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„DIE SONNE WIRD SICH IN FINTSERNIS WANDELN UND DER MOND IN BLUT.“ Nächtliche Klopfgeräusche, die von überall her zu scheinen kommen, blutige Handabdrücke wie aus dem Nichts und übel zugerichtete Leichen, die des Morgens entdeckt werden: Eine Kleinstadt an der Nordsee wird von mysteriösen Mordfällen terrorisiert. Bei Vollmond. Doch als Ex-Kommissar Richard Winter die Ermittlungen aufnimmt, stößt er bei den Einwohnern nur auf Ablehnung und Feindseligkeit. Er findet heraus, dass der Spuk exakt einen Monat nach einem Blutmond begonnen hat. Schnell wird ihm bewusst, dass weit mehr dahintersteckt, als man ihm zunächst glauben machen wollte. Und als der nächste Vollmond näher rückt, muss plötzlich auch er um sein Leben fürchten … Ex-Kommissar Richard Winter, spezialisiert auf mysteriöse Verbrechen, ermittelt in seinem zweiten Fall, in dem ein scheinbar unsichtbarer und grausamer Mörder sein Unwesen in einer beschaulichen Kleinstadt an der Nordsee treibt.
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Thomas Vaucher
Blutmond
1. Auflage 2018
Alle Rechte vorbehalten
© copyright by Riverfield Verlag, Basel
www.riverfield-verlag.ch
Lektorat, Korrektorat & Satz
ihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)
Umschlaggestaltung
JARZINA Kommunikations-Design, Holzkirchen
Druck und Bindung
CPI Ebner & Spiegel, Ulm (D)
E-Book ProgrammierungDr. Bernd Floßmann, Berlin www.IhrTraumVomBuch.de
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
ISBN 978-3-9524906-1-7
Julia schoss hoch. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Atem beschleunigte sich. Sie strich sich die langen, braunen Haare aus dem Gesicht und lauschte.
Da war es wieder!
Ein Geräusch, als ob jemand mit einem großen, metallenen Gegenstand an eines der Fenster im Erdgeschoss klopfen würde!
Ein kalter Schauer fuhr ihr über den Rücken, als sich das Klopfen wiederholte, und sie realisierte, dass sie das Geräusch diese Nacht bereits einmal wahrgenommen, sich aber geweigert hatte, es als real hinzunehmen. Ein Traum im Halbschlaf. Doch nun …
Sie drehte sich zu ihrem Mann um, der leise neben ihr schnarchte.
»Thomas«, wisperte sie und rüttelte ihn leicht am Arm. »Thomas, hast du das auch gehört?«
Die Schnarchgeräusche hörten augenblicklich auf. Doch statt aufzuwachen, schüttelte Thomas ihre Hand grummelnd ab und drehte sich auf die andere Seite.
»Thomas«, wisperte sie eindringlich. Sie packte ihn am Arm und rüttelte hart daran. Ihr Mann stöhnte, öffnete die Augen und drehte sich zu ihr um.
»Was ist?«, fragte er unwillig.
»Pst! Hör zu!«
Einen Moment lang geschah nichts und Julia glaubte schon, doch alles nur geträumt zu haben.
»Was denn? Da ist nichts.« Thomas drehte sich wieder auf die andere Seite. Aber dann erstarrte er: Das Klopfen ertönte erneut!
Bumm, bumm, bumm.
Bumm, bumm, bumm.
Thomas richtete sich auf und legte den Kopf schief, als könnte er das Geräusch so besser orten oder einordnen.
»Was ist das?«, fragte er beunruhigt.
»Keine Ahnung, deshalb hab ich dich ja geweckt.«
»Ich sehe mal nach.« Thomas stand auf. »Bleib du hier, aber mach kein Licht an, hast du verstanden?«
»Spinnst du? Ich komme mit!«
Er sah sie noch einen Moment lang unschlüssig an, doch dann nickte er und sie verließen langsam das Schlafzimmer.
Bumm, bumm, bumm.
»Das kommt aus dem Wohnzimmer«, flüsterte Julia ängstlich.
Thomas nickte und stieg ihr voran die Stufen zum Erdgeschoss hinab. Dort blieb er verwundert stehen.
»Wieso brennt das Licht nicht?«, murmelte Thomas.
Julia war es nicht gleich aufgefallen, doch nun realisierte sie es ebenfalls: Der Bewegungsmelder auf der Terrasse war nicht angesprungen. Das große, doppelflügelige Fenster ihres Wohnzimmers führte direkt auf den Sitzplatz in ihrem Garten hinaus. Das Geräusch kam eindeutig von dort! Doch wenn jemand vor ihrem Fenster stand, dann hätte das Licht auf der Terrasse brennen müssen …
»Wir sollten die Polizei rufen«, flüsterte sie verstört.
Doch Thomas schüttelte den Kopf, ergriff seinen Hockeystock, den er zu Julias Ärger stets in der Ecke des Wohnzimmers deponierte, und hielt ihn schützend vor sich. Dann schlich er auf Zehenspitzen zur Wand neben dem Fenster und betätigte den Schalter, mit dem man das Licht auf der Terrasse einschalten konnte.
Augenblicklich traf sie die gleißende Helligkeit der Halogenlampen und blendete sie. Julia hielt den Atem an.
Aber die Terrasse war leer. Wer auch immer dort gewesen sein mochte, war verschwunden.
Julia atmete erleichtert aus, doch dann kniff sie die Augen zusammen. ›Was zur Hölle …?‹ Vorsichtig näherte sie sich dem großen Fenster und erstarrte, als sie sah, was der Ruhestörer ihnen hinterlassen hatte: Auf Augenhöhe befand sich auf dem Fensterglas ein Dutzend roter Flecken. Unförmige, verzogene Schlieren dickflüssiger Farbe.
»Ist das … Blut?«, fragte Thomas hinter ihr entsetzt.
Julia antwortete nicht. Unverwandt starrte sie das verschmierte Fenster an, beobachtete fassungslos, wie sich aus einem der Flecken ein einzelner roter Tropfen löste, langsam herabrinnend eine Spur auf dem Glas hinterließ und schließlich auf dem Terrassenboden aufkam.
Dann begann sie zu schreien.
»Wann werde ich sterben?«
Die Stimme von Frau Schneider zitterte. Angstschweiß perlte auf ihrer von zahlreichen Falten gezeichneten, blassen Stirn. Sie hatte kurze, graue Haare und trug eine Brille mit dicken Gläsern. Lachfalten um ihre Mundwinkel ließen sie als gutmütige und fröhliche Person erscheinen, doch nun hingen ihre Mundwinkel herunter. Ihre Augen waren weit geöffnet und auf das umgedrehte Glas in der Mitte des Tisches gerichtet, auf dem ihre Zeigefinger ruhten.
Ihr gegenüber saß Frau Wittkowski. Winter schätzte sie etwa gleichaltrig wie Frau Schneider. Sechzig vielleicht. Doch im Gegensatz zu Frau Schneider schien sie viel mehr Wert auf ihr Äußeres zu legen, denn ihre Haare waren braun getönt und sie war stark geschminkt, so dass es schwer war, ihr wirkliches Alter zu erraten.
