bald abgerissen werden.
»Waren früher mal Aufseherhäuschen«, erklärte Betty fröhlich, als der Zug in Paddington einlief. »Die gehörten zum alten Marshalsea-Gefängnis. Das wurde abgerissen, um Platz für die Eisenbahn zu schaffen.« Dann half sie Margaret und Nanny, die vielen Reiseutensilien einzusammeln.
Eine Kutsche wartete schon, um die kleine Reisegesellschaft in die Hill Street zu bringen, aber als sie gerade das Haus betreten wollte, wurde Margaret von Nanny Watkins zurückgehalten, die Betty und die Kinder anwies, vorauszugehen. Die Kinderfrau preßte tadelnd die Lippen zusammen.
»Ich halte es Ihnen zugute, Miss Dunham, daß Sie Amerikanerin und noch nicht an unsere Sitten gewöhnt sind, aber man unterhält sich nicht mit Dienstboten der unteren Ränge. Sie haben vielleicht gedacht, ich hätte im Zug geschlafen, aber ich versichere Ihnen, ich habe nur meine Augen ausgeruht. Ich habe das meiste mitbekommen, was sich zwischen Ihnen und der Lewisham abgespielt hat. Wenn Sie sie weiter ermutigen, in diesem Ton mit Ihnen zu reden, dann setzen Sie dem Mädchen nur Flausen in den Kopf. Ich gebe Ihnen den guten Rat, das nicht zur Gewohnheit werden zu lassen.«
Margaret erwiderte ein, zwei Augenblicke lang nichts; dann sagte sie langsam und deutlich: »Sie müssen das bitte verstehen, Miss Watkins«, Nanny haßte es, wenn man sie nicht mit ihrem richtigen Titel ansprach, »aber ich schließe Freundschaft, mit wem ich will. Wenn Sie sich über mich beschweren wollen, dann wenden Sie sich bitte an Mrs. Devereaux. Wir werden dann sehen, was sie dazu zu sagen hat, und ich werde ihre Entscheidung abwarten.«
Paul, der neben Beatrice an der Tür zum Ballsaal der Hill Street stand, stellte fest, daß es schon fast Mitternacht sein mußte. Die Schauspieler und Schauspielerinnen trafen langsam ein.
Es war Mitte Juli, und die Saison war in vollem Gange. Der Ball heute abend war der erste größere Beitrag der Devereaux’ zu den vielen gesellschaftlichen Ereignissen, die von Mai an bis in den August hinein die Gesellschaft in Beschlag nahmen. Die Derby-Woche und Ascot lagen hinter ihnen; vor ihnen lag die Cowes-Woche und dann ein Jagdausflug nach Schottland. Beatrice war sehr besorgt gewesen, daß heute abend auch alles reibungslos abliefe, selbst wenn König Edward und Königin Alexandra nicht anwesend sein würden. Da man sich offiziell immer noch in Trauer wegen Königin Victoria befand, die im Januar gestorben war, schränkten Ihre Majestäten die Anzahl ihrer rein gesellschaftlichen Verpflichtungen etwas ein. In der Woche zuvor hatten sie mit Francis und Olga in der Mount Street diniert, hatten aber jede Einladung zu größeren Festlichkeiten abgelehnt. Trotzdem war der Ball der Devereaux’ noch immer von hohem Niveau; die Zahl der adeligen Gäste überstieg die der Politiker, und die Crème der Londoner Theaterwelt trug noch zu dem Glanz der ohnehin schon hochrangigen Gäste bei. Beatrice, die endlich ihren Posten an der Tür verlassen hatte und sich zu ihren Gästen im Ballsaal gesellen konnte, hatte allen Grund, sich zum Erfolg ihres Arrangements zu gratulieren. Sie sah heute abend – das wußte sie auch – umwerfend schön aus. Im Augenblick brachte sie mit ihrer sanften Stimme, der der leichte Neuengland-Akzent noch zusätzlichen Charme verlieh, gerade einen der impulsivsten und gesprächigsten Parlamentsabgeordneten zum Schweigen, während sie walzertanzend mit ihm durch den blumengeschmückten Ballsaal, der fast das gesamte Parterre des Hauses einnahm, schwebte.
Im ganzen Haus duftete es nach Rosen, nach roten und weißen, nach feuerfarbenen und gelben, die die Treppen, die Halle und den Speisesaal schmückten. Das Dinner für zwanzig Personen, das dem Ball vorausgegangen war, hatten die Köchin und die drei Küchenmädchen fast den ganzen Tag über am Herd in der im Keller gelegenen Küche vorbereitet, und es war von einem der bekanntesten Gourmets der Hauptstadt gerühmt worden. Alles hatte bestens geklappt und funktionierte immer noch reibungslos, dachte Beatrice. Sie sah Paul in einiger Entfernung und lächelte ihm über das Meer an Gesichtern hinweg zu. Das Orchester spielte einen weiteren Walzer, und sie sah, wie er sich über Anna Rastorgujewa beugte und sie zum Tanz aufforderte.
»Geben Sie mir die Ehre, Gräfin?«
Anna trug ein braunrotes Satinkleid, das ihr nicht stand und zu viel von ihren mageren Brüsten enthüllte. Mit ihr ins Bett gehen zu müssen, würde einer Strafe gleichkommen, dachte Paul. Wie wenig ähnelte sie doch Beatrice oder Margaret Dunham.
Er runzelte die Stirn. Er hatte eigentlich nicht Margarets Namen mit dem seiner Frau in Verbindung bringen wollen; und unbehaglich stellte er fest, daß er das nicht zum erstenmal getan hatte. Die Anwesenheit des Mädchens im Haus war unverändert beunruhigend für ihn.
»Ich tanze keinen Walzer«, erklärte die Gräfin. »Ich halte ihn für zutiefst unziemlich. Aber vielleicht die nächste Polka?« Und sie holte ihren kleinen Bleistift, an dem eine Troddel hing, und ihre goldumrahmte Tanzkarte hervor. Paul konnte sehen, daß sie fast leer war.
»Ja, natürlich. Es wird mir eine Freude sein. Bis dann ...«
»Müssen Sie schon gehen? Bitte ... setzen Sie sich doch, und plaudern wir ein bißchen.« Anna deutete auf den leeren, zierlichen Stuhl neben sich und wurde vor Verlegenheit ganz rot, überrascht von ihrer eigenen Kühnheit.
Es hätte Paul sehr verwundert und bestürzt, hätte er das ganze Ausmaß von Annas Gefühlen für sich gekannt; oder daß sie überhaupt etwas für ihn empfand. Er hatte in ihr immer nur einen Menschen gesehen, der zum Wohle seines Cousins, den er sehr gerne mochte, ertragen werden mußte. Es war ihm immer äußerst töricht vorgekommen, daß Francis sich mit dieser unattraktiven jungen Frau belastet hatte, um deren ältere Schwester heiraten zu können.
