Der Grüne Salon - Michael Wohlfarth - E-Book

Der Grüne Salon E-Book

Michael Wohlfarth

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Beschreibung

Anne und Oliver haben sich in AMERICA kennen und lieben gelernt. Ein Baptistenpfarrer hat sie getraut, weil es ihnen die GOSPELS angetan haben, obwohl sie beide wenig oder gar nicht christlich sozialisiert sind. Sie gründen eine Familie. Dann kommt die Krise und Oliver mit seiner speziellen Vergangenheit, sucht einen Ausweg IM GRÜNEN SALON, einer Selbstfindungsgruppe mit literarischem Anspruch. Der GRÜNE SALON ist ein GRÜNER ZUG, der durch AMERICA fährt und Fahrgäste aufnimmt - oder nicht. Die Fahrt endet abrupt durch den Krieg in der Alten Welt - und Anne hat ihren Oliver wieder und ist dem Seelsorger Henry aus Magdeburg, jetzt USA, dankbar für alle Begleitung und Aufklärung!

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2023

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D

Der Grüne Salon

Michael Wohlfarth

Der Grüne Salon

1.Buch

1. Kapitel

Nun endlich hat sich Oliver durchgerungen, seinem Job die Treue zu halten und dem Club der toten Dichter beizutreten. Schon allein dorthin zu kommen, wo dieser Club tagt, ist diese Erzählung wert.

„Da steht auf einem Abstellgleis ein grüner Eisenbahnwagen. Er wird gezogen von dem Ausgangspunkt A zum Ziel B.

Hin und her.

Glühwürmchen gibt es dort nachts. Jedenfalls im Juni.

Aber es ist eine Entfernung“

So aus der näheren Beschreibung.

2. Kapitel

Inzwischen ist es nun wirklich eine ausgiebige Nachtwanderung geworden und Oliver kommt sich vor, als ob er ein Gelübde abgelegt hätte, diesen Marsch durch unwegsames Gelände unbedingt zu Ende zu bringen mit der Aussicht, dann in einem Goldwagen das eigentliche Ziel zu erreichen. Der springende Punkt in der Ferne des weiten Landes – vielleicht war es ein Stern – war zeitweise nicht mehr mit unterwegs aber immer dann, wenn es um die Richtung ging, die eingehalten werden musste, machte er sich unverkennbar in der Ferne bemerkbar, nicht zum Greifen nahe, nie.

Aber es war der mathematische Punkt, den du brauchst, wenn du querfeldein nicht ins Stolpern geraten willst und am liebsten vorzeitig aufgeben möchtest.

Endlich, endlich hörte er einen Sirenenton.

Und da sah er ihn, den Waggon, den Grünen.

Wie beschrieben.

Schmutzig, die Fenster undurchschaubar.

Wollte er unter die Schmuddelkinder gehen, mit seinem Gehalt? Tief im Schlaf nach Mitternacht, dem Morgen entgegen. Sie wird sich wundern, weil er nicht neben ihr liegt. Aber ein Griff auf den Nachttisch wird die Situation klären. Es ist ihr Schicksal, mit jemandem verheiratet zu sein, der im Dienst des Staates steht unter allen Umständen.

Es gab fahles Licht, genau genommen, war es der springende Punkt, der Oliver den Weg gewiesen hatte. Eine überhohe Laterne mit einem Wackelkontakt im Nebel.

War er der Letzte oder der Erste.

Oder fuhr er alleine.

Es war ein ganzer Zug.

Er ging ihn entlang.

Er stand gewissermaßen auf freiem Feld.

Gott sei Dank hatte es nicht so stark geregnet, dass man versinken müsste im Gras.

War da jemand?

Niemand.

Er rief: „Hallo!“

Niemand bewegte sich.

In der Mitte des Zuges stieg er ein. Die Türen waren nicht etwa verschlossen, bis ein Schaffner kam, der diese Abholaktion leitete.

Das waren zusammengewürfelte Wagen in verschiedenen Farbtönen, vielleicht sogar anderswo ausrangierte, mit Sicherheit ausrangierte oder billig abgekaufte aus alten Beständen ferner Länder.

