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Eine Insel im Frühling, ein neues Zuhause und ein Ort zum Verlieben. Ein überraschender Anruf von Sylt: Lina soll den alten Camper der verstorbenen Mutter entfernen, der dort seit Jahren vor sich hin rostet. Kurzerhand reist sie auf die Insel, mit dem Ziel, alles möglichst schnell zu erledigen. Denn mit der Mutter hatte sie zuletzt kaum Kontakt, das Verhältnis war nie besonders innig. Doch der Wagen birgt mehr Überraschungen, als Lina erwartet hätte. Vielleicht erfährt Lina hier noch etwas über ihre Wurzeln? Der Kioskbesitzer Manni scheint jedenfalls ein guter Vertrauter der Mutter gewesen zu sein. In seinem Imbiss treffen sich Einheimische und Urlauber. Aber es könnte die letzte Saison für den kleinen Dünenkiosk sein, denn es gibt Ärger mit den Behörden. Lina möchte helfen. Als passionierte Köchin sorgt sie für frischen Wind und eine neue Speisekarte. Sie legt sich sogar mit dem Mann vom Dünenschutz an. Und schon bald möchte sie den attraktiven Lars nicht nur von ihren Ideen überzeugen … Bestsellerautorin Lena Wolf schreibt perfekte Lektüre für Strandkorb oder Sofa – humorvoll, hyggelig und sehr unterhaltsam.
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2026
Lena Wolf
Roman
«Mir scheint, du bist im wahrsten Sinne reif für die Insel. Und du hast dir genau die richtige ausgesucht!»
Ein überraschender Anruf aus Sylt: Lina soll den alten Camper der verstorbenen Mutter entfernen, der dort seit Jahren vor sich hinrostet. Kurzerhand reist sie auf die Insel, mit dem Ziel, alles möglichst schnell zu erledigen. Denn mit der Mutter hatte sie zuletzt kaum Kontakt, das Verhältnis war nie besonders innig. Doch der Wagen birgt mehr Überraschungen, als Lina erwartet hätte. Vielleicht erfährt Lina hier noch etwas über ihre Wurzeln?
Der Kioskbesitzer Manni scheint jedenfalls ein guter Vertrauter der Mutter gewesen zu sein. In seinem Imbiss treffen sich Einheimische und Urlauber. Aber es könnte die letzte Saison für den kleinen Dünenkiosk sein, denn es gibt Ärger mit den Behörden. Lina möchte helfen. Als passionierte Köchin sorgt sie für frischen Wind und eine neue Speisekarte. Sie legt sich sogar mit dem Mann vom Dünenschutz an. Und schon bald möchte sie den attraktiven Lars nicht nur von ihren Ideen überzeugen …
Eine Insel im Frühling, ein neues Zuhause, ein Ort zum Verlieben.
Stimmen zu den Vorgängern:
«Großes Herzkino ... Für zarte Gefühle lässt Lena Wolf in ihrem Roman genauso Raum wie für humorvolle Momente.» shz.de
«Locker leicht und herzerwärmend erzählt.» Na sowas!
«Ein Roman, den Freunde der Insel und der leichten Muse lesen müssen!» Münchner Merkur
«Eine charmante Liebeserklärung und eine wundervolle Lektüre für Sommertage auf Sylt oder zum Stillen der Sehnsucht nach der Insel.» Sylt life
«Ein perfekter Roman für den Urlaub oder einfach zum ‚Nach-Sylt-Träumen‘. Eine Auszeit im Strandkorb mit einer Prise Meeresrauschen, einer Familiengeschichte mit viel Herzklopfen und ein bisschen Humor.» Ruhr Nachrichten
Lena Wolf ist das Pseudonym einer Autorin aus Norddeutschland, die zuvor unter dem Namen Mia Morgowski erfolgreich Unterhaltungsromane veröffentlicht hat. Mit «Ein Sommer auf Sylt» landete sie erneut einen Spiegel-Bestseller. Es folgten die Romane «Ein Zuhause auf Sylt» und «Winterzauber auf Sylt». Die Insel ist für Lena Wolf zu jeder Jahreszeit ein Sehnsuchtsort.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Redaktion Katrin Fillies
Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung Myriam Schoefer; Shutterstock
ISBN 978-3-644-02286-7
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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«Ist er nicht krass schön?» Der Typ neben mir, ein schlaksiger Kerl mit blonder Vokuhila-Frisur, die zu den Spitzen hin leicht ausfranst, hält versonnen den Kopf geneigt. Sein verklärter Blick ist geradeaus gerichtet, auf einen roten, ramponierten Bauwagen. «Ich hab wirklich selten ’ne coolere Karre gesehen.»
Irritiert schaue ich ihn an. Als wir uns vor etwa fünfzehn Minuten auf diesem ehemaligen Campingplatz mitten in Rantum kennengelernt haben, war ich total angetan. Vor allem von dem Gedanken, dass er mir weiterhelfen kann. Denn ich bin hier fremd. Weder habe ich Rantum zuvor bereist, noch bin ich überhaupt jemals auf Sylt gewesen. Und über Erfahrung mit Fahrzeugmodellen verfüge ich schon mal gar nicht. Doch Manni, so hat sich mir der Mann mit kumpelhafter Begrüßung – einem in die Luft gereckten «High Five» – bekannt gemacht, ist ein Einheimischer. Er lebt auf Sylt und kennt sich aus. Das behauptete er zumindest, als ich mich ihm vorstellte und nach dem Wagen meiner Mutter erkundigte. Jetzt steht er neben mir, ein verwaschenes Hawaiihemd umweht ihn und verströmt den dezenten Geruch nach Imbiss. Ich schärfe meinen Blick, blinzele gegen die Sonne, die vergleichsweise tief steht. Wir haben Mitte April, aber sie lacht vom wolkenlosen Himmel, als wollte sie die Natur endgültig aus ihrem Winterschlaf kitzeln. Oder als amüsiere sie sich über Mannis Wortwahl. Denn der Bauwagen aus verwittertem Holz und mit fleckiger, floraler Bemalung ist in meinen Augen alles andere als schön. Seitlich baumeln Fensterläden schief in ihren ausgeleierten Angeln, und an der Eingangstür schwingt an einem rostigen Nagel ein winziger Strauß aus Dünengräsern im seichten Nachmittagswind hin und her.
«Rada hat den Wagen eigenhändig angestrichen und jede einzelne Blume ohne Schablone gemalt», erklärt mir Manni voller Ehrfurcht. «Sie war so megabegabt.» Mit seinen dünnen Armen beschreibt er ausschweifende Kreise, ehe seine Hände am Hinterkopf landen, wo er sich nachdenklich über das schüttere Haar streicht. «Ich glaub, Rada hat das … äh … freie Interpretation der Wetterkarte genannt. Cool, ne?» Seine rechte Hand wandert zielstrebig vom Kopf zur Brusttasche. Ohne den Blick vom Bauwagen zu nehmen, fingert er ein Weichpäckchen Marlboro hervor. Er zieht eine Zigarette heraus und steckt sie sich an. «Rada hat manchen Blumen sogar Namen gegeben. Links oben, das Sonnenblumenzeugs heißt zum Beispiel wie das letzte Sturmtief … äh … Vera.» Er inhaliert tief.
Sprachlos schweige ich. Hauptsächlich, weil mir angesichts dieser zusammenhanglosen Klecksereien die Worte fehlen. Weder erkenne ich Blumen noch ein Konzept hinter den Bildern. Allenfalls das Sturmtief. Es rast direkt auf mich zu.
«Hm-m», mache ich vorsichtig, da ich Manni, den einzigen Menschen, den ich bislang auf dieser Insel kenne, nicht vor den Kopf stoßen möchte. Rada dagegen ist mir nicht unbekannt – sie ist, oder besser, war meine Mutter. Vor etwa einem Jahr ist sie gestorben, wir hatten aber seit Langem kaum Kontakt. Diesen Bauwagen hat sie hinterlassen. Nicht explizit mir, überhaupt niemandem im Speziellen. Er ist wie wertloser Tinnef nach ihrem Tod übrig geblieben und soll nun fortgeschafft werden. Vor etwa zwei Wochen rief mich diesbezüglich ein Mitarbeiter der Sylter Gemeindeverwaltung an, der sich mir als Lars Jensen vorstellte. Freundlich, aber bestimmt erklärte er, dass der Camper meiner Mutter (ich könnte schwören, er sagte Camper) ein wichtiges Bauvorhaben blockiere. «Ich muss Sie darum bitten, den Wagen zeitnah fortzuschaffen», forderte er, «am besten vorgestern. Wir sind mit unserem Timing Ihretwegen mächtig im Verzug.» Seine irgendwie sympathische, aber zugleich äußerst energische Stimme duldete keinen Widerspruch und ist mir quasi jetzt noch im Ohr. Dass ich mit dem Wagen im Grunde nichts zu tun habe, wollte ich dennoch gern erklären, doch ich kam überhaupt nicht zu Wort. Denn Herr Jensen erging sich in ermüdenden Ausführungen: «Aus den Unterlagen des ehemaligen Platzwarts haben wir entnommen, dass Frau Radegunde König die Eigentümerin des Bauwagens ist. Wir mussten uns Zutritt zum Wagen verschaffen, da man uns über ihr Ableben informiert hat. Im Wagen sind wir dann auf Ihre Telefonnummer gestoßen.» Am Ende unseres Gesprächs konnte er es kaum abwarten, mir die Stecknadel-Markierung des Stellplatzes auf mein Handy zu schicken. Sicherheitshalber krame ich nun das Telefon aus meiner Handtasche hervor und überprüfe den Standort. Ich bin richtig.
