Kinderklinik Weißensee – Geteilte Träume - Antonia Blum - E-Book
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Kinderklinik Weißensee – Geteilte Träume E-Book

Antonia Blum

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Beschreibung

Der langersehnte vierte Band der Kinderklinik Weißensee Berlin-Weißensee, 1948: Elisabeth "Lissi" Vogel kann es kaum erwarten, als Assistenzärztin an der Kinderklinik Weißensee endlich in die Fußstapfen ihrer Tante Marlene zu treten. Doch der Klinikdirektor schätzt die begabte, junge Frau wegen ihres verformten Beines, das von einer überstandenen Kinderlähmung herrührt, gering. Außerdem legt er ihr immer neue Steine in den Weg. Aber Lissi lässt sich so schnell nicht einschüchtern, genauso wie ihre Tante Marlene. Die musste in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Westberlin fliehen und dort bei null anfangen. Als sich in Berlin Fälle von Kinderlähmung häufen, wird die frisch verliebte Lissi plötzlich mit ihrer größten Angst konfrontiert und verliert den Mut, für ihre kleinen Patienten und für den Mann ihres Herzens zu kämpfen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Kinderklinik Weißensee – Geteilte Träume

ANTONIA BLUM lebte längere Zeit in Berlin, ohne den Weißen See dort je gesehen zu haben. Erst Jahre später, nachdem sie die Hauptstadt längst verlassen hatte, entdeckte sie durch einen Zufall die Ruine der einstigen Kinderklinik in Weißensee und kommt seitdem von dem Ort und seiner bewegten Geschichte nicht mehr los. Heute fährt Antonia nicht nur zum Spazierengehen immer wieder an den Weißen See, der dem Berliner Stadtteil seinen Namen gab. Sie ist überzeugt, dass dort ein Tor in die Vergangenheit existiert.

 

Von Antonia Blum sind in unserem Hause bereits erschienen:

Kinderklinik Weißensee – Zeit der Wunder

Kinderklinik Weißensee – Jahre der Hoffnung

Kinderklinik Weißensee – Tage des Lichts

Berlin-Weißensee, 1948: Elisabeth »Lissi« Vogel kann es kaum erwarten, als Assistenzärztin an der Kinderklinik Weißensee endlich in die Fußstapfen ihrer Tante Marlene zu treten. Doch der Klinikdirektor schätzt die begabte, junge Frau wegen ihres verformten Beines, das von einer überstandenen Kinderlähmung herrührt, gering. Außerdem legt er ihr immer neue Steine in den Weg. Aber Lissi lässt sich so schnell nicht einschüchtern, genauso wie ihre Tante Marlene. Die musste in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Westberlin fliehen und dort bei null anfangen. Als sich in Berlin Fälle von Kinderlähmung häufen, wird die frisch verliebte Lissi plötzlich mit ihrer größten Angst konfrontiert und verliert den Mut, für ihre kleinen Patienten und für den Mann ihres Herzens zu kämpfen.

Antonia Blum

Kinderklinik Weißensee – Geteilte Träume

Roman

Ullstein

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© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2024

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München

Titelabbildung: © www.buerosued.de (Landschaft); Berliner Denkmalschutzbehörde, Straßenansicht von der Gierstraße, um 1911 (Klinik) © Elena Gonzalez / Arcangel (Junge)

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ISBN 978-3-8437-2874-4

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

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Nachwort

Literaturhinweise

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

1

1

1. Mai 1948

Die Kronen der Mandelbäume beschatteten die Tafel, die Marlene von Weilert im Garten der Villa aufgebaut hatte. Eine Girlande aus geflochtenen Gänseblümchen, die ersten dieses Frühlings, wand sich um die Kuchenplatten und silbernen Kerzenständer.

Marlene hob ihr Kelchglas und prostete den Geburtstagsgästen zu. »Auf unseren Maximilian und darauf, dass er uns noch viele Jahre erhalten bleibt.« Sie trat vor ihren Ehemann, lächelte ihn liebevoll an und stieß ihr Glas vorsichtig gegen seines.

Er trug Anzug und Fliege, wie eh und je. Seit fast dreißig Jahren waren sie verheiratet, und sie freute sich auf jeden weiteren Tag mit ihm. Sie nahm einen Schluck vom Sekt, der hervorragend schmeckte. Es war Jahre her, dass sie so fürstlich getrunken hatten. Die Freifrau von Porz aus der Nachbarsvilla hatte am Vormittag mit herzlichen Glückwünschen zwei Flaschen herübergebracht. Die alte Dame zählte wie die von Weilerts zu den wenigen Adligen, die nach der Machtübernahme der Kommunisten nicht in den Westen geflohen waren.

»Ich wünsche mir heute keine Geschenke, sondern eine friedliche Zukunft mit dir«, antwortete Maximilian in zärtlichem Ton und streichelte Marlene die Wange.

Aus dem stürmischen Paar, das sie einst gewesen waren – romantisch, spontan und leidenschaftlich –, war eine besonnene Familie geworden, die Liebe, Verlust und Aufopferung nur noch enger zusammengeschweißt hatte.

Sie küsste seine Daumenkuppe, dann sagte sie: »Frieden, den wünschen wir uns alle«, und wandte sich den anderen Familienmitgliedern zu, die daraufhin nickten.

Das Ende des Krieges lag bereits drei Jahre zurück, aber die politische Situation hatte sich noch immer nicht beruhigt. Deutschland war von den Siegermächten in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren eingeteilt worden. Weißensee lag im sowjetischen Sektor. Auch wenn die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, England und die Sowjetunion die oberste Regierungsgewalt gemeinsam ausübten, waren Diskussionen über die Zukunft des Landes an der Tagesordnung. Die Versorgungslage war prekär. Vor allem fehlte es an Lebensmitteln, Medizinprodukten, Drogeriewaren und Kraftstoff. Trotz allem war Marlene voll Hoffnung, dass es endlich bergauf gehen würde, wenn die Trümmer beseitigt waren. Sie alle mussten nach vorne schauen.

»Vielen Dank, dass ihr gekommen seid«, ergriff Maximilian das Wort. Ein leichter Frühlingswind wehte durch sein graues Haar und ließ es an der Stirn auffliegen. Das Grau stand ihm ausgezeichnet, fand Marlene.

»Es ist mir immer wieder eine Freude, euch hier willkommen zu heißen.« Maximilian wies zur Villa hinter sich, die trutzig wie eine Burg dastand. Der Krieg hatte ihr nichts anhaben können. »Vierundsechzig ist noch kein biblisches Alter, weswegen ich wenigstens auf meinen Achtzigsten hoffe«, fuhr er fort. »Ein paar Geburtstage müsst ihr also noch mit mir feiern.« Schmunzelnd machte er mit Marlene an seiner Seite die Runde um die Tafel. Seine Gelenke waren schon etwas steif, aber das ließ er sich heute noch weniger als sonst anmerken. Erst prostete er seiner Schwägerin Emma zu, die sich – um die Herrschaft der Nationalsozialisten zu überleben – von ihrem Mann Kurt hatte trennen müssen. Dann hob er sein Glas in Richtung seines Neffen Theodor, der extra aus London angereist war, und stieß kurz darauf mit seinem jüngsten Sohn Franz an.

Marlene zwang sich, in diesem Moment nicht an Franz’ älteren Bruder zu denken. Albert wäre jetzt neunundzwanzig gewesen. Sie schob sich ihre Brille die Nase hinauf. Ihr neues Gestell war am Rand dicker, an den Außenseiten nach oben geschwungen und so grün wie die feuchten Wiesen bei Lübars. Es erinnerte an die Form von Katzenaugen und verlieh ihr einen frischen und modernen Ausdruck. Genau das Richtige für den Beginn einer neuen Zeit.

Als Maximilian vor Lissi, seine Nichte, trat, fiel die ihm um den Hals. Marlene verstand, was er ihr zuflüsterte: »Du wirst das morgen großartig machen!«

Lissi nahm ihren Onkel noch fester in die Arme und wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Dann überreichte sie ihm ein Geschenk: ein Schild aus Emaille. Es war für seine Arztpraxis im Erdgeschoss der Villa und zeigte veränderte Öffnungszeiten, weil Maximilian schon länger kürzertreten wollte.

Marlene lächelte über diesen Wink mit dem Zaunpfahl, den guten Vorsatz endlich in die Tat umzusetzen. Sie selbst war noch nicht bereit, beruflich kürzerzutreten. Zu sehr hing sie an der Arbeit mit den kleinen Patienten in der Kinderklinik. Außerdem fühlte sie sich mit ihren fast sechsundfünfzig Jahren noch außerordentlich fit und der oft hektischen und verantwortungsvollen Arbeit als Oberärztin gewachsen.

Maximilian umarmte seine einzige Tochter Katharina nun ebenso fest wie eben noch Lissi. Die knapp Sechzehnjährige machte sich nicht so schnell frei wie aus den Umarmungen ihrer Mutter. Das übersah Marlene nicht. Außer ihrer Ähnlichkeit – die wilden Locken, die unauffälligen Gesichtszüge und der schmale, hochgewachsene Körper mit den zu langen Beinen – hatten sie nicht viel gemein, was sie sehr bedauerte. Katharina war oft lustlos und wenig interessiert, nicht mal an der Schule. Es lag wohl an diesem besonderen Alter, in dem Mädchen zu Frauen wurden.

Zurück am Kopfende der Tafel, forderte Maximilian die Gäste auf zuzugreifen. Zwei Kuchen hatte Marlene von den Zutaten backen können, die ihre Lebensmittelkarten für diesen Monat hergaben. Ein Rationierungssystem aus fünf verschiedenen Karten sollte den Bedarf der Bevölkerung irgendwie decken. Dass die Karten der Kategorie »fünf«, die für Kinder bestimmt waren, auch »Friedhofskarten« genannt wurden, sprach Bände.

