Der große Fisch - Günter Dönges - E-Book

Der große Fisch E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Es dauerte genau zwei Tage, bis die Dinge endlich in Fluß gerieten. Butler Parker stand am Fenster der billigen Pension, in der er Quartier bezogen hatte, und beobachtete das junge, gutgewachsene Mädchen, das auf der anderen Straßenseite stehenblieb und sich die Pension genau betrachtete. Butler Parker besaß einen gut ausgebildeten Instinkt. Er wußte in diesem Augenblick, daß das Mädchen in wenigen Sekunden die Fahrbahn überqueren und die Pension betreten würde. Noch aber blieb es stehen, griff in die rechte Tasche seines Mantels und holte einen Zettel hervor, den es aufmerksam studierte. Der Butler hatte inzwischen sein Fernglas vor die Augen genommen und holte sich das Gesicht des jungen Mädchens ganz nahe heran. Es war ein unfertiges, aber dennoch apartes Gesicht. Das Make-up war etwas zu dick aufgetragen worden, die Lippen zu breit geschminkt. Das Mädchen legte offensichtlich Wert darauf, älter zu wirken, als es tatsächlich war. Es hatte inzwischen wohl die Adresse auf dem Zettel mit der Hausnummer der Pension verglichen. Es gab sich einen inneren Ruck und überquerte nun tatsächlich die Straße. Nach wenigen Sekunden hatte es den Gesichtskreis des Butlers verlassen. Josuah Parker, der original englische, hochherrschaftliche Butler, der Amateurdetektiv aus Leidenschaft, entfaltete sofort eine wohlüberlegte Tätigkeit. Er öffnete die schwarze, altertümlich wirkende Ledertasche, die auf dem Kofferhocker stand, und holte ein Tonbandgerät hervor, das nicht größer als eine Zigarrenkiste war. Geschickt und sicher hantierte er mit einigen Kabeln und heftete schließlich ein hochempfindliches Saugmikrophon an der Wand fest. Er drückte einige Schalttasten herunter und sorgte dafür, daß er die Aufnahme gleich mithören konnte. Er drehte den Lautstärkeregler so weit zurück, daß man draußen auf dem Korridor kein Geräusch hören konnte. Josuah Parker ging vorsichtig zur Zimmertür und vermied die beiden ausgetretenen Dielenbretter, die bei der geringsten Belastung zu ächzen und zu quietschen pflegten. Kaum hatte er die Tür erreicht, da waren bereits draußen auf dem Korridor leichte Schritte zu hören. Josuah Parker hätte zu gern die Tür geöffnet und sich vergewissert, daß er es wirklich mit dem Mädchen zu tun hatte, aber er durfte in diesem Moment nichts riskieren.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der exzellente Butler Parker – 82 –Der große Fisch

Unveröffentlichter Roman

Günter Dönges

Es dauerte genau zwei Tage, bis die Dinge endlich in Fluß gerieten. Butler Parker stand am Fenster der billigen Pension, in der er Quartier bezogen hatte, und beobachtete das junge, gutgewachsene Mädchen, das auf der anderen Straßenseite stehenblieb und sich die Pension genau betrachtete.

Butler Parker besaß einen gut ausgebildeten Instinkt. Er wußte in diesem Augenblick, daß das Mädchen in wenigen Sekunden die Fahrbahn überqueren und die Pension betreten würde. Noch aber blieb es stehen, griff in die rechte Tasche seines Mantels und holte einen Zettel hervor, den es aufmerksam studierte.

Der Butler hatte inzwischen sein Fernglas vor die Augen genommen und holte sich das Gesicht des jungen Mädchens ganz nahe heran. Es war ein unfertiges, aber dennoch apartes Gesicht. Das Make-up war etwas zu dick aufgetragen worden, die Lippen zu breit geschminkt. Das Mädchen legte offensichtlich Wert darauf, älter zu wirken, als es tatsächlich war. Es hatte inzwischen wohl die Adresse auf dem Zettel mit der Hausnummer der Pension verglichen. Es gab sich einen inneren Ruck und überquerte nun tatsächlich die Straße. Nach wenigen Sekunden hatte es den Gesichtskreis des Butlers verlassen.

