Der Göttinger Stadtfriedhof - Heidemarie Frank - E-Book

Der Göttinger Stadtfriedhof E-Book

Heidemarie Frank

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Beschreibung

Seit 1881 dient der Stadtfriedhof als letzte Ruhestätte der Göttinger Bürger. Die Autorin führt durch den Friedhofspark und gibt anhand der Gräber Einblicke in das Leben von prominenten Persönlichkeiten und Nobelpreisträgern der Stadt, in ihre Beziehungen zu Göttingen und ihre Beziehungen zueinander. Auf diese Weise begegnen Rudolf von Jhering, Max Born, Otto Hahn, Georg Merkel, Wilhelm Weber, Lou Andreas-Salom, Max Planck u.a. dem Leser und einander. Entlang dieser Biografien entwirft Heidemarie Frank ein Panorama der Universitätsstadt, das sowohl dem einheimischen als auch dem auswärtigen Leser eine beeindruckende Aussicht präsentiert.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Heidemarie Frank

Der Göttinger Stadtfriedhof

Ein biografischer Spaziergang

Mit 23 Abbildungen und 1 Karte

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99867-1

© 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,

Theaterstr. 13, 37073 Göttingen /

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A.

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Blick auf die Parkanlage des Göttinger Stadtfriedhofs, Foto: © Reiner Frank, Göttingen

Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.deEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

Vorwort

Die alten Göttinger Friedhöfe

Georg Merkel

Friedrich Wöhler

Agathe von Siebold

Jacob Henle

Wilhelm Eduard Weber

Max Born

Rudolf von Jhering

Gottlieb Planck

Gerhard Leibholz

Felix Klein

Otto Wallach

Johann Emil Wiechert

Lou Andreas-Salomé

Richard Zsigmondy

Max von Laue

Adolf Windaus

Walther Nernst

Otto Hahn

Max Planck

Ludwig Prandtl

David Hilbert

Literatur

Danksagung

Bildnachweis

Vorwort

Der Stadtfriedhof gehört zu meinen frühesten Erinnerungen. Wir wohnten ein paar Schritte von ihm entfernt und gingen dort hin und wieder spazieren. Seine besondere Atmosphäre hat sich mir damals eingeprägt. Die dunkle Fichtenallee (heute stehen dort Birken) habe ich nie vergessen. Durch die Engel und andere Figuren, die immer wieder hinter Sträuchern auftauchten, war er für mich auf angenehme Art geheimnisvoll, aber nicht mit dem Tod verbunden. Vor meiner Einschulung zogen wir in ein anderes Stadtviertel und ich verlor den Friedhof über viele Jahre aus den Augen.

Als ich bei meiner Vorbereitung auf die Tätigkeit als Stadtführerin bemerkte, wie viele bedeutende Persönlichkeiten auf dem Stadtfriedhof und auch auf den beiden alten Gemeindefriedhöfen ihre letzte Ruhe gefunden haben, begann ich mich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen. Ich sah die attraktive Anlage an der Kasseler Landstraße mit ihren schönen alten Bäumen und Sträuchern, die im Frühjahr so wunderbar blühen, wieder vor mir. Die Möglichkeit, an den Gräbern Universitätsund Stadtgeschichte aus einem anderen Blickwinkel wiedergeben zu können, reizte mich. Ich begann mit der Ausarbeitung der Führung, und das Thema wurde im November 1994 in das Programm der Führungen des Göttinger Tourismus-Vereins aufgenommen.

Der Stadtfriedhof ist ein Ort voller Geschichte und Geschichten, viel mehr, als sich auf einem Rundgang schildern lässt. Manchmal begegnen mir Vorbehalte dem Ort und dem Thema gegenüber. Dann sage ich: »Ich erzähle vom Leben.«

Göttingen, im Mai 2017

Heidemarie Frank

Die alten Göttinger Friedhöfe

Um 1500 gab es in Göttingen elf »ehrliche« Friedhöfe. Sie umgaben die Gemeindekirchen St. Johannis, St. Jacobi, St. Albani, St. Marien und St. Nicolai. Dazu kamen die Begräbnisplätze des Dominikanerklosters in der Paulinerstraße, des Franziskanerklosters auf dem heutigen Wilhelmsplatz, der Hospitäler St. Crucis, St. Spiritus, St. Bartholomäi und der Georgskapelle. St. Bartholomäi war eine Stiftung des frühen 14. Jahrhunderts. Dieses Hospital diente der Unterbringung von Leprakranken und lag deshalb außerhalb der Stadt. Außerdem gab es einen Friedhof auf dem kleinen Freudenberg, dem heutigen Waageplatz, auf dem im Mittelalter wahrscheinlich Pesttote beigesetzt wurden. Wegen der Ansteckungsgefahr wurden an der Pest Verstorbene vor den Städten begraben. In Göttingen nutzte man dafür den unbesiedelten Bereich zwischen der alten Stadtmauer und der neuen Stadtbefestigung, dem Wall. »Unehrlich« Verstorbene wurden am Galgenplatz bei der Gerichtslinde an der Kasseler Landstraße beigesetzt. Als solche galten Hingerichtete, Selbstmörder, der Ketzerei Beschuldigte und Andersgläubige, die kein christliches Begräbnis erhielten. Die jüdische Gemeinde durfte sich 1550 wieder in Göttingen niederlassen. Ihr Friedhof lag wahrscheinlich schon damals nahe der Gerichtslinde, erstmals in einen Plan aufgenommen wurde er 1767.