»Mmmmh, ist der Apfelkuchen gut«, schwärmte Emma mit halb vollem Mund.

Marlene lächelte ihre Schwester an. Sie war so froh, dass Emma noch lebte und endlich zurück in Weißensee war.

»Der Pflaumenkuchen ist auch echt dufte!«, pflichtete Lissi zwischen zwei Schlucken aus der Kaffeetasse bei. Katharina verdrehte daraufhin die Augen und schob sich missmutig einen Bissen in den Mund.

Marlenes Blick glitt von ihrer Tochter weg und in die Kronen der Mandelbäume über ihnen. Sie zeichneten sich scharf vor dem blauen Himmel mit den Federwölkchen ab und bogen sich unter der Last Hunderter rosa Blüten. Jeder Baum stand für die Ankunft eines Kindes in ihrem Leben: erst Albert und Franz – die Jungen hatten sie adoptiert –, dann Katharina.

Genießerisch sog sie den Duft der wohlriechenden Blüten ein. Zu oft hatte während des Krieges der Gestank von rauchendem Feuer, verbranntem Fleisch und Fäulnis über Berlin gelegen. Nach vorne schauen!, erinnerte sie sich in Gedanken.

Nachdem der Kuchen aufgegessen war, spielte Marlene mit Lissi Federball, und Theodor tanzte mit Emma. Im weiteren Verlauf des Nachmittags entspann sich ein Federballturnier. Zur Überraschung aller gewann Theodor mit einigem Abstand, sogar zu Marlene. Er sprach längst fließend Englisch und trug Tweedsakkos. Franz hatte trotz mehrfacher Aufforderung nicht mitmachen wollen und saß eher teilnahmslos am Rand des ausgelassenen Geschehens. Auch als die Dämmerung einsetzte und die Feiernden erschöpft auf den Rasen sanken, weigerte Franz sich, auf seiner alten Gitarre ein paar Lieder zum Besten zu geben. Maximilian spendierte Pfefferminzlikör, den es nur an Feiertagen gab und dann tröpfchenweise. Bei dem Gedanken, dass sich die Dinge in ihrem Leben zum Guten entwickelt hatten, flutete eine warme Welle Marlenes Körper. Sie saßen beisammen und genossen die abendliche Ruhe in Weißensee.

Als es gegen einundzwanzig Uhr richtig kalt wurde, verabschiedeten sich die Gäste. Nur Lissi blieb noch, um Marlene vom Befinden der Tiere auf dem Hof Sonnenschein zu berichten. Der Hof lag am Rand von Weißensee und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alten, kranken und misshandelten Tieren ein Zuhause zu geben. Lissi half dort mit und wollte heute Abend noch einmal vorbeischauen.

Nachdem sie kurz berichtet hatte, dass Esel Beppo gerade nicht fressen wollte, hakte sie sich bei Marlene ein und schmiegte sich an sie. »Ich freue mich, dass wir uns ab morgen täglich sehen.«

Marlene küsste ihre Nichte auf die Stirn. »Ich bin sehr stolz auf dich, die Jahrgangsbeste der Universität in Bern.« Ihr Blick sprang hoch zum Fenster von Katharinas Zimmer, wo Licht brannte. Die Erziehung von Franz und Albert war einfacher gewesen als die ihrer Tochter.

Lissi strahlte übers ganze Gesicht. »Morgen ist der wichtigste Tag in meinem Leben!«

»Dein erster Tag als Assistenzärztin an der Kinderklinik.« Marlene lächelte. »Falls du Hilfe brauchst, ich bin immer für dich da.«

»Danke, Tante Lene. Du bist die Beste.« Lissi nickte. »Jetzt muss ich aber los.«

Marlene brachte ihre Nichte zum Tor des Anwesens. Nach einer innigen Umarmung radelte Lissi los.

Das Quietschen der Fahrradkette war längst verklungen, als Marlene immer noch da stand. Sie schaute in Richtung Kinderklinik, die in etwa einem Kilometer Entfernung lag. Dort hatte ihr Leben nach dem Waisenhaus mit der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester einst begonnen. Vor sieben Jahren war sie schließlich zur Oberärztin befördert worden, sodass ihr nun die Betreuung der neuen Assistenzärztin oblag. Die weitere Erforschung des Penicillins hatte sie aus Zeitgründen anderen überlassen.

»Kommst du mit rein, Liebling?«, rief Maximilian. Er hatte die Tafel abgeräumt und die Federballschläger verstaut. »Es donnert schon und wird sicher gleich regnen.« Er deutete zum Himmel und ging voran ins Haus.

Marlenes Blick verharrte noch einen Moment in der Ferne. Dann zog sie sich ihren leichten Mantel enger um die Schultern und lief ins Haus.

Sie fand Maximilian in Gedanken versunken vor dem Fenster im großen Salon vor. Sie hatten noch keine neuen Vorhänge für den prunkvollsten Raum der Villa kaufen können. Die alten waren für Kleidung verwendet worden.

Maximilian hatte den Blick in jene Ecke des Gartens gerichtet, wo der Pavillon stand. Dort hatte seine Mutter, Gräfin Dorothea von Weilert, häufig gesessen, Zeitung gelesen, bei einer Tasse Tee den Tag genossen und ihre Enkel beim Spielen beobachtet. Mit über achtzig war sie im letzten Jahr verstorben und neben ihrem Mann bestattet worden.

Marlene umfasste Maximilian von hinten und schmiegte sich an ihn, während es draußen zu regnen begann.

Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, wandte er sich zu ihr um. »Die Villa ist das Einzige, das mir von meinen Eltern geblieben ist.« Nach dem Tod seiner Mutter hatte er keines der schweren barocken Möbel weggeräumt, geschweige denn verheizt – eine Maßnahme, zu der andere während des Krieges gezwungen gewesen waren. Maximilian hatte lieber gefroren.

»Die Villa war unser Schutz vor der Unbill der Welt draußen«, dachte Marlene laut, während Regentropfen wie kleine Geschosse gegen die Scheibe schlugen. Hier waren ihre Kinder aufgewachsen. »In ein paar Jahren ziehen wir ins zweite Obergeschoss hoch und überlassen Franz unsere Wohnung und die Praxis im Erdgeschoss.« Sie hoffte, dass er durch sein Medizinstudium an der Humboldt-Universität zurück ins Leben finden würde. Er wohnte nahe der Charité, dem Lehrkrankenhaus der Universität, in Berlin-Mitte, in einem Studentenzimmer am Schiffbauerdamm.

»Eine schöne Vorstellung«, sagte Maximilian und lächelte mit väterlich liebevollem Gesichtsausdruck.

Marlene konnte nicht anders, als ihn zu küssen. Sanft trafen ihre Lippen auf seine. Sie wollte gerade fordernder werden, als sie innehielt. Hatte es an der Tür geklingelt? Sie war sich nicht sicher. Maximilian schien nichts gehört zu haben, denn er zog sie zu sich heran und gab sich dem innigen Moment hin. Seine Hände fuhren Wirbel für Wirbel ihren Rücken hinab, sodass Marlene ein lustvoller Seufzer entglitt. Fast fühlte sie sich wieder wie die junge Schwesternschülerin, die sich einst im Hörsaal der Kinderklinik in Doktor Maximilian von Weilert verliebt hatte.

Erst als das Klingeln stürmischer wurde, öffnete Marlene die Augen. Maximilian ließ zögerlich von ihr ab. Seine Lippen glänzten noch feucht vom Kuss. Er streichelte über ihren Hals, dann sagte er: »Ich sehe kurz nach«, und lief hinab in die Eingangshalle. Nächtliche Besuche kamen häufiger vor. In der Regel waren es Mütter mit ihren Kindern, verletzt oder todkrank.

Marlene war noch benommen von den Zärtlichkeiten. Mit einem verliebten Lächeln ging sie in die Praxis und machte vorsorglich Licht. Mit einem Ohr horchte sie zur Tür. Sie erkannte die Stimme des Dienstmädchens der Freifrau von Porz von nebenan.

Als sie Maximilian ihren Namen rufen hörte, eilte sie zu ihm an die Haustür. »Lene, uns bleibt nicht viel Zeit!« Maximilians Hände zitterten, wie auch die der nächtlichen Besucherin. Dem Dienstmädchen liefen Regentropfen über die Stirn, und seine Haube war durchnässt.

»Was ist passiert?«, wollte Marlene wissen. So aufgebracht hatte sie Maximilian lange nicht gesehen. Er war ein ruhiger Mann und blieb bei den schwierigsten Patienten gelassen.

Das Dienstmädchen erklärte Marlene: »Die Freifrau von Porz schickt mich. Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie und Ihr Gatte sofort fliehen müssen!«

Sie mussten mitten in der Nacht fort? Ihr Zuhause, ihre Festung, verlassen? Marlene fragte sich, ob das Mädchen betrunken war.

»Die sowjetischen Besatzer haben gerade das Haus der Witwe von Zillenberg gestürmt und sie verhaftet!«, presste das Mädchen atemlos hervor. »Wir und Sie sind die Nächsten!« Panisch schaute sie zur Straße.

»Aber man kann uns doch nicht einfach verhaften!«, widersprach Marlene und musste unweigerlich an jenen Volksentscheid aus dem vergangenen Jahr denken, mit dem Betriebe und anderes Privateigentum von Kriegs- und Naziverbrechern entschädigungslos verstaatlicht, die Besitzer verhaftet und teilweise in sowjetische Arbeitslager verschleppt worden waren. Besserungslager für sozial gefährliche Elemente.

