Der Gulliver aus Kirchenthumbach - Ulrich Seidl - E-Book

Der Gulliver aus Kirchenthumbach E-Book

Ulrich Seidl

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Beschreibung

Über mehrere Jahrzehnte bereiste Ulrich Seidl im Auftrag von Siemens ferne Länder und fremde Kulturen. Sein Arbeitsleben veranschaulicht die Erfolgsgeschichte der Siemens-Technologie im Ausland und zeigt zugleich die Dimensionen der heutigen Globalisierung und deren unmittelbare Auswirkungen auf das Familienleben. Das Buch schildert seine ganz persönlichen Einblicke in Gesellschaften aller Kontinente, die sich im Wandel befinden, es skizziert in einprägsamen Bildern Menschen und Gegenden. Momentaufnahmen mit Eindrücken von Segregation und Rückständigkeit finden sich hier ebenso wie Begegnungen in großer Offenheit und Gastfreundschaft. Die Abenteuer eines echten Weltreisenden und seiner Familie im Ausland sind nicht nur unterhaltsam und spannend zu lesen, sondern bieten auch Hintergrundinformationen zur interkulturellen Zusammenarbeit im Management.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Autor:

Ulrich Seidl, Jahrgang 1955, war insgesamt 40 Jahre für das Unternehmen Siemens tätig, davon fast 30 Jahre in Siemens-Regionalgesellschaften im Ausland. Er hat einen Master of Arts von der University of Lancaster, UK. Ulrich Seidl lebt mit seiner Frau in einem kleinen oberpfälzischen Ort in Bayern.

Vorwort

Diese Arbeitsbiografie habe ich in erster Linie für mich und meine persönliche Umgebung, meine Kinder und deren Nachkommen sowie Freunde und befreundete Kollegen verfasst. Es sind die Erinnerungen eines Siemensianers, eines Siemens-Mitarbeiters, der fast vier Jahrzehnte lang als Botschafter deutscher Spitzentechnologie im Ausland gewirkt hat. Ich wollte die immer wieder neuen, ganz besonderen Eindrücke von Land, Leuten und Gesellschaften, Einblicke in die Kulturen von Ländern wie China, Korea oder Saudi-Arabien zumindest ansatzweise festhalten. „Der Gulliver aus Kirchenthumbach“ ist keine klassische Autobiografie, sondern erhebt lediglich Anspruch darauf, mit einer authentischen und unverstellten Perspektive Episoden aus einem kosmopolitischen Arbeitslebens zu vermitteln. Zugleich veranschaulicht dies die Erfolgsgeschichte der Siemens-Technologie im Ausland und es werden dadurch die Dimensionen der heutigen Globalisierung auf die nahbaren deutschen Familien heruntergebrochen. Angereichert mit kleinen Zwischenspielen, Gastbeiträgen von anderen, soll das Büchlein dem Leser nicht nur meine Sichtweise zugänglich machen, sondern auch diejenige meiner Kinder, Freunde und einiger Arbeitskollegen, die ebenso wie ich in oft radikal unterschiedlichen Ländern gewirkt und gelebt haben. Welche Abenteuer und Einsichten diese hautnahe Konfrontation mit sich brachte, liest sich hoffentlich unterhaltsam und spannend.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Kapitel 1: Der Anfang

Zwischen Beruf und Familie aus Sicht eines Vaters

Kapitel 2: Saudi-Arabien (1976–1977)

Aufbruch in die Fremde

Kapitel 3: Südafrika (1978–1979)

Familiengründung in der Ferne

Kapitel 4: Erlangen (1980–1988)

Lehrreiches Heimspiel

Kapitel 5: China (1989–1993)

Als Section Manager Automation Systems mit der Familie im Reich der Mitt

e

Zwischenspiel Nicole

Zwischenspiel Christina Weber

Kapitel 6: Vom Reisen und der Fliegerei

Kapitel 7: Tschechien und Slowakei (1994–1996)

Head of Automation Systems im Land des postkommunistischen Umbruchs

Kapitel 8: England (1996–1998)

Business-Development-Manager Process Automation Systems im größten Inselstaat Europas

Zwischenspiel Yvonne

Kapitel 9: United States of America (1999–2000)

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten als Head of Process Automation Systems

Kapitel 10: Südkorea (2001–2004)

Managing Director Automation & Drives Division in einem Land zwischen Moderne und Tradition

Kapitel 11: IMPM

International Master Program in Practicing Management

Kapitel 12: Schweiz (2004–2007)

Als Head of Business Development Fire Safety & Security Products im Eiltempo um die Welt

Kapitel 13: Saudi-Arabien (2009–2014)

Rückkehr ins Königreich als General Manager Building Technologies Division Corporate

Account Manager for Sabic

Zwischenspiel Gregory

Zwischenspiel Harald Kohl1

Kapitel 14: Testimonials

Kapitel 15: Schlussgedanken

Dank

Einleitung

Am Ende stellt sich die Frage:

Was hast du aus deinem Leben gemacht?

