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Die Frauen vom Kindersuchdienst – die Schicksale Hunderter Waisenkinder liegen in ihren Händen Hamburg 1955: Die schüchterne Annegret und die vornehme Charlotte arbeiten Seite an Seite beim Kindersuchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Doch als ein Geheimnis aus Charlottes Vergangenheit ans Licht kommt, droht ihre Freundschaft zu zerbrechen. Dabei braucht Charlotte gerade jetzt Annegrets Hilfe, um die Eltern der kleinen Monika zu finden, die als Säugling auf einem Bauernhof ausgesetzt wurde. Als dann auch noch der Kindersuchdienst vor dem Aus steht, liegt das Schicksal Tausender Waisen plötzlich in Annegrets und Charlottes Händen. Nicht nur ihr Chef steht ihnen dabei im Weg, sondern auch der gut aussehende Hauptkommissar Hartmann von der Kriminalpolizei. Dabei verbindet ihn und die beiden Frauen dasselbe Ziel: die verlorenen Kinder wieder zu ihren verzweifelten Familien zu bringen. Herzergreifend und nach wahren Begebenheiten: Bestseller-Autorin Antonia Blum erzählt mitfühlend von der Suche Tausender Mütter und Kinder, und der Kraft wahrer Liebe. Band 1: Der Kindersuchdienst - Für immer in meinem Herzen Band 2: Der Kindersuchdienst - Im Sturm an deiner Seite
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Kindersuchdienst
ANTONIA BLUM lebt mit Mann, Kind und einem neugierigen Hund an einem der schönsten Flecken Deutschlands, wo sie auch ihre Liebe zum Schreiben entdeckte. In ihren Romanen nimmt sie die Leser mit auf Zeitreisen, weil das Eintauchen in die Vergangenheit eines der aufregendsten Abenteuer für sie ist. Es sind längst vergessene Orte oder verstaubte, alte Bücher, die bei ihr den Funken für eine neue Geschichte entzünden. Seit Antonia in der Bibliothek ihrer Heimatstadt auf bewegende Berichte über den Kindersuchdienst in Hamburg stieß, liebt sie es, durch die engen Gassen der Speicherstadt zu streifen, bei den Alsterschwänen zu sitzen und die historische Atmosphäre der Hansestadt aufzusaugen.
Der wahre Kern der RomanreiheSeit 1945 sucht das Deutsche Rote Kreuz Vermisste, etwa aus dem Zweiten Weltkrieg, auch Hunderttausende Kinder, die vor allem in den Wirren der letzten Kriegswochen von ihren Eltern getrennt wurden. Unter ihnen waren viele Säuglinge und Kleinkinder, die weder ihre Adresse noch ihren vollständigen Namen oder den ihrer Eltern kannten. So wurden Narben, Leberflecke oder der alte braune Teddybär wichtige Wiedererkennungsmerkmale.Berührt und inspiriert von vielen Einzelschicksalen, schrieb Antonia Blum ihre neue Romanreihe. Für sie ist die große Namenssuchkartei des Deutschen Roten Kreuzes eine »Bibliothek der Schicksale«, die unzählige herzerweichende, aber auch tragische Familienzusammenführungen ermöglicht hat. Bis heute hilft der Kindersuchdienst in Hamburg, Kinder und Eltern wieder zu vereinen, die durch humanitäre Katastrophen getrennt wurden.
Antonia Blum
Für immer in deinem Herzen
Ullstein
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
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Nachwort
Literaturhinweise
Anmerkungen
Leseprobe: Kinderklinik Weißensee - Zeit der Wunder
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Die Geburt dauerte nun schon zwei Tage, genauso lange, wie das Unwetter draußen tobte. Der Wind heulte kreischend und zerrte an den Fensterläden, die gegen das Haus schlugen. Der Sturm schleuderte Regenböen auf das Dach und lockerte Ziegel.
Wo sie herkam, war man überzeugt davon, dass eine Geburt bei Sturm Unglück brachte. Dort nannte man solche Neugeborenen Sturmkinder und sagte voraus, dass ihre Leben von Tragödien überschattet sein würden.
Die Helferin hockte hinter ihr, um das Kind nun mit den Händen auszutreiben. Sie selbst lag keuchend und schwitzend auf einer durchgelegenen Matratze. Vor Kraftlosigkeit wurde ihr immer wieder schwindelig, sodass sie meinte, jeden Moment in die Hölle geholt zu werden. Sie war unter falschem Namen hergekommen. Keine Frau, die hier entband, gab ihre Identität preis.
»Wir brauchen die Zange!«, hörte sie die Hebamme sagen, die das Hörrohr an ihren Bauch drückte, »Die Herztöne des Kindes werden langsamer.«
Sie ahnte, was nachlassende Herztöne bedeuteten. »Bitte … retten Sie … mein Kind!«, flehte sie keuchend.
Die Helferin tupfte ihr die Stirn ab und strich ihr über die Wange. »Alles wird gut werden.«
Mit jedem weiteren Atemzug wurde sie überzeugter, dass dies nicht stimmte. Ihr Körper war am Ende, nicht mehr fähig zu irgendeiner anderen Regung als Schmerz.
»Ich habe die Zange angesetzt«, erklärte die Hebamme. Bei diesen Worten erleuchtete ein Blitz den Raum. Dann folgte ein Donner, der die Wände erschütterte.
Bei der nächsten Presswehe schrie sie noch einmal lauter und übertönte das Unwetter.
»Der Kopf ist da«, sagte die Hebamme endlich. »Pressen Sie nur noch ein einziges Mal!«
Sie sah verschwommen, wie die blutverschmierte Geburtszange zur Seite gelegt wurde. Dann presste sie, aber bald blieb ihr die Luft weg. Sie war gefangen in einem Strudel aus Schmerz und Ohnmacht. Mit einem letzten, verzweifelten Schrei brachte sie ihr Kind zur Welt.
Sie wischte sich den brennenden Schweiß aus den Augen und lächelte müde. Das Kleine war überzogen von Schleim und Blut, und es strampelte in den Händen der Hebamme. Es war wunderschön, auch wenn sein Köpfchen von der Zange verformt war und Blutergüsse aufwies. Ein Wesen so zierlich, so lebendig. Es war ihr erstes Wunder im Leben.
Sie wollte nach ihrem Kind greifen, aber die Hebamme übergab es in die Arme der Helferin, die damit zum Waschbecken an der Wand ging.
Ihr Leib fühlte sich wie eine offene Wunde an. Erschöpft sackte sie ins Kissen zurück. Sehnsüchtig schaute sie zum Waschbecken, sah jedoch kaum mehr als strampelnde Beinchen.
Als sie die Nachgeburt aus sich herauspresste, dachte sie an den Vater ihres Kindes. Sie hatten sich nur einen einzigen Tag gekannt. Während der Riss zwischen ihren Beinen genäht wurde, versuchte sie immer wieder, einen Blick auf ihr Kind zu erhaschen, das von der Helferin gewindelt und angekleidet und kurz darauf aus dem Gebärzimmer gebracht wurde. Die Hebamme packte Nachgeburt und Nähzeug in eine Schüssel und ging ebenfalls.
Sobald sie allein war, hievte sie sich von der Matratze hoch und wankte zur Tür, obwohl sie warmes, frisches Blut an ihren Oberschenkeln spürte. Sie wollte wenigstens wissen, ob sie eine Tochter oder einen Sohn geboren hatte. Damit sie nicht zusammenbrach, hielt sie sich am Türrahmen fest. Nur einen einzigen Atemzug gestattete sie sich, um Kraft zu sammeln. Wenn sie länger zögerte, konnte es zu spät sein. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte sie die Klinke herunter und stieß die Tür auf.
Die Hebamme kam gleich angelaufen und schob sie zurück in ihren Raum.
»Ich will zu meinem Kind!«, protestierte sie und hielt sich an der Türklinke fest. Für eine einzige Berührung ihres Kindes wäre sie bereit gewesen, ihr Leben zu geben. So viele Monate hatte sie es unter dem Herzen getragen, seine Tritte gespürt und seine wiederkehrenden Schluckaufs, unter denen ihr Bauch gezuckt hatte. Jetzt wollte sie es in den Armen halten und lieben, auch wenn es anders vereinbart worden war.
Mit den Worten »Es gibt kein Zurück mehr« drückte die Hebamme ihr eine Tablette zwischen die Lippen und flößte ihr Wasser ein. »Die Adoption gibt dem Kind die Chance auf ein besseres Leben!«, sagte sie.
Sie nickte schwach und schluckte. Sie hatte ihrem Kind nichts außer Liebe zu geben. Und doch hätte sie nie zustimmen dürfen, es nach der Geburt wegzugeben.
»Gehen Sie jetzt in Ihr Bett, Sie müssen ruhen!«, verlangte die Hebamme, verließ das Gebärzimmer und drehte den Schlüssel im Schloss herum.
Sie sackte gegen die Tür und verstand, dass es einen noch stärkeren Schmerz als den Geburtsschmerz gab. Den Schmerz, wenn ein Mutterherz vor Sehnsucht brannte.
Während sie mit dem Rücken an der Tür hinabrutschte, liefen Tränen ihre Wangen hinab. Ihr Kind gehörte doch zu ihr.
31. Januar 1955
Oskar war ihr einziges Glück im Leben. Ohne ihn wäre Annegret nur das schmächtige Mädchen mit dem Schatten auf der Lunge gewesen, das bei der Lebensmittelversorgung nach dem Krieg Extramarken für Butter bekommen hatte. Mit ihm war sie eine Mutter und unendlich stolz, obwohl das Leben als unverheiratete Frau mit einem Kind ein Spießrutenlauf war. Immer wieder überlegte sie, einen Ehering zu tragen, damit sie mit Oskar an der Hand nicht mehr schief angeschaut wurde.