Die Muster, die Struktur des Waggonaufbaus kamen ihm allerdings bekannt vor. Bombardier war es nicht, aber es fiel ihm ein: „Die unglaubliche Reise von Berlin nach Kiew“. Die seine Mutter ihm erzählt hatte. Ihr Vater mit ihrer Mutter und einem Onkel mit Frau und Kind... ohne Fahrkarte... die lag noch in der Schublade zu Hause. Peinlich. Die Platzkarte soll den sowjetischen Kontrolleuren genügt haben. Sie waren angezogen wie bei Anna Karenina. Sie redeten wie bei Gogol: wichtig. Aber die Platzkarte genügte. Hatten die Mitreisenden auch alle nur Platzkarten? Die verwandte Familie bestimmt nicht. Aber es war bequem so. Kein Ärger. Ein Stempel genügte. Eine Ausweisung der Großen Sowjetischen Eisenbahn, der pax sowjetica, das europäisch-asiatische Vorbild für die Welt der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, dass es auch anders geht, wie in China oder Korea. Allerdings, der Klassenkampf tobte noch in Afrika, umgekehrt in ganz Osteuropa: „Wir wollen keine Klassen. Wir wollen Freiheit.“ Es wogte hin und her. Es war eine krisenhafte Zeit. Die Wende stand bevor. Die Katastrophe. Die Umkehrung aller Werte. In dieser Zeit verreisen.

Gerade.

Extra.

Die Familie des Atomphysikers wartete. Sie standen schon am Kai des Künstlichen Meeres. Bildlich gesprochen. In einer künstlichen Zeit. Mächtig und groß. Und übte das Deutschlandlied – in der Ukraine.

3. Kapitel

Sollte FlixTrain den Zusammenbruch genutzt haben und alte Bestände aufgekauft haben? War die Wende immer noch nicht vorbei. Oh, der Prozess zog sich hin, wie die Reformation: Einhundert Jahre. Wenn nicht die Klimakatastrophe alles zunichtemachte. Damals war es die Atombombe, vor der alle Angst hatten und sich ein atomwaffenfreies Wochenende wünschten.

Ist ja auch egal.

Oliver mit seiner Hirtentasche im Nebel im Grünen Zug. Allein. Scheinbar. Die Fenster waren so schlecht geputzt, dass draußen alles noch fahler und grauer aussah, als es ohnehin schon war.

Wann würde der Schaffner kommen?

Wann ging es los?

4. Kapitel

Jetzt ging es los. Er bemerkte es erst, als der erste Baum vorbeihuschte.

Bisher hatte er sich an die Anweisungen gehalten. Zu keinem Menschen ein Sterbenswort.

Die Richtung stimmte, sonst hätte er nicht den Zug gefunden. Mit der Wackelbirne über ihm.

Nur eine Hirtentasche.

Jetzt kam tatsächlich der Kontrolleur. Er hatte geschlafen. Man sah es ihm an. Die ganze Nacht durch. Es war Morgen geworden inzwischen. Durch die schmutzigen Scheiben, sogar durch sie hindurch, wurde es heller. Man sollte FlixTrain etwas spenden, damit sie ihren Zug in eine alte Reichsbahnsäuberungsanlage schieben konnten, wo schon die ABM-Kräfte warteten, um ihre Schrubber in Bewegung zu setzen.

Kein Geld.

Zu teuer?

Was nimmt die Kalkulation in Kauf?

5. Kapitel

Der Kontrolleur setzte sich zu ihm und nahm seinen Bart ab und sprach auf einmal enthusiastisch von Amerika, in dem wir uns ja eigentlich nach dem Verlauf dieser Geschichte befinden.

Was sollen da ferne Länder und ausrangierte Waggons aus der alten DDR oder UdSSR. Aber so war das mit Oliver.

Immer. Immer wieder fielen ihm seine Pflegeeltern ein, seine Mutter dann, als sie Kontakte zu ihm aufbauen durfte. Aus ihrem Frauengefängnis.

Ihre Erzählungen.

Deutschland s o l l t e seine Heimat sein. Ostdeutschland, wenn er auch im Gefängnis geboren wurde im Westen, in Frankfurt/Main.

Weil seine Mutter aus dem Osten kam und nur durch ihren Rachefeldzug jenseits der ehemaligen Grenze quer durch Deutschland ihr Dorf in Thüringen verlassen hat.

