Der Kaiser - Geoffrey Parker - E-Book

Der Kaiser E-Book

Geoffrey Parker

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Beschreibung

Karl V. (1500-1558) ist eine überwältigende Gestalt der Geschichte: Rund 100.000 Dokumente in sechs Sprachen sind eigenhändig von ihm unterschrieben erhalten, er herrschte über Spanien, Deutschland, die Niederlande, halb Italien und große Teile Mittel- und Südamerikas, kein Fürst vor und nach ihm sollte mehr Titel auf sich vereinen. Wer war dieser Kaiser, in dessen Reich die »Sonne nicht unterging«? Der Ausnahmehistoriker Geoffrey Parker nähert sich dem Kaiser multiperspektivisch und macht deutlich, dass ihm nur gerecht wird, wer mehrere Figuren hinter seiner Person zeigt. So zeichnet er das Portrait des multikulturellen Fürsten als jungem Mann, des Kaisers als Idealausprägung des Renaissance-Fürsten, des vielfachen Königs und Herrschers Europas und darüber hinaus des Kaisers als Mythos und legendäre Gestalt. Mit stupender Quellenkenntnis und gewaltiger erzählerischer Kraft entsteht so die packende Biographie eines übermächtigen Herrschers und das Standardwerk zu Karl V.

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EPUB

Seitenzahl: 2021

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

Emperor. A New Life of Charles V bei Yale University Press.

Copyright © 2019 by Noel Geoffrey Parker

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

wbg THEISS ist ein Imprint der wbg.

© 2020 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Lektorat: Daphne Schadewaldt, Wiesbaden

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Printed in Germany

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-4008-5

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-4009-2

eBook (epub): ISBN 978-3-8062-4010-8

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Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhalt

Vorwort

Vorbemerkung zu Orts- und Personennamen

TEIL IDer junge Karl

1 Vom Herzog von Luxemburg zum Infanten von Kastilien (1500–1508)

2 Ein Prinz als Waisenknabe (1509–1514)

3 Ein schwieriges Erbe (1515–1517)

Porträt des Kaisers als junger Mann

TEIL IISpiel der Throne

4 Vom König von Spanien zum rex Romanorum (1517–1519)

5 Vom Frieden über Aufruhr zum Krieg (1519–1521)

6 Dem Fiasko von der Schippe (1521–1525)

7 Ein ungenutzter Sieg (1525–1528)

8 Der Held der westlichen Welt (1528–1531)

Porträt des Kaisers als Renaissancefürst

TEIL III»Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang«

9 Der letzte Kreuzfahrer (1532–1536)

10 Jahre der Niederlage (1536–1541)

11 Offene Rechnungen I: Geldern und Frankreich (1541–1544)

12 Offene Rechnungen II: Deutschland und Italien (1545–1548)

13 Die Zähmung Amerikas

Porträt des Kaisers in seinen besten Jahren

TEIL IVNiedergang

14 Paterfamilias (1548–1551)

15 Die letzten Feldzüge des Kaisers (1551–1554)

16 Rastloser Ruhestand (1555–1558)

17 Der Kaiser in Legende und Geschichte

Epilog: Die Bilanz der Herrschaft

Anhänge

Anhang I: Die Memoiren des Kaisers

Anhang II: Das Nachleben des Körpers Karls V.

Anhang III: Die letzten Instruktionen an Philipp II.

Anhang IV: »Infantin Isabella von Kastilien, Tochter Seiner Majestät des Kaisers«

Dank

Chronologie

Abkürzungen

Hinweise zu Datierung und Zitaten

Hinweise zu den Quellen

Anmerkungen

Literatur

Verzeichnis der Karten, Tafeln und Abbildungen

Personenregister

Vorwort

Braucht die Welt tatsächlich noch ein weiteres Buch über Karl V., den Herrscher über ein Reich, das in Europa das heutige Spanien, Deutschland, die Niederlande und halb Italien umfasste und darüber hinaus weite Teile Mittel- und Südamerikas? Schließlich hat schon der Kaiser selbst seine Lebenserinnerungen niedergeschrieben, sind seitdem Hunderte von Biografien in Dutzenden Sprachen über ihn erschienen und führt der Online-Katalog WorldCat allein für das aktuelle Jahrhundert mehr als 500 Bücher auf, die Karl V. im Titel tragen. Dennoch gilt auch hier: Kein Werk ist je perfekt. Der Kaiser verfasste seine triumphalistische Autobiografie im Jahr 1550 auf dem Höhepunkt seiner Macht und manche der späteren »Lebensbilder« sind erkennbar parteiisch (noch im 19. und 20. Jahrhundert haben einige Biografen die Leistungen des Kaisers vor den Karren ihrer eigenen ideologischen Ziele gespannt).

Karls moderne Biografen gehören in der Regel einem von zwei Lagern an: Die einen beklagen sich, der Gegenstand ihrer Forschungen habe nicht genügend Aufzeichnungen hinterlassen, als dass sich ein ordentliches Porträt rekonstruieren ließe – die anderen behaupten, es gebe ganz im Gegenteil viel zu viel Material. So hat etwa der Historiker Scott Dixon, der dem erstgenannten Lager zuzuzählen ist, im Jahr 2003 erklärt, Karl V. habe uns »in den Akten nur wenige Hinweise darauf hinterlassen, wie er denn nun eigentlich gewesen ist … Unter den vielen Tausend Briefen, die über sein Pult gingen, gibt es nur eine Handvoll, in denen persönliche Details zur Sprache kommen«. Im Jahr darauf äußerte sich Harald Kleinschmidt ganz ähnlich: »Es gibt eine Fülle von Dokumenten, die Karls Namen tragen. Die meisten davon hat der Kaiser jedoch nie zu Gesicht bekommen. Und unter der Minderheit von Briefen, die er eigenhändig verfasst hat, gibt es durchaus solche, die nicht Karls eigene Ansichten widerspiegeln, sondern vielmehr die seiner Ratgeber.«1

Karl Brandi, der eine große, zweibändige Biografie über den Kaiser verfasst hat, gehörte zum anderen Lager: »Wiederum auf Jahrhunderte«, schrieb Brandi im Jahr 1937, »kennen wir kaum einen Fürsten, von dem so viele und so intime eigenhändige Dokumente vorliegen.« Nur wenige Jahre darauf ging Federico Chabod sogar noch weiter, indem er kurzerhand erklärte, uns habe »kein anderer Herrscher in der Geschichte so viele eigenhändig verfasste Schriftstücke hinterlassen wie Karl V.«. Und 1966 argumentierte Fernand Braudel, früheren Historikern sei vor allem deshalb noch keine überzeugende Rekonstruktion von Karls »Denken, seinem Temperament und Charakter« gelungen, weil die überlieferten Quellen schlicht zu zahlreich seien. »Inmitten dieses Papierwusts nach der Persönlichkeit des Kaisers suchen«, resümiert er, komme der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen gleich. Braudels belgischer Kollege Wim Blockmans pflichtete dem 2002 bei: »Die Fülle des Quellenmaterials ist derart gewaltig, dass man es unmöglich ganz zur Kenntnis nehmen kann.«2

Wirklich unmöglich? Sicher, der Umfang der Überlieferung ist tatsächlich gewaltig. Seinen ersten Brief unterzeichnete der spätere Kaiser im Alter von gerade einmal vier Jahren (Abb. 2), und bis zu seinem Tod sollten mehr als 100 000 weitere Dokumente in niederländischer, französischer, deutscher, italienischer, lateinischer oder spanischer Sprache folgen, die Karl mit seiner Unterschrift versah und bisweilen noch um ein Postskriptum von eigener Hand ergänzte. Allein jene Schreiben, die er komplett eigenhändig verfasste (meist auf Französisch oder Spanisch, manchmal auch auf Deutsch), füllen viele Tausend Seiten im großen Folioformat. Sein Briefausstoß liegt heute in Archiven und Bibliotheken über ganz Europa verstreut, was sich nicht zuletzt darauf zurückführen lässt, dass er so viel unterwegs war: Beinahe die Hälfte seines Lebens, mehr als 10 000 Tage, verbrachte er in den Niederlanden und beinahe ein Drittel (mehr als 6500 Tage) in Spanien; aber er verbrachte auch mehr als 3000 Tage in Deutschland und beinahe 1000 in Italien. Frankreich besuchte er viermal (für insgesamt 195 Tage), Nordafrika und England je zweimal (für 99 beziehungsweise 44 Tage). Und so gut wie überall, wo er hinkam, hinterließ er eine Spur aus Papier und Pergament. Allein während der 260 Tage, die Karl auf seinen Reisen von einem Herrschaftsgebiet ins nächste auf hoher See verbrachte, entzieht er sich der Neugier der Historiker.3

Obwohl er niemals den Atlantik überquerte, hat Karl V. auch in seinen amerikanischen Herrschaftsgebieten eine Dokumentenspur hinterlassen. Allein in den Jahren 1542 und 1543 erließ der Vizekönig von Mexiko fast 1500 Dekrete in Karls Namen, viele davon auf direkte kaiserliche Anordnung. Einige dieser Erlasse (cédulas reales) bildeten die rechtliche Grundlage für neu angelegte aztekische Siedlungen (altepetl), was sie im Laufe der Zeit als wertvolle Gründungsurkunden, von denen bis in die 1990er-Jahre hinein Abschriften erstellt wurden, geradezu ikonisch werden ließ. Und da außerdem »in der Welt des prähispanischen Mexiko die Gründung der diversen altepetl nach dem Willen und unter dem Schutz der Götter stattfand«, wurde Karl in manchen dieser Gemeinwesen schon bald wie ein Gott verehrt.4

