Der Highlander und die schöne Feindin: Die Highland-Kiss-Saga  - Band 2 - Heather Graham - E-Book

Der Highlander und die schöne Feindin: Die Highland-Kiss-Saga - Band 2 E-Book

Heather Graham

0,0
4,99 €

Beschreibung

Wenn aus Rache ungeahnte Leidenschaft wird! Der historische Liebesroman »Der Highlander und die schöne Feindin« von Heather Graham als eBook bei dotbooks. Die Highlands im 13. Jahrhundert: Der schottische Ritter Sir Arryn Graham hat seinem englischen Erzfeind Kinsey Darrow Rache geschworen. Nachdem er dessen Schloss erobert hat, bringt er auch Darrows zukünftige Braut Kyra in seine Gewalt. Doch nie hätte er damit gerechnet, welche Leidenschaft die smaragdgrünen Augen seiner Feindin in ihm entfachen. Auch Lady Kyra, in deren Adern das wilde Blut ihrer schottischen Ahnen fließt, ist überwältigt von ihren Gefühlen für einen Mann, den sie nicht lieben sollte. Als Kyra in Lebensgefahr gerät, muss sie sich entscheiden, ob sie Arryn vertrauen will … »Graham ist eine unglaubliche Erzählerin.« Los Angeles Times Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das Historical-Romance-Highlight »Der Highlander und die schöne Feindin« von New-York-Times-Bestseller-Autorin Heather Graham ist Band 2 der »Highland-Kiss-Saga«; alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 466

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch:

Die Highlands im 13. Jahrhundert: Der schottische Ritter Sir Arryn Graham hat seinem englischen Erzfeind Kinsey Darrow Rache geschworen. Nachdem er dessen Schloss erobert hat, bringt er auch Darrows zukünftige Braut Kyra in seine Gewalt. Doch nie hätte er damit gerechnet, welche Leidenschaft die smaragdgrünen Augen seiner Feindin in ihm entfachen. Auch Lady Kyra, in deren Adern das wilde Blut ihrer schottischen Ahnen fließt, ist überwältigt von ihren Gefühlen für einen Mann, den sie nicht lieben sollte. Als Kyra in Lebensgefahr gerät, muss sie sich entscheiden, ob sie Arryn vertrauen will …

»Graham ist eine unglaubliche Erzählerin.« Los Angeles Times

Über die Autorin:

Heather Graham wurde 1953 geboren. Die New-York-Times-Bestseller-Autorin hat über zweihundert Romane und Novellen verfasst, die in über dreißig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Heather Graham lebt mit ihrer Familie in Florida.

Eine Übersicht über weitere Romane von Heather Graham bei dotbooks finden Sie am Ende dieses eBooks.

***

eBook-Neuausgabe Mai 2019

Dieses Buch erschien bereits 2001 unter dem Titel »Das Liebespfand« bei Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2000 by Shannon Drake

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel »Conquer the Night«.

Copyright © der deutschen Ausgabe 2001 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Published by arrangement with Shannon Drake.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von shutterstock/Book Cover Photos, CURAphotography, YuirFineArt, Dave Head, Trum Ronnarong, TW Stock, blue pencil und Imichman

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-812-4

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Der Highlander und die schöne Feindin« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Heather Graham

Der Highlander und die schöne Feindin

Roman

Aus dem Amerikanischen von Eva Malsch

dotbooks.

Prolog – Der Abgrund

18. März 1286

Sturmwolken jagten über den Himmel. Mit der Zeit änderte sich ihre Farbe, ging von wütendem, düsterem Blau in Grau und schließlich in ein seltsames nebliges Rot über. Die Farbe des Blutes. Und tatsächlich – einige Höflinge, die Edinburgh verließen, meinten besorgt, Alexander solle an diesem Abend nicht auf Reisen gehen. Den ganzen Tag hatte der Himmel wie die Palette eines Malers in den verschiedensten Rottönen geschimmert und die Farbe des Todes erlosch nicht einmal in der nächtlichen Finsternis.

Das Unwetter, das sich tagsüber angekündigt hatte, brach los, und wirbelnder Schnee erhellte das düstere Rot, erfüllte die Luft und verhüllte das Land, behinderte die Sicht von Mensch und Tier gleichermaßen. Nach der Ratssitzung beobachteten die Männer des Königs die tosenden Elemente. Zu Alexanders Rat zählten kluge, gebildete Köpfe. Er regierte ein Königreich, das sich im Lauf vieler Jahrhunderte gebildet hatte. Jetzt betrachteten sich alle Bewohner trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft als Schotten. Allerdings fühlten sich die reichen Freiherren, die Ländereien in England besaßen, zwei Königen verpflichtet. Nicht zuletzt wegen des normannischen Einflusses, unter dem sie standen, waren sie gut informiert und belesen.

Doch in ihren Adern floss auch das Blut der alten Pikten, Skoten, Britannier, Gälen und Kelten – und das genügte, um in einer solchen Nacht ihren Aberglauben zu wecken.

Bischof Wishart, vom König hoch geschätzt und ihm in inniger Verbundenheit zugetan, drängte ihn, die Reise zu verschieben. »Bleibt in Edinburgh, Sire! Ein Sturm braut sich zusammen. Ein roter Sturm, er ist finster, wild und gefährlich.«

Beruhigend klopfte Alexander dem Bischof auf die Schulter. »Ach, teurer Freund, meine junge Gemahlin wartet. Welcher Mann würde nicht Wind und Wetter trotzen, um eine Schönheit wie Yolande zu umarmen?«

Wishart musterte ihn seufzend. Mit seinen vierundvierzig Jahren befand sich Alexander III. von Schottland – ein attraktiver, kräftig gebauter Mann – in der Blüte seines Lebens. Seine erste Frau, die Schwester des englischen Königs Edward I., hatte den Tod gefunden, ebenso wie ihre jungen Söhne und die Tochter, die norwegische Königin. Nun war die Enkelin Margaret, die Tochter Eriks von Norwegen, Alexanders Erbin. Von den Freiherren hatte er sich schriftlich bestätigen lassen, sie würden Margaret im Fall seines Todes als schottische Königin anerkennen. Ein sechsköpfiger Regentschaftsrat würde ihr zur Seite stehen, sollte sie den Thron in ihrer Kindheit besteigen müssen. Keiner dieser sechs Männer durfte den Thron für sich beanspruchen.

Aber nun hatte der König wieder geheiratet – die schöne junge Yolande. Und er fühlte sich rüstig genug, um erneut Vater zu werden. Er liebte seine Gattin, die jetzt im Ehebett wartete, und er wünschte sich Söhne – stark und klug genug, um das Königreich gegen größere Mächte zu verteidigen. Zweifellos war es eine angenehme Pflicht, solche Söhne zu zeugen. Im Augenblick kannte er nur diesen einen Gedanken und schlug die Stimme der Vernunft in den Wind.

»Glaubt mir, Sire, Eure Frau wird Euch auch an einem anderen Tag erwarten«, beschwor ihn der Bischof.

»Gewiss, ein Unwetter kommt auf uns zu, so wild wie ein Schotte. Ich liebe dieses Land mit seinen Mooren, Bergen und Schluchten – die herrlichen Farben im Frühling und Sommer, die gewaltigen Stürme im Winter. Es muss immer ein Schottland geben, Wishart.« Zu seinen tapferen Rittern gewandt, fuhr Alexander fort: »Meine Freunde, wir galoppieren zur Fähre von Queensferry, dann weiter nach Kinghorn – und ich werde an der Seite meiner Frau schlafen!«

»Aye, Sire!«, antwortete die Eskorte.

Nur einer der Männer schwieg – der blutjunge, eben erst zum Ritter geschlagene Sir Arryn Graham. Er saß bereits im Sattel seines Schlachtrosses, das Alexander ihm geschenkt hatte, und blickte forschend zum Himmel auf.

Hastig führte ein Page das Pferd des Königs heran. Nachdem Alexander aufgestiegen war, beobachtete er Graham. Noch nicht großjährig, aber hoch gewachsen und im Kampf erprobt, wirkte er in diesem Augenblick ebenso bedrückt wie Wishart.

»Meinst du, ich sollte nicht reiten, Arryn?«, fragte der König. Eine so ernsthafte Besorgnis zeigten junge Menschen nur selten.

»Ja, Sire, das meine ich.«

»Warum?«

»Den ganzen Tag hat uns der Himmel gewarnt und jetzt ...«

»Sprich weiter!«

»Meine Mutter stammt aus dem Hochland, Sire. Dort kennen die Oberhäupter der Clans den Himmel ebenso gut wie die Schäfer. Sie wissen, wann er dem Land Gefahr bringt. Heute Nacht bedroht er uns.«

»Aye, die Hochländer erteilen uns stets kluge Ratschläge. Aber wir Schotten sind eine eigenartige Mischung aus Kälte und Wind, ausgedehnten Mooren und hohen Klippen, Pikten und Skoten und Britanniern. Sogar die Normannen und Wikinger schlugen in unserer Erde neue Wurzeln. Diese Vielfalt gibt uns Kraft. Verstehst du, mein Junge? Deshalb muss ich in dieser Nacht reiten.« Lächelnd winkte der König dem Bischof zu und sprengte vor seiner Eskorte einen Hang hinauf.