Josuah Parker, der original englische, hochherrschaftliche Butler, der Amateurdetektiv aus Leidenschaft, entfaltete sofort eine wohlüberlegte Tätigkeit. Er öffnete die schwarze, altertümlich wirkende Ledertasche, die auf dem Kofferhocker stand, und holte ein Tonbandgerät hervor, das nicht größer als eine Zigarrenkiste war. Geschickt und sicher hantierte er mit einigen Kabeln und heftete schließlich ein hochempfindliches Saugmikrophon an der Wand fest. Er drückte einige Schalttasten herunter und sorgte dafür, daß er die Aufnahme gleich mithören konnte. Er drehte den Lautstärkeregler so weit zurück, daß man draußen auf dem Korridor kein Geräusch hören konnte.

Josuah Parker ging vorsichtig zur Zimmertür und vermied die beiden ausgetretenen Dielenbretter, die bei der geringsten Belastung zu ächzen und zu quietschen pflegten.

Kaum hatte er die Tür erreicht, da waren bereits draußen auf dem Korridor leichte Schritte zu hören. Josuah Parker hätte zu gern die Tür geöffnet und sich vergewissert, daß er es wirklich mit dem Mädchen zu tun hatte, aber er durfte in diesem Moment nichts riskieren. Noch mußte er sich in Geduld fassen.

Parker hatte gerade das Tonbandgerät wieder erreicht, als der Kontroll-Lautsprecher deutlich Klopfzeichen aufzeichnete. Der Butler regulierte noch einmal den Lautsprecherregler und ließ sich auf dem Hocker neben dem Gerät nieder. Nun war er in der Lage, die Unterhaltung im Nebenzimmer aufzunehmen. Und auf solch eine Unterhaltung war es ihm angekommen, dafür hatte er zwei Tage geduldig gewartet.

»Momentchen, wer ist denn da …?« sagte eine weiche, glatte Stimme. Ein Stuhl wurde gerückt, dann erklangen im Kontroll-Lautsprecher Katzenhaft weiche Schritte. Sekunden danach wurde ein Türriegel beiseite geschoben.

»Hallo …!« sagte die weiche, glatte Stimme, »nett, daß Sie gekommen sind. Nein, nein, keine Angst, ich beiße nicht …! Sie sind …?«

»Helen Canters«, erwiderte eine Mädchenstimme, die dunkel ja sogar etwas rauh gefärbt war, »May hat mich geschickt.«

»Sehr schön, Momentchen, ich will noch schnell die Tür schließen. Aber so setzen Sie sich doch …! Fühlen Sie sich wie zu Hause.«

Josuah Parker hatte das Gefühl, daß der Kontroll-Lautsprecher zu laut geworden war. Er regulierte den Ton und rückte noch näher an den Lautsprecher heran. Er wollte jedes Wort, jede Klangfärbung der Stimmen mitbekommen.

»Ich habe nicht viel Zeit, Mister …?«

Die Mädchenstimme hielt inne, wartete wohl darauf, daß der Mann seinen Namen nannte.

»Ich bin Mike Ledgers«, stellte sich der Mann vor, »na, wir werden uns in Zukunft ja wohl häufiger sehen, wie?«

»Ich habe nicht viel Zeit, Mister Ledgers …«

»Sagen Sie doch ruhig Mike zu mir, Helen. Und für einen Drink wird es ja wohl noch reichen, oder?«

»Ich kann nicht lange von zu Hause wegbleiben.«

Helen Canters Stimme war etwas ängstlich geworden. Dem Mädchen schien es nicht zu gefallen, allein mit diesem Mann im Zimmer zu sein. Es wollte gewiß so schnell wie möglich wieder fortgehen. Aber Mike Ledgers, wie sich der Zimmernachbar von Butler Parker nannte, hantierte bereits mit Flasche und Gläsern. Josuah Parker konnte deutlich das Klirren von Glas unterscheiden. Das Saugmikrophon arbeitete erstklassig. Es zeichnete selbst feinste Klangnuancen hinter der Trennwand des Zimmers auf.