1529 nahm Göttingen die evangelische Konfession an und die beiden Klöster wurden aufgelöst. Der Friedhof der Franziskanerkirche verlor seine Funktion. Die Kirche wurde u. a. als Zeughaus genutzt, verfiel zusehends und wurde 1820 im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Klosterbereichs und des späteren Baus der Aula abgerissen, wodurch ein freier Platz entstand. Die Gebäude des Dominikanerklosters blieben erhalten. Der Rat richtete dort die Münze ein, die später ins aufgegebene Franziskanerkloster umzog. Mit der anschließenden Einrichtung einer städtischen Brauerei im ehemaligen Dominikanerkloster in der Paulinerstraße scheiterte der Rat. Auch eine Bierschenke, die das beliebte Einbecker Bier verkaufte, hatte keinen Erfolg. Erst das Pädagogium, das dort 1586 einzog, sicherte den Erhalt der Gebäude. 1734 mußte es der gerade gegründeten Universität weichen, die diesen Standort noch heute nutzt. Der Friedhof wurde der Garnison zur Verfügung gestellt.

Mit der Reformation von 1517 änderte sich die Einstellung zu den Toten und den Bestattungsorten. Protestanten lehnten den mittelalterlichen Totenkult ab. Für sie war es nicht mehr wichtig, nach dem Tod den Heiligen nahe zu sein, was durch eine Beisetzung in oder bei der Kirche als gewährleistet galt. Der innerstädtische Kirchhof war ein Teil des öffentlichen Lebens und bot den Angehörigen die Möglichkeit, sich täglich um das Seelenheil ihrer Verstorbenen zu kümmern. Martin Luther brach mit dieser Tradition. Nicht dem Menschen, sondern Gott sei das Seelenheil der Verstorbenen anvertraut. Deshalb forderte er, »das Begräbnis hinaus vor die Stadt zu machen. Denn ein Begräbnis sollte ja billig ein feiner stiller Ort sein, der abgesondert wäre von allen Örtern, darauf man mit Andacht stehen und gehen könnte, den Tod, das jüngste Gericht und Auferstehung zu betrachten und beten«.1

Bis zur Verlegung der Friedhöfe vor die Stadt dauerte es in Göttingen aber noch gut 200 Jahre. Erst im 18. Jahrhundert rückten praktische Gründe, die dafür sprachen, in den Vordergrund. Die Kirchhöfe waren verwahrlost und überbelegt. Allein auf dem kleinen Friedhof des St. Crucis Hospitals an der Hospitalstraße wurden von Weihnachten 1625 bis Februar 1626 209 Tote begraben.2 1694 beschwerten sich Anwohner der Pauliner Straße: »welcher gestalt der also genannte Päbeler oder Paulinerkirchhof zum Pädagogio gehörig von itziger Garnison ungeachtet er gleichsam gepfropfet voller Leichen lieget demnach bey izigen häufigen sterben der Milice, da täglich nicht ein sondern zwey auch wohl mehr Soldaten und deren angehörige darauf begraben werden, immer mehr und mehr vollgescharret wirt, daß weil sie wegen der vorigen Särge, die noch nicht verweßet und worüber Sie die Ihrigen setzen müßen, nicht tief genug in die Erde kommen können, sondern kaum eine handbreit hoch Erde darüber werffen, die Leichen einen solchen gestank erregen, das wir uns in unsern Häusern kaum davor zu behalten wißen«.3

Geruchsbelästigung stellte sich natürlich erst recht bei Bestattungen im Kircheninneren ein. Auch Sorgen um die Hygiene wurden jetzt zur Argumentation herangezogen. Man machte sich Gedanken um das Grundwasser und damit um die Wasserversorgung der Bevölkerung. Es galt inzwischen als erwiesen, daß »die schädlichen Ausdünstungen«4 gefährlich waren. Dem wollte sich der größte Teil der Bewohner nicht mehr aussetzen.

Trotz allem gab es Widerstände gegen eine Verlegung der Friedhöfe. Die Pastoren hatten wegen der höheren Einnahmen nach wie vor ein starkes Interesse an Bestattungen in den Kirchen und auf den sie umgebenden Kirchhöfen. Bürger der Oberschicht wollten im Kircheninneren beigesetzt werden, um sich so von der Allgemeinheit abzuheben.

1734, im Jahr der Universitätsgründung, starben zwei neu zugezogene Dozenten. In einigen Universitäten Deutschlands wurde daraufhin davor gewarnt, nach Göttingen zu gehen. Das Wasser sei verseucht, weil man die Toten noch in der Stadt begrabe. Um den Erfolg der Universität nicht zu gefährden, wurden die Verhandlungen zur Verlegung der Friedhöfe auf Betreiben des Universitätskurators Münchhausen wieder aufgenommen. Pläne dazu soll es schon 1724, also zehn Jahre vor der Gründung der Universität gegeben haben, worüber es aber keinen schriftlichen Nachweis gibt. 1734 einigte man sich auf das Gelände des ehemaligen Bartholomäus-Hospitals an der Heer-Straße (jetzt Weender Landstraße). Dreizehn Jahre später konnte der Friedhof eröffnet werden. Er ersetzte die zentral gelegenen Kirchhöfe der Johannis- und Jacobigemeinde. Entlang der Straße ließ der Stadtrat Linden anpflanzen, die in Hamburg bestellt wurden, »weil dergleichen großblättrige Linden sich hiesiger Orthen herum nicht finden«5. Die Bepflanzung wurde von hygienischen, nicht ästhetischen Gesichtspunkten bestimmt. Linden sollten durch ihren Duft und ihre luftverbessernde Wirkung die Menschen vor den schädlichen Ausdünstungen aus den Gräbern schützen. Pappeln, die auf einem Stich vom Albanifriedhof (siehe S. 13) zu sehen sind, pflanzte man wegen ihrer Fähigkeit, tief zu wurzeln. Sie würden, so hoffte man, den Boden von den Verwesungssäften befreien.

Um dem Unmut der Bürger der Oberschicht zu begegnen, hielt man in der 1755 erlassenen Friedhofs- und Begräbnisordnung unter Punkt 1 fest: »Die freygelaßenen Stellen an denen vier Seiten der Mauer des Gottesackers wären denen Honoratioribus, Geistlichen, Magistrats und Militair Persohnen […] für ihre Leichen zu gönnen.«6 Damit schuf man für die »Honoratiori« die Möglichkeit, sich vom »Pöpel«, wie Professor Georg Gottlieb Richter sich in einem Schreiben an die Regierung in Hannover ausdrückte, abzugrenzen.7 Er ließ 1766 nach dem Tod seiner Frau einen Gruftbau an der westlichen Friedhofsmauer errichten.

