Kinderklinik Weißensee – Tage des Lichts - Antonia Blum - E-Book
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Kinderklinik Weißensee – Tage des Lichts E-Book

Antonia Blum

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Beschreibung

Licht und Schatten in der Weimarer Republik Berlin 1929: Marlene von Weilert genießt ihren Erfolg als Ärztin an der Kinderklinik Weißensee, privat aber leidet sie, weil ihre Ehe mit Maximilian bisher kinderlos geblieben ist. Marlene entscheidet sich schließlich, für die Familienplanung beruflich kürzer zu treten. Doch dann wird das Antibiotikum Penicillin entdeckt, und Marlene brennt darauf, das Wundermittel zu erforschen. Es könnte Tausenden Kindern das Leben retten. Marlene ist hin und hergerissen zwischen beruflicher Pflicht und persönlichem Glück. Ihre Schwester Emma, inzwischen Oberschwester der Kinderklinik, hat Sorgen ganz anderer Art: Ihr Sohn Theodor verbringt immer mehr Zeit mit Freunden, die sich politisch radikalisieren. Theodor droht ihr zu entgleiten, doch Emma ist fest entschlossen, um ihren Sohn und gegen die neuen politischen Kräfte zu kämpfen. Der dritte Band der beliebten Saga rund um die Kinderärztin Marlene!  Band 1: Kinderklinik Weißensee - Zeit der Wunder Band 2: Kinderklinik Weißensee - Jahre der Hoffnung Band 3: Kinderklinik Weißensee - Tage des Lichts Band 4: Kinderklinik Weißensee - Geteilte Träume (erscheint im Februar 2024)

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kinderklinik Weißensee – Tage des Lichts

Die Autorin

Antonia Blum lebte längere Zeit in Berlin, ohne den Weißen See dort je gesehen zu haben. Erst Jahre später, nachdem sie die Hauptstadt längst verlassen hatte, entdeckte sie durch einen Zufall die Ruine der einstigen Kinderklinik in Weißensee und kommt seitdem von dem Ort und seiner bewegten Geschichte nicht mehr los. Heute fährt Antonia nicht nur zum Spazierengehen immer wieder an den Weißen See, der dem Berliner Stadtteil seinen Namen gab. Sie ist überzeugt, dass dort ein Tor in die Vergangenheit existiert.

Das Buch

Berlin 1929: Marlene genießt ihren Erfolg als Ärztin an der Kinderklinik Weißensee, privat aber leidet sie unter ihrer Kinderlosigkeit. Nach einem Unfall wird ihr klar, dass sie kürzertreten muss, wenn sie weiterhin auf Nachwuchs hoffen will. Doch dann wird das Antibiotikum Penicillin entdeckt, und Marlene brennt darauf, das Wundermittel zu erforschen. Es könnte Tausenden Kindern das Leben retten. Marlene ist hin- und hergerissen zwischen beruflicher Erfüllung und privatem Glück. Ihre Schwester Emma, inzwischen Oberschwester der Kinderklinik, hat Sorgen ganz anderer Art: Ihr Sohn Theodor verbringt immer mehr Zeit mit Freunden, die sich politisch radikalisieren. Theodor droht ihr zu entgleiten, doch Emma ist fest entschlossen, um ihren Sohn und gegen die neuen politischen Kräfte zu kämpfen.

Antonia Blum

Kinderklinik Weißensee – Tage des Lichts

Ullstein

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© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2022Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, MünchenTitelabbildung: Trevillion Images / © Krasimira Petrova Shishkova (Kinder); © www.buerosued.de (Landschaft); Berliner Denkmalschutzbehörde, Straßenansicht von der Gierstraße, um 1911 (Klinik)E-Book-Konvertierung powered by pepyrusISBN 978-3-8437-2588-6

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

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Epilog

Nachwort

Literaturhinweise

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Prolog

Lübars, Ende September 1919

Es war einer dieser letzten Sommertage mit besonders weichem Licht, das Marlenes Gesicht streichelte und angenehm wärmte. Sie war mit Emma soeben aus der kleinen windschiefen Kate getreten. Ihr stiegen der Rauch aus den Meilern der Ziegelei und die Frische der feuchten Fließtalwiesen in die Nase. Sie sog diesen Geruch ihrer Kindheit tief ein. Mit seiner hübschen, den Ort umgebenden Landschaft lud Lübars zu langen Spaziergängen ein. Trotzdem hatte sie nur Emma zuliebe dem Treffen mit Joseph Christian Gottwald zugestimmt – jenem Mann, der als einziger ungeladener Gast auf ihrer Hochzeit erschienen war und obendrein noch behauptet hatte, ihr leiblicher Vater zu sein.

Marlenes Hochzeitsreise mit Maximilian lag erst drei Wochen zurück. In ihrer Erinnerung konnte sie das algendurchwachsene, salzige Ostseewasser noch riechen und, wenn es ganz leise war, die Wellen an den Strand spülen hören. Lieber würde sie jetzt in Ahlbeck auf der Seebrücke flanieren, als hier in Lübars einen fremden Mann zu treffen, der sie schrecklich verunsicherte. Emma, die die ganze Sache unbefangener sah, hatte vorgeschlagen, mit dem angeblichen Vater einen Spaziergang zum gegenseitigen Kennenlernen zu unternehmen. Am besten an einem Ort der gemeinsamen Vergangenheit. So kam es nun. Aber anders als ihre Schwester wollte Marlene nicht glauben, dass ihr Vater noch lebte und sich nach Jahrzehnten doch für sie interessierte. Sie würde dem Mann schon zeigen, dass er es nicht mit zwei leichtgläubigen Mädchen zu tun hatte, sondern mit gestandenen Persönlichkeiten, die man nicht so leicht veräppelte. Sie sah sich als selbstbewusste Frau, die nicht einmal vor dem arroganten Doktor Waldemar Buttermilch eingeknickt war, als der für kurze Zeit Ärztlicher Direktor an der Kinderklinik gewesen war.

Es war schon seltsam, dass Joseph Gottwald sich ausgerechnet jetzt in ihr Leben drängte, da sie in eine adlige, wohlhabende Familie eingeheiratet hatte. Er wäre nicht der erste Betrüger, der anderen des schnöden Mammons wegen etwas vorspielte.

Marlene hatte sich vorgenommen, das Wiedersehen rasch und auf sachliche Art hinter sich zu bringen, damit sie alle ihr Leben normal weiterführen konnten. Warum aber schlug ihr Herz dann nur so schnell?

Entschlossen zog sie die Tür der kleinen, windschiefen Kate hinter sich zu, trat neben Emma und schaute zum entfernten Nachbarhaus, vor dem ein paar Milchkühe rammdösig im Gras lagen und Fliegen mit ihren Schwänzen verscheuchten.

Emma beschattete ihre Augen mit der flachen Hand und behielt den Weg am Lehmgraben zur Dorfstraße genau im Blick. Von dort würde Joseph Gottwald wohl kommen.

Marlene wollte erst einmal nicht dorthin schauen. »Kannst du ihn sehen?«, fragte sie, die Milchkühe fixierend. Sie hatte keine einzige Erinnerung an ihren Vater. Er musste die Familie bald nach der Geburt ihrer Schwester verlassen haben, da war sie selbst anderthalb, maximal zwei Jahre alt gewesen. Alles, was sie über die Beziehung ihrer Eltern wusste oder sich zumindest zusammenreimte, war, dass sich beide nur heimlich hatten lieben dürfen.

Marlene atmete tief ein und aus, damit sich ihre Aufregung endlich legte. Seitdem Joseph Gottwald auf ihrer Hochzeit aufgetaucht war, füllte sich ihre Welt mit Fragen, und täglich kamen neue hinzu. Spielte er ihnen nur etwas vor? Warum hatte sie vor seinem Auftauchen nie selbst nach ihrem Vater gesucht? Und warum ließ sie sich nun überhaupt auf das Treffen ein? Wünschte sie sich etwa insgeheim, ihren Vater zu finden, da sie seit Kurzem verheiratet war und ihren zukünftigen Kindern einen Großvater präsentieren wollte? Einen, der den Kleinen Dinge erlaubte, die Maximilian und sie nie durchgehen lassen würden?

Marlene schaute auf ihre Armbanduhr. »Es ist schon fünf Minuten nach vier. Pünktlich ist er schon mal nicht.«

»Lene, wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass wir Unmut und Misstrauen in Weißensee zurücklassen und unserem potenziellen Vater so höflich und unvoreingenommen wie möglich begegnen«, erinnerte Emma in eindringlichem Ton.

»Das sagt sich so einfach«, gab Marlene zurück. Sie bewunderte ihre Schwester für deren Gelassenheit. Emma schien kaum nervös zu sein. Sie hingegen zupfte ihre lockigen Haare zurecht und tat ein paar unruhige Schritte Richtung Dorf, ihrer Verabredung entgegen – wenn sie denn überhaupt noch käme. Im nächsten Moment war es ihr unangenehm, dass sie sich für einen fremden Mann, der vermutlich ein Lügner war, zurechtgemacht hatte. Sogleich verwuschelte sie ihre Frisur wieder und löste die silberne Spange, mit der sie sich die Haare etwas zu vornehm zurückgesteckt hatte. Tagelang hatte sie sich das heutige Treffen ausgemalt und Fragen vorformuliert, mit denen sie den Hochstapler zu überführen gedachte.