«Jedes Mal, wenn ich hier stehe, fallen mir weitere Motive auf.» Manni neben mir kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. Er schnippt Asche von seiner Zigarette und nutzt den Glimmstängel der Einfachheit halber zur Zielansprache. «Was meinst du, dort schräg über den Sonnenblumen – ist das ein Uhu? Oder ein Wolf?» Er lässt den Arm sinken, starrt aber weiter auf das Gebilde. Bis er irgendwann den Kopf wendet. Ich spüre seinen fragenden Blick schwer auf mir lasten. Dass Manni und meine Mutter sich kannten und sogar locker befreundet waren, hatte sich gleich zu Beginn unseres Gesprächs herausgestellt. Auch über ihren Tod war er im Bild.
«Ein Uhu … könnte sein», sage ich pflichtschuldig. Doch im Stillen denke ich: Was geht es mich an? Uhu hin oder her – ich habe ein ganz anderes, fettes Problem. Nachdem dieser Jensen mich nämlich informiert hatte, bin ich mit der Bahn angereist. Ich war davon ausgegangen, hier einen fahrtüchtigen Camper vorzufinden, den ich spielend leicht hätte fortschaffen können. Ich hatte mir sogar ausgemalt, ein oder zwei Wochen Urlaub darin zu verbringen und in Richtung Dänemark abzudüsen. Allein sein, um den Kopf freizubekommen. Denn dieser Bauwagen ist, um ehrlich zu sein, gerade nicht mein einziges Problem. In meinem Leben läuft zurzeit einiges gewaltig schief, das wollte ich gedanklich sacken lassen und in Ruhe nach einer Lösung suchen. Ich hätte alle Zeit der Welt dafür, denn mein Job ist quasi futsch. Es fehlt nicht mehr viel, und ich muss mich neu orientieren. Privatleben? Fehlanzeige. Sogar meine geliebte Katze Holly, die längst an Altersschwäche gestorben ist, aber für immer in meinem Herzen weiterlebt, hat es in ihren letzten Jahren nicht mehr mit mir ausgehalten. Als meine Arbeitstage länger und länger wurden, hat sie entschieden, tagsüber zu meinen Nachbarn umzuziehen.
Mir entfährt ein tiefer Seufzer. Wegen Holly, aber auch weil ich mit meinem Schicksal hadere. Wie kann es bitte schön sein, dass zu allem Schlamassel, in dem ich stecke, nun auch noch meine Mutter Scherereien bereitet? Ausgerechnet sie, die vor Jahren bereits für mich gestorben war. Ich war sechzehn und in erster Linie wütend, als sie beschloss, die Familie zu verlassen. Ihre Entscheidung konnte und wollte ich nicht verstehen – und vermag es bis heute nicht, ihr zu verzeihen. Emotional hänge ich darum weder an dem Bauwagen, noch erwarte ich, im Innern Erinnerungsstücke zu finden. Am liebsten würde ich das Ungetüm dem Sperrmüll übergeben und von hier verschwinden. Doch so bin ich nicht. Im Gegensatz zu meiner Mutter fühle ich mich für alles und jeden verantwortlich. Auch dafür, dass dieser Bauheini mit seinem Projekt weiterkommt und nicht durch mein Verschulden beziehungsweise das meiner Mutter blockiert wird.
«Sieht man, dass du Radas Tochter bist!» Manni blinzelt mich von der Seite an. «Ihr habt Ähnlichkeit. Nich nur die grünbraunen Augen, die dunklen Haare, auch die Art, wie du …»
Mein Blick fliegt zu ihm herum. «Ganz sicher nicht», sage ich scharf. «Wir haben nichts gemein. Gar nichts. Vielleicht die Haarfarbe, aber die haben auch Millionen andere auf diesem Planeten.» Ich will zu einem weiteren zynischen Kommentar ansetzen, doch Mannis unschuldiger, durch und durch freundlicher Gesichtsausdruck lässt mich innehalten. Er hat ja keine Ahnung von dieser dünn verheilten Narbe, die er im Begriff ist aufzureißen, sage ich mir. Besser ich vertiefe das Thema nicht. Also nicke ich und mustere Manni stumm. Ich schätze ihn auf Mitte sechzig, tiefe Falten haben sich ihren Weg von den gütigen Augen über die Wangen bis hin zu seinem stoppeligen Kinn gegraben. Sein Hals gleicht dem eines gerupften und gegrillten Hühnchens – dünn, borstig und etwas zu kross. Schnell senke ich meinen Blick und bin überrascht, dass er trotz seiner streichholzdünnen Beine und Arme über eine basketballgroße Bauchkugel verfügt. Von der Seite sieht Manni aus wie ein Kastanienmännchen.
«Tschuldigung», murmele ich und schaue auf. «Ich wollte dir nicht ins Wort fallen. Es ist nur so … meine Mutter und ich hatten nicht den besten Draht zueinander.» Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Außerdem gehe ich davon aus, dass Manni die Geschichte kennt, sofern die beiden ernsthaft befreundet waren. Also lenke ich das Gespräch schnell auf ein anderes Thema. «Auf der Trauerfeier in Frankfurt habe ich dich gar nicht gesehen.»
Während Manni einen tiefen Atemzug nimmt und offensichtlich nach Worten sucht, wandern meine Gedanken zu jenem Tag zurück. Es ist nicht sonderlich voll gewesen damals. Da meine Mutter Frankfurt vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat, kamen nur wenige Freundinnen. Von Sylt war meiner Erinnerung nach niemand angereist. Ich habe den Tag wie in Trance erlebt, meine Gefühle irrten zwischen Betroffenheit, Desinteresse und Wut umher – wie ein eingesperrtes Tier, das im Grunde nur die Flucht ergreifen und davonrennen wollte. Aber an Manni hätte ich mich ganz sicher trotzdem erinnert.
Er nimmt einen letzten, ausgiebigen Zug von seiner Zigarette, ehe er die Kippe gegen die Sohle seiner Männersandale drückt und anschließend wegschnippt. Mit routinierter Bewegung zieht er seine vormals weißen Sportsocken wieder in Form, ehe er sich nach oben streckt und pathetisch sagt: «Trauerfeiern sind doch nur irdisches Getue. Abschied kann man überall nehmen, notfalls auch auf dem Klo. Am Ende ist es ja nur ein Übergang. Bis man sich irgendwann wiedersieht.»
Ich verschlucke mich vor Schreck fast an meiner eigenen Spucke angesichts seines Tonfalls. Doch gleich darauf denke ich, dass Manni nur eine unverklärte Sicht auf das Leben und den Tod hat. Meiner Mutter hätte diese Einstellung vermutlich gefallen. Soweit ich mich entsinne, waren ihr feste Regeln und Konventionen zuwider, und vor Verpflichtungen nahm sie regelrecht Reißaus.
«Also meine Mutter …» Mit der Handfläche wedele ich den Rauch fort, der aus Mannis Richtung in mein Gesicht wabert. Er hat sich bereits die nächste Zigarette angesteckt. «Hat meine Mutter ernsthaft dadrinnen gewohnt?» Mit einem Kopfnicken deute ich auf den Holzwaggon. Niemand, den ich kenne, würde Gefallen daran finden, dort zu leben. Ohne Heizung und höchstwahrscheinlich ohne Herd. Von einer Toilette ganz zu schweigen. Ich schaudere bei der Vorstellung. Allenfalls vermag ich mir diesen Wagen als eine kurzzeitige Sommerunterkunft vorzustellen. Lagerfeuerromantik unterm Sternenhimmel. Am Strand in der Sonne chillen und zur Abkühlung nackt im Meer schwimmen. Das würde zu meiner Mutter passen. Schätze ich, denn so langsam beginne ich, mich zu fragen, ob ich sie jemals gekannt habe.
«Aber ja doch», bekräftigt Manni. «Sie war total happy hier. Hat gemalt und Fotos geknipst. Keine zehn Pferde hätten sie je von Sylt oder aus diesem Wagen vertrieben. Is aber auch echt gemütlich drinnen. Guck doch mal rein.» Mit wippender Frisur nickt er in Richtung Eingangstür, wo das kleine Sträußchen eine lahme Pirouette im sanften Luftzug dreht.
Ich rühre mich nicht vom Fleck. «Gibt es einen Schlüssel?», frage ich halbherzig. Um sicherzugehen, dass der Wagen ohne Zweifel meiner Mutter gehörte, sollte ich in der Tat mal einen Blick hineinwerfen. Mein Magen krampft sich kurz zusammen.