Was du dann wünschst getan zu haben, das tue jetzt.

(Erasmus von Rotterdam)

In Dschidda, Saudi-Arabien, trat ich meine erste Auslandsstelle als Siemensianer an und in Riad, Saudi-Arabien, beendete ich die letzte; dazwischen liegen fast 40 Jahre Siemens. Mannomann!

In dieser Zeit war ich für Siemens und die „Deutschland AG“ unterwegs, habe viele Inbetriebnahmen durchgeführt, Organisationen geleitet, Strategien und Businesspläne entwickelt, Krisenanlagen gemeistert und unzählige Aufträge geholt und dabei nicht nur das Geschäft und die Organisation in den verschiedenen Ländern vorangetrieben, sondern auch meinen Beitrag zur Arbeitssicherung in den Werken geliefert. In dieser Zeit habe ich die Erde hundertfach umkreist, mit Vorgesetzten und Kollegen Erfolge gefeiert, die feinsten und schrecklichsten Speisen gegessen, im Siemens-Büro und auf Flughäfen geschlafen und mit tollwütigen Taxifahrern das Leben riskiert. Ich bin mit Produktkatalogen, Präsentationsfolien, Vorführkoffern auf dem Schiff zum Kunden gefahren und habe mein Kreuz dabei ruiniert. Erduldete Spucknäpfe, aß Dreck und wäre beinahe mit einer Fischvergiftung draufgegangen.

Für Mitarbeiter beiderlei Geschlechts war ich Boss und Psychiater, habe Vater gespielt und Familienexistenzen gerettet. Oft genug wurden dafür die Wochenenden geopfert, die Jahresurlaube versemmelt, Kuren abgesagt und kranke Kinder mit nach Hause gebracht. Last but not least habe ich die Frau verärgert, die Ehe riskiert, den Herzinfarkt überlebt und alles in allem eine Menge Schwein und Erfolg gehabt.

Wenn auch nicht immer sofort messbar, so sind die Organisationen und die Geschäfte, die sich in den vielen Ländern während meiner Tätigkeit und danach entwickelten, wohl der größte Lohn meines Wirkens. In jedem Land, in dem ich war, ist das Geschäft auf Basis der geschaffenen organisatorischen Strukturen und Kundenkontakte nachhaltig weitergewachsen. Letztendlich war dies ja auch meine primäre Führungsaufgabe bei Siemens, Organisation und Geschäfte auf- und auszubauen und für Kontinuität zu sorgen, insbesondere, was meine Nachfolge anging.

Die letzten vier Jahre waren die besten. Ich konnte noch einmal meine ganze Energie in meine Aufgaben stecken, dabei Geschäfte gut fördern und gleichzeitig Saudi-Arabien und die angrenzenden Länder besser kennenlernen.

Trotzdem, am Ende muss man sich verabschieden, geht nach Hause, und es ist, naja, fast so, als ob nichts gewesen wär’.

Kapitel

1

Der Anfang

Zwischen Beruf und Familie aus Sicht eines Vaters

Das Familienleben kann voll Sorgen und Dornen sein, aber sie tragen Früchte, während alle andern nichts als dürre Dornen sind.

(Charles-Augustin Saint-Beuve)

In der ersten Phase meiner Auslandseinsätze Ende der 70er bis in die späten 80er Jahre musste ich meine Frau und die Kinder oft alleine lassen, um in aller Herren Länder für Siemens Industrieanlagen in Betrieb zu nehmen und Service-Einsätze zu fahren – von Erlangen nach Brüssel, von Italien nach Tasmanien und von Brasilien nach Indonesien, um hier nur einige der Routen zu nennen. Innereuropäische Aufträge waren natürlich angenehmer, denn dann konnte ich am Wochenende nach Hause.