Ausgerechnet die ehemaligen Herren des Grenzregimes/DDR sind zum Schluss abgehauen. Dorthin, wo sie niemand kennt. Dorthin, woher früher der Feind kam. Wohin sein Großvater nie gehen durfte. Um Gottes und der Partei willen nicht.

Es lauert der Tod.

Wo kommen wir her. Und wohin gehen wir? Jetzt war er beim amerikanischen Geheimdienst und jetzt nahm der Kontrolleur seinen falschen Bart ab und sagte: „Good morning. Ab jetzt fahren Sie nicht mehr allein in diesem ausrangierten Pullmanwagen aus den Literaturen von HEMINGWAY oder FITZGERALD oder FAULKNER, oder noch besser THOMAS WOLFF. Ich bin beauftragt, sie zu leiten und zu führen. Die Organisation will das so. Sie haben es sich verdient. Auch ihre Mutter und ihr Großvater“.

Nach einer Pause ohne Worte.

„Wilhelm.“ Er reichte ihm ganz unamerikanisch die Hand. Es war mehr ein Handschlag - wie CASH, wie BUSINESS vielleicht.

„Good morning. Danke, daß Sie mich aufklären. Schön, dass wir zusammenfahren.“

„Ganz meinerseits.“

„Wie lange wird es dauern?“

„Oh, das kommt ganz darauf an, wie Sie sich anstellen bei diesen Interviews, die auf sie unweigerlich zukommen werden. Aber keine Angst. Jetzt trinken wir erst einmal einen Kaffee.“

Er pustete etwas in seine „Alexa“ am Trageriemen seiner Hirtentasche. Dann ratterte es auch schon und ein unmögliches Gefährt, verrostet, aber voll bepackt mit lauter Krimskrams, den Oliver nicht mochte mit seiner deutschen Hausfrau im Holzhaus von Amerika.

Ob sie schon aufgewacht war und ihn vermisst?

Der Farbige hatte ein unglaubliches Grinsen aufgesetzt, goss einen superschlechten Kaffee in einen Metallbecher und fragte: „Milch?“

„Ja.“

„Zucker?“

„Ja.“

Wilhelm, sein Diener? -

Er klappte die Platte unter dem schmutzigen Fenster hoch, damit der Kellner seine Gäste bedienen konnte und Platz fand für die Utensilien der besonderen amerikanischen Art. Löffel für Pudding und Kaffee.

Gabel für Stachelbeere und Schaum.

Alles bestens.

Überraschenderweise legte der Zug jetzt in seiner Geschwindigkeit zu. Die Schienen waren wohl doch ziemlich neu verlegt und nicht in alt - russischen Zuständen nach dem Motto: „CHARASCHO, alles gut. Es hat immer gehalten. Bis es nicht mehr hält. Ha, ha, ha.“

Oliver kannte übrigens ein paar Brocken Russisch. Seine Mutter neckte ihn damit. Sie hatte diese Sprache in der Schule gelernt und versteckte sich gerne in ihr.

Wilhelm suchte den Schalter, um das spärliche Licht auszulöschen. Er war sichtlich patent und relativ gut gelaunt in seinem Job, den jungen Mann einzuführen in den Club der toten Dichter.

Oliver stellt sich die Räumlichkeit dazu als eine Höhle vor, wie bei Käthchen von Heilbronn im Maxim–Gorki–Theater Berlin in den Null-Jahren dieses Jahrtausends, wo ein überirdischer Oberrichter die Wahrheit sagt in einem Fall, der es in sich hat. Und ohne Wahrheit gibt es keine Gerechtigkeit. Und ohne Gerechtigkeit wollen Menschen nicht leben.

Suchte er die auch?

Oliver?

War er deshalb hellhörig geworden, als ihm ein Kollege von diesem seltsamen Club erzählte. Schon bei einer Urlaubsreise durch den Schwarzwald in Deutschland war ihm aufgefallen, daß es tatsächlich einen Club DER GROSSE GATSBY gab. Es gab ja schließlich zu jedem Thema einen Fan-Verein. Warum nicht dazu: FITZGERALD. Er hatte sich damals den Film angesehen: Der GROSSE GATSBY. Sicher nicht die erste Verfilmung dieses amerikanischen Stoffes. Er hatte auch den Film gesehen GENIUS zu THOMAS WOLFF.