Der Kaiser selbst strebte auf konventionelleren Wegen nach Unsterblichkeit: Er saß für Porträtgemälde Modell, gab Geschichts- und Kunstwerke in Auftrag, ließ Paläste errichten und spielte in großen Propagandaspektakeln die Rolle des glanzvollen Herrschers (besonders bei den zeremoniellen »Einzügen« in diverse Städte: Abb. 7). Massenhaft wurde das Konterfei des Kaisers auf Münzen, Medaillen und Keramik unters Volk gebracht, ja sogar auf Damespielsteinen (Abb. 30) und natürlich in Büchern und auf Flugblättern. Musiker komponierten Werke, um Karls Erfolge zu verherrlichen (den Sieg in der Schlacht bei Pavia beispielsweise oder seine Kaiserkrönung), manchmal aber auch, um Rückschläge zu verklären (etwa den Tod seiner Ehefrau). Eine international besetzte Heerschar von Dichtern, Malern, Bildhauern, Glasern, Druckern, Webern, Gold- und Waffenschmieden, Edelsteinschneidern, Geschichtsschreibern und Sekretären bemühte sich nach Kräften, dem offiziell gewünschten Image des Kaisers Geltung zu verschaffen. Karl V. folgte dem Rat aus Baldassare Castigliones einflussreichem Brevier über höfische Umgangsformen, Il Libro del Cortegiano (»Das Buch vom Hofmann«), einem seiner Lieblingsbücher überhaupt, das erschienen war, als sein Verfasser als Gesandter am Kaiserhof weilte, und das auf Karls Anweisung hin ins Spanische übersetzt wurde: Egal was der Kaiser tat – ob gehen, reiten, streiten, tanzen oder sprechen –, er behielt dabei mit einem Auge stets sein Publikum im Blick.5 Er wäre entsetzt gewesen, zu erfahren, dass im 19. Jahrhundert eine spanische Regierung sein Grab öffnen und seine mumifizierten Überreste als Touristenattraktion ausstellen würde – und dass manche Besucher Zeichnungen anfertigten, während andere die kaiserlichen Gebeine fotografierten (Abb. 39). Einem Besucher gelang es durch Bestechung eines Wärters sogar, eine kaiserliche Fingerspitze abzutrennen und als Souvenir mitzunehmen – dieser Vandalismus sollte sich später als ein Glücksfall für die Forschung herausstellen, denn die gerichtsmedizinische Untersuchung des abgetrennten Fingerglieds, das inzwischen in einem speziellen Behälter verwahrt wurde, lieferte zwei substanzielle medizinische Befunde: Karl V. hatte tatsächlich an chronischer Gicht gelitten (wie er oft beklagte); und er war vergleichsweise schnell gestorben, nämlich an einem schweren Fall von Malaria (Anhang II).

»Arma virumque cano« (»Waffentat künde ich und den Mann«): Heinrich Lutz hat diese Eröffnungsworte von Vergils Aeneis – einem Text, mit dem Karl vertraut war – in einem wichtigen Aufsatz zitiert, in dem er sich mit den zahlreichen Tücken beschäftigt, mit denen sich jeder angehende Biograf Karls V. auseinandersetzen muss. Lutz wollte damit unterstreichen, dass eine Biografie des Kaisers sich auf jene Aspekte zu konzentrieren habe, die Karls Zeit, Energie und Ressourcen maßgeblich in Anspruch nahmen. Vor allem anderen war das der Krieg und die Vorbereitung desselben – nicht nur, weil Feindseligkeiten einen so großen Teil seiner Regierungszeit ausfüllten, sondern auch, weil der Kaiser gemäß dem Eindruck seiner Zeitgenossen »am glücklichsten auf dem Feldzug und bei seinem Heer« war. Lutz argumentierte, dass andere historische Entwicklungen, ja selbst Renaissance und Reformation, in einer Biografie Karls V. nur insoweit auftauchen sollten, als sie für Karl selbst von Bedeutung schienen, und dass sie stets gleichsam mit seinen Augen betrachtet werden sollten.6

Diese mahnenden Worte von Heinrich Lutz im Sinn bemüht sich die vorliegende Biografie darum, mithilfe der verfügbaren Quellen – von Schriftstücken bis hin zu Fingerstücken – drei zentrale Fragen zu beleuchten:

−Wie fällte Karl jene weitreichenden Entscheidungen, die das erste und langlebigste transatlantische Großreich der Geschichte erschufen, erhielten und erweiterten?

−Waren es strukturelle Mängel oder persönliche Unzulänglichkeiten, aus denen Karls politische Versäumnisse erwuchsen? Wäre ein Monarch mit größerem politischen Geschick womöglich erfolgreicher gewesen? Oder hatten die Umstände ein Weltreich entstehen lassen, dessen Größe ihm schließlich selbst zur Last wurde? Im Jargon unserer Gegenwart gesprochen: War es der Kaiser als Akteur oder waren es die Strukturen, in denen er agierte, die am Ende dazu führten, dass Karl sein Reich nicht unversehrt weitergeben konnte?

−Was war es, das Karls Wesen recht eigentlich kennzeichnete? Gleich zu Beginn seiner Reflexionen über eines der größten Vorbilder Karls, Alexander den Großen, schreibt Plutarch (einer von Karls Lieblingsautoren): »Hervorragende Tüchtigkeit oder Verworfenheit offenbart sich nicht durchaus in den aufsehenerregendsten Taten, sondern oft wirft ein geringfügiger Vorgang, ein Wort oder ein Scherz ein bezeichnenderes Licht auf einen Charakter als Schlachten mit Tausenden von Toten und die größten Heeresaufgebote und Belagerungen von Städten.« Auch die vorliegende Biografie schöpft aus vielen solchen spontanen, aber umso aufschlussreicheren Episoden.7

Das verfügbare Quellenmaterial ist zwangsläufig ungleich verteilt. Wie jeder andere Mensch auch hat Karl V. gegessen und getrunken, hat geschlafen und ist anderen körperlichen Bedürfnissen nachgekommen – Tag für Tag. Aber aus den Quellen erfahren wir davon nur, wenn diese Dinge einmal problematisch wurden (wenn der Kaiser von Schlaflosigkeit geplagt wurde; wenn er sich übergeben musste; wenn er »heißen Seich« absonderte; wenn seine Hämorrhoiden ihn »heulen ließen wie ein Wickelkind«). Auch verbrachte Karl einen gewissen Teil des Tages im Gebet, hörte regelmäßig die heilige Messe und zog sich jedes Jahr zur Karwoche in ein Kloster zurück, wo er sich strikt weigerte, Regierungsgeschäfte zu tätigen. Aber als Historiker haben wir nicht die leiseste Ahnung, was der Kaiser in seiner Zeit der Abgeschiedenheit stattdessen tat – wenn nicht gerade etwas Außergewöhnliches vorfiel (er etwa beim Gottesdienstbesuch ohnmächtig wurde und über eine Stunde lang bewusstlos blieb oder er sich zu ungewohnter Zeit, etwa kurz vor oder nach dem Fällen einer wichtigen Entscheidung, zum Gebet zurückzog oder die Beichte ablegte).

Außerdem waren, wie Karl in den vertraulichen Instruktionen beklagte, die er 1543 für seinen Sohn und Erben Philipp verfasste, manche politischen Entscheidungen »derart undurchschaubar und ungewiss, dass ich nicht weiß, wie ich es Euch überhaupt erklären soll«, da sie »voller Wirrungen und Widersprüche stecken«.8 Aber zumindest einmal hat der Kaiser wohl doch versucht, alles in schonungsloser Klarheit darzustellen. Jedenfalls vertraute im November 1552 Karls Kammerherr Guillaume van Male einem Kollegen an, der Kaiser habe ihm gerade befohlen,

»die Türen zu seinen Gemächern zu verschließen, und nahm mir dann das Versprechen ab, über das, was er mir nun sagen wolle, äußerstes Stillschweigen zu bewahren … Er hielt nichts zurück, und was ich zu hören bekam, verschlug mir die Sprache. Selbst jetzt noch überläuft mich ein Schauder, wenn ich daran denke, und eher würde ich sterben, denn einem anderen als dir davon zu erzählen. Jetzt kann ich offen schreiben, denn der Kaiser schläft, die Nacht ist tief und alle anderen haben sich bereits zurückgezogen.«

»Lange werde ich brauchen«, fährt van Male verheißungsvoll fort, »um dir sämtliche Einzelheiten zu berichten«, denn »der Kaiser hat mir alles anvertraut, was in seinem Leben je geschehen ist«. Er habe ihm »sogar ein handschriftliches Papier gegeben, in dem alle seine früheren Missetaten aufgeführt stehen«, darunter auch »viele Dinge, die er anders hätte angehen sollen – teils, weil er etwas zu tun versäumt hatte, teils, weil er später noch etwas ändern wollte«. Zum Leidwesen aller Historiker überkam an diesem Punkt auch Guillaume van Male die Müdigkeit und zwang ihn, die Feder beiseitezulegen. Sollte er die »sämtlichen Einzelheiten« seiner intimen Unterredung mit Karl V. zu einem späteren Zeitpunkt noch zu Papier gebracht haben, dann hat jener zweite Brief (genau wie des Kaisers handschriftliche Liste seiner Verfehlungen) die Zeitläufte nicht überdauert.9