Es war halb sieben und Zeit, aufzustehen, doch Annegret versank mit einem zärtlichen Lächeln im Anblick ihres Sohnes. Der Siebenjährige schlief auf der Pritsche, die ihnen seit mehr als einem Jahr als Bett diente. Oskar hatte sich die Decke bis unters Kinn gezogen, und seine Füße ruhten am Ziegelstein, den sie am Vorabend auf dem kleinen Kohleofen erwärmt und ihm in Zeitungspapier eingewickelt ans Fußende gelegt hatte. Draußen war Winter, die Bäume und Sträucher in der Gartensiedlung kahl und dunkelbraun.
Annegret schob ihre Hand unter die Decke und barg Oskars Finger in ihren. Das Kerzenlicht vom Nachttisch überzog das Gesicht ihres Jungen, das von blonden Locken gerahmt wurde, mit einem orangefarbenen Schleier. Er schlief wie ein Engel. Am liebsten hätte sie ihn den ganzen Tag angeschaut, aber er musste in die Schule und sie zur Arbeit.
Bei der Vorstellung, dass heute am Blomkamp entschieden wurde, ob sie ihre einmonatige Probezeit beim Kindersuchdienst überstanden hatte, wurde ihr übel. Es sah nicht gut für sie aus, denn sie hatte einige Fehler gemacht.
»Mami«, sagte Oskar, kaum dass er die Augen geöffnet hatte.
Annegret wollte sich ihre Angst vor der Arbeitslosigkeit nicht anmerken lassen. »Guten Morgen, mein Spatz«, sagte sie gut gelaunt, schluckte ihre Übelkeit runter und zog ihren Jungen liebevoll an sich.
»Wie lange dauert es noch, bis wir Zuckerwatte im Hafen essen gehen?«, fragte er.
»Es dauert noch vierzehn Tage«, erklärte Annegret geduldig. Bei Einlaufparaden und Stapelfahrten, wie in zwei Wochen wieder eine anstand, wurde an den Landungsbrücken Zuckerwatte verkauft. Oskar war verrückt nach der Süßigkeit.
»Wirst du dieses Mal auch eine essen?«, wollte er wissen.
Annegret zögerte. Sie hätte das Geld für ihre Portion lieber zu den Notgroschen gelegt, aber bei Oskars bittendem Gesichtsausdruck nickte sie schließlich. »Versprochen.«
Sie half ihm aus dem Bett und führte ihn an die Waschschüssel, über der sie Bohnenpflanzen überwinterte.
Während Oskar sich wusch und Zähne putzte, schmierte sie ihm ein Butterbrot und legte noch eine Karotte mit in die Brotdose. Kurz blickte sie durch das feuchte Holzfenster nach draußen. Es hatte letzte Nacht geregnet. Der Boden war nass, und an der kahlen Felsenbirne neben der Laube hingen noch Tropfen.
Annegret ging mit zwei Zinkeimern zum Brunnen, bemüht darum, den grimmigen Gartennachbarn zu ignorieren. Der alte Herr Hansen kam selten aus seiner Laube, hockte dafür aber viele Stunden am Fenster und beobachtete sie wie auch heute.
Der Brunnen befand sich auf dem Vereinsplatz, von dem sternartig die Wege zu den Gartenlauben abgingen. Es waren knapp einhundert Parzellen, allesamt bewohnt, weil nach den Zerstörungen des Krieges noch nicht wieder genug Wohnraum da war. Als alleinerziehender Frau stand ihr lediglich ein Zimmer mit Kochnische zu, eine »Kochstube«, aber die meisten dieser Stuben hatten Kriegsbomben zerstört. Die mittlerweile neu gebauten Wohnungen waren ausschließlich für Familien konzipiert. Annegret war froh, in der Laube ihres Onkels, der seit dem Krieg verschwunden war, zu wohnen und den kleinen Garten drum herum von ihrer Tante pachten zu dürfen. Nach dem großen Streit mit ihrer Mutter, der inzwischen acht Jahre zurücklag, war sie von zu Hause weggegangen und seitdem auf sich allein gestellt. Und irgendwie ging es immer weiter. Nachdem Oskar geboren worden war, hatte sie in Heimarbeit Geld damit verdient, für vornehme Frauen Laufmaschen in Strümpfen und Stricksachen zu repassieren. Als Oskar vor einem guten Vierteljahr eingeschult worden war, hatte sie begonnen, Stellenanzeigen zu lesen, und war auf den Kindersuchdienst gestoßen.
Während Annegret Wasser in ihre Eimer laufen ließ, dachte sie mit Unbehagen an das bevorstehende Gespräch mit ihrem Vorgesetzten Herrn Krüger, in dessen Nähe sie sich vom ersten Tag an unwohl gefühlt hatte. Er hielt sie als Suchdiensthelferin für ungeeignet. Zum Glück hatte der Leiter des Kindersuchdienstes, Herr Doktor Seppelfricke, entschieden, ihr trotzdem eine Chance zu geben. In den zurückliegenden vier Wochen Probezeit hatte sie die Chance bekommen, alle zu überzeugen. Sie konnte nicht beurteilen, ob ihr das gelungen war. Sie hatte ihr Bestes gegeben. Heute würde sie das Ergebnis erfahren.
Annegret schleppte die mit Wasser gefüllten Eimer zur Laube. Im Kopf begann sie bereits, potenzielle neue Arbeitgeber durchzugehen. Vielleicht die Fischbratküche in der Reineckestraße? Nach der Entlassung würde sie direkt dorthin laufen und um eine Anstellung bitten. Und beim Fleischer ums Eck würde sie fragen, ob sie noch einmal anschreiben lassen durfte.
Zurück in der Laube, half sie Oskar aus dem Schlafzeug und rein in frische Socken und Unterwäsche, eine Hose und einen dicken Pullover. Darüber kamen Jacke und Mütze und zuletzt die Schuhe.
Während sie das Geschirr vom Frühstück im frischen Wasser abwusch, ermahnte sie Oskar: »Wir müssen uns heute beeilen. Auf keinen Fall darf ich zu spät zur Arbeit kommen.« Damit sie sich vor Aufregung beim Gespräch mit Herrn Krüger nicht erbrach, aß sie lieber nichts zum Frühstück. Oskar bekam eine Schnitte in die Hand und die Brotdose für den Schulranzen.
Während der Junge seine Verpflegung verstaute, band Annegret sich ihr braunes, langes Haar am Hinterkopf zusammen und kämmte sich die kurzen Stirnfransen glatt, wie sie es jeden Tag tat, seitdem sie zehn war. Sie wagte es nicht, ihr Haar offen zu tragen, denn das war verpönt.
Sie zog ihren Mantel an, griff sich ihren Beutel und den Schulranzen. Zuletzt hängte sie Oskar den Schlüssel um den Hals und pustete die Morgenkerze aus. Dann konnte es losgehen. Wie jeden Werktag schloss Annegret die Laube ab und richtete ihren Blick geradeaus auf das Gartentor. Hoffentlich kam der Frühling bald. Sie liebte das Licht und die vielen Farben am Beginn des neuen Gartenjahres, außerdem würde Herrn Hansens Fenster dann hinter der Ligusterhecke an der Parzellengrenze verschwinden.
Oskars Schule befand sich ein gutes Stück weg von der Schrebergartensiedlung. Auf schlammigen Wegen verließen sie die Anlage. Wie jeden Morgen brachte Annegret ihren Sohn bis an das Tor des Schulgeländes. »Hab einen schönen Tag, mein Spatz.« Sie küsste ihn auf die Stirn und hielt seine Hand noch etwas länger fest als nötig.
»Ja, ganz bestimmt, Mami!« Oskar grinste breit. »Heute habe ich nämlich kein Lesen.« Seine großen braunen Augen und sein blondes Haar um das rundliche Gesicht waren zauberhaft. Freudig lief er auf seine Klassenkameraden zu. Der tägliche Abschied fiel ihm leichter als ihr.
Seit Annegret vor einem Monat beim Kindersuchdienst des Deutschen Roten Kreuzes angefangen und täglich mit elternlosen Kindern zu tun hatte, hatte sie Angst, Oskar zu verlieren, sobald sie ihn aus den Augen ließ. Nachts träumte sie davon, dass sie von der Arbeit heimkam und er nicht mehr da war. Einfach weg aus ihrem Leben, wie die verlorenen Kinder, deren Verbleib sie und ihre Kolleginnen aufzuklären versuchten.
Sie machte sich auf den Weg zum Blomkamp, wo der Suchdienst seinen Sitz hatte. Hamburgs Straßen waren voll mit Bussen, Autos und mit Fußgängern, die sich wie sie die öffentlichen Verkehrsmittel nicht leisten konnten. Das wenige Geld, das sie hatte, gab sie für Lebensmittel oder für Oskar aus. Und alle vierzehn Tage legte sie einen Notgroschen beiseite.
Der Blomkamp durchlief den Hamburger Stadtteil Osdorf, wo Dorf auf Großstadt traf. Hier standen geduckte, reetgedeckte Häuser sowie kühle Zweckbauten mit schlichten grau verputzten Fassaden und Flachdächern, und es gab grüne Felder neben reichen Prunkhäusern. Genau wie die Schrebergartenanlage war Osdorf Teil des Verwaltungsbezirks Altona.
Nach einer Dreiviertelstunde Fußmarsch erreichte Annegret den Suchdienst. Er befand sich in einer ehemaligen Schule, die bis auf zerstörte Fensterscheiben die Bombenangriffe auf Hamburg überstanden hatte. Das zweigeschossige Gebäude war verklinkert und besaß hübsche Sprossenfenster. Durch den Efeu an der Fassade wirkte es verwunschen und erinnerte Annegret an eines der Häuser aus Oskars Märchenbuch. Ihr Blick glitt über die roten Buchstaben über dem Eingang: KINDERSUCHDIENST. Da, wo früher die Schuluhr gehangen hatte, prangte unübersehbar das rote Kreuz.