Ein etwas heruntergekommenes Café, vielleicht sogar außer Betrieb. Die Fenster ebenso verschmutzt wie im GRÜNEN ZUG, in dem er saß. Wilhelm ihm gegenüber. Vielleicht landeten sie in solch einer Kaschemme.

Es war Tag. Ein grau–grüner Tag.

„Wo waren wir. Wie heißt das Ziel?“

„Wie heißt die Organisation, die Sie schickt?“ fragte schließlich Oliver, der Reisende, den Kontrolleur, der sich vor ein paar Minuten dazu gesellt hatte.

Sein falscher Bart lag neben ihm.

„Der Kontrolleur bin ich, der hier die Fragen stellt.“

6. Kapitel

Wilhelm versuchte zu schlafen. Eben war ein Müllaufsammler mit Cellophansack den Gang entlang gestürzt. Wallendes blondes Haar. Gutgeschnittenes Gesicht. Er kam zurück, nachdem er seinen Sack geleert hatte irgendwo im Speisewagen, den es laut Auskunft gab.

Gab es so viel Reisende, dass der Sack so schnell geleert werden musste?

„Wir legen allergrößten Wert auf Hygiene.“ In einem Fernsehspot war dies das tragende Thema zu FlixBus – FlixTrain.

Oliver stand auf und schob die Abteiltür auf, um sich die Beine zu vertreten. Wilhelm tat so, als ob er schlief. Er folgte Oliver in Richtung Speisewagen und Toiletten.

Die erste Toilette, die er fand, stand offen und war allem Anschein nach nicht benutzbar. Er eilte weiter von Wagen zu Wagen. Er war neugierig und probierte ein Nachbarabteil zu öffnen. Fehlanzeige. Da ging nichts. Wilhelm folgte ihm auf Schritt und Tritt. Dann griff er in seine Umhängetasche und zog einen Schlüssel mit einem großen Schild: Toilette. Er führte seinen Klienten zur nächsten Möglichkeit und schloss auf.

Was war mit den Abteilen? Hatte Wilhelm einen Schlüssel dafür? Hatte er das Reisepublikum unter Verschluss.

Wie hieß die Organisation, der er sich anvertraut hat? Die sich seiner bemächtigt hat. Hatte sein Arbeitskollege d e n Geheimen Auftrag erfüllt, als er ihm von dem Club der toten Dichter erzählte.

War das einer der berüchtigten Tests nach viereinhalb Jahren, wovon immer gemunkelt wurde.

Sie waren doch alle Geheimdienstler und wollten einmal jedenfalls etwas anderes erleben als faule Tricks, wie über Menschen zu herrschen sei.

Die Landschaft flog verwischt und verschmutzt vorüber. Die Bahnhöfe. Die wartenden Menschen auf den Bahnsteigen, ob endlich der Zug kommt, der sie zur Arbeit bringt, zur Liebsten, zum Liebsten, zum Verrat, zur Treulosigkeit, zum endgültigen Schwur, der heute und nicht morgen geleistet werden muss.

Oliver und sein Bewacher taumelten zurück in ihr Abteil. Das war wieder verschlossen. Der Kontrolleur zückte seinen Generalschlüssel und sie verschwanden hinter ihrem Tuch und versuchten ins Gespräch zu kommen. Es gab viele Fragen und wenige Antworten.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der Mann mit dem wallenden Haar setzte sich zu ihnen. Den halbvollen Müllsack neben sich auf dem Polster. Er nahm seine Perücke ab und es erschien das Gesicht HEMINGWAYS. Des großen Romanciers der wilden Weltgeschichte, die aus den Fugen geraten war.

Er schüttelte sich und schaute angeekelt zum Fenster, durch das fahles Sonnenlicht brach wie aus grauen Wolken mit Goldrand.

„Du willst die Welt erklärt haben. Warum sie so ist, wie sie ist?“ Dabei schaute er mitleidig auf den jungen Mann und lächelte plötzlich sehr jovial.

Club der toten Dichter?

Fing es schon an? Gar kein Club, gemütlich, ein wenig esoterisch, in alten zusammengestoppelten Sesseln in einem coolen heruntergekommenen Café ohne Bedienung. Oder in einer spektakulären Waldhöhle aus der Literaturgeschichte? Hier im Waggon, der von außen und innen abzuschließen war, um jede Störung zu vermeiden.

O. konnte nicht antworten. Er fühlte sich überrumpelt und nicht mehr in freien

Stücken.