Fröstelnd schaute Wishart der kleinen Schar hinterher. Er war ein Mann Gottes, kein Hochländer. In seinem Herzen fühlte er den alten Aberglauben nicht. Trotzdem wuchs sein Unbehagen. Der Winterwind kreischte wie ein altes Weib, Schneeflocken wirbelten wild umher und der Nachthimmel schimmerte blutrot. Beklommen kehrte der Bischof ins Schloss zurück.

Der König ritt an der Spitze seiner Männer und kannte keine Bedenken. Noch nie hatten sich Pflicht und Freude so süß vereint wie in seiner Ehe mit Yolande, der Tochter des Conte of Dreux. Nach der Trauer um seine Frau und seine Kinder genoss Alexander das Geschenk dieser neuen Liebe.

Mochten die Lehnsherren seine Enkelin Margaret auch anerkennen, er wollte ihnen einen männlichen Erben hinterlassen, einen geborenen Anführer, der wie der Teufel reiten und das Schwert schwingen würde, Obwohl schon lange kein Krieg mehr in Schottland getobt hatte – das Volk nannte seine Regentschaft ein goldenes Zeitalter, was ihn mit Stolz erfüllte –, kannte er doch die Launen des Schicksals wie der Menschen. Als elfjähriger Junge, soeben mit der zehnjährigen Margaret von England verheiratet, war er vom alten englischen König Henry und dann von schottischen Wachen entführt worden. Mit Edward verstand er sich gut. Aber in dieser Welt durfte man auf nichts bauen.

Ja, für Schottlands Zukunft brauchte er einen Sohn, Deshalb galoppierte er jetzt durch die Sturmnacht.

»Sire, das Schneetreiben wird stärker.«

Er wandte sich zu Sir Arryn, der an seiner Seite blieb, während die anderen zurückgefallen waren. »Wie alt bist du, mein Junge?«

»Sechzehn, Sire.«

»Für deine Jugend erscheinst du mir sehr klug. Eins musst du stets bedenken – Schottland wird niemals aus einem einzigen Mann bestehen. Es ist das Herz und der Puls und die Seele aller, die es mit dem Recht ihres Blutes beanspruchen. Nur aus den Launen edler Geburten gehen Könige hervor. Aber im Boden Schottlands vereinen wir uns alle.« Er spornte sein Pferd an und wirbelte Flocken und Erdklumpen auf. Nun ließ er auch den jungen Arryn hinter sich zurück, dem die weißen Wolken die Sicht nahmen.

Vermutlich hielten ihn die fünf Burschen, die ihn begleiteten und alle noch nicht trocken hinter den Ohren waren, für einen alten Mann. Aber er fühlte sich jung und stark, er war ein ausgezeichneter Reiter. Und neben dem Mut, den er seinen körperlichen Fähigkeiten verdankte, beflügelte zudem eine romantische Anwandlung seinen Entschluss, seine Gemahlin wieder zu sehen. Bei Gott, um in ihre Arme zu sinken, würde er allen Elementen trotzen.

Angstvoll und atemlos folgten ihm die jungen Ritter nach Queensferry. Der Fährmann hatte sich bereits in seine Hütte zurückgezogen, weil er annahm, bei diesem Wetter würde niemand den Firth of Forth überqueren. Aber Alexander hämmerte gegen die Tür. »Kommt heraus! Tut Eure Pflicht!«

Zunächst öffnete der breitschultrige, muskulöse Mann die Tür nur einen Spaltbreit, dann erkannte er den König und riss sie weit auf. Alexanders Begleiter drängten sich um ihn und suchten Schutz vor dem heulenden Wind, so gut es ging.

»Sire, heute Nacht ist die Überfahrt unmöglich ...«, begann der Fährmann und sank auf ein Knie nieder.

»Für mich ist nichts unmöglich«, erwiderte der König und der Mann musste sich geschlagen geben.

Beklommen richtete er sich auf, ergriff seinen schweren Mantel und eilte zur Fähre. Inzwischen tobte der Sturm so heftig, dass die jungen Ritter ihm helfen mussten, die Taue zu lösen. »Der Allmächtige steh uns bei«, wandte er sich mit gedämpfter Stimme zu dem Burschen an seiner Seite, »wenn wir unvernünftigen Königen dienen müssen.«

»Werden wir die Überfahrt schaffen?«

»Nur mit der Gnade Gottes ... Tut mir Leid, junger Herr, verzeiht einem alten Mann, der am Leben hängt. Könnt Ihr schwimmen?«

»Gewiss.«

»Dann wird Euch nichts zustoßen.«

»Um mich selbst ist mir nicht bange.«

Der Fährmann warf dem Ritter einen kurzen Blick zu. »Aye, Sir, bleibt in der Nähe dieses Verrückten, der sich König nennt.«

Was sie besprachen, konnte als Hochverrat ausgelegt werden, und so verstummten sie, als die anderen näher kamen und mit den Tauen kämpften. Schäumend stiegen die Wellen empor, schlugen donnernd gegen das Holz der Fähre, und die Burschen, die einander Anweisungen erteilten, mussten schreien, um den Lärm und das Tosen des Sturms zu übertönen.

Endlich führten die Männer ihre Pferde an Bord. Mit ihrem ganzen Gewicht legten sie sich in die Taue, die das Schiff steuerten, und bekämpften den Wind. Inzwischen waren sie vom Schneetreiben bis auf die Haut durchnässt. Die Gesichter brannten vor Kälte. Nach einer halben Ewigkeit erreichten sie das andere Ufer. Erleichtert jubelte die Eskorte ihrem König zu und er freute sich über seinen Erfolg. Er hatte bewiesen, dass er auf Reisen gehen konnte, wann immer er wollte – ein unbesiegbarer Anführer.

»Da sind wir, Sire!«, rief der Fährmann. Dankbar fing er die Münze mit dem Bild des Königs auf, die Alexander ihm zuwarf, und verneigte sich. Vor Anstrengung keuchte er. Trotz der eisigen Luft perlte Schweiß auf seiner Oberlippe.

»Aye, da sind wir, so wie ich's vorausgesagt habe«, betonte Alexander gut gelaunt. Dann drängte er seine Männer zur Eile.

Sie stiegen auf ihre Pferde und winkten dem Fährmann zu, der ebenfalls eine Hand hob. In seinem Gesicht zeigte sich ein sonderbarer Ausdruck, der Sir Arryn bewog, seinem König hastig zu folgen. Aye, auch Könige können Narren sein, dachte er. Sein Herz schlug wie rasend.

Wie üblich galoppierte Alexander voraus, doch seine Männer hatten Mühe, ihm auf den Fersen zu bleiben.

»Großer Gott, Finn, siehst du ihn?«, rief Arryn dem Mann zu, der hinter seinem Hengst dahinsprengte.

»Reitet schneller!«, schrie Finn of Perth ungeduldig. »Wir müssen ihn einholen!«

»Aber ich sehe ihn nicht mehr!«, klagte John of Selkirk.

Von bösen Ahnungen erfasst, spähten sie durch den blendenden Flockenwirbel, der ihnen wie ein undurchdringlicher weißer Wall erschien. Angstvoll zügelten sie ihre Pferde, die rastlos im Schnee scharrten, und riefen nach ihrem König.

»Heiliger Himmel, wir haben ihn verloren!«, überschrie Finn den Wind.

»Nein, das darf nicht geschehen!«, protestierte John. »Suchen wir ihn, schlagen wir verschiedene Richtungen ein. Wenn wir den König verlieren ...«

»... verlieren wir Schottland«, ergänzte Arryn und gab seinem Hengst die Sporen.

Alexander achtete nicht auf die tobenden Elemente. Stattdessen dachte er an ein warmes Feuer, Glühwein und die weiche Haut seiner jungen Frau. Er glaubte den Weg zu kennen und dachte, sein Pferd wäre sicheren Fußes. Inzwischen war die rote Glut am Himmel erloschen, die Nacht nur mehr weiß und schwarz.

Plötzlich strauchelte das Pferd und stürzte; fluchend fiel der König aus dem Sattel. Jeder wackere Mann weigert sich, dem Tod ins Auge zu blicken. Selbst wenn sein Pferd ihn über eine Klippe in die Tiefe schleudert. Und so sträubte sich auch Alexander gegen die Tatsache, dass er dort unten sterben würde – nachdem ihn nicht einmal das blutrote Unwetter in Gefahr gebracht hatte.

Aber das Rot schimmerte nicht mehr ...

Schmerzhaft schlug er auf den Felsen auf – höllische Qualen – Dunkel ... Sein zerschmetterter Körper rollte noch weiter hinab. Und die Farbe des Blutes war ein Vorbote des Unheils gewesen, das dem Land drohte.

So wie die Leiche des Königs lag die Zukunft Schottlands in einem schwarzen Abgrund, den nur das Rot vergossenen Blutes erhellen würde.