Maximilians Gesichtsausdruck war voller Trauer, als er seinen Blick noch einmal durch die Empfangshalle und die davon abgehenden Räumlichkeiten schweifen ließ. Marlene mutmaßte, dass er bereits Abschied nahm.

»Sie sprechen von Entnazifizierungsmaßnahmen«,berichtete das Dienstmädchen aufgeregt, »und davon, dass sie endlich hart durchgreifen! Die Freifrau und meine Wenigkeit haben es durchs offene Fenster gehört.«

Marlene schaute wie vom Blitz getroffen auf. »Wir sind doch keine Nazis!« Sie hatte Hitler und seine Partei verabscheut. Sie und Maximilian hatten Benjamin Levy, dem ehemaligen jüdischen Klinikdirektor, und seiner Ehefrau Marie-Luise zur Flucht nach New York verholfen.

»Die Freifrau glaubt, dass die verbliebenen Familien, die einen Adelstitel oder größeren Besitz haben«, das Dienstmädchen wurde immer panischer, »nun unter dem Generalverdacht stehen, mit den Nazis zusammengearbeitet und sie durch Geldmittel unterstützt zu haben.«

»Was für ein Unsinn!«, fluchte Marlene. Heiße Wut stieg in ihr auf. War nicht auf der Potsdamer Konferenz von den Siegermächten beschlossen worden, das deutsche Volk weder zu vernichten noch zu versklaven? Stattdessen sollte ihm die Möglichkeit gegeben werden, ein Leben von Neuem auf demokratischer und friedlicher Grundlage aufzubauen.

»Ich muss rüber!«, sagte das Dienstmädchen und nahm beim nächsten Atemzug schon die ersten Stufen die Eingangstreppe hinab. »Die Freifrau und ich müssen uns in Sicherheit bringen«, rief sie im Laufen und war kurz darauf verschwunden.

Während Maximilian sich beeilte, das Licht in der Villa auszuschalten, lähmte der Schreck noch Marlenes Körper. Aus der Zeitung wusste sie, dass die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone sehr ernst genommen wurde, sollte doch eine neue, sozialistische Gesellschaftsordnung aufgebaut werden. Aber es konnte doch nicht rechtens sein, alle Adligen bei Nacht und Nebel zu verhaften!

»Lene, pack deine Sachen! Sofort!«, rief Maximilian aus dem Obergeschoss. »Uns bleibt nur die Flucht aus dem russischen Sektor!«

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie, so schnell es in dem dunklen Haus möglich war, die Treppe hinauflief. Sie würden verschwinden wie Schwerverbrecher? Ihre Heimat verlassen? Von der Straße drang das Geräusch von Motoren ins Haus. Bei dem Lärm musste es ein halbes Dutzend Automobile sein.

Orientierungslos taumelte Marlene durch den Flur des Obergeschosses, bis sie die Tür zum Schlafzimmer fand. Dort machte sie sich daran, ihre Sachen zusammenzuraffen: einen warmen Pullover, Unterwäsche und eine kleine Taschenlampe für den nächtlichen Weg raus aus dem sowjetischen Sektor. Immerhin war sie noch so klar bei Verstand, dass sie wusste, wo sie ihre Papiere aufbewahrten: in der Kommode im großen Salon. Sie stopfte die Dokumente gerade in ihre Tasche, als es erneut klingelte.

»Öffnen Sie sofort die Tür, hier ist die Kriminalpolizei!«, forderte ein Mann mit rauer, befehlsgewohnter Stimme.

Vor Angst zitternd schlich Marlene ans Fenster und schaute nach unten. Vor dem Tor standen fünf Männer mit Holzknüppeln, aber ohne Uniform. »Wenn Sie nicht umgehend öffnen, rammen wir das Tor und die Haustür ein!«

Maximilian zog Marlene vom Fenster weg. Seine Finger waren kalt und zitterten noch immer. Wortlos nahm er ihre Tasche und schob Marlene hinaus in den Flur, wo Katharina blass und sprachlos wartete. Wie früher, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, das es zu beschützen galt, streckte sie die Hand nach ihrem Vater aus.

»Wir nehmen den Weg durch den Garten!«, sagte er leise. Er trug seinen teuren beigen Wollmantel aus besseren Zeiten.

Auf dem Weg hinaus klaubte Marlene in der Küche noch etwas Brot und Käse zusammen. Dabei erinnerte sie sich an Berichte über sowjetische Lager, wohin verurteilte Nationalsozialisten nach dem Krieg gebracht worden waren. Bei der Vorstellung, dass sie nach monatelangem Transport womöglich am nördlichen Polarkreis ackern müssten, Tausende Kilometer fern der Heimat, fern von Weißensee, drohte ihr schwindelig zu werden.

Im Garten lief Katharina hektisch atmend voran, rutschte aber nach wenigen Schritten auf dem regennassen Rasen aus.

Maximilian erstickte den Schrei seiner Tochter mit der Hand. »Komm, weiter!«, mahnte er und zog sie hoch. Dann wandte er sich Marlene zu. »Liebling, lauf schneller!«

Die Gläser ihrer Brille waren voller Schlieren, Regentropfen liefen daran hinab. Marlene sah kaum noch etwas und zuckte zusammen, als sie vom Tor ein lautes Krachen hörte. Ihr Herz pochte so wild wie kurz vor einem Infarkt, aber sie lief schneller. Sie hetzten durch das Beet mit den Edelrosen auf jenen Punkt in der Hecke zu, wo der Bewuchs löchrig war und ein Durchkommen bis an den Zaun heran am aussichtsreichsten. Der Regen wurde stärker.

Maximilian drückte sich durch die Hecke und mit dem Rücken gegen den Stahlzaun. Seine ineinander verhakten Hände bot er zuerst Katharina als Steighilfe an.

»Sei vorsichtig!«, rief Marlene ihrer Tochter zu. Am oberen Ende des Zauns war nichts, um sich festzuhalten, und der Regen machte es nicht leichter. Der Stahl war wie eine glatte, rutschige Wand, die nur mit Schwung zu erklimmen war.

Sie hörte, wie Katharina mit einem Keuchen auf der anderen Seite landete, dann verschränkte Marlene ihre Hände ineinander und hielt sie Maximilian hin. Er war mager geworden über die Jahre, sie würde ihn problemlos hochbekommen.

Maximilian schüttelte vehement den Kopf. Das graue nasse Haar klebte ihm an Stirn und Schläfen. »Du gehst als Nächstes!«, befahl er in ganz neuem, schroffem Ton.

Marlene hob abwehrend die Hände. Sie wollte nicht, dass es Maximilian war, der allein zurückblieb. Ohne Hilfe war der Zaun nicht zu überwinden.

»Jetzt kommt endlich!«, rief Katharina von der anderen Seite.

Marlene schaute zur Villa und sah Lichtkegel von Taschenlampen aufblitzen. Die Polizei war inzwischen ins Haus gelangt.

»Lene, bitte!«, drängte Maximilian und hielt ihr seine verhakten Hände auffordernd entgegen.

In der Villa wurde die Hintertür zum Garten aufgerissen. »Sie müssen hier irgendwo sein! Durchsucht den Außenbereich!«, befahl jemand. Im Erdgeschoss wurde Licht gemacht, was den Rasen und die Beete hinterm Haus ebenfalls erhellte.

»Ich werde hier schon irgendwie rauskommen«, versicherte Maximilian. »Lauft ihr zu Doktor Klauber nach Charlottenburg, Kantstraße drei. Er wird euch aufnehmen. Wir treffen uns dort.«

Marlene nickte schweren Herzens.

»Ich liebe dich für immer und ewig«, sagte er und ergriff ihre Hände wie einst vorm Altar. »Es war mir eine Ehre, das frechste, charmanteste und klügste Mädchen aus ganz Berlin geheiratet zu haben.«

»Ich liebe dich auch, Maximilian von Weilert. Für immer und –«

Maximilian küsste Marlene auf den Mund, bevor sie ausreden konnte, dann gab er ihr mit seinen Händen Schwung nach oben, sodass sie es über den Zaun schaffte.

Sie kam hart auf dem matschigen Boden auf der anderen Seite des Zaunes auf. Ihre Knie schmerzten plötzlich. Mit verzerrtem Gesicht stand sie auf und schaute die vom Mond beschienene Seitenstraße hinab. Benommen griff sie nach Katharinas Hand und ging voran. Um nicht aufzufallen, durften sie nicht laufen. Es zerriss ihr das Herz, sich ohne Maximilian auf den Weg nach Charlottenburg zu machen.

2

2. Mai 1948

Die Morgensonne ging hinter dem Stall auf und brachte das Stroh auf dem Boden durch die Fenster zum Leuchten. Lissi hatte es gestern Abend nach der Feier noch frisch für den kranken Esel ausgestreut. Sie war hellwach, obwohl sie seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen hatte. Erst die Geburtstagsfeier ihres Onkels, dann der späte Besuch auf Hof Sonnenschein und die Wache an Beppos Lager. Ein paarmal wäre sie fast eingeschlafen, hatte sich aber doch immer wieder wach halten können. Sie hatte den Hausesel im Kampf um sein Leben nicht eine Minute allein lassen wollen. Gegen drei Uhr in der Früh hatte es noch so ausgesehen, als wären seine Stunden gezählt. Mit halb offenen Augen hatte Lissi ihm Mut zugesprochen, ihm sein Heu schmackhaft gemacht und seine Decke gerichtet. Dass Beppo eben seinen ersten Halm gefressen hatte, ließ sie jedoch alle Anstrengung vergessen.

Beppo lag noch geschwächt auf seiner Decke, Lissi kniete daneben. »Und jetzt noch einen Happen.« Sie streckte dem zottigen Tier eine weitere Portion Heu hin.

Zurückhaltend tastete er mit der Schnauze danach.