Auf dem Albanifriedhof fand die erste Beerdigung am 1. Advent 1784 statt. Die Stadt hatte der Albani-, Nikolai- und Mariengemeinde sowie dem St. Crucis Hospital das Gelände auf der ehemaligen Bleicherschanze vor dem Wall zwischen dem Albani- und Geismartor zur Verfügung gestellt. Die Mitglieder der Mariengemeinde protestierten gegen den zu weiten Weg und setzten einen eigenen Friedhof nördlich der Casseler Chaussee (jetzt Groner Landstraße) an der Leine durch.

Alle drei Friedhöfe sind mehrfach erweitert worden. 1854, als Göttingen an das neue Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, mußte die Mariengemeinde einen Teil ihres noch nicht belegten Erweiterungsgeländes für den Bahnhofsbau der Eisenbahnverwaltung wieder abgeben. Ihr neuer Friedhof wurde dem Bartholomäusfriedhof angegliedert und der bisherige 1921 im Zuge der Leineregulierung aufgegeben.

Bis 1881 fanden auf dem Albanifriedhof 6 500 und auf dem Marienfriedhof 3 000 Bestattungen statt. Sowohl auf dem Bartholomäus- als auch auf dem Albanifriedhof sind heute noch Gräber von bekannten Göttinger Bürgern und Mitgliedern der Universität zu finden.

1851 schenkte der Kaufmann Ernst Vollmer der katholischen Kirche ein Gelände an der Weender Landstraße gegenüber dem Bartholomäusfriedhof für den ersten eigenen Friedhof. Die katholische Gemeinde, die nach der Reformation zunächst verboten worden war, durfte ab 1746 wieder Messen feiern. Ein Kirchenbau, der aber als solcher nicht erkennbar sein durfte, wurde ihr 1789 in der Kurzen Straße gestattet. Ihr Friedhof ist nicht mehr vorhanden. Er wurde 1963 im Zuge der Universitätsneubauten für das Geisteswissenschaftliche Zentrum eingeebnet.

C. A. Besemann, Aussicht vom Walle zu Göttingen gegen Mittag, 1804.

Die drei Friedhöfe reichten trotz mehrmaliger Zukäufe von Land für die wachsende Stadt bald nicht mehr aus. Oberbürgermeister Georg Merkel schrieb in seinen Erinnerungen: »Bei meinem Eintreffen in Göttingen fand ich nun alle Kirchhöfe in einem solchen Zustande der Überfüllung (Gebeine wurden fast bei allen Beerdigungen zu Tage gefördert), der Vernachlässigung, Unordnung und Verwilderung, daß der Pietät, wie der Sanität in unerhörter Weise Hohn gesprochen wurde.«8 Seine ursprüngliche Idee eines großen gemeinsamen kirchlichen Friedhofs mußte er wegen massiven Widerstandes aus kirchlichen, bürgerlichen und politischen Kreisen aufgeben. Daraufhin startete er ein heftig bekämpftes Verkoppelungsverfahren städtischer Parzellen in der Feldmark, suchte Grundstückszukäufe der Kirchengemeinden zu ihren Friedhöfen zu verhindern und thematisierte »bei jeder Gelegenheit die Thatsache der Ueberfüllung der Kirchhöfe« und »der Sanitätswidrigkeit der Zustände in Epidemiezeiten«.9 1877 stand ein ausreichend großes Gelände westlich der Gerichtslinde zur Verfügung. Die Stimmung der Bevölkerung, vor allem in universitären Kreisen, hatte sich inzwischen zugunsten eines neuen großen Friedhofs gewandelt. »Auch die katholische Gemeinde beerdigte nach anfänglichem Widerstreben, nachdem ihr kleiner Friedhof vollbesetzt war, ihre Dahingeschiedenen freundnachbarlich auf dem gemeinsamen bürgerlichen Friedhofe.«10 Planung und Ausgestaltung des Friedhofs lagen in Händen des Stadtbaurats Heinrich Gerber, für die Bepflanzung war der Stadtgartenmeister August Ahlborn zuständig. Stilistisch orientierte man sich an den neuen Parkfriedhöfen des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Am 15. Dezember 1881, dem Tag der ersten Bestattung, wurde der kirchenunabhängige städtische Central-Friedhof feierlich eingeweiht. Er umfaßte die Grabfelder 1–18 und hatte eine Fläche von 7,5 Hektar. Innerhalb der nächsten vier Jahre wurden der Albani- und Bartholomäusfriedhof und 1889 der Friedhof der katholischen Gemeinde geschlossen.

An der östlichen Seite des damaligen Haupteinganges des heutigen Stadtfriedhofs lag die Leichenhalle, die bis 1900 auch als Kapelle diente.

Die erste Leichenhalle Deutschlands war auf Betreiben des Arztes Christoph W. Hufeland, einem Schüler und Doktoranden Georg Christoph Lichtenbergs, 1792 in Weimar eröffnet worden.