›Vermutlich ist sie doch älter, als ich sie geschätzt habe‹, dachte Winter, als er sie genauer musterte und die vielen Falten bemerkte, welche die Schminke zu überdecken versuchte. Eine Dunstwolke aus zwei verschiedenen Parfumgerüchen hing in dem abgedunkelten, nur von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer und nahm Winter im Zusammenspiel mit den widerlichen Räucherstäbchen, die Frau Wittkowski angezündet hatte, beinahe den Atem. Das eine Parfum roch blumig, das andere jedoch cremig – nach Vanille. Richard Winter atmete tief aus und fokussierte sich gespannt auf den Zeigefinger von Frau Wittkowski. Die ältere Dame war ruhig, konzentriert und gefasst.
Plötzlich bewegte sich das Glas. Langsam, etwas holprig fuhr es zunächst zum N, anschließend weiter zum A, als Nächstes zum E, dann hintereinander zu den Buchstaben C, H, S, T, E, W, O, C, H und hielt schließlich vor dem E inne.
»Sehen Sie, Herr Winter?«, keuchte Frau Schneider entsetzt, »genau wie beim letzten Mal! Ich …«
»Ruhig, Frau Schneider«, erwiderte Winter, »fahren Sie fort, wie abgemacht!«
Frau Schneider nickte bemüht ruhig. Dann fragte sie: »Wie … Wie werde ich … sterben?«
M, O, R, D.
Tränen traten Frau Schneider in die Augen. »Ich kann das nicht mehr«, schluchzte sie, »ich …«
»Noch eine Frage, Frau Schneider, dann haben Sie es geschafft«, drängte Winter. Einmal noch, dann würde er Klarheit haben.
»Also gut.« Frau Schneider schluckte und wischte sich mit der linken Hand die Tränen aus den Augen. »Wer … wird mich töten?«
I, C, H.
Frau Schneider schrie auf, riss ihren Zeigefinger vom Glas, sprang auf, so dass der Stuhl polternd zu Boden fiel, und schlug die Hände vor den Mund.
»Ute!«, sagte Frau Wittkowski vorwurfsvoll: »Wir müssen uns noch vom Geist verabschieden!«
Doch Frau Schneider stürmte bereits aus dem Raum.
»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie das machen«, meinte Winter und fügte mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu: »Grüßen Sie ihn von uns.« Er schoss hoch und beeilte sich, seiner Klientin zu folgen.
Frau Schneider hatte ihn am Morgen angerufen und seine Hilfe als Geisterjäger in Anspruch nehmen wollen, um den Geist ihres toten Ehemannes zu vertreiben. Er erklärte ihr schmunzelnd, dass er kein Geisterjäger, sondern Privatdetektiv sei.
»Aber Sie haben doch diesen Harlekin zu Fall gebracht?«, hatte sie geantwortet. »Ich habe in der Zeitung davon gelesen. Geister, die aus Bildern gestiegen sind und ihre Angehörigen umgebracht haben … Sie haben alle zur Strecke gebracht!«
›Ja und genau deshalb werde ich nun mit vermeintlich okkulten Aufträgen überschwemmt‹, dachte er säuerlich. ›Und meistens stellen sie sich als Humbug heraus.‹
Erst kürzlich war ein älterer Herr bei ihm vorbeigekommen und hatte ihm ein selbst geschossenes Foto gezeigt, auf dem er eine Geisterscheinung gesehen haben wollte, eine mysteriöse, transparente Lichtkugel. Er hatte gemeint, es sei sein verstorbenes Enkelkind, das ihm etwas mitteilen wollte, und hatte von Winter hören wollen, wie er mit ihm kommunizieren könnte. Tatsächlich hatte Winter den Fall innerhalb weniger Sekunden gelöst: Staub auf dem Objektiv! Das Blitzlicht war sehr nah an der Linse, so dass Reflexionen von kleinen Staubpartikeln auf dem Foto mit abgebildet wurden. Keine Geisterscheinung.
Dann war da noch der sich für sehr clever haltende Herr gewesen, der ihn absichtlich hatte an der Nase herumführen wollen, um ihn zu testen. Er hatte in seinem Haus diverse technische Installationen getätigt, mithilfe derer er per Zeitschaltuhr poltergeistliche Aktivitäten durchführen konnte: Lampen, die plötzlich ausgingen, Geschirr, das vom Tisch fiel und zerbrach und dergleichen. Winter war dem vermeintlichen Spuk rasch auf die Schliche gekommen und der Mann hatte sein Honorar mit einem Lächeln und den Worten »Das war es mir wert« bezahlt.
»Worum geht es denn?«, hatte er Frau Schneider schließlich skeptisch gefragt.
»Mein toter Ehemann will mich umbringen!« Sie erzählte ihm von einer Gläserrücken-Séance, die sie mit ihrer Nachbarin durchgeführt hatte und in der ihr ihr Ehemann erschienen sei, der ihr mit dem Tod gedroht habe. »Er war schon immer sehr eifersüchtig und nun erträgt er es selbst im Tod nicht, dass ich einen neuen Freund habe«, hatte sie gejammert.
Winter hatte ihr den Vorschlag gemacht, die Séance in seiner Gegenwart zu wiederholen, so dass er sich selbst ein Bild des geisterhaften Ehemannes machen könnte, und sie war einverstanden gewesen.
Jetzt durchquerte er das Wohnzimmer mit wenigen Schritten, öffnete die Tür und folgte Frau Schneider in die Küche. Erleichtert atmete er auf, als er sie am Küchentisch sitzen sah. Er schloss die Türe hinter sich und setzte sich ihr gegenüber.
»Können Sie ihn aufhalten?« Sie kaute nervös an ihren Fingernägeln herum und sah ihn erwartungsvoll an.
Winter nickte. »Absolut.«
Ihre Augen weiteten sich. »Wirklich? Wie …?«
»Was Sie da drin erlebt haben, hat nichts mit Geistern zu tun, Frau Schneider. Ich habe in meinem Leben schon viele Séancen mitgemacht, doch in Ihrem Wohnzimmer war weit und breit kein Geist und schon gar nicht derjenige Ihres Ehemannes.«
»Was? Aber …«
»Ihre Nachbarin, Frau Wittkowski, bewegte das Glas. Da ich bereits diesen Verdacht hegte, habe ich mich voll und ganz auf sie konzentriert. Ich konnte spüren, wie sie ganz leicht dagegen gedrückt hat, und sehen, wie ihre Augen bereits den nächsten Buchstaben fixiert haben, ehe sich das Glas dorthin bewegte. Ich weiß nicht, warum sie es tat. Ob sie Ihnen einen Schreck einjagen wollte oder ob sie sich einfach einen makabren Spaß erlaubt hat … Das herauszufinden liegt nun an Ihnen.«
Die Tür hinter Winter ging auf und Frau Wittkowski trat in die Küche. Frau Schneider fuhr wie von der Tarantel gestochen auf und rauschte auf sie zu.
»Du hast das Glas bewegt!«, schrie sie Frau Wittkowski an. »Das war gar nicht mein Mann! Warum hast du das getan?«
Sie schlug mit ihren Fäusten nach Frau Wittkowski und diese wich erschrocken einen Schritt zurück.
»Ich … nein, ich …«, versuchte sie sich zu wehren, doch Frau Schneider setzte ihr nach und schlug ein weiteres Mal nach ihr. Diesmal traf sie sie.