Kapitel 1

Seacairn Castle, nahe dem Wald von Selkirk, im Jahr des Herrn 1297

Kyra stand vor dem Feuer in der großen Halle des alten steinernen Turms von Seacairn. Rötlich und golden tanzten die Flammen nach Lust und Laune der Zugluft, die unentwegt durch die Festung fegte.

Nein. Nein. Niemals.

Diese schlichten Worte erfüllten ihre ganze Seele. Am liebsten hätte sie laut genug geschrien, um die Deckenbalken und Mauern zu erschüttern. Sie rannte die gewundene Treppe zur Kapelle hinauf.

Eine Zeit lang starrte sie den Altar an. Dann wandte sie sich ab, eilte nach rechts zum Schrein der Heiligen Jungfrau und sank in ihren üppig gebauschten Röcken auf die Knie. »Nein, nein, nein! Lass es nicht zu, Mutter Gottes! Hilf mir, gib mir Kraft. Verzeih mir – aber ich würde sogar mit dem Teufel einen Pakt schließen, um diesem Schicksal zu entrinnen. O Gott, eher sterbe ich ...«

Verwirrt verstummte sie, als ein Rammbock donnernd gegen das Haupttor des Schlosses prallte. Es war eine mächtige Festung, von jedem ihrer Bewohner verstärkt und vergrößert, denn sie lag im umstrittenen Grenzland, wo anscheinend jedes in Schottland bekannte Geschlecht schon einmal regiert hatte. Jetzt, unter der entschlossenen Herrschaft Edwards I., befand sich Seacairn in englischer Hand. Und in Schottland – wo seit dem Tod der Maid von Norwegen Aufruhr herrschte – konnten jeder Zeit wilde Kämpfe ausbrechen. Dem Mann, der die Festung eroberte, würde sie gehören – gleichgültig, welchem Volk er entstammte.

»Mylady!«

Kyra drehte sich zu ihrer Zofe Ingrid um, die in die Kapelle stürmte. »Was gibt's?«

»Da sind sie – Mörder und Plünderer, lauter Wilde! Die heidnischen Hochländer!« In einem Kloster erzogen, glaubte das vollbusige, kräftig gebaute Mädchen, die meisten Männer seien Barbaren und die Schotten die schlimmsten Bestien.

Kyra lief zu einer Schießscharte. Tatsächlich – mehrere Reiter, teils in Kettenhemden und Plattenpanzern, teils in Leder, stürmten das Schloss mit gellendem Kriegsgeschrei, mit Pfählen oder Sicheln bewaffnet. Sie waren bereits in den Hof vorgedrungen und bekämpften die unzulänglichen Streitkräfte, die Lord Kinsey Darrow zurückgelassen hatte. Nachdem Kyras Vater gestorben war, hatte König Edward diesem Engländer die Festung anvertraut.

Entsetzt beobachtete sie die Nahkämpfe, hörte das Geschrei der Sterbenden, sah Blut von Schwertern und Äxten tropfen. Irgendjemand verkündete, wer sich ergebe, werde Gnade finden und dürfe eine bessere Behandlung erwarten als die Schotten in englischer Gewalt.

»Gott helfe mir«, flüsterte Kyra und wich von der Schießscharte zurück.

»Mylady, sie wollen Euch holen, weil Lord Darrow ...«, begann die Zofe.

»Genug, Ingrid«, erklang eine energische Männerstimme. »Sagt nichts mehr zu Eurer Herrin.«

Kyra wandte sich zu Pater Corrigan um. Lautlos hatte er die Kapelle betreten. Die Kapuze seiner Kutte überschattete sein Gesicht. Schon seit langer Zeit vermutete Kyra, dass die Sympathien und Gebete des Iren den Schotten galten. Mühsam zwang sie sich zur Ruhe. »Was haben Ingrids Worte schon zu bedeuten? Sie haben uns besiegt, Lord Darrows Männer sind gefallen oder kapitulieren. Jede Minute wird der Feind hereinkommen und wir alle werden von heidnischen Händen sterben ...«

»Sicher sind sie nicht hier, um uns zu ermorden.«

»Seht Ihr denn nicht, was dort unten geschieht, Pater?«

»Gewiss, Mylady, sie überfallen uns voller Rachsucht, denn sie wollen das Schloss für sich gewinnen, das gälischen Ursprungs ist. Und – falls ich mir die Bemerkung erlauben darf – sie sind auch hinter Euch her.«

Obwohl die Kapuze sein Gesicht verhüllte, wusste sie, dass er sie beobachtete. Erfüllte sein Herz der gleiche Groll wie die Seelen der Feinde im Hof? Oder wartete er einfach nur ab, ob sie in Tränen ausbrechen und sich verzweifelt von den Zinnen stürzen würde?

»Unsere Soldaten werden für Euch sterben«, fuhr er fort. Bewunderte er die Tapferkeit der Männer? Oder überlegte er höhnisch, ob Kyra deren Leben wert war?

Würdevoll hob sie ihr Kinn. »Nicht nötig. Wenn uns die Barbaren verschonen ...«

»Darrow hat Krieger und Bauern gleichermaßen in einen Stall getrieben, den er in Brand stecken ließ, Lady Kyra. Da dürfte es schwer sein, im Gegenzug Barmherzigkeit zu erflehen.«

»Um Gnade zu bitten ist niemals schwierig, Pater. Es ist nur fraglich, ob der Feind zur Milde fähig ist.«

»Lady Kyra!« Sie wandte sich zu Captain Tyler Miller, der vor ihr auf die Knie fiel. »So wahr mir Gott helfe, Lady, wir würden gern für Euch sterben. Aber ich fürchte, es nützt nichts. Vielleicht könnt Ihr fliehen ...«

»Bitte, erhebt Euch, Captain Tyler. Unterwerft Euch mit Euren Männern, wenn Hoffnung auf Gnade besteht.«

»Möglicherweise gewinnen wir Zeit für Eure Rettung, Lady, wenn wir unser Leben hingeben ...«

»Ein solches Opfer nehme ich nicht an. Niemals würde ich meine Seele mit so schweren Schuldgefühlen belasten. Verteidigt die Festung gegen die Barbaren, so gut es geht, und sobald alles verloren ist, befehle ich Euch in Lord Darrows Namen die Kapitulation.«

Tyler verneigte sich und verließ die Kapelle.

»Bald werden seine Soldaten besiegt sein«, prophezeite Pater Corrigan.

»Möge der Allmächtige mir beistehen!«, stieß Kyra hervor. Hatte sie die Heilige Jungfrau vergeblich angefleht? Um Himmels willen, was sollte sie nur tun? »Möge der Allmächtige mir beistehen«, wiederholte sie flüsternd.

Aber der Geistliche vernahm die Worte, selbst wenn Gott nicht zuhörte, und er lächelte.

»Bedenkt, mein Kind – der Herr hilft jenen, die sich selbst helfen.«

»Tatsächlich, Pater? Dann will ich mit seinem Beistand versuchen, mir selbst zu helfen.«

»Legt Eure Waffe nieder!«, rief Arryn. Sobald sie die Außenmauer durchbrochen und den Schlosshof erreicht hatten, war ein großer, kräftiger, erfahrener Krieger sein erster Gegner gewesen. Aber jetzt stand er einem Jungen gegenüber, der viel zu unbeholfen mit seinem Schwert umging.

»Nein, das kann ich nicht!« Wieder hob der Bursche seine Waffe, nur eine wackere Geste, denn sie verfehlte ihr Ziel – den Bauch des Feindes.

Arryn saß auf seinem rotbraunen Schlachtross, das er vor Jahren von einem gefallenen englischen Kavalleristen übernommen hatte. Und es wäre ihm nicht schwergefallen, den Jungen mit seinem eigenen Schwert niederzustrecken. »Gebt auf, Ihr seid geschlagen.«

»Aye, ich bin besiegt. Aber aufgeben? In Flammen sterben? In der Schlinge des Henkers? Oder auf dem Scheiterhaufen?«

»Legt endlich Eure Waffe nieder, junger Narr! Kinder bestrafe ich nicht für das Unglück ihrer Geburt!«

Zögernd ließ der Bursche sein Schwert fallen. In diesem Augenblick hörte Arryn, wie nach ihm gerufen wurde, und schwang seinen schönen Fuchs herum.

Jay MacDonald, der den Kampftrupp seines Clans befehligte, rannte durch den Hof zu ihm. »Lord Darrow ist nicht hier! Soeben teilte man mir mit, er habe erfahren, ein Barbarenheer plane ihn anzugreifen, und da sei er davongeritten.«

»Also ist die Ratte aus der Falle geflohen«, meinte Arryn verächtlich und spuckte in den Staub. Seine Wut und Enttäuschung bereiteten ihm fast körperliche Qualen. Sein Herz schmerzte, seine Seele litt. Was Kinsey Darrow getan hatte, war unverzeihlich und unvergesslich. Und das alles mit dem Segen des englischen Königs! Wenn solche Gräueltaten dem Gesetz entsprachen, musste man das Gesetz brechen. In einem Land, wo keine Gerechtigkeit herrschte, blieb einem Mann nichts anderes übrig, als Rache zu üben. Und bei Gott, wenn nicht an diesem Tag – irgendwann würde er seine Vergeltung genießen. Kinsey Darrow würde von seiner Hand fallen. Oder Arryn würde im Kampf sein Leben opfern. Allzu lange vermochte er seine Albträume nicht mehr zu ertragen. Nacht für Nacht hörte er ihr Geschrei, und es würde ihn bis zu seinem letzten Atemzug verfolgen, vielleicht sogar bis in alle Ewigkeit.