Auf die Notwendigkeit einer Leichenhalle in Göttingen hatte der Stadtphysikus Adolf Ruhstrat den Magistrat der Stadt bereits in einem Schreiben vom Juli 1833 hingewiesen: »Auf den kürzlich mir in die Hände gefallenen Aufsatz von Hufeland, überschrieben der letzte Liebesdienst (1833) glaube ich das wohllöbliche Magistrats-Collegium aufmerksam machen zu müssen. Hufeland sagt nämlich darin: ›Die letzte Liebe, welche wir den Verstorbenen zu erweisen haben, besteht darin, daß wir uns nicht eher von ihnen trennen, als bis wir gewiß von ihrem Tode überzeugt sind. Das sicherste Zeichen des Todes ist die anfangende Fäulnis. Dazu gehören aber nicht, wie man gewöhnlich annimmt, 2 oder 3 Tage, sondern es können 8 und mehrere Tage darüber hingehen.‹«11

Zum selben Thema schrieb das Göttinger Wochenblatt vom 7. März 1840: »Ebenso dringend erscheint das Erforderniß eines Leichenhauses nicht bloß um durch dieses Institut die mögliche Gefahr des lebendig Begrabens zu entfernen, sondern auch, um den ärmeren Classen der hiesigen Einwohner, welche häufig, bei zahlreicher Familie, nur einen Wohnraum besitzen, der Noth zu überheben, bei vorkommenden Todesfällen in ihrer Familie bis zum Begräbnis der Leiche mit dieser in ein und derselben Kammer oft Tage lang zubringen zu müssen.«

Klingelvorrichtung zur Entlarvung eines Scheintoten, Zeichnung aus: Schwabe, Das Leichenhaus in Weimar, 1834.

Die erste Erweiterung des neuen Friedhofs wurde schon im Jahr 1900 notwendig. Sie erfolgte in Richtung Westen. Auch eine Kapelle, auf die man aus Kostengründen 1881 verzichtet hatte, wurde jetzt gebaut. Sie wurde nach dem Vorbild des Bismarckschen Mausoleums in Friedrichsruh bei Hamburg in byzantinisch-spätromanischem Stil errichtet.

Bis 1963 folgten sechs Erweiterungen und heute umfaßt der Friedhof 36 Hektar. Insgesamt haben ca. 65 000 Bestattungen stattgefunden. Seit der Eröffnung des Parkfriedhofs Junkerberg 1977 beläuft sich die jährliche Zahl der Bestattungen auf dem alten Stadtfriedhof auf durchschnittlich 200.

»Hoch oben gelegen, mit herrlicher Aussicht ins weite Leinetal und nach den umgebenden Bergen, verspricht dieser Begräbnißplatz, zumal wenn die Anpflanzungen erst weiter gediehen, einer der schönsten und durch berühmte Namen interessanten Friedhöfe zu werden.«12 Das war die Zukunft, die der Initiator Merkel am Eröffnungstag dem städtischen Central-Friedhof vorhersagte.

Auf dem folgenden biographischen Rundgang über den Stadtfriedhof werden einige bedeutende Göttinger Persönlichkeiten anhand ihrer Grabstätten vorgestellt. Die Göttinger Lebenswelten der Vergangenheit werden so vor dem Hintergrund des Friedhofs wieder ein Stück weit lebendig.

Anmerkungen

1 Zitiert nach Döring, Geschichte der alten Göttinger Friedhöfe, S. 97.

2 Vgl. Kühn, Göttingen im Dreißigjährigen Krieg, S. 656, Fußnote 11.

3 Zitiert nach Döring, Geschichte der alten Göttinger Friedhöfe, S. 99.

4 Ebd., S. 101.

5 Ebd., S. 105.

6 Ebd., S. 117.

7 Zitiert nach Döring, Grabmäler des 18. Jahrhunderts in Göttingen, S. 116 f.

8 Merkel, Erinnerungen, S. 52.

9 Ebd., S. 53.

10 Ebd., S. 54.

11 Zitiert nach Stadtarchiv Göttingen, Verhandlungen.

12 Merkel, Erinnerungen, S. 55.

Georg Merkel

7. Mai 1829 – 4. September 1898

»Dem Alten vom Berge«, wie Georg Merkel auch gern genannt wurde, haben die Göttinger es zu verdanken, daß sie im bewaldeten, schattigen Hainberg, statt auf kahlen, steinigen Hügeln spazieren gehen können. In den fünfundzwanzig Jahren, die er in Göttingen tätig war, hat er die Stadt in die Moderne katapultiert, hinterließ aber zum Kummer seines Nachfolgers Georg Calsow auch beträchtliche Schulden.

Merkel kam 1829 in Hannover zur Welt, wo sein Vater Karl Christoph Merkel als Schatzrat und Generalsekretär der zweiten Kammer der Hannoverschen Ständeversammlung tätig war. Der Beruf des Vaters brachte es mit sich, daß Merkel schon früh mit nationalliberalem Gedankengut in Berührung kam, was sich auf seinen späteren Lebensweg auswirken sollte. Er besuchte in Hannover das Ratsgymnasium und machte 1849 in Osnabrück sein Abitur. Wie sein Vater entschied er sich für das Jurastudium und schrieb sich an der Universität Göttingen ein, wo sein Onkel, der für seine Zerstreutheit bekannte Professor Georg Julius Ribbentrop, Rechtswissenschaften lehrte. Merkel soll dadurch aber keine Vorteile genossen haben, im Gegenteil, es heißt, sein Onkel habe ihm besonders viel abverlangt. Nach seinem ersten Staatsexamen 1852 folgte die praktische Ausbildung in der Verwaltung und am Gericht. Er erhielt überall gute Beurteilungen und legte 1855 die zweite Staatsprüfung ab. Die Tätigkeit bei Gericht hatte Merkel als »unerquicklich und unbefriedigend«1 empfunden, und deshalb entschied er sich für eine Laufbahn in der Verwaltung. Er fand eine Anstellung als Stadtsekretär der Königlichen Residenzstadt Hannover, eine Beschäftigung, die er, der sich politisch im liberalen und gemäßigt demokratischen Spektrum bewegte, länger als geplant ausüben mußte. »Ich hatte 1856 den städtischen Posten nur angenommen, um dort als junger Beamter den Communaldienst kennen zu lernen und praktisch mich volkswirtschaftlich auszubilden. Aber – der allmächtige Minister von Borries hatte ausdrücklich erklärt: ›Der Stadtsecretär Merkel als Mitglied des Nationalvereins wird niemals in irgendeinem Staatsdienst angenommen.‹ So war ich zehn Jahre lang an meine arbeitsreiche Stadtsecretärstelle und die widerwärtige, unglückselige, kleinstaatliche Oppositionspolitik gebannt, die damals mit Gefahren verknüpft war, welche jetzt der im politischen wie sozialen Wohlleben schwimmende Liberale gar nicht kennt«, schrieb er in seinen Erinnerungen von 1897.2 Gleich nach seiner Gründung 1859 war Merkel in den Deutschen Nationalverein eingetreten.