Annegret hätte sich nie träumen lassen, dass sie beim Deutschen Roten Kreuz arbeiten durfte – wenigstens für einen Monat. Die Organisation half Bedürftigen und Menschen in Not, vor allem Alten, Frauen und Kindern. Wenn sie Oskar schon nach Schulschluss drei Stunden allein in der Laube lassen musste, dann um Bedürftigen zu helfen.
Nervös befingerte sie die Knopfleiste ihrer gelben Strickjacke unter dem Mantel. Nach einem tiefen Atemzug betrat sie das Gebäude durch die schwere hölzerne Eingangstür. Mit den hohen Decken, dem gefliesten Flurboden und den geschmiedeten Treppengeländern im Inneren erinnerte es sie an ihre letzte Schule. Ihr Magen zog sich zusammen, wenn sie daran dachte, dass sie von Lehrern wie Klassenkameraden gleichermaßen als dumm beschimpft worden war. In dieser Zeit war sie zur Außenseiterin geworden.
Sie ging vorbei an der Besuchertür, über der das Schild SUCHANFRAGEN HIER prangte, und betrat den größten Raum des Erdgeschosses durch die Personaltür. Die Aula war ein prächtiger Raum mit Parkettboden im Fischgrätenmuster und dunklen, holzvertäfelten Wänden. Wo früher imposante Kronleuchter schulische Festveranstaltungen beleuchtet hatten, hingen heute einfache Lampen. Die alten Schulbänke dienten den Mitarbeiterinnen als Schreibtische. Der große Tresen bei der Besuchertür war eine der wenigen Neuanschaffungen beim Einzug gewesen.
Nach einem kaum hörbaren »Guten Morgen« und einem kurzen Blick zum groß gerahmten Porträt an der Wand, das Bundeskanzler Adenauer zeigte, zog Annegret ihren alten Mantel aus. Sie hängte ihn über die Stuhllehne und setzte sich an ihren Tisch in die Ecke des Raumes. Es war gerade acht Uhr. Eine Viertelstunde blieb ihr noch bis zum Gespräch. Ihre Anspannung stieg, und sie konnte sich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Um sie herum klapperten die Schreibmaschinentasten heute leiser, und die Klingelzeichen, die das Zeilenende anzeigten, erklangen seltener. Annegret sah sich um. Nicht einmal die Hälfte aller Tische war besetzt. Bereits vergangene Woche hatten sich einige Kolleginnen wegen Grippe krankgemeldet. Ihr Blick blieb an Dagmar Lührs hängen, die am Tresen telefonierte. Die Kollegin war kräftig gebaut, trug ihr blondes Haar dank Kaltwelle gelockt und schwere Messingclips an den Ohren, die ihre Ohrläppchen lang zogen. Sie schwärmte gerne vom neuesten Modeschmuck und vom früheren Königsberg, aus dem sie stammte. Dagmar war eine schillernde Kollegin, das genaue Gegenteil von ihr selbst, dachte Annegret. Mit ihrer angenehm weichen Stimme nahm Dagmar Telefonate entgegen und erteilte Suchenden Auskunft. Die zentrale Nummer stand auf allen Postern und Broschüren des Kindersuchdienstes: Vorwahl Hamburg und zweimal die Dreiundzwanzig.
Jutta Seidenschwanz näherte sich Annegret. »Guten Morgen, Fräulein Dietzel.« Die knapp fünfzigjährige Witwe hatte sie eingearbeitet und ein wohlwollendes Wort für jedermann. Sie war die Älteste in der Abteilung und belesen, denn sie hatte früher als Bibliothekarin gearbeitet, wie sie ihr erzählt hatte. Sie liebte es, zu organisieren und katalogisieren. Das Markanteste an ihr war die übergroße schwarze Brille. »Alles Gute für Ihr Gespräch gleich«, sagte sie.
»Danke«, erwiderte Annegret leise, beinahe ehrfürchtig. Diesen Monat waren Jutta bereits zwei Zusammenführungen gelungen. Annegret bekam jedes Mal vor Rührung eine Gänsehaut, wenn eine Kollegin erfolgreich ein Kind mit seinen Eltern vereinen konnte.
»Auch von mir: Toi, toi, toi!«, rief Dagmar vom Tresen. »Wie wäre es mit einem Keks zur Stärkung? Meine neueste Kreation.« Dagmar deutete auf die Dose auf dem Tresen, wobei ihre Armreife am Handgelenk klimperten.
»Nein danke«, sagte Annegret höflich, was Dagmar aber nicht davon abhielt, die Dose zu öffnen und mit ihrer seidigen Stimme zu beschreiben, wie sie fein gehackten Rosmarin mit Zucker und Meersalz zu einem salzig-süßen Geschmackserlebnis kombiniert hatte. Sie hätte Radiomeldungen sprechen können.
Der Duft des Gebäcks verbreitete sich im Raum, und Annegret konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie ein buttriger Keks auf ihrer Zunge zerging. Schnell rief sie sich ihren empfindlichen Magen ins Gedächtnis und schüttelte ablehnend den Kopf. Außerdem musste sie vorsichtig sein, sich den netten Kolleginnen nicht zu sehr zu öffnen, sonst rutschte ihr noch ihr Geheimnis heraus.
Kollegin Renate Kunstmann trat an ihren Schreibtisch. Sie richtete den Kragen von Annegrets Bluse und zupfte Wollkügelchen von ihrer Strickjacke. »So, jetzt ist es besser.« Sie knuffte ihr ein paarmal in die Wangen, sodass sie warm und rot wurden. »Vielleicht tragen wir beim nächsten Mal etwas Rouge auf, Fräulein Dietzel.«
»Maache Se sisch kein Sorje! Dat schaffe Se schon!«, rief Elli Sander von den Telefonplätzen her, die durch Stellwände abgeschirmt waren. »Gonn Se effe rin, lächeln Se, und dat läuf vun allein!« Sie lachte auf, und einige Kolleginnen fielen in ihr ansteckendes Lachen mit ein, aber bei Annegret zuckten nicht einmal die Mundwinkel.
Ihr Blick wanderte zur Uhr. Es war sieben nach acht. Sie nickte den anderen zu und machte sich auf ins Obergeschoss zu Herrn Krüger. Jochen Krüger leitete die Abteilung für Findelkinder, die größte des Kindersuchdienstes, der auch Annegret angehörte. Knapp vierzigtausend Fälle warteten in den Karteikästen auf Zusammenführung. Die Mehrheit von ihnen waren Minderjährige, die ihre Eltern in den Kriegswirren verloren hatten, oft im Bombenhagel der letzten Monate und während des Vormarschs der Roten Armee.
Still wartete Annegret vor dem alten Physiksaal. Die Zeit schien nicht zu vergehen. Am liebsten hätte sie das Gespräch verschoben, aber sie brauchte Gewissheit darüber, wie es für Oskar und sie weiterging. Ihr beider Überleben hing von ihrem Einkommen ab. Dabei ging es nicht nur um Essen, Heizen und um Dinge, die Oskar für die Schule benötigte, sondern auch um die Pacht für den Schrebergarten und das Dach über ihrem Kopf.
Ihre Augen wanderten nervös über den Flur, vorbei am Vorzimmer von Doktor Seppelfricke und zurück zum Physiksaal. Dann sprangen sie zur Tür, hinter der sich die zentrale Namenskartei verbarg, und weiter zu den Büros der anderen drei Abteilungsleiter. Neben der Abteilung für Findelkinder gab es noch die für Wolfskinder, in der sie auch schon ein paar Tage gearbeitet hatte, dann die für unbegleitete Kinder aus Konzentrationslagern – die kleinste des Suchdienstes – und die Abteilung für Zivilverschleppte jeden Alters, deren Abteilungsleiter die Kolleginnen gerne mal ins Kino oder Theater einlud als Dankeschön für ihren Einsatz. Soweit Annegret das mitbekommen hatte, arbeiteten in allen vier Abteilungen ausschließlich Frauen. Nur die Leitungspositionen waren mit Männern besetzt.
Sie konnte ihr Herz in der Brust hämmern hören, und ihr wurde übel. Um sich abzulenken, zählte sie schließlich die Ziegelsteine an den unverputzten Wänden. Zwei Minuten vor dem Termin klopfte sie kaum hörbar an die Tür des Abteilungsleiters. Jetzt nur nicht übergeben!
Ein kräftiges »Herein!« ließ sie wenige Schritte in den Physiksaal gehen. Ihr Blick glitt unstet die hölzernen Schülerbänke hinab, die wie in einem Theater treppenartig abfielen, bis er den Abteilungsleiter an dem wuchtigen Schreibtisch fand. Jochen Krüger wurde von der riesigen, mehrflügeligen Wandtafel hinter ihm gerahmt wie ein Priester von einem Triptychon in der Kirche. Sein rotes Haar leuchtete im Licht der elektrischen Deckenlampe.
Viel wusste Annegret nicht über ihren Vorgesetzen. Es hieß, er sei Anfang vierzig und wohne im Stadtteil Ottensen in einer Wohnung nur für sich allein, ohne Einquartierte. Von dort kam er jeden Morgen mit einem Motorrad knatternd vor die alte Schule gefahren. Vorsichtig wünschte sie einen Guten Morgen.
»Bitte treten Sie näher und setzen sich!« Seine Stimme hallte kühl zwischen den hohen Wänden nach. Aufmerksam verfolgte Jochen Krüger Annegrets Gang bis an seinen Schreibtisch.