Meine Frau Gisela und unsere drei Kinder Yvonne, Nicole und Patrick erinnern sich an diese Zeit vor allem deshalb gut, weil es beim Abschied meist viele Tränen und heftige Auseinandersetzungen gab. Wenn sie mich begleiteten, blieb dieser Trennungsschmerz aus, dafür hatten wir andere Sorgen und Probleme. So musste Yvonne wegen einer schlimmen Viruserkrankung, die sie sich in Saudi-Arabien zugezogenen hatte, mehrmals in Erlangen an den Stimmbändern operiert und nach-behandelt werden. Patrick – heute Ingenieur bei Siemens – blieb aus ähnlichen Gründen der Weg in seinen Traumberuf als Flugkapitän versperrt: Die Behandlung einer eitrigen Mittelohrentzündung in China war so dilettantisch, dass er einen kleinen Hörschaden am linken Ohr zurückbehielt.

Die für mich belastendsten Erlebnisse hatten wir allerdings in Dschidda, Saudi-Arabien. Gisela war im 8. Monat schwanger und wurde dort auf offener Straße sexuell belästigt, zudem wohnte im Haus gegenüber ein Wahnsinniger, der ihr beständig auflauerte, um sie mit Handküssen zu umwerben. Als sei das nicht genug, verweigerten die Saudis die Verlängerung des Visums meiner Frau. Gisela war gezwungen, im 9. Monat hochschwanger den Rückflug nach Deutschland anzutreten. Dass ich dann bei der Geburt unseres Sohnes Patrick (1981)die Entbindung verpasste, beschämt mich bis heute. Wegen der Inbetriebnahme einer Rohrprüfpresse mit dem Automatisierungssystem SIMATIC S31 in Belo Horizonte war ich nach Brasilien geflogen. (Alte Siemensianer werden sich noch an dieses, damals nach SIMATIC S32 mächtigste Automatisierungssystem erinnern. Den Anweisungscode hat man Zeile für Zeile eingegeben und auf Status bzw. Verknüpfungsergebnis überprüft und bei Problemen war es mitunter schon mal nötig, die Funktionskontrolle auf einen Adapter aufzustecken, um die Taktfrequenz zu messen.) Ein Rückflug von Belo Horizonte nach Nürnberg war auf die Schnelle nicht zu bekommen, was wirklich unverzeihlich war; zu Recht werde ich bis an meinem Lebensende mit Kritik dafür bezahlen müssen. Wenn wir mit unseren Kindern über die alten Zeiten reden, kommt die Geschichte meiner Abwesenheit bei Patricks Geburt immer auf den Tisch. Erst später, als ich meine Familie dann für längere Zeit mitnehmen konnte, wurde es für uns alle besser.

Gisela entwickelte sich während meiner Abwesenheiten zum Multitalent. Bei Umbauarbeiten im Haus war sie der Projektmanager, bei Arbeiten wie dem Anziehen von Schrauben unter wackeligen Stühlen, der Reinigung verstopfter Siebe an Wasserhähnen oder dem Austausch von Glühbirnen war sie ganz selbstverständlich abwechselnd Schreiner, Klempner oder Elektriker, je nachdem, was gerade anstand. Bei vielen Dingen musste sie improvisieren und bei einigen warten, bis ich wieder zuhause war. Bis dahin aber schmiss sie gezwungenermaßen den Laden.

Ja, die Jahre am Anfang waren nicht ganz einfach. Immer wieder haben mich Kolleginnen und Kollegen gefragt, warum ich diese vielen Auslandshürden auf mich genommen habe. Nun, am Anfang war ich mir nicht bewusst, was für ein außergewöhnliches Leben vor mir lag. Und als ich bei Siemens anfing, existierte in meiner Abteilung noch nicht dieser Familiensinn bei längeren Auslandsaufenthalten, bei Kurzeinsätzen sowieso nicht. Im Vordergrund standen immer die Aufgabe und die Leistung, die man im Rahmen seiner Tätigkeit zu erbringen hatte. Meine Frau hat mir den Rücken freigehalten und damit einen bemerkenswerten Beitrag zu meinem Werdegang geleistet. Dafür bin ich ihr sehr zu Dank verpflichtet.

Erst Ende der 80er Jahre, mit meinem Wechsel in den Vertrieb, änderte sich unsere Situation fundamental: Wir konnten uns alle gemeinsam nach China aufmachen. Welch große Erleichterung! Siemens kümmerte sich gerade in China in besonderer Art und Weise um seine Mitarbeiter und deren Familien. Unsere schönste gemeinsame und vielleicht auch meine erfolgreichste Zeit, was die berufliche Entwicklung angeht, war deshalb im „Reich der Mitte“.