Im Januar 1856 hatte Merkel Sophie, die Tochter des Göttinger Chemieprofessors Friedrich Wöhler, geheiratet. Das Paar bekam fünf Töchter, von denen eine kurz nach der Geburt starb. Durch seine Schwiegereltern blieb Merkel seiner Studienstadt weiter eng verbunden. Franziska, die älteste Tochter, erinnerte sich gern an die Weihnachtsfeste bei den Göttinger Großeltern. Die Fahrten dorthin prägten sich ihr besonders ein. »Da mußten wir große Strecken über das ›große Wasser‹, so hießen für uns die Überschwemmungsstrecken zwischen Salzderhelden und Elze. […] Das Wasser stand oft zu beiden Seiten an den Schienen und schlug dann bis an die Räder hinauf.«3

Nach der Schlacht bei Langensalza 1866, die das Ende des Königreichs Hannover bedeutete, wurde Merkel von der Stadt Hannover und der preußischen Regierung für fünf Monate mit der Organisation und Verwaltung der Lazarette Langensalzas und der umliegenden Dörfer beauftragt. Zuvor war er nach dem Sturz des Ministers Borries 1865 in den Staatsdienst aufgenommen worden. Anfang 1867 trat er seine Stelle als Regierungsrat im Statistischen Amt in Berlin an und noch im selben Jahr wurde er Mitglied der neu gegründeten Nationalliberalen Partei.

Von Berlin aus bewarb Merkel sich erfolgreich auf die öffentlich ausgeschriebene Stelle des Syndikus in der Heimatstadt seiner Frau. Nach fünfzehn Jahren in der Verwaltung trat er am 24. September 1868 sein Amt als Göttinger Stadtsyndikus an. »So kamen wir für immer in das gute, alte Nest mit seinen schwebenden Öllaternen und seinem die Straßen unsicher machenden Rindvieh«, erinnerte sich seine Tochter Franziska.4 Sie bezogen zunächst ein Gartenhaus im Düsteren Eichenweg 15.

Merkel kam mit der Vorstellung, »daß diese Stadt hoher Intelligenz […] ausgestattet sein werde mit allen communalen Einrichtungen in vollkommenster Weise, so daß mir freie Zeit genug bleiben werde, um fleißig das abgebrochene Studium der Volkswirtschaft wieder aufzunehmen […]. Diese Hoffnung mußte ich aber nach wenigen Wochen völlig aufgeben, indem ich mich zu meinem Erstaunen davon überzeugen mußte, daß auch Göttingen und seine Verwaltung an der allgemeinen Versumpfung des deutschen Städtewesens seit dem dreißigjährigen Kriege leide, daß es ganz arm an communalen Einrichtungen auf allen Gebieten, und daß hier Alles zu schaffen sei bei beschränkten Mitteln.«5 Seine Anregungen scheiterten zunächst »vollständig an den kleinbürgerlichen Anschauungen der Vertreter der Bürgerschaft. […] Das ganze Jahr war ein thatenloses […]«6. Nur die Anstellung eines Stadtbaumeisters konnte er durchsetzen. Es war »der mir wohlbekannte Ingenieur Gerber aus Hannover«.7 Nach Abschluß seines Studiums hatte Heinrich August Anton Gerber in Paris, Rio de Janeiro und Madrid gearbeitet. Zurück in Hannover wurde er mit dem Bau der Bahnstrecke Göttingen – Dransfeld – Münden betraut. Zusammen mit ihm führte Merkel die Stadt in den kommenden gut zwanzig Jahren in die Moderne. Im Dezember 1870 wurde Merkel nach dem Tod des bisherigen Stadtoberhauptes Heinrich Wunderlich einstimmig zum Bürgermeister gewählt, im November 1885 wurde er zum Oberbürgermeister ernannt.