Auf einmal war sie sich ihrer schlichten Kleidung nur zu bewusst. Als einzige Mitarbeiterin trug sie keinen Rock, sondern noch die alten Hosen aus dem Krieg. Dazu eine geflickte weiße Bluse mit rundem Kragen unter der geliebten gelben Strickjacke. Die war ein Erbstück ihrer Großmutter, die sie trotz ihrer Altersspuren gegen nichts in der Welt eintauschen wollte.
Annegret war froh, als sie den rettenden Stuhl am Tisch erreichte. Doch das Möbel war viel zu breit für ihren zierlichen Körper, und sie fühlte sich fehl am Platz. Gedanklich legte sie sich schon Entschuldigungen für alles zurecht, was sie in ihrer Probezeit falsch gemacht hatte.
Jochen Krüger öffnete die Personalakte, auf der ihr Name stand. Um seine Augen und an den Schläfen war noch der Abdruck seiner Motorradbrille zu erkennen. »Sie sind nun seit vier Wochen bei uns«, sagte er und schaute auf. Zu seiner Linken lagen Dutzende Karten auf dem Schreibtisch, vermutlich Danksagungen von Sucheltern. Er war wohl noch nicht dazu gekommen, sie in den Flur im Erdgeschoss zu den anderen Danksagungen zu hängen.
Annegret nickte mit Unbehagen. Bestimmt wollte er zuerst über ihre Fehler sprechen. Einmal hatte sie bei einer Besprechung vor Aufregung eine Tasse Kaffee umgekippt und wichtige Unterlagen damit beschmutzt. Ein anderes Mal hatte sie für eine Befragung ein Geschwisterpaar in das falsche Zimmer geführt, weil sie sich in der alten Schule noch nicht gut genug auskannte. Am meisten schämte sie sich jedoch dafür, dass sie sich, als sie das erste Mal Protokoll bei einer Zusammenführung schreiben sollte, im Gesprächszimmer vor Aufregung in die Strelitzie übergeben hatte. An ihre fehlerhaften Amtsbriefe wollte sie gar nicht denken. Wer so schlecht schreibt wie Sie, kann eigentlich gar nichts!, hatte ihr Vorgesetzter sie getadelt, nachdem er ihr erstes Schriftstück gesehen hatte.
Jetzt sah er Annegret mit missbilligendem Ausdruck an. »Ihre Arbeit genügt nicht den intellektuellen Anforderungen, die ich an meine Mitarbeiterinnen stelle, Fräulein Dietzel. Sie können nicht schreiben, und beim Lesen suchen Sie die Buchstaben wie Nadeln im Heuhaufen. Sie stehen mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß!«
Beschämt senkte Annegret den Blick. Ihr geliebter Vater hatte immer mit dem Wort »Portemonnaie« Probleme gehabt, sie hingegen konnte viel leichtere Wörter nicht buchstabieren. Und beim Lesen ergaben die Sätze oft keinen Sinn. Ständig verrutschte sie in der Zeile. Worte waren ihre Feinde, damit hatte Herr Krüger recht, aber sie war sich sicher gewesen, dass ihre Amtsbriefe besser geworden waren. Sie hatte sie doppelt und dreifach kontrolliert.
Jochen Krüger schlug die Personalakte mit einer entschiedenen Geste zu. Das Kapitel Annegret Dietzel war damit wohl beendet. »Ich habe von Anfang an bezweifelt«, betonte er, »dass eine Frau ohne Schulabschluss, die obendrein nicht richtig schreiben kann, zum Kindersuchdienst passt.«
Annegret musste sich zwingen, langsam zu atmen, um die aufkommende Panik zu unterdrücken. Sie würde ab morgen ohne Einkommen sein. Der Boden unter ihrem Stuhl schien zu wanken, und für einen Moment glaubte sie, dass sie ohnmächtig werden könnte. Wenigstens übergab sie sich nicht.
»Natürlich«, murmelte sie wie benommen, erhob sich und kämpfte sich die Stufen hinauf zur Tür des Physiksaales. Sie würde ihrem Sohn nie ein besseres Leben bieten können. Zumindest nicht, solange Menschen wie Jochen Krüger über ihr Schicksal bestimmten. Ihr Vater hatte in angespannten Situationen gerne mit den Worten von Isaac Newton gesprochen: Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.
»Aber ich muss Sie trotzdem übernehmen, weil der Chef es so will«, knurrte Jochen Krüger.
Annegret blieb stehen, zögerte aber, sich umzudrehen und hinabzuschauen. Hatte sie sich verhört?
»Doktor Seppelfricke hat wohl Mitleid mit Ihnen. Anders kann ich mir seine Anweisung nicht erklären«, sagte Jochen Krüger. »Außerdem setzt er darauf, dass Sie als unverheiratete und kinderlose Frau eine besonders zuverlässige Mitarbeiterin sein werden.«
Doktor Seppelfricke war schon beim Einstellungsgespräch ihr Fürsprecher gewesen. Annegret drehte sich langsam um und trat an den Treppenabsatz. Ihre Stimme zitterte, als sie ein »Danke« herausbrachte. Plötzlich überflutete sie das schlechte Gewissen, und sie begann heftig zu schwitzen. Sie hatte beim Einstellungsgespräch gelogen, ja, sogar ihrem Fürsprecher die Wahrheit vorenthalten. Hätte sie Oskar jedoch erwähnt, hätte sie das Angebot zur Probearbeit bestimmt nicht erhalten. Berufstätige Frauen hatten kinderlos zu sein. Ansonsten verachtete man sie, weil sie ihre Familie vernachlässigten. Spätestens mit der Hochzeit mussten sich die meisten Frauen gegen den Beruf und für ein Dasein am Herd und im Heim entscheiden. Annegret war darauf angewiesen, dass die Millionenstadt ihre Lüge deckte. Hamburg war groß genug, dass man sich nach der Arbeit nicht über den Weg lief.
Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie wirklich bleiben durfte. Eine Welle der Erleichterung schwemmte das schlechte Gewissen hinfort. Sie würde in der Lage sein, die Pacht für die Gartenlaube weiterzubezahlen, an den Nachmittagen und an den Wochenenden zu heizen und Oskar ein gebrauchtes Fahrrad zum Geburtstag zu schenken. Und sie durfte weiter dazu beitragen, Familien wieder zusammenzubringen. Am liebsten hätte sie gejauchzt vor Freude, aber das war nicht ihre Art. Sie stieg die Treppen wieder hinab, um sich noch einmal zu bedanken, aber Jochen Krüger ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Ich werde Sie genau im Auge behalten, Fräulein Dietzel, und beim ersten schwerwiegenden Fehler sitzen Sie auf der Straße! Ledig und kinderlos hin oder her. Für Menschen wie Sie kann die Regierung nicht ewig Geld verschleudern. Das wird auch Doktor Seppelfricke einsehen müssen«, sagte er und murmelte noch: »Den Schlüssel für das Gebäude erhalten Sie von Frau Hahn.«
Das klang nicht wie ein »Willkommen in meiner Abteilung«. Doch Annegret wollte jetzt nicht daran denken, dass es beim Suchdienst hier in Hamburg genauso wie in München finanzielle Probleme gab. Die Frauen flüsterten es sich schon von Schreibtisch zu Schreibtisch zu: Es kam immer weniger Geld von der Politik, weil die Menschen zehn Jahre nach Kriegsende nicht mehr an Sucherfolge glaubten.
»Und jetzt gehen Sie schon!« Jochen Krüger wies hoch zur Tür. »Und wenn Sie das nächste Mal eintreten, streifen Sie Ihre Stiefel am Abtreter vor dem Gebäude ab und tragen Ihren Dreck nicht bis vor meinen Schreibtisch.«
Beschämt blickte Annegret auf die dunklen Erdklumpen, die sich auf dem Weg zum Schreibtisch von ihren Stiefeln gelöst haben mussten. »Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich.
Es klopfte an der Tür.
»Jetzt nicht!«, rief der Abteilungsleiter, schon wieder in eine Akte vertieft.
»Es ist dringend, Herr Krüger!«, beharrte Dagmar mit ihrer schönen Stimme, der nicht einmal der Abteilungsleiter widersprechen konnte.
Er erhob sich schwungvoll vor seinem Tafel-Triptychon, stieg federnden Ganges an Annegret vorbei die Treppen hinauf zur Tür und öffnete diese.
»Würden Sie bitte runter zum Tresen kommen? Ein neuer Suchauftrag, bei dem Ihre Hilfe benötigt wird«, erklärte Dagmar. »Die Dame am Suchtresen, eine Frau Voss, möchte ausschließlich mit Ihnen sprechen.«
»Eigentlich habe ich den Tisch voller Arbeit«, antwortete Jochen Krüger. »Sie sagten Barbara Voss?«, fragte er nach.
Dagmar nickte. »Wie gesagt, Frau Voss beharrt auf Ihrer Anwesenheit.« Sie lächelte, wenn sie sprach.
Annegret huschte an beiden vorbei und beeilte sich, an ihren Tisch zurückzukommen. Dort begann sie, ihre Stiefel mit einem Taschentuch zu putzen. Aber weit kam sie nicht, weil die Frau am Tresen ihre Aufmerksamkeit band. Frau Voss musste Mitte dreißig sein. Sie trug ein dunkelgrünes Kostüm mit Schößchen und Revers, und ihre Haare waren frisch gelegt. Mit ihrer blassen Haut und dem rosa Puder auf den Wangen sah sie aus wie die Frauen auf den Modemagazinen, die Annegret von manchem Kiosk aus anlächelten.
Als Herr Krüger an den Tresen kam, trat Frau Voss nah an ihn heran. »Jochen, endlich.« Sie klang erleichtert.
»Barbara, guten Tag. Schön, dich wiederzusehen. Du willst eine Suchanfrage aufgeben?« Jochen Krügers Ton klang vertraut, als würden sie einander gut kennen.