Ein Neubeginn in einer fremden Umgebung birgt zwar Unmengen an Möglichkeiten, wie wir im Positiven erlebten, doch so ein Schritt erfordert auch viel Mut und Risikobereitschaft für die gesamte Familie. Heute wird allzu oft vergessen, welche Mühsal solche Einsätze mit sich bringen konnten und auch tatsächlich begleiteten. Davon im Detail mehr in den folgenden Kapiteln.

An meine eigene erste Reise nach China Anfang der 80er Jahre kann ich mich noch gut erinnern. Damals durfte Lufthansa noch nicht die Strecke entlang der Nordostpassage, also am Polarkreis längs über Russland, nach Peking fliegen. Alle Flüge wurden über die südliche Route geführt, über Bombay (das heutige Mumbai), Indien. Der Flug dauerte insgesamt fast 16 Stunden und war damals etwas Besonderes. Wer flog denn schon in den frühen 80er Jahren nach China? Das waren meist Botschaftsattachés mit ihren Familienangehörigen, vielleicht noch Journalisten, einige wenige Geschäftsleute und vereinzelt ein paar Siemensianer, die Kraftwerksanlagen im Fernen Osten in Betrieb nahmen.

China konnte ja erst nach Maos Tod, mit dem Ende der Kulturrevolution 1978 und dem damit einhergehenden Wechsel der politischen Führung Wirtschaftsreformen durchführen. Deng Xiaopings Regierungsübernahme im Dezember 1978 eröffnete neue Perspektiven. Denn dem Pragmatiker Xiaoping war klar, dass ein schrittweiser Umbau des bisherigen Wirtschaftssystems notwendig war und nur durch eine „Öffnung nach außen“ vollzogen werden konnte, d. h. eine verstärkte Zusammenarbeit mit westlichen Industrieländern war unerlässlich.1 Helmut Kohl agierte zu dieser Zeit bei seinen zahlreichen Besuchen in China sehr bewusst als „Türöffner“ für die deutschen Konzerne2 und hat dadurch sicherlich auch für Siemens einiges zur dortigen Marktreetablierung beigetragen.

Das Siemensbüro in Peking (Siemens Representation Office, Beijing) war erst Anfang der 80er Jahre wieder neu eröffnet worden3, zunächst im Hotel Minzu Fandjen. Nach 50 Jahren ein bescheidener Neuanfang vor Ort (abgesehen von den Geschäften, die Siemens von Europa aus weitergeführt hat), bedenkt man, dass Siemens in den 1930er Jahren in China die größte Landesgesellschaft außerhalb Europas gewesen war. Ich glaube, es waren zunächst nicht mehr als drei oder vier Hotelzimmer, die als Büro fungierten. In einem dieser Büros – oder besser: umgestellten Hotelzimmern –, die mit Katalogen und Broschüren vollgestopft waren, habe ich sogar einmal übernachtet. Die Devise lautete: Bei Zimmerknappheit legst du dich, wenn nötig, auch mal mit dem Siemenslogo ins Bett.

Beim Essen saßen die Chinesen zu dieser Zeit getrennt von den Ausländern. Bei Geschäftsessen saß man zwar immer zusammen an einem großen runden Tisch (10–15 Personen), allerdings getrennt vom Rest der Wirtschaft (meist in einem geschlossenen Raum). Alle Chinesen waren bestrebt, Kontakt mit den „Long Nose“, ausländischen Langnasen, aufzunehmen. Mit zittrigen und schwitzenden Händen kamen junge Chinesen auf einen zu, um auf Tuchfühlung zu gehen und Englisch zu üben. Ähnliches erlebte ich später in Nordkorea. Ihre Aussprache war recht gewöhnungsbedürftig. Siemens wurde als „Siemenzee-Gunse“ ausgesprochen, also Siemens AG. Mit „BA-SE-FW“ war die Firma BASF gemeint. Darauf musste man erst einmal kommen.

