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Mit »Die Sturmkönigin« setzt Thomas Vaucher seine epische Fantasy-Saga »Das Lied der Macht« um Arken den Meisterdieb, die gefallene Ritterin Rune und den ehemaligen Kriegsherrn Valor zu Dunkelberg fort. Das Vereinigte Darische Reich steht vor einer Zerreißprobe: Das Wissen, das Arken und seine Freunde errungen haben, droht das vorherrschende Weltbild auf den Kopf zu stellen, politische Intrigen durchdringen die herrschende Kaste und die Invasion der Narsing scheint unaufhaltbar zu sein. Und während die Völker der bekannten Lande sich gegenseitig bekämpfen und zerfleischen, wächst im Norden der Insel eine neue, düstere Macht heran …
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Seitenzahl: 751
Veröffentlichungsjahr: 2023
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten © copyright by Riverfield Verlag, Reinach BL (CH) www.riverfield-verlag.ch
Lektorat, Korrektorat & Satz ihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)
Umschlaggestaltung und Karten Pascal Scheidegger Illustrationsstudio (CH) www.pascalscheidegger.ch
Greif-Vignette Marlies Vaucher (CH)
Bildnachweis Umschlag © stock.adobe.com: athapet, Sasha
E-Book ProgrammierungDr. Bernd Floßmann, Berlin www.IhrTraumVomBuch.de
ISBN 978-3-9525702-0-3 (Print)
ISBN 978-3-9523612-8-3 (E-Book)
Die bekannten Lande
Wetterburg, von den Narsing erobertes Gebiet in der Grafschaft Kronental
Urkhôn Ulvjatar lenkte sein Pferd den steinigen Pfad zur Burg hinauf. Obschon er die Kapuze tief in die Stirn gezogen hatte, tropfte ihm das Regenwasser ins Gesicht und ließ ihn ärgerlich schnauben. Es regnete mittlerweile zwar nicht mehr in Strömen, doch ihm war kalt, er war völlig durchnässt und musste hier, weit im Norden der Insel, auf Geheiß seines Bruders Charkhôn eine Shinaii – eine Wirkerin – aufsuchen, anstatt im Osten beim Großen Maulwurf die verfluchten Ureinwohner zurückzuschlagen.
Er sah sich um. Hinter ihm ritten fünfzig Narsing in einer langgezogenen Kolonne. Sie waren genauso müde und durchnässt wie er.
Urkhôn drehte sich wieder nach vorn und musterte das Gemäuer vor ihm genauer. Die Burg war nur noch einen Steinwurf entfernt. Sie thronte auf der Spitze eines Berggipfels und musste früher einmal eine eindrucksvolle Wehranlage gewesen sein. Doch nun waren ihre Mauern zerfallen und der obere Teil des großen Bergfrieds war weggebrochen, als hätte eine Riesenhand voller Wut darauf eingedroschen.
Wer würde hier wohnen wollen außer einer Shinaii, die mit Grashnak – dem Geschuppten – im Bunde steht?
Urkhôn hob die Finger der rechten Hand vom Sattelknauf und umschloss kurz den hölzernen, stachligen Kreis, den er an einem Lederband um den Hals trug – das Zeichen des Zirkels. Er straffte sich und unterzog die Mauern vor ihm einer eingehenderen Musterung. In den Mauerritzen wuchsen dürre Pflanzen, das Tor hing schief in den Angeln und stand offen. Hinter den Zinnen konnte er keine Menschenseele ausmachen.
Vielleicht hatten sich ihre Späher getäuscht und die Shinaii war gar nicht hier? Wenn er diesen weiten Weg umsonst gemacht hatte, würde er dafür sorgen, dass sie ausgepeitscht wurden, bis ihr Fleisch ihnen in Fetzen vom Körper hing.
Urkhôn ließ sein Pferd anhalten und hob die Hand, worauf seine Gefährten ebenfalls innehielten.
»Name ist Urkhôn Ulvjatar«, rief er in der Sprache der Ureinwohner, »will die Shinaii sprechen – die Wirkerin!«
Er wartete einen Moment auf eine Antwort, doch vor ihm blieb alles ruhig. Also drückte er dem Pferd seine Fersen sachte in die Flanken und trieb es weiter auf das Tor zu. Es war ein großes, starkes Pferd, doch Urkhôn spürte, wie dessen Kräfte unter seinem enormen Gewicht schwanden. Es war gut, dass sie am Ziel waren, so dass sich das Tier erholen konnte.
Sobald er unter dem Torbogen hindurchgeritten war, sah er die ersten Bewohner der alten Feste. Im Hof der Burg waren behelfsmäßige Baracken errichtet worden, vor denen vielleicht sechzig verwahrlost aussehende Menschen kauerten und ihn argwöhnisch beäugten. Als er sich umdrehte und die eingefallenen Wehrmauern betrachtete, sah er, dass sie tatsächlich nicht bemannt waren.
Narren, dachte er, vielleicht sollte ich sie einfach abschlachten und den kümmerlichen Rest dieser Burg niederbrennen.
Er erinnerte sich an das Gespräch mit seinem Bruder Charkhôn, das sie vor vier Tagen geführt hatten, ehe er losgezogen war.
»Ich habe einen Auftrag für dich, kleiner Bruder«, hatte Charkhôn, der Harkhùn – der Kriegsherr – der Narsing ihm gesagt. Er hatte ihn im Schloss der von den Narsing eroberten Stadt Wasserheim empfangen, im Gemach des früheren Herzogs. Seine dunklen Augen hatten ihn fixiert, die verschlungenen Tätowierungen, die sein Gesicht zierten, schienen sich zu bewegen, wann immer seine Gesichtsmuskeln zuckten.
»Was immer du brauchst, Bruder«, hatte Urkhôn geantwortet.
»Pass auf, was du sagst, Urkhôn«, lächelte Charkhôn und wischte das lange Haupthaar, das ihm ins Gesicht fiel, nach hinten, »ich könnte dich eines Tages beim Wort nehmen.« Er bedeutete Urkhôn, sich ihm gegenüber hinzusetzen. Charkhôn trug eine blaue, kurzärmelige Tunika, die an den Rändern mit goldenen Borten versehen war. Kein Schmuck zierte seine Finger, auch nicht seinen Hals. Auf dergleichen hatte er noch nie Wert gelegt. Er saß hinter einem großen Tisch aus Eichenholz. Vor ihm war eine Landkarte ausgebreitet, welche die gesamte Insel zeigte. Er deutete auf einen Bergkamm im Norden der Insel. »Fürs Erste aber will ich, dass du da hin reitest.«
»Wozu? Die Gegend haben wir doch schon eingenommen. Die ganze verfluchte Insel gehört uns.«
Charkhôn nickte und schüttelte dann den Kopf. »Fast. Und ja, wir haben die Gegend bereits eingenommen. Doch mir sind Berichte zugetragen worden, Berichte über eine Shinaii, die sich in einer alten Burg dort in den Bergen verschanzt haben soll.«
»Und ich soll sie umbringen?«
Charkhôn schüttelte tadelnd den Kopf. »Aber nein, wo denkst du hin? Wir töten keine Shinaii – es sei denn, sie gehören zum Feind. Doch diese Shinaii hier«, wieder deutete er auf die Berge im Norden der Insel, »gehört nicht zum Feind. Zumindest noch nicht. Wir wissen nicht, wer sie ist und was sie dort treibt. Als wir diese Gegend eingenommen haben, war sie noch nicht dort. Diese Feste war verlassen. Doch nun … Die Leute sagen, die Shinaii verfüge über große Macht. Über Macht, die mit jedem Tag größer werde.« Er hielt inne, füllte zwei Becher mit rotem Wein und schob einen davon Urkhôn hin. Urkhôn griff danach und leerte den Becher in einem Zug. Wieder schüttelte Charkhôn tadelnd den Kopf.
»Dieser Wein, mein Bruder, ist eine der wenigen wirklich guten Sachen, die dieses Land zu bieten hat. Du solltest ihn genießen und nicht herunterschütten wie Wasser.«
Urkhôn grinste und zuckte mit den Schultern. »Es ist noch genug da. Ich habe mich erst gestern selbst davon überzeugt.«
»Ich will, dass du diese Shinaii aufsuchst und sie überredest, mit uns zusammenzuarbeiten«, wurde Charkhôn übergangslos wieder ernst. »Wir brauchen jemanden mit ihren Kräften. Dieser verfluchte Brückenkopf beim Großen Tunnel will nicht fallen und mit jedem Tag wächst die Zahl seiner Verteidiger.«
»Wie die unserer Kämpfer«, warf Urkhôn schulterzuckend ein.
Charkhôn warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. »Überrede sie und bring sie her.«
»Und wenn sie nicht will?«
Charkhôn sah ihn beinahe mitleidig an und zog die Augenbrauen hoch. Dann strich er sich über den Schnauz und durch den Kinnbart. »Muss ich dich wirklich daran erinnern, wie wir mit Feinden umgehen, kleiner Bruder?«
Urkhôn konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Er könnte die Shinaii und alle Menschen hier einfach umbringen und behaupten, sie hätte sich geweigert mitzukommen. Vielleicht würde ihn das für die letzten drei Tage Regen entschädigen. Drei verfluchte, nasse Tage!
Er wartete, bis alle seine Männer im Hof angekommen waren, ehe er die Kapuze zurückschlug und die Stimme erneut erhob.