Dennoch: Genügend Quellen haben überlebt, um in die »Wirrungen und Widersprüche« von Karls Leben zumindest einige Klarheit zu bringen. Von der überlieferten Masse seiner eigenen Korrespondenz einmal abgesehen, zog der Kaiser natürlich die Aufmerksamkeit einer großen Zahl von Zeitgenossen auf sich: Freunde wie Feinde schrieben über ihn so oft und so ausführlich wie über keine andere lebende Person – nicht einmal Martin Luther. Von seiner Geburt bis zu seiner Abdankung beäugten und berichteten die am Hof weilenden Gesandten jeden seiner Schritte, jedes Wort und jede Geste. Von größeren öffentlichen Ereignissen wie etwa Karls Kaiserkrönung in Bologna 1530 oder seiner Abdankung in Brüssel 1555 sind uns ein Dutzend oder mehr Augenzeugenberichte überliefert. War der Kaiser auf Reisen – und im Laufe seiner Regentschaft hielt er sich an über tausend Orten auf, von Wittenberg bis Sevilla und von London bis Algier (Karte 1) –, vervielfachte sich die Zahl der Berichte, sodass wir manchmal seine Bewegungen auf die Stunde genau nachvollziehen können.10 Karl war nie allein. Höflinge und Diplomaten begleiteten ihn selbst auf seinen einsamsten Reisen, etwa seinen ersten Wochen in Spanien im Jahr 1517, als er eben dabei war, sein Erbe anzutreten. Da durchquerte er das Gebirge der Picos de Europa im Norden des Landes, übernachtete in Bauernhütten neben dem Vieh und wurde am Tag von Bären bedrängt. Auch als er 1552 über die Alpen flüchtete, um einer Gefangennahme durch seine deutschen Untertanen zu entgehen, umgab ihn sein Gefolge, und noch in den entlegensten Bergdörfern beschlagnahmten Karls Lakaien »Notfallbettzeug« für das kaiserliche Nachtlager. Selbst nachdem er sich in sein Landhaus nahe dem Kloster von Yuste in der Abgeschiedenheit der Sierra de Gredos in der Estremadura zurückgezogen hatte, wurde er noch genau beobachtet: Mindestens zwei der Mönche führten ein Tagebuch, in dem ihr illustrer Gast die Hauptrolle spielte; so gut wie jeden Tag vermerkten auch seine Hofleute, was der Kaiser im Ruhestand gesagt und getan hatte; und nach seinem Tod sagten zwanzig Augen- und Ohrenzeugen unter Eid darüber aus, was sie gesehen und gehört hatten, als Karl im Sterben lag. Bizarrerweise sind die letzten Tage Karls V. wohl der am besten bekannte Abschnitt seines gesamten Lebens.

»Mein Gott, wie schreibt man eine Biographie? Sag es mir«, schrieb Virginia Woolf 1938 an ihre Freundin Vita Sackville-West (ebenfalls eine Biografin). »Wie soll man mit den Fakten umgehen – so vielen und so vielen und so vielen?«11 Vierhundert Jahre zuvor hatte der spanische Humanist Juan Páez de Castro, den Karl beauftragt hatte, »das Leben Seiner Majestät« niederzuschreiben, mit demselben Problem gerungen. Bevor er sich an die eigentliche Arbeit machte, hatte Páez de Castro ein Konzept erstellt, um dem Kaiser darzulegen, wie er mit »so vielen Fakten« umzugehen gedachte. Zunächst wies er auf seine Qualifikationen hin: Nach eigenen Angaben beherrschte er sechs Sprachen (darunter auch Chaldäisch) und besaß Kenntnisse des Rechts, der Naturkunde und der Mathematik. Da aber »das Schreiben nicht allein auf Einfallsreichtum und Erfindungskraft beruht, sondern auch auf Arbeit und Mühe, um das Material zu sammeln, über das geschrieben werden soll«, müsse ebendieses ausfindig gemacht werden. Páez de Castro beabsichtigte daher, ausnahmslos jeden Ort aufzusuchen, »der die Banner Eurer Majestät erblickt hat, um daraus den Glanz zu gewinnen, den ich für dieses Werk ersehne«. An all diesen Orten wollte er »ehrbare und gewissenhafte Leute befragen, die Inschriften auf öffentlichen Denkmälern und Grabmalen lesen, die alten Aufzeichnungen der Notare durchforsten, wo sich viele Dinge finden, die von historischem Interesse sind, und den Inhalt aller früheren Historien wiedergeben, aus alten und aus neueren Zeiten, von guten wie von schlechten Schreibern«. Schließlich »wird es notwendig sein, in zahlreichen Fragen Eure Majestät selbst zu konsultieren« mit dem Ziel, für kontroverse Entscheidungen »die Beweggründe in Erfahrung zu bringen«. Das war ein exzellentes Ansinnen, doch Karl V. starb, bevor Páez de Castro ihn konsultieren konnte; und der Autor selbst segnete ebenfalls das Zeitliche, ohne auch nur einen Teil des Werks zu vollenden.12

» In seiner Brüsseler Abdankungsrede erinnerte Karl V. seine Zuhörer 1555 daran, dass er ihretwegen vierzig »große Reisen« unternommen hatte. Er sollte noch eine weitere, seine letzte große Reise antreten, die ihn in das Kloster von Yuste in der spanischen Estremadura führte. Alles in allem war Karl V. somit der am weitesten gereiste Herrscher des frühneuzeitlichen Europa. Quelle: de Boom, »Voyage«, Faltkarte

Der vorliegende Band präsentiert das Leben Karls V. in vier chronologisch geordneten Abschnitten. Die dazwischengeschobenen kurzen »Porträts« sollen zeigen, wie Karl von seinen Zeitgenossen in entscheidenden Momenten seines Lebenswegs wahrgenommen wurde: im Jahr 1517, als er zum ersten Mal die Niederlande verließ; dann 1532 in voller Reife; schließlich 1548 auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die einzige Ausnahme von dieser Gliederung bildet ein thematisches Kapitel über »Die Zähmung Amerikas«. Als erster Europäer, der über nennenswerte Teile der beiden Amerikas herrschte, entwickelte Karl ein ausgeprägtes Interesse an diesem gewaltigen Doppelkontinent: Obgleich ihm vor allem daran gelegen war, die Ressourcen der Neuen Welt bestmöglich zur Finanzierung seiner Vorhaben in der Alten heranzuziehen, nahm der Kaiser zeit seines Lebens regen Anteil, wenn es etwa um die Flora und Fauna ging oder um die Bevölkerung, sei sie einheimisch oder neu zugezogen. Insbesondere seinen indigenen Untertanen wollte er geistliche Führung und materielle Sicherheit zuteilwerden lassen, was er durchaus als eine Frage seines »königlichen Gewissens« auffasste, denn »als er erfuhr, dass all die eingeborenen Bewohner von Hispaniola, Kuba und den anderen [karibischen] Inseln als Zwangsarbeiter in den Minen zu Tode gekommen waren, fasste er die Überzeugung, dass er selbst unweigerlich in der Hölle landen werde, sollte er jenes Vorgehen weiterhin zulassen«.13 Nur wenige seiner Zeitgenossen interessierten sich für Amerika, und selbst Erasmus von Rotterdam schrieb kaum ein Wort über die Neue Welt. Karl war der einzige europäische Herrscher im 16. Jahrhundert, der aus Prinzip für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner Stellung bezog. Seine Gesetzgebung »sollte auf lange Zeit ein effektiver Hemmschuh gegen die Unterdrückung der Indios bleiben«. Nicht zuletzt deshalb sind Karls Initiativen in der Neuen Welt es wert, dass man sich eingehend mit ihnen beschäftigt.14

Auch Páez de Castro hatte vorgehabt, die Leistungen Karls V. in der Neuen Welt in seiner Biografie ausführlich zu würdigen; anderes wieder wollte er aussparen. Obwohl er nämlich der Meinung war, ein Historiker solle »die Bösen verdammen und verteufeln, auf dass ihre Taten in Zukunft nicht wiederholt werden«, aber »die Guten loben und preisen, um zu Nachahmung zu ermutigen«, unterschied er doch zwischen »denjenigen Details, die der Geschichte eigen sind«, und »jenen, die ohne Schmälerung der Wahrheit im Tintenfass des Autors verbleiben sollten«.15 Ich selbst habe im Guten wie im Schlechten kaum ein Detail über den Kaiser in meinem Tintenfass belassen. Auf der persönlichen Ebene habe ich Karl für seine stupenden Sprachkenntnisse gelobt (im Laufe der Zeit erlernte er neben seiner französischen Muttersprache auch das Italienische und das Spanische und sprach zudem ein wenig Niederländisch und Deutsch), ihn für sein großes Geschick und Können als Schütze und Reiter sowie für seinen persönlichen Mut und seine Führungsqualitäten auf dem Schlachtfeld gepriesen, wo selbst feindlicher Beschuss den Befehlshaber nicht aus der Ruhe bringen konnte. Auch wusste Karl, wie man Loyalität und Zuneigung gewinnt. Ein Diplomat erlebte 1531 mit, wie Karl zu einer Menschenmenge sprach, »so ergreifend und liebenswürdig, dass er seine Zuhörer beinahe zu Tränen rührte«, und als er geendet hatte, war sein Publikum »ganz und gar einmütig, als wenn sie seine Sklaven geworden wären«. Als der Kaiser starb, stießen die untröstlichen Mitglieder seines Gefolges »ein lautes Wehgeschrei aus, schlugen sich vor Gram ins Gesicht und mit dem Kopf gegen die Wand«. Und einige Jahre später vertraute Ferdinand, Karls Bruder und Nachfolger als Kaiser, seinem Leibarzt an, dass er »den Kaiser geliebt und verehrt habe wie einen Vater«.16

