Der Incubus - Thomas Vaucher - E-Book

Der Incubus E-Book

Thomas Vaucher

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Beschreibung

Bremen – eine kopflose, männliche Leiche wird gefunden, dann noch eine. Als die beiden Witwen des Nachts von ihren verstorbenen Ehemännern besucht und missbraucht werden, ruft die Polizei Richard Winter, den ehemaligen Kriminalkommissar, der seit dem Harlekin-Fall als Experte für Okkultes bekannt ist. Schon bald stößt Winter auf die Legende vom Incubus, einem Dämon, der sich des Nachts mit schlafenden Frauen paart. Doch kann es sich bei den Sichtungen wirklich um solch ein übernatürliches Phänomen handeln? Und was hat es mit dem geheimnisvollen Mann ohne Gesicht auf sich, der Winter stets aufsucht, nachdem ein Mord begangen worden ist? Spätestens als ein früherer Arbeitskollege umgebracht und eine Freundin entführt wird, merkt Winter, dass sich eine vormals unpersönliche Ermittlung auch für ihn in tödlichen Ernst verwandelt hat …

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2020

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten© copyright by Riverfield Verlag, Baselwww.riverfield-verlag.ch

Lektorat & Satz:ihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)

Umschlaggestaltung:Hauptmann & Kompanie, Zürich (CH),

E-Book-Programmierung: Dr. Bernd Floßmann, Berlin

ISBN 978-3-9525097-9-1 (E-Book)

ISBN 978-3-9525097-5-3 (Print)

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Per­sonen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Michèle,ohne die es Richard Winter nicht geben würde.

Prolog

Martin Ahrens sah sich gehetzt um und strich sich mit dem Ärmel seiner Jacke den Schweiß von der Stirn. Sein Hemd war trotz der Kälte, die an diesem Novemberabend herrschte, längst durchgeschwitzt und sein Atem kam stoßweise aus seinem Mund. Vermutlich holte er sich gerade eine starke Erkältung, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was ihm gerade widerfuhr.

Ahrens hielt inne, kniff die Augen zusammen und lauschte. Hatte er ihn abgehängt? Er konnte den Psychopathen nirgendwo mehr sehen, obschon es in regelmäßigen Abständen Straßenlaternen gab. Andererseits begannen Nebelschwaden aufzuziehen und ihm die Sicht zu nehmen. In diesem unbelebten Büroviertel konnte der Typ ihm überall auflauern – oder nirgendwo. Vielleicht hatte er seine Spur in der Dunkelheit längst verloren. Womöglich hatte der Kerl sich nur einen Spaß mit ihm erlaubt und war längst lachend nach Hause zurückgekehrt. Vielleicht erzählte er seinen Kumpels bereits, wie er einem Bürohengst einen mordsmäßigen Schrecken eingejagt hatte mit seiner Axt und der Maske.

Ahrens verfluchte sich, dass er ausgerechnet an diesem Freitagabend länger gearbeitet und das Büro als Letzter verlassen hatte. Der Fremde hatte vor seinem Auto auf ihn gewartet. Erst hatte Ahrens gedacht, jemand wolle sich einen Scherz erlauben, vielleicht ein Jugendlicher, der das Datum von Halloween verwechselte oder so. Doch bald hatte er gemerkt, dass dem nicht so war, als der Mann die Axt erhoben hatte und drohend auf ihn zugeschritten war. Ahrens hatte sich umgedreht und war davongerannt, so schnell er konnte.

Er befand sich nun auf der Höhe des Parkhauses. Das vierstöckige Gebäude, bei dem nur der oberste Stock mit großen Glasfenstern verschlossen, die unteren drei hingegen bloß mit halbhohen Gitterzäunen abgeschlossen waren, ragte groß und finster neben ihm auf.

›Wie ein gefräßiges Monster aus dem Altertum, dessen Fressluken mich gierig beobachten und nur auf den passenden Moment warten, zuzuschlagen‹, dachte er.

Erschrocken fuhr Ahrens zusammen, als ein Flugzeug vom nahe gelegenen Flughafen über ihn hinwegzog. Er schüttelte den Gedanken ab und überlegte sich, wohin er sich von hier aus wenden sollte. Wenn er am Parkhaus vorbeiging und in die Seitenstraße einbog, dann käme er weiter vorne an die Hauptstraße. Dort wäre die Straße belebter. Dort wäre er sicher.

Ein Geräusch drang an Ahrens’ Ohr und riss ihn aus seinen Gedanken. Er zuckte erschrocken zusammen und sah hoch. Das Geräusch war von vorne gekommen, von dort, wohin er unterwegs war. Es hatte geklungen, als ob jemand in eine Pfütze getreten wäre. Gestern hatte es noch geregnet, und da und dort, wo die Straße uneben war, war das Wasser noch nicht verdunstet.

Da vorne befand sich ein Mensch, und dieser Mensch konnte ihm womöglich helfen, falls der Psychopath immer noch hinter ihm her war.

›Menschen bedeuten Sicherheit. Niemand mordet, wenn Zeugen anwesend sind.‹

Ahrens setzte sich wieder in Bewegung.

»Hallo?«, rief er in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. »Wer ist …?« Er bog um die Ecke des Parkhauses und erstarrte. Da stand er.

Er trug eine abgewetzte, schwarze Schnabelmaske, die sein Gesicht fast zur Gänze bedeckte. Ahrens kannte solche Masken aus historischen Filmen, in denen die Pestdoktoren diese mit Kräutern und Flüssigkeiten gefüllten Masken trugen, um sich vor Ansteckung zu schützen.

Der Fremde war zur Gänze schwarz gekleidet und trug in seiner rechten Hand eine schwere Axt, als entstamme er direkt einem Horror-Streifen.

»Hallo Martin«, sagte der Pestdoktor.

»Wer … sind Sie? Kennen … wir uns?«, stammelte Ahrens.

»Nein, wir kennen uns nicht, Martin. Noch nicht, denn ich bin der Tod. Ich bin dein Tod.« Der Pestdoktor kam einen Schritt näher.

Ahrens wich entsetzt zurück, bis er die kalte Steinmauer des Parkhauses hinter sich fühlte.