»Name ist Urkhôn Ulvjatar, will die Shinaii sprechen – die Wirkerin.«
Die Bewohner starrten ihn an, als ob sie ihn nicht verstehen würden, obschon er in der Sprache des Kaiserreichs gesprochen hatte – zumindest so gut er sie beherrschte.
Urkhôn schüttelte resignierend den Kopf und ließ sein Pferd zum eingestürzten Turm traben. Eine Steintreppe führte zum ersten Geschoss hinauf, wo sich die Eingangstür des Bergfriedes befand. Er wollte gerade vom Pferd steigen, da hörte er die Musik.
Irritiert hielt er inne. Sie schien aus dem Turm vor ihm zu kommen. Sie war von einem Moment auf den anderen ertönt und war ohrenbetäubend, mit einem rasenden Rhythmus und gleichzeitig wild und aggressiv. Verwirrt sah er sich um. Ein alter Mann fiel ihm auf. Er stand etwas abseits von den anderen neben der Treppe, die zu der Eingangstür des Turmes führte, und kicherte. Der Mann musste uralt sein. Er hatte ein paar wenige, schlohweiße Haare auf dem Kopf, eine gebückte Haltung, die wohl von dem Buckel herrührte, der auf seinem Rücken in die Höhe ragte, und seine Hände waren von der Gicht verkrümmt und sahen aus wie Krallen. Irritiert musterte Urkhôn die anderen Einwohner. Diese sahen ihn aufmerksam an. War da ebenfalls ein vorfreudiges Lächeln auf ihren Lippen auszumachen? Einige hielten sich die Ohren zu, doch niemand wandte sich ab, nirgendwo war Furcht zu sehen, während die Musik sich laut aufheulend zu einem ohrenbetäubenden Stakkato steigerte. Gleichzeitig schienen sich die Gewitterwolken über ihm zu verdichten und der Regen fiel nun wieder in Strömen vom Himmel herab. Donner grollte. Die Pferde wurden unruhig und tänzelten nervös hin und her. Das Kichern des Alten neben dem Turm steigerte sich in ein schadenfreudiges, überdrehtes Kreischen.
Urkhôn wandte den Blick wieder dem Turm zu, von wo die Musik erklang, und da sah er sie.
Sie stand in der offenen Tür auf halber Höhe des Turms, hatte die Arme erhoben und lenkte damit die Musik in kreischende Höhen und stürmische Täler. Ihre langen, nachtschwarzen Haare flatterten im Wind, in ihren Augen war nur das Weiße zu sehen. Dunkle Linien zogen sich quer über ihr Gesicht und zerflossen im Regen zu schwarzen Tränen. Sie trug weite, weiße Gewänder, die vom Wind hin und her gepeitscht wurden. Der Regen hatte sie komplett durchnässt, so dass sich ihre Brustwarzen deutlich darunter abzeichneten.
Und dann fuhr der erste Blitz vom Himmel. Ohne Vorwarnung schlug er irgendwo hinter Urkhôn ein. Jemand kreischte, doch Urkhôn konnte den Blick nicht von der Frau vor sich nehmen. Wie gebannt starrte er sie an.
Die Shinaii, die direkt von Grashnak kommen musste.
Ein zweiter Blitz schlug hinter ihm ein, dann ein dritter, ein vierter und viele weitere. Männer schrien in Pein auf, Pferde wieherten in Panik und über allem hing die unheilschwangere Musik.
Dann senkte die Frau die Arme und die Musik erstarb. Und mit ihr legte sich auch der Regen und die Wolken lockerten sich auf.
Wie in Trance wandte sich Urkhôn um, und was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Der Hof hinter ihm war übersät mit Leichen. Pferde und Narsing lagen ineinander verkeilt am Boden, zum Teil zur Unkenntlichkeit verbrannt.
Und nun kam Bewegung in die Einwohner der Burg. Sie schwärmten über den Hof und fielen über die gefallenen Leiber her. Lange Messer blitzten auf und zerteilten gekonnt die toten Leiber, die nicht verkohlt waren. Urkhôns Magen rebellierte und er übergab sich. In der festen Überzeugung, dass die Einwohner nun auch über ihn herfallen würden, nahm er seinen Streithammer vom Rücken. Doch die zerlumpten Gestalten beachteten ihn nicht.
»Komm herein«, hörte er da eine Stimme und als er wieder nach vorne sah, erkannte er die Frau, die ihn vom unteren Eingang des Turmes her zu sich winkte. »Ich hörte, du wolltest mich sprechen?« Sie drehte sich um und verschwand im Inneren des Turms.
Der alte Mann neben der Treppe nickte Urkhôn mit einem Grinsen auf den beinahe zahnlosen Lippen zu und deutete auf den Turm. Urkhôn schluckte, stieg vom Pferd und folgte der Frau, während hinter ihm seine Männer zerlegt wurden.
Das Innere des Turms war hell erleuchtet. Ein Dutzend Fackeln brannte in Halterungen an den Wänden. Der Boden war trocken. Offenbar war das erhaltene Stockwerk über ihnen noch dicht. Ein roter Teppich bedeckte den größten Teil des Raumes. In seiner Mitte stand eine Art Thron – ein hölzerner Stuhl mit hoher Lehne, der mit Schnitzereien verziert war. Dahinter lag ein einfaches Bett, rechter Hand ein Tisch, zwei Stühle, links ein Kamin, der als Küche dienen mochte. Ein Feuer brannte darin und erfüllte den Raum mit einer wohligen Wärme.
Die Frau saß auf dem Stuhl in der Mitte und winkte ihn zu sich.
»Willkommen in der Wetterburg«, sagte sie und lächelte. Es war ein warmes Lächeln und Urkhôn schluckte. Die Frau war schön. Die schwarze Schminke, die im Regen zerflossen war, hatte sie weggewischt. Immer noch zeichneten sich ihre Brustwarzen durch ihr nasses Obergewand überdeutlich ab. Sie war jung, vielleicht zwanzig Jahre alt, schlank, hatte eine blasse Haut und …
»Gefällt dir, was du siehst?«, fragte sie und kniff ihre Augen leicht zusammen.
Urkhôn nickte, fuhr sich mit der Hand über den kahl geschorenen Kopf und räusperte sich. »Du bist schön, Frau«, sagte er.
»Und deshalb hast du den weiten Weg auf dich genommen?« Sie lachte. Es war ein glockenhelles Lachen voller Fröhlichkeit, doch Urkhôn kam es so vor, als ob diese Fröhlichkeit nur gespielt wäre.
Er schüttelte den Kopf. »Bin Urkhôn Ulvjatar, der Bruder von Harkhùn Charkhôn Ulvjatar.«
Wieder lachte sie und winkte ab. »Das hast du nun schon dreimal gesagt, mein Lieber. Langsam beginnst du mich zu langweilen und glaube mir, du willst nicht, dass ich mich langweile.«
Urkhôn schluckte und nickte. »Bruder, der Harkhùn, möchte, dass du dich anschließt.«
Die Frau seufzte. »Der mächtige Charkhôn will mich als seine Verbündete haben? Wofür? Um den Brückenkopf niederzureißen? Um die Verteidiger ins Meer zu treiben?« Wieder lachte sie. »Ich wüsste nicht, was ich davon hätte?«
»Können dich bezahlen«, sagte Urkhôn, »kann dir …«
Doch die Frau winkte ab. »Ich will kein Geld. Was soll ich damit?«
»Was willst du dann?«
Die Frau lächelte. »Ich will, dass die Wirker ihre verloren gegangene Stellung wieder einnehmen können – als Herrscherrasse über den Unbegabten. Kannst du mir das geben, Urkhôn Unbegabter?«
Urkhôn schluckte und schüttelte den Kopf. »Aber können dir helfen, die Ureinwohner zu töten, die euch Wirker verfolgen. Wirst angesehen sein. Verfolgen euch Wirker nicht, im Gegenteil, verehren euch.«
Die Frau nickte. »Ein guter Anfang, doch ich fürchte, verehrt zu werden, reicht mir nicht. Ich will herrschen. Kannst du mir das geben, Urkhôn?«
»Fürchte, nicht.«
»Dann hast du den weiten Weg wohl umsonst gemacht, Narsing. Obschon … Immerhin hast du uns Lebensmittel gebracht.« Sie erhob sich. »Du kannst gehen.«
Einen Moment lang überlegte Urkhôn, ob er die Shinaii mit seinem Hammer an Ort und Stelle niederstrecken sollte, doch rasch wies er diesen Gedanken von sich. Nur zu gut hatte er noch vor Augen, was sie mit seinen Männern angestellt hatte. Er hatte kein Bedürfnis, ihnen bereits jetzt in den Tod zu folgen. Er wandte sich zum Gehen.
»Eines noch, Narsing.«
Urkhôn drehte sich noch einmal um.
»Richte deinem Bruder aus, dass ich nichts gegen euch Narsing habe. Doch die nächste Gesandtschaft wird ohne Überlebenden auskommen müssen.« Sie machte eine herrische Geste Richtung Ausgang. »Und nun fort mit dir, ehe ich es mir anders überlege.«
Urkhôn wandte sich um und verließ den Turm. Ihm wurde übel, als er der Szenerie draußen wieder gewahr wurde. Es sah aus wie in einem Schlachthaus. Überall waren Blut, zerschnittene Fleischstücke, zerbrochene Knochen und schwarz verbrannte Leichen.
Er atmete erleichtert auf, als er sein Pferd wohlbehalten vorfand, und schwang sich in den Sattel. Dann verließ er den Hof, ohne noch einmal zurückzublicken.