«Nö.» Etwas ungelenk schlurft Manni auf seinen Adiletten zu dem roten Vehikel, kraxelt die zwei Stufen zum Eingang hoch und dreht, oben angelangt, mit Schwung an dem verschnörkelten Knauf. Knarzend öffnet sich die Holztür. «Is immer offen», informiert er mich, ohne jedoch einen Blick ins Innere zu werfen. Dann schließt er sie wieder. «Rada war nich bange, sie hatte für jeden ein offenes Ohr und hielt darum ihre Tür immer unverschlossen.» Im Schneckentempo stakst er die Stufen wieder runter. Unten angekommen, klopft er die Brusttaschen seines Hawaiihemdes ab. «Das schwöre ich dir, die Feuerwehr hier», mit dem Anhalterdaumen deutet Manni hinter sich, «war ihr Zuhause. Und diese Tatsache respektierte jeder.» Mit höchster Konzentration tastet er seinen halben Oberkörper ab. Schlussendlich findet er eine zerknautschte Packung mit Pfefferminzbonbons, die er mir kurz fragend entgegenstreckt. Als ich kopfschüttelnd ablehne, kippt er sich eine Handvoll der Drops in den Mund. Danach zieht er genüsslich an seiner Zigarette.
«Feuerwehr?», hake ich nach.
«Jo. So ham alle auf dem Platz die Karre genannt. Weil immer ’n bisschen krautiger Rauch aus ihrem Fenster stieg.» Sein Kauen wird zu einem vielsagenden Grinsen.
Dumpf keimt eine Erinnerung in mir auf, und ich stöhne gequält. Auch das noch, denke ich. Ja, dieses Verhalten passt zu meiner Mutter. Nicht selten hat sie sich in der Vergangenheit mit meinem Vater in die Haare bekommen, weil sie ab und an Hasch rauchte. Ein Benehmen, das Papa ein Dorn im Auge war. Denn als Ehefrau von Hartmut König, den daheim alle hinter vorgehaltener Hand «den Küchenpapst» nennen, hatte man sich manierlich zu betragen. Meiner Mutter war dieses Spießertum, wie sie es nannte, zuwider. Mehr noch, es stachelte sie regelrecht an, sich aufzulehnen. Verschämt kaue ich auf meiner Unterlippe. Himmel ist das peinlich. Ich komme mir vor wie im Film, und zwar im falschen.
«Feuerwehr hin oder her», wische ich das blamable Thema vom Tisch, «das Ding muss weg. Herr Jensen von der Sylter Gemeindeverwaltung hat mir ziemlichen Druck gemacht.»
Manni schluckt geräuschvoll seine Pfefferminzbonbons hinunter. «Ach, der Jensen …», er spuckt die Worte aus wie Pfeifentabak, «der Typ is’n Vollidiot. Soll mal schön die Füße stillhalten. Weißt du», mit dem ausgestreckten Arm, genauer genommen mit der glimmenden Zigarette, deutet Manni diagonal nach vorn, «da auf zwei Uhr, da hab ich ein Lokal», erklärt er mit leuchtenden Augen und dem Ausdruck erhabener Freude auf dem Gesicht. Gleich darauf verdunkelt sich seine Miene. «Das hat der Kerl auch aufm Kieker. Will mich da rausschmeißen. So, wie er auch schon alle Camper von hier vertrieben hat.» Manni zieht eine Grimasse. «Aber das juckt mich nich. Das Haus gehört mir, und ergo hat er mir gar nichts zu sagen. Punkt.» Manni hat seine gütigen Augen angesichts des Themas voller Verärgerung zusammengekniffen und hält die Lippen gekräuselt, sodass sein Gesicht einer runzligen Rosine gleicht. «Lass dir von dem keinen beipulen. Der will dir bloß Angst einjagen. Nur, weil er hier für ein paar reiche Knöpfe Wohnungen bauen will, kannst du Radas Wagen ja nich wegzaubern. Immer schön mit der Ruhe, dann kommt dir irgendwann ’ne Idee, was du mit der Feuerwehr anstellst.»
Irgendwann, denke ich. Das ist nicht meine Zeitrechnung. Ich bin nach meinem Vater geraten, der ein Freund klarer Vereinbarungen ist. Und dieser Lars Jensen hörte sich am Telefon auch nicht unbedingt so an, als würde er seine Zeit nach Monden bemessen.
Papa, schießt es mir durch den Kopf. Er wäre meine Rettung. Mit seinem SUV gelänge es ihm spielend, den Bauwagen vom Platz und an einen anderen Ort zu ziehen. Doch leider kommt es nicht infrage, meinen Vater um Hilfe zu bitten, denn wir haben uns heillos zerstritten. Es ging um die Firma, Papas Küchentempel. Ein Geschäft für exklusives Küchenequipment, in dem man von der Kaffeemaschine bis zum Molteni-Herd alles erstehen kann – und in dem ich seit Jahren arbeite. Und zwar rund um die Uhr, tagein, tagaus. Neben Papas Sekretärin Silke, die für Buchführung und Rechnungsstellung zuständig ist, bin ich quasi die einzige Mitarbeiterin. Mädchen für alles. Ich besuche Messen, betreue unsere Kunden, veranstalte Seminare, ordere Ware und stapele, wenn nötig, auch noch an den Wochenenden alte Kartons, damit die Müllabfuhr es leichter hat. Auf diesen personellen Missstand habe ich mir erlaubt hinzuweisen und sogar ein paar Verbesserungsvorschläge unterbreitet. Ein Gespräch, das lange überfällig war, das aber leider Gottes zu einem offenen Schlagabtausch geführt hat. Und zu einem daraus resultierenden, vollkommen abstrusen Ergebnis: Mein Vater hat mich degradiert und mir einen Geschäftsführer vor die Nase gesetzt. Eine Hitzewelle steigt in mir auf, wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem der Kerl, Reinhard Ziegler, in seinem Designeranzug und dem Bachelorzeugnis in der Hand in unserem Geschäft auftauchte und mir die Welt erklären wollte. So hatte ich es ganz sicher nicht gemeint. Doch da sich keiner der Herren zu einem konstruktiven Gespräch bereit erklärte, habe ich notgedrungen Nägel mit Köpfen gemacht. Gleich am nächsten Tag nahm ich allen Urlaub, der mir aus den letzten fünf Jahren moralisch gesehen noch zustand, und habe die Männer mit offenen Mündern in ihren Büros zurückgelassen.
Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch stehe ich nun hier auf dem Rasenplatz und muss mich beherrschen, nicht wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufzustampfen. Papa hätte sich ohnehin nie und nimmer bereit erklärt, den alternativen, roten Anhänger mit der floralen Bemalung hinter seinem Luxus-Landrover durch die Gegend zu schleppen. Viel zu peinlich wäre ihm das gewesen. Zum Glück bin ich es gewohnt zu improvisieren, im Küchentempel war auch immer ich diejenige, die in Notfällen Ideen herbeizaubern musste.
«Einfach mal ’ne Nacht oder fünf drüber schlafen», rät Manni mit seiner Wischi-Waschi-Zeitrechnung. «Glaub mir, früher oder später findste ’ne Lösung für Radas Wagen. Mir kommen beispielsweise immer morgens um fünf bombastische Ideen.»
Zweifelnd sehe ich ihn an. Auf mich wirkt Manni zwar durchaus wie ein komischer Vogel, jedoch nicht unbedingt wie ein Early Bird. Aber schlafen ist ein wichtiges Stichwort. Da ich annahm, im Camper meiner Mutter unterzukommen, habe ich mir keine Bleibe auf Sylt gebucht. Nun verfüge ich nicht über die leiseste Ahnung, wo um alles in der Welt ich mal ’ne Nacht über meine Sorgen schlafen könnte. Denn eins steht für mich felsenfest: In diesem Bauwagen, der nicht mal abschließbar ist, werde ich ganz sicher nicht nächtigen! Gerade als ich überlege, Manni nach einer geeigneten Unterkunft zu fragen, wendet er sich mit schnalzenden Sandaletten zum Gehen.
«Ich mach mal ’n Abgang», informiert er mich und drückt die nächste Zigarette an der Sohle aus. «Muss zurück in mein Lokal.» Zum Gruß tippt er sich mit zwei Fingern an die Stirn. «Man sieht sich!» Er hat bereits ein paar schlurfende Schritte zurückgelegt, da fällt ihm noch etwas ein. «Wenn du auch Bock auf was zwischen die Kiemen hast, komm vorbei», ruft er mir über die Schulter zu. «Immer der Nase nach, bis du da vorn», wie ein spitzer Pfeil weist sein dünner Arm den Weg, «an ein gelbes Holztor kommst. Ist ’ne Abkürzung, die vom Campingplatz direkt zu meinem Häuschen führt. Mannis hat bis spät in die Nacht geöffnet, aber auch wenn ich schon inner Koje lieg, darf man mich rausklingeln. Ich kenn keinen Feierabend.» Mit wehendem Hawaiihemd eilt er weiter. Seine Körpersprache verrät, dass er sich noch in der Bewegung die nächste Zigarette ansteckt.