»Warum tun Sie das? Ich … Wenn wir uns nicht kennen, dann … dann habe ich Ihnen doch gar nichts getan, oder?«

»Oh doch, das hast du.« Der Fremde begann zu kichern und kam noch näher. »Und ob du das hast.«

»Was? Nein, ich … Was habe ich denn getan? Sie müssen mich verwechseln!«

»Nein, ich verwechsle nie jemand. Ich bin der Tod.«

»Bitte, tun Sie das nicht. Ich habe eine Frau und …«

»Ja, ich weiß.«

Der Pestdoktor hob die Axt und Ahrens drehte sich zur Seite und sprintete davon. Zumindest versuchte er es. Die linke Hand des Fremden schoss vor, packte ihn am Arm und riss ihn herum, so dass er das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Ein Schatten ragte dunkel und hoch über ihm auf. Der lange schwarze Schnabel zielte direkt auf sein Gesicht, ebenso die Axt.

»Ich hasse dich«, krächzte der Mann. »Und ich brauche deinen Kopf.«

»Was? Meinen Kopf?« Ahrens begann zu wimmern und hielt schützend die Hände vors Gesicht. »Aber …«

»Keine Angst. Dort, wo du hingehst, brauchst du ihn nicht mehr.«

Die Axt sauste nieder und aus Ahrens’ Wimmern wurde ein schmerzerfülltes Schreien. Dann nichts mehr.

1

Es klingelte. Sydney, der zobelfarbene Langhaarcollie, bellte, sprang auf und rannte zur Tür. Richard Winter sah auf die Uhr und fluchte.

›Jetzt schon?‹

Mit der rechten Hand ergriff er einen Pullover sowie seinen knielangen, grauen Wollmantel, die beide auf dem Sofa lagen, mit der linken einen Stapel Zeitschriften und Zeitungen, die sich auf dem Beistelltischchen türmten, und hastete damit in den Flur. Während er die Zeitschriften und Zeitungen in eine mit Altpapier bereits überquellende Papiertüte fallen ließ, so dass die Hälfte davon wieder zu Boden rutschte, hängte er Pullover und Mantel über die Jacken, die in seiner Garderobe hingen. Der Pullover blieb hängen, der Mantel jedoch fiel zu Boden und gesellte sich zu den Zeitungen.

›Verflucht!‹

Er bückte sich nach dem Mantel und hängte ihn diesmal um einiges vorsichtiger über den Stapel Jacken in seiner Garderobe, als es ein zweites Mal klingelte. Sydney bellte erneut und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.

»Ich komme!«

Winter sah kurz in den Garderobenspiegel. Blaue Augen blickten ihn aus einem unrasierten Gesicht an. Er wusste, dass sie es lieber hatte, wenn er glattrasiert war, doch sein Dreitagebart stellte fast schon ein Markenzeichen von ihm dar. Aber vielleicht, dachte er selbstironisch, war das auch nur eine Ausrede, weil er es hasste, sich zu rasieren. Er grinste kurz und strich sich mit den Händen das von grauen Strähnen durchzogene schwarze Haar glatt. Dann ging er zur Tür, öffnete und setzte ein – wie er hoffte – strahlendes Lächeln auf.

»Hallo Richard!« Sabine drückte ihm einen Kuss auf den Mund und streichelte Sydney kurz über den Kopf, worauf diese sich vor ihr auf den Rücken warf. Die Hündin hatte nur noch drei Pfoten, seit ihr der Serienkiller, der sich selbst Harlekin genannt hatte, im letzten Jahr eine abgeschnitten hatte, um Winter einzuschüchtern. Doch mittlerweile kam sie so gut damit zurecht, dass Winter kaum mehr einen Unterschied zu früher merkte. Kurz ging Sabine in die Knie, kraulte Sydney den Bauch, ehe Winters Freundin sich wieder erhob und an ihm vorbei in den Flur trat.

»Bist du bereit? Ist alles …« Sie runzelte die Stirn, als sie die überquellende Papiertüte im Gang sah. »Du hast doch …«, begann sie und machte ein paar rasche Schritte zur Wohnzimmertür. »Richard!« Sabines Stimme überschlug sich beinahe. »Das ist nicht dein Ernst!« Sie drehte sich um, so dass ihre langen, braunen Locken den Schlangen der Medusa gleich um ihr Gesicht wirbelten. Zorn umwölkte ihre hübsche Stirn. Die vielen Lachfältchen, die sie um die Augen herum hatte und die er so an ihr mochte, zogen sich zusammen, als wollten sie sich vor ihm in ihrem Gesicht verstecken. Ihre grünen Augen nahmen einen stechenden Ausdruck an und blitzten gefährlich.

»Sabine, lass es mich erklären«, begann Winter, doch Sabine ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Du weißt aber schon, dass der Umzugswagen in einer Stunde da ist, oder?«

»Ja, natürlich weiß ich das, ich …«

»Und wo sollen die Männer meine Sachen hinstellen? Vielleicht auf die Kisten, die sich seit Monaten immer noch in deinem Wohnzimmer stapeln, oder auf deine Kleidung, die am Boden rumliegt? Oder nein, lass mich raten: Vielleicht auf die leeren Schachteln des Pizza-Kuriers, die bestimmt immer noch im Keller vor sich hingammeln?«

Die letzten Worte hatte sie geschrien und Winter war bereits einen Kopf kleiner geworden, während er ihrer Schimpftirade zugehört hatte.

»Die Pizza-Schachteln habe ich entsorgt, Sabine, und …«

»Richard, wir haben abgemacht, dass ich heute zu dir ziehe und dass du bis dahin – bis heute! – aufgeräumt hast. Aber das da«, sie deutete hinter sich auf das Wohnzimmer, wo – wie Winter wusste – tatsächlich Chaos herrschte, »ist nicht aufgeräumt, im Gegenteil, das sieht schlimmer aus als in jedem Saustall!«

»Ich weiß, ich wollte ja auch aufräumen, aber dann kam das Telefonat dieser Frau, die ein Problem mit einem geerbten Haus hat und mir diesen Fall anbot, und … dafür musste ich am selben Tag noch Recherchen anstellen, und …«

»Es ist mir scheißegal, was du machen musstest, Richard, du hattest genügend Zeit, hier aufzuräumen. Ich geh jetzt Brötchen kaufen und wenn diese Bude in einer Stunde nicht aufgeräumt ist, dann sage ich den ganzen Umzugskram ab, darauf kannst du dich verlassen!«

Sie rauschte mit bösem Blick an ihm vorbei nach draußen und schlug die Tür so hart hinter sich zu, dass sie gleich wieder aufsprang.