Altenburg, Bündnis befreundeter Staaten
Wie hatte er diesen Gestank vermisst! Die Ratten, die um seine Beine wuselten, der Dreck, der an seinen Stiefeln kleben blieb und bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch erzeugte, die schlechte Luft, die hier herrschte und die ihm fast den Atem raubte.
Der Abfall – Altenburgs Drecksviertel, seine Heimat.
Arken lächelte zynisch und runzelte verwirrt die Stirn, als er sich der Scharen von Menschen bewusst wurde, die ihnen entgegenkamen. Er streckte die Hand aus und packte einen Mann, der mit drei Kindern und einer Frau im Schlepptau an ihnen vorbeiwollte.
»Wohin so eilig, guter Mann? Was ist hier los?«, fragte er.
Der Fremde sah erst ihn, dann seine Gefährten überrascht an und runzelte die Stirn. »Habt ihr es denn noch nicht gehört?«
Arken schüttelte den Kopf. »Was gehört?«
»Der Krieg!« Arken konnte die Angst in der Stimme des Mannes hören. Schützend drückte er das kleinste der drei Kinder, ein kleines Mädchen, an sich. »Das Bündnis hat gemeinsam mit dem Königreich Syrland dem Königreich Sargund den Krieg erklärt, und nun ist die Armee des Königs von Sargund im Anmarsch.«
»Warum hat das Bündnis das getan?«, mischte sich der alte Darnlorn ein.
»Offenbar beschuldigt es König Draqùo von Sargund, hinter dem Attentat auf die Versammlung der Könige zu stecken, das so viele Adlige das Leben gekostet hat.«
»Ich dachte, der Schuldige sei gefunden und in der Person des ehemaligen Kaisers hingerichtet worden?«, warf Arken ein.
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Was weiß ich? Ist mir letztlich auch egal. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich umdrehen und die Stadt verlassen. Man munkelt, dass die feindlichen Truppen nicht weit von Altenburg entfernt sind. Vermutlich ist die Stadt bald eingeschlossen. Wenn ihr mich also nun entschuldigt …« Der Mann riss sich los und hastete mit seiner Familie weiter.
»Die Stadt eingeschlossen?« Balok, der Karhyte, runzelte die Stirn. »Das ist nicht gut.«
Arken nickte. »Bevor es so weit ist, müssen wir wieder aus der Stadt sein. Ich habe keine Lust, in einen Krieg zu geraten, der mich nichts angeht.«
Sie hatten lange diskutiert, was sie mit den Erkenntnissen, die sie aus den alten Büchern des Horts des Wissens erworben hatten, tun sollten – mit der Einsicht, dass der Greif keine Gottheit, sondern eine Schöpfung der Menschen war. Arken konnte sich nur zu gut an die lebhafte Diskussion erinnern, die sie im gemieteten Zimmer eines Gasthauses entlang der Alten Straße geführt hatten.
»Wir müssen es publik machen«, hatte der alte Wirker Darnlorn gesagt, »wir müssen es allen verkünden, die es hören wollen.«
»Nein!«, erwiderte die ehemalige Ordensschwester Rune vehement. Ihre Wangen glühten, als sie von dem Stuhl im kleinen Zimmer aufschoss, die langen, blonden Haare wirbelten um ihr Gesicht. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt, die Knöchel traten weiß daraus hervor. »Diese Bücher sind Werke des Geschuppten! Ihr Inhalt darf nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Wir müssen sie zerstören!«
»Zerstören? Bist du wahnsinnig?« Balok schnaubte. »Balok hat nicht alle diese Mühen auf sich genommen, um diesen Schatz zu zerstören. Balok will die Bücher verkaufen. Balok will den versprochenen Sold für seine Dienste. Zweihundertfünfzig Greifen.«
»Warum nicht jemandem verkaufen, der ein Interesse daran hat, es publik zu machen?«, schlug Arken vor. »Damit würden wir sowohl Darnlorns als auch Baloks Interessen erfüllen.«
»Und deine wohl auch«, zischte Rune und ihre himmelblauen Augen verengten sich wütend, »und was ist mit meinen Interessen?«
Arken schluckte. »Ich … Rune, wir können die Bücher nicht einfach so zerstören. Wenn das, was darin geschrieben ist, stimmt, dann …«
»Und wenn es nicht stimmt? Wenn alles nur eine Lüge ist? Wir würden den Greifen – unseren Gott – betrügen und verraten!«
Darnlorn schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Rune, aber diese Bücher scheinen mir echt zu sein. Die Pergamente sind alt, die Tinte, die Schrift, alles deutet darauf hin, dass sie tatsächlich von Derusan, dem letzten Wirker, geschrieben worden sind.«
»Selbst wenn«, Rune schürzte abfällig die Lippen, »wer sagt dir, dass dieser Derusan sich das alles nicht einfach ausgedacht hat?«
Darnlorn zuckte mit den Schultern. »Das könnte durchaus sein, doch was er da beschreibt, klingt plausibel.«
Rune schnaubte. »Plausibel.« Sie schüttelte den Kopf. »Es gibt keinen Beweis dafür.«
»Nun, endgültig beweisen könnte man es wohl nur, wenn man versuchen würde, einen Greifen nach dieser Anleitung zu erschaffen«, sagte Darnlorn.
Rune keuchte entsetzt auf, tippte sich mit den gekrümmten Fingern der rechten Hand erst auf die Stirn, danach aufs Herz – das Zeichen der Greifenkralle. »Wie kannst du sowas vorschlagen? Das ist Gotteslästerung.«
Darnlorn sah betreten zu Boden. Rune sah zu Balok, doch auch der wandte den Blick ab, also wandte sie den Kopf Arken zu. »Arken, glaubst du wirklich an all den Unsinn, der in diesen Büchern steht?«
Arken zuckte mit den Schultern. »Es ist nicht an mir zu beurteilen, ob es die Wahrheit ist, Rune. Ich habe Balok versprochen, dass wir die Bücher verkaufen und er seinen Anteil daran erhält. Der Käufer mag entscheiden, was er damit anstellt. Doch ich würde vorschlagen, dass wir sie jemandem verkaufen, dem man trauen kann und der fähig ist, das Wissen dergestalt zu veröffentlichen, dass die Leute ihm auch Glauben schenken.«
Rune schüttelte immer noch fassungslos den Kopf, dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Die Tür fiel krachend hinter ihr ins Schloss. Einen Moment lang war es still, bis Balok schließlich das Schweigen brach: »Hast du wen Bestimmten im Sinn, Arken?«
Arken schluckte und riss seinen Blick vom Anblick der zugefallenen Tür los, hinter der Rune verschwunden war. »Das Bündnis, Balok. Es ist neutral und unabhängig. Es wird an der Wahrheit interessiert sein.«
Darnlorn und Balok waren einverstanden gewesen, doch Rune … Arken seufzte. Er hatte Rune seit jenem Gespräch nicht wieder gesehen. Als er am nächsten Morgen an die Türe ihres Zimmers geklopft hatte, war keine Antwort gekommen. Als er eingetreten war, hatte er es leer vorgefunden. Der Wirt hatte ihm gesagt, dass Rune bereits am Vorabend ihr Zimmer bezahlt habe und danach abgereist sei. Arken hatte Balok gebeten, ihren Spuren zu folgen, doch Darnlorn hatte abgewinkt.
»Rune ist gegangen, weil sie allein sein will, Arken. Wenn Balok sie für dich findet, wird sie nur umso wütender sein. Gib ihr Zeit, das alles zu verarbeiten. Wenn sie bereit ist, uns wiederzusehen, wird sie zurückkommen.«
Balok nickte. »Baloks alter Meister Gruùk sagte immer: Laufe nie einem Weib hinterher, denn selbst wenn du sie einholst, wird sie nur erneut weglaufen. Doch wenn du lange genug in die entgegengesetzte Richtung gehst, dann wird sie eines Tages auf dich zukommen.«
Arken seufzte, schüttelte die Gedanken an die Vergangenheit ab und führte die kleine Gruppe in Richtung des Hofes des Kaiserlichen Schiedsspruchs, wo sich die Ratsmitglieder des Bündnisses befinden mussten.
»Marchtal zu Wasserfels, der Wahrheitsfinder«, hatte Darnlorn gesagt, »wird unsere erste Ansprechperson sein. Er ist ein Wirker wie ich, ein Mann der Wahrheit und der Ehre. Wenn wir ihn von unserer Sache überzeugen können, dann haben wir das Bündnis in der Tasche.«
Unser Anliegen. Arken wusste, dass Darnlorn damit sein Anliegen meinte. Dasjenige Arkens und Baloks klammerte er wohlweislich aus.
Als sie sich dem Zentrum näherten, versiegten die Ströme der Flüchtenden allmählich. Dafür wurden sie Zeuge der Kriegsvorbereitungen, die getroffen wurden. Auf ihrem Weg zum Hof des Kaiserlichen Schiedsspruchs bemerkten sie mehrere Schmiede, die emsig damit beschäftigt waren, Waffen und Pfeilspitzen zu schmieden, Pfeilmacher, die Pfeilschäfte herstellten, Metzger, die Tiere schlachteten. Als sie an der Kaserne vorbeikamen, sahen sie eine Gruppe Soldaten auf dem Hof hinter dem Tor Waffenübungen abhalten.