Der Transport zum Flughafen fand in einer schwarzen, auf Hochglanz polierten Limousine statt, die übelst nach Knoblauch roch. Damit ging es am Tian’anmen-Platz, dem durch die Niederschlagung der Studentenproteste 1989 später unschön zu Bekanntheit gekommenen Platz des Himmlischen Friedens, vorbei, gesäumt von tausenden Chinesen auf Fahrrädern in blauer Einheitskleidung, begleitet von unzähligen schrillenden Fahrradglocken links und rechts der Straßenseite. Die Glocken waren extra laut und sehr wirksam. Ich habe das Klingeln heute noch in den Ohren. Ein paar von den Dingern nahm ich mit nach Kirchenthumbach und brachte sie an den Fahrrädern der Kinder an.

Auf jeden Fall ist für mich die erste Reise nach China und zur dortigen Siemensniederlassung eines der vielen unvergesslichen Erlebnisse, damals fühlte ich mich fast so, als ob ich dort die Deutsche Botschaft besucht hätte. Von solchen und anderen Episoden aus meinem Leben möchte ich hier berichten.

Heute, nach über 40 Jahren, nach all den überstandenen Schwierigkeiten im Privaten wie im Beruflichen, bin ich stolz darauf, was ich im Rahmen meiner Tätigkeit für Siemens habe leisten können und erleben dürfen. Jede Bordkarte oder Hotelrechnung, die ich vereinzelt immer noch finde, erzählt ihre eigene Geschichte von Reisen ins Ungewisse, aber auch ins überraschend Vertraute. Das Ticket meines ersten Fluges nach Dschidda im Jahr 1977 habe ich mir noch aufgehoben. Alles ist per Hand ausgefüllt, in Schönschrift, von Nürnberg nach Frankfurt, von Frankfurt nach Paris, Charles de Gaulle, von dort nach Dschidda. Nach über 30 Jahren kann man die Eintragungen kaum mehr lesen. Ich kenne aber die Geschichte dieser Reise und freue mich, dass dieses Dokument noch da ist, um sie mir darüber in Erinnerung rufen und erzählen zu können.

1 Vgl. dazu die Aussagen von Dr. Wolfgang Runge: „Kooperation im Wandel: 30 Jahre diplomatische Beziehungen Bundesrepublik Deutschland – Volksrepublik China“, in: China-Journal, Ausgabe 1, 2002–2004.

2 Vgl. Harald Maass: „Die Handelsreisende in China“, Artikel vom 20.05.2006 in: Der Tagesspiegel – Wirschaft, Mai 2006.

3 Vgl. dazu http://www.siemens.com/history/de/laender.htm.

Kapitel

2

Saudi-Arabien

(1976–1977)

Aufbruch in die Fremde

Der fremde Zauber reißt die Jugend fort.

(Friedrich von Schiller)

Mein erster Auslandseinsatz! Die Anfrage meines Einsatzbüros in Erlangen mit anschließender Entsendung kurz vor Weihnachten im Jahr 1976 nahm ich mit uneingeschränkter Begeisterung an. „Inbetriebnahme einer SF6-Hochspannungsanlage“, so stand es, soweit ich mich erinnern kann, in den Entsendungspapieren. Die Möglichkeit, in den Nahen Osten zu reisen, war wirklich ein ungeheures Abenteuer. Schon als kleiner bayerischer Junge hatte ich mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, fremde Länder kennenzulernen. Es hatte lange gedauert, bis diese Träumerei Wirklichkeit wurde, doch jetzt war es endlich so weit. Es sollte zugleich eine riesige Herausforderung und ein unvergessliches erstes Erlebnis außerhalb Deutschlands werden.

Meine Mutter weinte beim Abschied schrecklich, mein Vater dagegen, ein Oberlehrer, der in seinem Leben wenig aus Bayern herausgekommen ist, war hochbegeistert und lieferte mich stolz am Flughafen in Nürnberg ab, denn Fliegen war damals noch etwas Besonders. Der Flug ging via Frankreich, und nach der Landung in Paris fing es gleich toll an: Ich wurde über die Lautsprecher ausgerufen, um einen „Upgrade“ in die erste Klasse nach Dschidda entgegenzunehmen. Meine Güte, dass ausgerechnet mir sowas passieren musste; das erste Mal in einem Großraumflieger – ich glaube, es war eine TriStar – und dann gleich im First-Class-Abteil der Saudi Arabian Airlines! Ich weiß nicht mehr im Detail, wie der Flugverlauf war, aber an so viel kann ich mich noch erinnern, ich saß in der ersten Reihe und der Flug und das Essen waren unheimlich aufregend.