›Scheiße!‹

Winter seufzte und schlurfte ins Wohnzimmer zurück. Natürlich konnte er Sabine verstehen, wenn er seinen Blick über die Unordnung, die hier immer noch vorherrschte, schweifen ließ. Sie hatten vor Wochen schon ausgemacht, dass sie zu ihm ziehen würde, unter der Bedingung, dass er sein Chaos in den Griff kriegen und Ordnung machen würde. Doch er hatte es immer wieder hinausgezögert bis zum letztmöglichen Moment, und als er sich gestern Abend endlich hatte daranmachen wollen aufzuräumen, hatte das Telefon geklingelt und ihm diesen Fall beschert. Doch Winter hatte Sabine nicht die ganze Wahrheit erzählt. Schließlich hing er an seinem Kopf. Denn Recherchen hatte er für den Fall noch keine machen müssen. Doch wenn er dies Sabine erzählt hätte, wäre er nun vermutlich noch einen Kopf kürzer. Mindestens.

Immerhin hatte er extra den Wecker zwei Stunden früher gestellt mit dem guten Vorsatz, am Morgen in aller Frühe die Wohnung aufzuräumen. Doch als dieser dann geklingelt hatte, hatte er sich umgedreht und war wieder eingeschlafen.

Er fluchte erneut. Nun sollte er all dies in einer Stunde aufräumen? Er seufzte und schüttelte den Kopf. Es nützte alles nichts, er musste wohl oder übel beginnen, wollte er seine Beziehung mit Sabine nicht erneut gefährden.

Er begann mit dem Ausmisten der alten Pizza-Schachteln im Keller – nicht auszudenken, wie sie reagieren würde, wenn sie herausfand, dass er sie diesbezüglich auch angelogen hatte –, indem er sie auf die Rückbank seines Nissan Micra quetschte. Er würde sie dann demnächst entsorgen. Dann machte er im Wohnzimmer weiter, indem er die vollen Umzugskartons, die immer noch von seinem Einzug von vor etwas mehr als einem Jahr dort herumstanden, kurzerhand in den Keller trug und dort, wo sich zuvor die Pizzaschachteln getürmt hatten, zu vier unterschiedlich großen Türmen stapelte. Dann nahm er zwei große Papiertüten und schmiss alles Altpapier, das sowohl den Ess- als auch den Salontisch im Wohnzimmer bedeckte, dort hinein. Dass sich darunter notgedrungen auch einige unbezahlte Rechnungen befanden, nahm er schulterzuckend in Kauf – die erste Mahnung war ja meist kostenlos. Schließlich nahm er eine Mülltüte und warf alle Essensreste sowie allen sonstigen Abfall hinein, ehe er das herumstehende Geschirr zusammenräumte, in die Spülmaschine stellte und diese laufen ließ. Zum Schluss drehte er eine kurze Runde mit dem Staubsauger und nickte dann zufrieden. Es war nicht blitzblank, aber es war genügend Platz für Sabines Umzugskisten da, und sie würde ihm zumindest nicht gleich wieder mit einem Vorehekrieg drohen.

Der würde vermutlich folgen, sobald sie die Unordnung im Schlafzimmer sah, doch vielleicht blieb ihm bis dahin noch Zeit, diese ebenfalls zu beseitigen.

Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn, ging zum Kühlschrank und nahm sich eine Cola-Dose heraus, als er hörte, wie die Tür auf- und wieder zugemacht wurde.

»Ich bin wieder da«, hörte er Sabine aus dem Flur rufen. »Braves Mädchen«, sagte sie wohl zu Sydney gewandt und kurz darauf: »Nicht schlecht, Herr Winter, das sieht doch schon viel besser aus.«

Er verließ die Küche und trat neben Sabine, die gerade vergeblich versuchte, ihre dicke Daunenjacke in der Garderobe über seine Jacken zu hängen.

»Ein Traum von einem Haus, nicht wahr, Frau Krüger?«, sagte er, nahm ihr die Jacke ab und drapierte sie sorgfältig über seinen Mantel.

»Wir wollen mal nicht übertreiben«, lächelte sie und boxte ihm spielerisch in die Rippen. »Ich bin sicher, dass der obere Stock so aussieht wie zuvor das Wohnzimmer, aber ich habe die Güte und lasse ihn für den Moment uninspiziert.« Sie lachte, als sie seinen erleichterten Gesichtsausdruck bemerkte. »Das heißt nicht, dass du den nicht auch aufräumen musst. Nur, dass du etwas mehr Zeit dazu hast«, fügte sie hinzu und drohte ihm spielerisch mit dem Zeigefinger.

Winter lächelte gequält und nickte zerknirscht. »Ganz wie Sie wollen, Frau Krüger.«

Es klingelte.

»Das müssen die Umzugsmänner sein«, meinte Sabine und eilte zur Tür.

Vier Stunden später saßen sie im Wohnzimmer, und Winter hatte ein Déjà-vu. Er war erneut umgeben von Dutzenden von Umzugskartons.

»Sieht nicht viel besser aus als heute Morgen«, sagte er und musterte dabei die vielen Behälter, »dabei habe ich gerade erst aufgeräumt.«

Sie grinste. »Keine Angst. Für die bin ich verantwortlich, und ich verspreche dir, dass ich nicht ein Jahr brauche, um sie auszuräumen.«

»Puppen?«, las Winter auf einer der Kisten. »Du hast deine Puppen mitgenommen? Ich dachte immer, aus dem Alter wärst du raus?«

Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Weißt du, ich dachte halt … vielleicht könnten meine Kinder mal damit spielen, wenn …« Sie hob den Blick und sah ihn an. »Würdest du auch mal Kinder wollen, Richard?«

›Scheiße!‹ Laut sagte er: »Kinder? … Ich … ich weiß nicht, ich glaube, der Zug ist doch für uns bereits abgefahren. Ich meine, wir sind auch nicht mehr die Jüngsten und …«

»Willst du damit sagen, dass ich alt bin?« Sie runzelte die Stirn.