Als der Hof des Kaiserlichen Schiedsspruchs endlich vor ihnen auftauchte, sah Arken vor seinem inneren Auge wieder die zahllosen Leichen im Hof herumliegen, das viele Blut und die schwarz vermummten Männer, die Arken und seine Begleiter nach dem Attentat auf die Versammlung der Könige verfolgt und ihnen nach dem Leben getrachtet hatten. Arken blinzelte, kratzte sich an der schwarzen Augenklappe, die sein linkes Auge bedeckte, versuchte die Bilder abzuschütteln und sah nach vorne. Heute war von den Gräueltaten dieser längst vergangenen Nacht nichts mehr zu sehen.
Sie traten auf die beiden Soldaten zu, die den Eingang bewachten, und teilten ihnen mit, dass sie den Ratsherren Marchtal sprechen wollten.
»Das tun viele dieser Tage«, meinte einer der beiden, ein untersetzter Mann mit Oberarmen, die dicker waren als Arkens Oberschenkel. »Her Marchtal ist mit der Verteidigung Altenburgs betraut worden. Ich glaube kaum, dass er Zeit hat, mit jedem Dahergelaufenen zu sprechen.« Er maß Arken und Darnlorn mit einem abschätzigen und Balok mit einem verächtlichen Blick.
»Ich glaube, es wäre besser, wenn du ihn das selbst beurteilen lässt«, entgegnete Darnlorn scharf und deutete mit seinem hölzernen Gehstock auf den Wächter, »richte ihm aus, ein Bruder im Geiste möchte ihn sprechen.« Der alte Mann mit dem zerfurchten Gesicht, der Glatze und dem langen, zu sechs Zöpfen geflochtenen Bart sah den Wächter mit zusammengekniffenen Augen an, als ob er damit seinen Worten mehr Nachdruck verleihen könnte.
Der Wächter runzelte die Stirn. »Was soll das denn heißen?« Doch ehe er noch etwas anderes sagen konnte, stieß ihn der andere Soldat an, ein großgewachsener, grobschlächtiger Bursche mit schwarzem Vollbart und einer Narbe am Kinn.
»Lass sie in Ruhe. Er ist nicht hier. Hat den Hof schon vor ein paar Stunden verlassen. Wenn ihr ihn sprechen wollt, findet ihr ihn vermutlich an der südlichen Stadtmauer.«
»Dummkopf«, schalt ihn der Kleinere, »wir hätten uns hier was dazuverdienen können.«
Darnlorn entnahm seiner Geldbörse zehn Kral und drückte sie dem bärtigen Wächter in die Hand, dann nahm er Arken und Balok am Arm und führte sie weg.
»Siehst du?«, hörten sie hinter sich den bärtigen Wächter sagen: »Es geht auch ohne Schikane.«
»Ach, halt doch den Mund!«, keifte der andere missmutig.
Arken führte Balok und Darnlorn in den Süden der Stadt, wo Hunderte Männer emsig damit beschäftigt waren, die Stadtmauern auszubessern. Als sie jedoch die Treppe zum Wehrgang betraten, trat ihnen ein weiterer Soldat in den Weg.
»Wir müssen mit Ratsherr Marchtal sprechen«, sagte Darnlorn. »Ist er hier?«
Der Wächter nickte und deutete hinter sich, gab den Weg aber nicht frei.
»Es ist wichtig. Sag ihm bitte, dass ihn ein Bruder im Geiste sprechen möchte.«
Der Soldat musterte sie noch einen Moment lang, dann nickte er und bedeutete ihnen, zu warten. Er verschwand auf dem Wehrgang und kurze Zeit später kam er, gefolgt von einem Mann, den Arken schon einmal gesehen hatte, herunter. Arken hatte ihn damals auf seiner Flucht aus dem Greifenpalast in Greifenheim getroffen. Als Arken das Gästehaus über die Luke in der Decke hatte verlassen wollen, war der Mann ihm erst in den Weg getreten. Doch als dieser realisiert hatte, vor wem Arken flüchtete, hatte er ihn gehen lassen. Der Neuankömmling trug einen gelbbraunen Urnd, den traditionellen Überwurf der Leute aus dem Bündnis. Er war groß, glattrasiert und hatte ein kantiges Gesicht mit edlen Zügen. Seine braunen, schulterlangen Haare wurden von einem Band hinten zusammengehalten. Er trug einen roten, langen Ledermantel mit braunen Aufschlägen, ein weißes Hemd und dunkelgrüne Hosen.
»Welcher von euch will mein Bruder im Geiste sein?«, fragte er, als er vor ihnen stand. Er musterte Arken einen Moment lang und Arken sah, dass es hinter seiner Stirn arbeitete.
Darnlorn nickte ihm höflich zu. »Das wäre wohl ich. Mein Name ist Darnlorn.«
Es schien, als hätte Her Marchtal Darnlorn noch nie gesehen, doch sein Name löste eine starke Reaktion bei dem Ratsherrn und Ritter aus. Er hob die Augenbrauen und nickte Darnlorn freundlich zu. Dann bedeutete er ihnen, ihm zu folgen, und ging ihnen voraus auf den Wehrgang hinauf.
Dieser wurde von einem Schindeldach gedeckt und war gerade so breit, dass zwei Männer nebeneinander und aufrecht gehen konnten. Im Abstand von vielleicht drei Schritt waren Schießscharten in die Mauern eingelassen. Die Mauer selbst war gut zwei Schritt dick.
»Starke Befestigung«, sagte Balok anerkennend, nachdem seine schräg stehenden, stahlgrauen Augen die Mauern und deren Beschaffenheit genau gemustert hatten, doch Marchtal schüttelte den Kopf.
»Die Stadt ist zu groß geworden, die Mauer zu lang. Wir haben nicht genügend Männer, um sie in ihrem ganzen Umfang genügend stark zu besetzen. Zudem gibt es Stellen, die in den letzten Jahren dringend hätten ausgebessert werden müssen. Doch der Rat war der Meinung, dass dies unnötig sei. Schließlich stünde kein Krieg bevor und das Bündnis würde vom Kaiserreich geschützt.« Er lachte bitter auf. »Doch da nun der Kaiser unseren Gegner unterstützt …« Er ließ den Rest unausgesprochen.
»Es geht das Gerücht um, ihr hättet dem König von Sargund den Krieg erklärt?«, sagte Arken verwirrt. »Wieso, wenn ihr es nicht mit ihm aufnehmen könnt?«
Marchtal schüttelte den Kopf. »Nicht wir allein. Das Königreich Syrland ist in dieser Sache mit uns, denn sein König Randiz IV. war unter den Opfern des Attentats bei der Versammlung der Könige. Doch wir haben unterschätzt, wie rasch der König von Sargund seine Truppen mobilisiert hat. Die syrländische Armee ist aber ebenfalls unterwegs, so dass wir nur ein paar Tage auszuharren brauchen.« Er seufzte. »Aber was bringt euch zu mir? Ich habe leider nicht viel Zeit. Es gilt, noch vieles vorzubereiten und zu planen.«
Arken sah sich um, um sicherzugehen, dass niemand in Hörweite war. »Vor etwas mehr als zwei Monden …«, begann er und stockte leicht, ehe er fortfuhr, »… übergab mir ein Reisender in Altenburg ein altes, in einer mir fremden Schrift verfasstes Pergament. Er meinte, es sei einer von zwei Teilen eines Plans, der zum Hort des Wissens der Menschheit führe.«
»Wieso hat der Mann dir das Pergament gegeben?«, wollte Marchtal wissen.
»Nun, er … Das spielt keine Rolle. Jedenfalls teilte er mir weiter mit, dass der zweite Teil des Plans sich im Besitz der Heiligen Schwesternschaft des Göttlichen Greifen befände und dass der Orden keinesfalls auch den ersten Teil in die Finger bekommen dürfe. Tatsächlich wurde der Mann kurze Zeit später von Kriegerinnen des Ordens getötet. Als ich davon erfuhr, floh ich, denn mir war klar, dass der Orden nun auch auf mich Jagd machen würde. Ich ging nach Greifenheim, wo ich über Umwege in die Dienste Kaiser Gundrans geriet, für den ich auch noch den zweiten Teil des Pergaments aus dem Heiligtum des Ordens entwendete.«
Erkennen blitzte in Marchtals Augen auf. »Jetzt erinnere ich mich. Ich habe dich im Gästehaus des Palasts in Greifenheim gesehen. Du warst auf der Flucht vor Erzherzog Hadrans Soldaten.«
Arken nickte. »Als Kaiser Gundran gestürzt wurde, musste ich fliehen. Ich machte mich auf eigene Faust daran, das Rätsel der Pergamente zu lösen. Mein Weg führte mich mit dem Kopfgeldjäger Balok und dem Einsiedler Darnlorn zusammen.« Er deutete auf seine beiden Gefährten. »Darnlorn war es, der die Pergamente schließlich entziffern konnte, denn sie waren in der Sprache der Veja verfasst worden.«
»Die Veja?« Marchtal machte große Augen. »Ihre Kultur ist doch vor über achthundert Jahren untergegangen? Dann muss es sich wahrhaftig um alte Dokumente gehandelt haben.«
Arken schüttelte den Kopf. »Die Pergamente waren nicht ganz so alt, sie waren nur in ihrer Schrift verfasst. Jedenfalls führten sie uns zum Hort des Wissens der Menschheit, wo wir zwei Bücher vorfanden. Die Erkenntnis, die man aus dem Wissen darin ziehen kann, ist – so unglaublich wie schrecklich.«
»Ihr müsst schon etwas genauer werden, wenn Ihr etwas von mir wollt«, seufzte Marchtal. »Um was für eine Erkenntnis handelt es sich da?«
Arken wechselte einen Blick mit Balok, der ein Kopfschütteln andeutete. »Nun, es ist so, dass wir diese Erkenntnis gerne mit Euch teilen würden, und glaubt mir, es würde die Welt in ihren Grundfesten erschüttern, aber … Wir haben viel Zeit und Mühe in diese Suche gesteckt und …« Arken hielt inne, »der alte Kaiser bot uns viel Geld für dieses Wissen, doch er ist nicht mehr, also sind wir nun auf der Suche nach einem neuen Käufer.«
Marchtal lachte laut auf. »Und da kommt ihr ausgerechnet zu mir?« Er sah Darnlorn kopfschüttelnd an. »Ihr solltet es eigentlich besser wissen.«
Darnlorn schüttelte den Kopf. »Mir geht es nicht ums Geld. Mir geht es darum, dass alle Menschen Kenntnis von dieser … erschütternden Wahrheit erlangen. Doch für meine beiden Gefährten scheint Geld einen gewissen … Reiz zu besitzen.«
»Ich habe nichts, das ich euch geben könnte, selbst wenn ich es wollte.«
»Vielleicht sieht das der Rat etwas anders?«, schlug Arken vor: »Was ich Euch biete, hat die Macht, den Orden zu vernichten.«
Marchtal riss die Augen auf. »Wie in aller Welt wollt ihr das anstellen? Welches Wissen kann diese Macht bieten?«
Das Wissen, dass der Greif, den sie anbeten, kein Gott, sondern menschengemacht ist, dachte Arken. Er wollte gerade etwas antworten, als aus der Ferne ein Horn erklang. Sie richteten ihre Augen auf die Felder vor der Stadt und erstarrten. Am Horizont war eine breite Linie Gestalten aufgetaucht. Sie füllte den Horizont von einer Seite bis zur anderen aus. Es mussten Tausende sein.
