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«Neiiiiin!» Der kleine Flügel rief mit aller Kraft mitten in die Musik hinein. Alles verstummte. Auch die Orgel unterbrach überrascht ihr Spiel. Und in die Stille hinein, mit einem rauschenden Arpeggio aus Quarten, improvisierte der Flügel mit Leidenschaft und Hingabe und vergaß alles um sich herum. Alle anderen Instrumente erstarrten in blankem Entsetzen. So etwas hatte noch niemand gewagt. Eine solche Provokation! Theodoras Zorn würde furchtbar sein! Aber warum tat sie nichts? Die Orgel ließ, um Fassung ringend, den Flügel tatsächlich für einen kurzen Moment gewähren, unfähig, auf den Ungehorsam sofort zu reagieren. Sie begriff erst nicht. Was geschah hier? Das konnte nicht sein! Niemals bisher hatte jemand gewagt, ihre Macht auf so unverschämte Art und Weise in Frage zu stellen. Doch dann fing sie sich, und ein mächtiger, alles verschlingender Zorn baute sich in ihr auf. Der Orgelpunkt wurde zu einem gewaltigen Brausen; außer sich vor Wut richtete sie eine ihrer gigantischen Pfeifen auf den Flügel und blies einem Sturm gleich einen mächtigen Strahl konzentrierter Luft auf den Aufsässigen. Im Bruchteil einer Sekunde erfasste der Luftstrahl den Flügel und hob ihn empor; er schwebte kurz inmitten der Halle hoch oben in der Luft und wurde dann durch eine der oberen Öffnungen hinaus aus dem Turm katapultiert und schließlich in die Tiefe gerissen. Während des Sturzes schien sich für den Flügel die Zeit zu verlangsamen. Wie in Zeitlupe nahm er noch wahr, wie seine Holzverkleidung am Rande der steinernen Öffnung entlangschrammte. Er hörte Theodora brüllen: «Bringt mir einen neuen Flügel! So schnell es geht!», sah den Turm hinter sich, den dunklen Himmel und den felsigen Boden. Dann ging auf einmal alles sehr schnell. Der tapfere Flügel spürte den eisigen Wind der Ebene – und stürzte dem Erdboden und seinem sicheren Ende entgegen.
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2012
Joja Wendt • Kester Schlenz
Eine phantastische Geschichte mit Musik
Eine beflügelnde Geschichte über die Kraft der Musik
«Neiiiiin!»
Der kleine Flügel rief mit aller Kraft mitten in die Musik hinein. Alles verstummte. Auch die Orgel unterbrach überrascht ihr Spiel. Und in die Stille hinein, mit einem rauschenden Arpeggio aus Quarten, improvisierte der Flügel mit Leidenschaft und Hingabe und vergaß alles um sich herum. Alle anderen Instrumente erstarrten in blankem Entsetzen. So etwas hatte noch niemand gewagt. Eine solche Provokation! Theodoras Zorn würde furchtbar sein! Aber warum tat sie nichts? Die Orgel ließ, um Fassung ringend, den Flügel tatsächlich für einen kurzen Moment gewähren, unfähig, auf den Ungehorsam sofort zu reagieren. Sie begriff erst nicht. Was geschah hier? Das konnte nicht sein! Niemals bisher hatte jemand gewagt, ihre Macht auf so unverschämte Art und Weise in Frage zu stellen. Doch dann fing sie sich, und ein mächtiger, alles verschlingender Zorn baute sich in ihr auf. Der Orgelpunkt wurde zu einem gewaltigen Brausen; außer sich vor Wut richtete sie eine ihrer gigantischen Pfeifen auf den Flügel und blies einem Sturm gleich einen mächtigen Strahl konzentrierter Luft auf den Aufsässigen. Im Bruchteil einer Sekunde erfasste der Luftstrahl den Flügel und hob ihn empor; er schwebte kurz inmitten der Halle hoch oben in der Luft und wurde dann durch eine der oberen Öffnungen hinaus aus dem Turm katapultiert und schließlich in die Tiefe gerissen.
Während des Sturzes schien sich für den Flügel die Zeit zu verlangsamen. Wie in Zeitlupe nahm er noch wahr, wie seine Holzverkleidung am Rande der steinernen Öffnung entlangschrammte. Er hörte Theodora brüllen: «Bringt mir einen neuen Flügel! So schnell es geht!», sah den Turm hinter sich, den dunklen Himmel und den felsigen Boden. Dann ging auf einmal alles sehr schnell. Der tapfere Flügel spürte den eisigen Wind der Ebene – und stürzte dem Erdboden und seinem sicheren Ende entgegen.