»Meine Mädchen«, erklang es hinter ihnen in zärtlichem Ton. »Es tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe.«

Emma und Marlene fuhren gleichzeitig herum. Vor ihnen stand der Mann, der auf Marlenes Hochzeit aufgetaucht war. Wie damals war sein Haar ungepflegt und seine Kleidung abgetragen. Marlene beschaute ihn mit jenem ernsten Blick, mit dem sie sonst Kinderwunden inspizierte. Seine Gesichtszüge mussten einst klar und eben gewesen sein, heute wirkten sie vom Leben zerfurcht. Sie schätzte ihn auf Mitte fünfzig, und er roch, als hätte er die letzte Nacht in einem Kuhstall verbracht. Er musste aus Richtung Schildow gekommen sein und zu Fuß, was seltsam war. Wohnte er doch nicht mehr in Berlin, wie auf der Hochzeit behauptet? Zu Fuß brauchte man mindestens zweieinhalb Stunden nach Lübars.

Joseph Gottwald begrüßte zuerst Emma. »Du bist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich freue mich, dass du so eine fürsorgliche Krankenschwester geworden bist.«

Emma lächelte daraufhin. Mit ihren feinen symmetrischen Zügen, der glatten Haut und der Stupsnase war sie die Hübschere von ihnen beiden, davon war Marlene überzeugt. An Emmas Äußerem schien die Zeit so gut wie keine Spuren zu hinterlassen. Sie trug ihr dunkelblondes seidenglattes Haar nach wie vor mädchenhaft lang.

Marlene wusste, dass sie selbst nur die Wuschellocken von ihrer hübschen Mutter geerbt hatte, und fand, dass sie mindestens fünf Jahre älter aussah als Emma, oder doch eher zehn? Sie stockte. Woher wollte ihr angeblicher Vater eigentlich wissen, wie Emma als Krankenschwester war? Und behaupten, man würde der eigenen Mutter ähnlich sehen, das konnte jeder Fremde.

Joseph Gottwald trat vor Marlene. Er betrachtete ihr Gesicht aufmerksam, zuerst ihre Augen und die neue Brille, die sie sich von ihrem ersten Gehalt als Assistenzärztin gekauft hatte. Sein Blick war ihr unangenehm. Er ergriff ihre feuchte Hand, aber Marlene entzog sie ihm gleich wieder. Er war ein fremder Mann!

»Du bist mir ähnlicher«, sagte Joseph und lächelte, sodass sich Strahlenbündel aus Falten um seine Augen und Mundwinkel herum auffächerten.

Niemals bin ich dir ähnlich!, dachte Marlene. Sie war ganz und gar nicht wie er. Sie versuchte, sich an ihre schnellen und sachlichen Fragen zu erinnern, mit denen sie ihn überführen wollte, aber bekam jetzt, da der Mann in Fleisch und Blut vor ihr stand, nur heraus: »Beweisen Sie uns erst einmal, dass Sie überhaupt unser Vater sind!« Sie erkannte ihre nervöse Stimme selbst kaum wieder. Als Assistenzärztin an der Kinderklinik Weißensee gelang es ihr, auch bei schlimmen Diagnosen besonnen zu wirken und vor Kindern wie Eltern Hoffnung auszustrahlen. Warum dann jetzt nicht vor jemandem, der viel unwichtiger war als die kranken Kinder?

»Lene, bitte sei höflicher«, bat Emma.

Marlene verstand nicht, warum ihre Schwester ihr in den Rücken fiel. Dass Joseph Gottwald hochgewachsen war, mit langen Beinen wie sie und sein Haar unter dem ganzen Dreck womöglich dunkelblond, wie das von Emma und ihrem Sohn Theodor, konnte reiner Zufall sein. Die meisten Menschen hatten dunkelblonde Haare.

»Ist schon gut, Emma. Ich verstehe Marlene ja. Es ist eine äußerst ungewöhnliche Situation. Für uns alle.« Joseph griff in seine Hosentasche und präsentierte Marlene auf seiner flachen Hand einen Silberring mit einem rosa Edelstein, vermutlich aus Rosenquarz. »Das ist der Verlobungsring, den ich eurer Mutter einst schenkte.«

Marlene hielt weiter Abstand. Einen Ring konnte jeder kaufen. Emma hingegen nahm den Silberring fasziniert in die Hand. »Die Gravur im Inneren ist noch gut lesbar«, sagte sie.

Ohne dass Marlene es wollte, beugte sie sich nun ebenfalls über das Schmuckstück und las: »In Liebe verbunden, wo immer wir sind. E. & J.«

»Elisabeth und Joseph«, hauchte Emma und berührte den Silberring so ehrfürchtig, als würde er noch immer den Ringfinger ihrer Mutter umschließen.

Joseph nickte, während Emma den Ring an ihrer Brust barg.

»E und J kann für viele Namen stehen«, warf Marlene kühl, beinahe patzig, ein. »Das könnte der Ring von Emil und Jette sein.«

Joseph lächelte sie an, als hätte er mit Marlenes Reaktion gerechnet. Dann hielt er ihr eine Fotografie hin. Er schien gut auf das Wiedersehen vorbereitet zu sein.

Vor Schreck sprang sie zurück. Das Foto war das gleiche alte Familienfoto, das Emma und sie im Frühjahr in der Kate gefunden hatten. Es zeigte ihre Mutter, mit Emma als Säugling auf dem Arm und Marlene daneben mit einer Kartoffel in den Händen. »Woher haben Sie …?«, brachte sie nur heraus.

»Von Elisabeth«, sagte Joseph wieder in zärtlichem Ton. Wenn er den Namen ihrer Mutter aussprach, klang es liebevoll und schmerzlich zugleich. »Schau hier, Marlene.« Er wies auf Elisabeths linke Hand auf dem Foto, die Marlenes Hüfte umfasste. »Wenn du genau hinschaust, kannst du den Ring mit dem Rosenquarz sehen.«

Marlene reinigte erst ihre Brille, bevor sie das alte Bild genauer betrachtete. Sie hatte es bestimmt schon hundertmal angestarrt. Bei ihrer Hochzeit hatte es auf dem Altar gestanden, aber der Ring war ihr vorher nie aufgefallen.

Es war Emma, die zuerst sagte: »Er hat recht. Das ist der Beweis.« Sie trat an Marlenes Seite und strich ihr liebevoll über die Schulter. »Er ist wirklich unser Vater, Lene.«

Marlene nickte unvermittelt. Sie meinte, ihr Herzschlag würde jeden Moment aussetzen. Ruckartig schaute sie von der Fotografie auf. Ihr Kopf schien vor Fragen platzen zu wollen. Gleichzeitig breitete sich wie eine dünne Eisschicht eine Gänsehaut auf ihren Armen und den Oberschenkeln aus. Wenn er wirklich ihr Vater war, warum war er damals von seiner Familie fortgegangen und hatte eine Frau und zwei kleine Kinder sich selbst überlassen? Elisabeth hatte versucht, die Familie mit dem Nähen von Damenpantoffeln, als Kellnerin im Dorfkrug und mit Ackerarbeit über Wasser zu halten.

Joseph schaute Marlene mit eindringlichem Blick an. Auch wenn er noch eine Armlänge von ihr entfernt stand, schien es ihr, als könne er durch ihre Augen direkt in ihre Seele schauen. Sie fühlte sich unter seinem Blick, als würden ihre Gedanken und Gefühle offen auf ihrer Stirn geschrieben stehen, obwohl sie sich doch kühl und sachlich hatte geben wollen.

»Gehen wir ein paar Schritte zusammen?«, fragte Joseph, nachdem sie mehrere Atemzüge lang nur verlegen voreinander gestanden hatten, während Marlene ratlos über die Fotografie gestrichen hatte.

Mit vornehmer Geste, die gar nicht zu seinem heruntergekommenen Äußeren passte, wies Joseph hinter die Kate, wo ein Trampelpfad zu den Moorwiesen und dann zum Tegeler Fließ mit seinen Feuchttalwiesen führte. »Beim Gehen lässt es sich entspannter reden. Ich bin sonst zu aufgeregt.«

Marlene nickte stumm. Ein Mann, der über Gefühle sprechen konnte, das gefiel ihr. Maximilian war auch so ein Mensch, der nicht immer der Starke sein musste. Den sie auch mal tröstend in den Arm nahm.

Flüchtig schaute Joseph noch einmal zum Dorf zurück, dann trat er mittig zwischen Marlene und Emma und führte sie durch das Gras wie ein Gentleman, der am Weißen See promenierte. Zuerst gingen sie ein paar Schritte, während denen Marlene immer wieder zu ihrem Vater schielte, still nebeneinanderher. Sie schaute, wohin er blickte und wie er sich bewegte. Im nächsten Moment musste sie an Doktor Ritter denken. Letztes Jahr hatten Emma und sie den einstigen Klinikchef einen halben Tag lang für ihren Vater gehalten. Nicht nur, weil er die Grabpflege ihrer Mutter bezahlte, er war Marlene auch unglaublich ähnlich. Er sah genauso schlecht wie sie, hatte ihre dunkelblonde Haarfarbe, und die Medizin lag ihm ebenso am Herzen. Die Vorstellung, einen Vater zu haben, hatte ein unbekanntes Gefühl von Vollständigkeit in Marlene ausgelöst. Gerade aber war sie noch zu perplex, als dass sie ihre neuen Gefühle hätte sortieren können.