»Hast du nicht gehört, Arryn?«, fragte Jay. »König Edwards elender, feiger Lakai ist nicht hier.«

»Bist du sicher?«

Jay zeigte in eine Ecke des Hofs, wo die Palastwachen standen. Ihre Waffen lagen vor ihnen am Boden. Nervös beobachteten sie die schottischen Feinde. »Frag diesen Jungen, Arryn. Heute Morgen ist Lord Darrow aus dem Schloss geritten.«

»Stimmt das?«

Das Gesicht des Burschen sah Arryn nicht, denn Kinsey Darrow war ein reicher Ritter, der große Ländereien besaß und seine Soldaten erstklassig ausstatten konnte. Der Junge trug einen Helm mit Visier und ein engmaschiges Kettenhemd. Auf dem Überwurf in Darrows Farben prangte das Wappen.

Der Soldat nahm den Helm ab. Wie Arryn vermutet hatte, war der Engländer blutjung. Trotz seiner offensichtlichen Angst stand er hoch aufgerichtet da. »Aye, Sir, es ist wahr. Lord Darrow kam hierher, um seine Lady zu sehen. Bald danach erhielt er eine Nachricht vom Earl of Harringford und verließ Seacairn mit der Hälfte seiner Streitkräfte.«

»Seine Lady?« Arryn hob die Brauen und beugte sich über den Hals seines Schlachtrosses, um das sommersprossige Gesicht des Jungen genauer zu betrachten.

»Aye, Sir.«

»Und hat er sie gesehen?«

»Aye, Sir.«

»Ist sie mit ihm geritten?«

»Nein, Sir.«

»Ist sie hier geblieben?« Arryn warf Jay einen kurzen Blick zu.

»Aye, Sir.«

»Sprechen wir von Lady Kyra?«

»Gewiss, Sir, von Lady Kyra.« Der Junge seufzte unglücklich. »Seacairn gehörte einst ihrem Vater, unter Alexander und später unter Edward. Da unser König schon lange tot ist und Baliol gedemütigt und ein Gefangener ... nun, jedenfalls blieb das Schloss in englischen Händen.«

»Ja, ich kenne die Geschichte des Schlosses. Doch jetzt interessiere ich mich nur für Lady Kyra.«

»Aber – Sir ...«, protestierte der Junge angstvoll. Verständlicherweise sorgte er sich um seine Herrin. Darrows Sünden konnten nicht vergeben werden. Und manche Leute behaupteten, er habe mit Lady Kyras Billigung gemordet und geplündert.

»Geh zur Mauer, mein Junge!«, befahl Arryn. »Dann wird dir kein Leid geschehen.«

»Sir, ich glaube, Ihr versteht nicht ...«

»Geh!«, mahnte Arryn.

Den Kopf immer noch stolz erhoben, gesellte sich der Bursche zu den anderen Gefangenen.

»Vermutlich willst du jetzt Darrows Lady aufsuchen, Arryn«, bemerkte Jay.

»Aye.«

»Du denkst nur an Rache, mit gutem Grund ...«

»Allerdings.«

»Was ihm gehört, willst du dir nehmen. Aber ich flehe dich an, bedenk – du bist kein niederträchtiger Schurke, so wie Kinsey Darrow.«

Ungeduldig hob Arryn eine Hand. »Ich nehme mir das Schloss und die Frau. Was würdest du an meiner Stelle tun?«

»Ach, Arryn!« Plötzlich grinste Jay. »Wir haben das Schloss erobert. Bald wirst du Darrows Braut gewinnen. Und wenn sie hässlich wie die Sünde ist?«

»Nun, das wäre möglich.«

»Nicht immer wird der Reichtum von Jugend oder Schönheit begleitet.«

Seufzend musterte Arryn seinen Freund, dessen Humor er nicht teilen konnte. »Mag sie hässlich wie die Sünde und runzlig wie eine Dörrpflaume sein – das spielt keine Rolle. Sie ist Darrows Verlobte. Nur das zählt. Diesen halben Kindern, die hier bleiben und Seacairn verteidigen mussten, werde ich Gnade erweisen. Aber ...«

»Aye?«, fragte Jay.

»Darauf darf sie nicht hoffen«, entgegnete Arryn bitter.

»Gnade!« Den Helm in der Hand, strich Jay seufzend über sein dichtes braunes Haar. »Dieses Wort scheint man auch in Schottland nicht mehr zu kennen.«

»Soll ich eine Frau schonen, die Darrow zu seinen blutrünstigen Verbrechen ermutigt hat?«

»Arryn, vielleicht ...«

»Großer Gott!« Arryn schlug mit einer behandschuhten Faust gegen seine Brust. »Was geschehen ist, kann ich weder vergessen noch verzeihen. Und wenn sie hässlich ist, werde ich ihr eben im Dunkeln begegnen und ihr einen Sack über den Kopf ziehen. Komm, im Schlosshof haben wir gesiegt. Jetzt müssen die Türme fallen!«

Als er seinen Fuchs anspornte, rannte Jay zu seinem eigenen Pferd.

Wütend und rastlos, immer noch von seinen inneren Dämonen verfolgt, sprengte Arryn zum Hauptturm und befahl seinen Männern, das Tor mit einem Rammbock aufzubrechen. Über ihren Köpfen drohten die Verteidiger, sie würden siedendes Öl und flammende Pfeile hinabsenden, und einer der Burschen schrie, alle Feinde würden in der Hölle schmoren.

»Nehmt den großen Eichenschild und brecht das Tor auf!«, rief Arryn. Hastig verschanzten sich seine Leute hinter dem Schild aus massivem Eichenholz, einem wirksamen Schutz vor den Pfeilen, die aus den Schießscharten herabflogen.

Das Tor erzitterte, die Flammen der Pfeile erloschen, das Ö1 rann am Schild hinab. Krachend prallte der Rammbock ein zweites Mal gegen das Tor.

»Halt! Um Gottes willen, wir ergeben uns!«

Arryn hob sein Visier und schaute nach oben. Mit bebender Stimme bot der Mann, der ihm eben noch das ewige Höllenfeuer angedroht hatte, die Kapitulation an.

»Seid Ihr nicht beauftragt, Lord Darrows Lady zu schützen, Sir?«, fragte Arryn spöttisch. »Gebt Ihr Euch so leicht geschlagen?«

»Im Hof habt Ihr den Soldaten Gnade gewährt. Ich bin Tyler Miller, der Kommandant der Schlosswache. Wie ich höre, pflegt Ihr Euer Wort zu halten, Sir Arryn. Wenn Ihr schwört, uns zu schonen, öffne ich das Tor. Dann erobert Ihr ein unbeschadetes Schloss.«

»Aye, ich schwöre, Euch Gnade zu erweisen. Aber was wird aus Eurer Lady?«

»Auf ihren Befehl hin kapituliere ich. Auch sie muss sich Euch ausliefern, auf Gnade und Ungnade. Wir haben zu wenige Soldaten, kein Öl mehr, keine Pfeile, und wir sind schlecht bewaffnet ...« Bevor Captain Tyler weitersprach, zögerte er kurz. »Sir Arryn, wir wissen, welches Schicksal so viele Eurer Leute ereilt hat. Aber ich schwöre Euch, wir gehörten nicht zu den Männern, die Eure Stellungen angriffen. Hier sind wir im Tiefland und – aye, in unseren Adern fließt auch englisches Blut. Andererseits leben viele Schotten in unserer Mitte, die dem alten Lord Treue geschworen haben – dem guten Vater unserer Lady. Gewiss, er war ein Engländer, und doch – in unseren Reihen werdet Ihr nicht nur bösartige Bestien finden.«

»Dann öffnet das Tor!«, befahl Arryn.

»Euer Wort?«

»Das habe ich Euch bereits gegeben.«

Knarrend schwangen die beiden großen Torflügel auf. Arryn lenkte sein Schlachtross hindurch, gefolgt von Jay, der ihn ermahnte: »Nimm dich in Acht! Vielleicht stellen sie uns eine Falle.«

»Wie auch immer, ich muss hineinreiten.« Das Schwert gezückt, spornte Arryn seinen Fuchs an. Aber die bedrohliche Geste war überflüssig. Die fünf Soldaten im inneren Hof hatten ihre Waffen gesenkt und einer trat vor. Den Helm in der Hand, hielt er dem Eroberer sein Schwert hin. Arryn stieg ab und nahm die Waffe entgegen. Von Nathan Fitzhugh und Patrick MacCullough begleitet, trat Jay hinter ihn. Auch die anderen Wachen übergaben dem Bezwinger ihre Schwerter.

»Wo ist Lady Kyra?«, fragte Arryn, immer noch in seiner gälischen Muttersprache.