Was das Verdammen und Verteufeln betrifft, so habe ich festgehalten, dass Karl entgegen seinen eigenen Behauptungen die Plünderung Roms und die Gefangennahme Papst Clemens’ VII. im Jahr 1527 sehr wohl im Vorhinein genehmigt hatte; dass er auch über den 1541 verübten Mord an Antonio Rincón und Cesare Fregoso, zwei französischen Diplomaten, gelogen hat; und nicht zuletzt, wie er 1553 sein feierliches Versprechen gebrochen hat, seinen Sohn Philipp mit einer portugiesischen Prinzessin zu verheiraten. In manchen Fällen (so 1527 und 1541) bestritt Karl wiederholt, öffentlich und mit Nachdruck, dass er gelogen hatte; in anderen lehnte er es schlichtweg ab, sein Fehlverhalten überhaupt zu erörtern. Als etwa 1554 ein portugiesischer Gesandter vorstellig wurde, um gegen die Zurückweisung der Prinzessin zu protestieren, »teilten wir ihm mit, was notwendig war, ohne die Sache rechtfertigen oder weiter diskutieren zu wollen, denn wenn solche Dinge einmal geschehen sind, ist es am besten, man verstellt sich«.17 Auch im Privatleben konnte Karl ein wahres Ekel sein. Als er 1517 herausfand, dass seine ältere Schwester Eleonore sich in einen Höfling verliebt hatte, zwang er sie, vor einem Notar unter Eid ihrer Liebe abzuschwören und zu versprechen, ihrem Bruder künftig in allem gehorsam zu sein. Im Jahr darauf musste sie einen ihrer Onkel heiraten, der mehr als doppelt so alt war wie sie. Im Jahr 1530 ordnete Karl an, dass Tadea, eine seiner drei unehelichen Töchter, ein dauerhaftes »Zeichen an ihrem rechten Bein unterhalb des Knies« erhalten solle – bestenfalls eine Tätowierung, im schlimmsten Fall ein Brandzeichen. Drei Jahre darauf handelte er einen Heiratsvertrag zwischen seiner elfjährigen Nichte Christina von Dänemark und einem viermal so alten Mann aus, der das vertragliche Recht erhielt, die Ehe unverzüglich zu vollziehen. Die größte Schande war jedoch, was Karl seiner Mutter Johanna antat, jener Königin, die als »Johanna die Wahnsinnige« in die Geschichte eingehen sollte. Er ließ sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1555 physisch einsperren und streng bewachen und hielt sie zudem über Jahre hinweg in einer Schein- und Wahnwelt voller »Fake Facts« gefangen (so behauptete er beispielsweise noch lange nach dem Tod ihres Vaters, des Königs Ferdinand, steif und fest, dass dieser noch am Leben sei). Und als ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, raubte Karl seine Mutter regelrecht aus: Bei seinen Besuchen ließ er wertvolle Wandteppiche, Geschmeide, Bücher, Silberzeug und sogar liturgische Gewänder mitgehen, die er dann als Hochzeitsgeschenke für seine Schwester und seine eigene Ehefrau »recycelte«. Damit Johanna den Raub zumindest nicht bemerkte, bevor ihr Sohn erfolgreich das Weite gesucht hatte, füllte dieser die geplünderten Truhen mit Backsteinen von gleichem Gewicht.

Wir haben es also mit einer ganzen Reihe verwirrender Widersprüche zu tun, und ich habe mich nach Kräften bemüht, diese zu entwirren, indem ich zunächst untersucht habe, wie Karl zu seinen Handlungsentscheidungen gelangte, bevor ich die Frage stellte, warum er etwas tat. Diese methodologische Entscheidung hat Folgen, wie Christopher Clark im Vorwort zu seiner atemberaubenden Studie über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, Die Schlafwandler, angemerkt hat:

»Die Fragen nach dem Warum und Wie sind logisch untrennbar miteinander verbunden, aber sie führen uns in verschiedene Richtungen. Die Frage nach dem Wie fordert uns auf, die Abfolge der Interaktionen näher zu untersuchen, die bestimmte Ereignisse bewirkten. Hingegen lädt uns die Frage nach dem Warum ein, nach fernen und nach Kategorien geordneten Ursachen zu suchen … Der ›Warum-Ansatz‹ bringt zwar eine gewisse analytische Klarheit, aber er hat auch einen verzerrenden Effekt, weil er die Illusion eines ständig wachsenden Kausaldrucks erzeugt. Die Faktoren türmen sich auf und drücken auf die Ereignisse; politische Akteure werden zu reinen ausführenden Organen der Kräfte, die sich längst etabliert haben und ihrer Kontrolle entziehen.«

Wie Clark habe auch ich deshalb versucht, »nach Möglichkeit … die Antworten auf die Warum-Frage … aus den Antworten auf Fragen nach dem Wie erwachsen [zu lassen], statt umgekehrt«, und das, obwohl ja die Frage nach dem »Wie« unweigerlich das Spannungsverhältnis zwischen individueller Handlungsmacht und Macht des Zufalls akzentuiert, während die Frage nach dem »Warum« eher Strukturen und Kontinuitäten in den Vordergrund stellt.18

Um das Verhalten Karls V. verstehen und erklären zu können, habe ich wie Páez de Castro mehrere Sprachen gelernt (wenn auch nicht Chaldäisch) und verschiedene Disziplinen studiert (wenn auch nicht Recht, Naturwissenschaften oder Mathematik); ich habe die Orte besucht, die »seine Banner erblickt haben« (und insbesondere jene, die seine archivalische Hinterlassenschaft bewahren); ich habe »die meisten früheren Historien« gelesen, »aus alten und aus neueren Zeiten, von guten wie von schlechten Schreibern«; und ich habe die überlieferten Dokumente gründlich erforscht. Zwar war es auch mir leider nicht möglich, »in zahlreichen Fragen Eure Majestät selbst zu konsultieren«, um mehr über Karls Beweggründe zu erfahren. Aber es hat doch mehr als genug Quellenmaterial überlebt, um dem Leser eine eigene Entscheidung zu ermöglichen: Will er jenen Glauben schenken, die den Kaiser vergötterten, oder jenen, die ihn verteufelten?

Sollen wir uns also auf die Seite von Luis Quijada schlagen, der den Kaiser über zwanzig Jahre lang persönlich gekannt hatte, auch an seinem Sterbebett zugegen gewesen war und ihn hernach rundheraus zum »größten Mann« erklärte, »der jemals gelebt hat«? Auf die Seite des Jesuiten Francisco de Borja, der behauptete, dass in seinen Unterhaltungen mit Karl V. Gott selbst zu ihm gesprochen habe? Oder halten wir es doch mit Papst Paul III., der den Kaiser »einen undankbaren Menschen« schalt, »der seiner Freunde nur dann gedenkt, wenn er sie sich zunutze machen will«; oder mit jenem französischen Gesandten, der sich ganz ähnlich äußerte: »Bei genauer Betrachtung werdet Ihr feststellen, dass der Kaiser sich noch um keinen Menschen je gekümmert hat, den er nicht für seine Zwecke einzusetzen gewusst hätte«?19 Jubeln wir mit Gustav Bergenroth, der ein ganzes Jahrzehnt in den Archiven Westeuropas zubrachte und rund 18 000 Dokumentseiten von und über Karl V. transkribierte, wenn wir sehen, wie der Kaiser »Stück um Stück zusammenbricht … politisch, moralisch, körperlich, bis er sein erbärmliches Leben schließlich in der erbärmlichen Zurückgezogenheit von Yuste zu Ende bringt«? Dann können wir uns Bergenroths Verdikt anschließen, Karls Lebensweg sei »eine der größten Tragödien, die jemals gegeben wurden«. Oder folgen wir dem Urteil Karl Brandis, der als einer von ganz wenigen Forschern noch mehr Dokumente von und über Karl V. gelesen hat als selbst Bergenroth? Brandi schrieb am Schluss seiner großen Biografie über den Kaiser, dieser sei »immer ein Mensch [gewesen] und im täglichen Leben gebrechlich und schwach in Neigungen und Eigenwilligkeiten, aber in den bleibenden Zügen seines Wollens, in der Tapferkeit seiner Haltung doch zur historischen Figur geworden«.20 Gibt es an Karl V. als historischer Figur tatsächlich mehr zu loben als zu verdammen? Und braucht die Welt noch ein weiteres Buch über diesen Mann? Geneigte Leserin, geneigter Leser: Entscheiden Sie selbst.

Vorbemerkung zu Orts- und Personennamen

Wo zur Bezeichnung nicht deutschsprachiger Orte eine allgemein übliche deutsche Namensvariante existiert (wie etwa in den Fällen von Lissabon, Straßburg oder Venedig), wird diese im Folgenden verwendet. Einen Sonderfall bildet die Hauptstadt des Osmanischen Reiches: Wo sie in den zitierten Quellen erwähnt wird, ist gemäß dem zeitgenössischen Sprachgebrauch von »Konstantinopel« die Rede, ansonsten von »Istanbul«. Entsprechend wird bei Personen, wenn im Deutschen eine bestimmte Namensform etabliert ist (wie bei Franz I., Clemens VII. oder Don Juan de Austria), diese durchgehend verwendet. In allen anderen Fällen habe ich die Namensvariante bevorzugt, die die betreffende Person selbst verwendet hat. Ausnahmen wurden gemacht, sobald mehrere Personen denselben Namen tragen. Obwohl aus dem Zusammenhang meist eindeutig hervorgeht, wer jeweils gemeint ist, nenne ich Karls jüngste Schwester »Catalina« und die Tante der beiden »Katharina« (von Aragón). Mit »Margarete« bezeichne ich Karls Tante, Erzherzogin von Österreich und Herzoginwitwe von Savoyen, während mit »Margarita« Karls uneheliche Tochter gemeint ist, die Herzogin von Florenz und später von Parma (die in zeitgenössischen Quellen schlicht »Madama« heißt). Schreibe ich »María«, ist in der Regel Karls ältere Tochter gemeint; »Maria« hingegen bezeichnet seine Schwester, die Königin (ab 1526 Königinwitwe) von Ungarn; und »Mary« ist entweder eine Schwester oder die ältere Tochter Heinrichs VIII. von England (mit beiden war Karl – zu unterschiedlichen Zeiten – einmal verlobt).