»Ich habe so viele schöne Erinnerungen an Elisabeth und euch, als ihr klein wart«, begann Joseph. »Emma, du warst ein sehr ruhiger Säugling, anders als Marlene.« Er stupste Marlene schmunzelnd an, und dieses Mal wich sie ihm nicht aus. »Sobald du feste Nahrung essen konntest, warst du verrückt nach dem Streuselkuchen deiner Mutter.«

Marlene nickte gleich mehrmals. »Den backte sie jedes Jahr zu meinem Geburtstag.«

Joseph lächelte. »Auch ich habe ihn verschlungen, wenn er warm aus dem Ofen kam.«

»Du auch?«, entglitt es Marlene. Du bist mir ähnlicher, hatte sie ihn eingangs sagen hören.

Joseph lächelte versunken. »Der Kuchen war mit extra viel Butter und der grenzenlosen Liebe einer Mutter für ihre Familie gebacken, das machte ihn so besonders.«

Marlene musste sich eingestehen, dass sie dieses Mal falschgelegen hatte. Von Mutters Streuselkuchen mit extra viel Butter konnte einfach kein Fremder wissen, der zufällig auch noch den Verlobungsring mit Widmung besaß und ein Familienfoto. Joseph wollte nun mehr über seine Enkel erfahren, die er bei Marlenes Hochzeit gesehen, aber nicht gesprochen hatte.

Nachdem Emma seine Fragen beantwortet hatte, bat Marlene ihn, von früher zu erzählen. »Wie war das damals, als du und Mutter …?« Sie wollte sich dem Grund seines Weggangs nähern, so aufgeregt und ungeduldig, wie sie war. »Kühl« und »sachlich« gehörten der Vergangenheit an. Er war ihr Vater, und sie merkte, es stimmte, dass Blutsverwandte eine besondere Verbindung zueinander verspürten.

Joseph bewies sich als talentierter und einfühlsamer Erzähler, als er berichtete, wie er und Elisabeth sich kennengelernt hatten. Marlene und Emma hingen mit jedem Satz faszinierter an seinen Lippen. Er sprach kein bisschen wie jemand, der in Kuhställen übernachtete, eher gewandt.

»Ich war eigentlich auf der Durchreise nach Posen. Auf einem Zwischenstopp in Lübars kehrte ich im Dorfkrug ein. Dort sah ich Elisabeth bedienen und war verzaubert von ihr. Sie ging anders, sprach anders und trat anders auf als alle Frauen, die ich zuvor getroffen hatte.«

Es rührte Marlene, wie bewundernd ihr Vater noch heute von ihrer Mutter sprach. Unmerklich kam sie beim Gehen näher an Joseph heran, um nur ja kein Wort zu verpassen. Er erzählte ihnen auch von seinen mehrmaligen hartnäckigen Bitten, Elisabeth ausführen zu dürfen. »Eure Mutter war wirklich dickköpfig«, sagte er.

»Sie war eine kluge Frau, die wusste, was sie wollte«, stellte Marlene richtig. Zu leicht wollte sie es Joseph nicht machen.

Ihr Vater senkte die Stimme. »Sie wusste sehr genau, was sie wollte. Ja. Genauso wie du, nicht wahr?« Er schaute Marlene ein, zwei, drei Sekunden lang unbeirrt an.

»Das stimmt.« Emma lachte auf. »Lene kann wirklich sehr dickköpfig … ich meine natürlich … entschlossen sein.«

Marlene schüttelte den Kopf in Richtung ihrer Schwester, damit Emma nicht noch mehr ihrer unangenehmen Eigenschaften vor ihrem Vater preisgab.

Joseph schmunzelte, dann wandte er sich wieder zurück zum Dorf. Sein Blick glitt über die Kate, die etwas abseits lag, über die prächtigen Höfe und den Kirchturm. Es wirkte, als würde er nach etwas suchen. Vielleicht den Ort einer gemeinsamen Erinnerung mit ihrer Mutter?

Marlene straffte sich, als er sich ihnen wieder zuwandte, und setzte zur wichtigsten Frage an, aber ihr versagte plötzlich die Stimme. Emma füllte die Pause und wollte wissen, wo Joseph in den letzten Jahren gelebt hatte.

»Mal hier, mal dort«, antwortete ihr Vater ausweichend. Sie waren am Ende des Trampelpfades angekommen.

»Warum hast du unsere Mutter und uns verlassen?«, bekam Marlene endlich heraus. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte eine Weile nach den richtigen Worten gesucht, es weniger vorwurfsvoll formulieren wollen. Niemand hatte das Recht besessen, ihre Mutter zu verletzen. Sie war die liebevollste und warmherzigste Person überhaupt gewesen.

»Ich habe sie nicht verlassen, sie war die Liebe meines Lebens«, entgegnete Joseph prompt. »Eure Mutter hat mich verlassen.«

Marlene hörte Hufschläge in der Ferne. »Warum nur?«, fragte sie, während ihre innere Stimme wiederholte: Sie war die Liebe meines Lebens. Das klang zum Sterben romantisch. In Gedanken sah sie Maximilian und musste verliebt lächeln. Er war das Beste, was ihr hatte passieren können. Und wenn sie in zwei oder drei Jahren Kinder bekämen, wäre ihr Glück perfekt.

Im nächsten Moment griff ihr Vater nach ihren Händen und zog sie beide vom Trampelpfad weg und in die Hocke. Das Gras um sie herum war so hoch und dicht, dass sie nur noch den Himmel über sich sahen. Marlene war verwirrt und wollte wieder aufstehen, aber ihr Vater hielt sich seinen Zeigefinger mit dem schwarz geränderten Nagel vor den Mund. »Bitte beweg dich nicht, Lene!«

Er nennt mich Lene, dachte sie berührt, als vom Dorf jemand rief: »Komm aus deinem Versteck heraus, du elendige Ratte!« Die Person brüllte mit einem Akzent, der die Vokale in die Länge zog und das weiche »h« in »heraus« wie ein hartes »ch« aussprach.

»Hier ist doch keine elendige Ratte«, flüsterte Marlene zurück, als ein Gewehrschuss in ihren Ohren donnerte. Was zur Hölle war hier los? Schützend zog sie Emma zu sich heran und legte ihren Arm über sie.

Eine zweite Stimme, ebenfalls mit auffälligem Dialekt, rief mit kaltem Zorn: »Männer wie du haben den Tod verdient!«

»Was hast du getan, dass man dir den Tod wünscht?«, flüsterte Marlene heftig.

Joseph rang um Worte, dann sagte er: »Das erkläre ich euch später!« Er drückte ihre Hände, eine, zwei, drei innige Sekunden lang. »Jetzt muss ich verschwinden.«

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte Emma bang.

»Ich komme zurück, sobald es mir möglich ist«, flüsterte Joseph und wollte sich schon durchs hohe Gras davonstehlen. Aber Marlene griff noch einmal nach seiner Hand. Sie fühlte sich warm an. Er drückte ihre fest und schien sie nicht loslassen zu wollen. Während sich die Hufschläge näherten, formte er mit den Lippen: »Ich möchte wieder eine Familie mit euch sein.«

Marlene und Emma nickten gleichzeitig, aber schon im nächsten Moment robbte Joseph durch das hohe Gras in Richtung Wald davon, wie ein flüchtender Verbrecher.

1

1. Oktober 1929

Es war gerade einmal sechs Uhr, und überall standen halb volle Umzugskisten im Weg, als sich Emma mit zitternden Fingern die Dienstkleidung über ihren schmalen Leib zog. Zuerst kam das dunkelblaue knöchellange Kleid, das sie fortan als Oberschwester ausweisen würde, während die restliche Pflegschaft graue Kleider trug. Schon letzte Woche hatte sie es für den heutigen Tag aufgebügelt, nun ließ sie es Zentimeter für Zentimeter ihren Körper hinabgleiten. Darüber legte sie den hübschen weißen Kragen und band sich ihre kochfeste Latzschürze um. Sie musste dreimal ansetzen, um ihr hüftlanges Haar zu einem ordentlichen Knoten zu stecken. Die Vorfreude kribbelte in ihren Fingern.

Sie freute sich auf die neue Herausforderung als Oberschwester. Für den angesehenen Posten hatten sich Pflegekräfte aus ganz Deutschland beworben. Auch eine Stationsschwester aus der Kinderklinik Weißensee, die mehr Erfahrung als Emma vorweisen konnte, hätte die Stelle gerne bekommen. Emma wollte alles geben, um eine würdige Nachfolgerin von Walburga Buttermilch zu werden.

Als sie zur Stationsschwester befördert und ihr die praktische Ausbildung der Elevinnen übertragen worden war, hatte sie noch Angst gehabt, den Erwartungen ihrer Vorgesetzten nicht zu entsprechen. Hinzu kam, dass kranke Kinder kein Experimentierfeld für das Pflegewesen waren, sondern immer die beste Betreuung erhalten mussten. Heute fühlte sie sich längst nicht mehr so unsicher. Gemeinsam mit der neuen Oberin bekam sie das Kind schon geschaukelt.