Ich bleibe zurück und betrachte mit gemischten Gefühlen die zwei Stufen, die zur Eingangstür des Bauwagens hinaufführen. Mit einem Mal ist es mir mulmig zumute bei dem Gedanken, das Zuhause meiner Mutter zu betreten. Ihre Privatsphäre hat den Tod überdauert. Wie blauäugig war ich, mir auszumalen, mit ihrem Wagen, ob nun Camper oder nicht, durch die Gegend zu fahren? Darin zu wohnen und womöglich in ihrem Bett zu schlafen? Fast bin ich dankbar, dass ich umdisponieren muss. Gleichwohl es bedeutet, dass ich nun neue Probleme am Hals habe. Mit der Handfläche wische ich den Staub von der untersten Stufe des Eingangs und setze mich. Trotz der ungetrübten Aprilsonne fröstelt es mich in meiner gefütterten Regenjacke. So hatte ich mir Sylt nicht vorgestellt. Ganz und gar nicht. Als ich am frühen Morgen gegen fünf am Frankfurter Hauptbahnhof in den ICE gestiegen bin, hatte ich, genau genommen, überhaupt kein Bild von dieser Insel vor Augen. Ein paar Stunden später, etwa auf Höhe von Hamburg, wo ich den Zug wechseln musste, dünkte es mich, zumindest mal im Internet einige Fakten zusammenzutragen. Sogar dieser Urlaubsinsel gegenüber fühle ich mich verpflichtet! Nun weiß ich, dass Sylt etwa 100 Quadratkilometer Gesamtfläche misst. Auf 40 Kilometer Länge beläuft sich der Weststrand, und auf der gegenüberliegenden Seite liegt das Wattenmeer, das als Weltnaturerbe anerkannt wurde. Die Orte, die mir im Gedächtnis geblieben sind, heißen Westerland, Kampen, Wenningstedt und Rantum. Westerlands Bahnhof habe ich bei meiner Ankunft kennengelernt, von dort ging es dann schnurstracks im Taxi zu diesem einsamen Unkrautfeld – dem ehemaligen Campingplatz «Vogelglück». Ich schätze, der Fahrer war heilfroh, als er mich samt meinem schlanken Rollköfferchen absetzen und die Rückfahrt antreten konnte.
Mein Blick wandert gen Himmel. Wir haben 14 Uhr an einem für mich überraschend warmen Vorfrühlingstag mit klassischen Schäfchenwolken und einer leichten Brise, die salzige Luft vom Meer bläst. Meine App hatte ungemütlicheres Wetter vorhergesagt, weshalb ich Jeans, Pulli und diese dicke Gummijacke trage. Allerdings bin ich momentan froh über meine Wahl.
Ein Vogel mit gelblich verwaschenem Gefieder, vermutlich eine etwas schmuddelige Taube auf der Suche nach Essbarem, watschelt neugierig um mich herum. Die Fläche des «Vogelglücks» ist überschaubar, sie scheint der eines kleineren Fußballfelds gleichzukommen. Linker Hand türmt sich Geröll, Reliquien der ehemaligen Waschräume. Ich erblicke die Überreste eines orangefarbenen Waschbeckens. Dasselbe Modell hatten wir zu Hause, ehe Papa unser Bad modernisieren ließ, weil meine Mutter es vor Jahren ausgesucht hatte und er nicht morgens und abends an sie erinnert werden wollte. Mit meinem quietschgelben Gummistiefel male ich krakelige Kreise in den Staub. Vereinzelte Grashalme, die den Winter überdauert haben, stechen wie beim Rasieren vergessene Bartstoppeln aus der Erde. Wahllos rupfe ich einen heraus und drehe ihn zwischen meinen Fingern. Bald jährt sich der Tag, an dem meine Mutter verstorben ist. Bei einer Studienreise durch Guatemala ist sie urplötzlich und ohne erkennbare Vorzeichen auf ihrem Bussitz eingeschlafen. So erzählte es uns Ludger, der damalige Freund und Reisebegleiter meiner Mutter. Und zwar in seiner ersten Version. Dass dem Tod meiner Mutter ein bunter Abend mit zahlreichen Rumcocktails und dem ausschweifenden Konsum psychedelischer Pilze vorangegangen war, erwähnte Ludger erst in seiner zweiten Fassung der Geschichte, bei der Trauerfeier nach der Beerdigung. Wie sich herausstellte, fürchtete er, wegen der ausufernden Party von den südamerikanischen Behörden in die Verantwortung gezogen zu werden. Aus diesem Grund ließ Ludger die Asche meiner Mutter, entsprechend ihrer Verfügung, zeitnah und klammheimlich über dem Meer verstreuen. Ob er dafür jemanden bestechen musste? Ich weiß es nicht, könnte es mir aber vorstellen. Sechs Monate verschwand er darum in der Versenkung, ehe er samt Totenschein und schlechtem Gewissen bei uns vor der Tür stand.
Es war ein Schock, keine Frage. Obwohl sie für uns mit dem Zeitpunkt ihres plötzlichen Auszugs so gut wie gestorben war, ist es etwas anderes, wenn man erfährt, dass die Mutter nicht mehr lebt. Ich war noch ein Teenager, als sie ging und einen unglaublichen Schmerz bei mir hinterließ. Dass ich dennoch heute hier stehe, um ihre Angelegenheiten zu regeln, liegt einzig daran, dass dieser Lars Jensen mich überrumpelt hat.
Mein Magen knurrt, und ich gebe mir einen Ruck. Statt herumzusitzen, sollte ich mir endlich eine Übernachtungsmöglichkeit organisieren. Eine nahe gelegene Pension wäre perfekt, damit ich in den künftigen Tagen nicht unnötig Zeit und Geld für den Anfahrtsweg verplempere. Energisch wische ich mir den Staub von den Händen und krame in meiner Handtasche nach dem Handy. Mithilfe eines Buchungsportals checke ich die infrage kommenden Angebote. Schicke Hotels und Pensionen gibt es auf Sylt zuhauf, das hatte ich nicht anders erwartet, doch ich bin nicht bereit, ein Vermögen für meinen Kurzaufenthalt hinzublättern. Nach eingehender Suche entscheide ich mich für eine private Frühstückspension namens Zur Salbeiblüte, die mir auf Anhieb ins Auge springt und die bezahlbar ist. Das Foto zeigt ein spitzgiebeliges Reetdachhaus mit weiß getünchter Fassade und einem bezaubernden Kräutergarten im Eingangsbereich. Mir ist klar, dass das Bild aus dem Sommer stammen muss, wenn alles prachtvoll in Blüte steht und die unterschiedlichen Gewürzpflanzen beinahe den gesamten Vorgarten einnehmen. Für einen Moment verliere ich mich in der Vorstellung, wie famos es um diese Zeit vermutlich duftet. Dann werfe ich einen Blick auf die Gästezimmer, insgesamt sind es nur vier Stück. Alle wirken sauber und einladend hell. Mit tiefen Fenstern, pastellfarbenen Wänden und blütenweißer Bettwäsche. Aber vor allem das Frühstücksangebot liest sich verlockend: Eier nach Wahl vom Nachbarhof, dazu selbst gemachte Marmelade aus eigenem Obstanbau und hausgebackenes Brot sowie Plundergebäck. Außerdem Müsli mit Obst und Nüssen. Beim Lesen läuft mir bereits das Wasser im Mund zusammen, und mein Magen meldet sich erneut. Dieses Mal um einiges energischer. Augenblicklich treffe ich die Entscheidung zu buchen. Vorerst miete ich mich für eine Woche ein, so lange würde ich benötigen, um den Wagen meiner Mutter durchzusehen, ihn abholen zu lassen und die Insel im Schnelldurchlauf zu erkunden. Eine Verlängerung ist nicht geplant, ließe sich aber hoffentlich spontan arrangieren.
Ich schließe die App auf meinem Handy und will in der Nähe ein Restaurant googeln, als mir Manni einfällt. Sagte er nicht etwas von einem Lokal, das er betreibt? Auf jeden Fall würde ich dort ein Glas Wasser und einen Kaffee bekommen und mit Sicherheit auch eine Kleinigkeit zu essen. Einen knackigen Salat oder eine leckere Bowl, bin gespannt, was er anzubieten hat. In froher Erwartung stopfe ich das Telefon zurück in meine Handtasche, springe auf und schnappe mir meinen Rollkoffer. Dann werfe ich einen schnellen Blick auf den Bauwagen. Mir steht der Sinn überhaupt nicht danach, ihn zu betreten. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Satt und ausgeschlafen kann ich die Dinge viel besser regeln. Und zwar hoffentlich möglichst effektiv.
Mit dem Koffer an der Hand zuckele ich mühevoll über das zerklüftete Stoppelfeld. Voran in jene Richtung, in die Manni, der nette Wunderling, vor einer Dreiviertelstunde verschwunden ist. Heilfroh, dass das Areal von der Größe her überschaubar ist, erreiche ich recht bald das Ende des Platzes und ebenso das von Manni beschriebene gelbe Tor. Es lässt sich mühelos öffnen. Inzwischen etwas kraftlos, bugsiere ich mich samt Gepäck hindurch und stehe sogleich auf einem schmalen Holzbohlenweg, der sich in zwei Richtungen teilt. Unter meiner gummierten Jacke schwitze ich wie ein aufgebackenes Brötchen im Plastikbeutel, darum gönne ich mir eine Pause und studiere den Wegweiser, der vor meiner Nase an einer schmiedeeisernen Laterne baumelt.