»Der König ist da«, sagte Marchtal grimmig. »Ich fürchte, wir werden diese Diskussion verschieben müssen.«
Es war im Jare iins for ter Ankunft tes Griifen, als Konig Kralsunt uns Wirkern ten Uftrag ertiilte, iin Wesen zu ershafen, tas so machtig ware, ten Krig gegen tas Wersiitishe Imperium zu unseren Gunsten zu entshiiten.
ti Shopfung iiner noien Kreatur ershin uns Wirkern zuerst unmoglich, weshalp wir palt iinmal taruf kamen, nicht etwas Noies zu erzoigen, sontern ti Shtarken fon zwii Tiren mitiinanter zu fermishen unt tergeshtalt iin noies Wesen zu ershafen.
Wald von Syrum, von den Narsing erobertes Gebiet im Herzogtum Wasserheim
Dernum wusste, dass er träumte. Es war einer dieser Träume, bei denen man das Gefühl hat, man sei Herr über den Traum, könne jederzeit aufwachen, wenn man es nur wollte, und zugleich den Traum nach Belieben selbst dirigieren und gestalten.
Er befand sich im Wald von Syrum vor dem Baum, zu dessen Füßen er die Asche von Yerda vergraben hatte. Eine einzelne orange Blume blühte an der Stelle, ein Herbstmädchen, was Dernum verwunderte, denn normalerweise blühten die Herbstmädchen früher, im Mond Pentaler oder vielleicht noch knapp in den Mond Grovinder hinein. Doch nun, zu Beginn des Mondes Lakoser, im Spätherbst, hatte er noch nie ein Herbstmädchen erblühen sehen.
Es ist wunderschön, nicht wahr?
Die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen. Dernum sah sich um, doch er konnte niemanden entdecken. Er nickte zögernd.
»Ja, das ist es. Wer bist du?«
Ein Lachen.
Ich bin die, die einst war und nun wieder ist. Ich bin ein Herbstmädchen.
»Was willst du von mir, Herbstmädchen?«
Ich habe gehört, du hast einen Orden gegründet. Einen Orden zu Ehren von Yerda. Einen Orden, um die Wirker zu unterstützen und zu schützen?
Dernum nickte. Bis er sich bewusst wurde, dass sie ihn vielleicht nicht sehen konnte. »Das stimmt«, sagte er deshalb laut.
Nun, fuhr die Stimme fort, ich bin eine Wirkerin, und auch wenn ich keinen Schutz brauche, zumindest im Moment noch nicht, so würde ich dich gerne kennenlernen, Dernum, Vernums Sohn.
»Wie hast du mich gefunden?«
Ich habe gelernt zu fliegen, Dernum. Es ist ein herrliches Gefühl. Niemand kann mich sehen, doch ich sehe alles. Niemand kann mich hören, wenn ich es nicht will, doch ich höre alles.
Dernum schauderte.
Ich will, dass du zu mir kommst. Gemeinsam können wir den Wirkern dieser Welt helfen, ihre einstige Stellung zurückzuerlangen.
»Wo finde ich dich, Herbstmädchen?«
Der Baum, die Lichtung und der Wald verschwammen vor seinem Auge und ein Berg nahm ihren Platz ein. Auf der Spitze thronte eine alte, verwitterte Ruine mit einem teilweise eingefallenen Turm.
Kennst du diese Burg?
»Das ist die Wetterburg.«
Ich warte dort auf dich, Dernum.
Die Burg verschwamm und machte wieder der Waldlichtung, dem Baum und der Blume Platz. Das Herbstmädchen ließ nun den Kopf hängen. Sie war verblüht und verblasste allmählich.
Und Dernum schlug die Augen auf.
»Eine Wirkerin auf der Wetterburg?« Valor zu Dunkelberg tigerte unruhig in der kleinen Hütte auf und ab. Der frühere Kriegsherr und Held der Schlacht von Loren war eine eindrucksvolle Gestalt. Dernum kannte niemanden, der eine derart starke Autorität ausstrahlte wie der Schwarze Panther, wie Valor auch genannt wurde. Wenn sich Valors stahlgraue Augen zusammenzogen, war Ärger im Anmarsch und dem wollte man lieber aus dem Weg gehen. Zwei Narben verunstalteten das ansonsten ansehnliche Gesicht des früheren Kriegsherrn, das von halblangen, weißen Haaren und einem weißen Bart eingerahmt wurde. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war sein Körper immer noch kräftig und schlank. »Und du glaubst, das war mehr als nur ein Traum?«, fragte Valor.
Dernum nickte. Er war sich sicher. »Ich werde zu ihr gehen. Hyrd kommt mit mir.«
»Es könnte etwas Wahres dran sein«, meinte Dardenstern. Der Räuberhauptmann, der nach dem Tod des Roten Grafen dessen Rolle als Anführer der Räuberschar im Wald von Syrum eingenommen hatte, kniff die braunen Augen nachdenklich zusammen. Er war kleiner als Valor, von beinahe zierlicher Gestalt, mochte kaum dreißig Jahre zählen und hatte eine melodiöse, angenehm klingende Stimme. Er trug die Uniform des Roten Grafen, die er, wie Dernum wusste, kleiner hatte machen müssen, da der Rote Graf ein Bär von einem Mann gewesen war. Das rote Wams hatte goldene Schulterstücke und Knöpfe, und zur Uniform gehörten ein Schlapphut mit flauschigen Federn, Lederhosen und Stiefel – allesamt ebenfalls in Rot. »Einige meiner Männer haben Gerüchte aufgeschnappt. Gerüchte über eine Shinaii, wie sie die Narsing nennen, die im Norden der Insel die Lande unsicher mache.«
»Hm.« Valor sah Karnok an.
Der grobschlächtige, ehemalige Hauptmann von Wasserheim mit der Glatze und dem Gabelbart zuckte mit den Schultern. »Es wäre eine mögliche Spur«, meinte er.
»Eine Spur? Ihr glaubt, die Wirkerin hat unsere Frauen entführt?«
Karnok schüttelte den Kopf. »Nein, aber sie könnte uns vielleicht helfen, sie aufzuspüren. Wir suchen nun bereits seit einem Mond nach ihnen – ohne auch nur den Hauch einer Spur gefunden zu haben.«
Valor runzelte die Stirn und strich sich nachdenklich durch den Bart. Dann nickte er. »Na schön. Ein Versuch ist’s wert. Ich werde mit dir kommen, Dernum.«
»Ich auch«, sagte Dardenstern. »Wenn es auch nur eine kleine Möglichkeit gibt, Senra zu retten, werde ich sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.«
Dernum nickte erleichtert. Vor seinem inneren Auge sah er immer noch die rauchenden Trümmer, die sie nach der Schlacht am Brückenkopf bei ihrer Rückkehr in den Wald von Syrum vorgefunden hatten. Er war an der Seite von Valor durch die geplünderte Siedlung gegangen, an toten Männern und Kindern vorbei. Den Anblick eines Knaben von vielleicht sechs Jahren würde er nie wieder vergessen. Das blutüberströmte, entstellte Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen und der tiefen Stichwunde in der Brust verfolgte ihn seither bis in seine Träume. Während Dardenstern Senra suchte, hielten er und Valor nach Valarda Ausschau.
Der Schwarze Panther hatte kein Wort gesagt. Seine Lippen waren zusammengepresst, die Augen zusammengekniffen, doch Dernum sah die Angst in seinen Augen. Etwas, was er bei dem früheren Kriegsherrn nie zuvor gesehen hatte.