Lissi rief den Tierarzt herbei, der in den frühen Morgenstunden geholfen hatte, die Ferkel einer Sau zu entbinden, die eigentlich viel zu geschunden auf den Hof gekommen war, um noch einmal zu gebären.

»Er frisst wieder«, berichtete sie aufgeregt. »Endlich zeigt das krampflösende Mittel Wirkung!« Vor zwei Tagen war bei Beppo eine Magenkolik diagnostiziert worden. Das Tier hatte kaum noch gefressen, sich festgelegen und war abgemagert, obwohl Fressen sonst seine Lieblingsbeschäftigung war.

Lissi half dem Arzt, den Esel wieder auf die Beine zu stellen. »Du wirst wieder ganz gesund!«, versicherte sie dem Tier, als es sicher stand, und kraulte ihm die Ohren, was Beppo besonders mochte. Wie als Antwort wackelte er damit.

Lissi kümmerte sich um den Esel, seitdem sie für ihr Medizinalpraktikum an der Charité aus der Schweiz zurückgekommen war. Beppo hatte einst Kunststücke für eine fahrende Truppe aufgeführt, aber als er die Hufe nicht mehr hochbekam, hatten seine Besitzer ihn vor Hof Sonnenschein angebunden. Um den Hals trug er einen Zettel, auf dem sie Beppos Geschichte geschrieben hatten und um seine Aufnahme baten. Er war der am wenigsten störrische Esel, den sie kannte.

Lissi stand auf, putzte sich das Stroh von der Kleidung und schaute auf die Uhr. Es war bereits halb sieben. »Ich muss los, Großer«, sagte sie zu Beppo. »Heute Abend schaue ich wieder nach dir.« Sie umarmte ihn noch einmal, verabschiedete sich beim Tierarzt und verließ den Stall.

Sie musste sich beeilen! Erst schnell nach Hause, um sich für den ersten Tag als Assistenzärztin umzuziehen, dann zur Klinik. Sie rannte durch Weißensee, obwohl sich das für eine junge Frau ihres Alters längst nicht mehr gehörte. Sie war siebenundzwanzig. Die klare Luft, die der nächtliche Regenguss hinterlassen hatte, umströmte sie angenehm kühlend. Es hatte begonnen zu regnen, kurz nachdem sie die Villa verlassen hatte, und bis in die frühen Morgenstunden nicht aufgehört.

Als Lissi in ihrer Wohnung in der Wilhelmstraße ankam, schlief ihr Bruder Theodor noch. Während seines Besuchs wohnte er bei ihr, obwohl es in der Einzimmerwohnung eng war. Die zurückliegenden sieben Tage hatten sie sich viel zu erzählen gehabt, denn Lissi wollte alles über sein Leben in London wissen. Leise wusch Lissi sich mit Wasser aus der Schüssel, kämmte ihre Haare in aller Eile, band sie zusammen und schlüpfte in frische Kleidung. Sie schulterte ihre Tasche, prüfte, ob sie auch wirklich ihr Stethoskop dabeihatte, und schmiegte sich kurz an den schnarchenden Theodor. »Schlaf dich richtig aus, Brüderchen.«

Mit federndem Gang verließ sie die Wohnung und lief die Wilhelmstraße hinab. Ihr kastanienbrauner Pferdeschwanz wippte am Hinterkopf im Rhythmus ihrer Schritte. »Eine gute Ärztin weiß, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, sondern eigene Krankheiten und Befindlichkeiten haben«, sprach sie vor sich hin. Ob sie jemals eine so gute Kinderärztin wie ihre Tante werden würde? Zweifelnd glitt ihr Blick an ihrem Bein hinab. Im Medizinstudium hatte sie härter als alle anderen gearbeitet, um zu beweisen, dass eine wie sie es schaffen konnte. Sie griff in ihre Tasche, schob sich aus der kleinen Blechschachtel ein Malzbonbon in den Mund und lief weiter. Es bestärkte sie, dass ihre Familie hinter ihr stand. Bis auf Katharina, ihre Cousine, hatten ihr gestern alle einen erfolgreichen Start an der Kinderklinik gewünscht.

An einem Kiosk auf der Berliner Allee streckte eine alte Frau ihren Kopf durch die Verkaufsluke. Über ihr hing noch ein Schild mit dem Wort Luftschutzkeller und darunter ein Pfeil, der auf das nächstgelegene Haus wies. »Allet Jute, meen Kind!«

Lissi winkte der Kioskbesitzerin zu, bei der sie an weniger stressigen Tagen eine Zeitung kaufte, während sie weiter vor sich hin sprach: »Eine gute Ärztin versorgt nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern. Genauso wie ihr Nachwuchs bedürfen sie beruhigender, aufklärerischer und anweisender Gespräche.« Sie bog in die Kniprodeallee ein und konnte in der Ferne schon das Gelände der Kinderklinik erahnen.

Aufgeregt hielt Lissi auf das Tor zum Klinikgelände zu. Es war ihr erster Tag an jener Klinik, in der ihre Tante Marlene Oberärztin war und seit Jahrzehnten kranke Kinder wieder gesund machte. Sie war sehr gespannt auf die Kollegen und konnte es kaum erwarten, bald ihren neuen Behandlungsansatz für neurologisch erkrankte Kinder anwenden zu dürfen. Vor ihrem inneren Auge konnte Lissi schon das leuchtende Gesicht eines Mädchens sehen, dem Bauernhoftiere wie Esel und Ziege bei der Heilung halfen. Sie kannte kein Krankenhaus, das diesen neuen Ansatz wagte. Die Kinderklinik würde das erste sein.

Plötzlich prallte sie gegen etwas, und ein stechender Schmerz fuhr durch Lissis Körper. »Autsch!« Noch ganz außer Atem rieb sie sich die Schulter. Ihr Brustkorb hob und senkte sich rasch, so sehr war sie in Eile gewesen.

»Können Sie nicht die Augen aufmachen?« Ein junger Mann stand vor ihr und fuhr sich brüskiert über die Brust. Er musste just in dem Augenblick aus dem Tor getreten sein, als sie hineinwollte.

»Und was ist mit Ihren Augen?«, fragte Lissi zurück, die Hand auf der schmerzenden Schulter. Das Stirnhaar klebte ihr verschwitzt über den Augenbrauen.

»Sie haben eine ziemlich spitze Zunge«, antwortete der Mann und betrachtete sie flüchtig. Er wirkte aufgelöst.

Lissi mochte es gar nicht, wenn man mit ihr wie mit einem kleinen Mädchen sprach, auch wenn sie dem Äußeren nach oft noch für eine Abiturientin gehalten wurde. Dabei war sie eine bestallte Ärztin, die nach Beendigung ihres Studiums zügig die Promotion zum Doctor medicinae, kurz Dr. med., geschafft hatte.

»Wie wäre es mit einer Entschuldigung?«, fragte er.

»Sie sollten sich bei mir entschuldigen und nicht andersherum«, entgegnete sie.

»Wenn Sie das so sehen, ist Ihre Kinderstube nicht die beste gewesen«, bemerkte er.

»Sie haben mich doch umgerannt!«, gab Lissi empört zurück. Noch mehr ärgerte sie sich jedoch darüber, dass dieser dunkelhaarige Mann – vermutlich Franzose oder Italiener – ihre Eltern beleidigte. »Meine Kinderstube, in der ich übrigens dazu ermutigt wurde, meine Meinung zu vertreten, war hervorragend!«, erklärte sie, auch wenn ihre Eltern ihr ans Herz gelegt hatten, stets diplomatisch zu sein und sich nicht provozieren zu lassen.

Einen sprachlosen Moment lang fixierte der Mann sie genauer, und Lissi wurde sich plötzlich ihres Äußeren bewusst: das kastanienbraune Haar zum Pferdeschwanz gebunden, das Stirnhaar, das vom Zusammenstoß sicher ungeordnet war, und die ungeliebten Sommersprossen, die auch auf ihren geröteten Wangen deutlich sichtbar sein mussten. Sein Blick wanderte zu ihrer Arzttasche. »Das hier ist übrigens der Eingang zu einem Krankenhaus«, sagte er dann, »nicht das Tor zur Anstalt für schwer erziehbare Kinder. Die ist drei Straßen weiter. Soll ich Sie hinbringen?«

Lissi funkelte ihn wütend an. Wenn er weiter so dreist daherredete, vergaß sie ihre gute Kinderstube wirklich noch! Am liebsten hätte sie ihm eine spitzzüngige Erwiderung an den Kopf geworfen, aber ihr fiel so schnell keine ein. »Ich muss zur Arbeit!«, bekam sie lediglich heraus. Sie strich sich den Pony aus der Stirn und ging so gelassen wie möglich auf das Hauptgebäude der Klinik zu. Vermutlich war er der Vater eines kranken Kindes, das hoffentlich nicht auf ihrer Station lag. Er hatte ihr den Start vermasselt, denn ihre Stimmung war nicht mehr ungetrübt.

Lissi atmete tief durch, dann lenkte sie ihren Blick auf die turmartigen Anbauten des Hauptgebäudes und die großen Doppelfenster. Der Bau beeindruckte sie, er strahlte trotz der Blessuren am Mauerwerk und der vielen kaputten Fensterscheiben eine einzigartige Ruhe und Sicherheit aus.

Emma stand am Haupteingang und winkte Lissi zu sich. Sie trug die Dienstkleidung der Oberschwester, das dunkelblaue knöchellange Kleid, obwohl sie diesen Posten seit ihrer Rückkehr nicht wieder innehatte. Stoff war noch immer knapp.

»Wo bleibst du denn?«, fragte Emma mütterlich besorgt, als Lissi sich näherte. Sie streckte ihrer Tochter den reinweißen Arztkittel hin. Als Lissi vor ihr angekommen war, zupfte sie ihr Heu aus dem Pferdeschwanz.