»Lüg mich nicht an!«, schrie Frau Schneider.
»Ja, ist ja gut, hör auf, ich gebe es ja zu«, wimmerte Frau Wittkowski und hielt beide Hände schützend vors Gesicht.
Winter stand auf und betrachtete noch einen Moment lang stirnrunzelnd die beiden streitenden Frauen. Dann zog er einen Einzahlungsschein aus seinem Portemonnaie, legte ihn auf den Tisch und ging durch die offene Tür in den Flur, wo er sich seinen Mantel überstreifte, ehe er die Wohnung verließ.
›Wieder ein vermeintlich okkulter Fall, der sich als Scherz entpuppt. Egal – solange sie mir mein Honorar bezahlt …‹
Er zog eine Packung Kaugummis aus der Tasche und steckte sich einen in den Mund. Big Red – der Kaugummi mit feuerscharfem Zimtgeschmack. Winter schmunzelte. Genau das Richtige für diesen verregneten Nachmittag.
Er stieg in seinen Nissan Micra und fuhr los.
Nervös sah Winter auf seine Uhr, die er für zehn Euro in einem Supermarkt gekauft hatte, und schüttelte genervt den Kopf. Sie war wieder einmal stehen geblieben. Seit einigen Wochen hatte er sich immer wieder vorgenommen, die Batterien ersetzen zu lassen. Doch meistens hatte sie kurz danach wieder funktioniert, als hätte sie gespürt, dass ihr ein operativer Eingriff bevorstehen würde, wenn sie zu lange nicht liefe.
Der Gedanke ließ Richard Winter schmunzeln, und beinahe vergaß er, dass Sabine seit einigen Minuten überfällig war. Als er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte (und da hatte sie noch funktioniert), war sie bereits fünf Minuten in Verzug gewesen.
Ob sie ihn sitzen ließ?
Winter schüttelte den Kopf. Das konnte er sich nicht vorstellen. Es war schließlich ihr Vorschlag gewesen, sich mit ihm zum Mittagessen zu treffen. Zudem waren sie bereits die Woche zuvor zusammen im Kino gewesen und er hatte den Eindruck gehabt, dass ihr der Abend gefallen hätte. Sie hatten seit Jahren nicht mehr so miteinander gelacht. Nicht seit …
Winter verdrängte den Gedanken und zog sein Smartphone hervor. Er strich den Sperrbildschirm mit dem Zeigefinger weg, doch die Sonne schien so stark, dass er nur sein Spiegelbild in dem Display sah statt der ihm vertrauten Apps auf dem Startbildschirm.
›Toller Spiegel‹, dachte Winter schmunzelnd, als er bemerkte, dass die Spiegelung die grauen Strähnen in seinen kurzen, schwarzen Haaren verschluckte. Auch sein Dreitagebart fiel nicht sonderlich auf. ›Ich sollte meinen Badezimmerspiegel durch so eine Scheibe ersetzen.‹ Er erhöhte die Helligkeit des Bildschirms, bis er endlich die Zeitanzeige erkennen konnte. ›Sechzehn Minuten Verspätung.‹
Er steckte das Telefon zurück in die Tasche seines knielangen, grauen Wollmantels und ließ seinen Blick auf der Suche nach Sabine zum wiederholten Male über den Bremer Marktplatz schweifen, der mit seinen imposanten, historischen Gebäuden seit unzähligen Jahren ein Touristenmagnet war. Auf der anderen Seite des Platzes, direkt ihm gegenüber, ragten die beiden quadratischen Haupttürme des Bremer Doms gut neunzig Meter in die Höhe. Links davon befand sich das über sechshundertjährige Rathaus mit der Renaissancefassade und dem grünen, kupfergedeckten Walmdach und rechts der Schütting, der Sitz der Handelskammer, ein Gebäude, das den Renaissancebauten Flanderns ähnlich sah und aus dem 16. Jahrhundert stammte. Hinter Winter standen eine Handvoll Giebelhäuser, die ebenfalls aus der Renaissancezeit stammten. Vor diesen Giebelhäusern befanden sich zahlreiche Gartenterrassen, die selbst zu dieser Jahreszeit noch gut besetzt waren. Winter musterte die Gäste, um sicherzugehen, dass sich Sabine nicht versehentlich an einen anderen Tisch gesetzt hatte, ohne ihn zu bemerken. Aber sie war nirgendwo zu sehen.
Die Sonne strahlte an diesem Oktobertag intensiv, und Winter genoss es, den Mittag noch einmal im Freien verbringen zu können. Bald würden die warmen Tage der Vergangenheit angehören und von trüben, grauen Regentagen abgelöst werden. Er ließ seinen Blick zum Bremer Dom schweifen, der stolz vor ihm in den Himmel ragte. Sofort kehrte die Erinnerung zurück: der Clown, der versucht hatte, ihn auf ebenjenem Platz umzubringen … Er wischte die unliebsamen Gedanken beiseite, nahm die Getränkekarte des Bistros zur Hand und besah sich zum gefühlten hundertsten Mal ihren Inhalt.
»Hallo Richard.«
Winter drehte sich auf seinem Gartenstuhl um und lächelte. Sabine erschien ihm blendend schön, wie immer: Sie trug die Haare offen. Lange, braune Locken fielen ihr bis über die Schultern und umrahmten ihr schmales, attraktives Gesicht, dessen Schönheit auch ungeschminkt zur Geltung kam. Ihre grünen Augen, die von feinen Lachfältchen eingefasst wurden, strahlten. Er erhob sich und begrüßte sie.
»Tut mir leid wegen der Verspätung«, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber hin, »die Vernehmung hat länger gedauert als gedacht.«
»Was hattest du denn für eine Vernehmung?«
»Ach, nichts Besonderes.« Sabine winkte ab. »Ein Jugendlicher, den wir im Verdacht hatten, als Drogenkurier zu arbeiten. Ist aber vermutlich unschuldig. Was gibt’s bei dir Neues?«
Winter erzählte ihr von der gestrigen Séance und dem vermeintlichen Geist, der Frau Schneider erschienen war, und Sabine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Du bist also nun so was wie ein Ghostbuster, was?«
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich für Telefonanrufe erhalte. Neulich rief mich jemand an, der der Meinung war, seine Katze wäre besessen. Er fragte mich, ob ich an ihr einen Exorzismus ausüben könne.« Winter schnaubte und Sabine lachte. Es war ein schöner Laut und Winter konnte sich ein Lächeln ebenfalls nicht verkneifen. Sein Handy klingelte, doch er ignorierte es.
»Du glaubst immer noch nicht an diese Dinge, was?«, fragte er stattdessen und sah Sabine gespannt an.
Sabine schüttelte erst den Kopf, dann hielt sie inne und wiegte ihn unentschlossen hin und her.
»Ich weiß nicht so recht. Eigentlich nicht, aber nach dem, was alles passiert ist … weiß ich selbst nicht mehr, was ich glauben soll und was nicht. Ich meine – ich habe die Geister nie gesehen und doch …«
»Und obschon du nicht daran glaubtest, hast du mich da mit reingezogen? Als ›externen Berater und Fachmann für Okkultes‹? Warum?«
»Na ja, einerseits weil ich – auch wenn ich nicht an Geister glaubte – deine Fachkompetenz in diesem Bereich gebrauchen konnte und andererseits …« Sie hielt inne. »Hast du schon bestellt?«
»Und andererseits?«
Sie seufzte.