»So, trinken wir auf eine gute Freundschaft und Zusammenarbeit«, war die Stimme Mike Ledgers’ wieder zu vernehmen, »nein, nein, Sie müssen das Glas leertrinken, Helen.«

»Ich vertrage keinen Alkohol«, protestierte Helen Canters, »kann ich jetzt die … Sachen bekommen?«

»Du lieber Himmel, Sie haben es aber eilig«, erwiderte Mike Ledgers auflachend, »aber ich will mich nicht aufdrängen.«

Seine Schritte waren auf den Dielen des Nachbarzimmers zu hören. Sie waren genauso schadhaft wie die in Parkers Pensionszimmer.

»Haben Sie das Geld mitgebracht?« erkundigte Mike Ledgers sich.

»Natürlich, so war es doch vereinbart, Mister Ledgers.«

»Schön, und hier ist die Ware, Kleines, Aber ich bitte mir Vorsicht aus, haben Sie mich verstanden? An wen wollen Sie es denn Weiterverkäufen?«

»Damit befasse ich mich nicht. Mein Bruder hatte mich darum gebeten, zu Ihnen zu gehen. Er ist krank.«

»Ja, ich weiß …!«

Nun schwieg der Kontroll-Lautsprecher für wenige Sekunden. Dann allerdings war plötzlich ein Keuchen und ein angstvolles Stöhnen zu vernehmen. Bruchteile von Sekunden später schien dem Geräusch nach eine recht harte Ohrfeige verabreicht worden zu sein.

»Lassen Sie mich jetzt bitte gehen«, sagte Helen Canters mit spröder, nach Atem ringender Stimme.

»Das hättest du besser nicht getan, Kleines«, erwiderte Mike Ledgers, und seine Stimme klang nun nicht mehr weich und glatt. Ein Unterton von Gehässigkeit war nicht zu überhören.

»Öffnen Sie sofort, oder ich schreie um Hilfe …!«

Helen Canters war nun sehr energisch geworden. Sie schien zur Tür zu gehen, denn die Dielen im Nebenzimmer quietschten erneut.

»Also schön, vermeiden wir einen Skandal!« sagte Mike Ledgers jetzt mit glatter und fast weicher Stimme, »falls Ihr Bruder neue Ware braucht, soll er mich anrufen, Falls Sie mal was Besonderes brauchen sollten, Kleines, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Sie werden bestens bedient werden.«

Eine Antwort blieb aus. Die Türangeln waren zu hören, dann ertönten draußen auf dem Korridor wieder leichte Schritte. Helen Canters ging.

Butler Parker ging nicht zum Fenster, um Helen Canters zu beobachten. Er ließ das Tonbandgerät eingeschaltet. Möglicherweise konnte er noch weitere Informationen einfangen.

Er sollte sich nicht getäuscht haben.

Mike Ledgers wählte bereits eine Telefonnummer. Sekunden danach meldete er sich.

»Ich brauche Jeffy«, sagte er, »beeilt euch …!«

Butler Parker war gespannt, was sich nun tun würde. Er gratulierte sich aber schon jetzt zu dieser Tonbandaufnahme. Die Ausbeute war recht aufschlußreich. Sie ersparte zumindest sehr viel Lauferei und Ermittlungsarbeit.