»Ich wurde aufgehalten«, erklärte Lissi knapp. Sie verbot es sich, noch einmal zum Eingangstor zurückzuschauen. Ihr Ärger über die unangenehme Begegnung war noch nicht verraucht.

Hastig zog sie sich den Arztkittel an, nahm das Stethoskop aus ihrer Tasche und hängte es sich um den Hals. »Lass uns reingehen, Mama! Gleich beginnt die Ansprache der Klinikleitung.«

Emma lächelte sichtlich angetan vom Anblick ihrer Tochter, dann schaute sie zur Einfahrt. »Lenes Fahrrad steht noch nicht am Zaun.«

Lissi wandte sich um. »Vielleicht hatte sie auf dem Weg hierher eine Reifenpanne? Oder es gab einen Notfall in der Praxis? Sie kommt sicher jeden Moment.«

Gemeinsam gingen sie in das Hauptgebäude und zum Speiseraum der Schwestern. Er befand sich wie auch die Aufnahme, die Ärztebüros, die Küche und die Laboratorien im Erdgeschoss.

Emma stoppte vor dem Speiseraum. »Bevor es gleich trubelig wird, wollte ich dir noch sagen, dass Papa und ich unheimlich stolz auf dich sind. Wir haben nie an dir gezweifelt.«

»Ich weiß, Mama«, sagte Lissi gerührt. Ihre Augen wurden feucht. »Und nach allem, was war, bin ich überglücklich, dich auf meinem weiteren Weg so nah bei mir zu haben.« Sie nahm ihre magere Mutter fest in den Arm, ungeachtet der Ärzte und Schwestern, die an ihnen vorbei in den Speiseraum gingen. Emma war erst zu Jahresbeginn an die Kinderklinik zurückgekehrt. Acht Jahre war sie fort gewesen.

Als sie den Raum betraten, hatte der neue Klinikdirektor Professor Nowikow bereits vor den Versammelten Aufstellung genommen. Es war auch sein erster Arbeitstag. Die Belegschaft hatte sich in einem Halbkreis um den kleinen Mann mit dem kahlen Kopf und dem breiten Schnauzer versammelt. Der Speiseraum zählte zu den größeren Räumen im Gebäude und wurde für wichtige Zusammenkünfte genutzt. Ein Gewirr aus hohen und tiefen Stimmen, aus freundlichen, energischen, aber auch verschlafenen erfüllte den Raum. Lissi spürte, dass sie von einigen Schwestern neugierig beäugt wurde.

Sie wurde nervös. Bei ihrem Medizinalpraktikum an der Charité war sie am ersten Tag mit einem Strauß Nelken begrüßt und mit netten Worten in die Belegschaft aufgenommen worden.

Als Igor Nowikow zu sprechen anhob, öffnete sich die Tür zum Speiseraum noch einmal. Hoffnungsvoll spähte Lissi hinüber, aber es war nicht Marlene. Sie spürte Unmut in sich aufsteigen, als sie den dunkelhaarigen Mann vom Kliniktor sah. Nun mit einem weißen Kittel bekleidet, gesellte er sich zur Ärzteschaft.

Lissi war geschockt. Er war nicht etwa der Vater eines Patienten, sondern Arzt hier an der Klinik? Ach, du lieber Gott! Ausgerechnet er würde ihr Kollege sein? Nervös tastete sie nach dem Stethoskop um ihren Hals und umfasste den Schalltrichter. Vor fast zwanzig Jahren war es ein Weihnachtsgeschenk von Marlene gewesen. Jahrelang hatte Lissi damit das Abhorchen an ihrer Puppe geübt, bis sie es als Studentin der Medizin erstmals an echten Patienten zum Einsatz bringen konnte.

»Genossinnen und Genossen, Towarischtschi, ich freue mich, heute endlich die Stelle des Ärztlichen Direktors anzutreten«, begann der Professor. Er sprach mit russischem Akzent, das weiche »ch« sprach er hart aus. »Gemeinsam mit Ihnen als Kollektiv möchte ich für das Wohl und die Gesundheit der Patienten sorgen, auch wenn uns der Krieg mit seinen Folgen bis heute auf eine harte Probe stellt.«

Lissi wusste von ihrer Mutter, dass einige Klinikmauern durch Bombenluftdruck in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Und die kaputten Fensterscheiben waren selbst im Speiseraum nicht zu übersehen. Am Oberlicht eines Fensters musste eine Pappe als Glasersatz herhalten. Im schlechtesten Zustand war das hintere der beiden Isolierhäuser. Es war unbenutzbar. Außerdem gab es seit Kriegsende so gut wie kein Desinfektionsmittel mehr. Die Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmitteln war durch die Konzentration auf kriegswichtige Industrien in den vorangegangenen Jahren ins Stocken geraten und hatte noch nicht wieder aufgeholt werden können. Ein Großteil der Fabriken, die Arzneimittel herstellten, war entweder durch die alliierten Luftangriffe zerstört oder, wie so viele Industriebetriebe von den sowjetischen Besatzern, demontiert worden. Nach wie vor war es ein äußerst schwieriges Unterfangen, die medizinische Versorgung der kranken Berliner Kinder sicherzustellen. Vom Ärztemangel im sowjetischen Sektor gar nicht zu sprechen.

»Wir Genossen an der Klinik in Weißensee stehen vor einer großen Herausforderung«, fuhr Professor Nowikow fort, »weil die Kinder der Hauptstadt in ihrer Entwicklung besonders zurückgeblieben sind.«

Lissi nickte, als der Professor diesen Umstand auf die mangelhafte Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Schuhen und Heizmaterial, auf die desolate Wohnsituation sowie katastrophale hygienische Standards zurückführte. Während ihres Medizinalpraktikums hatte sie viele Säuglinge mit Avitaminosen behandelt. Wegen Fett- und Vitamin-D-Armut in Verbindung mit notdürftigen Behausungen war mindestens die Hälfte ihrer kleinen Patienten rachitisch gewesen. Außerdem waren Schwächeanfälle, Ohnmachten und Läuseplagen an der Tagesordnung.

Vorsichtig glitt ihr Blick über die neuen Kollegen, angefangen bei den Ärzten, wanderte dann zur Oberschwester, den Stationsschwestern und Schwestern, dem Hauspersonal und dem Pförtner. Für die kommenden Jahre würde Lissi dazugehören und als Assistenzärztin ihre Ausbildung zur Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin absolvieren. Sie konnte es kaum erwarten, selbst zu operieren, zu anästhesieren und den gesamten Prozess – begonnen bei der Aufnahme der kleinen Patienten über die medizinische Betreuung, die Verschreibung von Medikamenten und die Therapierung bis hin zur Erstellung von Entlassungsbriefen – eigenverantwortlich durchzuführen. Sie war die Einzige, die hier zur Fachärztin ausgebildet wurde, schließlich war die Kinderklinik auch nur ein kleines Haus.

»Ich bin überzeugt, dass wir als Kollektiv alle Probleme meistern werden! Vor allem, weil die tatkräftige Genossin Vogel die Pflegeleitung übernommen und auch die Instandsetzung der Klinik geplant hat.« Professor Nowikow holte aus der Tasche seines Arztkittels einen Seidenbeutel heraus und griff hinein. »Sehen Sie dieses Abzeichen als neue Dienstbrosche an«, sagte er und hielt eines stolz hoch. »Jeder soll das Abzeichen tragen. Es steht für die Unterstützung der Schwächsten und dafür, dass wir in einem System leben, in dem alle die gleichen Rechte haben.« Er gab den Seidenbeutel herum, aus dem sich nun jeder ein Abzeichen nahm.

Lissi betrachtete das Stück genauer, bevor sie es sich ans Revers heftete. Auf der Form einer wehenden Fahne prangten die Köpfe von Engels, Marx und Lenin, und um die Herren herum stand Sozialistische Einheitspartei Deutschlands geschrieben. Anders als ihre Eltern war sie zwar nicht in der Partei, die vor zwei Jahren aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hervorgegangen war, aber es störte sie nicht, das Abzeichen zu tragen.

Nachdem sich alle Versammelten ein Abzeichen angesteckt hatten und der Professor, an dessen Revers bereits zwei Ehrennadeln hefteten, zufrieden genickt hatte, blieb sein Blick an Emma hängen. »Wollen Sie Ihre Pläne erklären, Genossin Vogel?«

Emma trat vor und begann, die geplante Instandsetzung der Klinik zu erläutern. Die kaputten Fenster mussten ersetzt, Dachrinnen gereinigt und erneuert werden, Wände gestrichen, Putzarbeiten erledigt, die Haupteingangstreppe statisch überprüft werden und, und, und … Lissi war von der leidenschaftlichen Rede ihrer Mutter ergriffen. Zuletzt kam Emma auf die fehlenden Patientenbetten zu sprechen, die beschafft werden mussten. Die alten Betten waren im Krieg für Berlins Lazarette abgezogen worden. Ziel war es, alle sechzig Krankenhausplätze, sobald es ging, wieder ordnungsgemäß auszustatten. Aktuell konnten sie lediglich dreißig kranke Kinder behandeln.

Lissi bewunderte die Energie und Tatkraft, mit der ihre Mutter die neue Zeit für die Kinderklinik schilderte. Wo sie den Glauben an das Gute noch hernahm bei allem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht hatte?

Schlussendlich sprach Emma noch von den Beeten am Kopfende des Klinikparks, die sie schon im März, als der Boden nicht mehr gefroren gewesen war, angelegt hatte. Damit beabsichtigte sie, der Lebensmittelknappheit wenigstens für die kranken Kinder entgegenzuwirken. Sie bat alle Schwestern, sich an der Pflege der Beete zu beteiligen. Für ihre Ausführungen erhielt sie einen langen Applaus.