Kurt half ihr, die Schwesternhaube mit Klemmen am Haar zu befestigen, weil sie sich vor Aufregung in die Kopfhaut stach und sich wirklich ungeschickt anstellte. Dann umarmte er sie von hinten. »Das neue Dienstkleid steht dir ausgezeichnet, mein Schatz.«

Emma und Kurt hatten nur ein Jahr nach Marlene und Maximilian geheiratet. Das war im Jahr neunzehnhundertzwanzig gewesen. Gleich nach den Flitterwochen in Lübars war sie mit ihrem Sohn Theodor in Kurts Zweizimmerwohnung nur ein paar Treppenstufen tiefer eingezogen. Sie waren von guten Nachbarn zu einem unzertrennlichen Liebespaar geworden.

»Meinst du wirklich, dass es mir steht?« Emma fühlte sich noch etwas ungewohnt in dem neuen Oberschwesternkleid. Seit sie vor zwei Monaten von ihrer Beförderung erfahren und das dunkelblaue Kleid überreicht bekommen hatte, sehnte sie den heutigen Tag herbei. Ein paarmal hatte sie das dunkelblaue Kleid zu Hause schon zur Probe getragen. In ihrer neuen Position wollte sie noch mehr für die kranken Kinder tun. So zum Beispiel den beliebten Zauberer Wilfridelmus zurückholen, den Oberschwester Walburga zuletzt abbestellt hatte. Er war jahrelang zur monatlichen Zauberstunde in die Klinik gekommen und hatte die Kinder zum Lachen gebracht. Kranke Kinder gesundeten vor allem dann, wenn sie sich in einer geborgenen, liebevollen Umgebung ausruhen konnten, in der auch mal herzlich gelacht werden durfte. Und der Große Wilfridelmus, alias Willy Pinke, war einfach der unterhaltsamste Zauberer weit und breit. Der einstige Pförtner war nach seiner Berentung gerne als Zauberer in die Kinderklinik zurückgekehrt.

»Lass mich dich bis ans Kliniktor bringen«, bat Kurt, ohne ihre Hüften loszulassen. Seit der Geburt ihrer Tochter arbeitete er nicht mehr für die sozialdemokratische Zeitung Vorwärts, sondern als freier Autor und Radioredakteur von zu Hause.

»Aber sieht es nicht so aus, als würde ich es ohne dich …«, setzte Emma an, aber verstummte, als Kurt vor sie trat, zwar mit dem Fuß an der Umzugskiste mit der Tischwäsche hängen blieb, aber ihr mit dem Zeigefinger trotzdem punktgenau und zärtlich den Mund verschloss. »Es ist mir egal, wie es aussieht. Ich möchte dich als neue Oberschwester die Eingangstreppe der Klinik hinaufgehen sehen. Das ist ein Augenblick, der in unsere Familiengeschichte eingehen wird. Ich bin so stolz auf dich.«

»Na gut, obwohl mir weniger Publikum lieber wäre.« Emma prüfte noch einmal den Sitz ihrer Haube im Spiegel, der schon für den Umzug abgehängt worden war und nun an der Wand lehnte. Am kommenden Wochenende würden sie aus Kurts Wohnung aus- und in eine größere Bleibe näher bei der Kinderklinik einziehen.

Auf der Suche nach ihren bequemen Halbschuhen lief Emma nun wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung. Ihre Gedanken waren schon in der Klinik. Auch als Oberschwester wollte sie nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, sondern noch viel auf den Stationen unterwegs sein. Dafür waren bequeme Schuhe unerlässlich.

Als Emma das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es schon halb sieben. Die Einführung der neuen Oberin war für Punkt sieben Uhr angesetzt. Sie hatte die Zeit völlig aus den Augen verloren, was sonst gar nicht ihre Art war. Damit kranke Kinder Ruhe fanden, war kaum etwas wichtiger als ein geregelter Tagesablauf mit pünktlichen Mahlzeiten und Visiten. Als Oberschwester hatte sie eine besondere Vorbildfunktion für die Schwesternschaft. Zu spät zu kommen wäre unverzeihlich.

Theodor erschien im Flur und versprach, sich um seine Schwester zu kümmern, die in die dritte Klasse ging, und sie für die Schule fertig zu machen. Sie trödelte nur zu gerne. Theodors Unterricht am Gymnasium begann erst nach dem seiner Schwester. »Alles Gute, Mami!«, riefen die Kinder im Chor. Lissi hatte ihre Puppe im Arm und drückte sie fest an sich.

Hastig drückte Emma ihre Tochter und wünschte ihr einen schönen Tag und viel Erfolg bei ihrem ersten kleinen Diktat, das heute anstand. Dem unglücklich schauenden Theodor schenkte sie ein warmes, aufmunterndes Lächeln. Seitdem ihm Härchen über der Oberlippe wuchsen, wurde er nicht mehr so gerne umarmt. Nur noch selten ließ er den liebebedürftigen kleinen Muttersohn durchscheinen. Er war zu einem klugen, gutherzigen und selbstständigen jungen Mann herangewachsen, auf den Emma ungemein stolz war. »Drück mir die Daumen, Großer«, sagte sie noch, dann eilte sie aus der Wohnung. So aufgeregt, wie sie war, vergaß sie sogar, ihren Ehemann mitzunehmen.

Emma hatte gerade die Berliner Allee überquert, da holte Kurt sie ein und nahm sie wortlos bei der Hand. Sie gingen den Weg zur Kinderklinik schweigend. Schweigen mit Kurt war angenehm, denn es gab ihr zugleich Kraft und die Ruhe, sich zu sammeln. Seine Nähe wärmte sie.

Am Kliniktor fuhr der Ärztliche Direktor hupend an ihnen vorbei und winkte. Doktor Levy war ein begeisterter Leser von Kurts politischen Sachbüchern.

Emma winkte zurück und guckte sich kurz darauf nach der neuen Oberin um. Zu ihrer Enttäuschung sah sie nur Eltern, die auf den Patienteneingang zustrebten, und Krankenschwestern auf dem Weg zum Dienst. Sie konnte die Zusammenarbeit mit der Frau, die vorher einer Rotkreuz-Schwesternschaft am Walchensee in Bayern vorgestanden hatte, kaum erwarten. Oberin Therese Niedermayer soll bei ihren Rotkreuzschwestern sehr beliebt gewesen sein. Ihr eilte der Ruf voraus, gewissenhaft zu arbeiten und besonders mitfühlend zu sein.

Emma atmete tief durch. Mit den Türmen, den großen Doppelfenstern und dem gepflegten Park hatte die Kinderklinik an ihrem ersten Tag als Elevinnen für sie und Marlene wie ein Schloss ausgesehen. Dieser Eindruck hatte sich bis heute nicht verändert. Es war etwas Besonderes, hier arbeiten zu dürfen. Am Freitag hatte sie die Klinik als Stationsschwester verlassen, heute kam sie als Oberschwester zurück.

»Ich muss jetzt rein, sonst komme ich das erste Mal in achtzehn Jahren zu spät«, sagte sie zu Kurt und vergaß im nächsten Moment ihre Manieren, indem sie ihn in der Öffentlichkeit küsste. »Bis heute Abend, mein Schatz.«

»Zeig ihnen, dass Emma Vogel auch als Oberschwester alles im Griff hat«, sagte er noch, als Emma schon auf die Eingangstreppe der Kinderklinik zuhielt. Sie straffte ihre Schultern und nahm dann in aufrechter Haltung eine Stufe nach der anderen. Ihr neuer Lebensabschnitt begann in diesem Moment, ihr Herz schlug schneller. Sie wollte sich in ihre Zukunft stürzen wie im Sommer ins Wasser der Badeanstalt am Weißen See. Auf der obersten Stufe schaute sie noch einmal zu Kurt zurück. In hohem Bogen warf er ihr einen Luftkuss zu.

»Morgen, Emma. Na, aufgeregt?« Vera Allenhausen holte sie ein, hastig zog sie an einem Zigarettenstummel. »Und wie laufen die Umzugsvorbereitungen?« Die Stationsschwester der HNO, deren Haut vom Rauchen gelblich verfärbt und großporig war, sah noch ziemlich verschlafen aus. Vermutlich war sie wieder in Berlin feiern gewesen, was sie sehr ausgiebig tat, seitdem sie nicht mehr dem Deutschen Roten Kreuz angehörte und damit außerhalb des Mutterhauses wohnte. Seit drei Jahren war sie wie Emma eine Berufskrankenschwester, die mehr Freiheiten besaß, dafür aber auch ein größeres finanzielles Risiko trug. Rotkreuzschwestern lebten finanziell abgesichert bis zum Tod im Mutterhaus und mussten ledig bleiben.

»Die alte Wohnung versinkt im Chaos«, antwortete Emma verzweifelt. »Und in den nächsten Tagen komme ich kaum dazu, das Durcheinander zu beseitigen. Die neue Position verlangt meine ganze Aufmerksamkeit!«

»Du bist die beste Oberschwester, die sie finden konnten«, sagte Vera, trat ihre Zigarette auf dem Boden aus, warf die Kippe in einen Mülleimer und ließ Emma den Vortritt in die Klinik.