Nach rechts geht es bergauf und laut der Ausschilderung nach einem strammen Fußweg von schätzungsweise vier Stunden zu irgendeiner Vogelkoje. Verrückt, diese hier schon auszuschildern, aber vermutlich handelt es sich um eine Touristenattraktion. Oder um eine malerische Wanderroute, weiß der Geier. Abwärts, also links, führt der Weg zum Meer. Ebenso zu Mannis, dem Lokal, nach dem ich suche. Jemand hat die Information krumm und schief mit Filzstift hinzugefügt, fast hätte ich es übersehen. Mit schweißnassen Fingern umklammere ich den Griff meines Koffers und schleife ihn über den sandigen Untergrund. Den Gedanken daran, dass ich den gesamten Weg nach dem Essen wieder bergauf würde zurücklegen müssen, schiebe ich vorerst von mir. Und als ich durch die Zweige einer verblühten Hortensienhecke das Meer erspähe, hat sich jede Anstrengung gelohnt. Geflasht bleibe ich stehen. Wie ein dunkelblauer Paillettenteppich liegt das Wasser in schätzungsweise zweihundert Metern Entfernung vor mir und glitzert elegant im Licht des diagonalen Sonneneinfalls. Wow, denke ich, wie wunderschön! Einen Moment lasse ich das Kunstwerk auf mich wirken, dann fällt mir ein, dass es nun nicht mehr weit sein kann bis zu Mannis Lokal. Vorwärts, Lina!, treibe ich mich an. Ein paar Haarsträhnen, die an meiner Stirn kleben, streiche ich mit dem Jackenbündchen aus dem Gesicht, dann stapfe ich los. Von dem hölzernen Untergrund ist vor lauter Sand kaum noch etwas zu sehen, darum packe ich kurz entschlossen den Koffer am Griff, um besser voranzukommen. Vorher reiße ich mir die Jacke vom Leib und knote sie mir mühsam um den Bauch. Fix und fertig muss ich daran denken, dass ich an manchen Tagen zehn Stunden im Küchentempel hin und her flitze. Doch wie es scheint, habe ich in puncto Fitness dadurch noch lange kein Let’s-Dance-Niveau erreicht. Fünfzehn Meter weiter bremse ich erneut. Dieses Mal jedoch nicht, weil mir die Puste ausgeht, sondern weil unvermittelt aufgebrachte Männerstimmen an mein Ohr dringen.
Für den Bruchteil einer Sekunde erwäge ich umzukehren. In der Nähe scheinen zwei Kerle eine hitzige Diskussion zu führen, und ich hege nicht das geringste Bedürfnis, zwischen die Fronten zu geraten. Andererseits hängt mir mein Magen mittlerweile vor Hunger beinahe in den Kniekehlen, sodass es keine Option ist, den Weg zurückzulaufen. Seufzend umklammere ich den Griff meines Koffers und zuckele tapfer weiter. Als sich mein Weg nach rechts schlängelt und mich im Halbkreis entlang einer bestuhlten Sonnenterrasse führt, wähne ich mich am Ziel. Der Dünenlandschaft linker Hand schenke ich wenig Beachtung, aber zu meiner Rechten, angrenzend an die Terrasse, entdecke ich ein windschiefes Reetdachhäuschen aus verwaschenem rotem Backstein und mit winzigen, halbrunden Gaubenfenstern im Strohdach. Eingebettet wie ein kostbares Juwel, liegt es inmitten sandiger Hügellandschaft und sieht derart einladend aus, dass ich nicht anders kann, als näher zu treten. Vorher bestaune ich allerdings noch das grandiose Panorama. Bis an den Horizont vermag ich von hier zu gucken. Ich sehe Schiffe, so winzig wie Ameisen, die auf der Wasserlinie zu balancieren scheinen. Im Vordergrund malen Motorboote schneeweiße Muster aus Schaum in das dunkelblaue Wasser. Tief atme ich ein und wäre ganz sicher länger stehen geblieben, doch das Stimmengewirr schwillt an. Ich recke meinen Hals und schaue auf eine imposante, gläserne Schiebetür, die einen Spalt offen steht. Die Sonne spiegelt sich in den Scheiben, sodass ich nicht problemlos hineinsehen kann. Mittlerweile bin ich mir aber sicher, Mannis Slang herausgehört zu haben. Doch auch der Tonfall des anderen Typen kommt mir seltsam bekannt vor, was eigenartig ist, da ich außer Manni ja keine Menschenseele auf dieser Insel kenne. Ich schiebe es auf die Dehydrierung und stolpere weiter. Wie der Fußweg ist die Terrasse ähnlich versandet, zudem steht das Mobiliar – weiße Plastikmöbel, die gern mal wieder abgewischt werden könnten – kreuz und quer auf der Fläche verteilt. Seitlich vor Hortensienbüschen hat jemand weitere Stühle unter einer Winterplane gestapelt. Es scheinen massive Möbel zu sein, ich erkenne es an den herausguckenden gusseisernen Füßen.
Im Slalom manövriere ich mich Richtung Tür. Dummerweise wird mir der Zugang und die Sicht auf einen Teil des Innenraums nun von einer Klapptafel versperrt. Mannis’ lese ich als Überschrift, dann folgt das Speiseangebot: Currywurst, Buletten und Jägerschnitzel, hat jemand in schwer leserlicher Handschrift mit Kreide notiert. Alles wahlweise mit Pommes oder Kartoffelsalat zu haben. Enttäuscht schlucke ich. Aber wer weiß. Obwohl einiges dagegenspricht, ist es ja nicht ausgeschlossen, dass drinnen eine weitere Speisekarte mit Nudelgerichten oder einem Salat lockt.
Gerade will ich den Versuch wagen, als sich im selben Moment Manni mit schriller, wütender Stimme zu Wort meldet. «Ich hab keinen Brief gekriegt», empört er sich, «aber ich würde den sowieso nich lesen, sondern das Papier bestenfalls zum Heizen oder für den Allerwertesten nehmen. Mich ekelt hier niemand raus, kapiert?»
Oha, denke ich, der ist aber gewaltig auf Zinne. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut, dermaßen aus der Haut zu fahren.
«Es geht nicht darum, Sie zu verscheuchen», antwortet mit stoischer Gelassenheit die andere Person, «wir haben Ihnen unsere Beweggründe für die Räumung des Areals ausführlich dargelegt, und zwar in mittlerweile sechs Briefen … die Sie ja leider nicht bekommen haben.» Obwohl Mannis Kontrahent sich alle Mühe gibt, die Contenance zu bewahren, kann ich dennoch ein Fünkchen Ironie in seinem Tonfall heraushören. «Sogar zu einem Infoabend hatten wir im Winter alle Betroffenen eingeladen. Sie ebenso wie die ehemaligen Dauercamper – von denen übrigens eine Vielzahl der Einladung gefolgt ist. Bis spät in die Nacht standen wir miteinander im Dialog und haben, wie ich finde, zufriedenstellende Kompromisse erarbeitet. Zum Beispiel ist es so, dass …»
«Interessiert mich nich!», ätzt Manni. «Was hätte es denn geändert, wenn ich bis tief in die Nacht», er imitiert den Tonfall des anderen, «meine Fragen gestellt hätte? Nichts! Ihr wollt mein Haus abreißen, um Kohle zu machen. Ihr seid Halsabschneider, und zwar von der schlimmsten Sorte. Möchte gar nich wissen, was ihr den vielen heimatlosen Dauercampern auf eurem Infoabend vorgelogen habt», er spuckt seine Worte förmlich aus, «aber ich lass mich nich vertreiben!»
Ohne nachzudenken, trete ich näher an die Glastür heran. Nun kann ich Manni bestens erkennen, auch der andere Kerl ist in mein Blickfeld gerückt. Er steht mit dem Rücken zu mir, ist etwa einen Kopf größer als Manni und hat kurze, verwuschelte dunkelblonde Haare. Zur Chino trägt er ein braunes Cordhemd und gleichfarbige Lederschuhe. Mehr Zeit bleibt mir für meine Beobachtungen nicht, denn bei meinem nächsten Schritt in Richtung Tür knirscht der Sand unter meinen Schuhen und dem Koffer. Augenblicklich drehen sich zwei Köpfe zu mir herum.
«Ähm … Hallo», stottere ich verlegen, «könnte ich eventuell ein Glas Wasser bekommen?» Mit letzter Kraft schiebe ich die Tür so weit auf, dass ich und mein Koffer hindurchpassen. Die zwei Männer beäugen mich dabei kritisch. «Kaffee wäre auch toll.»
Schwer atmend stehe ich vor den Kerlen und warte auf eine Reaktion. Was für ein merkwürdiges Paar die beiden abgeben, schießt es mir durch den Kopf. Unterschiedlicher könnten sie kaum aussehen. Der Fremde ist nicht nur von größerer Statur als Manni, er wirkt außerdem deutlich vitaler. Mit seiner gesunden Gesichtsfarbe und den hellen Strähnen im Haar erweckt er den Anschein, als käme er direkt von seinem Dreimaster. Oder vom Joggen. Manni hingegen sieht mit seinem kugelbäuchigen Körper und dem verlebten, freundlichen Gesicht eher nach Frühschoppen als nach Frühsport aus.