»Na endlich, Jeffy«, sagte nun Mike Ledgers, »die kleine Canters war gerade hier. Wie …? Natürlich habe ich sie in Ruhe gelassen. Nein bestimmt … Schließlich habe ich andere Sorgen, als mich mit einem Teenager abzugeben. Ich habe ihr die Ware gegeben, und sie wird das Zeug nun zu ihrem Bruder bringen. Das Geld hat sie hiergelassen. Jetzt kommt es auf euch an. Wo ihr sie abschnappen könnt, wißt ihr besser als ich. Natürlich werde ich hierbleiben und warten. Dann kann ich sie in die Zange nehmen. Verständigt May, damit sie sich tröstend einschalten kann. Das macht sich besser. Gut, bis dahin also …! Wie …? Natürlich ist hier alles in Ordnung, und ich trinke auch nicht. Ich weiß schließlich auch, wie wichtig die Sache für uns ist.«

Die Hörergabel im Nebenzimmer klickte, Mike Ledgers hatte aufgelegt. Das Aufspringen eines Feuerzeugs war zu vernehmen, dann ließ Ledgers sich in einen Sessel fallen.

Butler Parker schaltete das kleine Tonbandgerät ab und nahm das hochempfindliche Saugmikrophon von der Wand herunter. Vorerst war die Arbeit erledigt. Jetzt mußte er erneut warten, bis Helen Canters wieder auftauchte. Daß sie auftauchen würde, stand für ihn fest. Er hatte den tieferen Sinn des Gesprächs sehr gut mitbekommen.

Butler Josuah Parker ließ sich auf dem Stuhl neben dem Fenster nieder und sah hinunter auf die Straße. Seiner Schätzung nach würde diese Helen Canters spätestens in einer halben Stunde wieder auftauchen.

Sein Gesicht nahm einen mißbilligenden Ausdruck an, als unten vor der Pension die Motoren einiger Kräder aufdonnerten. Parker erhob sich von seinem Sitz und schaute nach unten. Er sah einige junge Männer, die so etwas wie eine einheitliche Uniform trugen, die aus schwarzer Lederweste, Breecheshosen und halbhohen Stiefeln bestand. Die jungen Leute ließen die Motoren ungeniert aufheulen und röhren. Einer der drei Fahrer löste sich vom Rand des Gehsteigs und kurvte auf der Straße herum. Das große weiße G auf der Rückseite der schwarzen Lederweste war dabei nicht zu übersehen.

Plötzlich zuckte Parker zusammen.

Im Nebenraum war ein dumpfer Fall zu hören gewesen. Der Butler blieb lauschend stehen, ging dann schnell zur Wand hinüber und lauschte. Auch ohne Saugmikrophon war das Quietschen der Dielenbretter nicht zu überhören. Was mochte Mike Ledgers wohl in seinem Zimmer treiben.

Der Butler legte keinen Wert darauf, gesehen zu werden. Also entschloß er sich, das Mikrophon erneut an der Wand zu befestigen. Bevor er seine Absicht allerdings ausführen konnte, war deutlich das Geräusch eines schallgedämpften Schusses zu hören.

Josuah Parker schaltete blitzschnell. Ihm wurden gewisse Zusammenhänge klar. Das Röhren der Motoren unten auf der Straße und der dumpfe Fall im Nebenzimmer korrespondierten miteinander.

Es war überraschend, wie schnell der Butler auf den Beinen war. Er entriegelte seine Zimmertür und betrat vorsichtig den Korridor. Sicherheitshalber nahm er seinen Revolver aus der Rocktasche und entsicherte ihn.

Die Tür im Nebenzimmer war nur angelehnt.

Geräusche konnte der Butler nicht mehr wahrnehmen. Auf Zehenspitzen pirschte er sich an die Tür, lauschte noch mal und drückte dann die Tür zentimeterweise auf.