Emma betrat das Gebäude so bedächtig, als würde sie es zum ersten Mal tun. Im Erdgeschoss befanden sich die Ärztebüros, die Aufnahme, die Küche, die Laboratorien und der Speiseraum der Schwestern, der an diesem Morgen Emmas Ziel war. Ihr Blick blieb kurz an der Wendeltreppe hängen, die zur Krankensaaletage und in die Mansarde hinaufführte, und glitt dann über die zarten Blumenmalereien an den Korridorwänden im Erdgeschoss. In den letzten Jahren hatte sie sie kaum noch wahrgenommen. Heute strich sie mit kribbelnden Fingern darüber. Die Emaillefarbe an den Wänden war erst jüngst erneuert worden.

Als Emma den Speiseraum der Schwestern betrat, waren die Stationsschwestern und Ärzte schon vollständig versammelt – mit einer Ausnahme. »Guten Morgen«, grüßte sie. Ihre Schwester fehlte als Einzige noch.

Der Speiseraum war ein gemütlicher Ort, der gar nicht nach Krankenhaus aussah. Um den langen Tisch standen braune Holzstühle und unter dem Fenster eine Kommode wie für eine Stube. Als Stationsschwester hatte Emma in der Sitzecke immer gerne in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift für Krankenpflege gelesen. Dafür würde sie fortan wohl keine Zeit mehr haben.

Sie lächelte, als sie die Stimme von Hanny Polsfuß aus dem Korridor vernahm. »Bitte behandeln Sie mich nicht, als würde ich morgen sterben«, verlangte die. Ja, das war ganz sicher Oberin Polsfuß. Selbst mit Rheuma und Bluthochdruck hatte die zierliche kleine Frau ihren Posten als Oberin mit vor Schmerzen zusammengebissenen Zähnen noch jahrelang ausgeübt und sich immer wieder vor den Obersten des Deutschen Roten Kreuzes gegen ihren Ruhestand ausgesprochen. Erst von einem Schlaganfall an ihrem dreiundsiebzigsten Geburtstag hatte sie sich in den Rollstuhl zwingen lassen. Obwohl Hanny Polsfuß seit dem Schlaganfall vor drei Monaten nicht mehr in der Klinik arbeitete, war ihre offizielle Ablösung erst für den heutigen Tag angesetzt. Zuletzt hatte die Greisin versucht, einen Teil der liegen gebliebenen Verwaltungstätigkeit noch vom Mutterhaus aus zu erledigen. Sie war vergesslich geworden, aber das stand einer Frau in ihrem Alter auch zu, fand Emma.

Oberin Polsfuß wurde von Doktor Levy im Rollstuhl in den Speiseraum gefahren. Die Frau, die ihnen folgte, musste die neue Oberin sein, dachte Emma aufgeregt. Nur Oberinnen trugen schwarze Kleider ohne Schürzen, da sie keine praktische Pflegetätigkeit mehr verrichteten.

Emma lächelte Hanny Polsfuß zu, dann hatte sie nur noch Augen für Therese Niedermayer vom Walchensee. Was die Frau wohl bewegt hatte, ihre bayerische Heimat zu verlassen und ins flache Berlin zu kommen, wo es rauer zuging und mehr Armut herrschte? Vielleicht der ausgezeichnete Ruf der Kinderklinik, deren vorbildliche Kinderpflege unter Walburga Buttermilch mehrfach mit der Goldenen Pflegenadel ausgezeichnet worden war? Emma würde ihr geliebtes Weißensee für keine andere Anstellung der Welt verlassen.

Die neue Oberin war eine Frau mittleren Alters, die sich wohlwollend, kein bisschen von oben herab, umschaute. Sie strahlte Wärme und Besonnenheit aus, das gefiel Emma auf Anhieb. Sie hatte sofort das Gefühl, dass das Getriebe mit der neuen Oberin schneller als gedacht wieder wie geölt laufen würde. Es gab so einiges aus den letzten Monaten aufzuholen. Emma war bereit, es gemeinsam anzupacken! Am liebsten wollte sie die Feierstunde überspringen und sofort loslegen. Der neue Jahrgang der Elevinnen, der vor knapp drei Monaten hier angefangen hatte, war vielversprechend. Emma hatte schon vor Wochen durchgesetzt, dass sie die Vertrauensperson für die Elevinnen bleiben durfte, obwohl ihre Stellenbeschreibung dies nicht mehr vorsah. Einmal wöchentlich würde sie also weiterhin die Vertrauenssprechstunde abhalten, in der sich die Elevinnen unter vier Augen mit ihren Problemen an sie wenden konnten. Sie hatten ihr schon Heimweh, aber auch Versagensängste oder Ekel anvertraut.

Doktor Levy trat vor die versammelte Runde, die nicht nur aus dem Pflegepersonal, sondern auch aus der Ärzteschaft bestand. »Bevor ich Ihnen die neue Oberin vorstelle«, begann er, »möchte ich unserer verehrten Schwester Emma noch einen erfolgreichen Start als Oberschwester wünschen.« Mit einem charmanten Lächeln holte er einen Chrysanthemenstrauß hinter seinem Rücken hervor und winkte Emma zu sich.

»Mit unseren nunmehr sechzig Patientenbetten gibt es viel für Sie, liebe Frau Vogel, und für Ihre Schwesternschaft zu tun. Sie wissen, dass Sie mich immer ansprechen können, sollten Probleme auftauchen«, versicherte ihr Doktor Levy, der seit nunmehr zehn Jahren Ärztlicher Direktor der Kinderklinik war.

Emma nahm den Blumenstrauß mit einem Lächeln entgegen und versuchte, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Alles würde gut werden. In Zusammenarbeit mit Doktor Levy sowieso. Sie hatte ihn als verständnisvollen Chef und vorzüglichen Kinderarzt kennengelernt, der nicht müde wurde, sich für die Klinik über Weißensee hinaus einzusetzen. Dank seiner Beharrlichkeit hatten zwei neue Isolierhäuser gebaut werden können, jedes mit zehn Betten. Eines davon war ausschließlich Keuchhustenpatienten vorbehalten. Diese bakterielle Erkrankung malträtierte Berlins Säuglings- und Vorschulkinder schon seit Jahren. Zwar gab es bereits Impfstoffe, aber die zeigten keinen durchschlagenden Erfolg und waren teuer.

»Ich werde mein Bestes geben und nie das Wohl unserer Patienten aus den Augen verlieren«, versprach Emma und schaute von Stationsschwester zu Stationsschwester, auf deren Zuarbeit sie von nun an angewiesen war: zuerst Hertha von der Chirurgie, die auch gerne Oberschwester geworden wäre, dann Vera von der HNO, Dagmar von der Augenstation, Atanasia von der Allgemeinen, der Marlene als Ärztin vorstand, gefolgt von Oda von der Station für Hautkrankheiten, sowie zuletzt die Schwestern Grete und Undine, die die Isolierhäuser pflegerisch verantworteten. Grete hatte einst dem ersten Elevinnenjahrgang angehört, den Emma praktisch unterwiesen hatte.

»Und sagen Sie es mir ruhig, wenn Sie der Überzeugung sind, dass es etwas auf unseren Stationen zu verbessern gibt. Ich bin für alle Vorschläge offen«, sprach Emma weiter, wohl wissend, dass sie noch viel darüber lernen musste, was eine gute Führungskraft ausmachte. Aus ihrer Erfahrung als Schwester wusste sie bereits, wie wertschätzend es sich anfühlte, in Entscheidungen eingebunden zu werden.

In den Beifall für Emmas kurze Antrittsrede hinein wurde die Tür geöffnet. Marlene schob sich in den Frühstücksraum und mit ihr die neue Medizinalpraktikantin. Ihre Verspätung konnte lediglich bedeuten, dass es einen Notfall gegeben hatte. Marlene hielt Emma die gedrückten Daumen entgegen.

Emma holte eine Vase aus der Kommode am Fenster, befüllte sie am Waschbecken mit Wasser und steckte den Chrysanthemenstrauß hinein. Er kam mittig auf die Speisetafel. Alle sollten sich an den bunten Blumen erfreuen. Dann reihte sie sich wieder ordentlich in die Riege der Pflegschaft ein.

»Oberin Niedermayer, darf ich Sie nun zu mir bitten?«, sagte der Ärztliche Direktor.

Die Bayerin trat vor, aber anstatt darüber zu reden, wie sie ihren Posten als neue Oberin auszufüllen gedachte, ging es in ihren ersten Sätzen um den Walchensee. Sie sprach mit süddeutschem Dialekt darüber, dass es im Mutterhaus in Bayern einen Brand gegeben hatte. Das klang schrecklich.

Emma überlegte schon, wie sie ihre Schwesternschaft und die Pfleglinge vor einem solchen Vorfall schützen könnte. Sie würde gleich nach der Besprechung die Einhaltung der Brandschutzregeln persönlich überprüfen. »Wie können wir helfen?«, fragte sie unverzagt.

Therese Niedermayer antwortete: »Indem Sie meine Entschuldigung dafür annehmen, dass ich die Schwestern am Walchensee erst einmal nicht im Stich lassen kann. Sie brauchen nun vor allem seelischen Beistand in der Krise und Führung beim Neuaufbau des Mutterhauses.«

Emma nickte verständnisvoll. Sie konnte hören, wie Stationsschwester Hertha flüsterte: »Der Walchensee soll malerisch sein. Da reist angeblich Prinzessin Viktoria Luise gerne zur Sommerfrische hin.«

Emma hatte jetzt keinen Kopf für Klatsch und Tratsch. Was würde aus der Oberinstelle hier an der Kinderklinik werden, wenn Therese Niedermayer sie nicht antrat? Eine Oberin trug die gesamte Verantwortung für das Pflegepersonal, sie war Emmas Vorgesetzte, die Pflegeleitung lag in ihren Händen. Eine Oberin war unverzichtbar für die Kinderklinik.