Personen, bei denen sich die Anrede oder der Titel über die Jahre verändert hat, stellen uns vor eine besondere Herausforderung. Antoine Perrenot de Granvelle (1517–1586) trat zwischen 1540 und 1562 als Bischof von Arras auf, danach als Kardinal Granvelle; ich bezeichne ihn dennoch stets als »Perrenot«, um ihn von seinem Vater, Nicolas Perrenot de Granvelle (1486–1550), zu unterscheiden, den ich durchweg als »Granvelle« bezeichne.21 Karls Großvater Maximilian (1459–1519) hat im Lauf seines Lebens ebenfalls verschiedene Titel getragen. Er begann seine Laufbahn als Erzherzog von Österreich, wurde dann 1477 durch seine Heirat mit Maria von Burgund aber auch Herzog von Burgund. Ab 1486 durfte er sich »römischer König« nennen, ab 1508 dann »erwählter römischer Kaiser«. Ab dem Tod seines Vaters Friedrichs III. im Jahr 1493 bezeichneten die Zeitgenossen Maximilian jedoch in aller Regel schon als »den Kaiser«, und so halte auch ich es in diesem Buch. Auch Karl V. war nach seiner Krönung zum rex Romanorum erst einmal »erwählter römischer Kaiser« – also etwa »Kaiser in spe« –, bis der Papst ihm zehn Jahre später tatsächlich die Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Schon seit 1520 nannten ihn freilich die meisten Zeitgenossen schlicht »den Kaiser«. Karl selbst verwendete in seinen verschiedenen Herrschaftsgebieten den dort jeweils üblichen Herrschertitel: In Spanien nannte er sich rey católico (»katholischer König«), ein Titel, der seinen Großeltern Ferdinand und Isabella 1496 vom Papst verliehen worden war. Auch unterzeichnete er alle Schriftstücke mit »Yo el Rey« (»Ich, der König«) – selbst dann, wenn es sich um Briefe an seine Frau oder seine Kinder handelte. Dokumente in lateinischer, deutscher oder italienischer Sprache unterschrieb er als »Carol« oder »Carolus«; französischsprachige als »Charles«. In diesem Buch wird Karl von seiner Krönung zum römisch-deutschen König im Jahr 1520 bis zur Übertragung der Kaiserwürde auf seinen Bruder Ferdinand im Jahr 1558 als »Kaiser« bezeichnet. Wo vom »Reich« die Rede ist, ist das »Heilige Römische Reich deutscher Nation« gemeint, über das Karl als Kaiser herrschte.

Zuletzt muss noch bedacht werden, dass manche Begriffe im Laufe der Geschichte ihre Bedeutung geändert haben. So war die Bedeutung des Begriffs »Protestanten« bei seinem Auftauchen 1529 zunächst eine politische. Gemeint waren diejenigen Reichsstände, die in der »Protestation zu Speyer« auf dem Reichstag von 1529 gegen die Aufhebung der drei Jahre zuvor beschlossenen Tolerierung der Lutheraner im Reich protestiert hatten. Im Jahr darauf erhielt der Begriff dann auch eine konfessionelle Dimension, als die Anhänger Martin Luthers dem Reichstag zu Augsburg ihre Confessio vorlegten. Dieses »Augsburger Bekenntnis« blieb jedoch, wie Robert Scribner angemerkt hat, während Karls gesamter Regierungszeit »eine Art von politisch-religiösem Mischwesen, eine theologische Stellungnahme, die unter politisch-diplomatischem Druck ausgearbeitet worden war, um den Erfordernissen einer politischen Situation gerecht zu werden«. Der Kaiser sprach, ohne näher zu unterscheiden, mal von jenen, »die von der wahren Kirche abgefallen sind«, dann wieder von »Protestanten« oder von »Lutheranern«. Als »Lutheraner« bezeichnete er selbst Theologen wie Heinrich Bullinger in Zürich und Martin Bucer in Straßburg, die bestimmte Aspekte der lutherischen Lehre ablehnten. In diesem Buch werden »Lutheraner« jedoch ausschließlich die Anhänger Martin Luthers genannt, während »Protestanten« all diejenigen heißen, die die Autorität des Papstes ablehnten.22

TEIL I

Der junge Karl

»Wir sind hocherfreut, dass unser Enkelsohn Karl so großes Gefallen an der Jagd findet – ansonsten hätte man auch glauben mögen, er sei ein Bastard.«

Kaiser Maximilian an Margarete von Österreich, 28. Februar 1510

1Vom Herzog von Luxemburg zum Infanten von Kastilien (1500–1508)

Der Herzog von Luxemburg

»Wir beginnen mit seiner Abstammung«: Mit diesen Worten eröffnet Pedro Mexía seine 1548 verfasste Biografie Karls V., und im ersten Kapitel – unter der Überschrift »Von der erhabenen, vortrefflichen und unzweifelhaften Stammfolge und Herkunft dieses großen Fürsten« – führt Mexía die Vorfahren Karls aus den vergangenen tausend Jahren auf.1 Zwar hat der Autor damit Karls wichtigstes Startkapital – seine »erhabene« Familie nämlich – richtig erkannt, aber die Rückschau führte auch zu einer gewissen Übertreibung. Zur Zeit von Karls Geburt im Jahr 1500 war sein Vater, Erzherzog Philipp von Österreich, zwar der potenzielle Erbe all der Territorien, über die sein Vater Maximilian als Oberhaupt des Hauses Habsburg gebot, herrschte aber lediglich über einige niederländische Provinzen, die er von seiner Mutter, der Herzogin Maria von Burgund, geerbt hatte. Karls Mutter Johanna konnte sich ursprünglich keine vergleichbaren Hoffnungen auf ein großes Erbe machen, denn sie war nur das dritte Kind ihrer Eltern, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón, die beide dem spanischen Königshaus Trastámara entstammten und gemeinhin als los reyes católicos (»die Katholischen Könige«) bekannt waren – den Titel hatte ihnen ein wohlmeinender spanischer Papst verliehen.

Die drei Dynastien – Habsburg, Kastilien und Aragón – hatten eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Vor allem verfolgten sie alle eine auf Ausbau ihrer Hausmacht bedachte Heiratspolitik. So hatten über mehrere Generationen Infanten aus dem aragonesischen Zweig des Hauses Trastámara Infantinnen aus dem kastilischen Zweig geheiratet und umgekehrt. Das Ziel dieser Taktik war es, die beiden Königreiche Kastilien und Aragón zu vereinen. Auch mit dem Haus Avis, dessen Angehörige über Portugal herrschten, gingen die Trastámara Ehen ein, weil sie hofften, auf diese Weise die ganze Iberische Halbinsel unter einer Krone vereinen zu können. Die Herzöge von Burgund hatten einen solchen »Heiratsimperialismus« von Anfang an verfolgt – 1369 heiratete der erste Burgunderherzog die Erbin der Grafschaft Flandern – und gewannen den Großteil ihrer niederländischen Besitztümer auf dem Erbweg. Bei den Habsburgern wurden Ehen ebenfalls arrangiert, mit dem Ziel, weitere Territorien zu erwerben, aber auch, um die Bande zwischen den Familienzweigen zu festigen. Diese Strategie ist in einer Devise festgehalten, die erstmals nach der Heirat Maximilians von Österreich mit Maria von Burgund im Jahr 1477 populär wurde:

»Bella gerant alii; tu, felix Austria, nube

Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus.«

»Kriege lass andere führen, du, glückliches Österreich, heirat’!

Denn was den anderen Mars, Venus, die Göttin, gibt’s dir.«2

Doch der »Heiratsimperialismus« hatte seinen Preis, denn die Reiche, die auf seiner Grundlage errichtet wurden, waren das genaue Gegenteil eines modernen Staatswesens: Oft war dynastische Loyalität das Einzige, was sie zusammenhielt, und ihre Herrscher neigten dazu, ihre Herrschaftsgebiete, ganz egal, wie weit verstreut sie lagen, als ihren persönlichen Besitz anzusehen, als ein Familienerbe, das unversehrt an die nächste Generation weitergegeben werden musste. So versicherte Karl seinem Sohn Philipp 1543, dass es sein oberstes Ziel sei, »dir kein kleineres Erbe zu hinterlassen, als ich es einst selbst empfangen habe«.3

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den drei Dynastien war ihre Furcht vor Frankreich. Burgund hatte in den 1470er-Jahren antifranzösische Bündnisse mit Aragón geschlossen, und ein Jahrzehnt später schlug Maximilian vor, seinen einzigen Sohn mit einer spanischen Infantin zu verheiraten. Die Verhandlungen gerieten indes ins Stocken, bis der französische König Karl VIII. 1494 in Italien einmarschierte und im Triumph auf Neapel vorstieß, um seine dynastischen Ansprüche auch auf dieses Königreich geltend zu machen. Im Jahr darauf warnte Maximilian die Katholischen Könige, dass, »wenn der König von Frankreich erst einmal Neapel gewonnen hat, er auch die anderen italienischen Staaten wird besetzen wollen«. Um sie davon zu überzeugen, dass sie »sich zur Wehr setzen und den König von Frankreich angreifen« sollten, schlug Maximilian eine Doppelhochzeit vor: zwischen seiner Tochter Margarete und dem spanischen Infanten Johann (Juan) sowie zwischen seinem eigenen Erben Philipp und Johanns jüngerer Schwester Johanna. Die Verträge zu dieser Hochzeit wurden im Januar 1495 unterzeichnet, und die spanische Prinzessin traf im Oktober 1496 in Lier bei Antwerpen ein, wo das Paar die Ehe vollzog. Keiner konnte ahnen, dass ihr Sohn einmal über das größte Reich herrschen sollte, das die Welt seit einem Jahrtausend gesehen hatte (Tafel 1).4

Der zukünftige Karl V. machte sich zum ersten Mal noch aus dem Mutterleib heraus bemerkbar. Im September 1499 bestellte Philipp »eine Hebamme aus der Stadt Lille« herbei, um Johanna »zu sehen und zu besuchen«; und vier Monate später entsandte er einen Kurier »mit äußerster Geschwindigkeit, Tag und Nacht, ohne Männer noch Pferde zu schonen«, um den Abt eines Klosters bei Lille zu bitten, seine wertvollste Reliquie leihweise herauszugeben: den »Ring der Jungfrau«, den angeblich Josef seiner Braut Maria bei ihrer Heirat an den Finger gesteckt hatte. Wie es hieß, sollte er »Frauen unter der Niederkunft Trostund Hilfe spenden«. Einigen Berichten zufolge erwies der Ring sich als überaus wirksam: Johannas Wehen setzten ein, als sie gerade an einem Ball teilnahm, der im Palast der Grafen von Flandern in Gent stattfand. Sie schaffte es gerade noch in die nächste Latrine, da war der künftige Kaiser auch schon geboren. Es war der 24. Februar 1500, der Matthiastag.5 Sobald den Genter Bürgern die Nachricht von Karls Geburt zu Ohren kam, war die Freude groß, wie ein Augenzeuge berichtet, der zufällig auch der führende Dichter der Stadt war:

»Groß und Klein schrie ›Österreich‹ und ›Burgund‹

Drei Stunden lang und in der ganzen Stadt.