«Orangensaft ginge ebenso», plappere ich nervös weiter, als sich bei den Männern noch immer nichts tut. Insgeheim ärgere ich mich, dass meine Stimme unsouverän und aufgeregt klingt. Dabei bin ich es gewohnt, vor Leuten zu sprechen. Insbesondere vor Männern, die sich für den Nabel der Welt halten – was dieser fremde Typ offenbar tut, das schließe ich aus den Gesprächsfetzen, die ich aufgeschnappt habe. «Und vielleicht», ich werfe dem Blondschopf einen abschätzigen Blick zu, ehe ich mich freundlich an Manni wende, «bekomme ich hier sogar eine Bowl oder einen Salat zur Stärkung? Aber vor allem bräuchte ich wirklich dringend ein Glas Wasser.»
Endlich kommt Bewegung in Manni. «Klar, Mädel, mach’s dir gemütlich in meiner guten Stube! Wasser bringe ich dir sofort!» Er verfällt in hektische Betriebsamkeit. Bei ihm bedeutet das: Seine Adiletten klacken einen Tick schneller beim Schlurfen. Ich nutze den Moment, um mich verstohlen umzusehen. Der viereckige Raum, in dessen Eingang ich stehe, beträgt schätzungsweise dreißig Quadratmeter und sieht nach einem klassischen Imbiss aus. In vorderster Front befindet sich eine Kühltheke aus Stahl mit Glasaufsatz und Schneidebrett. Sie dient als Auslage und Verkaufstresen gleichermaßen, allerdings mit ernüchterndem Warenangebot: Ein garstig grinsender Plastik-Hummer fristet dort sein trostloses Dasein. Außerdem zähle ich acht tiefe Aufbewahrungsschalen für Salat oder Soßen, allesamt ohne Deckel. Zwei von ihnen sind bis zum Rand befüllt mit Kartoffelsalat. Mein Blick wandert weiter zur linken Seite. An einem langen Holzbrett, einer Art Tresen, stehen fünf Hocker aufgereiht. Wie die Hühner auf der Stange können Gäste dort nebeneinandersitzen, essen und beobachten, wie nebenan in der Fritteuse ihre Pommes brutzeln. Über allem, kurz unter der Decke, hängt eine monströse Abzugshaube.
«Das Wasser sprudelig oder still?», ruft Manni, der rechter Hand vor einem mannshohen Getränkekühlschrank steht und dessen Inhalt mit zusammengekniffenen Augen unter die Lupe nimmt.
«Egal, was du dahast», rufe ich zurück.
Manni öffnet die Glastür, greift sich eine Plastikflasche und deponiert diese rechts neben dem Kühlschrank auf einer stählernen Arbeitsfläche. An der Wand dahinter ist ein riesiger Spender mit Plastikbechern montiert und daneben einer mit Pappbechern. Während Manni mit der Mechanik kämpft, um den untersten Becher herauszufingern, stehe ich etwas verloren im Raum und würde mich am liebsten in Luft auflösen. Der fremde Typ mustert mich schon die ganze Zeit dermaßen unverhohlen, dass ich jede Sekunde fürchte, von ihm in ein Gespräch verwickelt zu werden. Ich gebe vor, mit meinem Koffer beschäftigt zu sein. Mit höchster Konzentration drehe ich abwechselnd an dem Zahlenschloss oder fahre den Teleskopgriff aus und ein.
«So, meine Liebe, hier hast du dein Wasser.» Lächelnd schlurft der Chef heran und befreit mich aus meiner Misere. Während er mit der einen Hand den Plastikbecher auf dem Tresenbrett platziert, animiert er mich mit der anderen zum Hinsetzen. Und überdies zum Verzehr einer Currywurst. «Das is die Spezialität des Hauses», schwärmt er. «Du kannst aber auch Buletten kriegen. Jägerschnitzel is leider aus, also eigentlich nur die Soße.» Manni widmet sich allein mir, den anderen Typen ignoriert er geflissentlich.
«Ach, weißt du …» Inzwischen mache ich mir nur noch wenig Hoffnung auf eine Schüssel Grünzeug, denn eine Speisekarte sucht man hier vergeblich. Aber ich möchte Manni nicht vor den Augen des Fremden brüskieren, darum lasse ich endlich meinen Koffer in Ruhe und krabbele auf einen der Hocker. «Ich bin gar nicht sooo hungrig.» Gierig schnappe ich mir das Wasser und trinke ein paar hektische Schlucke. Währenddessen gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Hört der Typ bald mal auf, mich anzustarren? Hat Manni keine Gläser? Das nennt er ein Lokal? Ohne den Becher abzusetzen, lasse ich meine Aufmerksamkeit flüchtig zu dem fremden Kerl wandern. Er schaut noch immer in meine Richtung, darum registriert er es. Als sich unsere Blicke begegnen, hätte ich fast meinen Becher fallen gelassen. Seine Augen ähneln dem Meer, das ich vorhin bestaunt habe. Dunkelblau und tiefgründig, mit einem magischen Glitzern. Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt und sich verlegene Röte breitmacht. Was ist hier los? Ich will meine Aufmerksamkeit wieder zurück auf Manni lenken, doch ich vermag meinen Blick einfach nicht von dem Kerl zu lösen. Mit meinen Augen erforsche ich sein kantiges Gesicht. Von der wettergebräunten Nase über die rasierten Wangen bis hin zum Mund. Schöne Lippen hat er, symmetrisch und ansprechend geschwungen.
«Wenn du nichts essen willst, dann solltest du aber noch ein Wasser trinken», höre ich Manni wie aus weiter Ferne zu mir sprechen. «Nich, dass du mir aus den Latschen kippst. Oder einen Schnaps? Ach nee, du wolltest ja Bowle. Die hab ich leider nich. Aber es is ja auch noch ’n büschn früh für Alkohol.»
Um die Mundwinkel des blonden Typen beginnt es zu zucken.
«Das … ist schon okay», sage ich abwesend zu Manni und schaffe es mit Mühe, meine Aufmerksamkeit auf ihn umzulenken. «Ein weiteres Wasser nehme ich aber gern.»
Manni grabscht sich meinen Becher. Nachdem er ihn frisch befüllt vor meine Nase gestellt hat, schnappt er sich aus einer Schublade ein Geschirrhandtuch und wienert damit die ohnehin blitzeblanke Glasfront des Tresens.
Der fremde Kerl räuspert sich. «Selbstverständlich zahlt die Gemeinde Ihnen eine Entschädigung, weil Sie das Restaurant nicht mehr betreiben dürfen», setzt er noch einmal an. «Da die Schmarotzerraubmöwe hier ihr Quartier aufgeschlagen hat, wurde die Fläche vor Jahren als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Seit auch noch die Trottellumme zu den Heimkehrern zählt, bedeutet das …» Weiter kommt er nicht, denn Manni gibt ein ruppiges Grunzen von sich. Er hat das Handtuch zu einer kleinen Kugel geknautscht und sieht aus, als würde er diese in Richtung seines Gastes feuern wollen. An seiner Schläfe pulsiert eine Ader.
«Eure Abfindung könnt ihr euch sonst wohin stecken», empört er sich, und zwar in einer Lautstärke, dass die Plastikbecher in ihrer Verankerung zittern. «Ich habe dieses Haus von meiner Oma geerbt und viele Jahre friedlich darin gelebt. Bis ihr Schnösel hier angetanzt seid und mich in meinen Freiheiten beschneidet.» Er stößt ein animalisches Gackern aus. «Schmarotzerraubmöwe, dass ich nich lache! Ihr seid hier die einzigen Schmarotzer und wollt alles zu Geld machen, was nich bei drei auf den Bäumen ist.»
«Herr Ahlers …»
Wie beim Tennis fliegt mein Blick zwischen Manni und dem anderen Kerl hin und her. Mannis Anschuldigungen lässt der Typ so gelassen an sich abprallen, als habe er es öfter mit wehrhaften Bürgern zu tun und folglich eine routinierte Hartherzigkeit entwickelt. Doch Manni bietet ihm ordentlich Paroli. «Erst habt ihr alles darangesetzt, mich auszuhungern, habt den Campingplatz geschlossen und meine Kundschaft vergrault. Aber seht her: Ich lebe noch. Ich bin zäh! Und ich bleibe!» Manni hat seine Arme in die Höhe gerissen, wobei ihm das Geschirrhandtuch entglitten ist. Jetzt fuchtelt er wild mit den erhobenen Zeigefingern in der Luft herum, als stünde er bei einem Rockkonzert in der ersten Reihe. Fehlt nur noch, dass er seine Haare nach hinten schmeißt und Luftgitarre spielt, schießt es mir durch den Kopf.
«Herr Ahlers …», setzt der andere erneut an, «die Camper wurden nicht vertrieben, sondern der Pachtvertrag des Campingplatzes war nach zehn Jahren abgelaufen und wurde nicht verlängert. Den Leuten hat man einen gleichwertigen Stellplatz in Wenningstedt angeboten. Viele waren darüber extrem glücklich, denn der Platz ist viel netter gelegen. Und», er hebt vielsagend die Augenbrauen, «die Lizenz für einen Gastronomiebetrieb ist noch zu vergeben. Sie müssten sich nur …»
«Ich muss garnix!» Manni ist nicht zu beruhigen. «Und schon gar nicht lass ich mich nach Wenningstedt verpflanzen!»