»Andererseits dachte ich, dass ich dich mit diesem Fall vielleicht aus deiner Lethargie reißen und zurück ins Geschäft bringen kann. Was mir ja auch ganz gut gelungen ist.« Sie lächelte wieder. Es war ein warmes Lächeln.
Winter nickte.
»Und dafür bin ich dir dankbar. Seit dem Harlekin-Fall habe ich auch wieder häufiger normale Aufträge, so dass ich mich mittlerweile ganz gut über Wasser halten kann. Was möchtest du trinken?«
»Willst du da nicht rangehen?« Sie deutete auf seine Manteltasche, in der es erneut zu klingeln begonnen hatte.
Winter schüttelte den Kopf. »Das kann warten. Also?«
»Einen Martini Orange.«
»Gute Wahl.« Winter winkte den Kellner heran und bestellte einen Martini Orange und eine Cola.
Kaum war der Kellner wieder verschwunden, biss sich Sabine auf die Lippen und legte Winter die Hand auf den Arm. »Mist, tut mir leid, Richard, wie unsensibel von mir. Ich habe nicht daran gedacht, dass du keinen Alkohol mehr trinkst. Ist mir erst jetzt wieder eingefallen, als du eine Cola bestellt hast.«
»Das macht doch nichts.«
»Bist du denn mittlerweile ganz trocken? Trinkst du wirklich gar nichts mehr?«
Winter schüttelte den Kopf: »Keinen Tropfen.«
Sabine nahm seine Hand und drückte sie. »Ich bin stolz auf dich.«
Winter wurde rot. Da er nicht wusste, was er sagen sollte, verzog er nur lächelnd das Gesicht und reichte ihr die Mittagskarte.
Er bestellte sich eine asiatische Nudelpfanne mit Hähnchenstreifen und sie Penne mit Spinat und Kirschtomaten in cremiger Käsesoße.
»Wie geht es Sydney?«, wollte sie wissen, nachdem der Kellner ihre Bestellung aufgenommen hatte und wieder gegangen war.
»Sie kommt ganz gut zurecht. Mittlerweile springt und tobt sie schon fast wieder wie früher herum. Es scheint beinahe, als ob sie schon ihr ganzes Leben lang nur drei Pfoten gehabt hätte.«
Wieder klingelte Winters Telefon. Winter nahm es aus der Manteltasche, blickte kurz darauf – eine unbekannte Nummer – und stellte es dann auf lautlos, ehe er es mit einem entschuldigenden Schulterzucken in Richtung Sabine wieder im Mantel verschwinden ließ.
»Und, an was für einen Fall bist du gerade dran – abgesehen von dem vermeintlichen jugendlichen Drogenkurier?«, fragte er und nahm einen Schluck Cola.
»Gestern«, Sabine seufzte, »haben wir eine Diebesbande dingfest gemacht. Fünf junge Männer, keiner älter als achtzehn! Drei sind geständig, die anderen beiden leugnen hartnäckig alles, was wir ihnen vorwerfen, obschon die Beweise gegen sie sprechen. Und das Verrückte ist: Obschon ich weiß, dass sie es getan haben, weil ich Videomaterial habe, das sie belastet, habe ich gestern bei der ersten Befragung für einen kurzen Moment daran gezweifelt. Sie waren so überzeugend! Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich wirklich geglaubt, sie wären unschuldig.«
Winter lächelte. »Du warst schon immer zu gutgläubig.«
»Ach ja?«, schnaubte sie gespielt empört. »Wie war das damals mit der jungen Frau, die Drogen vertickt hat und dir weisgemacht hat, sie seien ihr in die Handtasche geschmuggelt worden?«
Winter grinste. »Die hatte eben zwei überzeugende Argumente.«
Sie hatten gerade fertig gegessen und sich einen Kaffee bestellt, als ein großer, muskulöser Mann, der das Haar kurz und mit einem Seitenscheitel trug, hinter Sabine an ihren Tisch trat. Winter seufzte und machte eine Kopfbewegung zu ihm hin. Sabine drehte sich um und runzelte die Stirn, als sie Brunner, ihren Partner bei der Kriminalpolizei Bremen, erkannte.
»Sabine«, sagte Brunner, »Herr Winter«, nickte er ihm kurz zu.
Winter erwiderte den Gruß stumm.
»Ich muss dich leider entführen. Wir haben einen Notfall.«
»Kann das nicht noch zehn Minuten warten? Wir haben gerade den Kaffee bestellt«, sagte Sabine verärgert, doch ihr Tonfall verriet, dass sie die Antwort bereits kannte.
Brunner schüttelte denn auch nur den Kopf.
»Was denn für ein Notfall?«, erkundigte sich Winter ungeniert, obschon er wusste, dass ihm Brunner wohl kaum Auskunft darüber erteilen würde.
»Das darf ich leider nicht sagen«, bestätigte der Kommissar Winters Vermutung.
»Tut mir leid, Richard«, sagte Sabine, zog ihr Portemonnaie hervor und stand auf. Winter winkte ab.
»Nicht nötig. Du bist eingeladen.«
Sabine hielt inne und sah ihn überrascht an.
»Wirklich? Dann muss deine Detektei ja wirklich gut laufen. Danke! Ich melde mich.«
Kurz nachdem sie gegangen waren, kamen die beiden Kaffees. Winter nahm den ersten in Angriff und schlürfte an dem heißen Getränk. Gedankenverloren zückte er sein Smartphone und wollte die neusten News durchgehen, als er die Meldung über die verpassten Anrufe auf dem Display sah. Er seufzte und rief die Nummer zurück.
»Herr Winter? Vielen Dank, dass Sie zurückrufen! Mein Name ist Felix Krause, ich bin der Bürgermeister von Dorum.«
»Freut mich, Herr Krause.« ›Der Bürgermeister von …?‹ Winter hatte die Ortschaft schon wieder vergessen. Was wollte ein Bürgermeister von ihm?
»Ganz meinerseits. Hören Sie, Herr Winter, laut meinen Informationen sind Sie Privatdetektiv, ist das richtig?«
»Das stimmt, ja.«
»Und Sie sind der Richard Winter, der kürzlich den Spieluhr-Serienmordfall gelöst hat?«
»Ja …?«
»Ich würde gerne Ihre Dienste in Anspruch nehmen, Herr Winter. Sind Sie zurzeit frei oder arbeiten Sie an einem Fall?«
»Ich … Nein, zurzeit bin ich frei.«
»Gut, dann kommen Sie doch morgen gegen vierzehn Uhr zum Rathaus an der Westerbüttel dreizehn in Dorum, ja?«
»Moment … Worum geht’s denn überhaupt?«
»Das kann ich Ihnen leider nicht am Telefon sagen, Herr Winter. Nur so viel: Ich suche jemanden mit genau Ihren Fähigkeiten und ich bezahle gut. Sind Sie interessiert?«
»Definieren Sie gut.«
Krause lachte verhalten.