›Au backe!‹

»Nein, sicher nicht, Sabine, nur, dass … ich meine, ich bin bereits über vierzig, du hast nächstes Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag und …«

»Gerade deshalb dürfen wir es nicht allzu lange hinauszögern.« Sie seufzte. »Ich hätte gerne Kinder. Du etwa nicht?«

Winter zögerte. Schließlich seufzte er. »Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne Kinder hätte, im Gegenteil, ich mag Kinder …«

›Solange ich sie nicht vierundzwanzig Stunden am Hals habe …‹

»Also, was spricht dann dagegen?«

›Vieles!‹

»Weißt du, Sabine«, begann er vorsichtig, »ich glaube, mit unseren Berufen ist das leider nicht so leicht zu vereinbaren. Ich Privatdetektiv und du Kommissarin bei …«

»Ich würde natürlich mein Arbeitspensum bei der Kriminalpolizei reduzieren, und du bist doch sowieso flexibel mit deinen Arbeitszeiten.«

›Mist.‹

»Ja, ich meine ja nur … wenn man Kinder hat, ist man gebunden. Man ist nicht mehr frei. Das ist es, was mir etwas Sorgen macht. Ich möchte unabhängig sein und selbst entscheiden können, wann ich was mache, ohne dass ich gleich einen Babysitter engagieren muss.«

»Du siehst das viel zu eng, Richard. Stell dir vor, da zwischen all den Umzugskisten würde ein kleines Baby herumkrabbeln. Wäre das nicht süß?«

›Und wie. Etwa so süß wie eine Zitrone.‹

»Ich weiß nicht, ich … kann mir das im Moment ehrlich gesagt nicht vorstellen.«

»Dann sollte ich mich vielleicht an meinen Partner bei der Kripo halten. Christian Brunner mag Kinder. Gerade letzte Woche hat er mir gesagt, dass er selbst gerne mal Kinder hätte.«

»Sabine, so war das doch nicht …«

»Oder ich lass mich mit Steven ein. Kennst du Steven? Er ist unser Polizeipsychologe.« Sabines Augen funkelten vor Schalk. »Hab ich dir schon erzählt, dass Steven mich kürzlich gefragt hat, ob ich mit ihm essen gehen würde?«

»Was?« Winter horchte auf. »Und was hast du ihm gesagt?«

»Dass ich bereits glücklich liiert bin. Aber ob ich so glücklich liiert bin, weiß ich nun gerade auch nicht mehr. Vielleicht …«

Ihr Telefon klingelte. Sabine zog ihr Smartphone hervor, blickte darauf und runzelte verärgert die Stirn.

»Selbst an einem freien Tag schaffen sie es nicht, mich in Ruhe zu lassen«, sagte sie kopfschüttelnd und fügte entschuldigend hinzu: »Das ist das Präsidium. Muss wichtig sein, ich geh’ rasch ran.«

Winter nickte, und Sabine stand auf und entfernte sich ein paar Schritte. Als sie wiederkam, war der Schalk aus ihren Augen verschwunden.

»Ich muss kurz weg. Sie brauchen mich.«

»Was? Jetzt? Ich dachte, du hast dir heute frei genommen für den Umzug?«

»Ja, ich weiß, aber offenbar geht es nicht anders. Ich bin bald zurück, versprochen.« Sie beugte sich zu ihm hinab und drückte ihm einen Kuss auf den Mund, dann rauschte sie davon. An der Tür drehte sie sich allerdings noch einmal zu ihm um. »Das Thema ist noch nicht vom Tisch. So leicht kommen Sie mir nicht davon, Herr Winter.«

›War klar.‹

Winter erhob sich, besah sich nachdenklich die neu entstandene Unordnung in seinem Wohnzimmer und überlegte, ob er die Gelegenheit nutzen sollte, um im ersten Stock Ordnung zu schaffen, ehe Sabine wiederkäme. Doch dann fiel sein Blick auf das Tischchen in einer Ecke des Wohnzimmers, auf dem sich ein Set Spielkarten und ein Schachbrett mit aufgestellten Figuren befanden.

›Es wartet auf den nächsten Zug‹, dachte er. Den Zug, um die Partie mit seinem russischen Fernschach-Freund Alexej Sorokin fortzusetzen. ›Aufräumen kann ich nachher immer noch. Erst werde ich den längst fälligen Zug machen.‹

Er trat an das Tischchen heran und setzte sich.

2

Nachdem er den Zug gemacht und die Postkarte nach Russland verschickt hatte, beschloss Winter, den freien Nachmittag zu nutzen, um seiner neuen Kundin einen Besuch abzustatten. Aufräumen konnte er danach immer noch. Die Arbeit ging vor. Schließlich hatte Sabine es genauso gehalten und war ins Präsidium gefahren.

Als Winter seinen Wagen vor dem älteren Fachwerkhaus im Villenviertel Oberneuland parkte und ausstieg, wurde er beinahe etwas neidisch. Zwar hatte ihm sein Stiefvater auch ein kleines Einfamilienhäuschen hinterlassen, doch verglichen mit dem Haus, das mit einem riesigen Garten aufwarten konnte, wohnte er in einer armseligen Hütte.

Ein kalter Wind strich ihm um den Körper, als er das prunkvolle Tor des vorgelagerten Zauns durchschritt und auf das Haus zuging, und er zog seinen Mantel enger um sich.

Die Frau, die ihm öffnete, hatte er sich am Telefon gänzlich anders vorgestellt. Sie war etwa in seinem Alter, hatte kurze, braune Haare, feine Lachfältchen um die Augen, war schlank und besaß eine starke Ausstrahlung. Nein, so gutaussehend hatte er sich seine neuste Klientin nicht vorgestellt. Seit dem Harlekin-Fall war Winter als Privatdetektiv in ganz Bremen und der Umgebung für seine Kenntnis im Umgang mit Okkultem bekannt, und so waren seine Klienten häufig ältere und teils leichtgläubige Frauen, die ihn wegen eines vermeintlichen Spuks kontaktierten. Meist stellte sich dann heraus, dass ein natürliches Phänomen hinter der angeblichen Geistersichtung steckte – oder aber ein Betrüger.

»Guten Tag«, sagte die Frau. »Herr Winter, nehme ich an?«

»Guten Tag, Frau Lambrecht«, sagte er angenehm überrascht.

Sie bat ihn herein, und sie setzten sich in der geräumigen, hellen Wohnstube auf die schwarze Ledercouch. Wände und Decke waren weiß gestrichen. Dicke, dunkle Balken aus Holz zogen sich an der Decke quer durch den Raum und gaben dem Wohnzimmer ein rustikales, nobles Aussehen. Winter fühlte sich sofort heimisch.