„Bist du sprachlos?“ - So der Dichter, der sich ihm gegenüber zu erkennen gegeben hatte. Und seine Maske abgelegt auf den halbvollen Müllsack der Firma.

„Weißt du, ich liebe Deutschland, den Schwarzwald. Du kannst mir alles sagen, was du auf dem Herzen hast.“

Schweigen.

Der Kontrolleur: „Nun hab dich nicht so, wir kennen doch deine Geschichte.“

„Wer sind Sie?“ „Das können wir Ihnen nicht sagen. Aber versprechen, was auch geschieht – immer zu Ihrem Vorteil. Das ist unser Markenzeichen“, so Wilhelm der Eroberer mit dem falschen Bart im Handschuhfach.

„Du warst doch nicht zufrieden mit deinen Aufgaben im Terrain der Geheimdienste.“

„Ich war einfach neugierig und fand es einfach geil, dieses Gerücht, dass die toten Dichter mit dir ins Gespräch kämen, du müsstest dich nur anvertrauen der Kunst der großen Lehrer, die auf dich warten, wenn du sie findest und du den Anweisungen folgst.“

„Ist das nicht leichtsinnig? Auf jedes noch so dumme Angebot einzusteigen in jeden dahergekommenen Zug, den es gerade gibt auf irgendeiner Wiese in diesem gottverdammten Land ohne Grenzen.“

„GODDAM.“ Das war es, dieser Erzählstil, ich bin begeistert, dachte Oliver. Und sagte erst einmal nichts mehr. Warum auch. Er genoss die Reisegesellschaft. Interessante Leute. Wenn auch Schauspieler. Keiner weiß es. Was sie treibt.

Und wer sie bezahlt.

„Wann hält denn der Zug?“

„Das müssen sie doch wissen. Sie sind der Fahrgast, der sich das Billett kauft und das Ziel formuliert.“

„Ich habe mir kein Billett gekauft.“

„So?“- Beide.

„Dann müssen wir sie verhaften beziehungsweise die Notbremse ziehen, um sie an die frische Luft zu setzen,“ der Kontrolleur, der sich den Bart abgenommen hat.

„Nicht, ohne Sie vorher belehrt zu haben natürlich, wir leben in einem Rechtsstaat. Die Rechnung wird ihnen zugeschickt. Die Strafe soll hoch sein in den Vereinigten Staaten“, ergänzte HEMINGWAY und lehnte sich zurück.

Er kramt sich eine Zigarre aus der Tasche seiner orangenen Gummijacke, wie alle Müllmänner und Müllfrauen der Welt sie zur Verfügung gestellt bekommen, um aufzufallen im Straßenverkehr und im Gedränge auf den Gängen, die zum Ziel führen. Jeder kennt die Farben und weicht aus, um nur nicht noch die Inhalte der weißgrauen Säcke vor die Füße geschüttet zu bekommen, wenn einer von ihnen einen Wutanfall bekommt wegen der Unsauberkeit der Leute. Vielleicht sind es ja auch immer verkappte Ausländer, die froh sind einen Job bekommen zu haben, die Schwarzen, die Asiaten, die Muslime. Wer weiß das schon. Und da sollte man immer mal mit einem Wutanfall rechnen: „Verdammte Scheiße, wir sind die Sklaven der Nation.“

„Haut ab ihr Typen.“

Na, so war es hier nicht und außerdem wusste keiner, wer wer war. Selbst die Hautfarbe hatte nichts Überzeugendes.

Wer bräunt sich heutzutage nicht alles.

Im Gebirge, auf den Inseln.

Und du erkennst niemanden mehr.

7. Kapitel

Hier geht es um Verkleidung. Nicht um Hautfarbe. Das haben wir überwunden. Außerdem sahen sie beide ziemlich weiß aus, wie Oliver. Sie hätten die Rollen ziemlich gut tauschen können. Schließlich war Oliver ja auch bei einer Organisation: Geheimdienst, FBI mit tollen ethnischen Kollegen, den Latinern, den Schwarzen, den Chinesen, egal wie sie sich gemischt haben.