Annegret wusste nicht, ob der Abteilungsleiter verheiratet war oder Beziehungen ohne Verpflichtungen bevorzugte. Einen Ring trug er jedenfalls nicht. Sie wollte sich auf ihre dreckigen Stiefel konzentrieren, aber das, was Frau Voss sagte, berührte sie, und sie hörte weiter zu.
»Ich habe die Erinnerungen an meinen Sohn lange verdrängt, weil es mir aussichtslos schien, ihn zu finden. Aber die Bilder aus Königsberg gehen mir einfach nicht aus dem Kopf. Sie erscheinen mir sogar in meinen Träumen«, sagte Frau Voss verzweifelt. »Und dann wache ich auf und muss weinen. Jochen, ich kann nicht mehr! Ich muss wissen, was mit meinem Kind geschehen ist. Und als ich deinen Namen in einem Zeitungsartikel über den Kindersuchdienst gelesen habe, habe ich mich hergetraut.«
Jochen Krüger nickte, dann schaute er sich in der Aula um. Von den sechzehn Kolleginnen der Abteilung Findelkinder war die Hälfte krank oder auf Dienstreise. »Komm, Barbara. Wir gehen in unser Gesprächszimmer, dort haben wir Ruhe. Aber ich brauche Unterstützung beim Protokollieren und Aufnehmen deiner Daten«, sagte er. Sein Blick blieb widerwillig auf Annegret hängen.
Die ließ ihr dreckiges Taschentuch sinken, während sie sich umsah. Sie schien die Einzige zu sein, die nicht in Arbeit versunken war. Wie unangenehm, wo der Abteilungsleiter eben noch in ihrem Zusammenhang von Geldverschwendung gesprochen hatte.
»Fräulein Dietzel wird uns als Protokollantin begleiten«, bestimmte Jochen Krüger und verzog dabei das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
»Ich hole die Dokumente zur Aufnahme der Suchanzeige«, sagte Annegret leise und ging zum Schrank mit den Formularen. Sie durfte sich jetzt keinen Fehler mehr erlauben.
Zwei Minuten später saßen sie in jenem Zimmer, das für Gespräche mit Suchenden reserviert war. Die großen Sprossenfenster ließen viel Licht hinein. Gepolsterte Stühle, ein runder Tisch in der Mitte und die bunte Strelitzie, die mit ihren orange- und lilafarbenen Blüten an die Köpfe von Paradiesvögeln erinnerte, schufen eine vertrauliche Atmosphäre. Früher war es der Zeichenraum der alten Schule gewesen, was an den Farbspritzern auf dem Boden unschwer zu erkennen war. Jedes Mal, wenn Annegret hier hereinkam, sah sie in ihrer Vorstellung an den Hakenleisten an der Wand die weißen Mäntel hängen, die zum Zeichenunterricht getragen wurden.
Konzentriert legte sie sich die Karteikarten und einen Kugelschreiber zurecht. Nach ihrem ersten Protokoll vor zwei Wochen, bei dem die Strelitzie ihre Aufregung hatte ausbaden müssen, hatte sie die Punkte auf der Stammkarte auswendig gelernt. Sie hatte jahrelange Übung darin, so zu tun, als würde sie lesen, wenn sie in Wirklichkeit Texte aufsagte. Das war leichter. Beim Lesen zögerte sie zwischen den einzelnen Wörtern und verlor oft die Zeile.
Annegrets Hand zitterte, als sie ihre erste Stammkarte eigenhändig ausfüllte. Name, Adresse, Geburtsdaten, mit Frau Voss zusammenlebende Familienangehörige … Es war ihr unangenehm, wie lange sie brauchte, jedes einzelne Wort zu schreiben.
»Ich suche meinen Eberhard«, sagte Frau Voss, »meinen Augenstern, geboren neunzehnhundertzweiundvierzig in Königsberg, Ostpreußen.«
Annegret trug diese Informationen samt heutiger Bezeichnung des nunmehr sowjetischen Ortes Kaliningrad in die zweite Karte ein, die vor ihr lag, die Suchkarte. Es hatte seinen Vorteil, dass Frau Voss sie gar nicht anschaute, denn so sah sie ihre krakelige Schrift und ihre Durchstreichungen nicht. Aber dass es eine Ewigkeit dauerte, fiel ihr sicher trotzdem auf.
»Meinen Eberhard habe ich in Königsberg verloren. Eigentlich hat unser Drama schon mit der Zangengeburt begonnen, aber das ist hier nicht von Relevanz«, berichtete die Frau weiter und wandte Annegret die kalte Schulter zu. »Nach der Kapitulation der Deutschen kam die Rote Armee nach Königsberg. Wir hatten kaum etwas zu essen, viele wurden krank. Eberhard und ich hausten zwischen Trümmern in einem Zelt. Damit wir überleben konnten, sammelte ich Essensreste aus Mülltonnen.« Barbara versuchte offensichtlich, gefasst zu bleiben, doch die Worte kamen immer schneller aus ihr heraus, als wollte sie sie endlich loswerden. »Wir haben irgendwie überlebt«, sprach sie weiter, »bis Eberhard die Krätze bekam. Sein armer Körper war mit lauter Blasen und Knoten überzogen, die sich eitrig entzündeten. Ich hatte Angst, dass er stirbt«, erzählte sie mit nunmehr entrücktem Blick, als würde ihr Kind in diesem Moment krank in ihren Armen liegen.
In ihrer Vorstellung konnte Annegret sehen, wie der mit Blasen übersäte Eberhard gelitten hatte. Sie wollte sich nicht ausmalen, was wäre, sollte Oskar in eine solche Lage geraten. Sie würde den Verstand verlieren.
»An Pfingstsonntag fünfundvierzig trug ich Eberhard in ein deutsches Krankenhaus. Ich weiß nicht einmal mehr, wie es hieß«, fuhr Frau Voss fort. »Und weil dort Kinder nur noch gegen Lebensmittel aufgenommen wurden, gab ich meinen Jungen als Waisen aus.«
Bei einem anderen Suchfall hatte Annegret von dieser Notlüge bereits gehört. Nur Waisen bekamen damals noch Lebensmittelzuteilungen, die bei der stationären Aufnahme direkt an das Krankenhaus gingen.
»Ich wollte ihn wieder abholen, sobald er gesund war, aber ich war nicht schnell genug. Das Krankenhaus wurde unerwartet evakuiert und die Patienten woanders untergebracht. Niemand dokumentierte in dem Durcheinander die neuen Aufenthaltsorte. Alles musste schnell gehen.« Frau Voss saß zusammengesunken auf dem Stuhl. »Meinen kleinen Eberhard habe ich nie wiedergesehen. Ich habe ein schrecklich schlechtes Gewissen, ihn überhaupt ins Krankenhaus gegeben zu haben!«
»Du trägst keine Schuld an seinem Verschwinden, Barbara«, versicherte Jochen Krüger ihr in beinah zärtlichem Ton, den Annegret von ihm nie zuvor gehört hatte.
Heimlich wischte sie sich die Tränen von den Wangen, während sie sich Notizen auf der Suchkarte machte, mittels derer sie den Lebensweg des Suchkindes rekonstruieren wollte.
Frau Voss straffte sich und legte ihren rechten Unterarm auf den Tisch, streckte die Hand Herrn Krüger entgegen. »Ich spüre, dass mein Eberhard noch lebt, Jochen.«
Er berührte sie nicht. »Was kannst du uns sonst über deinen Jungen sagen?«, wollte er stattdessen wissen, sah aber Annegret an. »Fräulein Dietzel, lesen Sie die Merkmale vor, die wir für Eberhard erfassen wollen!«, verlangte er.
Annegret sprach flüssig, weil sie sich auch diese Worte eingeprägt hatte: »Haarfarbe, Augenfarbe, mitgeführte Gegenstände, körperliche Auffälligkeiten«, begann sie und tat, als würden ihre Augen über die Buchstaben gleiten. Gleich an ihrem ersten Tag hatte Jutta ihr das grundsätzliche Vorgehen erklärt: Pro Person, die sich bei ihnen meldete, wurden eine Stammkarte und eine Suchkarte ausgefüllt. Die Stammkarte enthielt die Daten des Suchenden; die Suchkarte die des Gesuchten. Dazu kam die Merkmalskarte für äußerliche Details.
Im Folgenden ging Annegret all diese Punkte mit Frau Voss durch. Das Auffälligste an Eberhard war wohl der kleine Leberfleck auf dem linken Ohrläppchen. Kinder mit braunen Haaren, braunen Augen gab es jedoch zuhauf.
»Fräulein Dietzel wird deine Anfrage jetzt einer Karteiprüfung unterziehen. Ich lasse dir derweil einen Kaffee machen, einverstanden, Barbara?«, schlug der Abteilungsleiter vor.
Annegret fiel auf, dass auf Frau Voss’ rosa gepuderter Wange eine Träne ihre Spur hinterlassen hatte. »Ich bin froh, hergekommen zu sein«, sagte sie nur an Jochen Krüger gewandt.
Annegret schenkte der Frau ein zuversichtliches Lächeln, auch wenn die nicht einmal in ihre Richtung sah. Die Sehnsucht der Mutter nach ihrem Kind konnte sie mit jeder Faser ihres Körpers nachvollziehen, und sie hoffte nur, dass die Karteiprüfung nicht ergab, dass Eberhard bereits verstorben war. Mit schwitzigen Händen nahm sie die Karteikarten an sich und verließ das Gesprächszimmer. Dem Abteilungsleiter kurz zu entkommen, tat gut.
Die zentrale Namenskartei befand sich im Obergeschoss, wo früher die Bibliothek gewesen war. Sie war ein heiliger Ort für Annegret, obwohl sie mit Buchstaben auf dem Kriegsfuß stand. Hier oben lagerten wertvolle Suchinformationen, durch die schon viele Familien wieder zusammengeführt worden waren. Unzählige Schicksale warteten noch auf Zusammenführung.