Nelly verliert die Lust am Klavierspiel, noch bevor sie überhaupt richtig entfacht wurde.
Das starre Üben und der freudlose Umgang der Lehrerin mit Musik rauben ihr den Spaß. Als sie ihrem Großvater ihr Leid klagt, antwortet der mit einer Geschichte, die Nelly die Augen für das wahre Wesen der Musik öffnet und sie ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen: Der Großvater erzählt ihr von der Orgel, der Königin der Instrumente, die in ihrem alten, steinernen Turm residiert und über die anderen Instrumente herrscht. Sie ist eine gestrenge Hüterin der Regeln und Partituren und verabscheut musikalische Freiheit. Der kleine Flügel will sich in dieser dunklen, magischen Welt nicht den Regeln der Orgel unterordnen, wird aus der Instrumentenfamilie verstoßen und mit aller Macht von einer gigantischen Orgelpfeife aus dem Turm geblasen. Es beginnt ein gefährlicher Weg zurück in die Freiheit, bei dem der kleine Flügel zahlreiche Abenteuer bestehen muss. Schließlich kehrt er mit einer Schar tapferer Gefährten in den düsteren Turm zurück und nimmt den ungleichen Kampf gegen die übermächtige Orgel auf – natürlich mit musikalischen Mitteln ...
Joja Wendt, geboren 1964, fing schon mit vier Jahren an, Klavier zu spielen. Zu Beginn seiner Karriere wurde er in einer Hamburger Musikkneipe von Joe Cocker entdeckt und für seine Tour verpflichtet. Später begleitete er Chuck Berry auf dessen Deutschland-Tournee, spielte solo vor 70000 Menschen in der ausverkauften Arena Auf Schalke und komponierte die Filmmusik zu «7 Zwerge – Männer allein im Wald». Joja Wendt ist Träger des Louis-Armstrong-Preises, wurde vom Traditionshaus Steinway & Sons in den Kreis der Steinway-Künstler aufgenommen und bereist auf seinen Tourneen die ganze Welt. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg. Mehr Infos unter www.jojawendt.com.
Kester Schlenz, geboren 1958, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er studierte Sprachwissenschaften und Psychologie und arbeitete schon neben seinem Studium als freier Journalist. Als Redakteur war er u.a. für die Filmzeitschrift cinema tätig. Sechs Jahre leitete er das Ressort «Kultur & Unterhaltung» der Zeitschrift BRIGITTE und ist seit acht Jahren in gleicher Funktion beim STERN tätig. In seiner Jugend spielte er Schlagzeug bei den in Reinbek weltbekannten «Sadoboys». Mehr Infos unter www.kester-schlenz.de.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2012
Copyright © 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung: any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
(Illustrationen: Oliver Weiss/oweiss.com)
ISBN 978-3-644-30791-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Prolog
Nelly
Die Auktion
Der Übergang
Der Turm
Theodora, die Erhabene
Freund und Feind
Die Prüfung
Der Plan
Widerstand
Neue Freunde
Unterwegs zum Bergkönig
Das tonlose Tal
Der Bergkönig
In der Halle des Bergkönigs
Der Traum
Der Tunnel
Zurück im Lager
Im Turm
Im Kerker
Die Halle der Intervalle
Die Befreiung der Lyra
Der große Kampf
Nelly setzt sich durch
Glossar
Dank
Am Anfang der Zeit beherrschten die Götter das Universum. Noch heute hören wir die Geschichten über sie – etwa von Apollon, dem Gott der Musik, und seinem Bruder Hermes, dem geflügelten Boten der überirdischen Herrscher.
Eines Tages erschuf Hermes ein kunstreiches Saiteninstrument aus einem Schildkrötenpanzer und Tierhaaren.
Äußerlich klein und unscheinbar, wohnten ihm dennoch magissche Kräfte inne.
Das war die Geburtsstunde der Lyra – des ältesten und mächtigsten Instruments der Welt. Nach einem Streit schenkte Hermes Apollon seine Lyra als Geste der Versöhnung. Begeistert gab der sie an seinen Sohn Orpheus weiter, einen begabten Sänger. Und begleitet von der Lyra wurde seine Musik nun überirdisch schön.