Dieser erste Einsatz außerhalb Deutschlands war mir so überraschend angeboten worden, dass ich mich nicht so richtig vorbereiten konnte. Aus dem väterlichen Brockhaus (bis zur Verbreitung des Internets dauerte es noch einige Jahrzehnte) wusste ich lediglich, dass Dschidda die wichtigste Hafenstadt Saudi-Arabiens am Roten Meer war und als das Tor nach Mekka galt, dem religiösen Zentrum des Islam, welches etwa 72 km östlich im Landesinneren liegt. Aus dem Lexikon erfuhr ich auch, dass Dschidda ursprünglich zum Osmanischen Reich gehörte, Großbritannien das im ersten Weltkrieg eroberte Gebiet entlang der Westküste Arabiens im Jahr 1927 an den arabischen König zurückgegeben und die Unabhängigkeit Arabiens garantiert hatte. Der Legende nach soll in Dschidda Eva begraben sein, die Urmutter der Menschheit.4 Und nach ihr ist der Ort benannt: „Dschidda“, das heißt „die Ahnherrin“, im heutigen Sprachgebrauch auch „die Großmutter“.

Wie das Leben so spielt, entsprach das, was mich erwartete, nicht ganz meinen Träumen. Tatsächlich hatte ich mir vieles ziemlich anders ausgemalt. Bei Ankunft am Flughafen in Dschidda herrschte das reinste Chaos: Unmengen wahllos durcheinandergestapelter Koffer lagen herum, aus denen man seinen herauskramen musste, es folgte das Durchsuchen aller Gepäckstücke nach Whisky und Pornoheftchen und dann dieser Gestank nach Schweiß. Wohin war ich nur geraten?

Auch nach Verlassen des Flughafengeländes wurde mein Befremden nicht geringer. Die Stadt, die Menschen, das Camp und die Arbeitskollegen, mit denen ich tagein, tagaus zusammen war, alles war anders als erwartet und sehr gewöhnungsbedürftig. Den Umständen entsprechend dauerte es einige Zeit, bis ich mich in Saudi-Arabien einigermaßen eingelebt hatte.

Wir zählten zu der ersten Gruppe von Siemensianern, die nach Dschidda entsandt worden waren, um das 110-KV- Hochspannungsnetz der Stadt aufzubauen. Schon kurz nach meiner Ankunft wurde mir klar, dass viele Verheißungen, etwa der schöne Swimmingpool, nur heiße Luft gewesen waren. Im Camp existierten gerade mal die Umrisse eines Pools. Man wohnte in kleinen Wohneinheiten, in weißen Containern, die von Mauern umgeben waren und von Wachpersonal am Eingang kontrolliert wurden. Wer essen gehen wollte, ging in den eigens im Camp eingerichteten Speisesaal, wer in die Stadt wollte, stieg in den blauen Siemens-VW-Bulli. Letztendlich blieb man meistens unter sich und trank selbstgepanschten Wein, um den Abend beziehungsweise die Nacht herumzubringen.

Am schlimmsten waren die Wochenenden. Obwohl das Rote Meer nicht weit entfernt war, verkrochen wir uns in unsere Wohneinheiten. Bei vielen Kollegen stellte sich über kurz oder lang eine depressive Stimmung ein, etliche verbrachten die Tage antriebslos, alles schien traurig und düster. Was mich betraf, litt ich nach einem halben Jahr schlimm unter Schlaflosigkeit. Der Drang, nach Deutschland zurückzukehren, die Familie und Freunde wiederzusehen, war groß. Man konnte ja auch nicht schnell das Handy schnappen, um zu telefonieren. Das nächste öffentliche Telefon war im Zentrum der Stadt und um nach Deutschland telefonieren zu können, musste man ein Ferngespräch anmelden und sich in der Warteschlange einreihen. Ferner lagen die Preise für ein Minutengespräch im zweistelligen DMark-Bereich.

Und dann war da noch unsere Baustelle, die Siemens-SF6-Schaltanlage im Zentrum der Stadt, neben einer grässlich stinkenden Müllhalde. Auf der Baustelle zogen ständig Straßenhändler vorüber, überall lagen Ziegen zwischen den meterhohen Kabeltrommeln herum und unterhalb des Mittelspannungstrafos stolzierten alte Hennen mit ihren Küken vorbei. Ein orientalisches Gemälde, über dem der „Duft“ der Moderne lag ...