»In der Kapelle«, antwortete Tyler widerstrebend. Als Arryn an ihm vorbeigehen wollte, rief der Captain: »Sir, Ihr habt versprochen, uns Gnade zu erweisen!«

»Nur Euch.«

»Aber ...«

»Jay, bring diese fünf Soldaten zu den anderen hinaus!«, befahl Arryn.

»Aye, Arryn«, stimmte Jay zu und blickte seinem Freund nach, der zur Treppe ging. »Pass auf, Arryn! Womöglich begibst du dich in Gefahr.«

»Dieser Gefahr trete ich allein entgegen. Sichere die Festung!« Von einem heftigen inneren Aufruhr bewegt, eilte Arryn die Stufen zur Kapelle hinauf. Ein kurzer Flur führte ihn zum Eingang. Vor dem Altar kniete eine Frau, den Kopf gesenkt, ins Gebet vertieft. Aber sie hörte seine Schritte. Er sah, wie sie den Rücken straffte – einen breiten Rücken. »Lady Kyra!«

Langsam stand sie auf. Noch langsamer wandte sie sich zu ihm. Hässlich war sie nicht – das wäre übertrieben ausgedrückt. Irgendwie erinnerte sie ihn an einen brauchbaren Ackergaul. Die kräftigen Schultern, die ausgeprägten Wangenknochen und das kantige Kinn passten zu ihrem breiten Rücken. Nein, abstoßend war sie nicht – eher so reizvoll wie eine fette Kuh.

Sei nicht so herzlos, ermahnte er sich. Sie hatte auch ihre ansehnlichen Seiten – weißblondes Haar, hellblaue Augen und einen bebenden kleinen Mund. Wie eine kluge, gebieterische Frau, die an einen Mann wie Darrow Forderungen zu stellen wagte, sah sie nicht aus. Würde sie ihn zu grausamen Taten zwingen, um unter englischer Herrschaft noch größeren Reichtum zu erlangen? Wohl kaum.

Er war hierher gekommen, um Rache zu üben. Und diese Frau trug eine Mitschuld an zahlreichen Tragödien. Auf dieser Welt hatte alles seinen Preis. Mitsamt ihren Ländereien gehörte sie zu Darrow. Und Arryn wollte verhindern, dass ihr Eigentum dem schurkischen Lord zu noch größerer Macht verhalf – eine Macht, die es ihm gestatten würde, die Schotten nach Belieben zu morden und zu foltern. Er nahm seinen Helm und die Halsberge ab und legte beides auf eine Kirchenbank. Dann steckte er sein Schwert in die Scheide und ging zu der Frau. »Ihr seid also Lady Kyra.«

Reglos und schweigend schaute sie ihn an. Vermutlich verstand sie sein Gälisch nicht. Er trat noch näher zu ihr, doch er fühlte sich elend. Darrows Braut!, sagte er sich, misshandle sie, schneid in Darrows Fleisch und seine Seele, so wie diese beiden dich gepeinigt haben ... Wäre er dazu fähig? Auf dem Schlachtfeld hatte er oft genug getötet. Doch der Mord an einer Frau, selbst wenn er ihr die Mitschuld an unmenschlichen Verbrechen anlasten musste, schien seine Fähigkeiten zu übersteigen.

»Jetzt gibt es niemanden mehr, der Euch beschützt«, fügte er hinzu und starrte in ihr ausdrucksloses, grobschlächtiges Gesicht. »Ihr müsst mich begleiten.« Als er nach ihr griff, sah er einen Schemen auf sich zurasen – wie einen Schatten aus dem Dunkel. Gerade noch rechtzeitig fuhr er herum, um eine Gestalt in einem schwarzen Umhang abzuwehren, die ein Messer hochschwang. »Ah, endlich ein Verteidiger!«

Mit Hilfe seiner Geistesgegenwart hatte er dem ersten Angriff standgehalten. Doch der vermummte Gegner stürzte sich sofort wieder auf ihn, blitzschnell und behände in dem Bemühen, das Messer in seinen Hals zu stoßen. Diesmal packte Arryn den Umhang und schleuderte den Widersacher von sich. Danach fand er Zeit genug, sein Schwert zu ziehen.

Unter der Kapuze konnte er kein Gesicht erkennen, denn der Mann trug einen Helm mit geschlossenem Visier.

»Ergebt Euch!«, befahl Arryn und hob seine Klinge.

Da riss der Mann sein eigenes Schwert unter dem Umhang hervor. Offenbar war er nicht zur Kapitulation bereit. Gut, dachte Arryn. Also soll er sterben. Wütend sprang er vor, beflügelt von dem Gedanken an die grausigen Dinge, die er mit angesehen hatte. Jene ungeheuren Verbrechen gegen die Menschlichkeit hatten ihn immer wieder zu der Frage bewogen, wieso der Allmächtige im Himmel dergleichen zulassen konnte. Jede Nacht hörte er die Schreie der Sterbenden in seinen Albträumen ...

Alesandra!

Diesmal würde er siegen, sein Feind musste sich unterwerfen. Oder er würde sterben.

Entschlossen stürzte er sich in den Kampf, wehrte jeden Schwertstreich seines Gegners ab. Der Bursche war tapfer und ein hervorragender Fechter. Mühelos stieg er über eine Kirchenbank hinweg, kämpfte sogar auf der Brüstung des Altars. Und die ganze Zeit wimmerte und stotterte Lady Kyra, murmelte seltsame Warnungen und stöhnte angstvoll.

Aber Arryn beachtete sie nicht. Geschmeidig sprang sein Gegner von der Brüstung des Altars und schwang seine Waffe. In letzter Sekunde wich Arryn einem Schwerthieb aus, nachdem der Kerl wieder am Boden gelandet war.

Dann wirbelte Arryn herum und ging zum Angriff über. Der Mann war klein und schlank, aber ein ausgezeichneter Kämpfer. Wie auch immer, letzten Endes wird mir meine Kraft zum Sieg verhelfen, entschied Arryn. Und mein Entschluss, Kinsey Darrow zu vernichten.

Schritt für Schritt trieb er seinen Widersacher immer weiter zurück. Doch der Bursche parierte jeden Schwertstreich. Das beunruhigte Arryn nicht. Wie tüchtig der Unbekannte auch focht – mit jedem Hieb, den er abwehren musste, ließ die Kraft seines Arms nach. Schließlich stand er mit dem Rücken zur Wand und senkte die Waffe.

»Also ergebt Ihr Euch?«, flüsterte Arryn heiser.

Sofort hob der Bursche wieder sein Schwert und schnitt ihm beinahe ins Kinn. In letzter Sekunde zuckte Arryn zurück.

Eine Kapitulation? Keineswegs ... Der Feind stürmte an ihm vorbei, zum Ausgang der Kapelle.

»Nein, die Flucht wird Euch nicht gelingen!«, rief Arryn und sprang ihm nach, ergriff den Umhang und zerrte so kraftvoll daran, dass der Mann das Gleichgewicht verlor und auf den kalten Steinboden fiel – direkt vor die kunstvoll geschnitzte Statue der Heiligen Jungfrau. Das Schwert entglitt seinen Fingern.

»Ergebt Ihr Euch?«

Die vermummte Gestalt schüttelte den Kopf. Schützend hielt sie einen Arm vor den Helm. Doch sie trug keinen Panzer. Arryn zückte sein Schwert und die Stahlspitze zeigte direkt auf das Herz seines Gegners.

»Wollt Ihr endlich sprechen? Auch wenn Ihr zu kämpfen versteht, so bin ich mit meiner Geduld am Ende. Unvorstellbare Gräueltaten haben mich in dieses Schloss geführt und nichts wird mich an meiner Rache hindern.«

»Stecht doch zu, schottischer Bastard!«, zischte der Kämpfer.

Verwirrt hob Arryn die Brauen. »Ah – zieht Ihr eine Klinge in Eurem Herzen dem Henkerstrick vor? Oder soll ich Euren Bauch aufschlitzen – oder Euch kastrieren? Das sind nur einige der Qualen, die Darrow seinen gefangenen Feinden so genüsslich zugefügt hat.«

»Tut's doch!«

»Nein!«, kreischte Lady Kyra.

Ohne die Schwertspitze von der Brust seines Gegners zu nehmen, wandte sich Arryn ihr erstaunt zu. »Ich soll diesen Schurken verschonen? Ist er zufällig Euer Liebhaber, Mylady? Sorgt er sich um Euer Wohl, nachdem Euch Lord Darrow so schmählich im Stich ließ?«

Sichtlich beklommen senkte die Lady den Kopf. Aber als Arryn das Schwert ein wenig hob und den Eindruck erweckte, er wolle die Spitze in die Brust seines wehrlosen Gegners stoßen, schrie sie erneut: »Nein!«

»Wer ist er? Lasst mich sehen.« Er kniete nieder, riss dem Burschen den Helm vom Kopf – und erstarrte.

Denn es war kein Mann, der seinen Blick erwiderte, sondern eine Frau. Aus ihren großen Smaragdaugen schienen Funken zu sprühen; zerzaustes rotgoldenes Haar rahmte ein schönes Gesicht ein.