Es stellte sich bald einmal heraus, dass sich Senra und Valarda nicht unter den Toten befanden. Genauso wenig wie alle anderen Frauen aus der Siedlung. Während alle Männer und Kinder getötet worden waren, hatte man die Frauen offenbar verschleppt. Die Überlebenden hatten sich daraufhin weiter in den Wald zurückgezogen und eine kleine, neue Siedlung errichtet.
»Wir könnten den gefangenen Narsing mitnehmen«, meinte Karnok und holte Dernum damit in die Wirklichkeit zurück, doch Valor schüttelte den Kopf.
»Nein, das wäre zu riskant. Was er uns an Sprache und Lebensweise seines Volkes im vergangenen Mond beigebracht hat, muss ausreichen.«
Dernum dachte an die vielen Stunden zurück, während denen der Narsing versucht hatte, ihnen seine Sprache beizubringen. Im Gegenzug hatte Valor ihm versprochen, ihn am Leben zu lassen. »Wenn wir erst ihre Sprache verstehen oder gar einige Brocken sprechen können, wird uns das unschätzbare Vorteile verschaffen«, hatte Valor gesagt.
Wie der Narsing ihnen erklärt hatte, gab es auf dem Kontinent der Narsing fünf Reiche. Jedes Reich war aufgeteilt in sogenannte Thàns, was man am ehesten mit dem Wort Clan übersetzen konnte. Diese Thàns wiederum bestanden aus Sippen. Der Gefangene stammte aus dem Reich Maruhàn, dessen Einwohner Feuertänzer genannt wurden. Er war dem Thàn der Krähenschnäbel entsprossen und gehörte der Sippe der Wundleger an. Jedes Reich hatte seine eigene Sprache und jeder Thàn seinen eigenen Dialekt.
Doch es gab eine gemeinsame Narsingsprache, über die sich die Seng, die Völker der fünf Reiche, miteinander verständigten. Dies würde es ihnen leichter machen, wenn sie sich unter den Narsing bewegten, denn wie der Gefangene bestätigte, gab es auch unter den Narsing durchaus welche, die die gemeinsame Narsingsprache nur bruchstück- oder fehlerhaft beherrschten.
In Bezug auf die verschleppten Frauen hatte der Gefangene ihnen nicht weiterhelfen können, da er nicht wusste, ob es Narsing gewesen waren, und wenn ja, wohin sie danach gezogen waren.
»In dem Fall gebe ich die Order aus, dass wir morgen losreiten«, sagte Karnok nun und wollte sich zum Gehen wenden, doch Valor rief ihn zurück.
»Nein. Dernum, Hyrd, Dardenstern und ich, wir werden zu viert reisen, ohne die Männer. Und ohne Euch, Her Karnok.«
»Was? Aber …«
»Eine kleine Gruppe von vier Leuten kommt eher unbemerkt bis zur Wetterburg. Ein Trupp von über sechzig Mann jedoch … Nein. Und Euch brauche ich hier. Ihr müsst die Männer führen, in der Zeit, in der wir weg sind.«
»Ich würde lieber mit Euch kommen, Valor.«
»Ich weiß, mein Freund.« Valor trat zu Karnok hin und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Doch dieses Mal nicht. Wir reiten morgen früh mit dem ersten Licht des Tages los.«
Wasserheim, von den Narsing erobertes Gebiet im Herzogtum Wasserheim
Charkhôn hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Erstaunt hatte ihn nur, wie lange es gedauert hatte, bis einer den Mumm hatte, sich offen gegen ihn zu stellen. Vermutlich hatte er dies seiner Verletzung zu verdanken, die er in der Schlacht beim Brückenkopf davongetragen hatte. Mit einem Sieg gegen einen Verwundeten war keine Ehre zu holen. Doch mittlerweile, gut einen Mond nach der Schlacht, hatte er sich von der Speerwunde, die ihm dieser verrückte, rote Krieger zugefügt hatte, beinahe vollständig erholt.
Theng Herknâg war ein Bulle von einem Mann. Er überragte Charkhôn um fast einen Kopf, hatte muskulöse Arme, Oberschenkel mit dem Umfang hoher Tannen und einen breiten Stiernacken. Die Tätowierungen an seinen Oberarmen zeugten von vielen gewonnenen Kämpfen – für jeden im Duell Getöteten einen grinsenden Totenschädel.
Herknâg hatte zugewartet bis zum ersten Tag des neuen Mondes und der damit einhergehenden Versammlung auf dem großen Platz in Wasserheim. Es war ein kalter, grauer Tag. Nebel lag über den Feldern und verwehrte eine weite Sicht. Vereinzelt nieselte es ein wenig.
Als Charkhôn den versammelten Narsing seine Pläne für die Eroberung des Festlandes mitgeteilt hatte, war Herknâg vorgetreten und hatte vor Charkhôn auf den Boden gespuckt.
»Das sind schöne Pläne«, sagte er, doch der Tonfall strafte seine Worte Lügen, »aber wir brauchen auch jemanden, der sie umsetzen kann.«
Charkhôn hielt inne und sah den größeren Mann spöttisch an.
»Und du glaubst, du bist dafür besser geeignet als ich, Theng?«
»Ein jeder hier wäre besser geeignet als du, Harkhùn. Du hast nicht nur die Schlacht beim Brückenkopf verloren, nein, du hast unsere Truchan sowie unsere Unherjàhr verloren. Du bist nicht mehr länger würdig, unser Harkhùn zu sein.«
Charkhôn nickte. Die Narsing waren ein hartes Volk. Ein Volk, das keine Niederlagen akzeptierte, und er hatte eine Niederlage erlitten. Niederlagen waren die Gelegenheit, einen Führer herauszufordern, und das hatte Theng Herknâg getan. Doch wenn Charkhôn ihn im Zweikampf besiegte, konnte er an der Spitze der Narsing bleiben. Zumindest so lange, bis er eine weitere Niederlage einstecken musste, was einem anderen Narsing die Gelegenheit bieten würde, ihn herauszufordern.
»Dies mögen die Waffen entscheiden, Theng«, sagte Charkhôn grimmig und zog sein Schwert.
Herknâg lächelte kalt, nickte und zog seine Waffe ebenfalls aus der Scheide. »Ich werde ein schönes Bild aus deinem Körper machen lassen, Charkhôn. Du wirst den Ehrenplatz über dem Eingang zu meinem Zelt erhalten.«
»Zuviel der Ehre«, meinte Charkhôn gelassen, »kannst du auch kämpfen oder nur schöne Reden schwingen?«
Herknâg stürzte vor. Sein Schwert züngelte mit der Schnelligkeit einer Schlange nach Charkhôns Hals. Charkhôn gelang es gerade noch, den Hieb abzuwehren, doch um ein Haar hätte ihn der Theng erwischt. Seine Schnelligkeit hatte Charkhôn überrascht. Er hatte ihn wegen seiner Größe unterschätzt, doch das würde ihm nicht noch einmal passieren.
Charkhôn schlug seinerseits zu, doch der Angriff diente mehr dazu, sich etwas Luft zu verschaffen, als den Theng wirklich anzugreifen. Dieser hatte denn auch nur ein spöttisches Lächeln für den lahmen Angriff übrig.
»Ist das alles, was du noch kannst, Harkhùn?« Erneut griff der größere Mann an.
Charkhôn wich vor seinem Angriff einen Schritt zurück, drehte sich zur Seite und stach dann nach seinem Gegner, doch der drehte blitzschnell seine Klinge und wehrte den Angriff ab. Dann schlug er ansatzlos mit der Faust zu und traf Charkhôn an der Schläfe. Charkhôn taumelte zurück und hob die Klinge, um den nächsten Angriff zu parieren. Die Klinge Herknâgs prallte funkenstiebend auf die seine, was ihn erneut zurücktaumeln ließ. Herknâgs Augen blitzten siegessicher auf, als er erneut vorrückte. Charkhôn atmete schwer und stützte sich mit der Spitze des Schwertes auf dem Boden ab. Als Herknâg erneut zuschlug, drehte er sich blitzschnell um seine eigene Achse und stieß dem Riesen seine Klinge seitlich in den Leib. Herknâg gab einen überraschten, japsenden Laut von sich und brach dann zusammen.
Charkhôn trat ihm mit dem Fuß das Schwert aus der Hand und drehte ihn dann auf den Rücken. Blut sprudelte aus Herknâgs Mund und er starrte Charkhôn ungläubig an.
»Wisse dies«, sagte Charkhôn, »ich werde kein Bild aus dir machen lassen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich werde deinen Körper den Hunden überlassen.« Er hob das Schwert, um dem Sterbenden den Todesstoß zu versetzen, doch Herknâg spuckte aus und röchelte: »Ich – habe Boten – über das – Große Wasser gesandt. Du – wirst nicht mehr – lange führen – Harkhùn. Sie werden – kommen und – dich ersetzen.«
Charkhôn verzog wütend den Mund und stieß sein Schwert hinab. Blut spritzte. Dann drehte er sich um.
»Eine verlorene Schlacht bedeutet nichts!«, rief er den umstehenden Männern zu. »Wir haben die gesamte Insel erobert und ich schwöre euch, dass wir vor Ende des Jahres unsere Füße auf das Festland setzen werden!«
Jubel erklang, doch es war ein halbherziger Jubel. Charkhôn wusste, dass er sich erneut beweisen musste. Doch was ihm mehr zu schaffen machte, war die Frage, wie die Wendhàr, die obersten Führer der Narsing, auf die Nachricht seiner Niederlage reagieren würden. Ob sie einen anderen Harkhùn, einen anderen Kriegsherrn, schicken würden, um ihn zu ersetzen?