Alle liefen umher und riefen die frohe Nachricht aus

vom [neugeborenen] Friedensfürsten.«

Philipp gab indessen Order, dass alle größeren Städte der Niederlande »Prozessionen, Feuerwerke und öffentliche Spiele« vorbereiten sollten, um die Geburt seines Erben zu feiern. Außerdem bestellte er die Spitzen des Klerus ein, damit sie an der Taufe des Knaben teilnahmen.6 Auch sandte er einen Eilboten zu seiner Schwester Margarete, die sich gerade auf der Rückreise aus Spanien befand, und »flehte sie an, sich nur zu beeilen, damit sie das Kind bei der Taufe am Taufbecken in ihren Händen halten« und Karls Patin werden könne. Sobald Margarete eintraf, bedrängte sie ihren Bruder, seinen Sohn »Maximilian« taufen zu lassen nach ihrer beider Vater, aber Philipp entschied sich, das Kind nach seinem Großvater zu nennen, dem Burgunderherzog Karl dem Kühnen. Zugleich verlieh er dem Neugeborenen allerdings auch den Titel eines »Herzogs von Luxemburg« – eine Würde, die gleich mehreren von Maximilians Vorfahren zuteilgeworden war.7

Karls Großeltern reagierten unterschiedlich. »Als seine Großmutter, die Königin Isabella, von seiner Geburt erfuhr … gedachte sie der Worte der Schrift, dass Matthias, der Apostel Jesu, durch das Los erwählt worden war; und da sie wusste, welch große Hoffnungen an die Geburt ihres Enkelsohnes geknüpft waren, der so viele und große Königreiche und Herrschaften erben sollte, so sprach sie: ›Das glückliche Los ist auf Matthias gefallen.‹« In Deutschland erklärte Kaiser Maximilian sich »vollkommen zufrieden mit dem Namen« des Kindes »wegen der Zuneigung, die ich für meinen lieben Herrn Schwiegervater, den Herzog Karl, hege«.8 In Gent bereitete der Magistrat derweil eine Reihe von Triumphbögen vor, die jeweils eines der Reiche darstellen sollten, die das Kind, so es denn überleben sollte, von seinem Vater und Großvater erben würde. Andere Triumphbögen repräsentierten die Tugenden Weisheit, Gerechtigkeit und Friedfertigkeit. Am Abend des 7. März 1500 begleitete eine lange Prozession den Säugling über einen eigens errichteten Laufsteg vom Palast zur örtlichen Pfarrkirche, wo die Taufe stattfinden sollte. Tausende Fackeln entlang des Weges »machten die Nacht zum Tage« (wie ein völlig überwältigter Chronist festgehalten hat) und verschafften den zahlreichen Schaulustigen eine glänzende Sicht darauf, wie die Amtsträger und Höflinge gemessenen Schrittes an ihnen vorbeizogen, bis endlich der kleine Karl und seine vier Taufpaten erschienen. Jeder von ihnen sollte in den frühen Lebensjahren des Knaben eine entscheidende Rolle spielen: seine (Stief-)Urgroßmutter Margarete von York, die Witwe Karls des Kühnen; seine Tante Margarete von Österreich; sowie Charles de Croÿ, Fürst von Chimay, und Jean de Glymes, Herr von Bergen, zwei bedeutende niederländische Adlige. Die Symbolik dieser Reihenfolge war für die Zeitgenossen unübersehbar: Philipp, dem der Ehrenplatz am Ende des Zuges eigentlich zugestanden hätte, trat ihn an seinen Sohn ab, der so – indem er die Huldigung seiner zukünftigen Untertanen entgegennahm – zum gleichen Zeitpunkt sein weltliches Erbe antrat, wie er durch die Taufe zu einem Glied der christlichen Kirche wurde.

« Schon seit Beginn der Geschichtsschreibung über Karl ist seine Abstammung stets ein Thema gewesen − und das aus gutem Grund. Denn schließlich hatte erst eine bemerkenswerte Abfolge von Geburten, Heiraten und Todesfällen dazu geführt, dass das Erbe von vier europäischen Dynastien unter seiner Herrschaft vereint wurde. Allerdings hatten Karls Großeltern dies so nicht beabsichtigt, und es wäre auch nie so gekommen, wenn die ehelichen Verbindungen zwischen der Infantin Isabella und Manuel von Portugal, zwischen dem Infanten Johann von Kastilien und Margarete von Österreich oder zwischen Ferdinand von Aragón und Germaine de Foix einen Erben hervorgebracht hätten, der das Erwachsenenalter erreichte.

Für dieses ungewöhnliche Arrangement hatte Philipp gute Gründe. Zwar führte er zahlreiche Titel, doch hatten seine Vorfahren sie Stück für Stück über den Zeitraum eines guten Jahrhunderts hinweg zusammengetragen, meist durch Heirat. Wie Rolf Strøm-Olsen dargelegt hat, »bot Karls Taufe dem habsburgischen Hof eine der seltenen Gelegenheiten, Ansprüche auch auf überregionale Legitimität, Macht und Autorität geltend zu machen«. Das verlieh der Zeremonie von Gent »in ritueller Hinsicht zumindest etwas von der Bedeutung, die anderswo in Europa den Krönungszeremonien zukam – Zeremonien, die den Herrschern der Niederlande versagt blieben«.9

Ganz vertraute Philipp den braven Bürgern von Gent jedoch nicht. Drei Wochen vor Karls Geburt ordnete er an, dass 30 Bogenschützen und 25 Hellebardisten fortan »bereitstehen [sollten] ab der Zeit, da der Erzherzog des Morgens aufsteht, um ihn auf dem Weg zur Messe zu begleiten«. Ohne ausdrückliche Genehmigung, hieß es weiter, durfte diese Leibwache »den Palast nicht verlassen«, sondern sollte »die Person des Erzherzogs schirmen und beschützen«, Tag und Nacht.10 Derlei Vorkehrungen waren alles andere als müßig: Nach dem Tod Marias von Burgund im Jahr 1482 hatte die Stadt Gent sich geweigert, ihren Ehemann Maximilian als Herrscher über die burgundischen Niederlande und Vormund ihrer unmündigen Kinder anzuerkennen. Vielmehr ließen die Stadtoberen den jungen Philipp als Geisel gefangen setzen und bestellten einen Regentschaftsrat, »um das Anrecht unseres Herrn, Eures Sohnes, zu schützen, den wir für unseren Fürsten und rechtmäßigen Herrn erachten, und keinen anderen«.11 An der Spitze von Truppen aus seinen deutschen und österreichischen Herrschaftsgebieten schlug Maximilian diesen Ungehorsam nieder und befreite seinen Sohn, den er in die loyale Stadt Mecheln überstellen ließ; drei Jahre später jedoch sollte Maximilians selbstherrliches Verhalten zuerst seine Gefangennahme und Inhaftierung in Gent, gefolgt von seiner Ausweisung aus den Niederlanden provozieren.

Die Zeit von Philipps Minderjährigkeit, die an seinem 15. Geburtstag 1493 endete, war von Aufruhr, Fraktionshader und Krieg geprägt gewesen. Das ließ den jungen Herrscher einen Regierungsstil wählen, der von dem seines Vaters grundverschieden war. Denn, wie Philipp 1497 selbst erklärte: »Seitdem wir volljährig geworden sind und die Gefolgschaft unserer Länder erhalten haben, hat uns stets das ernste Verlangen, Bedürfnis und Streben bewegt, die große Unordnung zu beenden, die hierzulande aus alten Kriegen und Spaltungen erwachsen ist, sowohl innerhalb unseres eigenen Hauses als auch anderenorts in unseren besagten Landen, und stattdessen Ordnung herzustellen.«12 Ein Jahrzehnt später hielt der venezianische Gesandte am burgundischen Hof, Vincenzo Quirino, Philipps Politik für einen großen Erfolg. Philipp, schrieb er, sei »von Natur aus gut, großzügig, offen, liebenswürdig und freundlich, ja beinahe innig gegen jedermann« und habe »sich mit seiner ganzen Macht bemüht, dem Recht zur Geltung zu verhelfen. Er war gottesfürchtig, und was er versprochen hat, das hat er gehalten.«