Das erste große Modernisierungsprojekt, dem er sich zuwandte, war der Bau einer Wasserleitung. Gutes Trinkwasser gab es nur im Reinsbrunnen, »der damals noch bei dem jetzigen kleinen Feuerteich8 als Quelle erschien und in ein Steinbassin endigte. Man stieg drei Stufen hinunter und konnte dann das Wasser schöpfen.«9 Doch der Weg dahin war weit. Deshalb kam der weitaus größte Teil des Wassers, sowohl zum Trinken als auch zu allen anderen Zwecken, aus den Pumpbrunnen in den Höfen und auf den Straßen. Als zwischen 1869 und 1871 in einigen Göttinger Stadtteilen Typhusfälle auftraten, ließ Merkel die Brunnen durch das chemische Institut seines Schwiegervaters Wöhler untersuchen. Die unmittelbare Nähe der meisten Brunnen zu den Aborten und Viehställen stellte sich als Ursache für die Verunreinigung des Wassers heraus. Die Ärzteschaft drang auf baldige Abhilfe, wobei sie von Merkel, der inzwischen von der Presse für die Todesfälle persönlich verantwortlich gemacht wurde, volle Unterstützung erhielt. Aber »die ganze ältere Generation, unter den bestehenden Verhältnissen alt geworden, hielt die Anforderungen der ›modernen Hygiene‹ für übertrieben und konnte zum Entschlusse des Baues einer Trinkwasserleitung […] nicht kommen«10. Ein weiterer Umstand half ihm dann aber doch, das Projekt in Angriff zu nehmen. Seit dem Mittelalter führte eine hölzerne Rohrleitung das Wasser aus der Reinsbrunnenquelle zu den beiden Brauhäusern in der Wenden- und Gronerstraße und zum Marktbrunnen. Sie bestand aus gebohrten Buchenstämmen aus dem Göttinger Wald und war an vielen Stellen undicht geworden. Als im Jahr 1872 Wasser besonders häufig in der Roten Straße und der Langen Geismarstraße austrat, wo die beiden heftigsten Widersacher gegen den Bau einer Wasserleitung wohnten, konnte Merkel zusammen mit Baurat Gerber die städtischen Kollegien endlich von der Notwendigkeit der Baumaßnahmen überzeugen. Gerber hatte die Pläne schon länger fertig, und man begann zügig mit dem Verlegen der Eisenrohre. Die erste Hauptleitung wurde von der Reinsquelle durch die Wenden- und die Rote Straße zum Marktplatz verlegt. Sie speiste einige öffentliche Brunnen und war mit Hydranten versehen, mit deren Hilfe Feuer schnell gelöscht und die Gossen gespült werden konnten. »Die Presse war des Lobes voll und so förderten der allgemeine Beifall und die Eifersucht der übrigen Stadttheile das große Unternehmen ungeahnt rasch.«11 Nachdem alle Straßen und danach die Häuser an die Wasserversorgung angeschlossen waren, wurden fast alle öffentlichen Brunnen stillgelegt. Als alle Haushalte aus der Reinsquelle versorgt wurden, reichte deren direkter Zufluß nicht mehr aus. Der Bau eines Wasserreservoirs am Ende des Hainholzweges, das 1877 in Betrieb genommen wurde, sollte dieses Problem lösen. Doch die Reinsquelle war nicht leistungsfähig genug, weshalb die Wassermenge schwankte und eine zuverlässige Versorgung nicht gewährleistet war. Daher suchte man in der Leineniederung nach hygienisch einwandfreiem Grundwasser und wurde östlich der Stegemühle fündig. Von dort wurde das Wasser mittels einer Pumpstation durch eine 3 000 Meter lange Rohrleitung in den Wasserbehälter am Hainberg gepumpt und führte, da es weicher war, zu einer Verbesserung der Wasserqualität.

Die nächste große Maßnahme war der Bau der Kanalisation. »Bisher liefen alle Abwässer aus den Küchen und Waschhäusern, aus den Spitälern, Schlachtereien, Brauereien, aus den Ställen in die offenen Gossen hinab in den Leinekanal. Da aber der Zustand der gepflasterten Gossen ein höchst mangelhafter war und mangels eines ordentlichen Gefälles, namentlich in den unteren Stadttheilen der Inhalt in den Gossen stagnierte und in den Boden drang, so stand Göttingen wegen seiner ›stinkenden Gossen‹ in schlechtem Rufe.«12 Auch die Abwässer der Universitätsinstitute und Kliniken wurden oberirdisch entsorgt. Die Hoffnung, die Straßen ausreichend mit Hilfe der Hydranten reinigen zu können, hatte sich nicht erfüllt. Sämtliche Brauchwasser und ein Teil des Regenwassers sollten durch ein unterirdisches Kanalsystem 3 100 Meter von der nördlichen Stadtgrenze entfernt in die Leine eingeleitet werden. Ausgenommen davon waren »die menschlichen und thierischen Auswurfstoffe, welche durch eine geregelte Abfuhr beseitigt werden sollen«13. Diese Arbeiten wurden 1884 begonnen und 1890 zum Abschluß gebracht. Anschließend wurden die Straßen neu gepflastert.

Schon während seiner Zeit als Syndikus hatte Merkel sich mit dem Thema Hainberg-Bewaldung beschäftigt, obwohl es nicht in seinen Arbeitsbereich fiel. Er bezeichnete die Bewaldung als seine »interessanteste aber auch schwierigste Aufgabe, die in Göttingen anzugreifen und vollkommen zu vollenden ich das seltene Glück hatte […] Um diesen Erfolg selbst ganz zu erleben, dazu gehört eben eine Seßhaftigkeit von etwa 30 Jahren an einem Orte.«14

Den kahlen Hainberg beschrieb Merkel folgendermaßen: »Der Anblick der Wüste ist kaum trost- und hoffnungsloser als der Blick auf die in brennender Sonne glänzenden öden, grauen Kalkhänge, welche unmittelbar vor den Stadttoren im Osten und Norden sich erheben.«15Calcaire de Goettingue nannte Alexander von Humboldt das Gestein des Hainbergs. Abholzungen im 14. Jahrhundert und Beweidung durch Kühe, Ziegen, Schweine und große Schafherden hatten diesen Zustand des Geländes oberhalb der Stadt verursacht. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte es mehrere Aufforstungsversuche gegeben, zunächst auf Initiative von Professoren und Studenten hin. Sie pflanzten 400 junge Eichen und versuchten es danach mit Buchen. Beides scheiterte. Schuld waren die schlechte Bodenqualität, aber vor allem die Beschädigung durch die Weidetiere und mutwillige Zerstörung durch die Viehhalter. Merkel schrieb 1897 von etwa dreißig »alten Herren«, die »Wind und Wetter, Thieren und Menschen zum Trotz, im 200. Semester stehen«16, und die als einzige die ersten Anpflanzungen überlebt haben, einige sogar bis heute.

Vorbild für eine erfolgreiche Aufforstung war für Merkel der Baumeister Rohns. »Der Mann hat gezeigt, wie man es anzufangen hat! Schafe fort und möglichst dicht pflanzen […].«17 Rohns hatte in der Nähe seines 1830 eröffneten Gasthauses auf einer vorspringenden Bergplatte am Rand des Hainbergs von der Stadt gegen einen jährlichen Erbzins ein steiniges, ödes Gelände erhalten, auf dem er ein Wäldchen anlegen wollte. Er fand die Schäfereien ab, baute eine Mauer um sein Gelände, bepflanzte es so dicht wie möglich und hatte damit Erfolg.

Merkel beschritt den gleichen Weg, hatte aber bis zur endgültigen Ablösung der Hut- und Weidegerechtsame große Widerstände zu überwinden. Es kam zu offener Feindschaft mit den Berechtigten, und in der Nacht nach dem entscheidenden Ablösungstermin im Jahr 1874 wurden in seinem Garten sämtliche Rosenstämme abgeschnitten.