»Nun … ehrlich gesagt, habe ich mir noch keine Gedanken über konkrete Zahlen gemacht. Aber ich bin mir sicher, wir werden uns einig.«
»Und von welchen Fähigkeiten haben Sie zuvor gesprochen?«
»Nun, die Mischung aus Ihren kriminalistischen sowie Ihren paranormalen Erfahrungen.«
Winter schluckte und überlegte. Das Ganze versprach, interessant zu werden, und was hatte er schon zu verlieren?
»Ich werde morgen vorbeikommen und mir anhören, worum’s geht, Herr Krause.«
»Wunderbar. Vielen Dank und bis morgen, Herr Winter!«
Winter nahm das Telefon vom Ohr und legte es vor sich auf den Tisch. Dann nahm er einen tiefen Schluck vom Kaffee und lehnte sich entspannt zurück.
Ich bezahle gut.
So ließ sich’s leben.
Als Winter mit seinem Auto die kreisfreie Stadt Bremerhaven passierte und weiter nördlich in den Landkreis Cuxhaven hineinfuhr, wurde das Land immer flacher. Je mehr er sich von der Stadt entfernte, desto mehr Äcker und Felder zogen zu beiden Seiten vorbei.
Ein Wegweiser mit der Aufschrift »Dorumer Moor« zeigte ihm bald an, dass er seinem Reiseziel immer näher kam. Nach einer guten Stunde Autofahrt, seit er am frühen Morgen in Bremen losgefahren war, ließ er schließlich auch das Ortsschild von Dorum hinter sich und parkte seinen Wagen vor dem Rathaus. Dieses war ein zweistöckiges, rotes Ziegelsteingebäude mit großen Bogenfenstern, das auf Winter abweisend wie ein altes Amtsgebäude wirkte.
Er betrat das Gebäude durch die große Eingangstüre, die ebenfalls in einen Bogen eingepasst war. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, von dem zwei Türen abzweigten und der in der rechten Ecke mit drei schlichten Stühlen ausgestattet war. Linkerhand befand sich ein Tresen, der oben mit einem undurchsichtigen Schiebeglas versehen war, vor dem eine Klingel stand. Winter betätigte sie und kurz darauf wurde das Glas zur Seite geschoben und eine Dame mittleren Alters mit kurzen, grauen Haaren und einer Brille fragte ihn, wie sie helfen könne.
»Ich habe einen Termin bei Herrn Krause. Richard Winter ist mein Name.«
»Ah, Sie sind das!« Das Gesicht der Dame hellte sich auf. Sie drehte sich um und rief: »Alma!« Gleich darauf erschien das Gesicht einer bedeutend jüngeren Frau mit Pferdeschwanz und einem Gebiss, das zu ihrer Frisur passte. Sie nickte ihm grüßend zu und verschwand wieder.
»Einen Moment bitte!«, sagte die Dame und schob das Glas zu. Er konnte hören, wie sie aufgeregt mit Alma zu tuscheln begann. Kurz darauf erschien sie in der Türe zu seiner Linken und bedeutete ihm, ihr zu folgen. »Wir haben alle schon ganz gespannt auf Sie gewartet«, gab sie preis, als sie ihn durch den Flur zu einem kleinen Büro geleitete. »Um ehrlich zu sein haben Alma und ich über ihr Aussehen und ihr Alter gewettet.« Sie grinste entschuldigend, was ihrem Gesicht einen jugendlichen Touch verlieh, der so gar nicht zu ihrem Äußeren passte.
»Und? Wer hat gewonnen?«
»Ich. Alma meinte, Sie wären vermutlich kaum dreißig, muskulös, gut aussehend und …« Sie verstummte und sah ihn betroffen an.
»Und was war Ihre Vermutung?« Winter konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sah, wie die Frau einen Kopf kleiner zu werden schien.
»Ich … Also, ich meinte, Sie wären vermutlich eher so um die vierzig, fünfzig, vom Typ her eher ungepflegt, Dreitagebart und so …«
»Na, da bin ich ja froh, dass ich helfen konnte.«
»Ich … also, nun ja, ich … Ich lag mit dem Alter sicherlich näher als Alma und den Dreitagebart können Sie auch nicht leugnen, Herr Winter, aber keine Angst, ich finde Männer mit Dreitagebart sehr attraktiv und … also jedenfalls … Ach, vergessen Sie’s. Da wären wir. Herr Krause wird jeden Moment kommen.« Sie lächelte ihm noch einmal entschuldigend zu und ging.
›Vom Typ her eher ungepflegt?‹
Winter konnte ein Kopfschütteln nicht unterdrücken und wusste nicht so recht, ob er gekränkt oder belustigt sein sollte. Er entschied sich für Letzteres und sah sich schmunzelnd in dem Büro um. An der Wand hinter dem Schreibtisch hing ein Foto, das vier Kinder zeigte, die in Daltons-Manier hintereinanderstanden. Das hintere Kind war jeweils einen Kopf größer als das vordere. Daneben befand sich das Porträt einer geschminkten Frau mittleren Alters mit langen, schwarzen Haaren. Sie lächelte, doch ihre oberen Zähne waren leicht schief, was ihrem Lächeln etwas die Wirkung nahm. Sie hatte ein etwas zu langes Kinn und stark hervorstehende Wangenknochen. Links von Winter hing eine große Uhr an der Wand, während die rechte Seite des Büros von Regalen, die mit Aktenordnern gefüllt waren, eingenommen wurde. Der Bürotisch war bis auf einen Computer, ein Telefon, einen Notizblock und einen Kugelschreiber leer.
Es dauerte nicht lange, bis die Türe erneut aufging und ein untersetzter Mann mittleren Alters hereinkam. Er hatte kurze, graue Haare, die sich bereits weit nach hinten zurückgezogen hatten, und einen schwarz-grauen Vollbart. Die braunen Augen waren von feinen Lachfältchen umgeben und wurden von buschigen Augenbrauen umrahmt.
»Herr Winter!« Krause kam lächelnd auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Schön, dass Sie so schnell kommen konnten. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
Winter bat um ein Glas Wasser und der Bürgermeister drehte sich zu einem kleinen Teetischchen neben dem Schreibtisch, auf dem Flaschen und Gläser standen, schenkte ihm Mineralwasser ein und reichte ihm das Glas. Dann setzte er sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. Er begann mit etwas Small Talk, fragte Winter, ob er Dorum gut gefunden habe und wie die Fahrt gewesen sei, ehe er schließlich auf den Punkt kam.
»Der Grund, warum ich Sie engagieren möchte, Herr Winter, ist, wie Sie sich sicher denken können, ein … ganz besonderer.« Winter hatte das Gefühl, dass er erst etwas anderes hatte sagen wollen. »Seit drei Monaten … spukt es in unserer Gemeinde.« Krause schaute erwartungsvoll zu Winter.
Dieser lehnte sich zurück und sah Krause skeptisch an. Seine Gedanken mussten sich deutlich auf seinem Gesicht widergespiegelt haben, denn Herr Krause hob beschwichtigend die Hände.
»Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen, Herr Winter. Vermutlich haben Sie seit dem Spieluhr-Serienmordfall dutzende Aufträge von irgendwelchen Spinnern gekriegt, die meinen, bei ihnen würde es spuken, aber in diesem Falle … Ich muss Ihnen gestehen, dass ich selbst bis vor Kurzem nicht an Geister geglaubt habe, aber was im Moment in unserer Gemeinde abgeht, hat mein Weltbild von Grund auf erschüttert.«
»Sie haben Recht, Herr Krause«, antwortete Winter lächelnd, »tatsächlich kriege ich in jüngster Zeit haufenweise Ghostbuster-Aufträge, die sich als Irrtümer herausstellen, doch in jedem Fall nehme ich mir die Zeit, den Klienten anzuhören und die Sache zu prüfen, ehe ich urteile.«
»Sie wissen gar nicht, wie froh ich bin, das zu hören. Ich habe mir ja halbwegs schon ausgemalt, dass Sie mich als Spinner bezeichnen und mir davonlaufen würden, wenn ich die Wörter Geist oder spuken in den Mund nähme.« Krause atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand über den fast kahlen Schädel, ehe er fortfuhr. »Es geschieht immer bei Vollmond und nur in der Hagenorder Straße.«
»Und wie manifestiert sich der Spuk?«
»Die Einwohner hören in der Nacht seltsame Geräusche. Als ob jemand mit einer Metallstange an die Fenster ihrer Häuser klopfen würde. Wenn sie nachsehen, finden sie blutige Handabdrücke an den Fenstern und …« Krause brach ab, suchte sichtlich nach Worten.
»Und …?«
»Am Morgen darauf wurde jeweils eine Leiche vorgefunden. Die Toten sahen schrecklich malträtiert aus, als ob sie … als ob sie mit einer Metallstange zu Tode geprügelt worden wären.« Krause war sichtlich erleichtert darüber, es endlich ausgesprochen zu haben, und sah Winter erwartungsvoll an.
»Das …« Winter war selbst etwas sprachlos. »Das klingt tatsächlich sehr beunruhigend. Was sagen die Gerichtsmediziner über die Todesursache?«
»Zu Tode geprügelt. Mit einem stumpfen, metallenen Gegenstand.«
Winter seufzte. »Und was meint die Polizei dazu?«
»Die ist ratlos. Deshalb wende ich mich ja auch an Sie!«
»Und weshalb glauben Sie, dass es sich beim Täter um einen Geist handelt? Könnte es denn nicht auch einfach ein geisteskranker Mörder sein, der Ihr Dorf terrorisiert?«
Krause ließ sich mit der Antwort Zeit. Als er schließlich antwortete, zitterte seine Stimme. »Ich habe mit den Leuten gesprochen, die in der betroffenen Straße leben. Sie sagen alle dasselbe: Sie hörten ein Geräusch und standen auf, um nachzusehen, was es verursachte. Sie fanden die blutigen Male, doch es war niemand zu sehen, und es geschah bei allen Betroffenen um dieselbe Zeit – kurz nach Mitternacht. Wie könnte jemand, und sei er noch so geistesgestört, gleichzeitig an über einem Dutzend Orten sein?«
Winter nickte nachdenklich. »Polylokation.«
»Was?«
»Das nennt sich Polylokation – die Fähigkeit einer Person, gleichzeitig an mehreren Orten zu sein. Es gibt Geschichten über Heilige, die die Gabe der Bilokation besaßen, also die Fähigkeit, gleichzeitig an zwei Orten zu sein. Pater Pio zum Beispiel. Er soll durch Bilokation einem Armeeoffizier das Leben gerettet haben. Als dieser sich auf dem Schlachtfeld befand, sah er einen Ordensmann, den er später als Pater Pio identifizierte. Pater Pio rief ihm zu, er solle sich von der Stelle, wo er sich gerade befand, wegbewegen. Als der Offizier auf den Ordensmann zuging, explodierte eben dort, wo er zuvor noch gestanden hatte, eine Granate. Als der Staub sich lichtete, war der Ordensmann verschwunden.«
»Aber dieser Pater Pio war ein lebender Mensch wie Sie und ich? Kein Geist?«
»Genau. Doch es gibt auch Theorien, die besagen, dass Geister ebenfalls die Fähigkeit der Bilokation oder gar der Polylokation besitzen würden. Wie oft ist das denn schon aufgetreten?«
»Drei Mal, Herr Winter. In den letzten drei Vollmondnächten. Das letzte Mal vor gut dreieinhalb Wochen.«
»Vor dreieinhalb Wochen?« Winter war einen Moment sprachlos. »Dann haben Sie sich aber ganz schön Zeit gelassen seither. Das würde ja bedeuten, dass … dass der nächste Vollmond kurz bevorsteht.«
»In fünf Tagen«, sagte Krause und sah ihn gespannt an. »Werden Sie uns helfen, Herr Winter?«
Winter verzog die Lippen und dachte nach.
›Fünf Tage, um so einen Fall zu lösen? Unmöglich. Andererseits … Wenn ein Bürgermeister ruft, das klingt zumindest nach einem seriösen Auftrag mit garantierter Bezahlung.‹ Er seufzte und nickte schließlich. »Also gut. Ich werde mal mit den Leuten reden und sehen, was ich herausfinden kann.«
»Vielen Dank! Sie wissen gar nicht, wie viel mir das bedeutet! Ich meine, die Polizei untersucht den Fall auch, aber die will natürlich nichts von einem Geist wissen. Sie sind der Einzige, mit dem ich so offen sprechen kann, und womöglich der Einzige, der mir glaubt und uns vielleicht helfen kann.«
»Wir werden sehen. Ich brauche Zugang zu allen relevanten Akten. Können Sie mir die Autopsieberichte sowie die Berichte der Polizei beschaffen?«
»Selbstverständlich – das heißt, ich werde Ihnen das nur inoffiziell zukommen lassen können. Das dann aber gleich morgen.«
Die Hagenorder Straße lag am südöstlichen Rand der 3500-Seelen-Gemeinde Dorum. Siebzehn Häuser flankierten die kleine Straße auf beiden Seiten, so dass es Winter nicht schwerfiel, das Haus von Emily Roth zu finden, der Witwe des vor fast drei Monaten ermordeten Lukas Roth. Es war ein – für diese Gegend typisches – aus roten Ziegelsteinen erbautes Einfamilienhaus mit kleinem Vorgarten und Veranda.
Als Winter seinen Nissan davor parkte und ausstieg, meinte er, das nur fünf Kilometer entfernte Meer riechen zu können. Er wusste nicht, ob er es sich einbildete, aber da war ein leicht salziger Geruch in der Luft, der ihn beinahe in Ferienstimmung versetzte. Die Wärme des Herbsttages tat ihr Übriges dazu. Er schüttelte schmunzelnd den Kopf und führte sich wieder vor Augen, weshalb er hier war, ging auf den Eingang zu und klingelte.
Etwas polterte, dann hörte er kreischende Kinderstimmen und schließlich wurde die Türe unsanft aufgerissen. Ein vielleicht vierjähriger Knabe, dem die blonden Haare bis in die Augen fielen, und ein halb so altes Mädchen mit dunklem, lockigem Haar standen dahinter und hatten sich offenbar darum gestritten, wer die Türe hatte aufmachen dürfen, denn die Kleine weinte und schlug mit ihren winzigen Fäustchen auf ihren großen Bruder ein.
»Finn!«, hörte er eine Frau rufen, »ich sagte doch, du sollst sie die Türe aufmachen lassen!«
»Hallo«, sagte der Junge und sah mit zusammengekniffenen Augen misstrauisch zu Winter hoch.