»Ich bin gekommen, um Ihnen persönlich mein Bedauern mitzuteilen, in Ihrer Klinik nicht als Oberin arbeiten zu können«, sprach Oberin Niedermayer weiter.

Emma überlegte, wer für die offene Position infrage kommen könnte. Schade, dass es keine Berufskrankenschwester sein durfte, sondern ausschließlich eine Rotkreuzoberin. Ansonsten wäre Christel Waldner infrage gekommen. Emma hatte sie letztes Jahr auf einer Weiterbildung kennengelernt. Christel war eine ausgezeichnete Pflegefachkraft mit fast vierzig Jahren Berufserfahrung.

»Um Sie hier nun aber nicht ohne Oberin zurückzulassen, haben Doktor Levy und ich in den letzten Tagen alles in Bewegung gesetzt, um kurzfristig eine geeignete Persönlichkeit für die wieder unbesetzte Position zu finden.« Oberin Niedermayer und Doktor Levy nickten sich bestätigend zu.

»Und so bitte ich unsere neue Oberin, nun einzutreten«, übernahm der Klinikleiter das Wort und deutete auf die Tür des Speiseraums. Emma konnte mehrere Schwestern erleichtert aufatmen hören, und auch sie war sehr erfreut über das Glück im Unglück. Es zeugte vom Mut der neuen Oberin, so kurzfristig in einer ihr fremden Klinik einzuspringen.

Die Tür öffnete sich.

»Das ist doch …«, stotterte Stationsschwester Hertha, den Blick starr auf die neue Oberin gerichtet.

Emma sackte die Kinnlade hinab. Sie erkannte die Frau sofort wieder. Erschrocken senkte sie ihren Blick auf ihre ausgetretenen Schuhe, während die neue Oberin auf Absatzschuhen aus Lackleder durch den Speiseraum schritt. Sie trug ihr weizenblondes Haar zu einem eleganten Knoten gesteckt. Ihr schwarzes Oberinnenkleid saß wie angegossen, fast ein bisschen zu eng, um sich frei darin bewegen zu können.

»Für die offene Position konnte ich kurzfristig Oberin Fischer gewinnen«, erklärte Doktor Levy, begleitet vom erleichterten Beifall der Belegschaft. »Als Rotkreuzschwester hat sich Marie-Luise Fischer in vielen Lazaretten im Krieg hohe Ehren erworben. Danach opferte sie sich in der Sterbebegleitung auf. Bis Ende Oktober wird sie gleichzeitig mit ihrem Einsatz hier die Rotkreuz-Ambulanz in der Tassostraße leiten.«

Emma schaute zu Marlene, die Marie-Luises Kragen fixierte. Daran steckte das Eiserne Kreuz aus dem Großen Krieg, das selten an Nicht-Kombattanten und noch seltener an Frauen vergeben wurde. Das Abzeichen bedeutete eine große Ehre und bezeugte die Aufopferung fürs Vaterland. Das hätte Emma Marie-Luise gar nicht zugetraut, so selbstbezogen, wie sie früher gewesen war. Marie-Luise, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren war, hatte Marlene und sie in der gemeinsamen Zeit als Elevinnen an der Kinderklinik wegen ihrer Herkunft aus dem Waisenhaus stets geringgeschätzt. Außerdem hatte sie Marlene als »Brillenschlange« gehänselt.

Bis auf Emma und Marlene klatschte die Belegschaft Beifall. Doktor Proskauer nickte zufrieden, und der junge Doktor Retzkau, Spezialist für Haut- und Augenkrankheiten, klang vollends begeistert, als er hoffnungsvoll sagte: »Es wird also keine Verzögerungen im Pflegebetrieb geben. Das ist außerordentlich löblich.«

»Das kommt uns allen zugute«, verkündete Doktor Fiedler, der Spezialist für Infektionskrankheiten.

Emma war plötzlich schrecklich kalt, das Oberschwesternkleid viel zu dünn, sie zu wärmen. Sie schaute zu Hanny Polsfuß, die Marie-Luise Fischer aus silbergrauen Augen von oben bis unten musterte. Emma hätte eine Reichsmark für ihre Gedanken gegeben. Ihr Blick sprang zu Marlene, die versuchte, ihre Bestürzung hinter der Maske der souveränen Ärztin zu verbergen. Ganz sicher hatte sie nicht vergessen, dass die neue Oberin früher heftig intrigiert hatte, damit Maximilian sie statt Marlene heiratete. Emma erinnerte sich nun wieder daran, als wäre es gestern gewesen.

Maximilian, der hinter Marlene stand, schien einfach nur erleichtert darüber zu sein, dass der Krankenhausbetrieb normal weiterlaufen konnte. Er war Stellvertretender Ärztlicher Direktor und als dieser auch darum bemüht, ausgleichend zu wirken und Konflikte zu verhindern.

»Sie trägt die gleichen Schuhe wie zuletzt Prinzessin Viktoria Luise. Sind die schön«, flüsterte Hertha begeistert.

Emma mahnte sich, die Ruhe zu bewahren. Marie-Luise hatte auch früher schon viel auf ihr Äußeres gegeben und damit so manchem Mann den Kopf verdreht. Emma hatte sich oft von ihr einschüchtern lassen. Aber damals als Schwesternschülerinnen waren sie jung und fast noch Kinder gewesen. In den letzten siebzehn Jahren, die ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester zurücklag, hatte Emma sich verändert. Das Gleiche galt sicher für Marie-Luise. Ihr Werdegang und Wille zur Aufopferung bewiesen dies eindringlich.

Als Emma wieder aufschaute, lächelte Marie-Luise Fischer sie gewinnend an. Erleichtert lächelte sie zurück.

»Ich bedanke mich für die herzliche Aufnahme«, sagte Marie-Luise mit weicher Stimme wieder an die Runde gewandt. »Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit so vielen erfahrenen Pflegekräften. Bis Ende Oktober werde ich zunächst halbtags hier sein, und nach Übergabe der Rotkreuz-Ambulanz an meine Nachfolgerin stehe ich der Kinderklinik und dem Weißenseer Mutterhaus in vollem Umfang zur Verfügung.«

»Sie hat wirklich der Himmel geschickt, Oberin Fischer!«, rief Therese Niedermayer und presste sich gerührt die Hände vor die Brust. »Noch einmal auch von mir ein herzliches Dankeschön für Ihre Hilfe in der Not.«

Abschließend dankte der Ärztliche Direktor Oberin Polsfuß für ihren jahrzehntelangen Einsatz an der Kinderklinik. Hanny bekam den gleichen Blumenstrauß wie Emma und noch eine Schachtel Pralinen dazu, die sie öffnete und neben die Blumen auf den Tisch stellte. »Greifen Sie doch alle zu!«

Doktor Levy wünschte einen guten Start in die neue Woche, dann löste er die Versammlung auf.

Emma verabschiedete sich von Oberin Polsfuß mit einer warmen Umarmung.

»Sie schaffen das ganz sicher«, raunte die Oberin im Rollstuhl ihr zu. »Lassen Sie sich nicht unterbuttern.«

Emma nickte zuversichtlich, ihre Erstarrung hatte sich gelöst, aber nervös war sie trotzdem. Sie machte sich daran, die Ausgaben der Zeitschrift für Krankenpflege in der Sitzecke zu sortieren, obwohl diese schon ordentlich dalagen, und spähte dabei immer wieder zu Marie-Luise hinüber.

Auch Marlene verabschiedete sich bei Oberin Polsfuß, steckte sich eine Praline in den Mund und flüsterte Emma ein: »Das schaffen wir schon« zu. Dann eilte sie in Begleitung von Doktor Proskauer und der Medizinalpraktikantin davon.

Emma beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Marie-Luise sich herzlich bei Oberin Polsfuß bedankte. »Wie wäre es mit einem Spaziergang im Park als Übergabegespräch?«, schlug Marie-Luise vor.

Die frühere Widersacherin schien sanfter geworden zu sein, fand Emma. Sie war wirklich erleichtert, dass die Pflegeleitung nicht unbesetzt blieb und wichtige Verwaltungstätigkeiten nicht länger aufgeschoben wurden.

Hanny Polsfuß war einverstanden mit dem Spaziergang. Marie-Luise griff bei den Pralinen zu, bevor sie ihre Vorgängerin im Rollstuhl aus dem Speiseraum schob. Mit ihren eleganten und bedachten Bewegungen erinnerte sie Emma an Marlenes Schwiegermutter. Die von Weilerts hätten Marie-Luise als Schwiegertochter sicher der nicht standesgemäßen Marlene vorgezogen. Zum Glück hatte Maximilian sich gegen seine Eltern durchgesetzt. Er tat ihrer Schwester so gut und würde ein wunderbarer Vater sein, dachte Emma versunken.