Betreten blicke ich zu Boden. Manni ist mir sympathisch, ich würde ihm gern zu Hilfe eilen, nur fehlt mir leider der Kontext. Einen Augenblick suche ich im Geiste dennoch nach einer Idee, doch als mir partout keine einfällt, versuche ich stattdessen, seinen Widersacher mit finsteren Blicken zum Verschwinden aufzufordern. Leider geht diese Aktion gründlich in die Hose. Denn dafür sieht der Kerl zu nett aus. Charmant geradezu, und attraktiv. Sein strubbeliges Haar hat er im Laufe der Diskussion noch weiter verwuschelt, sodass ihm nun ein paar Haarsträhnen wild ins Gesicht fallen. Dahinter blitzen mich seine blauen Augen fast Hilfe suchend an. Unter der gummierten Jacke, die ich immer noch um den Bauch trage, beginne ich zu schwitzen.
«Bitte besprechen Sie die Angelegenheit doch einmal in Ruhe mit Ihrer Freundin», schlägt der Blondschopf nun vor und bedenkt mich mit einem aufmunternden Kopfnicken. «Sie sind selbstverständlich eingeladen, jederzeit gemeinsam in meinem Büro vorbeizuschauen, falls sich Fragen ergeben.»
Ach, daher weht der Wind, denke ich. Jetzt versucht er den Klassiker: über den Hund zum Herrchen. Aber ich werde Manni ganz sicher nicht dazu überreden, sein süßes Häuschen herzugeben. Außerdem … «Ich bin nicht seine Freundin», rücke ich die Tatsachen ins richtige Licht und schenke dem Geldgeier einen indignierten Blick. «Aber eine Freundin.» Gut, diese Aussage zum jetzigen Zeitpunkt ist vielleicht etwas hochgestapelt, doch das kann der Kerl ja nicht wissen. «Und als diese stehe ich voll und ganz hinter der Entscheidung von Manni, äh … Herrn Ahlers.» Aufmunternd zwinkere ich Manni zu, der sich in diesem Moment mit seiner rechten Hand an die linke Brust fasst und schmerzvoll das Gesicht verzieht. Ich stutze. Du liebe Zeit … Hat er ein Problem? Womöglich mit dem Herzen? Besorgt runzele ich die Stirn. Doch Mannis Aufmerksamkeit hat sich bereits wieder auf seinen Besucher gerichtet. Und mit derselben Hand, die sich eben noch an seinen Brustkorb gepresst hat, wedelt er diesen nun zur Tür hinaus. «Raus hier! Und lass dich hier ja nich wieder blicken!»
Als der Spuk vorbei ist, sitzen Manni und ich allein im Kiosk wie zwei begossene Pudel nebeneinander an der Holztheke und schweigen bedröppelt. Als sei ein gewaltiger Orkan über uns hinweggebraust, betreiben wir Schadensbegrenzung.
«Alles okay?», fragt er.
Ich nicke. «Und bei dir?»
«Auch. Tut mir leid, dass du diesem Typen in die Arme gelaufen bist. Ich hab nich zu viel versprochen, oder? Dieser Jensen is ein Ekelpaket.»
Ich benötige einen Moment, um eins und eins zusammenzuzählen. «Du meinst … das war Lars Jensen? Von der Gemeindeverwaltung? Der Typ, mit dem ich vor ein paar Wochen telefoniert habe und der mich hierherzitiert hat?» Ich bin baff. Darum also kam mir seine Stimme bekannt vor. Ihn hatte ich mir vollkommen anders vorgestellt. Älter und … nicht so gut aussehend. «Aus welchem Grund wollen die denn nun genau dein Haus plattmachen?», erkundige ich mich, weil mir die Sache nicht ganz in den Kopf will.
«Der macht so auf Umweltschutz, hat aber eigentlich nur die Kohle im Sinn», erklärt mir Manni. «Was glaubst du, was man für Wohnungen in dieser Lage verlangen kann? Das können wir beide uns nich ausmalen.»
Ich stehe irgendwie immer noch auf der Leitung. «Handelt auf Sylt sogar die Gemeindeverwaltung mit Grundstücken?» Dass der Bauwagen meiner Mutter Jensens Plänen im Weg steht, habe ich nicht weiter hinterfragt, weil mir gar nicht klar war, was an der Räumung des Platzes dranhängt. Den Dauercampern wurde gekündigt, und jetzt soll auch noch Mannis Zuhause dem Erdboden gleichgemacht werden. Mir fehlen die Worte für dieses raffgierige Verhalten.
Manni neben mir zuckt mit den Schultern. «Ich hab keine Ahnung, was hier gebaut werden soll. Diese Typen lassen sich ja nich in die Karten gucken. Und wenn du fragst, kassierst du garantiert ’ne Lüge. Darum red ich mit Jensen gar nich lange.» Er klopft seine Taschen nach Zigaretten ab, lässt dann aber die Hand in Brusthöhe liegen. Ich spüre, dass er sich verkrampft, und drehe mich zu ihm um. «Was ist mit dir?», frage ich besorgt. «Hast du Schmerzen?»
«Quatsch!», wiegelt er ab. «Weißt du», er überspielt den Moment, indem er noch mal an unserem Thema anknüpft. «Am Ende ist es eh egal, was diese Halunken vorhaben. Denn ich bleibe hier. Dies ist mein Zuhause, basta!»
Ich beobachte ihn aufmerksam und bin nicht überzeugt, dass alles in Ordnung ist. Sein Gesicht hat sich von tomatenrot zu kreideweiß gewandelt, und ich bilde mir ein, Schweißperlen auf seiner Stirn zu entdecken. «Soll ich nicht lieber einen Arzt rufen?», schlage ich vor. Mit Herzschmerzen ist nicht zu spaßen. Doch wie es zu erwarten war, winkt Manni ab.
«Ist nur Muskelkater. Hab gestern ’n paar Bierkästen geschleppt und bin wohl etwas aus der Übung.» Seine Hände setzen die Suche fort, und dieses Mal fischt er eine Weichpackung Zigaretten aus den scheinbar unendlichen Tiefen der Brusttasche seines Hawaiihemdes. Skeptisch beobachte ich ihn beim Anzünden. «Ich denke, du solltest auch besser mal etwas Wasser trinken. Anstelle eine zu rauchen.»
Ein vernichtender Blick trifft mich.
«Sorry», lenke ich ein. «Ich meine es ja nur gut. Das war gerade … ein ziemlich heftiger Disput. Kein Wunder, dass du nervös bist.»
Manni zieht genüsslich an seiner Zigarette und schweigt. Auch ich halte meine Klappe, denn ich will ihn nicht zusätzlich auf die Palme bringen. Irgendwann wird die Stille durchbrochen von meinem knurrenden Magen. Sofort dreht Manni sich zu mir um.
«Mädchen, willst du nicht doch ’ne Currywurst?», fragt er besorgt. «Oder Pommes? Geht beides ganz flott.» Schon ist er aufgesprungen und hat sich, die Zigarette halb schräg im Mundwinkel, auf den Weg hinter seinen Stahltresen begeben. Ich zögere. «Himmelherrgott», poltert er, «sag jetzt bloß nich, dass du um deine Figur besorgt bist.» Mit den Ellenbogen stützt er sich auf der stählernen Arbeitsplatte ab und wartet, dass ich ihn ansehe. «Hast du mal in den Spiegel geschaut? Müde siehst du aus. Mit Rändern unter den Augen.»
«Und du meinst, eine Currywurst würde dagegen helfen?»
Manni nimmt die Zigarette aus dem Mund und schneidet mir eine lustige Grimasse. «Keine Bange, ich hab auch Salat», lenkt er ein. «Kartoffelsalat. Da sind sogar Gurken drin.» Er hält inne, weil ihm etwas eingefallen ist. Mit Schwung richtet er sich auf, steckt die Kippe wieder in den Mund und tritt einen Schritt zur Seite. Unter dem gekühlten Glastresen öffnet er eine Stahltür. Ehe Manni mit dem Kopf in dem obersten Fach verschwindet, legt er seine Zigarette vorsichtig auf der Kante der Arbeitsplatte ab. Dann taucht er im Schrank ab. Als er Sekunden später wieder emporkommt, hält er mir eine Plastikschüssel mit rotem Logo entgegen. «Hier hab ich noch diesen Rest Eiersalat.» Meinen zweifelnden Blick erstickt er mit einem Kommentar: «Keine Sorge, der stand gekühlt. Außerdem ist er konserviert und hält ewig.»
Das glaube ich ihm aufs Wort. Kochen ist nämlich meine Leidenschaft. Ich weiß einiges über Zusatzstoffe, vor allem in Fertiggerichten, -salaten und -soßen. Unter anderem deshalb bevorzuge ich frische Kost. «Was ist denn mit dem Eisbergsalat?» Ich habe mich weit zur Seite gelehnt, um an Mannis Hawaiihemd vorbei in das Kühlfach sehen zu können. «Wäre es möglich, davon vielleicht ein wenig zu bekommen?»
Manni starrt mich an. «Das Grünzeugs willst du essen?», fragt er ungläubig. «Aber … das nutze ich zum Dekorieren. Damit der Teller voll aussieht. Kein Mensch würde das Kraut runterschlucken.»