Er musste so schnell wie möglich auf das Festland gelangen.
Charkhôn wischte seine Klinge an den Kleidern des Gefallenen sauber und steckte sie dann in die Scheide zurück. Er hoffte, dass sein Bruder Erfolg bei der Shinaii gehabt hatte. Das würde die Sache ungemein erleichtern.
1. Lakoser, 473 n. d. A.Westlich von Derumstadt, Tiefer Ozean
Wie hatte ich mich gefreut, nach so langer Zeit wieder darischen Boden unter meinen Füßen spüren zu können! Obschon ich glückliche Jahre hinter mir und bei den Ghandar ein neues Zuhause gefunden hatte, war es ein Heimkommen für mich.
Zumindest hätte es das sein sollen. Doch die Wirklichkeit traf mich hart und unvorbereitet.
Als unser Schiff Kurs auf den Hafen von Derumstadt nahm, stand ich am Bug der Ren Thularda und genoss den Wind im Gesicht, die Gischt, die zu mir heraufspritzte, und die Schreie der Möwen, die uns begleiteten. Hier wollten wir unsere Vorräte auffüllen, Neuigkeiten austauschen und dann nach Giron weitersegeln, von wo aus ich zu Pferde nach Grimmburg reiten wollte. Doch nun bin ich mir nicht mehr sicher, ob das überhaupt noch möglich ist.
Ich hoffe, dass mein Vater mir mittlerweile verziehen hat. Valor kann zwar sehr stur sein, doch ich weiß auch, dass er mich über alles liebt. Was wohl auch der Grund gewesen ist für unseren Streit, als ich beschlossen habe, die Insel zu verlassen und in den Süden zu fahren.
Als wir uns dem Hafen näherten, trat Taleb neben mich und meinte, dass dieser Ort nicht sehr bewohnt aussehe, und ich musste ihm Recht geben. Ich konnte keine Menschenseele ausmachen, dabei war Derumstadt die am dichtesten bevölkerte Siedlung im Süden Trutzheims und besaß den größten Hafen der ganzen Insel.
Irgendetwas stimmte hier nicht, das spürte ich überdeutlich. Da entdeckte ich die Vögel. Große, schwarze Krähen kreisten über den Straßen.
Taleb schlug vor, an einem anderen Ort an Land zu gehen, doch ich schüttelte den Kopf. Ich musste wissen, was da los war. Ich bat ihn, den Drudai zu sagen, sie sollten ihre Waffen bereithalten, worauf mein Mann nickte und sich entfernte. Ich blickte ihm nach und bewunderte seine sicheren Schritte trotz des schwankenden Untergrunds. Seine langen, braunen Haare, die im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden waren, waren von der Gischt durchnässt und klebten an seinem Hinterkopf. Im Nacken trug er die Tätowierung eines vierblättrigen Kleeblatts, das Zeichen der Vielköpfigen Göttin der Ghandar.
Ich wandte mich wieder nach vorne und musterte den rasch näherkommenden Hafen genauer. Rechter Hand erblickte ich schwarze, hässliche Brandspuren an einem Gebäude. Dahinter sah ich die Trümmer eingestürzter Häuser aufragen. Und nach wie vor waren nirgendwo Menschen zu sehen.
Das Schiff lief langsam in den Hafen ein. Die Hennadan, die Schiffsbesatzung, die bei den Ghandar aus Frauen besteht, sprangen mit langen Leinen an Land und befestigten diese an den hohen, aus dem Wasser herausragenden Holzpflöcken. Ich, Taleb und ein Dutzend der Drudai – der kämpfenden Frauen und Männer der Ghandar – folgten ihnen und schritten über den Steg.
Als wir den Pier erreichten, sah ich die ersten Leichen. Sie lagen sowohl auf dem großen Platz zur Rechten als auch in den Seitenstraßen: Männer, Frauen und sogar Kinder.
Neben mir sog Taleb scharf die Luft ein und machte eine entsetzte Bemerkung. Eine Schar Krähen, die sich zuvor an den Leichen gütlich getan hatte, flog auf und kreischte erbost, als wir nähertraten. Die Toten wiesen die Wunden des Krieges auf.
Als wir losgesegelt waren, hatte ich Taleb erzählt, dass auf der Insel seit Jahren überwiegend Friede herrsche. Als er mich jetzt darauf ansprach, konnte ich nur verzweifelt die Schultern zucken. Ich war seit dreizehn Jahren nicht mehr im Vereinigten Darischen Reich gewesen und hatte keine Ahnung, was hier passiert war.
Dann sah ich die Klinge. Sie ragte aus einer Leiche heraus und war abgebrochen. Doch was meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war ihre Farbe: Sie war blau. Ich ging neben der Leiche in die Hocke und zog die zerbrochene Waffe aus dem Körper.
Ich fragte Taleb, ob er schon einmal eine solche Klinge gesehen hätte, doch der schüttelte den Kopf und fragte mich, wie weit meine Heimat von Derumstadt entfernt sei.
Es war diese Frage, die mein Innerstes zu Eis gefrieren ließ und eine böse Ahnung heraufbeschwor: Was, wenn es überall auf der Insel oder gar überall in den bekannten Landen so wie hier aussah?
Ich schickte ein Stoßgebet zum Greifen, erhob mich und ging mit weit ausgreifenden Schritten zurück zum Schiff. Schon von Weitem rief ich den Hennadan zu, sie sollten das Schiff abfahrbereit machen, wir würden nach Giron segeln.
Eine Angst hatte sich meiner bemächtigt und noch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, nagt sie an mir und wächst mit jeder Stunde, die vergeht.
Ich hoffe, ich komme nicht zu spät.
Tagebuch von Nerda zu Dunkelberg
Altenburg, Bündnis befreundeter Staaten
»Was tun die Sargunder da, Meister?«
Dordinals Frage riss Marchtal aus seinen Gedanken. Er richtete seinen Blick wieder nach vorne, dort, wo die Sargunder mit dem Aufbau des Heerlagers beschäftigt waren. Doch zum normalen Aufbau der Zelte, Palisaden und Verteidigungsanlagen war nun etwas Neues dazugekommen. Am rechten Rand erblickte Marchtal eine Hundertschaft Männer, die damit beschäftigt waren, Dutzende hölzerne Gerüste zusammenzubauen und große, metallene Rohre darauf festzumachen.
»Ich habe keine Ahnung, Dordinal«, antwortete Marchtal seinem Lehrling und runzelte nachdenklich die Stirn.
»Ob das eine Waffe ist? Eine Art Rammbock vielleicht?«, schlug Dordinal vor. Der junge Wirker mit dem schmalen Gesicht, den blauen Augen, den braunen Haaren und dem kurzen Flaum, den er sich hartnäckig im Gesicht stehen ließ, kratzte sich nachdenklich an seinem teilweise abgerissenen Ohr, das ihm ein Hund in seiner Kindheit abgebissen hatte.
»Warum sollte ein Rammbock vorne offen sein?« Marchtal schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, wir werden es noch früh genug herausfinden.«
Ein Horn ertönte. Marchtal wandte den Blick und sah eine Schar von über hundert Reitern im sargundischen Lager ankommen. Sie ritten riesige Streitrösser und waren stark gepanzert. Über Kettenhemden trugen sie gelb-schwarze Wappenröcke mit dem Wappen des goldenen Greifen auf schwarzem Grund. Schulterplatten sowie Golgatas, die Helme mit Wangen und Nasenschutz, komplettierten ihre Ausrüstung – ein martialischer Anblick.
»Das sind – Ordenskriegerinnen«, stammelte Dordinal und wurde bleich.
Marchtal nickte grimmig. »Scheint, als ob der König mächtige Verbündete hätte.«
»Oder ihr mächtige Feinde.« Der alte Darnlorn trat neben Marchtal auf den Wehrgang und sah auf das feindliche Lager hinab. Der einäugige Arken und der Karhyte Balok folgten dem alten Mann.
»Habt Ihr über unser Angebot nachgedacht?«, wollte Arken wissen.
Marchtal runzelte verärgert die Stirn und musterte den jungen Mann mit dem blauen Auge und der schwarzen Augenklappe. Dieser hatte eine wilde Mähne, einen kurzen Vollbart und war von schlanker Statur. Eine Narbe erstreckte sich über seine rechte Wange. Er trug einen Schlapphut, ein dreckiges, blaues Seidenhemd, Leinenhosen und Stulpenstiefel. An seiner Seite hing ein Dolch. »Wie ich bereits sagte, habe ich momentan keine Zeit, um mit euch über euer – Wissen zu verhandeln.«
»Mir scheint, Zeit ist im Moment alles, was Ihr habt«, meinte der junge Mann leichthin und zuckte mit den Schultern. »Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sie ihr Lager fertig aufgebaut haben. Zudem … Wie wir bereits sagten: Dieses Wissen beherbergt die Macht, den Orden zu zerstören.« Er deutete auf die Ordenskriegerinnen, die eben absaßen.