Bevor sie ihr neues Arbeitszimmer bezog, wollte sie noch mal auf ihrer ehemaligen Station, der Chirurgie, vorbeischauen. Wie eine Diebin schlüpfte Emma in das Krankenzimmer, in dem sie Jahre gewirkt hatte. Auf der Chirurgie war ihr jeder Zentimeter vertraut: der Untersuchungstisch mit dem typischen Lederkissen, das sie nach jeder Untersuchung neu zurechtgelegt hatte, die sechs Krankenbetten mit ihren weiß emaillierten, manchmal etwas störrischen Gestellen, die großen Fenster mit den Oberlichtern zur Veranda, Richtung Süden, hin. Sie kannte den Schattenwurf der Fensterkreuze zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Kinder auf der Chirurgie hatten schon vor einer Stunde gefrühstückt und ruhten nun in ihren Betten. Bis zur Visite um neun Uhr dauerte es noch. Emma trat zuerst an Eberhards Säuglingsbett. Der nicht einmal einjährige Junge mit dem nässenden entzündeten Nabel hätte eigentlich am Samstag entlassen werden sollen. Vermutlich war die Behandlung mit Silbergranulat nicht zur Zufriedenheit der Ärzte verlaufen. Der Kleine schaute sie aus wachen Augen an.

Emma streichelte ihm die samtweiche Wange. »Halte noch ein paar Tage durch, kleiner Mann«, sagte sie leise, um die schlafende Christiane, die Langzeitpatientin auf der Chirurgie, nicht zu wecken. Vermutlich würde sein Nabelgranulom operativ entfernt werden müssen.

Sie ging zu Christianes Bett und zog dem Mädchen die Decke bis zum Hals hoch. Christiane hatte schwer mit ihrer Lungenfehlbildung zu kämpfen, aber liebte es, rotbäckige Äpfel zu essen. Emma würde ihr heute ein extragroßes Exemplar davon zum Abendessen in kleine Stücke schneiden.

»Schwester Emma?«, flüsterte Isabella zwei Betten weiter. Sie trug einen Verband am Hals, weil ihr dort eine Zyste entfernt worden war. »Ich kann nicht einschlafen.«

Mit einem dankbaren Lächeln ging Emma zum Metallschrank, in dem auch frische Bettwäsche aufbewahrt wurde, und nahm eines der Kinderbücher heraus. »Kennst du die Geschichte vom Sterntaler?«, flüsterte sie.

Isabellas Augen weiteten sich. »Wer ist Sterntaler?«

Emma schüttelte dem Mädchen das Kopfkissen auf, dann setzte sie sich an sein Bett. »Es war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben«, begann sie, »und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen.«

Es raschelte hinter Emma.

Oskar hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und rieb sich die Augen. »Schwester Emma ist doch wieder da«, sagte er freudig, und ein Lächeln breitete sich auf seinem verschlafenen Gesicht aus. »Mit neuem Kleid.« Sie hatte den Kindern am Freitag erklärt, dass sie wegen ihrer neuen Position nicht mehr auf der Chirurgie arbeiten würde.

Emma erwiderte Oskars Lächeln und strich sich über den dunkelblauen Stoff. »Ich werde nie von hier fortgehen«, antwortete sie mit fester Stimme. In Gedanken fügte sie noch hinzu: Und bestimmt werde ich mit Marie-Luise Fischer gut zusammenarbeiten. Schließlich sind wir beide souveräne Erwachsene, denen das Wohl der kleinen Patienten über alles geht.

2

6. Oktober 1929

Die Sonne ging gerade auf, als Marlene erschöpft von der überstandenen Nachtschicht den Klinikpark betrat. Drei Notfälle und sogar eine Notoperation hatten sie in den zurückliegenden zehn Stunden gefordert. Sie brauchte frische Luft, um wenigstens kurz durchzuatmen.

Sie hatte sich dazu entschlossen, sich für eine Professur an der Universität zu qualifizieren. Seitdem sie vor einer Woche mit Professor Czerny ein Thema für ihre Habilitationsschrift, die Voraussetzung für eine Professur, festgelegt hatte, fühlte sie sich, als verginge die Zeit doppelt so schnell. Es galt zu recherchieren, den Stand der wissenschaftlichen Literatur aufzuarbeiten, Anfangsthesen zu formulieren. Und das alles in ihrer Freizeit, die in diesem Moment begann, während sie in Gedanken noch bei ihren letzten Patienten feststeckte, wie so oft nach Nachtschichten. Sie hatte das Gefühl, inzwischen schneller außer Atem zu kommen. Und dann war da noch diese unangenehme Sache mit Marie-Luise Fischer als neuer Oberin. Marlene versuchte, Maximilians früherer Verlobten, so gut es ging, aus dem Weg zu gehen. Das mochte feige sein, aber gerade forderten alle anderen Lebensbereiche ihre Kraft vollständig. Und Emma und Marie-Luise? So gründlich, wie sich ihre Schwester auf ihre neue Herausforderung als Oberschwester vorbereitet hatte, konnte einfach nichts schiefgehen. Emma kannte sämtliche organisatorischen Abläufe und Regeln in der Klinik, hatte schon gemeinsam mit ihrer Vorgängerin die Dienstpläne erstellt, und außerdem erlebte Marlene ihre Schwester seit Jahren souverän im Umgang mit Konflikten, was eine wichtige Anforderung an eine Oberschwester war. Nie durften Eltern und Personal angeschrien oder ungerecht behandelt werden. Oft musste vermittelt und um Verständnis geworben werden.

Marlene tat ein paar Schritte auf dem Kiesweg im Park an den Rosenrabatten entlang und atmete tief ein und aus. Gedankenversunken bückte sie sich nach einem Stück Butterbrotpapier, das sich am dornigen Stiel einer Rose verfangen hatte und in den Mülleimer gehörte. Hoffentlich ging es dem kleinen Andres, der mit einem Loch im Schädel eingeliefert worden war, bald besser. Erst vor wenigen Stunden hatte sie seine Wunde gesäubert und sie unter Aufbringung ihrer höchsten Fadenkunst genäht.

Als Marlene sich mit dem Papierstück in der Hand wieder aufrichtete, zog ein torkelnder Junge vorne am Klinikgebäude ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er blieb an einer der Linden unweit des Haupteingangs stehen und klammerte sich daran, als wäre der Baum sein letzter Halt.

Er sackt gleich zusammen!, durchfuhr es Marlene. »Schwester Renate!«, rief sie jener Elevin zu, die gerade einen Stapel Handtücher ins alte Isolierhaus trug. »Wir haben einen Notfall!«

Renate versteinerte bei dem Wort »Notfall« und schaute sich panisch um. Vor Schreck ließ sie die Handtücher fallen.

»Während ich nach dem Jungen schaue, holen Sie eine Trage herbei«, wies Marlene sie an und lief zu dem Kranken.

Es dauerte eine Weile, bis Renate sich in Bewegung setzte. »Bitte, machen Sie schon!«, forderte Marlene im Laufen, dann konzentrierte sie sich ganz auf den Jungen.

Er war kraftlos und konnte sich keine Minute länger auf den Beinen halten. Zuallererst hieß es, Ruhe zu bewahren und dem Notleidenden ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. »Ich bin Doktor Marlene von Weilert und Ärztin hier an der Kinderklinik. Ich kümmere mich jetzt um dich«, sagte sie, ohne aufgeregt zu klingen, und half ihm, den Baum loszulassen. Eigentlich bestand für Berlins Kinder Schulpflicht, dachte Marlene, aber lenkte ihre Gedanken sofort zurück zu dem schwachen Jungen. Sein Gesicht war grau und schmal. Er war zehn oder elf Jahre alt und einer der Bolle-Jungen, die auf pferdebespannten Milchwägen zu den Berlinern fuhren, mit der Handglocke klingelten und die schweren Milchkannen treppauf, treppab trugen, um die Milchgefäße der Hausfrauen aufzufüllen. Das war leicht an der typischen Schiebermütze mit dem Namen der Meierei C. Bolle, der weißen Milchschürze und der braunen Ledertasche um seinen Leib zu erkennen.

Marlene prüfte Puls und Atmung, um zu erfahren, ob der Zustand des Jungen lebensbedrohlich war, was nicht der Fall war. Sie stützte ihn bis zur Ankunft der Trage. Er presste sich mit der ihm noch verbleibenden Kraft seine Ledertasche vor die Brust.

»Wie heißt du? Und wo hast du Schmerzen?«, fragte Marlene, während sie dem Jungen ihren Arztkittel um den Körper legte. Er glühte vor Fieber und zitterte gleichzeitig wie Espenlaub.

»Ick bin Albert«, presste er hervor. Beim Sprechen traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. »Dreißig, sechzig, neunzig«, murmelte er. Dann öffnete er den Mund etwas und deutete mit dem Finger hinein. »Ick hab een Messer im Hals stecken.«

Marlene drehte seinen Kopf zum Licht und schaute in seinen Rachen. Allein der Mundgeruch, der ihr entgegenströmte, sprach für eine Mandelentzündung. »Albert, ich bringe dich gleich in das Untersuchungszimmer, dort ist es auch wärmer.« Sie tupfte ihm mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Albert hielt seine Ledertasche weiter fest am Körper. »Eins zwanzig, eins fünfzig«, sprach er angestrengt, nicht mehr murmelnd.

Endlich traf Elevin Renate mit der Trage ein. Zusammen betteten sie den Jungen mit den ungewöhnlich muskulösen Oberarmen darauf.