Verwirrt hielt er den Atem an. Dann erinnerte er sich an seine Position und stieß hervor: »Ah, der einzige Mann unter diesen feigen Engländern ist eine Frau.« Er neigte sich zu ihr hinab. »Und wer seid Ihr?«

Sie antwortete nicht. Ihr Schwert hatte sie verloren. Aber sie besaß immer noch das Messer. Angespannt lag sie am Boden – bereit, aufzuspringen und die Klinge in seine Kehle zu rammen.

Gnadenlos umklammerte er ihr Handgelenk und entwand ihr die Waffe. »Ich bin Sir Arryn Graham. Kennt Ihr mich, Madam?«

Immer noch schweigend, starrte sie ihn an. Er lächelte, im Augenblick nicht bereit, von der gälischen zur englischen Sprache überzuwechseln. »Verratet mir, wer Ihr seid, oder ich schneide Euch die Ohren ab. Dann die Nase. Ein kleiner Trick, den ich von Lord Darrow gelernt habe.«

Halsstarrig presste sie die Lippen zusammen. Als er das Messer hob, schrie die stämmige blonde Frau: Sie ist Lady Kyra!«

Ah ... Stimmte das? Eindeutig. Das las er in den leuchtenden Smaragdaugen der rothaarigen Schönheit, die vor ihm lag. Trotz seines Zorns, seines Hasses und seiner Rachsucht spürte er, wie sein Blut schneller durch die Adern floss. »Lady Kyra«, wiederholte er leise. Nein, hässlich war sie nicht. Und mutiger als die Männer, die sie hätten verteidigen sollen.

Über den Kopf dieser Lady musste er keinen Sack ziehen.

»In der Tat!«, fauchte sie, stieß das Messer in seiner Hand beiseite und richtete sich auf. Wütend strich sie sich das wirre rotblonde Haar aus dem Gesicht. »Ich bin Lady Kyra. Aber Euch kenne ich nicht, Sir.«

Ihr Stolz und ihr herausfordernder Blick belustigten ihn. Aber nur für Sekunden. »Bald werdet Ihr mich kennen lernen, Lady«, erwiderte er, dann erhob er sich, ergriff ihre Hand und zog sie auf die Beine. »Von heute an werdet Ihr keinen kennen außer mir. Um für das Blut der Menschen zu zahlen, die Euretwegen qualvoll sterben mussten, werdet Ihr mich sehr gut kennen lernen.«

Kapitel 2

Kannte sie ihn? Natürlich. Sie hatte gelogen. Viel zu viel wusste sie über ihn – mehr, als sie wissen wollte.

Nun stand sie ihm gegenüber, einem hoch gewachsenen, breitschultrigen Mann in einem grobmaschigen, abgenutzten Kettenhemd, unter dem er einen ledernen Panzer trug. Sein Überwurf war während des Kampfs zu Boden gefallen. Den Helm hatte er schon vorher abgelegt, und Kyra konnte sein Gesicht mit den klar geschnittenen Zügen betrachten – ein markantes Kinn und weit auseinander stehende tiefblaue Augen. Das lockige blauschwarze Haar reichte bis zu seinen Schultern. Da er glatt rasiert war, zeigten sich der durchdringende Blick und das eigenwillige Kinn umso deutlicher. Ein Grobian, dachte sie, ein ungehobelter Barbar, ein Berserker wie seine Wikinger-Ahnen – oder brutal wie die Pikten, die bemalten Männer aus dem Norden, deren Blut ebenfalls in den Adern seines Clans floss. Lauter Stammesmitglieder, unzivilisiert und wild wie die Pferde, die in grauer Vorzeit über das Land gesprengt waren. Nicht einmal die Römer hatten sich mit diesen Leuten abgegeben, die Tieren glichen, nicht der Mühe wert.

Ja, zweifellos war auch dieser Mann ...

Ein Tier?

So hatte Kinsey ihn beschrieben – so beschrieb er alle Schotten. Vor allem die Hochländer aus dem südlichen Landesteil, die endlich die Kultur der Engländer annehmen müssten. Aber sie sprachen lieber Gälisch, trotzten Gott und dem Gesetz und verhielten sich wie die schlimmsten Barbaren.

Das soll also meine Rettung sein, dachte Kyra. Neue Panik stieg in ihr auf. Inbrünstig hatte sie um ein Ereignis gebetet, das ihr Leben ändern würde. Aber das? Trieb der Allmächtige einen schlechten Scherz mit ihr? Andererseits – hatte sie nicht angekündigt, sie würde sich sogar mit dem Teufel einlassen?

Was man ihr über Graham erzählt hatte, erschreckte sie nicht so sehr – vielmehr das, was ihm angetan worden war. Alles im Namen der Gerechtigkeit und des Königs, hatte Kinsey Darrow behauptet. Kein Wunder – er hielt Edward die Treue, den die wütenden, verzweifelten Schotten erbittert bekämpften. Schotten wie dieser hier. Narren, hatte Kinsey gespottet, denn der englische König würde Schottland in die Knie zwingen, auf diese oder jene Weise.

»Wenn man Schotten umbringt, tötet man keine Menschen«, hatte Lord Darrow .in der großen Halle dieses Schlosses geprahlt. Daran müsse Kyra stets denken, hatte er betont. Sie seien Tiere. Also würde man nur Tiere abschlachten. Alle sollten mit aufgeschlitzten Hälsen verbluten, kastriert, gevierteilt, verbrannt werden ... Und daran hatte er sich gehalten.

Während sie Graham musterte, rann ein Schauer über ihren Rücken, wie der Strahl einer eisigen Sonne. Nur mühsam hielt sie dem prüfenden Blick seiner Kobaltaugen stand und biss die Zähne zusammen, um gegen ihre Angst anzukämpfen. Plötzlich erkannte sie, wie sehr sie das Leben liebte – wenn sie sich auch keine Todesangst eingestand.

Falls ihr die Hinrichtung drohte, würde sie ihr Schicksal mit Würde ertragen, so wie sie es ihrer Stellung schuldete, und hoch erhobenen Hauptes ins Jenseits hinübergehen.

O Gott, warum fürchtete sie sich so sehr? Wenn man dem Tod nicht ins Auge blickte, war es viel leichter, tapfer zu sein. Oder erwartete sie ein anderes Schrecknis? Würde sie eine Folter schweigend verkraften? Wahrscheinlich nicht.

Was würde Graham beschließen, nachdem man ihm so schweres Leid zugefügt hatte – im Namen Edwards I., der sich den Hammer der Schotten nannte? Und natürlich in Kyras Namen, denn sie hatte einen englischen Lord beerbt. Obwohl sie von einer schottischen Mutter abstammte, zählte sie zu den Untertanen des englischen Königs.

Wie wollte sich Graham an ihr rächen? Würde er sie hängen, strecken und vierteilen lassen? Oder – aus Rücksicht auf ihr Geschlecht – wegen Hexerei auf dem Scheiterhaufen verbrennen?

Um Himmels willen, keine Flammen, nicht dieser langsame Tod ... Ein barmherziger Henker würde die Schlinge um ihren Hals möglichst schnell zuziehen ... »Was habt Ihr vor? Wollt Ihr mich in der Halle an einem Deckenbalken hängen sehen?«

»Einfach nur hängen, Lady?«, entgegnete Arryn of Graham. »Wenn wir auch Barbaren sind – ein wenig Fantasie solltet Ihr uns schon zutrauen.«

»Sicher besitzt Ihr eine sehr rege Fantasie. Und das Schloss gehört Euch. Aber bedenkt bitte – die Männer hier hatten nichts zu tun mit ...« Unwillkürlich unterbrach sie sich und wich seinem Blick aus. »... mit den jüngsten Ereignissen auf Euren Ländereien.« Weil sie nicht feige erscheinen wollte, zwang sie sich, ihn wieder anzuschauen.

»Doch Ihr hattet natürlich schon damit zu tun.«

War es eine Frage oder eine Feststellung? Grahams Worte, im normannischen Französisch des Londoner Hofs ausgesprochen, verwirrten Kyra noch mehr als das raue Gälisch, das er bisher bevorzugt hatte. Weil es sanfter klang – und trotzdem viel bedrohlicher? Sie zögerte, spürte seinen Zorn und noch viel mehr – den Schmerz des Verlusts, den er erlitten hatte, sein verletztes Ehrgefühl. Beinahe hätte sie ihren eigenen Kummer gestanden und sich vor seine Füße geworfen. »Mein Name wurde benutzt, aber ...«

»Kein Pardon«, fiel er ihr leise ins Wort.