Eine weitere wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Aufforstung war das Festhalten des Regen- und Schneewassers am Berg. »Häufige Beobachtungen lehrten, daß die kräftigsten Gewitterregen, auf die trocknen öden Kalkhänge fallend, ohne einzudringen rasch in die Molkengrund, Lange Nacht und Steinsgraben benannten Schluchten unter Mitnahme von guten Bodentheilen abliefen und in plötzlichen Bergströmen die ganze gelbe Wassermasse binnen einer halben Stunde zur Leine hinabstürzten […] Nach solchen Erfahrungen begriff ich das rasche, so viele Verwüstungen anrichtende Anschwellen der Leine und Weser wie aller großen deutschen Flüsse in den untern Läufen. Diese Verwüstungen verdanken die untern Flußbewohner solchen unvernünftigen Zuständen, wie sie, nach Entwaldung der Berge, ähnlich wie in Göttingen, fast im ganzen Oberlande zu beklagen sind.«18 In den Schluchten wurden an die achtzig Querdämme gelegt. »Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn man jetzt nach einem heftigen Regen die Schluchten, namentlich der Langen Nacht hinuntersieht und der Blick auf einer ganzen Reihe von blinkenden Wasserbassins ruht, in welchen das segenbringende Naß so lange steht, bis es allmählich in den Berg versinkt.«19 Zusätzlich wurden oben am Hang Querrillen gezogen, in denen das Wasser gestaut wurde und, wenn der Graben voll war, in die darunterliegende Rille rieselte. Dadurch wurde der Boden festgehalten, und es konnten sich erste Pflanzen ansiedeln. Auch die Quellen wurden durch diese Maßnahmen verstärkt und lieferten so mehr Wasser für die Versorgung der Stadt.

Am 11. April 1871 pflanzte Merkel im Beisein der Göttinger Schüler und der Turnerschaft die »Friedenseiche« in der Nähe des Reinsbrunnens. Mit diesem feierlichen Akt begann die Bewaldung des Hainberges. Gepflanzt wurde möglichst dicht, um den Boden zu beschatten, und vielfältig, vor allem mit Weichhölzern wie Erle, Akazie, Birke und an einigen Stellen Kiefern. So entstand im Laufe der Jahre eine ausreichende Humusdecke, die die spätere Anpflanzung von wertvolleren Nutzhölzern wie Ahorn und Esche ermöglichte. Endzweck aber war »der Buchenwald auf seinem Lieblingsboden, dem Kalkboden«20 Merkel wußte, daß sein persönlicher Einsatz für das Gelingen der Aufforstung notwendig war. Deswegen ging er jeden Morgen von Sonnenaufgang bis Dienstbeginn im Rathaus gegen acht oder neun Uhr mit Gartengerät auf den Berg, um die Arbeiten tatkräftig zu begleiten.

Auf seinen häufigen Spaziergängen in späteren Jahren im Hainberg ließ er sich gern von Agathe Schütte, geborene v. Siebold, der Jugendliebe von Johannes Brahms, begleiten. Dabei hatte er immer Samenkörner in seiner Tasche, die er in Bayern, Thüringen oder auch im Ausland gekauft hatte. Sie wurden auf den Lichtungen ausgesät, so daß man dort noch heute so seltene Blumen wie Alpenveilchen, Enzian, das Tausendgüldenkraut oder auch Orchideen finden kann. Auch der dort wachsende Waldmeister ist Merkel zu verdanken.21 Als schattiger Verbindungsweg zwischen dem Hainholzweg mit seinen Alleebäumen und dem Wald wurde 1880 an der Nordseite der heutigen Schillerwiese, die bis 1905 Ackerland war, die Kaiserallee angelegt.

Ein ähnlich schwieriges Unternehmen wie die Aufforstung war die Verkoppelung der Feldmark, die in 5 261 einzelne Parzellen zersplittert war. Auch hierbei hatte Merkel gegen starke Gegner anzukämpfen. Bei einer Sitzung mußte er sogar »Gensdarmen zuziehen und in einem anderen wilden Termine einen damaligen angesehenen Bürgervorsteher in erheblich steigende Geldstrafen nehmen!«22 Nach Abschluß der Maßnahme, die auch notwendige Voraussetzung für die Anlage des Stadtfriedhofs war, wünschte sich aber niemand die alten Zustände zurück.

Ab Mitte der siebziger Jahre wandte Merkel sich der Neuorganisation des Schulwesens zu. Das noch dem Mittelalter entstammende Gymnasium, das eine große finanzielle Belastung bedeutete, gab er an die preußische Regierung ab und konnte sich so der Förderung des Volksschulwesens widmen. Er hielt die Unterhaltung »dieser gelehrten hohen Schulen aus der Steuerkraft aller Bürger für eine Ungerechtigkeit, […] weil die oberen selbst sich besser zu helfen wissen«23. Es war ihm wichtiger, für die ärmere Bevölkerung zu sorgen. Deshalb wurden zunächst zwei neue große Schulgebäude gebaut, in denen die bisherigen »fünf kleinen dunkeln, schmutzigen Parochialschulen«24, die Schulen der einzelnen Kirchengemeinden, zusammengeführt wurden. 1879 konnte die östliche Volksschule (Albanischule) und 1880 die westliche Schule (Jahnschule) eingeweiht werden. Es folgten der Bau der Mittelschule an der Bürgerstraße und der Höheren Töchterschule an der Nikolaistraße.