Trotz der harten Bedingungen vor Ort hatte Dschidda aber auch schöne Seiten, wenn man sich aufraffte. Das rote Meer mit seinem Überfluss an prächtigen Korallenriffen und der Fischvielfalt war geradezu paradiesisch. Und wenn man in die Stadt ging, wurde man mit unvergleichlichen Eindrücken vom orientalischen Treiben in den engen und farbenprächtigen Basaren belohnt.

Der „Souq“, Basar, ist in den arabischen Städten ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens mit einer eigentümlich-wundervollen Atmosphäre, voller Stimmengewirr, Gedränge und eindrucksvoller Handelsszenen. In guter Erinnerung sind mir bis heute die engen Gassen und die vielen, mit Seidenstoffen und Teppichen bis obenhin vollgestopften Läden geblieben. Der Goldsouq natürlich auch, denn dort habe ich einige schöne Goldkettchen für meine zukünftige Frau erworben. Das Feilschen um den Preis gehörte selbstverständlich dazu. Besonders am Donnerstagabend war dort immer die Hölle los; Donnerstag war damals der muslimische Samstag (heute ist dies der Freitag).

Abends, kurz vor Sonnenuntergang, mit abnehmender Tageshitze war die schönste Zeit. Der Arbeitstag wurde offiziell mit dem über Lautsprecher in alle Himmelsrichtungen schallenden Gebet des Muezzins beendet. Mit schweißdurchtränkter Kleidung ging es dann im blauen Siemens-VW-Bulli zurück in das Camp, um für den nächsten Morgen wieder Kraft zu sammeln.

Es war unter den geschilderten Umständen doch ein Glück, dass nach einem Jahr die Entsendung beendet wurde. Später, als ich verheiratet war und noch einmal für einige Zeit nach Dschidda musste, diesmal zusammen mit meiner Frau, trafen wir bessere Bedingungen an. Wir lebten in einem komfortablen Wohnhaus inmitten der Stadt. Nur die bereits erwähnte erzwungene Ausreise meiner hochschwangeren Frau und die sexuelle Belästigung durch den Nachbarn, während unsere damals einjährige Tochter Yvonne im Kinderwagen saß (das muss man sich mal vorstellen), trübten diesen gemeinsamen Aufenthalt spürbar.

4 Vgl. dazu: http://www.indoorient.ch/programme/pdf/Saudi_Arabien.pdf

Kapitel

3

Südafrika

(1978–1979)

Familiengründung in der Ferne

Die Familie ist das Vaterland des Herzens.

(Giuseppe Mazzini)

Die Zeit in Südafrika vom Frühjahr 1978 bis zum Sommer 1979 war sowohl beruflich als auch privat eine besonders schöne Zeit. Meine Frau und ich waren frisch verheiratet und voller Energie und lebten an einem der vielleicht schönsten Flecken auf Erden. Hier haben wir unsere ersten Messer und Gabeln erworben, unsere ersten Töpfe gekauft und hier kam unsere Tochter Yvonne zur Welt.

Anders als später in China, Korea oder den USA war ich nicht in eine Siemens-Landesgesellschaft versetzt worden, sondern blieb Stammhausabgeordneter mit direktem Gehaltsbezug aus Deutschland. Unter diesen Voraussetzungen war ich während unseres Aufenthaltes selbst verantwortlich für alle persönlichen Kosten im Land. Das Haus musste ich allein organisieren sowie die damit verbundenen Lebenshaltungskosten tragen. Damit waren wir angehalten, mit dem Spesensatz, den man jeden Monat bezog, auszukommen. Der südafrikanische Rand, also die Landeswährung, war gegenüber der D-Mark damals ziemlich hoch (ich glaube, es waren fast 4 DM zu einem Rand). Bis zur Geburt unserer Tochter Yvonne wirtschafteten wir sparsam und kamen mit dem Spesensatz recht gut zurecht – wir schafften es, alle Kosten im Land mehr oder weniger zu bestreiten ohne das Konto in Deutschland zu belasten.

Unser gemeinsames Leben verlief anfänglich nicht ganz reibungslos. Gisela hatte wegen des Umzugs nach Südafrika ihren geliebten Job in Deutschland als Industriekauffrau aufgeben müssen und war deshalb manchmal niedergeschlagen, ihr fehlten zudem das vertraute Umfeld und der Kontakt zu Freunden. Ohne Skype gestaltete sich dieser umständlich oder war fast unmöglich. Wir haben diese schwierige Zeit aber recht gut gemeistert, nicht zuletzt weil wir häufiger improvisieren mussten und die kleineren Katastrophen im Alltag uns zusammenschweißten.