Fast ehrfürchtig drückte Annegret die eiserne Klinke der Bibliothek herunter und trat ein. Auch heute richtete sie den Blick zuerst nach oben zum Deckengemälde, das den Krieg überdauert hatte und den Himmel über Hamburg mit zahllosen funkelnden Sternen zeigte. Sogleich fühlte sie sich, als stünde sie mitten in der Nacht in einem dichten Wald aus Regalen, während die funkelnden Sterne ihr den Weg wiesen.
Annegret ließ ihre Augen über Reihen der hübsch verzierten, dunklen Holzregale schweifen. Im vorderen Bereich lagerte die Hamburger Kinderkartei, im hinteren die Münchner sowie die Kartei mit den Zivilverschleppten. Dort standen auch die Regale der UKs, der unbekannten Kinder. Das waren Kinder, die ihre Eltern vor dem zweiten oder dritten Lebensjahr verloren hatten und weder ihren Namen kannten noch einen Hinweis darauf bei sich trugen. Hinter jeder einzelnen Suchkarte stand ein Schicksal. Wenn Annegret hier oben heimlich die Augen schloss, meinte sie, die Stimmen fröhlicher Kinder und überwältigter Eltern nach einer geglückten Zusammenführung zu hören.
Aber jetzt musste sie sich konzentrieren. Sie riss von der Rolle am Eingang eine Fallnummer ab und klebte sie auf die Stammkarte. Auf die anderen Karteikarten, die sie eben im Gesprächszimmer ausgefüllt hatte, übertrug sie die Nummer mit ihrem Stift. Eberhard Voss und seine Mutter wurden zum Suchfall 629866, aber für sie würde es der Suchfall von Eberhard mit dem kleinen Leberfleck am Ohrläppchen bleiben.
Aus Respekt vor denjenigen Menschen, die schon viel zu lange auf ein geliebtes Familienmitglied verzichten mussten, ging sie stets bedächtig und langsam vor den Regalen entlang. Die Karteikarten wurden darin in Schubern gelagert und waren alphabetisch sortiert. Ein sanftes, warmes Licht fiel durch die Sprossenfester und verlieh dem Raum eine magische Atmosphäre. Es war, als würden die Personen aus den Karteikarten in diesem Licht lebendig werden und ihre Geschichten flüstern.
Annegret hielt auf die Regale mit dem Buchstaben »V« wie Voss zu. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie vor die Schuber für alle Nachnamen beginnend mit »Vo« trat und den ersten aus dem Regal zog. Aufgeregt tippte ihr Zeigefinger die Karteikarten durch. Da war sie, die Karte eines Voss, der seine Eltern suchte. Zeile für Zeile glich sie die Daten ab, aber es handelte sich um Daniel Voss, geboren neunzehnhundertneununddreißig. Auf seiner Merkmalskarte war auch kein Leberfleck am linken Ohrläppchen vermerkt. Annegret seufzte enttäuscht. Mehr Treffer mit dem Namen Voss enthielt die Hamburger Kartei nicht. München ergab ebenfalls keine Übereinstimmung, und bei den unbekannten Kindern mit dem Auffindeort Königsberg/Kaliningrad war kein Eberhard und auch kein Junge mit Leberfleck am Ohrläppchen festgehalten. Mit steifen Fingern sortierte sie die Karten von Frau Voss in die Hamburger Kartei ein und verließ die Bibliothek mit schwerem Herzen.
Als sie kaum hörbar die Tür zum Zeichenraum öffnete, ließ Frau Voss klirrend den Löffel fallen, mit dem sie eben noch in ihrer Kaffeetasse gerührt hatte. Annegret trat vor Herrn Krüger und schüttelte bedauernd den Kopf.
Mit einer ungeduldigen Handbewegung gab er ihr zu verstehen, dass sie Frau Voss direkt sagen solle, was die Karteiprüfung ergeben hatte. Damit machte er sie zur Überbringerin der Hiobsbotschaft.
Im ersten Moment versagte ihr die Stimme. »Es tut mir leid«, sagte sie schwach, »aber Ihr Sohn ist nicht in unserer Kartei erfasst. Es tut mir wirklich leid.«
Frau Voss nickte knapp, dann löste sie ihren Blick von Annegret. Er verlor sich irgendwo zwischen den Farbspritzern auf dem Boden des Zeichenraums.
»Fräulein Dietzel wird sich gleich daransetzen, Eberhards Verbleib in Königsberg zu recherchieren«, versprach der Abteilungsleiter.
Annegret schaute erschrocken auf. Schon wieder sollte sie Jochen Krüger zuarbeiten? Die Vorstellung, neue Fehler zu machen, löste in ihr eine tiefe Unruhe aus. Andererseits wäre dies ihr erster eigener Fall.
»Es geht nun mal nicht anders«, sagte Herr Krüger und wandte sich wieder Frau Voss zu. In ihrem Blick lag das zärtliche Vertrauen, das sich nur Menschen zeigen konnten, die einmal alles füreinander gewesen waren. »Barbara, ich würde mich gerne selbst um deinen Jungen kümmern, habe den Tisch aber voller Arbeit. Die Planung der finanziellen Mittel fürs nächste Quartal muss endlich fertig werden und die neue Ausgabe für die Suchdienstzeitung ebenfalls.«
»Du willst das Schicksal meines Sohnes in ihre Hände legen?«, fragte Frau Voss verständnislos und deutete mit dem Kinn kurz zu Annegret. »Sie hat doch keine Ahnung, was in einer Mutter vorgeht!«
Annegret wollte gerade ansetzen, zu widersprechen, besann sich aber im letzten Moment. Sie war seit sieben Jahren Mutter, doch das durfte hier niemand erfahren.
»Frau Dietzel wird sich alle Mühe geben, Eberhard aufzuspüren«, erklärte Herr Krüger, wozu Annegret nickte. Mit jeder Sekunde wuchs die Angst in ihr, seinen Erwartungen nicht gerecht zu werden und den Kindersuchdienst zu blamieren.
»Bitte vertrau mir, Barbara«, bat Jochen Krüger. »Wir melden uns bei dir, wenn es Neuigkeiten gibt. Und sollte dir noch irgendetwas zu deinem Sohn einfallen, egal wie unbedeutend es dir scheinen mag, bitte verständige uns. Wir sind für dich da.«
»Das werde ich machen«, sagte Frau Voss, um Haltung bemüht.
»Sie warten hier auf mich, Fräulein Dietzel!«, verlangte der Abteilungsleiter, bevor er Frau Voss aus dem Zeichenraum hinausführte.
Annegret machte sich daran, die volle Kaffeetasse von Frau Voss im Waschbecken zu entleeren und das Zimmer aufzuräumen.
Herr Krüger kam zurück und baute sich vor ihr auf. »Wenn Sie das nächste Mal ein negatives Ergebnis der Karteiprüfung überbringen, tun Sie dies bitte in sachlicherem Ton. Ein rührseliger Unterton macht es den Sucheltern schwerer, die Enttäuschung hinzunehmen. Wir vom Kindersuchdienst sind der Fels in der Brandung für die gestrandeten Suchenden.«
Annegret nickte und trat einen Schritt zurück. Er hatte recht, und sie hatte einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie herausfordernd ihr erster eigener Fall sein würde. In ihrer Vorstellung konnte sie den dreijährigen, an Krätze erkrankten, abgemagerten Jungen sehen, der alles für seine Mutter gewesen war.
»Wenn der Krankenstand nicht so hoch wäre, würden Sie weiter Amtsbriefe schreiben!«, erklärte der Abteilungsleiter. »Oder nicht einmal das.«
»Ja«, antwortete sie kleinlaut, spürte aber gleichzeitig neuen Mut in sich aufsteigen, jetzt, wo die Daten ein Bild vor ihrem inneren Auge ergeben hatten. Sie wollte Eberhard und seine Mutter wieder zusammenführen. Vielleicht war der Fall ihre Chance, zu beweisen, dass ihr Gehalt keine Geldverschwendung war.
Als Erstes würde sie über deutsche Krankenhäuser in Königsberg und deren Evakuierung recherchieren. Sie musste Eberhard ausfindig machen. Oder wenigstens herausbekommen, wo er begraben lag. Bei dem Gedanken wurde ihr beinahe schwindelig.
13. Februar 1955
Charlotte konnte ihren Blick nicht von dem eindrucksvollen Schiff lösen, das mit seiner schlanken Silhouette und dem strahlend weißen Rumpf so leicht auf der Elbe dahinglitt, als würde es nichts wiegen. Der nach vorn geneigte Bug zerteilte das Wasser mit müheloser Eleganz. Dieses Schiff war ein technisches Meisterwerk und vereinte Modernität und zeitlose Eleganz in perfekter Harmonie. Charlotte vermochte nicht wegzusehen.
Das große Fenster im Salon bot eine fantastische Aussicht auf den Stapellauf der Wappen von Hamburg. Es war das Ereignis dieser Tage, und sie musste sich mit ihrer Familie dafür nicht einmal unters aufgeregte Volk mischen, für das das erstmalige Zu-Wasser-Lassen dieses prächtigen Schiffs ein so wichtiger Anlass wie Ostern oder Weihnachten war. Hier oben in der elterlichen Villa auf der Süllbergsterrasse in Blankenese fühlte sie sich sicher.