»Schön wohnen Sie hier«, sagte er.

Sie lächelte. »Es ist das Haus meiner Eltern. Mein Vater starb schon vor Jahren und meine Mutter letzten Frühling. Ich bin vor zwei Monaten hier eingezogen.«

Winter nickte. »Dann schätze ich mal, dass mein Hiersein etwas mit Ihrer verstorbenen Mutter zu tun hat?«

Frau Lambrecht sah ihn erstaunt an, dann nickte sie. »Woher …?«

»Sie sind nicht die Erste, die ein Haus erbt, in dem ein kürzlich Verstorbener umzugehen scheint.«

»Dann können Sie mir helfen?«

Winter zuckte mit den Schultern. »Das kann ich noch nicht sagen. Wie und wo manifestiert sich denn der … Spuk?«

»Hier im Wohnzimmer, Herr Winter. Wissen Sie, meine Mutter roch immer nach Lavendel und …« Sie schlug die Augen nieder und rang einen Moment lang nach Worten. »Es ist mir nun schon mehrere Male passiert, dass ich durch das Wohnzimmer gegangen bin und … sie gerochen habe.«

»Was haben Sie denn gerochen?«

»Lavendel. Dabei habe ich weder Lavendel im Haus noch im Garten. Ich bin mir sicher, dass meine Mutter noch hier ist.«

»Und das macht Ihnen Angst?«

Frau Lambrecht schüttelte den Kopf. »Nein, im Gegenteil. Einerseits freue ich mich, sie hier zu haben, aber andererseits tut sie mir leid, und ich möchte doch einfach nur, dass sie zur Ruhe kommen kann.«

Winter nickte und deutete auf das Wohnzimmer. »Darf ich mich mal umsehen?«

»Gerne.«

Winter zog seinen Mantel aus, legte ihn neben sich aufs Sofa und entnahm ihm zwei kleine Geräte.

»Das ist ein Hygro-Thermometer«, erklärte er Frau Lambrecht und zeigte ihr ein kleines, rundes Gerät mit digitaler Anzeige. »Damit messe ich Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Manchmal, so sagt man, fällt die Temperatur bei Anwesenheit eines Geistes, denn dieser braucht Energie, um sich zu manifestieren, und die holt er sich aus der Luft. Ist Ihnen etwas in dieser Richtung aufgefallen? Dass es zum Beispiel kälter wurde, als Sie den Duft rochen, oder so?«

Frau Lambrecht schüttelte zögernd den Kopf. »Nein, ich glaube nicht.«

Winter nickte und zeigte auf das zweite Gerät. Dieses hatte oben fünf farbige Streifen und fünf dazugehörige Lämpchen in derselben Farbe. »Und das hier ist ein EMF-Detektor zum Messen allfälliger elektromagnetischer Felder. Diese können die Sinneswahrnehmungen stören.«

»Dann denken Sie, dass ich mir dies nur eingebildet habe?«

Winter schüttelte den Kopf. »Ich denke noch gar nichts. Wir müssen nur alle Möglichkeiten überprüfen und gegebenenfalls ausschließen.« Er schaltete die beiden Geräte ein und durchschritt damit konzentriert den Raum. Doch sie zeigten nichts Ungewöhnliches. »Wo genau haben Sie den Duft gerochen?«

»Ich …« Frau Lambrecht stand auf, ging durch das Wohnzimmer bis zum hinteren Ende, wo ein antiquierter Nähtisch stand und daneben ein Glasregal, das zahlreiche farbig bemalte Vasen enthielt. »Hier ist mir der Geruch zum ersten Mal aufgefallen.«

Winter folgte ihr und sog die Luft tief durch die Nase ein. Doch er roch nichts. Dann kam ihm eine Idee. »Sagen Sie, hatten Sie vielleicht die Fenster geöffnet?«

Frau Lambrecht zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht mehr so genau.«

»Könnten Sie bitte mal alle Fenster aufmachen?«

Frau Lambrecht nickte etwas verwirrt. »Der Geruch kann aber nicht von draußen kommen. Im Garten gibt es mit Sicherheit keinen Lavendel.« Dennoch öffnete sie alle Fenster. Bald generierten die offenen Fenster einen Durchzug und nun roch Winter den Lavendel ebenfalls. Ein Verdacht stieg in ihm hoch.

»Sagen Sie, Frau Lambrecht, gibt es in diesem Wohnzimmer noch Gegenstände, die von Ihrer Mutter stammen und bereits hier waren, als sie noch hier wohnte?«

Frau Lambrecht nickte und zeigte auf den antiquierten Nähtisch. »Das war ihr ganzer Stolz. Sie hat ihn bereits von ihrer Mutter geerbt, und nun gehört er mir. Da er mir eigentlich ganz gut gefällt, habe ich ihn hier belassen.«

Winter trat zu dem kleinen Tischchen und besah es sich genauer. Auf der mit Muster verzierten Holzplatte befand sich eine in den Tisch integrierte alte, schwarze Nähmaschine mit der Aufschrift Dürkopp. Unter dem Tisch war das Pedal angebracht, mit dem man die Nadel antrieb, und auf der linken Seite hatte es eine kleine Schublade für die Nähutensilien. Winter öffnete die Schublade. Darin lag eine offene Schachtel mit verschiedenen Gegenständen: Schere, Maßband, Fäden in allen Farben, Fingerhüte, Sicherheitsnadeln und Knöpfe, alle säuberlich eingeordnet.

»Die Maschine ist in bestem Zustand«, sagte Frau Lambrecht, »und sie funktioniert tadellos.«

Winter nickte, zog die Schublade ganz heraus und entnahm ihr die Schachtel mit den Nähutensilien. Dahinter … Er lachte laut auf.

»Was haben Sie?«, fragte Frau Lambrecht verwirrt.

Winter zog ein kleines Säcklein aus der hintersten Ecke der Schublade heraus, roch daran und hielt es dann Frau Lambrecht hin.