Die neuen sauberen Gebäude mit Zentralheizung und guter Belüftung waren auch für die Gesundheit der Kinder von Vorteil. Auf das Thema Hygiene wurde inzwischen ein solches Augenmerk gelegt, daß die Universität einen Lehrstuhl eigens dafür eingerichtet hatte. Aber »was helfen alle diese hygienischen Einrichtungen, wenn nun in diese gesunden Räume schmutzige Kinder mit allen möglichen Infektionskeimen am Körper und in den Kleidern hineinkommen?!«25 Damit war die Idee des Schulbadewesens geboren. Als erste Schule Deutschlands wurde 1884 die Albanischule mit Duschen ausgestattet. Für diese Duschen entwickelte der Göttinger Kupferschmiedemeister Holzapfel einen Mischapparat für warmes und kaltes Wasser und erhielt dafür 1887 das Reichspatent Nr. 41189.26 Dem freiwilligen Duschen entzog sich bald kein Kind mehr. Auch die Kleidung der Kinder wurde gepflegter, denn »da darf es beim Ausziehen keine allzu schmutzigen Hemden geben. ›Das sehen sonst die anderen Kinder, der Badewärter, die Oberaufsicht führenden Lehrer und Lehrerinnen‹, das sind so die Worte der Kinder zu Hause – und die Eltern werden mit den Kindern erzogen, sie mögen wollen oder nicht; sie werden an ihrer schwächsten Seite der Eitelkeit und Eifersucht gegen ihre näheren und ferneren Nachbarn gefaßt. Wenige Familien sind so verhärtet, daß sie sich diesem indirect erziehlichen Einfluß zu entziehen vermöchten, höchstens solche, in denen der Branntwein seine Verwüstungen angerichtet und jede Regung von Ehrgefühl getödtet hat.«27 Zum Vorbild für andere Schulen wurde die Albanischule als Modellschule auf der Weltausstellung 1893 in Chicago gezeigt.

Merkel kümmerte sich des Weiteren um das Feuerlöschwesen, um den Bau eines Schlachthauses sowie als begeisterter Turner um das Errichten einer Turnhalle. Zudem wurde unter seiner Regie das Rathaus restauriert und der Stadtfriedhof angelegt, und schließlich setzte er sich für den Bau eines Theaters ein. Bis auf das Theater, dessen Bau der Berliner Architekt Gerhard Schnittger übertragen bekam, lagen alle Baumaßnahmen in den Händen von Baurat Heinrich Gerber.

Merkel hatte eine schuldenfreie Stadt übernommen, da König Ernst August verlangt hatte, daß nur das ausgegeben werden dürfe, was auch eingenommen wurde, weil kommunale Schulden nur schwer wieder abzutragen wären. Die von ihm veranlaßten Maßnahmen kosteten viel Geld, so daß er seinem Nachfolger Calsow einen großen Schuldenberg, aber auch eine aus dem Mittelalter in die Moderne geführte Stadt hinterließ.

Trotz seiner immensen Arbeitsbelastung war Merkel ein liebevoller Vater und Großvater. Hin und wieder nahm er seinen kleinen Enkel Fritz in das Rathaus mit, wo dieser dann mit am grünen Tisch im Sitzungsaal sitzen durfte. Auch als Bismarck mit dem Zug durch Göttingen fuhr, nahm der begeisterte Bismarckverehrer Merkel ihn mit zum Bahnhof. Tochter Franziska schilderte die Szene: »Großvater hielt Dich zu dem Fenster des Fürsten empor, und ich hörte, wie er Dich demselben vorstellte. Der große Mann ergriff eines Deiner kleinen Händchen und legte sie in seine Hand und hielt sie fest, so lange Großvater mit Bismarck sprach.«28

Im Herbst 1893 ließ sich Merkel, der inzwischen gesundheitliche Probleme hatte, pensionieren. Kurz vor seinem Tod wollte er noch einmal von seinem Berg und den Bäumen Abschied nehmen. Er ließ sich von Stadtgartenmeister August Ahlborn die Kaiserallee hinaufbegleiten, schaffte es aber nur bis zur Mitte. »Führen sie mich wieder zurück,« sagte er mit feuchten Augen, »es geht nicht mehr; ich komme nicht mehr hinauf.«29 Am 4. September 1898 verstarb Georg Merkel im Alter von 69 Jahren. Er wurde bei seiner dreizehn Jahre vor ihm verstorbenen Frau Sophie beigesetzt. Daneben befindet sich die Familiengrabstätte seines Schwiegervaters Friedrich Wöhler, und auch seine Tochter Franziska und deren Ehemann Julius Rosenbach fanden 1936 und 1923 dort ihre letzte Ruhe.

Die Göttinger Bürger legten Merkel als letzten Gruß Tannen- und Eichengewinde aus seinem geliebten Hainberg auf sein Grab.

Anmerkungen

1 Queisser, Der Sprung ins 20. Jahrhundert, S. 61.

2 Merkel, Erinnerungen, S. 9.

3 Zitiert nach Rosenbach, Erinnerungen, S. 8 f.

4 Ebd., S. 53.

5 Merkel, Erinnerungen, S. 3.

6 Ebd.

7 Ebd., S. 3 f.

8 Östlich des Schwänchenteichs.

9 Rosenbach, Erinnerungen, S. 11.

10 Merkel, Erinnerungen, S. 19.

11 Ebd., S. 21.

12 Ebd., S. 26.

13 Ebd., S. 27.

14 Ebd., S. 91.

15 Ebd., S. 93.

16 Ebd., S. 99.

17 Grabenhorst / Saathoff, Göttingen, die Universitätsstadt im Grünen, S. 95.

18 Ebd., S. 94.

19 Ebd., S. 95.

20 Ebd., S. 99.

21 Vgl. Michelmann, Agathe von Siebold, S. 291 u. Brieke, Georg Merkel und seine Zeit, S. 53.

22 Merkel, Erinnerungen, S. 33 f.

23 Ebd., S. 41.

24 Ebd., S. 85.

25 Ebd., S. 82.

26 Vgl. Tageblatt vom 29.12.1989.

27 Merkel, Erinnerungen, S. 86.

28 Zitiert nach Rosenbach, Erinnerungen, S. 72.

29 Zitiert nach Tecklenburg, Der Göttinger Hainberg, S. 34.