Jedoch, fügte Quirino hinzu, »obgleich er schwierige Sachverhalte rasch begriff, erledigte er sie nur langsam und mit Zögern. Alles übergab er seinen Beratern.« Und weiter hielt er fest: »Nach meiner eigenen Erfahrung werden Entscheidungen an seinem Hof auf äußerst schwankende und wechselhafte Weise getroffen«, denn »oft wird im Rat die eine Sache beschlossen, aber etwas völlig anderes getan.« Gutierre Gómez de Fuensalida, der spanische Gesandte, pflichtete bei: Der Erzherzog, schrieb er, sei »überaus wankelmütig, und seine Meinung zu beeinflussen, ist für jedermann ein Kinderspiel«. Einmal tadelte Maximilian seinen Sohn, dieser habe »auf Verräter und treulose Ratgeber« gehört, »die Euch [verquere] Vorstellungen in den Kopf gesetzt haben, um einen Keil zwischen Euch und mich zu treiben«, und empfahl, dass »es besser für Euch wäre, wenn Ihr zunächst mir von Euren Plänen berichtest, und erst dann Euren Ministern, anstatt mich wie einen Fremden zu behandeln«. Aber Maximilians wiederholte Forderung, der Sohn solle seinem Beispiel folgen – und das hieß vor allem: Krieg gegen Frankreich führen –, führte am Ende nur dazu, dass Philipp sich (wie Quirino schreibt) »zwischen der väterlichen Zuneigung und dem innigen Vertrauen, das er in seine Minister setzte, hin- und hergerissen« fühlte. Kurz gesagt: »Er steckt in einem Labyrinth.«13

Olivier de la Marche, ein altgedienter Höfling der burgundischen Herzöge, der Philipps Lehrer wurde, scheint diesen ungünstigen Beurteilungen beigestimmt zu haben, denn am Schluss seiner Memoiren, die er unmittelbar vor seinem Tod im Jahr 1502 fertigstellte, nennt er den Erzherzog »Philipp Leichtgläubig« (»Philippe-croy-conseil«).14 Freilich hatte La Marche in seiner ein Jahrzehnt zuvor verfassten »Einleitung« den erlauchten Schüler noch davor gewarnt, dem Beispiel seines allzu eigenwilligen Vaters Maximilian zu folgen. »Lasst mich euch die Wahrheit sagen«, bittet er Philipp da mit Nachdruck: »Nie dürft ihr euren Untertanen Macht über euch einräumen, aber immer müsst ihr ihren Rat und ihre Hilfe einholen, damit sie eure großen Vorhaben umsetzen helfen und unterstützen.« La Marche pries den Erzherzog als einen, der – nach einem Vierteljahrhundert Krieg und Aufruhr – »das Land wieder auf die Füße gestellt hat, indem er gute Ratschläge beherzigte«: Er hatte seine verstreuten Besitzungen vereint und befriedet; er hatte die uneingeschränkte Geltung der habsburgischen Autorität gesichert; und er hatte ein Gremium von mehr als dreißig vertrauenswürdigen Ratgebern um sich geschart, von denen viele auch noch seinem Sohn hilfreich zur Seite standen. So schuf er ein wichtiges Element politischer Stabilität und Kontinuität, das einen Rückfall in die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die dem Tod seiner Vorgänger jeweils gefolgt waren, zu vermeiden half.15

Der junge Herzog von Luxemburg ahnte von alldem nichts. Aus den Unterlagen der Hofhaltung geht hervor, dass schon wenige Wochen nach seiner Geburt »die Erzherzogin und ihre edlen Kinder« (Karl und seine um fünfzehn Monate ältere Schwester Eleonore) Gent verlassen und sich zuerst nach Brügge und dann nach Brüssel begeben hatten. Dort erkrankte Johanna ernstlich, und Liberal Trevisan, Philipps Leibarzt und Mitglied seines Rates, widmete sich »während neunundvierzig Tagen ohne Unterlass« gemeinsam mit »anderen Doktoren und Wundärzten unserer über alles geliebten Ehefrau, um sie von einer Krankheit zu heilen«.16 Karl wird davon nichts mitbekommen haben. Wie ein spanischer Diplomat berichtete, wurden der Herzog von Luxemburg und seine Schwester »gemeinsam in ihren Gemächern aufgezogen und ihrer Dienerschaft ist niemand hinzugefügt worden« – mit einer Ausnahme: Barbe Servels, die »über neun Monate hinweg meine hauptsächliche Amme war«, wie Karl vier Jahrzehnte später festhielt. Barbe, eine gebürtige Genterin, säugte ihren hochgeborenen Schützling von Anfang an, und Karl blieb ihr zeitlebens treu ergeben: Er war Taufpate ihres Sohnes, an dessen Werdegang er regen Anteil nahm, und als Barbe 1554 starb, ordnete er an, dass sie in der St.-Gudula-Kathedrale von Brüssel begraben werden sollte, und ließ ihr zu Ehren ein Epitaph anfertigen.17

Die Berichte des spanischen Gesandten Fuensalida an Ferdinand und Isabella liefern die frühesten Nachrichten von Karl und seiner Schwester. Nach seiner ersten Aufwartung im August 1500 schrieb Fuensalida, was wohl alle Großeltern gern hören: Im Alter von fünf Monaten sei »der Herzog von Luxemburg so groß und stark, dass man ihn für einen Knaben von einem Jahr halten könnte«, während seine Schwester Eleonore, nun beinahe zwei Jahre alt, »so lebhaft und anstellig, ja so weit entwickelt erscheint wie eine Fünfjährige«. Selbstredend waren die beiden »die hübschesten Kinder auf der ganzen Welt«. Um die Zeit seines ersten Geburtstages machte Karl »bereits die ersten Schritte in einem Laufgestell (carretonçillo)« und »geht mit einer Zuversicht und Kraft, die einem Dreijährigen anstehen würden«; bis zum August 1501 hatte er sich zum »stärksten Kind seines Alters [entwickelt], das ich je gesehen habe«.18

Das Interesse der Katholischen Könige spiegelte – zumindest in Teilen – auch eine akute Besorgnis über die Zukunft ihrer Dynastie wider. Im Jahr 1497 war ihr Erbe und einziger Sohn Johann gestorben und hatte seine schwangere Ehefrau Margarete allein zurückgelassen; auch das Kind war kurz nach der Geburt gestorben. Damit wurde Johannas ältere Schwester Isabella zur Erbin des gesamten von den Katholischen Königen regierten Herrschaftsgebietes; aber auch sie starb bereits 1498, kurz nachdem sie einen Sohn zur Welt gebracht hatte – der ihr wiederum zwei Jahre darauf ins Grab folgen sollte. Am 8. August 1500 erhielt Philipp ein Schreiben aus Spanien, das »den Tod des Kindes mitteilte, sodass mein Herr nun Thronfolger wurde«. Drei Tage später unterschrieb Philipp erstmals einen Brief mit »Yo el príncipe« (»Ich, der Fürst [von Asturien]«), dem traditionellen Titel des spanischen Thronfolgers.19

Diese Ereignisse hatten profunde Auswirkungen auf das Leben des kleinen Herzogs von Luxemburg. Auf lange Sicht würde er als Philipps und Johannas ältester Sohn seinem Vater wohl in Spanien wie auch in den Niederlanden und in Österreich nachfolgen. Auf kurze Sicht ließen ihn seine Eltern zurück, weil es in Spanien zwar keine Krönungszeremonie gab, jeder neue Thronfolger jedoch persönlich vor den Ständeversammlungen (Cortes) der verschiedenen spanischen Teilreiche erscheinen musste: Im Fall von Kastilien, León und Granada konnte Philipp dies »auf einen Streich« erledigen; in Aragón, Valencia und Katalonien musste er gesondert vorstellig werden, um sich huldigen zu lassen. Anfangs ließ er wenig Enthusiasmus erkennen, was sein unverhofftes Glück als neuer Thronerbe betraf. Seine Untertanen setzte er erst im Dezember 1500, unmittelbar vor seinem Aufbruch nach Spanien, von seinen Reiseplänen in Kenntnis – und zwar deshalb, weil er die Niederländer um Geld zur Finanzierung der Reise bitten musste. Und selbst dann ließ er es so aussehen, als werde er womöglich allein aufbrechen. Diese Unverbindlichkeit des Erzherzogs spiegelte vermutlich die Tatsache wider, dass Johanna inzwischen mit ihrem dritten Kind schwanger war (Isabella, die im Juli 1501 zur Welt kommen sollte und nach ihrer spanischen Großmutter, »Isabella der Katholischen«, getauft wurde); zugleich war Philipps Zaudern aber auch auf die ablehnende Haltung seiner Höflinge zurückzuführen, die – wie Fuensalida schrieb – »eher zur Hölle fahren würden als nach Spanien«. Erst im Oktober 1501 brach das frischgebackene Thronfolgerpaar schließlich zu seiner Reise auf; ihre Kinder ließen sie unter der Obhut Margaretes von York in Mecheln zurück, wo schon Philipp aufgewachsen war. Unterstützung erhielt Margarete freilich von einem Haushalt aus beinahe einhundert »unverzichtbaren Bediensteten«.20 Die Kinder sollten ihren Vater erst zwei Jahre später wiedersehen, und ihre Mutter blieb sogar noch länger in Spanien, um dort im März 1503 einen weiteren Sohn zur Welt zu bringen, den sie nach ihrem Vater Ferdinand nannte. Erst 1504 kehrte Johanna in die Niederlande zurück.