»Bitte schön, Frau Lambrecht, da haben wir Ihren Geist.«

Frau Lambrecht ergriff verwirrt das Duftsäcklein. Sie hätte es nicht zur Nase führen müssen, um zu verstehen, was es war, denn der Lavendelduft war nun so stark, dass man ihn auch so wahrnahm. Dennoch führte sie es ungläubig zur Nase und lachte dann ebenfalls laut auf. Auch Winter musste wieder lachen und gegenseitig trieben sie sich zu einem wahren Lachkrampf hoch, bis sie beide Tränen in den Augen hatten.

»Es … tut mir leid«, sagte Frau Lambrecht beschämt, als sie sich wieder etwas beruhigt hatte. »Das ist ja so peinlich.«

Winter winkte ab. »Wenn Sie wüssten, was ich alles schon erlebt habe. Meistens, wenn ich zu okkulten Fällen gerufen werde, gibt es eine natürliche Erklärung für das Phänomen – so wie hier.« Er wischte sich die Tränen aus den Augen, ging zum Sofa und verstaute seine beiden Geräte wieder in der Manteltasche, ehe er in den Mantel schlüpfte. »Aber ich muss gestehen, diese Erklärung hier war schon sehr amüsant und originell.«

»Was bin ich Ihnen schuldig, Herr Winter?«

Winter winkte ab. »Ich habe ja nichts gemacht.«

»Und ob Sie was gemacht haben! Sie haben mich von meiner Dummheit erlöst.« Frau Lambrecht zog ihre Brieftasche hervor, entnahm ihr einen Hundert-Euro-Schein und hielt ihn Winter hin. Der zögerte kurz, dann nahm er ihn nickend entgegen.

»Danke«, sagte er und schmunzelte nochmals. »Nun, das waren lustig verdiente hundert Euro.«

3

Winter hatte sich gerade aufgerafft und begonnen, das Schlafzimmer aufzuräumen, als Sabine wiederkam. Er hörte, wie Sydney bellte, wie sich die Tür öffnete und wieder schloss, dann Schritte, die Kühlschranktür, ein klirrendes Glas. Eine Flüssigkeit wurde eingeschenkt, das Glas abgesetzt. Winter stieg die Treppe hinunter und ging in die Küche, wo Sabine am Küchentisch lehnte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Winter vorsichtig.

Sabine sah ganz und gar nicht so aus, als wäre alles in Ordnung. Sie war blass und sah müde und angespannt aus. Sie wirkte verstört. Etwas, was er bei ihr selten beobachtete. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, es …« Sie seufzte. »Ich kann es einfach nicht glauben, dass … ich meine … der Fall mit dem Harlekin und dem Stangenmann … Ich habe immer geglaubt, es wäre Zufall, aber …«

»Was redest du da? Was ist passiert?«

»Kann es noch Zufall sein, wenn es plötzlich eine solche Häufung derartiger Fälle gibt?«

»Von was für Fällen sprichst du?«

»Übernatürliche Fälle. Es …«

»Was ist passiert?«

Sie seufzte. »Gestern wurde eine kopflose Leiche gefunden. Bereits die zweite innerhalb weniger Tage. Getötet vermutlich durch eine scharfkantige Hiebwaffe, eine Axt oder dergleichen.«

»Na ja, das klingt für mich eher nach einem Psychopathen, der sich für Conan den Barbaren hält, als nach einem Geist.«

»Das ist noch nicht alles. Auf dem … Halsstumpf waren ein Dutzend Blutegel platziert und der Leichnam war mit Quecksilber bestrichen.«

»Sag ich doch: Conan, der Psychopath.«

»Das ist nicht witzig! Die Frau des Opfers hat heute Morgen angegeben, dass ihr ihr Mann letzte Nacht erschienen sei und … mit ihr geschlafen habe.«

Winter runzelte die Stirn. »Die Frau hat wohl schlecht geträumt … oder etwas gar viel Fantasie oder Wahnvorstellungen oder …«

»Das dachten wir bei der ersten Hinterbliebenen auch.«

»Was? Soll das heißen …?«

Sabine nickte. »Die Frau des ersten Mordopfers hat genau dasselbe erzählt. Ihr Mann sei ihr in der Nacht erschienen und habe mit ihr geschlafen.«

Winter schüttelte den Kopf. »Das … ist schon seltsam.«

»Seltsam ist nur der Vorname«, knurrte Sabine.

»Nein, ich meine … das hört sich fast nach einem … Incubus an. Aber ich hätte nie gedacht, dass so was tatsächlich existiert.«

»Ein Incu… was?«

»Ein Incubus. Eine Art männlicher Dämon, der sich des Nachts mit schlafenden Frauen paart.«

»So was gibt’s?« Sabine sah ihn irritiert an.

Winter zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist nur ein Mythos. Aber ich werde dem mal auf den Grund gehen und sehen, was dahintersteckt.«

Sabine seufzte. »Warum passieren immer hier solche Sachen?«

Winter schüttelte den Kopf. »Solche Dinge passieren nicht nur hier, Sabine. Sie geschehen überall. Wir sind nur etwas stärker sensibilisiert für solche Ereignisse und nehmen sie ernster als andere, die es einfach von vornherein als Humbug abtun.«

Sabine nickte nachdenklich. Dann sah sie Winter in die Augen. »Hilfst du uns?«

»Was? Ich soll …?« Winter schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich habe gesagt, ich gehe dem Mythos des Incubus mal auf den Grund, das heißt aber noch lange nicht, dass ich euch helfen werde, den Fall zu lösen. Du weißt doch noch, was letztes Mal passiert ist, als ich euch helfen sollte?«

Sabine nickte und hob die Hände. »Ich weiß, aber …«

»Ihr habt mich verdächtigt und verfolgt, nach mir gefahndet und mich verhaftet. Mein bester Freund hat mich verraten und du …«

»Ich weiß, was ich getan habe, Richard, aber …«

»Weiß Heinrich davon?«

»Nein, noch nicht, aber ich bin sicher, als Kriminalhauptkommissar hat auch er …«

»Er wäre sicher begeistert.« Winter lachte zynisch. »Allein deshalb sollte ich zusagen.« Er seufzte.