Orpheus’ Spiel und sein Gesang bezauberten alle, sogar Hades, den Herrscher über das Totenreich. Denn dorthin war Orpheus mit seiner Lyra hinabgestiegen, um seine verstorbene Geliebte Eurydike zurück zu den Lebenden zu holen. Hades, betört von der Macht der Musik, gab seine Erlaubnis. Seine einzige Bedingung: Auf dem Weg hinaus aus dem Totenreich dürfe Orpheus sich nicht ein einziges Mal nach seiner Geliebten umsehen, die ihm als Geist folgen würde. Doch auf dem langen Weg zurück in die Welt, wie wir sie kennen, kamen Orpheus Zweifel. Folgte seine Geliebte ihm wirklich? Keinen Laut hatte er seit Stunden gehört. Und kurz bevor er die Grenze zum Reich der Lebenden erreicht hatte, hielt er die Zweifel nicht mehr aus und sah hinter sich. Und da erblickte er seine Eurydike. Als schwebenden Geist, der ihn entsetzt ansah. Denn von mächtigem Donner begleitet, verschwand Eurydike im gleichen Moment, von nun an auf immer festgehalten in der Welt der Toten. Verzweifelt und verwirrt schaffte Orpheus allein den Weg zurück. Aber die Lyra, jenes mächtigste aller Instrumente, hatte er – betäubt von seinem Leid – ebenfalls in Hades’ düsterem Reich zurückgelassen. Und bis heute hat sie niemand je wieder gesehen. Es heißt, sie sei auf mysteriöse Weise verschwunden.
Doch zu Ehren der Lyra entwarfen die Götter eine Sternenkonstellation nach ihrem Ebenbild.
Dort am Firmament prangt sie bis zum heutigen Tage und leuchtet bis in alle Ewigkeit, auf dass wir Menschen uns bewusst sind, dass wir fähig sind, die Leere des Weltalls mit Geist und Musik zu füllen.
Diese Stimme. Diese fiese, schneidende Stimme. «Sitz gerade», faucht diese Stimme. «Die Finger rund beim Spielen, Kind. Nicht so tatschen. Ein Klavier ist keine Bongotrommel.» Nelly schüttelt sich. Aber nur innerlich. Richtig schütteln? Und dabei «brrr» sagen? Besser nicht. Frau Billerbeck wäre sofort stinksauer. «Du alte Hexe», denkt Nelly und kichert. Nur innerlich, versteht sich. Tatsächlich sitzt sie schweigend – und so gerade wie möglich – am Klavier und macht die Finger rund.
Frau Billerbeck ist Nellys Klavierlehrerin. Sie wohnt im Nachbarort, und einmal in der Woche fährt Nelly zu ihr nach Hause. Frau Billerbeck ist eine hagere, hochgewachsene Frau von etwa 60 Jahren mit strengen Gesichtszügen. Das widerspenstige graue Haar hat sie stets zu einem Dutt gebunden. Nelly findet, dass sie aussieht wie die Frauen in ihren Geschichtsbüchern aus der Schule. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Eine sonderbare Frau. Auch ihre Wohnung ist sonderbar. Schwere Gardinen lassen kaum Licht hinein, die Möbel sind alt, und es riecht muffig. Immer wenn Frau Billerbeck Nelly etwas auf dem Klavier vorspielt, nimmt sie in einer unnatürlich steifen Haltung auf dem Hocker Platz und lässt ihre langen, sehnigen Finger behände über das Klavier huschen. Ja, Klavier spielen, das kann sie, die Billerbeck, denkt Nelly. Aber sonst? «Nicht so mit dem Pedal schmieren», faucht sie Nelly gerade wieder in den Rücken. Ihr Atem riecht dabei nach dem Fencheltee, den Frau Billerbeck beim Unterrichten immer trinkt. «Den brauche ich aus gesundheitlichen Gründen», hat sie einmal gesagt. Nelly hat mal nachgelesen, wogegen Fencheltee hilft. Gegen «Blähungen und andere Störungen des Verdauungsapparates»! Das passt, denkt Nelly. Im Körper von Frau Billerbeck ist also der Teufel los. Da kneift und drückt es. Da will was raus und kann nicht. Nelly muss nun wirklich fast kichern, aber sie reißt sich zusammen. «Konzentrier dich, Kind!», zischt die Billerbeck von hinten, als ob sie Gedanken lesen könnte.