Charlotte wandte den Kopf nur kurz zu ihrem Vater, der das Fährschiff auf der Elbe ebenfalls nicht aus den Augen ließ. Er wirkte nachdenklich, vermutlich sinnierte er über etwas Geschäftliches. Der Reederei von Rudolph Dahlhäuser gehörten mehr als dreißig Containerfrachter, die er samt Besatzung an Linienreedereien vermietete. Viele seiner Gespräche handelten von Bruttoregistertonnen, Charterraten und dem wachsenden Seeverkehr. Charlotte wusste, dass sich mit der Frachtschifffahrt mehr Geld verdienen ließ als mit der Passagierschifffahrt. Erst Weihnachten hatte sie ihren Vater in der Speicherstadt besucht und ihrer Urgroßeltern gedacht, die in denselben Räumlichkeiten einst mit Tee gehandelt und den Reichtum der Familie begründet hatten.
Sie schaute wieder auf die Elbe hinab. Hoch über den Decks des Schiffes erhoben sich die Segelmasten mit der deutschen Fahne. Charlotte konnte erkennen, dass die offenen Promenadendecks mit glänzenden Relings gesäumt waren, hinter denen sich große Panoramafenster erstreckten. Sie würden den Passagieren einen fantastischen Blick auf die Weite des Meeres bieten. »Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Wappen von Hamburg wirklich tausendsechshundert Passagiere tragen kann.« Jedes Schiff, das Tonnen wog und nicht unterging, war ein Wunder für sie. »Wie stolz und leichthin sie in der Abenddämmerung durchs Wasser gleitet.« Die Wappen von Hamburg war in ihren Augen mehr als nur ein Schiff. Sie war ein Versprechen auf Abenteuer, auf Freiheit und auf ein Leben, das nicht in grauen Alltagspflichten erstickte. Ein Gefühl von Sehnsucht überkam sie.
Ihr Vater nickte geistesabwesend. Hoffentlich brachte ihn das Abendessen auf andere Gedanken. Während sie am Fenster standen, bereitete ein Koch des Nobelhotels Atlantic in der Küche das Essen zu, zu dem ihre Eltern einen Überraschungsgast angekündigt hatten. Weil es aus der Küche nach Apfelkuchen roch, konnte es nur ihre Freundin Solveig mit ihren Eltern sein, davon war Charlotte überzeugt. Die Nüssleins wohnten in Bremen, und alle drei liebten sie diesen Kuchen mit süßsauren Äpfeln aus dem Alten Land, mit Marzipan und gerösteten Mandelblättern.
»Charlotte, wo bleibst du?«, rief ihre Mutter. »In einer halben Stunde beginnt das Essen, und du bist immer noch nicht umgezogen.«
»Ich komme gleich«, rief Charlotte zurück, obwohl sie noch Stunden hier neben ihrem Vater stehen und auf die Elbe hinunterschauen wollte. Am liebsten hätte sie ihn sogar regelmäßig in die Reederei begleitet und ihm bei der Arbeit geholfen. Sie kannte alle Schiffe ihres Vaters und deren maschinelle Ausstattung. Außerdem war sie vertraut mit Charterraten und wusste, wie man Kunden überzeugte. Bei vielen Geschäftsessen, auf die ihre Mutter und sie ihren Vater begleitet hatten, war davon die Rede gewesen. Und wenn es nach ihr ginge, würde sie den Plisseerock und die rosa Bluse den ganzen Tag anbehalten. Ihr Vater trug seinen blauen Zweireiher mit den Goldknöpfen schließlich auch von morgens bis abends.
Charlotte legte ihre Hände an die Fensterscheibe und verfolgte die kleinen Wellen. Wenn sie ein Mann wäre, hätte ihr Vater sie auf einem seiner Schiffe mitfahren lassen und sie längst in der Reederei beschäftigt. Sie sah sich am Bug eines Frachters stehen und den endlosen Horizont betrachten, wo Himmel und Meer verschmolzen. Sie würde sich den Wind durchs Haar wehen lassen, bis es herrlich zerzaust war. Es wäre ein Traum, in fernen Häfen anzulegen und andersartige Kulturen zu entdecken, die sie nur aus Büchern kannte. In ihrer Fantasie sah sie sich oft über Märkte schlendern, exotische Gewürze riechen und den Geschichten fremder Menschen lauschen.
»Ich bin gespannt, wie sich die Maybach-Dieselmotoren machen«, sagte sie und deutete mit dem Kinn zur Wappen von Hamburg. Sie wäre so gerne einmal Kapitänin gewesen.
Ihr Vater hatte seinen Blick inzwischen auf die Eingangshalle des Hauses geführt. Er nickte gedankenversunken, schaute zurück zu Charlotte und dann wieder aufs Wasser. Er wirkte bedrückt. Bestimmt dachte er wieder an Claas, ihren älteren Bruder, der im Krieg geblieben war. Claas hätte eines Tages die Reederei übernehmen sollen. Charlotte vermisste ihn noch immer. Selbst an ihren schlimmsten Tagen hatte er es geschafft, sie zum Lachen zu bringen. Vor seinen Freunden und ihren Eltern war er stets ihr Verbündeter gewesen. Er war fröhlich und musikalisch gewesen, immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen – als würde er das Leben selbst nicht allzu ernst nehmen. Seit seinem Tod klaffte in der Familie eine Lücke. Sein Lachen fehlte, sein Akkordeonspiel war verstummt. Mit Class war jemand gegangen, der das Leben immer ein wenig heller gemacht hatte.
»Mit den sechstausend Pferdestärken hat sie jedenfalls ordentlich Kraft für ihre Fahrt zu den Seebädern«, erklärte Charlotte und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, nachdem ihr Vater sie wieder einmal überrascht angesehen hatte, als sie ihm vor Augen geführt hatte, wie viel sie von der Schifffahrt inzwischen wusste.
»So etwas brauchst du nicht zu wissen«, sagte er wie so oft, aber sie hörte auch ein klein wenig Stolz heraus. »Geh dich jetzt hübsch machen, Lotte. Heute wird ein besonderer Abend.« Er war der Familie von Nüsslein eng verbunden.
Endlich passierte mal etwas! Sie hatte Solveig das letzte Mal im Sommer gesehen. Seit Charlotte das Internat vor drei Jahren mit dem Abitur verlassen hatte, war ihr Alltag oft trostlos. Die meiste Zeit musste sie an der Seite ihrer Mutter verbringen, die vor allem damit beschäftigt war, das Personal im Haus anzuleiten, sich hübsch zurecht- und an der Seite des Vaters eine gute Figur zu machen. Dolores Dahlhäuser war es überaus wichtig, zu jedem Anlass passend angezogen zu sein. Es gab Tage, da wechselte der Anlass mehr als ein halbes Dutzend Mal, was Charlotte sehr anstrengend fand. Raus aus den engen Sachen, rein in das nächste Kleid und stets das passende Parfüm. Sie mochte schöne Kleider und auch, dass der Schneider wöchentlich ins Haus kam, aber an manchen Tagen übertrieb es ihre Mutter wirklich.
»Charlotte!«, rief Dolores ungeduldiger. »Jetzt komm endlich!«
Ein letztes Mal schaute Charlotte auf die vorbeifahrende Wappen von Hamburg, dann lief sie zum Ankleidezimmer hinauf.
Ihre Mutter empfing sie mit tadelndem Blick. Neben ihr stand das Dienstmädchen mit schiefer Haltung. Es hieß Rike Peters, war gerade einmal neunzehn Jahre und Waise. Sie hatten Rike erst vor einem halben Jahr angestellt. Entsprechend ungeschickt verhielt sie sich noch.
Charlotte überlegte kurz, als Entschuldigung vom Stapellauf zu berichten, aber das hätte ihre Mutter vermutlich nicht besänftigt. Schiffe und eigentlich alles, was mit Wasser zu tun hatte, ängstigten sie. Sie war weder auf die Elbe noch auf die Alster zu bekommen, nicht einmal auf einer Luxusjacht mit Teakdeck. Charlotte hingegen war eine begeisterte Schwimmerin, und sie liebte es, die Ankunft des Frühlings auf die typisch hamburgische Art zu feiern: an der Binnenalster sitzend, die Zehenspitzen im Wasser und die Alsterschwäne bewundernd.
Dolores Dahlhäuser winkte den Schneider herein, der auf ausgestreckten Armen ein chamoisfarbenes Abendkleid präsentierte. Er hielt es vor Charlottes schlanken Körper. Es war ein langes, figurbetontes Kleid mit kurzen Ärmeln, das so eng um Taille und Bauch saß, dass sie ein Mieder darunter tragen müsste, damit es gut aussah. Es gab viel Haut über ihrem Busen frei, ihre Schultern und den Hals.
Charlotte sah zu ihrer Mutter, die in den gleichen Farbton gewandet war. »Wir tragen heute Abend das Gleiche?« Viel lieber hätte sie einen dieser frechen Petticoats angezogen, die den Rock darüber bauschten und beim Gehen in Schwung brachten.
Das Dienstmädchen starrte das Kleid an, als hätte es noch nichts Schöneres gesehen.
Dolores lächelte. »Nicht ganz. Die Kleider unterscheiden sich in einem schönen Detail.« Sie deutete auf die dunkelrote Schleife, die ihre schmale Taille umschlang. An Charlottes Exemplar war sie rosa. Ansonsten waren die Kleider identisch.
»Oh«, antwortete Charlotte wenig begeistert. Mehr Individualität stand ihr mal wieder nicht zu.
»Das hier ist für meine Tochter, die zu einer wunderschönen Dame geworden ist«, sagte ihre Mutter und hielt ihr ein paar glänzende Perlonstrümpfe an. Sie klang so feierlich, als wäre Charlotte gestern erst volljährig geworden. Dabei lag ihr achtzehnter Geburtstag drei Jahre zurück.
Das Dienstmädchen trat näher und wollte einen der Strümpfe berühren, aber Dolores schickte es aus dem Raum. Charlotte schaute Rike betroffen hinterher. Die Waise sah oft traurig aus.