»Bitte, Richard. Mir zuliebe. Du bist der Beste in diesem Metier.«

»Dieses Metier?« Er lachte laut auf. »Was ist denn das für ein Metier? Das MÜA? Ministerium für übersinnliche Angelegenheiten?« Er seufzte und rang sich dann zu einem Nicken durch. »Also gut, Sabine, aber nur dir und den Angehörigen zuliebe. Ich mache das nicht für Heinrich.«

»Ich weiß, Richard, danke. Ich verspreche dir auch, dass wir dich diesmal nicht verfolgen und verhaften werden.«

»Oh, danke, das ist zu gütig. Dann kann ich also ohne schlechtes Gewissen …«

»Denk nicht mal daran.« Sie grinste. »Dann kommst du morgen mit?«

»Wohin?«

»Die Witwen befragen.«

»Oh ja. Witwen gehören zu meinem Spezialgebiet.«

4

Jessica Sander, die Witwe des ersten Opfers, machte einen gefassten Eindruck auf Winter. Als Winter und Sabine bei ihr klingelten, schien sie nicht überrascht und bat sie höflich herein. Sie war eine überaus attraktive Brünette um die dreißig, hatte lange, lockige Haare, war groß gewachsen und schlank.

Sie bot ihnen einen Kaffee an, den sie dankend annahmen, ehe sie sich ins Wohnzimmer setzten. Nachdem Sabine Winter vorgestellt hatte, überließ sie die Befragung ihm.

»Frau Sander, ich möchte Ihnen erstmal mein herzliches Beileid aussprechen.«

»Danke, Herr Winter, das ist nett von Ihnen.«

»Ich weiß, dass Sie diese Fragen vermutlich schon ein Dutzend Mal beantworten mussten, aber können Sie mir erzählen, was in der fraglichen Nacht geschehen ist?«

Frau Sander blickte kurz zu Sabine hinüber und als diese nickte, begann sie: »Am Tag als Daniel … gestorben ist, da habe ich mich in den Schlaf geweint. Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht, weil die Schlafzimmertür aufgegangen ist. Erst dachte ich, ich würde träumen, denn da stand er … mein Mann.«

»Woran haben Sie ihn erkannt, Frau Sander?«, unterbrach Winter sie.

»Nun, ich … an seinem Gesicht natürlich.«

»War es denn nicht dunkel in Ihrem Schlafzimmer?«

»Doch schon, aber … ich schlafe immer bei offenem Fenster und der Mond war voll in jener Nacht.«

»Aber Sie haben kein Licht gemacht?«

»Nein, aber … denken Sie etwa, ich würde meinen Mann nicht erkennen, wenn er vor mir stünde? Selbst bei diffusem Licht?«

»Nein, natürlich nicht, entschuldigen Sie. Fahren Sie bitte fort.«

»Na ja, jedenfalls stand er plötzlich in der Tür unseres Schlafzimmers. Und irgendwie doch auch nicht. Zurück von den Toten. Er sah seltsam aus, irgendwie … unecht. Er … kam näher und … setzte sich neben mich auf die Bettkante. Dann nahm er meine Hand in die seine und küsste sie. Ich war wie in Trance und konnte nicht glauben, was geschah. Dann … Nun, ich denke, Sie brauchen nicht alle Details zu hören, oder?« Verlegen wandte sie den Blick ab.

»Nein, aber wenn Sie die Frage gestatten: War etwas anders als sonst, als Sie mit Ihrem Mann geschlafen haben?«

Frau Sander zögerte, dann nickte sie. »Ja, seine Hände fühlten sich so … kalt an, so … tot.« Sie wandte sich wieder ab und wischte sich über die Augen. »Entschuldigen Sie.«

Winter winkte ab. »Nein, entschuldigen Sie bitte meine Fragen, es tut mir leid, Sie aufs Neue so quälen zu müssen. Was ist danach passiert?«

»Danach?« Sie lächelte wehmütig. »Ich bin in seinem Arm eingeschlafen und als ich am Morgen erwachte, war er fort.«

»Hat sich dieses Erlebnis wiederholt?«

»Ja. Ich … ich muss zugeben, als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, dachte ich erst, ich hätte vielleicht geträumt. Doch in der folgenden Nacht ist er wiedergekommen. Am Tag darauf bin ich zur Polizei und habe Ihrer Kollegin davon erzählt.« Sie seufzte. »Daraufhin hat sie eine Überwachungskamera in meinem Schlafzimmer installiert.«

»Und dann ist er nicht wiedergekommen?«

Frau Sander schüttelte den Kopf und warf Sabine einen giftigen Blick zu.

»Hatte Ihr Mann Feinde?«

»Nicht, dass ich wüsste. Er ist mit allen Menschen gut ausgekommen. Alle mochten ihn.« Sie schniefte und wischte sich ein paar Tränen fort.

»Das wäre dann für den Moment alles. Vielen Dank.« Sie verabschiedeten sich und gingen nach draußen. Es regnete, so dass sie sich beeilten, ins Auto zu gelangen.

»Und? Was denkst du?«, wollte Sabine wissen, als sie die Autotür geschlossen hatte.

»Hat man Spermaspuren gefunden?«, fragte Winter anstelle einer Antwort.

Sabine schüttelte den Kopf und drehte den Zündschlüssel. »Nein. Und auch im Schlafzimmer und im Haus konnten wir keine Spuren sicherstellen. Es ist als ob … es sich tatsächlich um den Geist von Herrn Sander gehandelt hätte.«

»Hm.«

»Hm?«

»Nun, warum … warum willst du meinen Rat in dieser Sache? Es ist ja nicht so, dass es sich um einen Rachegeist gehandelt hätte oder so. Ich hatte den Eindruck, dass Frau Sander gar nicht von diesem Geist hätte befreit werden wollen.«

»Nein, der Geist ist mir so ziemlich egal, wenn es sich denn wirklich um einen handelt. Mir geht es um den Mörder, den wir kriegen müssen, und vielleicht kann uns dieser … Geist, oder worum es sich auch immer handelt, dabei weiterhelfen.«

Frau Ahrens, die zweite Witwe, mochte normalerweise ebenfalls sehr attraktiv sein, zumindest schien sie die Maße dazu zu haben: groß gewachsen, schlank, blonde Haare. Jedoch waren ihre Augen stark gerötet, ihre Haare ungekämmt und sie erschien im Schlabberlook, als Winter und Sabine bei ihr klingelten. Offenbar hatte sie nicht erneut mit Polizeibesuch gerechnet, denn sie zögerte ziemlich lange, ehe sie sie hereinbat.