»Was?«

»Kein Pardon, Lady. Diese Worte gebrauchte Euer guter König Edward in Berwick am Karfreitag, dem 30. März 1296. Sicher habt Ihr davon gehört. Er griff die Stadt an und metzelte ihre Bewohner gnadenlos nieder. Schätzungsweise an die vierzigtausend Menschen starben in jener Nacht. Edward tobte vor Zorn, weil sein Vetter von einem Pfeil getötet worden war. Sogar seine eigenen Priester flehten ihn an, das Massaker zu beenden. Dazu zeigte er sich erst bereit, als er die Geburt eines Kindes beobachtete, dessen Mutter gerade zerstückelt wurde.«

»Ja, ich weiß ...« Kyra ballte ihre zitternden Hände zu Fäusten. »Ein grauenhaftes Blutbad ... Aber die Menschen hier haben nichts verbrochen. Gehört auch der Mord an Unschuldigen zu Eurem Rachefeldzug, Sir?«

»Wie kann jemand unschuldig sein, wenn er einem Herrn wie Kinsey Darrow dient?«

»Nur die ehemaligen Gefolgsmänner meines Vaters und ihre Familien sind im Schloss geblieben. Diese Menschen sind niemals an Kinseys Seite geritten, und ich schwöre Euch, sie sind unschuldig am ...« Bestürzt verstummte sie, als sie mit einem Mal Wut und Verzweiflung in seinen Augen aufflammen sah.

»Am Tod meiner Frau und meines Kindes?«

Nun konnte sie seinem Blick nicht länger standhalten. Sie war Kinsey von König Edward versprochen worden. Doch die Hochzeit hatte noch nicht stattgefunden. Zu der Zeit, als sie großjährig geworden war, hatte der englische König ohne jeden Skrupel Wales vernichtet und sich trotz der Kontroverse mit Frankreich gegen Schottland gewandt. Jahrhundertelang hatten England und Schottland um die Grenzgebiete gekämpft. Aber noch nie so verbissen. Kyra wusste Bescheid über die grausame Zerstörung von Hawk's Cairn, Arryn Grahams Zuhause und Landbesitz. In einem Stall eingesperrt, waren seine Krieger bei lebendigem Leib verbrannt. Dann hatten die Engländer sein Haus angezündet.

Kinsey behauptete, er habe nicht gewusst, dass sich Arryn Grahams schwangere Gemahlin in jenen Mauern aufgehalten habe. Trotzdem ... War sie am Rauch erstickt oder in lodernden Flammen gestorben?

»Daran sind die Bewohner dieser Festung nicht schuld.«

»Vielleicht nicht. Und möglicherweise hofft Ihr, sie würden den Mut aufbringen, gegen mich zu rebellieren, während ich glaube, sie wären besiegt.«

Verblüfft runzelte sie die Stirn. »Was soll das? Ich bin es, an der Ihr Euch rächen wollt. Also vollbringt dieses Werk und macht Euch meine Leute untertan – was Euch nicht schwerfallen dürfte, denn in ihrem Herzen sind sie eher Schotten als Engländer. Sicher werden Sie Euch die Gnade danken und Euch getreulich dienen. Wenn sie sterben, können sie Euch nichts nützen. Übt Eure Rache an mir!«

»Gewiss, Lady«, versicherte er und eilte mit langen Schritten zum Tor der Kapelle.

In diesem Augenblick stürmte ein dunkelhaariger Krieger herein, seinen Helm unter dem Arm. »Arryn, hast du sie ...« Bei Kyras Anblick verstummte er.

»Ja, ich habe sie gefunden«, verkündete Arryn und drehte –sich zu Kyra um.

Der Neuankömmling starrte sie an, dann räusperte er sich. »Nun ja ...«

»Bring sie in den Ostturm«, befahl Arryn und musterte sie wieder mit leidenschaftslosen blauen Augen.

»Jetzt?«

»Aye, jetzt. Sie hat vorgeschlagen, wir sollten sie hängen. Worauf ich erwiderte, wir seien zwar Barbaren, hätten aber etwas mehr Fantasie.«

»Bitte, Arryn ...«

»Bring sie ins Zimmer an der Spitze des Ostturms, Jay. Dort wird sie mich erwarten.«

Aufgeregt rannte Ingrid zu ihrer Herrin. »Mylady, ich begleite Euch ...«

»Ihr geht in die Halle hinunter«, entschied Arryn.

»Nein!«, rief Kyra und klammerte sich an ihre Zofe. »Tut ihr nichts an, sie ist schuldlos ...«

»Bei Euch kann sie nicht bleiben.« Arryn wandte sich wieder dem verängstigten blonden Mädchen zu. »Wie heißt Ihr?«

»In... In... In...«

»Großer Gott«, stöhnte er, »ich frage doch nur nach Eurem Namen!«

»Das ist meine Zofe Ingrid«, erklärte Kyra.

»Schickt sie in die Halle, oder ich lasse sie die Treppe hinunterschleifen.«

»Geh runter, Ingrid«, bat Kyra. »Sieh nach, ob irgendwas zu tun ist. Sicher wird dir kein Leid geschehen.« Sie blickte in Arryns eiskalte Augen und hoffte inständig, die Wahrheit zu sagen. Wäre Edward an seiner Stelle, dürften weder Frauen noch Kinder Gnade erwarten. Wie konnte sie Ingrid versprechen, ihr würde nichts zustoßen – obwohl sie wusste, was der Ehefrau dieses Mannes widerfahren war?

Doch es spielte keine Rolle. Vielleicht wusste die Zofe nichts von Grahams Verlust. Wie auch immer, sie lief an ihm vorbei zum Tor der Kapelle und er schaute ihr nach.

»Fürchtet Ihr, sie könnte eine Waffe finden, zurückkehren und über Euch herfallen?«, hörte sich Kyra herausfordernd fragen, was sie gleich bereute. Würde sie mit diesen dreisten Worten am Ende noch das Leben des Mädchens gefährden?

»Glaubt Ihr, ich hätte Angst vor der verschreckten Ingrid, Madam? Ihr seid es, der ich keine Sekunde lang traue. Nur ein Narr würde Euch den Rücken zukehren. Aber mit diesem Problem werden wir uns später befassen.« Ohne ein weiteres Wort hob er seinen Mantel auf, warf ihn über die Schulter und verließ die Kapelle.

Kyra blieb zurück, allein mit dem Mann, der sie in den Ostturm führen sollte.

»Mylady ...«, begann er.

»Wieso weiß er von diesem Turmzimmer?«, flüsterte sie. »Dort war niemand, seit mein Vater ...«

»In besseren Zeiten kannte er Euren Vater.«

»Unmöglich! Daran würde ich mich erinnern.«

»Damals wart Ihr sehr jung und habt in London der Königin gedient. Würdet Ihr mich jetzt begleiten?«

»Mein Vater hat niemals mit Gesetzlosen verkehrt.«

»In jener Zeit sind wir nicht gesetzlos gewesen«, erwiderte der hoch gewachsene Ritter lächelnd. »Denn Edward hatte sich dieses Land, auf das er kein Recht besitzt, noch nicht angeeignet.«

»Aber Euer Anführer ist ...«

»Kein unzivilisierter Barbar aus dem Hochland, Mylady, wenn er auch einem wilden Geschlecht entstammt. Ich schwöre Euch, früher war er Eurem Vater in diesem Schloss willkommen und er kennt es sehr gut.«

»Was immer in der Vergangenheit geschah – jetzt seid Ihr alle Rebellen und Gesetzlose.«

»Würdet Ihr mich bitte begleiten?«

Für einen Gesetzlosen wirkte er erstaunlich kultiviert, mit sanfteren Gesichtszügen als sein Anführer. Graham, dieser ungehobelte Wilde, würde sie nicht schonen. Doch sie war unschuldig, und sie würde kämpfen, solange es irgendwie ging. »Und wenn ich Euch nicht folge, Sir? Werdet Ihr mich hier und jetzt niedermetzeln? Vielleicht sollte ich genau das anstreben. Dann werde ich eines schnelleren Todes sterben, und Euer Herr muss seine barbarische Fantasie nicht bemühen, um mir ein grausameres Ende zu bereiten.«

Der dunkelhaarige Krieger lächelte, und Kyra schöpfte zum ersten Mal seit der Ankunft ihrer Feinde ein wenig Hoffnung. »Wenn ich mich vorstellen darf, Mylady – ich heiße Jay. Nun, begleitet Ihr mich?«

»Warum sollte ich es Euch so einfach machen – Euch und Euren Gefährten, die meine Leute und mich vernichten werden, sobald es ihnen gefällt?«

»Weil er zurückkommen und Euch selber in diesen Turm bringen wird, wenn ich ihm erkläre, dass Ihr mir nicht gehorcht ...« In diesen Worten schwang eine unmissverständliche Drohung mit.

»Geht voraus, Sir, ich folge Euch.«

»Nein, Ihr geht voraus.«

Kyra hob die Brauen. »Haltet Ihr mich für gefährlich?«

»Einem Feind darf man niemals trauen.«

»Nicht einmal einem unbewaffneten Feind?«

»Bitte, Mylady ...« Jay verneigte sich und zeigte zum Ausgang.