Wenige Minuten später trafen sie im Aufnahmezimmer ein, und der HNO-Spezialist Doktor Proskauer war benachrichtigt. Marlene desinfizierte ihre Hände und Unterarme, dann trug sie das notwendige Untersuchungsbesteck herbei. Sie wies Renate an, dem Patienten die Hand zu halten und ihm Mut zuzusprechen. Beim nächsten Wiedersehen mit Emma würde sie ihrer Schwester nahelegen, mit den Schwesternschülerinnen das Verhalten bei Notfällen zu üben. Renate hatte viel zu lange gezögert, bevor sie reagiert hatte. Manchmal entschieden wenige Sekunden über Leben und Tod.

Im nächsten Moment traf Doktor Proskauer mit einer Schwester von der HNO ein. Seit einigen Jahren war er nicht mehr nur als beratender Arzt, als Konsiliarius, angestellt, sondern als Vollzeitkraft.

»Das Fieber hat ihn geschwächt. Sein Puls ist aber nur leicht erhöht: sechsundneunzig Herzschläge«, berichtete Marlene. »Albert ist draußen zusammengebrochen. Er ist allein hergekommen.«

»Das dachte ich mir schon«, entgegnete Doktor Proskauer. Er spielte wohl auf die Uniform des Bolle-Jungen an, die nahelegte, dass er zu einer der armen Proletarierfamilien gehörte, bei denen auch die Kinder arbeiten mussten und die Mütter tagsüber in Fabriken schufteten, um über die Runden zu kommen. »Wir müssen die Eltern benachrichtigen. Sie müssen der Aufnahme des Jungen zustimmen.« Routiniert begann er die Untersuchung, während die Schwester die Krankenakte anlegte und die Untersuchungsbefunde darin festhielt.

Marlene assistierte mit den Gerätschaften. Als sie Albert für das Abhorchen und Abklopfen die Milchschürze und die Ledertasche abnehmen wollte, sträubte sich der Junge. »Da is meen janzes Jeld drin!«

»Ich möchte es dir nicht wegnehmen«, erklärte sie mit warmer, mütterlicher Stimme, »nur deinen Rücken und die Brust für die Untersuchung frei machen. Versprochen.«

Mit fiebrigem Blick verfolgte der Junge, wie sie ihm seine Tasche abnahm, seinen Oberkörper frei machte und sie ihm gleich wieder auf den Schoß legte. Er weinte keine einzige Träne der Angst, anders als die meisten Kinder, die eingeliefert wurden.

»Sagen Sie ihm leise, dass er hier in guten Händen ist«, flüsterte Marlene der Elevin zu, da Renate nach einem ersten Streichelversuch eingeschüchtert von dem ungewöhnlich erwachsen wirkenden Jungen war. Ein wenig fühlte sich Marlene durch Renate an die Medizinalpraktikantin erinnert, die noch genauso vorsichtig und unsicher handelte.

Albert war inzwischen bei »sechs dreißig« angekommen, ohne seine Milchgeldtasche eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Die Spiegeluntersuchung ergab, dass seine Mandeln zerklüftet und vernarbt waren. Dies war also nicht die erste Mandelentzündung in seinem Leben. Sein Fieber betrug achtunddreißig Grad.

»Wir haben es hier mit einer fiebrigen chronischen Tonsillitis zu tun«, sagte Doktor Proskauer. Zur Demonstration drückte er mehrmals mit dem Holzspatel gegen den Gaumenbogen des Patienten, woraufhin Eiter ausfloss.

»Diphtherie, Scharlach, Drüsenfieber und Tuberkulose können wir ausschließen?«, fragte Marlene.

»Absolut«, bestätigte der HNO-Spezialist. »Wir sollten bald operieren und auf jeden Fall vorher sein Fieber senken.« Eine Mandelausschälung bei erhöhter Temperatur stellte ein Risiko dar. »Nur leider bin ich ab heute Mittag auf dem Weg nach Zürich zum Kongress über Nasenfrakturen und erst in einer Woche wieder zurück. Würden Sie die Operation übernehmen?«

»Natürlich«, sagte Marlene, auch wenn dies bedeutete, dass sich ihre Erholungspause nach der Nachtschicht halbierte. Sie wollte Albert keinesfalls länger leiden lassen. Die Entfernung der Gaumenmandeln, eine Tonsillektomie, war eine Routineoperation.

»Sehr gut, dann kann ich beruhigt wegfahren und die chronische Tonsillitis in Ihre Hände legen«, sagte der Doktor.

»Ich kümmere mich auch gleich um die Benachrichtigung seiner Eltern und deren Zustimmung zur Operation«, sagte Marlene. Sie würde jemanden dafür losschicken müssen.

Zum ersten Mal, seitdem sie im Untersuchungszimmer waren, meldete sich Albert nicht mit einer Zahl zu Wort: »Ick muss morgen willer uff’n Milchhof sein. Jeht det mit der Operation ooch schnell?«

»Albert, du bist krank und gehörst ein paar Tage ins Bett«, erklärte Marlene dem Jungen und streichelte ihm über den Handrücken. »Erst musst du wieder gesund werden, bevor du weiterarbeiten kannst. Was zählst du eigentlich die ganze Zeit?«, fragte sie zur Ablenkung, während die Schwester den Stauschlauch für die Blutabnahme um den Oberarm des Jungen band.

»Ick zähle de Preise für alle möglichen Milchmengen uff«, antwortete Albert mühevoll. »Een Liter kostet dreißig Pfennig, zwee Liter sechzig Pfennig.«

Was für eine ungewöhnliche Art, sich abzulenken, dachte Marlene. Wenn ihre Ungeduld auf eine Schwangerschaft kurz vor der nächsten Periode zu groß wurde, lenkte sie sich mit Träumereien von einer wachsenden Familie ab. Zu ihrer Enttäuschung kam ihre Blutung seit der letzten missglückten Schwangerschaft stets überpünktlich. Sie fühlte sich unvollständig und im Kampf mit ihrem Körper, weil noch keine ihrer drei Schwangerschaften die ersten drei Monate überstanden hatte. Und seit zwei Jahren wurde sie nicht einmal mehr schwanger.

»Wenn ick die Zahlen parat habe, verrechne ick mich nich so schnell.« Albert schluckte mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Meene Fresse, tut det weh.«

»Genau deswegen operieren wir dich gleich heute Nachmittag, sobald dein Fieber gesunken ist«, entschied Marlene. »Du gibst der Schwester jetzt die Adresse deiner Eltern.«

»Ick hab nur noch ’ne Mutter«, sagte Albert und schluckte wieder mühevoll. »Aber wozu wollen Se die denne sprechen?«

Marlene erklärte es ihm, aber der Junge winkte betrübt ab. »Die hat keene Zeit für mich, ist immer krank und muss sich um meenen kleenen Bruder Franz kümmern. Der is noch nicht so lange uff der Welt.« Nach diesen Worten schaute Albert mit feuchten Augen zur Zimmerdecke und versuchte, nicht zu weinen.

Seine Situation rührte Marlene, aber sie wollte jetzt nicht weiter auf ihn eindringen. Besser, er beruhigte sich vor der Operation, anstatt sich aufzuregen. Sie streichelte ihm noch einmal die Hand an der Milchgeldtasche.

Es war achtzehn Uhr, als Marlene den Hahn am Waschbecken im Vorraum des Operationssaales aufdrehte, um sich für die Operation von Albert Kopetzke einzuwaschen. Ihre Locken, die ihr bis an die Ohrläppchen reichten, hatte sie bis auf das letzte Haar unter die Operationshaube geschoben.

Sie erklärte der Medizinalpraktikantin, die am Waschbecken neben ihr hantierte, die oberste Regel bei der Entscheidung für oder gegen die Entfernung von Mandeln. »Die Mandeln dürfen nur dann herausgenommen werden, wenn sie mehr Probleme bereiten, als sie Nutzen stiften. Nur, wenn sie ständig entzündet und von Eiter umgeben sind, der im schlimmsten Fall zu einer tödlichen Sepsis führen kann, gehören sie entfernt, wie im Fall von Albert.«

Bernadette Beierlein nickte wissbegierig. Seitdem sie an der Klinik arbeitete und Marlene als Schützling zugeteilt worden war, sog sie jedes ihrer Worte auf. Marlene wusste aus eigener Erfahrung, wie schwierig der praktische Einstieg nach dem theoretischen Medizinstudium war. Vom Umgang mit leidenden und sterbenden Kindern, die selbst das Herz eines altgedienten Mediziners berührten, erfuhr man im Studium wenig. Marlene gab ihre Erfahrung als Ärztin mit viel Geduld an die Medizinalpraktikantin weiter.

»Was ist der Nutzen unserer Mandeln?«, fragte sie die junge Frau, die sie oft an sich selbst damals im Praktikum erinnerte. Bernadette Beierlein stammte aus armen Verhältnissen, hatte für die Finanzierung ihres Studiums, das ihr niemand zugetraut hatte, hart gearbeitet und war Halbwaise. Marlene hatte das Gefühl, die junge Frau behutsam in die raue Welt des männerdominierten Klinikbetriebes einführen zu müssen. Noch immer waren Ärztinnen an Berlins Krankenhäusern die Ausnahme.

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