Die Wohnung war unaufgeräumt und erinnerte Winter an seine eigene, was ihn schmunzeln ließ. Frau Ahrens entschuldigte sich für die Unordnung, was Sabine nur mit einem: »Sie müssten mal seine Wohnung sehen« und einem Seitenblick auf Winter kommentierte.

»Unsere Wohnung, meinst du«, konterte Winter und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Sie setzten sich auf die Couch, und Frau Ahrens bot ihnen einen Kaffee an.

»Nein, danke, wir …«, begann Sabine, doch Winter unterbrach sie mit den Worten »ich nehme gerne einen, danke«, was ihm einen ärgerlichen Blick von Sabine einbrachte.

»Wir haben keine Zeit dafür«, murrte sie, als Frau Ahrens in der Küche verschwunden war.

»Sabine, du weißt doch, dass man als Ermittler eine möglichst lockere, angenehme Atmosphäre schaffen muss, oder? Nun, der Kaffee trägt dazu bei.«

Sabine verdrehte die Augen. »Wenn du meinst.«

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Frau Ahrens schließlich, nachdem sie Winter den Kaffee gebracht und sich ihnen gegenüber hingesetzt hatte.

»Frau Ahrens, ich bin von der Polizei als Ermittler hinzugezogen worden, da ich …«

»Ich weiß, wer Sie sind, Herr Winter. Sie sind der Geisterjäger.« Sie lachte abfällig. »Aber Sie brauchen hier nichts mehr zu tun. Er ist weg und wird nicht wiederkommen. Dank Ihrer feinen Kollegin hier.« Übellaunig sah sie Sabine an.

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, nachdem die Polizei eine Videokamera installierte, ist er nicht mehr aufgetaucht.«

»Und darüber sind Sie nicht froh?«

»Froh?« Sie lachte, doch es klang überhaupt nicht humorvoll, im Gegenteil. »Ihrem Kommentar zuvor entnahm ich, dass Sie beide ein Paar sind. Nun stellen Sie sich vor, dass Frau Krüger hier ermordet würde. Und während Sie noch trauern, erscheint sie Ihnen des Nachts und schläft mit Ihnen, als ob sie immer noch am Leben wäre. Würden Sie diesen Zustand nicht beibehalten wollen?«

Winter und Sabine sahen sich betreten an.

»Ich …« Winter räusperte sich. »Können Sie mir etwas über diese Erscheinung sagen? Hat Ihr Mann ausgesehen wie immer? Hat er etwas gesagt?«

Sie zögerte. »Er … Nun das Licht war nicht an, ich konnte ihn nur schemenhaft erkennen, da er die Tür offen gelassen hat und der Mond nur den Flur etwas beleuchtete. Erst bin ich erschrocken und wollte Licht machen, doch es ging nicht an.«

»Wie, es ging nicht an?«

»Ich drückte den Knopf vom Nachttischlämpchen, doch es funktionierte nicht.«

»Und am nächsten Morgen? Hat das Licht da wieder funktioniert?«

Sie nickte. »Ich kann es mir auch nicht erklären.«

»Hat Ihr Mann mit Ihnen gesprochen?«

»Er sagte: ›Nicht, Kätzchen, ich bin’s.‹«

»Kätzchen?«

Sie schniefte und fuhr sich mit den Händen über die Augen. »So hat er mich stets genannt. Es war sein Kose­name für mich.«

»War seine Stimme wie immer?«

Sie zögerte, dann nickte sie. »Ich glaube schon.«

»Sie glauben?«

»Was denken Sie denn? Ich war noch im Halbschlaf, und dann steht plötzlich mein toter Ehemann im Zimmer, und ich soll mich an jede Einzelheit erinnern?«

»Entschuldigen Sie, das war nicht als Angriff gedacht. Aber Sie müssen verstehen, dass jedes Detail für uns von Bedeutung ist. Was ist dann geschehen?«

»Wir haben uns geliebt.«

Als sie nicht weitersprach, fragte Winter vorsichtig: »Und … alles war wie immer, oder gab es Dinge, die anders waren als sonst?«

Frau Ahrens sah Winter überrascht an. »Der Sex war … unglaublich«, fuhr Frau Ahrens fort. »Wissen Sie, ich habe meinen Mann sehr geliebt, doch mit ihm zu schlafen war … Es war jeweils kurz und nicht besonders abwechslungsreich. Doch in jener Nacht …« Sie schauderte. »Er war wahnsinnig ausdauernd und leidenschaftlich.«

»Können Sie sich sonst noch an etwas erinnern? Hatte er vielleicht kalte Hände?«

»Ja, woher wissen Sie das?«

»Das war nur so geraten. Hatte Ihr Mann Feinde?«

»Nein, sie Feinde zu nennen wäre etwas übertrieben, aber er hatte mit seinem Chef und seinem ehemaligen Vermieter schon länger Streit. Und mit dem Nachbarn da hinten.« Sie zeigte hinter sich. »Denis. Er war jähzornig und … da gab es halt manchmal Konflikte.«

»Weswegen …«, begann Winter, doch Sabine winkte ab. »Die haben wir alle schon überprüft, Richard. Sie kommen nicht infrage.«

Winter erhob sich. »Gut, dann vielen Dank für die Auskünfte, Frau Ahrens. Und noch einmal mein herzliches Beileid.«

5

»Und was denkst du?«, fragte Sabine nach einer Weile, in der sie schweigend durch Bremen gefahren waren. Der Scheibenwischer fuhr hektisch auf und ab, um die herabströmenden Wassermassen unter Kontrolle zu halten.

Winter zögerte.

»Ich weiß nicht so recht. Ich meine, was haben wir? Die vermeintlichen Geister hatten kalte Hände. Einer sah irgendwie unecht aus, der andere hat im Bett eine Spitzenleistung abgerufen. Beide hinterließen keine Spuren und das Licht fiel aus.«

»Haben Geister kalte Hände?«, fragte Sabine.

Winter zuckte mit den Schultern. »Mich hat noch nie einer angefasst. Ich möchte die Möglichkeit aber nicht ausschließen.«

»Aber dass er unecht aussah, könnte doch auf einen Geist schließen lassen.«

»Könnte, ja.«

»Und das Licht, das nicht anging? Können Geister diesen Effekt hervorrufen?«

»Ich habe schon von ähnlichen Phänomenen gelesen. Dass Geister Elektrizität stören können. Aber erlebt habe ich es noch nie.«