Zuerst sah er nur ein Beinpaar auf dem Boden, dann eine Blutlache, die sich unter dem Oberkörper des am Boden liegenden Mannes gebildet hatte. Und im gleichen Moment erhielt er einen brutalen, harten Schlag auf den Hinterkopf. Der sonst so beherrschte Butler gestattete sich in Anbetracht der Lage und Behandlung ein diskretes Seufzen, gab seinen weichen Knien nach und kippte seitlich zu Boden. Er versuchte, gegen die Ohnmacht anzukämpfen, hatte aber keine Chance. Seine Beine zuckten und scharrten noch einige Male auf dem Boden, dann entspannte sich Parkers Körper.

Er sah nichts von den beiden Halbwüchsigen, die schwarze Lederjacken trugen. Sie schauten auf den ohnmächtigen Parker hinunter und tuschelten miteinander. Da Josuah Parker aber alt und hilflos aussah, verzichteten sie darauf, einen zweiten Mord zu begehen. Sie verließen das Zimmer und verschwanden auf dem dämmerigen Korridor. Eine knappe Minute später verlor sich das Geheul der überdrehten Motoren in Nebenstraßen …!

*

Das hartnäckige und schrille Klingeln des Telefons weckte den Butler aus seiner Ohnmacht.

Zuerst drangen die Klingelgeräusche wie durch dicke Watte an sein Ohr, aber als dann der Schmerz an seinem Hinterkopf nachließ, wurde er sehr schnell wieder wach.

Josuah Parker richtete sich auf, betastete vorsichtig die dicke Beule, und sah etwas irritiert zum Telefon hinüber.

Er erhob sich und wollte zum Apparat gehen, doch er hatte die Rechnung ohne seine Beine gemacht. Sie gaben nach, und er mußte sich an der Wand stützen. Als er die Strecke endlich geschafft hatte, verstummte das Schrillen. Sicherheitshalber nahm er jedoch den Hörer in die Hand und sagte das neutrale ›Hallo‹ in die Muschel hinein. Er merkte aber sofort, daß die Gegenseite wieder eingehängt hatte.

Butler Parker klopfte sich den Staub von den Hosenbeinen und kümmerte sich um den Toten, der knapp neben ihm gelegen hatte. Die Blutlache unter dem mit dem Gesicht nach unten liegenden Körper hatte sich etwas vergrößert. Eine schnelle Untersuchung zeigte Parker, daß Mike Ledgers durch zwei Brustschüsse getötet worden war. Er ließ sich neben dem toten Mike Ledgers nieder und durchsuchte die Taschen. Nicht etwa, um etwaiges Beweismaterial beiseite zu schaffen, nein, Parker wollte sich nur informieren.

Nun, er fand einige Briefe und Ausweise, aus denen eindeutig hervorging, daß der Tote Mike Ledgers war. Dinge von Interesse waren in den Taschen nicht zu finden gewesen.

Da die Mörder erstaunlicherweise keine Durchsuchung des Zimmers vorgenommen hatten, übernahm der Butler diese Arbeit. Er fand nichts. Wo aber war das Geld geblieben? Helen Canters hatte doch offensichtlich bar bezahlt?

Josuah Parker hatte das Zimmer durchsucht, aber außer einigen kleinen Scheinen nichts gefunden. Hatten die Mörder das Geld an sich genommen?

Der Butler blieb schließlich vor dem Toten stehen und überlegte, wie er sich nun zu verhalten hatte. Im Grunde war es selbstverständlich, daß die Polizei informiert werden mußte. Schließlich arbeitete Josuah Parker für einen gewissen Mike Rander, der sich als Strafverteidiger bereits einen Namen gemacht hatte.

Als jetzt das Quietschen von Wagenbremsen vor der Pension zu hören war, ging Parker zum Fenster. Er konnte nur das Dach eines Taxi erkennen, das vor dem Eingang zur Pension gestoppt hatte. Der Insasse des Wagens schien die Pension bereits betreten zu haben.

Josuah Parker beeilte sich, zur Tür zu kommen. Er war gespannt, ob seine Vermutung sich bestätigen würde. Seiner Schätzung nach mußte jetzt ein apartes, noch recht junges Mädchen auftauchen, das einen Mike Ledgers unbedingt sprechen wollte.