»Es wird wohl kaum ein Wundermittel sein, das die Kriegerinnen dort unten in Luft aufzulösen vermag«, knurrte Marchtal. Der junge Mann wollte etwas erwidern, doch Marchtal ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Eine Hand wäscht die andere. Wenn ihr mir helft, diese Armee da unten abzuwehren, helfe ich euch dabei, euer Wissen dem Rat anzupreisen … Wenn es denn etwas wert ist. Doch bevor diese Armee nicht geschlagen ist, werde ich nichts dergleichen unternehmen. Könnt ihr kämpfen?«
»Alle Karhyten können kämpfen«, knurrte Balok beleidigt und seine schrägstehenden Augen verengten sich, »und den Kuss von Baloks Wurfmessern überlebt niemand.« Seine flache Nase blähte sich kurz herausfordernd auf.
Der einäugige Arken lächelte und plötzlich zitterte die Klinge eines Wurfmessers eine Handbreit neben Marchtals Gesicht im Holz des Wehrgangs.
Marchtal runzelte die Stirn, zog das Messer aus dem Holz und reichte es Arken zurück. »Wurfmesser sind zwar nichts für den Kampf in der ersten Reihe«, meinte er, »aber immer noch besser als gar nichts. Wir sind über jede Hilfe dankbar. Also mein Angebot gilt: Helft uns und wir helfen euch.«
Ein weiteres Hornsignal erklang im Lager unter ihnen. Marchtal wandte den Blick erneut und sah ein Dutzend schwer gepanzerter Reiter auf das Stadttor zuhalten. Sie trugen rote Ritterrüstungen mit eingeätzten schwarzen Ornamenten. An ihrer Seite hingen Schwerter. Ihre Helme hatten Visiere. Um ihren Hals trugen sie eine goldene Kette mit elf blauen Edelsteinen und einem gleißend hellen, von innen heraus leuchtenden Tartiumstein.
»Die Zwölf«, knurrte er, »nun beginnt also der Tanz. Wenn ihr mich nun bitte entschuldigen würdet. Ich werde mich wohl oder übel mit diesen Herren unterhalten müssen.« Er deutete auf die näherkommenden Ritter.
»Da kommen nicht nur Herren«, sagte der alte Mann.
Dem Zuge der zwölf Ritter hatten sich drei weitere Reiter angeschlossen. Ordensschwestern.
Marchtal fluchte.
»Scheint, als ob die Schwestern ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hätten«, meinte Arken.
Marchtal warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und schritt dann, gefolgt von Dordinal, die Stufen zum Hof hinunter. Dort rief er Her Terfin zu sich, den Marschall des Bündnisses, und suchte sich zwölf weitere Ritter aus, die ihn nach draußen begleiten sollten. Zudem gab er zwei Dutzend Bogenschützen den Befehl, sich auf den Zinnen bereitzuhalten. Dann hieß er die Männer an den Stadttoren, diese aufzumachen, und verließ, gefolgt von Dordinal, Terfin und den zwölf Rittern, die Stadt.
Die Gesandtschaft des Feindes erwartete sie eine Bogenschussweite vor dem Tor. Marchtal ritt bis auf zwei Pferdelängen auf sie zu und hielt dann sein Reittier an. Terfin ritt an seine Seite, die anderen hielten hinter ihm.
»Her Marchtal!« Einer der Ritter der Zwölf hob sein Visier und ließ sein Pferd einen Schritt näher traben. Er war glattrasiert und hatte ebenmäßige Züge. »Seid mir gegrüßt. Es freut mich, Euch bei guter Gesundheit zu sehen.«
»Her Perdok«, entgegnete Marchtal steif, »wenn ich mich nicht täusche, werdet Ihr in den nächsten Tagen alles daransetzen, dass sich dies ändert.«
»Das muss nicht sein, mein Freund. Wir können uns immer noch gütlich einigen. Hier und jetzt.«
»Ihr wisst genau, dass wir uns niemals einigen werden.«
Perdok lächelte. »Immer noch derselbe pessimistische Realist, was? Nun gut. Hier sind die Bedingungen des Königs: Öffnet die Stadttore, ergebt Euch ihm auf Gnade und Ungnade und zieht Eure Anschuldigungen bezüglich des Attentats zurück. Tut Ihr dies, soll niemandem in der Stadt etwas geschehen.«
»Niemandem außer mir, meint Ihr?«
Perdok zuckte mit den Schultern. »Die Pläne des Königs sind mir nicht bekannt. Doch bedenket Eure Antwort gut, Her. Hier lagern 20 000 Streiter. Über wie viele Männer verfügt Ihr? 5000? 6000? 7000?«
»Genug, um Euch die Stirn zu bieten. Und zwei große Entsatz-Armeen sind auf dem Weg hierher.«
»Sie werden nicht rechtzeitig hier eintreffen. Habt Ihr die eisernen Gebilde gesehen, die unsere Soldaten zusammenbauen?« Er deutete nach rechts, wo man in einiger Entfernung die Männer arbeiten sehen konnte. Ihr Hämmern dröhnte dumpf über das Feld.
Marchtal nickte zögernd. »Was soll das werden, wenn’s fertig ist?«
»Eiserne Drachen«, antwortete Perdok und seine Stimme nahm einen leicht bedauernden Tonfall an. »Glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass ich diese Maschinen nicht gutheiße, doch mein König wird sie gegen Euch einsetzen.«
»Eiserne Drachen?« Ein ungutes Gefühl machte sich in Marchtal breit. »Zu was sollen die gut sein?«
»Sie verschießen große, steinerne Kugeln, die in der Lage sind, Mauern einzureißen und Männer zu Dutzenden zu töten. Keine Rüstung hält diesem Beschuss stand.«
Marchtal lachte laut auf, doch selbst in seinen Ohren klang das Lachen aufgesetzt.
»Ihr versucht, mich einzuschüchtern? Ihr solltet mich besser kennen, Her. Richtet Eurem Herrn aus, dass die Tore Altenburgs für ihn geschlossen bleiben.«
»Sind die Verräter Arken und Rune bei Euch?«
Marchtal wandte den Blick und sah die Ordensschwester an, die nun ihr Pferd neben dasjenige Perdoks traben ließ. Sie war groß und kräftig gebaut. Eine rote Narbe zog sich quer über ihre Stirn. Unter dem Helm quollen zwei lange Zöpfe hervor, die ihr bis auf den unteren Rücken reichten und so zeigten, dass sie dem Orden schon sehr lange angehörte. Ihre Stimme war rau und hatte einen lauernden Ton, der Marchtal unwillkürlich einen Schauer über den Rücken jagte.
Er schüttelte den Kopf. »Wer soll das sein?«
»Ein Dieb und eine abtrünnige Ordenskriegerin. Sie ist großgewachsen, schlank, aber kräftig, hat blaue Augen und blondes Haar, das an den Seiten noch ziemlich kurz sein sollte, da sie es den Traditionen des Ordens entsprechend abrasiert hatte. Der Dieb ist ebenfalls schlank, trägt einen dunkelbraunen Vollbart und eine Augenklappe. Hat eine Narbe auf der rechten Wange. Er hat uns etwas gestohlen und wir wollen es zurückhaben. Wenn Ihr die beiden vor uns versteckt, macht Ihr Euch damit zu unserem Feind.«
»Zu eurem Feind?« Marchtal schnaubte. »Ich denke, das seid ihr bereits. Oder weshalb habt ihr euch sonst dem König von Sargund angeschlossen?«
»Sie sind also in der Stadt?«
Marchtal schüttelte den Kopf. »Nein, sind sie nicht. Zumindest nicht, dass ich wüsste.« Er wandte sich wieder an Perdok. »Wir werden bald Verstärkung erhalten. Aus Syrland. Was tut Ihr dann? Seid Ihr gewillt, gegen Eure eigene Heimat in den Krieg zu ziehen?«
Perdoks Miene verdüsterte sich. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Obschon meine Loyalität dem König von Sargund gehört, werde ich nicht gegen meine Heimat Krieg führen. Sobald die Truppen von Syrland auf dem Schlachtfeld eintreffen, werde ich mich aus dem Kampf zurückziehen und weggehen.«
»Und der König lässt dies zu?«
Perdok zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich habe ihn darüber informiert. Vielleicht wird er mich gefangen nehmen und mich wegen Hochverrats hinrichten, vielleicht wird er mich verstoßen, vielleicht wird er mich gehenlassen. Es ist seine Entscheidung.«
»Bruder! Ihr sprecht zu viel.« Es war ein anderer Ritter, der sich nun zu Wort meldete. Er hob sein Visier und Marchtal erstarrte. Er hörte, wie Dordinal hinter ihm die Luft einsog. Der Ritter hatte schwarze Haare, die ihm in die Stirn fielen, einen kurzen Stoppelbart und eine Narbe unter dem linken Auge. Sie hatten diesen Mann bereits einmal gesehen. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern mithilfe des Liedes der Macht.
Der Mann mit der Narbe unter dem Auge, dachte Marchtal schaudernd, einer der Drahtzieher hinter dem Attentat. Hätten wir ihn doch früher gefunden!
»Ihr habt Recht, Her Bahrdùo«, sagte Perdok und zwang sich zu lächeln. Dann drehte er sich wieder zu Marchtal um: »Ich habe Euch stets gemocht, Her Marchtal. Ich hoffe, wir sehen uns nicht auf dem Schlachtfeld wieder. Ich möchte Euch nicht töten müssen.«
»Ich mochte Euch auch, Her Perdok«, sagte Marchtal kalt, »doch setzt Ihr einen Fuß in meine Stadt, werde ich Euch töten. Richtet Eurem König aus, dass wir keine Angst vor ihm haben und ihn mit geschärften Klingen hinter diesen Mauern erwarten.«