»Hallo Finn«, sagte Winter lächelnd, »tolles T-Shirt!« Er zeigte auf den Tyrannosaurus-Rex, der auf Finns Brust gierig den Rachen aufriss.
»Das ist ein Tylannosaulus-Lex«, sagte Finn wichtigtuerisch.
»Wer ist …?«, hörte Winter die Frau sagen, dann erschien sie hinter ihren beiden Kindern, einen Säugling auf dem Arm. Sie hatte lange, fettige Haare, die dunkelrot gefärbt waren. Am Ansatz erkannte man jedoch das natürliche Blond, das langsam wieder zum Vorschein kam. Ihrem Körper sah man die zurückliegende Schwangerschaft noch deutlich an.
»Guten Tag, Frau Roth«, sagte er, »ich bin Richard Winter. Ich bin auf Geheiß ihres Bürgermeisters, Herrn Krause, hier. Er bat mich, die mysteriösen Umstände, die zum … zum Verschwinden ihres … Gatten geführt haben, zu untersuchen. Dürfte ich Ihnen diesbezüglich ein paar Fragen stellen?«
Frau Roth verdrehte genervt die Augen und Winter sah, dass sie nach einer Ausrede suchte, um ihn abzuweisen.
»Das ist leider kein guter Zeitpunkt«, sagte sie und deutete mit einem Nicken auf den Säugling in ihrem Arm, »ich muss ihn gleich stillen, zudem war die Polizei schon mehrmals hier und hat alles, was ich gesagt habe, aufgeschrieben. Sehen Sie doch einfach die Protokolle der Vernehmungen durch. Danke.« Sie streckte ihre freie Hand nach dem Türgriff aus, doch Winter machte wie zufällig einen halben Schritt nach vorne und platzierte seinen rechten Fuß im Türrahmen.
»Bitte, Frau Roth, es dauert auch nicht lange. Wissen Sie, der Polizei fehlt es manchmal etwas an … Feingefühl und Vorstellungsvermögen, um die … richtigen Fragen zu stellen. Darf ich?« Er deutete mit dem Kopf ins Innere.
Frau Roth kniff die Augen zusammen, ganz so, wie zuvor ihr Sohn Finn. Ihr Blick fuhr hinab zu seinem Fuß, der den Türrahmen blockierte und dann wieder hoch zu seinem Gesicht.
»Und was sind Sie dann, wenn Sie kein Polizist sind?«
»Ich bin Privatdetektiv, Frau Roth. Vielleicht haben Sie vom Harlekin gehört? Der Fall hat kürzlich in Bremen für Furore gesorgt und ich …«
»Harlekin? Nie gehört. Was soll das sein?«, unterbrach sie ihn unfreundlich.
»Willst du meine Dinosammlung sehen?«, fragte Finn, was ihm einen weiteren ärgerlichen Blick seiner Mutter einbrachte.
»Liebend gerne«, antwortete Winter, »ich liebe Dinos! Hast du den Parasaurolophus? Der mit dem …«
»Mit dem Holn auf dem Kopf?« Der Junge nickte eifrig, fuhr auf dem Absatz herum und sauste davon.
»Dino-Sammlung«, sagte das kleine Mädchen bedeutungsvoll und folgte ihrem Bruder.
Die Mutter seufzte, gab schließlich den Weg frei und bedeutete ihm einzutreten.
»Na schön, aber fassen Sie sich kurz.«
Sie ging ihm voraus ins Wohnzimmer und setzte sich auf eine abgewetzte Couch. Sofort sprangen ihr zwei Katzen auf den Schoss und schmiegten sich an den Säugling. Frau Roth verjagte sie, schob ihre Bluse auf der rechten Seite hoch und setzte den Säugling ungeniert an ihre Brust. Winter wandte peinlich berührt den Blick ab und musterte das Wohnzimmer. Am Boden lagen allerlei Spielsachen herum: Puppen, Autos, Bauklötze, Playmobil-Figuren und Tiere. In der offenen Wohnküche stapelte sich das Geschirr und der Esstisch war noch nicht abgeräumt. Die Frau war offensichtlich mit der plötzlichen Situation, alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern zu sein, überfordert und mit einem Mal tat sie Winter leid.
»Also?«, riss sie ihn ungeduldig aus seinen Gedanken. »Was wollen Sie wissen?«
»Ja, also, ich … ähm …« Er sah sie an und sein Blick schweifte ungewollt zu ihrer rechten entblößten Brust, an welcher der Säugling wie ein überdimensionierter Putzerfisch klebte und saugte. Winter war plötzlich sehr froh, dass der Kleine die Brust fast zur Gänze verdeckte. Er zwang sich, den Blick wieder zu heben und der Frau in die Augen zu schauen, was gar nicht so einfach war. ›Denk nicht an einen Elefanten‹, ging es ihm durch den Kopf und sein Blick glitt schon wieder nach unten und … Er räusperte sich und sah wieder hoch.
»Also, Frau Roth, erst einmal möchte ich Ihnen mein herzlichstes Beileid für Ihren Verlust aussprechen. Was Sie erleben mussten, tut mir wirklich ausgesprochen leid.«
Frau Roth nickte und wandte den Blick ab. Sie fuhr sich mit der freien Hand über die Augen, schniefte und sah dann mit wässrigen Augen wieder zu Winter hin.
»Herr Krause hat mir von den … seltsamen Vorkommnissen erzählt, die sich in den letzten drei Vollmondnächten hier in der Straße abgespielt haben«, begann Winter vorsichtig. »Könnten Sie mir vielleicht erzählen, was in der Nacht genau passiert ist, als Ihr Ehemann gestorben ist?«
»Palasaulolophus!« Finn kam triumphierend angerannt, einen Dino in den Händen und seine Schwester im Schlepptau.
»Palaofus«, brabbelte die Kleine und hielt Winter einen Brachiosaurus vor die Nase.
»Nein, das ist ein Blachiosaulus«, wies Finn sie zurecht, drückte sie weg und zeigte Winter seinen Parasaurolophus.
»Finn! Hannah! Geht in euer Zimmer, ich muss einen Moment alleine mit dem Herrn sprechen«, sagte Frau Roth.
»Aber ich will …«, begann Finn.
»Auf dein Zimmer!«, herrschte ihn seine Mutter an, »du darfst ihm den Saurier nachher zeigen.«
»Ich will aber nicht auf mein Zimmer!«
Ehe Frau Roth etwas antworten konnte, sagte Winter: »Weißt du was, Finn? Wie wäre es, wenn du mit Hannah schon mal vorgehst und alle deine Dinos in deinem Zimmer hervornimmst und sie in Reih und Glied aufstellst? Ich komme dann nach und dann kannst du mir deine Dinosammlung zeigen und mir alle Dinos mit Namen vorstellen. Was meinst du?«
Finns Augen begannen zu leuchten. »Alle Dinos?«
Winter nickte. »Alle Dinos.«
»Ja!« Finn drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte die Treppe hoch, die in den ersten Stock und vermutlich in sein Zimmer führte. Hannah folgte ihm kichernd.