Aber er wurde überrascht.

An der Treppe erschien ein vielleicht dreißigjähriger Mann, der einen selbstsicheren Eindruck machte. Er trug einen modisch geschnittenen Sportanzug und ging genau auf die Tür zu, hinter der der ermordete Mike Ledgers lag. Hier blieb er einen Moment stehen und schaute sich um. Als er sicher war, daß er nicht beobachtet wurde, drückte er die Klinke herunter, öffnete die Tür und verschwand hinter ihr.

Josuah Parker, der den Mann mit seinen Augen fotografiert hatte, rechnete damit, daß der Besucher schleunigst wieder auf dem Korridor erschien. Welcher normale Staatsbürger besaß schon die Nerven, mit einem Toten in einem Zimmer zu bleiben.

Aber nichts geschah.

Der Besucher blieb in dem Pensionszimmer. Ja, er schien sich dort sogar sehr ungezwungen zu bewegen. Das Quietschen und Ächzen der durchgetretenen Dielen war nämlich deutlich zu hören.

Butler Parker faßte schnell einen Entschluß. Er holte seine schwarze, steife Melone vom Garderobenbrett herunter und setzte sie auf.

Unhörbar verließ er sein Zimmer. Draußen auf dem Korridor ging er hart an der gegenüberliegenden Wand entlang, denn dort waren die Dielen noch einigermaßen in Ordnung. An der Treppe angelangt, wendete er sich um und ging zurück. Diesmal aber blieb er allerdings genau in der Mitte des Korridors, um sein Kommen anzukündigen.

Vor der Tür des Ermordeten blieb er stehen und klopfte kurz an. Sofort danach öffnete er die Tür und schob seinen Kopf durch den Türspalt.

Er sah den jungen Mann, der wie erstarrt am Fenster stand und nickte ihm grüßend zu.

»Habe ich die Ehre mit Mister Mike Ledgers?« erkundigte sich Parker in seiner barocken, etwas überhöflichen Art. Den Toten am Boden übersah er absichtlich.

»Wie …?« fragte der junge Mann nervös zurück.

»Ich hoffe nicht, daß ich allzusehr störe, Sir, aber ich … Oh …!«

Jetzt erst sah Parker zu Boden und schien vor Schreck und Überraschung zu erstarren. Er sah wieder hoch und trat langsam ein. Die Tür schob er hinter sich zu.

»Ich fürchte, Sir, Sie werden mir eine Erklärung abgeben müssen«, schickte er voraus, »wenn mich nicht alles täuscht, wurde der Mann … Um Himmels willen, er ist ja tot …!«

»Nun hören Sie«, sagte der junge Mann unsicher und fahrig. »Sie deuten die Situation falsch. Ich habe nicht …«

»Sir, ich schlage vor, wir überlassen die Deutungen der Polizei«, erwiderte Josuah Parker steif. »Wenn Sie gestatten, werde ich sofort die Polizei anrufen.«

»Das werden Sie nicht tun«, sagte der junge Mann, der versuchte, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen. Er kam dem Butler entgegen, um ihm den Weg zum Telefon abzuschneiden.

»Sie sollten mich nicht daran hindern, Sir«, antwortete Parker.

»Aber zum Henker, ich habe Ledgers doch gar nicht umgebracht«, stieß der junge Mann gepreßt aus, »als ich hereinkam, lag er doch bereits am Boden. Das Blut ist doch längst geronnen. Wie soll ich ihn da getötet haben?«

»Die Polizei, Sir, wird feststellen, wie lange Sie sich im Zimmer aufgehalten haben. Zudem scheinen Sie nach gewissen Dingen gesucht zu haben, die zu besitzen Sie kein Recht haben.«

»Ich … ich …!«

Da Parker beim Verlassen des Zimmers alles wieder geordnet hatte, konnte er jetzt leicht feststellen, daß auch der junge Mann so etwas wie eine Durchsuchung gestartet hatte. Die Unordnung war nicht zu übersehen.