Da gab sie sich geschlagen und verließ die Kapelle. Am Treppenabsatz fühlte sie sich versucht, stehen zu bleiben, hinabzuspähen und festzustellen, welchen Schaden die Rebellen in der Halle angerichtet hatten. Aber sie ging weiter, den Kopf hoch erhoben. Nach einer Weile drehte sie sich zu Jay um. »Würdet Ihr mir verraten, ob Pater Corrigan, mein Priester, den Kampf überlebt hat?«

»Mylady, es steht mir nicht zu, Euch irgendetwas zu erzählen.«

»Und der tapfere Kommandant meiner Wache, Tyler Miller?«

»Wie gesagt, ich bin nicht befugt ...«

»Könnt Ihr nicht einmal diese einfachen Fragen beantworten?«

»In diesem Fall nicht.«

»Seid Ihr Grahams Marionette, Sir?«

»Mylady, Ihr werdet mich nicht dazu verleiten, Sir Arryn in irgendeiner Weise zu hintergehen«, erwiderte er ungerührt.

Erbost über seine Loyalität ging sie weiter, plötzlich blendeten sie die Tränen. Es würde ihr viel leichter fallen, ihre Widersacher zu hassen, wenn sie Ungeheuer wären. Doch sie zeigten sich höflich, sogar gebildet, und sie beherrschten das normannische Französisch ebenso gut wie ihr Gälisch.

Wie sollte sie herausfinden, wie es den beiden Männern ergangen war, die am treuesten zu ihr standen? Hätte sie Tyler nicht zur Kapitulation gezwungen, wäre er für sie gestorben. Und Pater Corrigan hatte geglaubt, sie würde sich immer noch in der Gruft ihres Vaters verstecken, während Ingrid ihren Platz einnahm und er selbst versuchen würde, den Rächer zu beschwichtigen. Offenbar hatte der Geistliche angenommen, mit Ingrid würde sich der Eroberer des Schlosses nicht befassen und sie laufen lassen ...

Irgendwie musste es Kyra gelingen, die Leute zu retten, die sie verteidigt hatten – oder bei diesem Bestreben sterben. Nein, sie würde sich nicht zaghaft ins Turmzimmer zurückziehen. Blitzschnell machte sie kehrt und rannte zur Treppe, hörte Jay verwirrt fluchen, ignorierte ihn jedoch. Wenig später erreichte sie die Haupthalle, wo sich mehrere Krieger aufhielten. Inzwischen hatten sie die Helme abgelegt, trugen aber immer noch ihre heidnischen Rüstungen und schlichte Überwürfe, deren Farben auf ihre Clans hinwiesen – nicht auf einen Befehlshaber. Die Männer saßen am langen Plankentisch vor dem Feuer. Inzwischen hatten sich die Hunde, die das Schloss bewachen sollten, bereits an die neuen Herren gewöhnt. Friedlich schliefen sie auf den Binsen, die den Boden bedeckten. Nur einer schnüffelte an den Händen eines Eroberers, der geräuchertes Fleisch aus der Vorratskammer von Seacairn und frisches Brot aß. Dazu trank er Ale. Offenbar hatten die Dienstboten den hungrigen Rebellen eine Mahlzeit serviert.

Aufmerksam schaute sie sich um. Arryn Graham saß nicht bei seinen Männern. Stattdessen stand er vor dem Kamin, einen Arm auf das Sims gestützt, und starrte in die Flammen. Anscheinend spürte er Kyras Blick, denn er wandte sich zu ihr. Die Eiseskälte in den blauen Augen jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Abrupt verstummte das lebhafte Stimmengewirr.

»Tut mir Leid, Arryn ...«, begann Jay, der Kyra in die Halle gefolgt war, und zuckte verlegen die Achseln. Was in ihm vorging, verstand sie nur zu gut. Er hatte es nicht einmal geschafft, eine wehrlose Frau vom ersten Stock die Stufen hinaufzuführen, ins Schlafgemach des Ostturms.

»Schon gut, Jay. Wie ich sehe, möchte Lady Kyra ihre neuen Beschützer kennen lernen.« Als Sir Arryn langsam zu ihr ging, schlug ihr Herz wie rasend. Sie spürte seinen abgrundtiefen Hass, eine geballte Energie, die sich jederzeit entladen mochte – und dann würde sie Höllenqualen erleiden ... Aber er umfasste nur ihren Arm. Am liebsten hätte sie sich losgerissen. Doch sie besann sich eines Besseren – zumindest vorerst. »Wie unhöflich von mir«, fügte er hinzu und geleitete sie zur Tafel. »Natürlich hätte ich Euch zum Essen einladen müssen ... Meine Freunde, das ist Lady Kyra of Seacairn, die Tochter des verstorbenen Lords Hugh Boniface und der Lady Mary MacGregor of Dumferline, derzeit mit einem englischen Lakaien namens Lord Kinsey Darrow verlobt. Mylady – Jay MacDonald kennt Ihr bereits. Hier seht Ihr zu meiner Linken Nathan Fitzhugh und Patrick MacCullough, zu meiner Rechten Thane MacFadden und Ragnor Grant. Die wackeren Ritter am Ende der Tafel nennen sich Roger Comyn und Hayden MacTiegue.« Während die Männer vorgestellt wurden, nickten sie Kyra zu. Graham drückte sie auf einen schön geschnitzten Stuhl.

»Setzt Euch doch zu uns, Lady.« Er selbst blieb stehen. Er stellte einen gestiefelten Fuß auf die Kante des benachbarten Stuhls, ergriff den Ale-Krug, der vor Kyra stand, und nahm einen Schluck; dann schob er ihn zu ihr hinüber. »Trinkt mit uns, Lady! Auf unseren Sieg!«

Sie ignorierte den Krug. »Wo ist mein Priester? Was habt Ihr ihm angetan?«

Am Ende der Tafel erklang leises Gelächter und Kyra biss sich auf die Lippen. Beinahe wäre sie aufgesprungen und davongerannt. Doch sie wollte sich nicht lächerlich machen. Außerdem würde man sie unsanft zurückhalten. Lächelnd neigte sich Arryn zu ihr. »Wollt Ihr Euch schon jetzt der Letzten Ölung unterziehen, Lady?«

Als sie aufstand, versperrte er ihr den Weg. Trotz seiner bedrohlichen Nähe fand sie den Mut zu sprechen. »Ich verlange eine Antwort auf meine Frage. Was ist mit Pater Corrigan geschehen?«

»Oh, Ihr verlangt eine Antwort?«

»Ja, Sir, ich will wissen ...«

Bleischwer legte sich seine Hand auf ihre Schulter. »Vielleicht sollte ich Eure Situation klarstellen. Ihr werdet überhaupt nichts verlangen, Lady Kyra. So wie die Hunde vor dem Kaminfeuer dürft Ihr die Vergünstigungen genießen, die wir Euch zubilligen. Seht Euch um! Jeder Ritter in dieser Halle hatte Verwandte auf Hawk's Cairn. Habt Ihr von Hawk's Cairn gehört? Dem Familiensitz der Grahams. Und was sich dort ereignet hat, wisst Ihr sehr gut, nicht wahr? Ihr behauptet, die Gefolgsleute Eures Vaters seien nicht an jenem barbarischen Verbrechen beteiligt gewesen. Aber wie Ihr selbst zugegeben habt, wisst Ihr darüber Bescheid. Euer Verlobter kämpfte gegen die Schotten. Oder habt Ihr in jener Schlacht sogar selbst das Schwert geschwungen? Mit dieser Waffe könnt Ihr sehr gut umgehen – viel besser als so mancher arme Mann, der im Dienst des Königs den Tod erleiden musste ... Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr, denn diese Festung gehört wieder den Schotten.«

»Aye!«, rief Roger Comyn.

»Roger ist entfernt mit John Baliol verwandt – dem schottischen König, den Edward zur Abdankung zwang, Lady«, erklärte Arryn.

»Gewiss, Sir«, entgegnete Kyra, »es sind schreckliche Dinge geschehen. Das leugne ich nicht. Aber vielleicht entsinnt Ihr Euch – Alexanders erste Frau war Edwards Schwester, und er ist der Großonkel der Maid von Norwegen, die seinen Sohn und Erben heiraten sollte. Da er sich Schottland verpflichtet fühlte ...«

»Verpflichtet!«, schrie Arryn so laut, dass sie beinahe auf den Stuhl zurückgesunken wäre. »Verpflichtet, die Schotten aus ihren rechtmäßigen Stellungen zu vertreiben und ihnen Engländer vor die Nase zu setzen?«

Sie zitterte am ganzen Körper, doch sie zwang sich zur Ruhe. »Als Alexander noch lebte, regierte mein Vater auf Seacairn, ein Engländer und trotzdem ein Lord unter König Alexander ...«

»Wegen Eurer Mutter. Wegen des schottischen Blutes in Euren Adern – was Ihr anscheinend vergessen habt in Eurem Bestreben, Eurem Verlobten zur Macht zu verhelfen, und zwar in diesem Land, das er in Edwards Namen unterjochen will!«

»Gar nichts habe ich vergessen! Dieses Land gehört mir – das Erbe meiner Mutter. Und Ihr ...«

»Also besitzt Ihr dieses Land und nicht Darrow – was wenig zu bedeuten hat. Nach schottischem Gesetz wird es Euch weggenommen – und Eurem elenden englischen König, der sich hier als Oberherr aufspielen möchte. Es bleibt Euch nur noch eines zu tun, Lady, Ihr werdet das Schicksal erleiden, das ich Euch zugedacht habe.«