»Danke«, sagte Frau Roth und seufzte, »der Junge hört einfach nicht auf mich und seit … seit Lukas’ Tod wird es nur noch schlimmer. Ich weiß bald nicht mehr, was ich noch machen soll.«
»Das tut mir leid, Frau Roth. Wie hat es sich denn nun zugetragen in jener Nacht?«
Frau Roth schluckte, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann suchte sie mit den Augen das Zimmer ab, als gäbe es irgendwo etwas, das ihr helfen könnte. Winter sah sie nur schweigend an, so dass sie schließlich tief Luft holte und zu sprechen begann.
»Mein Mann ist an jenem Abend spät nach Hause gekommen. Es muss bereits nach Mitternacht gewesen sein. Ich war schon im Bett und erwachte, als er die Türe hinter sich schloss. Ich hörte, wie er in die Küche ging, wie er den Kühlschrank öffnete, wie er ihn wieder schloss, wie ein Stuhl zurückgezogen wurde und dann war da plötzlich ein anderes Geräusch, das so gar nicht dazu passte. Es … es klang, als ob jemand mit einem schweren Gegenstand gegen eine Scheibe klopfen würde, und ich fragte mich, was zur Hölle Lukas da unten trieb.« Sie verstummte und ihr Blick verlor sich irgendwo hinter Winter an der Wand.
»Was ist dann passiert?«
»Ich …«, sie schien Mühe zu haben, in die Gegenwart zurückzufinden, doch schließlich riss sie ihren Blick von der Wand hinter Winter los und sah auf den Säugling in ihren Armen herunter. »Ich war zu müde, um aufzustehen und nachzusehen. Ich dachte, Lukas käme eh jeden Moment ins Bett und würde mir dann schon erklären, was es mit diesem komischen Geräusch auf sich hatte.«
»Doch er ist nicht gekommen«, stellte Winter fest, als sie erneut innehielt.
»Nein, das ist er nicht.« Neue Tränen traten in ihre Augen. »Nach einer Weile hat das Geräusch aufgehört und ich bin wohl wieder etwas weggedämmert. Etwas später wurde ich durch Leons Geschrei geweckt«, sie deutete auf den Säugling an ihrer Brust. »Als ich aufstand, um in sein Zimmer zu gehen, merkte ich, dass Lukas immer noch nicht neben mir im Bett lag. Ich bekam es mit der Angst zu tun, und ehe ich zu Leon ging, stieg ich ins Wohnzimmer hinab und …« Sie wandte sich erneut ab. »Er lag dort am Boden«, sie deutete mit erstickter Stimme auf die Stelle zwischen Esstisch und Küche. »Es war alles voller Blut. Alles voller Blut.« Sie brach ab und schniefte erneut.
»Wann haben Sie ihn gefunden?«
»Das muss so gegen zwei Uhr in der Früh gewesen sein«, sagte sie leise, den Blick wieder in die Ferne gerichtet.
»Irgendwelche Einbruchspuren?«
Sie schüttelte den Kopf. »Alles war verschlossen, als ob er sich selbst … Aber das ist unmöglich.«
»Ist Ihnen in dieser Nacht sonst noch etwas Seltsames aufgefallen?«
Sie lachte. Beinahe hysterisch. »Sie meinen außer Lukas’ Leiche im Wohnzimmer?«
»Bitte. Ich weiß, ich mute Ihnen viel zu, aber es sind die Details, die uns weiterführen werden.«
Sie atmete ein paar Mal tief durch, nickte und sagte schließlich: »Da waren blutige Handabdrücke auf der Außenseite der Fenster.«
Winter stutzte. »Handabdrücke? Auf der Außenseite? Dann … dann kennt die Polizei vielleicht schon die Identität des Täters … Die haben sie doch gewiss analysiert und …«
Frau Roth schüttelte traurig den Kopf. »Keinerlei Übereinstimmung. Die wissen nichts. Sie haben gesagt, dass es keine brauchbaren Spuren gäbe – dabei war doch alles voll damit! Als ob …« Sie biss sich auf die Lippen und brach ab.
»Als ob …?«
»Als ob es sich um einen Geist gehandelt hätte.«
Nun war es raus. Winter spürte die Erleichterung der Frau beinahe körperlich. Dennoch sah sie ihn herausfordernd an, wartete wohl auf eine zynische Antwort seinerseits.
»Haben Sie von so etwas schon mal gehört? Ich meine, aus der Gegend hier? Gab es vielleicht früher mal seltsame Vorfälle oder unerklärliche Vorkommnisse?«
Sie sah ihn irritiert an, sichtlich überrascht, dass er nicht spöttisch auf ihre Geistertheorie reagiert hatte.
»Nein, nein, ich habe nie zuvor von so was gehört.«
»Ist in Ihrer Familie, in diesem Haus oder in dieser Straße irgendwann einmal ein Gewaltverbrechen geschehen?«
Frau Roth erstarrte. »Ein … Gewaltverbrechen?«, echote sie. »Sie meinen …«
»Mord zum Beispiel, ja. Sie kennen doch die Geschichten, in denen die Seelen von Mordopfern nicht eher zur Ruhe kommen, bis ihren Mördern Gerechtigkeit widerfahren ist?«
»Geschichten, ja, aber … das sind doch nur Märchen, ich meine …«
»An manchen Geschichten ist mehr dran, als man sich vorzustellen vermag«, sagte Winter. »Hat es denn hier ein Gewaltverbrechen gegeben?«
Frau Roth schüttelte den Kopf, zuckte aber gleich darauf mit den Schultern. »Zumindest nicht, soweit ich wüsste. Aber wir sind auch erst letztes Jahr hierher gezogen. Sie denken also, es könnte wirklich ein Geist gewesen sein? Ich meine, ich habe nie an Geister geglaubt, aber seit mein Mann gestorben ist …«
»Hatte er Feinde, Ihr Mann?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Können Sie mir die Stelle zeigen, wo die Handabdrücke zu sehen waren?«
Frau Roth nickte und zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf das mittlere Fenster hinter dem Esstisch. Winter erhob sich, durchschritt die Wohnstube und besah sich das Fenster. Natürlich waren die Spuren längst verschwunden und alles, was er sah, war ein dreckiges, von den Abdrücken von Kinderhänden verschmiertes Fenster. Er drehte sich wieder zu Frau Roth um.
»Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und Offenheit, Frau Roth. Können Sie mir zeigen, wo Herr Klein wohnt?«
Frau Roths Gesicht verdüsterte sich. »Das letzte Haus der Straße, auf der linken Seite, aber den Gang dorthin können Sie sich sparen.«
»Wieso?«
»Erstens wird Markus nicht mit Ihnen sprechen und zweitens wird er Ihnen nichts Neues erzählen können. Er hat genau das Gleiche erlebt wie ich.«
»Ach ja? Nun, ich werde mein Glück dennoch versuchen. Sagen Sie, haben Sie in der Nacht, in der Frau Klein ermordet wurde, ebenfalls klopfende Geräusche gehört?«
Frau Roth nickte schwach. »Als ich die Geräusche hörte – dieselben Geräusche, die einen Monat zuvor, als mein Mann gestorben war, erklungen waren – verfiel ich in Panik. Ich packte meine Kinder und verbarrikadierte mich mit ihnen in meinem Schlafzimmer, bis es vorbei war.«
»Und dann?«