»Wollen wir uns nicht in aller Ruhe unterhalten?« fragte der junge Mann. Seine Stimme klang heiser und gepreßt. Er schwitzte plötzlich und wischte sich den Schweiß mit seinem Handrücken von der Stirn. Parker tat nichts, um dem jungen Mann die Lage zu erleichtern. Er wollte wissen, weshalb er hierher gekommen war.

»Aber nein …! Ich bin gekommen, um mit Mister Ledgers zu sprechen. Wir haben … ich meine, wir hatten geschäftlich miteinander zu tun …! Diese Auskunft muß Ihnen genügen. Und jetzt lassen Sie mich bitte gehen.«

Parker schüttelte entschieden den Kopf.

Aber der junge Mann wollte sich nicht länger festhalten lassen. Ohne Vorwarnung sprang er den Butler plötzlich an und versuchte, ihn niederzuschlagen.

Der Butler mußte den ersten Schlag einstecken, der Angriff des so betreten und harmlos aussehenden jungen Mannes war zu plötzlich gekommen. Dann aber konterte der Butler.

Der Erfolg war frappierend.

Der junge Mann blockte zwar noch die Rechte des Butlers ab, mußte dafür aber einen geschlagenen linken Haken einstecken, der die Leberpartie traf.

Als hilfreicher und friedlicher Mensch tat der Butler alles, um den jungen Mann in seinen Armen aufzufangen. Parker breitete schon die Arme aus, als der junge Mann noch auf den Beinen stand und dem Haken nachzulauschen schien. So sicher war Parker seiner Leberhaken.

Und wirklich, der junge Mann hatte dem Leberhaken mm lange genug nachgelauscht, zeigte Wirkung und wurde schwach in den Beinen. Er verdrehte die Augen und landete in Parkers Armen. Sanft, als habe er es mit einem satten Säugling zu tun, bettete Parker den jungen Mann auf dem Boden und konnte es bei diesen Bewegungen einfach nicht verhindern, daß seine Hände in die Tasche des jungen Mannes glitten.

Die Identifizierung des jungen Mannes war daraufhin sehr leicht. Parker hatte nämlich die notwendigen Unterlagen gefunden, die sich in einer Brieftasche aus Krokodilleder befanden. Es handelte sich um einen gewissen Vic Henders, der als Bühnenbildner arbeitete. Adresse der Wohnung und Name der kleinen privaten Bühne waren ebenfalls verzeichnet.

Das war es, was Parker hatte wissen wollen. Er steckte die Brieftasche wieder zurück, überlegte einen Moment und streifte den linken Rockärmel und das Hemd über den Unterarm des jungen Mannes.

Parker verzog zwar keine Miene, als er eine Ansammlung kleiner roter Punkte auf dem Unterarm entdeckte. Zwei davon waren sogar leicht entzündet. Der Butler wußte sehr wohl, was diese Zeichen zu bedeuten hatten. Er brachte den Ärmel wieder in Ordnung, richtete sich auf und verließ das Zimmer.

Es dauerte etwa fünf bis sechs Minuten bis auch der Bühnenbildner Vic Henders das Mordzimmer verließ.

Josuah Parker aber stellte eine Verbindung mit der Mordkommission her.

*

Gegen Mitternacht erreichte Butler Parker den großen und hohen Wohnblock am Michigan-Boulevard, auf dem sich die Dachgartenwohnung des Strafverteidigers Mike Randers befand. Parker hatte sein Kommen bereits angekündigt und Mike Rander, Ende der Dreißig, mittelgroß, schlank, erwartete seinen viel älteren Butler am Anfang zum Dachgarten.

»Nun, wie hat die Arbeit mit dem Saugmikrophon geklappt?« wollte Mike Rander wissen, als sie das Haus betreten hatten.