Aufgeregt knetete Lissi ihre Hände. Ob sie nun endlich vorgestellt wurde?

Auf ein Zeichen des Professors wurden jedoch erst einmal zwei Apparaturen hereingefahren. Als Igor Nowikow die Schutzhüllen davon abzog, bekam so manche Schwester große Augen.

»Diese elektrischen Säuglingswärmer schenkt die zentrale Gesundheitsverwaltung des sowjetischen Sektors der Kinderklinik Weißensee!«, erklärte er und erläuterte knapp deren Funktion.

Lissi kannte elektrische Säuglingswärmer aus der Schweiz. Sie unterstützten Frühgeborene bei der Regulation der Körpertemperatur. Herzstück war eine Säuglingsschale, um die herum Heizelemente angebracht waren. Die beiden Apparaturen waren ein Glücksfall für die Kinderklinik, wusste Lissi von ihrer Mutter doch, dass das alte System zum Wärmen von Neugeborenen, das mit heißer Luft arbeitete, die im Keller produziert und über Leitungen auf Station geblasen wurde, wartungsanfällig geworden war.

Da die Neugeborenenstation organisatorisch der Allgemeinen zugeordnet war, würde diese Neuerung Marlene besonders freuen.

Professor Nowikow ging dazu über, Fragen aus dem Kollegium zu beantworten.

Lissi war ein wenig enttäuscht, vergessen worden zu sein.

Der Ärztliche Direktor forderte alle dazu auf, sich mit neuer Zuversicht an die Arbeit zu machen. Bevor er die Belegschaft endgültig entließ, fragte er noch: »Weiß jemand, wo Genossin von Weilert abgeblieben ist?« Das Stakkato seiner Worte klang wie bei einer militärischen Übung.

Alle schüttelten den Kopf. Lissi hatte sich von Emmas Rede und den modernen Säuglingswärmern so mitreißen lassen, dass Marlenes Fehlen in den Hintergrund getreten war.

»Hat sie sich krankgemeldet?«, wollte der Ärztliche Direktor vom Verwalter wissen. Herr Steininger war der Einzige im Raum, der Anzug und Krawatte trug. Seine braunen Lederschuhe mit Budapester Muster wirkten perfekt poliert. Lissi fand, dass er freundlich aussah und gepflegt. Er war von beachtlicher Größe. Ganz anders als dieser, dieser … unverschämte Doktor, der seine schlechte Laune an anderen ausließ. Der war wie sie selbst nur mittelgroß.

Herr Steininger schüttelte den Kopf. »Nein, keine Krankmeldung, Professor Nowikow. Ich mache mir auch langsam Sorgen. Es ist nicht ihre Art, zu spät zu kommen, ohne Bescheid zu geben.«

»Oberärztin von Weilert ist für elf Uhr für eine Operation eingetragen«, wusste Frau Doktor Feigenspann.

»Franka Feigenspann ist die Stationsärztin der HNO«, flüsterte Emma ihrer Tochter zu.

Lissi musste die ungewöhnliche Stationsärztin länger betrachten. Für eine Frau ihres Alters war Franka Feigenspann schon früh ergraut, aber es stand ihr ausgezeichnet. Im kühlen Deckenlicht schimmerte ihr Haar silberfarben. Sie trug es zu einem feinen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Allein, weil ihre Haarfarbe im Gegensatz zu ihrem frischen Äußeren, der straffen, makellosen Haut und den hohen Wangenknochen stand, strahlte sie etwas Besonderes aus. Das Profil ihres Gesichts war so perfekt wie das von Modellen in Illustrierten. Sie lächelte mit vollen, geschwungenen Lippen. Lissi schätzte sie auf höchstens vierzig.

Sie hoffte, sie würden sich gut verstehen.

Trotzdem fand sie, dass Frau Doktor Feigenspann nicht so elegant wie ihre Tante wirkte. Ihr wurde mulmig zumute. Konnte Marlene mit dem Fahrrad in einen Unfall verwickelt worden sein? Oder mit dem Auto? Sie war nie eine gute, eher eine waghalsige Fahrerin gewesen.

Allmählich löste sich die Versammlung auf. Emma besprach sich mit der Oberschwester. In ihren dunkelblauen Gewändern glichen sie sich wie Zwillinge.

Lissi stand allein da und überlegte, mit wem sie ein erstes Gespräch beginnen konnte. Ihr Blick glitt über die Anwesenden. Die Entscheidung nahm ihr die Klinikköchin ab, gut erkennbar an der Schürze um den Leib und dem Geschirrtuch über der Schulter. Und auch sonst war die junge Frau mit ihren strubbelig kurzen karottenroten Haaren kaum zu übersehen.

»Der neue Doktor sieht nich schlecht aus, wa?«, raunte sie Lissi zu. »Der is erst vor zwee Wochen an die Kinderklinik jekommen.«

»Wen meinen Sie?«, fragte Lissi irritiert.

»Na, Doktor Olivera«, gab die Köchin zurück und wies mit dem Kinn, das, wie der Rest ihres Gesichtes, von Sommersprossen übersät war, zu dem Südländer hinüber. »Den haben Se doch gerade anjekiekt!« Sogar auf ihrer Nasenspitze und ihren Lippen leuchteten Sommersprossen.

Peinlich berührt schaute Lissi sich um, ob einer der Umstehenden diese Bemerkung gehört hatte. Zum Glück schien das nicht der Fall zu sein. Bis auf die Küchenhilfe, die bereits den Tisch für die Klappstullen zum Mittagessen vorbereitete, waren die Anwesenden noch in Gespräche vertieft. Unter ihnen auch der unhöfliche Doktor. Es wäre Lissi besonders peinlich gewesen, hätte ausgerechnet er die Bemerkung gehört. Unvermittelt fasste sie sich an die Schulter. Doktor Olivera hieß er also.

»Ick bin übrijens Doris«, stellte sich die Köchin vor und strahlte Lissi breit an.

Angetan von dem ansteckenden Lächeln und der unkomplizierten Art, streckte Lissi die Hand zur Begrüßung aus. »Angenehm, Lissi Vogel. Ich bin die neue Assistenzärztin, die Nichte von Frau Doktor von Weilert und die Tochter von …« Lissi brach ab. Sie wollte nicht wegen ihrer familiären Beziehungen geschätzt werden, sondern für die Arbeit, die sie zu leisten gedachte.

»Det sollte übrijens keen Vorwurf sein«, sagte Doris und schüttelte Lissis Hand mehrfach, während ihr Blick noch mal zu Doktor Olivera wanderte. Auch die ein oder andere Schwester schaute zu ihm hin. »Ick wünsche Ihnen ’nen juten Start hier bei uns, Fräulein Doktor Vogel. Es wird Ihnen bestimmt jefallen!«

Lissi lächelte Doris an. Es war herzerwärmend, willkommen geheißen zu werden.

»Und wenn Se mal wat wissen wollen, wat mit diättherapeutischem Essen für die Kinder zu tun hat, oder sich verlofen hier im Haus, können Se mich ruhich fragen. Sie sehen ja, wo Se mich die meiste Zeit finden. Zur Küche jeht’s immer den Gerüchen nach.« Wieder grinste sie ansteckend. »Jetze is aber jenuch jeredet und jekiekt! Meene Töppe rufen! Sonst haben die Kleenen heute Mittach nüscht uff’m Teller.«

Lissi nickte. Die offenherzige Doris war eine Wohltat im Vergleich zu ihrem schlechten Start mit Doktor Olivera. »Danke für die nette Begrüßung«, sagte sie noch und verließ nach der Köchin den Speiseraum der Schwestern.

Im Korridor herrschte reges Treiben. Professor Nowikow marschierte gerade in sein Büro. Zwei Schwestern liefen mit Verbandszeug an Lissi vorbei auf die Aufnahme zu. Der Pförtner reichte einem Elternpaar Formulare.

In vorfreudiger Stimmung versunken, dachte sie, wie schön es wäre, wenn sie bald mit ihrer Tiertherapie starten dürfte, und schickte Beppo in Gedanken Genesungsgrüße. Mit seiner zutraulichen Art war er gut dafür geeignet, Kindern das Vertrauen in ihren Körper zurückzugeben. Lissis Gedanken sprangen zu Marlene. Tante Lene, hoffentlich geht es dir gut! Vermutlich war ihre Mutter bereits dabei, die Krankenhäuser in der Umgebung abzutelefonieren.

»Doktor Vogel?«

Lissi wandte sich um und schaute Herrn Steininger direkt in die Augen.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte er in ruhigem, zurückgenommenem Ton, »aber Sie haben Ihren Vertrag leider nicht vollständig unterschrieben.« Er hielt Lissi Umschlag und Stift hin. »Am Ende hängt noch ein Zusatzblatt, das Sie übersehen haben. Ihre Unterschrift darauf ist wichtig.«

Der Verwalter hatte kaum ausgesprochen, da erklang der Schrei eines Kindes vom Pförtnertresen her. Die Stimme klang so verzweifelt, als würde das Kind jeden Moment unter Schmerzen zusammenbrechen. Kein Arzt war weit und breit zu sehen.

»Hat das Unterschreiben kurz Zeit?«, fragte sie den Verwalter mit bittendem Blick.

»Natürlich«, entgegnete Herr Steininger mit einem verständnisvollen Lächeln.

»Spätestens morgen liegt der Vertrag auf Ihrem Tisch«, versprach Lissi und lief mit einem »Danke!« auf den Lippen los.

»Herzlich willkommen an der Kinderklinik Weißensee«, rief Herr Steininger ihr nach.