Der Kontrolleur sagte nichts, als Hemingway sich die Havanna anbrannte und Rauch in die Luft stieß. Von der Werbung her: ja. Allet grün wa? So die FlixBus Werbung am Alexanderplatz in Berlin–Mitte. Siehe Weltzeituhr. Und: Grüne Energie. Große Schrift an der Zugmaschine.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Bertolt Brecht durfte auch im Deutschen Theater seine Zigarre anzünden. Nur, die Deutschen sind gründlich. Sie bezahlten einen EXTRA- FEUERWEHR - MANN, der den EXTRA- FEUER -LÖSCHER auf den Knien hielt, solange es glomm.

Der Kontrolleur war vielleicht auch ein heruntergekommener deutscher Schauspieler, der die Regeln in Hollywood falsch verstanden hat. Dass er sich solche Gedanken machen konnte.

„Als ob er weit drüben über dem Ozean in einem ausrangierten Doppelstockzug sitzt aus den Beständen der Deutschen Demokratischen Republik: Reichsbahn“.

Pause.

„GLOBALISIERUNG. WELTUMSPANNEND. SIEG,“ - das tuschelt der Chor in der Ohrmuschel.

Und: „Endlich. Endlich wieder ein Opfer gefunden, dem er seine Lügengeschichten auftischen kann. Spanien. Bürgerkrieg. Rauch in den Schützengräben.“

„Das ist nicht gelogen. Das sind seine Erinnerungen an die Zeiten, als er als Kriegsreporter den spanischen Bürgerkrieg begleitet hat. Kommunismus. Franco. Das war etwas.“

„Oder die Frauen in den Zelten unter den Netzen gegen die Moskitos. Der Großwildjäger. Die Freundschaften.“

„Der Verrat.“ - Jetzt kreischte es im Kopfhörer. Mehr ein Quietschen. Vielleicht eine technische Störung.

„Die Kugel, die ihn getroffen hatte beim Putzen des Gewehrs.“

„Ein leidenschaftlicher Jäger in der Wildnis und zu Hause.“

„Alles umsonst“

„Die herrlichen Storys. Short - Storys“.

Die Stimmen im Kopfhörer, den sie Oliver aufgesetzt hatten überschlugen sich.

„Der metaphysische Realismus?“ fragte der berühmte Schriftsteller schließlich den jungen Geheimagenten nördlich von New York. „Du solltest ihn kennen, sonst geht dir der Schwung verloren in deinen Ermittlungen für das Wohlergehen in den Vereinigten Staaten.“ Und nach einer Weile fügte er hinzu: „Und du gehst besser zurück, woher du gekommen bist...“

Das klang wie die Drohung eines mürrischen alten Mannes, der sich gerade über viel ärgert, was in der Welt so passiert.

Der Qualm wurde immer unerträglicher. Der Zug fuhr langsamer. Wahrscheinlich gab es Reparaturen am Schienennetz.

Wilhelm zog das schmutzige Fenster herunter und endlich schien die Sonne in ihr Abteil und der Wind fegte den Rauch zum Fenster hinaus.

Wilhelm hatte die Schlüsselgewalt.

Er durfte alles.

Sogar das.

“Sogar das?“

„Es war nötig“.

Im Kopfhörer war echt was los.

8. Kapitel

Es beschwerte sich ja auch keiner.

Keine.

Sie waren jetzt zu Dritt im Abteil.

Vielleicht die Einzigen im Zug.

Plötzlich unvermittelt im Zug - Lautsprecher:

„Wir sind so weit. Herzlich willkommen im Club der toten Dichter.“

Pause.

„Wer will lesen?“

Da ging die Tür auf zum Abteil, in dem Oliver mit dem Kontrolleur und der Reinigungskraft saßen und ein so genannter Informant betrat das Abteil. Er zog sein Manuskript aus der Innentasche seines Jacketts und fragte, ob er beginnen darf.

„Was wollen Sie lesen?“, fragte der Kontrolleur.

„Erinnerungen eines Landpfarrers.“

„Klingt wie Bernanos?“

„Vielleicht.“

„Leg los!“ - HEMINGWAY.

„Wir sitzen bequem! - alle“.

Im langsam fahrenden Zug, in dem Grünen Salon begann der Informant.

Der Papieraufleser und der Schaffner nahmen ihre Masken ab und gaben sich Mühe zuzuhören.

Der Heizer hatte wohl keine große Lust. Deshalb ging es so langsam voran. Genau das richtige Tempo für Vortragende und Zuhörer.