»Ausgezeichnet, Sir. Im Grunde eine recht unheimliche Erfindung. Man kann tatsächlich durchwände hören.«

»Seien Sie froh, daß diese Geräte im freien Handel noch nicht zu bekommen sind«, sagte Rander lächelnd, »zu Ihrer Orientierung, Parker, Mister Bellgon hat wieder angerufen und sorgt sich um die kleine Canters.«

»Sir, bevor ich mir die Freiheit nehme das Tonband abzuspielen, möchte ich die Tatsachen aufzählen.«

»Lassen Sie sich nicht aufhalten.«

»Mister C. Walt Bellgon erschien in Ihrem Büro, Sir, und bat Sie um Ihre Hilfe. Er ist der Onkel der beiden Canters-Kinder Helen und Art. Die Eltern dieser beiden Jugendlichen starben vor etwa sechs Jahren. Mister Bellgon wurde vor dem Gericht als Vormund über Helen und Art bestellt.«

»Sehr schön, daß Sie’s inzwischen nicht vergessen haben«, warf Mike Rander ironisch ein. Er amüsierte sich wieder über die Umständlichkeit des Butlers, den er vor Jahren aus England mitgebracht hatte.

Josuah Parker ließ sich jedoch nicht verwirren, sondern redete weiter.

»Mister Bellgons Bitte um Hilfe bezog sich nur auf sein Mündel Helen. Seinen Worten zufolge hat Helen sich seiner Autorität und Aufsicht entzogen und scheint, wie Mister Bellgon es auszudrücken beliebt, auf die schiefe Bahn geraten zu sein. Mister Bellgon legt nun Wert darauf, zu wissen, in welchen Kreisen seine Nichte verkehrt.

Auf Ihren Wunsch hin, Sir, befaßte ich mich näher mit jener Helen Canters und fand heraus, daß sie in unregelmäßigen Abständen eine gewisse Pension besuchte, aber nie lange blieb. Das erschien Ihnen, Sir, und mir viel wichtiger, als Helen Canters Besuche in Tanzhallen und einigen obskuren Kneipen, in denen aber nur Jugendliche verkehren.

Sie erlaubten mir, Sir, ein Zimmer in dieser Pension zu mieten. Vom Portier erfuhr ich, welches Zimmer Helen Canters aufzusuchen pflegte. Ich ließ mir ein benachbartes Zimmer anweisen und wartete auf das Erscheinen von Helen Canters. Nun, nach zwei Tagen klappte es endlich, Sir. Es gelang mir, eine Tonbandaufzeichnung herzustellen, die aufschlußreich zu sein scheint. Wenn Sie gestatten, werde ich das Band nun ablaufen lassen.«

»Ich bin gespannt«, sagte Rander. Er zündete sich eine Zigarette an und ließ sich in einem Sessel nieder. Er schloß die Augen fest und hörte sich die Aufzeichnung aufmerksam an. Erst als beim Abschalten ein Klicken zu hören war, richtete Rander sich wieder auf.

»Erstaunlich und unheimlich zugleich«, sagte er kopfschüttelnd, »um welche Art Ware es sich gehandelt hat, dürfte ja wohl auf der Hand liegen. Was meinen Sie, Parker?«

»Ich bin sicher, Sir, daß es sich um Rauschgift handelt«, entgegnete der Butler. »Art Canter ist wohl süchtig, und Ledgers ist sein Lieferant.«

»Nicht in jedem Falle, Parker«, korrigiert Rander den Butler, »vergessen Sie nicht, daß Ledgers sich erst vorstellte. In den anderen, früheren Fällen muß Helen Canters es mit anderen Gift-Lieferanten zu tun gehabt haben.«

»Gewiß, Sir, verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit«, sagte Parker leicht beschämt, »ich hatte meine Wachsamkeit auf diese May gerichtet, die von Helen Canters erwähnt worden ist. Es scheint sich um eine Freundin der Helen Canters zu handeln.«