«Doch, ich», insistiere ich, «vorausgesetzt, es lag noch bei niemandem auf dem Teller.» Der Salat wirkt leicht zerfleddert.
«’türlich nich», brüstet er sich. «Problem ist nur, dass ich kein Dressing dazu bieten kann. Es sei denn …» Seine Miene hellt sich auf. «Du könntest Mayo haben.» Beflügelt von seiner Idee, schlurft er auf seinen langen Spiddelbeinen quer durch die Küche zur rechten Seite. «Mayo muss nich gekühlt werden, darum hab ich die hier drüben stehen. Die Kunden lieben das Zeug.» Ehe ich ihn bremsen kann, öffnet er einen der Edelstahl-Unterschränke. Mir klappt die Kinnlade herunter, als ich einen Blick in das Fach erhasche. Plastikgeschirr und Styroporschüsseln mit Klappdeckel verstopfen beinahe die gesamte Schrankseite. Außerdem Plastikbesteck. Messer, Gabel und zwei Löffel liegen, als Quartett fein säuberlich eingeschweißt, in einem durchsichtigen Tütchen. Daneben stapeln sich Papierservietten. Und Kaffeetassen aus Plastik. Im Schrank nebenan findet Manni endlich, wonach er gesucht hat: riesige Nachfüllflaschen mit Ketchup und Mayonnaise. Entsetzt begaffe ich das Lager. Hat er denn noch nichts von Müllvermeidung, Klimazielen und Mikroplastik gehört?
«Für mich bitte keine Mayo. Etwas Essig und Olivenöl reicht mir.»
«Olivenöl», wiederholt Manni, als hätte ich um einen Schluck heiliges Wasser aus dem Nil gebeten. «Ich hab nur Leichtlauf-Öl fürs Auto.» Ein gackerndes Lachen entfährt seiner Kehle. Dann wird daraus ein Hustenanfall, und ganz zum Schluss hat Manni sich wieder im Griff. «Irgendwo im Keller müsste noch ’n Karton Sonnenblumenöl stehen. Nach Corona hab ich mich damit eingedeckt. Eigentlich nur, weil das auf einmal alle haben wollten. Ich weiß gar nichts damit anzufangen. Und Essig …» Er kratzt sich am Kopf. «Ginge auch Essigessenz? Ich glaub, die hat mir jemand ins WC gestellt.»
«Eher nicht. Aber eine Zitrone täte es ersatzweise.»
Gequält schüttelt Manni den Kopf. «Es tut mir leid, Lina. Obst läuft hier nicht. Meine Kunden sind hungrig vom Schwimmen und Sonnenbaden. Die wolln was Richtiges aufm Teller haben. Ein Stück Fleisch.»
«Halb so schlimm. Das Wasser ist auf jeden Fall wunderbar. Und wenn ich dann noch einen Kaffee …»
«Kaffee, na klar!» Manni schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. «Den hab ich ganz vergessen.» Mit dem Kopf deutet er vor sich auf die Arbeitsfläche, wo die Betriebsanzeige einer altertümlichen Maschine wie im Todeskampf blinkt. «Du hast Glück, der Kaffee ist bereits fertig. Hab ihn heute Morgen gekocht. Die Kanne hält die Hitze.» Manni strahlt. «Und zwar bis spät in die Nacht. Hab ich schon öfter probiert. Milch und Zucker?»
«Gern.»
In Seelenruhe schenkt er ein und stellt mir den Kaffee auf den Tresen.
«Sehr gern nehme ich Milch und Zucker», erinnere ich ihn sanft.
«Oh, sorry!» Nach kurzem Suchen hat Manni eine quadratische Blechdose aus dem Ketchup-Schrank gezogen und stellt das Teil vor mich auf den Tresen. Ich krame in dem Behältnis, in dem kleine Packungen mit Dosenmilch und Zuckertütchen zu finden sind. Die Frage nach frischer Milch oder gar Hafermilch erspare ich mir. Ein Rührstäbchen aus Plastik wird mir gereicht. Ich durchmische meine Mixtur und nehme einen Schluck. Gar nicht mal so übel, könnte aber durchaus von vorgestern sein. Nichtsdestotrotz weckt die lauwarme Brühe meine Lebensgeister. «Super Lage hat dein Laden», sage ich mit einem bewundernden Blick aus der gläsernen Schiebetür. «Und die Idee mit der riesigen Tür, die so viel Licht reinlässt und durch die man das Meer sehen kann – genial!»
«Hm-m», meint Manni, «das war ’ne tolle Idee.» Doch sein Tonfall hört sich an, als sei das Gegenteil der Fall.
Mannis Zigarette ist zu einer Wurst aus Asche geworden, die im selben Moment zu Boden rieselt, als zwei Personen die schwere Schiebetür ein Stückchen mehr zur Seite rücken und vereint Mannis Lokal betreten. Es ist ein Pärchen, schätzungsweise Mitte sechzig. Beide tragen Jogginganzüge. Ihrer ist apricotfarben, seiner tannengrün. Beider Füße stecken in ausgetretenen Ugg-Boots, auf den Köpfen prangen farblich auf den Jogger abgestimmte Caps. Ihre ist zusätzlich mit Glitzersteinen verziert.
«Moin, Manni», setzen sie im Chor zur Begrüßung an und steuern zielstrebig die Sitzplätze am Tresenbrett an. Dann erblicken sie mich und bleiben wie angewurzelt stehen.
«Leute, das ist Lina», stellt Manni mich den beiden vor. Während er redet, lässt er zwei Würste ins heiße Fett gleiten. «Lina ist die Tochter von Rada, ihr wisst schon, die aus der Feuerwehr. Lina hat den Auftrag, die Karre abzuholen.»
Aus vier Augen werde ich einen Moment schweigend gemustert. Die Frau findet als Erste ihre Sprache wieder. «Wir sind Beate und Gunnar», sagt sie, «tut mir leid, was mit deiner Mutter passiert ist.»
Und er fügt hinzu: «Sie kam nicht oft zum Essen her, darum haben wir sie nur flüchtig gekannt …»
«… fanden sie aber sehr nett», ergänzt Beate.
Nach dieser kurzen Konversation bleiben die beiden regungslos vor mir stehen. Er starrt auf den Fußboden, sie ins Leere. Wobei sie genau genommen den Hocker fixiert, auf dem ich sitze. Und prompt fällt bei mir der Groschen: Ich blockiere deren Stammplätze! Neben mir wären zwar durchaus zwei Stühle frei, aber sich links und rechts von mir aufzuteilen, scheint für die beiden eine gewagte Abweichung von der Routine zu bedeuten und kommt für sie nicht infrage. Eilig stürze ich den Rest meines Kaffees hinunter und springe auf.
«Setzt euch», biete ich den beiden ihre Lieblingsplätze an, «ich wollte ohnehin gerade aufbrechen.» Kaum stehe ich und habe meinen Koffer geangelt, hat sich Beate schon hinter meinem Rücken vorbeigequetscht und erobert nun ächzend meinen Stuhl. Gunnar nimmt links von ihr Platz. Trotz der fröhlichen Trainingsanzüge bewegen sie sich etwas plump, und so dauert es einen Moment, ehe beide die Balance gefunden haben. «Wir wollten dich nicht vertreiben», versichert mir Beate mit Unschuldsmiene. Gunnar nickt bekräftigend.
«Ist halt ’n büschen eng hier.»
«Gar kein Problem!» Versöhnlich lächele ich die beiden an. In der Tat bin ich ihnen dankbar, einen Anstoß zum Aufbruch erhalten zu haben. Denn ich möchte in meine Pension, um einzuchecken. «Morgen früh sehe ich mir den Wagen meiner Mutter an», rufe ich Manni zu, der in der Fritteuse nach den Würsten angelt, «höchstwahrscheinlich schau ich danach noch mal auf einen Kaffee bei dir rein.»
«Jo, alles klar, Lina. Wir sehen uns!»
Just in dem Moment, als ich mich endgültig auf den Weg machen will, drängt ein männlicher Gast durch die Schiebetür. Er ist ein grobschlächtiger Typ mit Nickelbrille und brünettem Stoppelschnitt. Am Hinterkopf lichtet sich das Haar, sodass man auf einen rot leuchtenden Sonnenbrand blickt. «Tach, die Damen», witzelt er, klopft zweimal kurz mit den Fingerknöcheln auf den Tresen und wirft allen Anwesenden einen jovialen Blick zu. «Hast du meine Wurst schon in der Mache, Manni? Ich nehm zwei!» Ohne eine Antwort abzuwarten, zwängt er sich stöhnend neben Gunnar. «Hat Manni noch nicht eingedeckt?» Mit gekräuselter Stirn blickt er sich suchend um. Als er weit und breit kein Besteck entdecken kann, flachst er weiter: «Warst wohl abgelenkt von dem Damenbesuch, Manni!» Er zwinkert mir vielsagend zu. «Moin, ich bin Helge.»
«Und das ist Lina, Radas Tochter», werde ich von Beate vorgestellt. Dann wendet sie sich an den Neuankömmling: «Hol du doch selbst dein Besteck, Helge. Manni hat zu tun.»