Den folgenden wichtigen Hinweis verdanken wir María José Rodríguez-Salgado:

»Es war in der damaligen Zeit keineswegs ungewöhnlich, dass kleine Prinzen von ihren Eltern getrennt wurden, mit denen sie durch persönliche wie politische Bande verbunden waren. Wir sollten deshalb nicht den Fehler machen, in den Adels- und Fürstendynastien von damals die Emotionsstrukturen einer bürgerlichen Familie von heute zu erwarten. Aber selbst nach den damaligen Maßstäben war Karl in eine außergewöhnliche – und in eine außergewöhnlich dysfunktionale – Familie hineingeboren worden.«21

Die Briefe des Gesandten Fuensalidas an die Katholischen Könige halten diese Dysfunktionalität fest. So berichtet Fuensalidas etwa, Philipp habe, während Johanna noch in Spanien weilte, mit seinen Kindern »jede Menge Spaß gehabt« und »viel Zeit mit ihnen verbracht«, während Johanna sie nach ihrer Rückkehr in die Niederlande ignoriert habe. Zudem führte Philipps eheliche Untreue zu derart schweren Spannungen zwischen den Ehegatten, dass Fuensalida sich im Juli 1504 (zum Leidwesen aller Historiker) nicht getraute, die Einzelheiten brieflich mitzuteilen, sondern stattdessen einen Sonderboten nach Spanien schickte, der seinen Majestäten den Streit persönlich schildern sollte. Im Monat darauf besuchte Philipp Holland ohne seine Frau, und der spanische Botschafter hielt mit Bedauern fest, dass »Ihre Hoheit [Johanna] ihrem Ehemann nicht schreibt, und er ihr auch nicht«. Nach seiner Rückkehr bemühte der Erzherzog sich um eine Aussöhnung und brachte Karl mit seinen Schwestern aus Mecheln nach Brüssel, um gemeinsam mit ihnen die Mutter zu besuchen, »weil er glaubte, wenn er [die Kinder] mitbrächte, würde sie mit ihnen reden«, aber Fuensalida zufolge schien sie »an deren Gesellschaft keinen großen Gefallen zu finden«. Also versuchte Philipp es mit einer anderen Taktik: »In jener Nacht schlief der Fürst in der Kammer seiner Ehegattin« (und vermutlich empfing Johanna in jener Nacht auch noch ein weiteres Kind, ihre Tochter Maria). Schon bald verschlechterte sich das Verhältnis der Eheleute jedoch erneut. Regelmäßig schrien sie einander an, und von Zeit zu Zeit zog Johanna sich in ihre Gemächer zurück und verweigerte jegliche Nahrung. Nachdem sie mit einer Eisenstange auf die Diener eingeprügelt hatte, die sich auf Philipps Geheiß um sie kümmerten, ließ ihr Mann sie unter ständiger Bewachung in einem abgetrennten Teil des Palasts einschließen. Die Kinder konnte man ihr offenbar nicht mehr überlassen.22

Im Oktober 1504 traf ein weiterer unerwarteter Brief aus Spanien ein. Ferdinand von Aragón teilte mit, dass seine Frau Isabella im Sterben liege. Daher ließ er Philipp wissen:

»Der Prinz, mein [Schwieger-]Sohn, muss unverzüglich und im Geheimen seine Angelegenheiten dort [in den Niederlanden] in Ordnung bringen, damit alles so ist, wie es sein soll (es darf aber keiner erfahren, warum dies geschieht). Er selbst und die Kronprinzessin, meine Tochter, müssen sich zudem heimlich vorbereiten, damit sie, sobald ich einen Boten schicke, sofort aufbrechen und über das Meer unverzüglich herkommen können.«

Wieder einmal zeigte Philipp deutlichen Widerwillen gegen eine Reise nach Kastilien. Gegenüber Fuensalida klagte er, die Nachricht von der Erkrankung der Königin sei »zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt eingetroffen«, da er gerade einen Krieg gegen den Herzog Karl von Geldern begonnen hatte, einen entschiedenen und listenreichen Feind der Herzöge von Burgund, »und dies ist ein erhebliches Hindernis, sollte ich wirklich nach Spanien müssen: Obwohl Spanien von großer Wichtigkeit ist, ist dies hier doch mein wirkliches Heimatland, und ich darf es nicht verlieren.« Selbst die Nachricht von Isabellas Tod, die im Dezember 1504 eintraf, vermochte Philipps Haltung nicht zu ändern: Obgleich er unverzüglich begann, den Titel »König von Kastilien« zu führen, setzte er seinen Krieg gegen Geldern fort, bis er den größten Teil des Herzogtums besetzt hatte – nur um dann alles wieder herzugeben, wofür er Herzog Karl das Versprechen abnahm, Frieden zu halten, solange er selbst in Spanien sein werde. Im Januar 1506 endlich stachen der neue König und die neue Königin von Kastilien von Zeeland aus in See.23

Der Alleinerbe

Obwohl Karl seine spanische Großmutter nie persönlich getroffen hat, waren die aufwendigen Trauerfeierlichkeiten nach ihrem Tod, die im Januar 1505 auch in Brüssel stattfanden, wahrscheinlich der erste öffentliche Anlass, an den der Junge sich später erinnern konnte. Karl, seine Schwestern und ihr Gefolge trugen besondere schwarze Mäntel und Umhänge mit Pelzbesatz »in Trauer um die gewesene Königin von Spanien«, während ihre Eltern in der St.-Gudula-Kathedrale vor dem Altar knieten und sie alle der prächtigen »Messe für Philipp den Schönen« lauschten, die Josquin des Prés, der berühmteste Komponist der Zeit, eigens für diesen Anlass komponiert hatte. Nach dem Gottesdienst hörten sie, wie Herolde ihren Vater und ihre Mutter zu »König und Königin von Kastilien, León und Granada, und Fürst und Fürstin von Aragón und Sizilien« ausriefen, und sahen zu, wie ihre Eltern in feierlicher Prozession durch die Straßen von Brüssel zogen. Ihnen wurden Schilde und Banner vorangetragen, »auf denen alle Titel des Königs geschrieben standen, damit niemand sagen konnte, er habe keine Kenntnis erhalten«. Bald darauf trafen Karl und seine Geschwister zum ersten Mal ihren Großvater Maximilian, als dieser sich über einen Monat lang in den Niederlanden aufhielt, und zweifellos werden sie auch von den zahllosen Turnieren etwas gesehen haben, die unter Maximilians Schirmherrschaft »in der großen Halle des Palastes und im Park zu Brüssel« stattfanden. Bei einem dieser Turniere trat auch ihr Vater Philipp zusammen mit dreien seiner Höflinge an, alle vier »nach der spanischen Mode« in Gelb und Rot gekleidet.24

An den exotischen Tieren, die Philipp aus Spanien hatte herbringen lassen, dürften die Kinder ebenfalls ihre Freude gehabt haben: Vier Kamele, zwei Pelikane, ein Strauß sowie einige Perlhühner konnten sich nun zu den Löwen und Bären gesellen, die bereits in den Palastgärten von Gent und Brüssel gehalten wurden. Wie aus den erhaltenen Quellen hervorgeht, liebte es der kleine Karl, die Löwen mit einem Stock zu reizen oder Fechtkämpfe mit den Figuren auszutragen, die auf den Wandteppichen in seinen Gemächern abgebildet waren. Auch ritt er auf Steckenpferden umher, die ihm Maximilian sowie der Wittelsbacher Pfalzgraf und spätere Kurfürst Friedrich (»der Weise«) geschenkt hatten – beide Männer sollten in Karls Leben noch eine wichtige Rolle spielen. Und wenn er nicht mit Löwen kämpfte oder focht oder ritt, so kutschierte Karl seine beiden Schwestern in einem Wägelchen durch die Gegend, das von Ponys gezogen wurde; oder er spielte mit seinen Pagen »Christen gegen Türken«. Der kleine Herzog von Luxemburg kommandierte in diesen Kampfspielen stets das »Heer« der Christen – das auch stets gewann.25

Die Kinder lernten auch Lesen und Schreiben. Zunächst waren Karl, Eleonore und Isabella zusammen von Juan de Anchieta unterrichtet worden, der Johannas Hausgeistlicher und persönlicher Komponist war. Diese Konstellation war damals nicht ungewöhnlich, denn Musiker mussten in der Lage sein, ihre Partituren selbst niederzuschreiben, weshalb sie geübt waren im Umgang mit Feder und Tinte. Die Kinder erwarben ihre grundlegende Lese- und Schreibfähigkeit, indem sie Gedichte lasen, rezitierten und abschrieben. So überrascht es nicht, dass Philipp im April 1503 – Eleonore war viereinhalb Jahre alt, Karl gerade drei geworden und Isabella noch nicht ganz zwei – einem seiner Hofkapläne, der sich auch als Kopist von Musikhandschriften betätigte, etwas über zwei Gulden zahlte »für ein Pergamentbuch, das er illuminiert hatte und das die Evangelien und Gebete enthielt, die [den Kindern] jeden Tag vorgelesen wurden, nachdem sie die Messe gehört hatten«. Sieben Monate später schenkte Philipp seiner Tochter Eleonore – vermutlich zu ihrem fünften Geburtstag – »ein Buch namens ›ABC‹, voller großer Lettern, mit vielen Bildern und einigen Lettern in Gold«, das ganze zwölf Gulden kostete – ein hübsches Sümmchen für eine Kinderfibel, aber doch eine lohnende Investition, denn schon ein Jahr darauf war Eleonore in der Lage, ihrem Großvater Ferdinand einen eigenhändigen Brief zu schreiben.26 Karl machte nicht ganz so rasche Fortschritte. In einem Brief in spanischer Sprache vom Januar 1504, der an seinen Großvater gesendet wurde, bittet Karl »Euer Hoheit um Vergebung, dass ich unhöflicherweise nicht eigenhändig schreibe« (was bei einem noch nicht einmal vierjährigen Kind wohl zu entschuldigen wäre). Aber der Prinz konnte auch seinen Namen noch nicht selbst schreiben, sondern malte die Buchstaben von einem anderen Blatt ab, wo Anchieta sie für ihn vorgeschrieben hatte (Abb. 2).27

Anchieta kehrte schließlich nach Spanien zurück, und Luis Cabeza de Vaca, »ein Spanier von edlem Geblüt, der sich als hochgebildeter Mann von besten Umgangsformen hervorgetan« hatte, wurde der neue Hauslehrer des königlichen Nachwuchses. Unverzüglich ergriff er Maßnahmen, um eine bessere Lernumgebung zu schaffen. Ein Tischler aus der Umgebung fertigte ein besonderes Schreibpult an, dazu noch einen Schrank für die Schulutensilien sowie passende Sitzbänke, »damit der Prinz und seine Schwestern zur Schule gehen konnten« – und tatsächlich besuchten seine drei prominenten Zöglinge den Unterricht während der nächsten drei Jahre gemeinsam (Abb. 1).28