In unserem Haus, das in einem kleinen Ort namens Strand, etwa 30 Kilometer nördlich von Kapstadt, lag, lernten Gisela und ich uns erst so richtig kennen. Das Wetter kann in der Kapprovinz in den Wintermonaten, also von Juni bis September, recht wechselhaft sein. Oft schlägt es von einem Moment auf den anderen von sonnig-warm auf nasskaltes Wetter um und im nächsten Augenblick ist es wieder andersherum. Da das Haus keine Heizung hatte, froren wir im Winter schrecklich, weshalb wir notgedrungen in der Küche bei glühenden Herdplatten und aufgeklapptem, geheiztem Backofen zusammenrücken mussten. Unvergesslich auch der Moment nach Giselas Versuch, die Lampenschirme im Wohnzimmer zu reinigen. Als ich an jenem Tag abends nach Hause kam, empfing sie mich völlig aufgelöst mit den Worten: „Uli, mir ist was schreckliches passiert – die Lampenschirme sind weg!“ Sie waren ihr beim Reinigen unter den Händen weggebröselt – der Stoff war so alt und porös gewesen, dass die Schirme wie Staub in sich zusammenfielen.

Dafür waren unsere Nachbarn sehr nett. Sie liefen zuhause und im Garten immer mit dicken Pullovern und Decken umher, weil es auch in ihrem Haus außer einem offenen Kamin keine Heizung gab. Und der Nachbar, der rechts von unserem Bungalow wohnte, spritzte regelmäßig die Fenster mit dem Gartenschlauch von außen ab. Wir haben uns immer gewundert, warum die das machten. Naja, das war halt dort so üblich – andere Länder, andere Sitten.

An den Wochenenden unternahmen wir gemeinsame Touren durch die Gegend. Meist fuhren wir entweder nach Kapstadt rein oder Richtung Stellenbosch, um die vielen Weinfarmen zu testen. Auch den Tafelberg haben wir natürlich bezwungen, mit der Gondel. Das Wetter oben auf dem Plateau war an dem Tag ziemlich windig und unangenehm. Vom Gipfel aus hatte man jedoch trotz des schlechten Wetters einen wunderschönen Rundblick auf Kapstadt und über fast die gesamte Kaphalbinsel.

Hatten wir keine Lust auf lange Autofahrten, gingen wir ans Meer. Der nächste Strand lag nur wenige Minuten von Somerset West und Gordon’s Bay (Afrikaans: Gordonsbaai) entfernt an den weiten Ufern der False Bay. Somerset war ein kleiner, charmanter Ort mit langem Sandstrand und nicht umsonst bei Südafrikanern sehr beliebt. Mit Wassertemperaturen von rund 17–19°C bot es neben dem Badebetrieb auch die idealen Voraussetzungen für Wassersportler wie (Body-)Surfer, Angler und Taucher, ihre Leidenschaft auszuleben. Obwohl uns der Besitzer unseres Hauses ein Surfbrett in der Garage zur Verfügung gestellt hatte, probierte ich das Surfen selbst nie aus, ich hatte zu viel Schiss vor den Haifischen.

Die Siemens-Baustelle, eine SF6-110-KV-Hochspannungsanlage (SF6-Schwefelhexafluorid ist ein Schutzgas, das zur Isolierung dient und den oder die elektrischen Leiter umgibt) mit angekoppelter 13,8-KV-Mittelspan-nungsanlage lag neben einem Staudamm in der Nähe von Gordon’s Bay. Ich war für die Inbetriebnahme des elektrischen Teils der Anlage verantwortlich. Für die Verkabelungen zwischen den Schalt- und Schutztechnikräumen wurde Personal von Siemens Johannesburg (wir sagten „Siemens Jo’burg“) zur Verfügung gestellt – was ein überaus interessantes Völkergemisch mit sich brachte: Engländer, Deutsche, Australier, Griechen waren nur einige der zahlreichen Nationalitäten, neben Weißen gab es natürlich auch Schwarze und Farbige aller Couleur. Dort erlebte ich hautnah, was für ein Migrationsland Südafrika ist und wie sehr Zuwanderer und ihre Nachfahren die Gesellschaft prägten und was die Rassentrennung mit sich brachte. Die Rassentrennung (Apartheid) endete ja offiziell erst 1994, als Nelson Mandela der erste schwarze Staatspräsident von Südafrika wurde.