Schon im nächsten Moment konzentrierte sich Charlotte wieder auf ihre Mutter. »Perlons? Und sogar ohne Halter? Danke!« Endlich durfte sie die tragen, statt sie nur heimlich bei ihren Freundinnen anzuprobieren. Der Schneider verließ den Raum.
Gekonnt, ohne das empfindliche Nylongewebe zu verletzen, zog sie sich die Strümpfe Zentimeter für Zentimeter über die Füße und die Beine hinauf. Sie waren fast durchsichtig, was ihren besonderen Reiz ausmachte. Sie zeigten mehr von den Beinen, als sie verbargen, und an den Oberschenkeln hielten sie dank einer Gummibeschichtung ganz ohne lästige Klipse oder Knöpfe. Anders als die Wollstrümpfe, die sie früher im Winter gewärmt hatten.
Ihre Mutter half ihr beim Anziehen des Kleides, dann trat der Friseur herein, den Charlotte schon von der Vorbereitung für frühere Abendveranstaltungen kannte.
»Bitte das Haar virtuos zu einem Knoten am Hinterkopf aufstecken«, wies ihre Mutter den Mann an und hielt ihm ein Paar mit Edelsteinen besetzte Spangen hin.
Charlotte seufzte innerlich, das Glück über die Perlons verblasste. Jetzt wurde sie ganz und gar zu einer jüngeren Kopie ihrer Mutter, denn die trug das Haar ebenfalls zum Knoten gesteckt. Mit den glatten hellblonden Haaren, der hellen, feinen Haut und den leuchtend blauen Augen waren sie unstrittig als Mutter und Tochter zu erkennen. Es brauchte weder die gleiche Frisur noch das gleiche Kleid.
Während der Friseur an ihren Haaren zog und zupfte, erzählte Charlotte ihrer Mutter aufgeregt von Solveigs postalischen Berichten über die Reise nach Frankreich, aber Dolores antwortete nicht. Sie war ganz darauf konzentriert, jedes Detail an ihrer Tochter zu perfektionieren. Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis Charlotte im Spiegel eine junge Dame mit zartrosa Wangen, glänzenden Lippen und hell gepudertem Dekolleté sah. War das nicht etwas viel Aufwand für den Besuch einer befreundeten Familie? Besser, sie fragte ihre Mutter nicht. Sie wollte deren Bemühungen, auch wenn sie anstrengend zu ertragen waren, nicht gering schätzen.
Der tiefe Gong der Eingangstür ertönte. Rike öffnete wohl, und der Hausherr trat hinzu. Charlotte hörte die ferne Stimme ihres Vaters im Eingangsbereich, während sie Champagne Royale aufgetragen bekam: ein leichter Duft aus einem Kristallflakon, den ihre Mutter wie einen Schatz hütete.
Sie wollte Solveig entgegenstürmen, aber ihre Mutter hielt sie am Arm fest. »Eine Dame läuft nicht, sie schreitet.« Sie stellte ihrer Tochter Schuhe hin, in denen Eile unmöglich war. Die Absätze waren bestimmt zehn Zentimeter hoch und verjüngten sich nach unten hin noch.
Mit leichtem Hüftschwung und auf ähnlich hohen Absätzen ging Dolores mit kleinen Schritten langsam voran. »Und denk daran: Eine echte Dame geht stets aufrecht mit erhobenem Kopf und leicht zurückgenommenen Schultern.«
Charlotte folgte ihrer Mutter die Stufen ins Erdgeschoss hinab. So oft, wie sie es geübt hatte, war es nicht mehr anstrengend für sie, glatte Böden oder Treppen zu bezwingen.
Anstatt in die Eingangshalle schritten sie in den Salon, wo die lange Tafel inzwischen festlich gedeckt war. Ein Tuch aus Damast schimmerte auf dem Tisch, da standen Gläser mit Goldrand, Meissener Porzellan und ein fürstliches Blumenarrangement in Weiß und dem gleichen Zartrosa wie die Schleife an Charlottes Kleid.
Sie wartete hinter ihrem Stuhl neben ihrer Mutter, pochte dabei jedoch ungeduldig mit der Hand gegen den Oberschenkel. Warum ließ sich Solveig beim Ablegen ihres Mantels so lange Zeit?
Schritte näherten sich. Der Hausdiener öffnete die Flügeltür zum Salon. Rudolph Dahlhäuser trat mit einem vornehmen Mann ein, der groß und breit wie ein Baum war: Es war der Leiter der Kreditabteilung der Nordbank, den Charlotte bereits von mehreren Treffen im Sommer kannte, die ihre Eltern arrangiert hatten. Oft war es dabei um Geschäfte gegangen. Doch immer wieder hatte der Bankier sie beiseitegeführt und begeistert von sich selbst erzählt. Er war in Göteborg geboren und hatte ihr damit imponieren wollen, dass er neben Schwedisch akzentfrei Holländisch, Deutsch und Englisch sprach. Nur seine Familie erwähnte er mit keinem Wort.
Charlotte spürte, wie ihr Lächeln verblasste, während ihr Vater sich mit dem Besuch näherte. Sie hatte sich so auf ein Wiedersehen mit Solveig gefreut!
»Herr Johannson wird heute Abend unser Gast sein«, erklärte Rudolph Dahlhäuser. »Bitte nehmt doch Platz«, bat er.
Wider das Protokoll blieb Charlotte stehen. »Ich dachte, ihr hättet Solveig und ihre Eltern eingeladen.«
»Die Nüssleins?«, fragte ihre Mutter leise zurück. »Wie kommst du denn auf sie? Davon war nie die Rede. Soweit ich unterrichtet bin, segelt Solveig mit ihren Eltern auf der Ostsee.«
Charlotte setzte sich gedankenversunken auf ihren gepolsterten Stuhl mit den verzierten Armlehnen. Ihren Eltern schien Herr Johannson wichtig zu sein, also würde sie ihre Enttäuschung für die nächsten zwei Stunden unterdrücken. Sie lächelte bemüht. Hoffentlich erfuhr sie wenigstens ein paar Neuigkeiten aus dem Seeverkehr.
Als sie auf ihrem Vorspeisenteller Stücke von Hummerfleisch serviert bekam und der Hausdiener die schaumige Soße einem Spektakel gleich darübergoss, betrachtete sie den Gast genauer. Er sah wie zuletzt auch sehr gepflegt aus, und immer wieder lächelte er sie mit seinen perlweißen, geraden Zähnen aus dem glatt rasierten Gesicht an. Sein festes blondes Haar war nach hinten gekämmt und akkurat geschnitten. Er war in einen perfekt sitzenden Anzug aus Schurwolle mit glänzenden Manschettenknöpfen gekleidet. Ihr fiel auf, dass er wenigen, aber auffälligen Schmuck trug, wie die teure Armbanduhr aus Platin von Patek Philippe, die in diesem Moment unter seinem Ärmel hervorlugte. Ihre Freundinnen würden ihn mögen. Ihnen konnten Männer nicht adrett genug sein.
Während sie ein Schaumsüppchen aßen, berichtete Carl-Gustav Johannson von seiner erfolgreichen Arbeit in der Kreditabteilung der Nordbank, die er seit nunmehr zwei Jahren leitete. Nach einer Weile verstummte er und schaute Charlotte eindringlich an. »Sie sehen heute Abend mal wieder bezaubernd aus, Fräulein Dahlhäuser.« Er sprach ruhig und kultiviert. Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht, als würde er jeden Zentimeter genau untersuchen: ihre blonden, gekämmten Augenbrauen, die Stupsnase, die geschwungenen Lippen und die hohen Wangenknochen. Manchmal wünschte sie, sie würde mehr nach ihrem Vater kommen, dann würde sie rauer und wilder aussehen, mit kantigen Zügen, und weniger lange angeschaut werden.
»Sie dürfen meine Tochter gerne Charlotte nennen«, sagte Rudolph Dahlhäuser.
Charlotte wollte ihrem Vater widersprechen, weil ihr das zu weit ging, aber ihre Mutter schaute sie streng an. Charlotte verstand sofort. Wie Dolores sollte sie sich in Gegenwart von Männern als zurückhaltende Frau präsentieren und vor allem durch ihre gepflegte Schönheit auffallen. Gerade war ihr jedoch mehr danach, Carl-Gustav zu entgegnen, dass sie aus mehr bestand als zurechtdrapierter Seide, zartrosa Puder und Champagne Royale: Sie war eine junge Frau mit großen Träumen. Ferne Häfen und fremde Kulturen wollte sie sehen.
»Charlotte hat eine ausgezeichnete Bildung in Pützchen genossen. Zudem weiß sie, einen großen Haushalt anzuleiten«, schwärmte ihr Vater wie sonst nur über seine Containerfrachter.
»Sehr gut«, erwiderte Carl-Gustav und verfolgte jede von Charlottes Bewegungen, als könnte er sich nicht sattsehen. Langsam wurde er ihr unangenehm. Selbst wenn sie wegsah, spürte sie seinen Blick auf sich. Mit demonstrativer Geste lockerte sie die Schleife um ihre Taille.
»Wollten die Herren nicht über Geschäftliches reden?«, fragte sie frech in die Runde, um ihren Eltern ihren Unmut zu zeigen.
Ihr Vater und Carl-Gustav Johannson sahen sich kurz irritiert an, dann begannen sie, Neuigkeiten aus dem Seeverkehr und vom Hamburger Hafen zu besprechen.
Charlotte fand, dass der Schwede für den Leiter einer Kreditabteilung jung wirkte. Die anderen Bankiers, mit denen ihr Vater verkehrte, waren mindestens vierzig. Sie kannte niemanden, der so rasend schnell Karriere gemacht hatte wie Carl-Gustav. Sie erinnerte sich daran, dass er noch nicht einmal dreißig war.