In der Aufnahme lag ein Mädchen auf dem Boden und klammerte sich wimmernd an einen Geigenkoffer. Die Frau, die hilflos danebenstand, war vermutlich die Mutter. Sie trug eng anliegende schwarze Kleidung, die im Kontrast zu ihren auffallend hellblonden Locken stand, und kam Lissi bekannt vor.

»Rita, Mausilein«, sagte die Frau und streichelte dem Mädchen über den Rücken. »Wer krank ist, gehört in ein Krankenhaus. Die Ärzte beeilen sich bestimmt mit deiner Behandlung, versprochen.«

Die Mutter hatte lange schlanke Finger und erinnerte Lissi in der Eleganz ihrer Bewegungen an eine Balletttänzerin. Aber sich beeilen? Das hatte sie nicht vor. Sie wollte gründlich arbeiten. Wer in Eile war, machte Fehler.

Rita klammerte sich noch fester an den Instrumentenkoffer und schluchzte: »Ich verpasse meinen Geigenunterricht. Du sagst doch auch, dass jede Minute bei Herrn Melsinger wichtig ist!«

Lissi schaute zum Pförtnertresen. Drei weitere Familien standen zum Anmelden in der Schlange. Sie überlegte, was Marlene wohl getan hätte, um die Kleine zu einer Untersuchung zu bewegen. Zum Glück schien das Mädchen keine starken körperlichen Schmerzen zu haben. Der Grund ihres Weinens war wohl der verpasste Musikunterricht. Weil noch immer kein anderer Arzt zu sehen war, ließ Lissi sich vom Pförtner den Anmeldebogen reichen. Vor ihr auf dem Boden lag demnach die fünfjährige Rita Stehfest. Bei dem ungewöhnlichen Nachnamen und einem zweiten Blick auf die Mutter wusste sie nun auch, wen sie vor sich hatte: Greta Stehfest, die vor mehreren Jahren als aufstrebende Geigerin bei den Berliner Philharmonikern für Furore gesorgt hatte, dann aber urplötzlich aus dem Rampenlicht verschwunden war.

Lissi sprach Frau Stehfest direkt an: »Ich bin Fräulein Doktor Vogel und Assistenzärztin hier an der Kinderklinik. Können Sie mir sagen, was Ihrer Tochter fehlt?«

Während sie auf eine Antwort wartete, sah sie, wie Doktor Olivera an den Tresen trat und vom Pförtner eine Kladde mit einem Aufnahmebogen gereicht bekam, den er zu lesen begann. Lissi versuchte, sich nicht von ihm beirren zu lassen, auch wenn er immer wieder zu ihr hinüberschaute, während er las. Rita und deren Mutter brauchten jetzt ihre volle Aufmerksamkeit.

»Die Augen meiner Tochter sind ganz rot«, berichtete Frau Stehfest, während ihre Tochter auf dem Boden weiter protestierte. »Sie fühlt sich schwach, und ihre Stirn ist heiß. Aber sie weigert sich, in den Untersuchungsraum zu gehen.«

Lissi hockte sich hin. »Hallo, Rita, ich bin Fräulein Doktor Vogel. Ich kann dir helfen, wenn du dich zu mir drehst und ich dich anschauen darf.«

Das Mädchen reagierte nicht auf Lissis Ansprache.

Lissi befürchtete, dass Doktor Olivera jeden Moment eingreifen würde, um ihr zu beweisen, dass sie unfähig war. Am Tor hatte er sie immerhin als verzogenes Gör hingestellt. Sie holte tief Luft und konzentrierte sich ganz auf Rita. Eine gute Ärztin gewann das Vertrauen von Kindern, indem sie den Mut besaß, über die eigenen Gefühle zu sprechen, und wenn sie von Grund auf ehrlich zu ihnen war, das hatte sie von Marlene gelernt.

»Rita, weißt du was?«, fragte sie nicht im Ton der Ärztin, sondern der Freundin. »Ich ärgere mich auch manchmal, wenn ich etwas tun muss, was ich nicht will.« Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Doktor Olivera seine Kladde sinken ließ und ihr Tun nun unverhohlen beobachtete. Unter seinen wachsamen Augen fiel es ihr nicht leicht, konzentriert zu bleiben. Dennoch sprach sie weiter: »Zum Beispiel mag ich es nicht, mit meinen Lebensmittelkarten in einer langen Schlange vor dem Laden stehen zu müssen. Stattdessen würde ich viel lieber bei meinem Freund Beppo sein, ihn füttern und pflegen.«

»Beppo?« Mit verweintem Gesicht wandte sich Rita Lissi zu. Ihre Gesichtshaut glänzte fiebrig.

»Beppo ist der netteste Esel von ganz Berlin«, erzählte Lissi und bedeutete einer Schwester, eine Decke zu bringen. Dann wandte sie sich an die Umstehenden und bat sie, den Korridor vor dem Pförtnertresen zu verlassen. »Bitte haben Sie dafür Verständnis. Für eine Untersuchung bedarf es mehr Privatsphäre.« Ihr Blick sprang auch zu Doktor Olivera, der anders als die Wartenden ihrer Bitte jedoch nicht folgte. Sie durfte sich nicht von ihm ablenken lassen!

Lissi legte dem Mädchen die Decke um die Schultern und strich ihm über die Stirn, während sie weiter von Beppo erzählte und wie lustig er mit den Ohren wackeln konnte. Rita saß inzwischen, aber klammerte sich weiter an ihren Geigenkoffer. Vorsichtig zog Lissi ihre Augenlider herab und erkannte eine Entzündung. Die Bindehaut war gerötet.

»Machst du für mich mal den Mund auf und sagst ›Ahh‹?«, fragte sie vor dem Mädchen kniend und leuchtete ihm mit ihrer Diagnostiklampe in den Rachen.

Rita öffnete den Mund erst weit, als Lissi ihr erzählte, wie der magenkranke Beppo an diesem Morgen endlich wieder gefressen hatte. Nun konnte Lissi den Rachen und die Wangenschleimhaut genauer betrachten. Auf Letzterer waren weiße Punkte zu sehen.

Durch den Patienteneingang kam ein weiteres Elternpaar, das auf die Anmeldung zusteuerte. Zu Lissis Überraschung trat Doktor Olivera ihnen entgegen und forderte die beiden auf, vor der Tür zu warten.

Eigentlich war er der Letzte, von dem sie Unterstützung erwartet hatte.

Rita behielt ihren Geigenkoffer auch dann noch fest in den Händen, als Lissi sie mit dem Stethoskop abhorchte. Zum Glück gab es keine Auffälligkeiten. »Das hast du prima gemacht!« Sie sah Doktor Olivera im Hintergrund nicken. Eine seltsame Leichtigkeit erfasste sie.

Zu gerne hätte Lissi dem Mädchen ein Bonbon gegeben, wie es ihr als Kind nach jedem Arztbesuch überreicht worden war. Aber in Ritas Zustand war Zucker nicht förderlich. Auch Lissi hatten die Bonbons nicht gutgetan, vor allem, weil ihr das Naschen zur Angewohnheit geworden war und sie seitdem nicht mehr davon loskam.

»Was hat meine Kleine?«, fragte Ritas Mutter besorgt. »Wird sie bis zum nächsten Konzert wieder gesund sein?«

Professor Nowikow und Frau Doktor Feigenspann traten in den Eingangsbereich.

»Doktor Olivera, Sie werden dringend auf der Chirurgie benötigt«, sagte der Ärztliche Direktor.

Doktor Olivera eilte sofort zur Wendeltreppe, die hinauf zu den Stationen führte. Lissi schaute ihm nachdenklich hinterher.

»Was ist hier los, Genossin Vogel?« Der Professor griff nach dem Anmeldebogen auf dem Fußboden.

»Das ist Rita Stehfest«, erklärte Lissi und ging in Gedanken schon mögliche Differenzialdiagnosen durch, die halfen, Krankheiten auszuschließen. »Sie hat unspezifische grippeähnliche Symptome, eine Bindehautentzündung beidseitig und Koplik-Flecken im Bereich der Wangenschleim­haut.« Lissi erhob sich, und zu ihrer Überraschung stand Rita ebenfalls auf, den Geigenkoffer fest in der Hand.

Das Mädchen beäugte den Professor und Doktor Feigenspann ängstlich aus glasigen Augen. Womöglich dachte es das Gleiche wie Lissi: dass die schöne Frau Doktor und der kleine, stramme Professor ein sehr ungleiches Gespann bildeten.

»Verdacht auf Masern im Vorstadium«, sagte Lissi und war ein klein wenig stolz auf ihre erste Diagnose als Assistenzärztin.

Ritas Beine zitterten, als drohte sie im nächsten Moment zusammenzusacken. Der Koffer musste für eine zarte Gestalt wie sie schwer sein, auch wenn es sich nur um eine Kindergeige handelte, die darin verwahrt wurde. »Rita sollte isoliert und Frau Stehfest auf eine mögliche Ansteckung hin untersucht werden«, empfahl Lissi noch.

»Und die Untersuchung haben Sie hier auf dem Boden vor dem Pförtnertresen durchgeführt? Ja nje panimaju!«, sagte der Professor ungehalten. »Ich verstehe das nicht. Unser Krankenhaus besitzt einen Untersuchungsraum und Liegen. Und überhaupt, Sie sind nur Assistenzärztin, warum haben Sie keinen Kollegen gerufen?«

»Weil ich Rita sofort helfen wollte. Ich dachte zuerst, dass sie schlimme Schmerzen hat«, trug Lissi zu ihrer Verteidigung vor.

Igor Nowikow wandte sich an die Kollegin: »Genossin Feigenspann, bitte schauen Sie sich das Kind gründlich im Untersuchungszimmer an.«

Frau Doktor Feigenspann nickte und trat zu Rita. Anders als die Ärzte trug sie ihr Parteiabzeichen nicht am Revers ihres Arztkittels, sondern am Kragen ihrer Bluse.

Lissi war sich sofort sicher, dass der Professor sie nicht mochte, so streng und kühl, wie er sich ihr gegenüber verhielt. Dass sie weiblich war, daran konnte es nicht liegen, denn mit Frau Doktor Feigenspann kam er anscheinend gut zurecht.

Die HNO-Spezialistin hielt Rita auffordernd ihre Hand entgegen, über die sie eben einen Gummihandschuh gezogen hatte, aber das Mädchen bewegte sich nicht von der Stelle. »Ich gehe nur mit, wenn Fräulein Doktor Vogel mir noch mehr von Beppo erzählt.«

Die Mutter zuckte mit Blick auf ihre fordernde Tochter hilflos, aber elegant mit den Schultern.

»Das finde ich eine gute Idee«, sagte Frau Doktor Feigenspann mit sanfter, angenehmer Stimme. Lissi hätte diese Stimme als Kind Vertrauen fassen lassen.

»Erst untersuche ich dich, und später auf Station schaut Fräulein Doktor Vogel nach dir und erzählt von Peppo. Einverstanden, Rita?«, sprach Franka Feigenspann weiter.

»Der Esel heißt Beppo, nicht Peppo«, korrigierte Rita altklug, woraufhin Lissi ein Schmunzeln verbergen musste.

»Rita«, wagte sie einen erneuten Versuch. Sie ging in die Hocke, um mit der kleinen Patientin auf Augenhöhe zu sein, hielt aber wegen einer möglichen Ansteckung etwas Abstand. »Wusstest du, dass auf Station eine Matrjoschka zum Spielen auf dich wartet?« Lissi wusste von Emma von dem Spielzeug, das nach Kriegsende den abgegriffenen Stationsbären ersetzt hatte.

»Was ist eine Matoschka?«, wollte Rita wissen.

»Eine Matrjoschka ist eine kleine, bunt bemalte Puppe aus Holz«, erklärte Doktor Feigenspann und ging vor Rita nun ebenfalls in die Hocke. »Und weißt du, was das Besondere an ihr ist? In ihrem Bauch ist eine weitere, kleinere Matrjoschka und in deren Bauch noch eine. Aber bevor du dir das ansehen kannst, steht erst die Untersuchung an.«

»Je schneller wir wissen, was du hast, desto eher kannst du wieder zum Geigenunterricht«, sagte Frau Stehfest zu ihrer Tochter, deren Aufmerksamkeit weiter ganz bei Lissi war.

»Haben die Matrjoschkas alle Namen?«, fragte Rita.

»Noch nicht«, entgegnete Lissi mit einem Lächeln.

»Dann muss ich das wohl übernehmen«, entschied Rita.

Doktor Feigenspann erhob sich und wies eine Schwester an, eine Trage herbeizubringen. Professor Nowikow richtete sein Parteiabzeichen am Revers, strich über die eisernen Ehrungen an seiner Brust und ging dann kopfschüttelnd in sein Büro zurück.

Lissi schaute dem Professor nach. Die einfühlsame Ansprache der kleinen Patienten überließ er anscheinend seinen Mitarbeitern.

»Mein teures Mausilein«, hauchte Frau Stehfest, während ihre Tochter auf die Trage gelegt wurde. »Passen Sie besonders auf ihre Hände auf, wenn Sie sie bewegen.«

»Kommen Sie mich wirklich besuchen, Fräulein Doktor Vogel?«, fragte Rita ängstlich.

»Versprochen!«, erwiderte Lissi prompt.

Nachdem die kleine Patientin weggetragen worden war, kam Lissi aus der Hocke hoch und zeigte Frau Stehfest noch den Weg zum Labor für die Blutuntersuchung. Sie bat sie, bis zur Auswertung Abstand zu anderen zu hal-ten.

Als die einstige Geigerin elegant den Korridor hinabstöckelte, schaute sich Lissi verloren um. Vielleicht würde es doch nicht so einfach werden, sich vor den neuen Kollegen zu beweisen? Ohne Marlene, ihre Betreuerin, fühlte sie sich einsam. Wäre ihre Tante jetzt anwesend, hätte die sie sicher mit allen Räumen hier vertraut gemacht. Lissi kannte nur jene Zimmer, in die Emma und Marlene sie früher als Besucherin mitgenommen hatten.

Lissi ging ins erste Obergeschoss, wo sich die Stationszimmer befanden. Der Korridor empfing sie mit dem Geruch von Desinfektionsmittel. Lissi fielen die Papierherzen an der langen Korridorwand auf, die den Krieg überstanden hatten. Eines bunter als das andere. Die kannte jeder Weißenseer aus der Zeitung.

Emma kam angelaufen. »Hast du kurz Zeit?«

Lissi war froh, ihre Mutter zu sehen. Vielleicht konnte sie ihr den Operationssaal zeigen.

Emma nahm sie beiseite und senkte ihre Stimme. »Marlene und Katharina mussten in den britischen Sektor fliehen, gestern Abend nach der Feier.«

»Warum das denn?«, entfuhr es Lissi. Zwei Schwestern, die einen Schrank mit Bettwäsche befüllten, schauten fragend zu ihnen herüber. Sie spürte ihr Herz plötzlich aufgeregt rasen.

»Die Kriminalpolizei wollte sie verhaften!«, erklärte Emma. »Angeblich haben Maximilian und Marlene mit den Nazis kollaboriert.«

»Was für ein Unfug!«, gab Lissi zurück. Das war nicht nur Unfug, sondern eine der schlimmsten Lügen, die sie je gehört hatte. Sie war zwar viele Jahre in der Schweiz ge-wesen, aber doch stets in engem Kontakt mit Tante und Onkel.

»Ich verstehe das auch nicht«, gestand Emma fassungslos und berichtete im Folgenden von den Geschehnissen der vergangenen Nacht. Ihre Stimme zitterte, während sie sprach.

»Was können wir tun, Mama?«, presste Lissi flüsternd hervor.

»Wir sollten Herrn Rothammel kontaktieren und mit ihm über das weitere Vorgehen beratschlagen«, schlug Emma vor, die Augen feucht, das Gesicht blass und von Angstschweiß überzogen. »Das kann nur ein Versehen sein.«

Lissi kannte den Familienanwalt nur flüchtig. Er hatte bereits für die von Weilerts gearbeitet, als sie im Zuge der Bodenreform vor drei Jahren einen Großteil ihrer Ländereien hatten hergeben müssen. Maximilian und Marlene hatten zu denjenigen in der sowjetischen Besatzungszone gezählt, die mehr als einhundert Hektar Boden besaßen und diesen somit entschädigungslos hergeben mussten.

Lissi war nervös, ihr Herz hämmerte. Wenn Marlene wirklich auf der Flucht vor der Justiz war, bedeutete es, dass sie nicht wieder in den sowjetischen Sektor zurückkonnte. Dann würde sie verhaftet werden. Ihr wurde angst und bange bei dem Gedanken, ihre Tante wie eine Verbrecherin in einem Gefängnis sitzen zu sehen. Sie nahm ihre bestürzte Mutter in den Arm. »Es wird sich bestimmt alles aufklären«, versprach sie, auch um sich selbst zu beruhigen.

»Du hast recht.« Emma löste sich aus der Umarmung, wischte sich erst die Tränen fort und fuhr dann mit der Hand über das Parteiabzeichen an ihrem Kleiderkragen. »Alles wird sich schnell aufklären.«

Sie nickten einander bestätigend zu.

»Jetzt muss ich die Klinikleitung über Marlenes Abwesenheit informieren«, sagte Emma wieder gefasster. »Lene hat mich ebenfalls gebeten, Franz in seiner Studentenwohnung am Schiffbauerdamm Bescheid zu geben. Er soll sich keine Sorgen machen, sie werden sich bald wiedersehen, sagt sie.«

Ein heikles Thema für Franz, dachte Lissi, nachdem er seinen Bruder Albert nach dessen Weggang nie mehr wieder­gesehen hatte und bis heute darunter litt.

»Wo genau ist Tante Lene jetzt?«, fragte Lissi. Sie wollte zu ihr, um ihr und Katharina Mut zuzusprechen. Auch wenn ihre Cousine ihr schon seit Jahren die kalte Schulter zeigte und jedes Freundschaftsangebot, jede nette Geste, ablehnte, war dies eine außergewöhnliche Situation, in der niemand alleingelassen werden sollte.

»Die neue vorübergehende Adresse wollte Marlene aus Sicherheitsgründen für sich behalten«, gestand Emma geknickt.

»Aus Sicherheitsgründen … ach so …« Also stand es doch schlimmer, dachte Lissi.

»Sie will nicht, dass die Polizei uns dazu zwingen kann, sie zu verraten«, erklärte Emma und wiederholte leise: »Alles wird sich schnell aufklären. Sie werden Lene bestimmt nicht ins Gefängnis stecken.«

Lissi sah, wie Emmas trauriger Blick zur Wand mit den bunten Papierherzen sprang. »Als vor fast zwanzig Jahren die Schließung der Klinik drohte«, sagte Emma, »hat Lene maßgeblich bei der Rettung mitgewirkt, und nun soll sie fliehen müssen und ihre geliebte Wirkungsstätte erst einmal nicht mehr betreten dürfen? Ich verstehe die Welt nicht mehr.«

Lissi drückte ihrer Mutter bestärkend die Hand. Wie sie als Assistenzärztin den Alltag ohne Marlenes Ratschläge überleben sollte, wusste sie auch nicht.

»Was ist mit Onkel Maximilian?«, fragte Lissi noch.

Emma schaute sie ängstlich an. »Lene hat ihn mit keinem Wort erwähnt.«