Nelly ist vierzehn Jahre alt und neugierig im wahrsten Sinne des Wortes. Gierig nach Neuem! Und meist geht es dabei um Musik. Musik – das ist Nellys Welt, ihre große Leidenschaft, seit sie denken kann. Das Klavier, das zu Hause im Wohnzimmer steht, hatte sie schon immer magisch angezogen. Schon bevor sie anfing zu sprechen, erkundeten ihre kleinen Hände die Tastatur, fasziniert von den wundersamen Klängen, die man dem großen schwarzen Kasten entlocken konnte. Und ihr Großvater zeigte ihr bald darauf, dass kleine Geschichten zwischen den Tasten verborgen lagen. Oben im Diskant jubilierten die Vögelchen am Himmel, unten im Bass tapste tollpatschig der große Bär durchs Unterholz. Und Nelly konnte sie alle mit ein paar Fingerbewegungen zum Leben erwecken. Die Musik wurde zu einer Welt, die nur ihr gehörte. Eine Welt, in die sie sich jederzeit flüchten konnte, auch wenn sie etwas bedrückte oder sie einfach nur mal für sich sein wollte. Ihre ersten Klavierstunden waren dann wie ein Wunder. Plötzlich verstand sie diese Welt auch endlich. Das Beste aber war dieses besondere Gefühl, wenn sie selbst Musik machte. Diese Verbundenheit mit den Klängen, die sie trugen wie ein großes, starkes Netz. Nelly konnte nicht genug kriegen von der Musik. Manchmal hockte sie stundenlang vor der Stereoanlage ihrer Eltern und hörte alte Platten – und dann dachte sie oft, sie hätte all diese Töne, die sich in totaler Harmonie miteinander verbanden, schon einmal gehört oder geträumt. Begeistert sog sie vor allem Klavierstücke in sich auf, die große Komponisten schon weit vor ihrer Geburt ersonnen hatten. Sie waren wie eine Schatztruhe voller Stimmungen, die Nellys eigene Bilder musikalisch unterlegten und mit Leben füllten. So tauchte sie im Laufe der Zeit immer tiefer ein in eine spannende Welt, die ihr vorkam wie eine Mischung aus schon erzählten und neu erfundenen Geschichten. Eine herrliche, farbige, schillernde Welt aus Klängen und Harmonien, und sie wäre das glücklichste Mädchen der Welt, wenn … ja, wenn da nicht Frau Billerbeck wäre.
Die ersten Stunden hatte Nelly ein freundlicher Musikstudent gegeben. Aber der zog weg, und ihre Eltern engagierten Frau Billerbeck. Es hieß, sie sei die Beste. Eine ehemalige Konzertpianistin auf dem Sprung zur großen Karriere, bis – so sagte ihre Mutter einmal – «ihr das Schicksal einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte». Was das genau war, bekam Nelly nie heraus, aber das Erlebte musste Frau Billerbeck zu der strengen, unnahbaren Frau gemacht haben, die sie heute war.
Frau Billerbeck erkannte schnell das Talent ihrer Schülerin. «Aus dir kann etwas Großes werden», sagte sie schon nach ein paar Unterrichtsstunden und fügte hinzu: «Wenn du fleißig übst und dir die Flausen aus dem Kopf schlägst.» Nelly fragte nicht, was genau mit Flausen gemeint war, aber sie spürte schnell, dass sie eine ganz besondere Bedeutung für die Billerbeck hatte. Sie wurde so etwas wie ihr ganz persönlicher Schatz, das von ihr entdeckte Wunderkind. Und es schien Nelly, als wolle Frau Billerbeck all das, was ihr selbst im Leben verwehrt geblieben war, durch Nelly nachholen.
Entsprechend ehrgeizig ist der akribisch ausgearbeitete Übungsplan, den Nelly täglich abarbeiten muss. Jeder Nachmittag beginnt mit Tonleitern und Arpeggien zum Aufwärmen. Dann muss Nelly an einem neuen, von Frau Billerbeck ausgesuchten Klavierstück arbeiten und zum Schluss noch einmal das gesamte Repertoire der zuletzt gelernten Klavierstücke auffrischen. Ganz am Ende – und das hasst Nelly am meisten – muss sie komplett atonale Fingerübungen machen. «Sie verbessern deine Technik», sagt Frau Billerbeck immer wieder. «So kannst du später im Konzertbetrieb gegen deine Konkurrenten bestehen.»
Nelly will aber gar nicht in den Konzertbetrieb und schon gar nicht gegen Konkurrenten bestehen. Wieso überhaupt Konkurrenten? Warum sich immer mit anderen messen? Nelly möchte eigentlich nur in ihre geliebte Welt der Musik und ihrer Geschichten abtauchen. Sie will ja lernen – aber eben auch Spaß haben und sich mit ihren Freundinnen treffen. Über Jungs reden. Mit ihnen reden ist ja eher schwierig. Nelly beklagt sich bei ihren Eltern, aber die verstehen sie nicht. «Qualität kommt von Qual», sagt ihr Vater. Ihre Mutter ist da schon verständnisvoller und will wissen, was Nelly denn an Frau Billerbeck stört. Nelly denkt nach. Es ist so viel, was sie sagen möchte – also erfindet sie einfach ein neues Wort und sagt: «Die ist so verknorzt!» Ihre Mutter lacht und sagt: «Das wird schon. Hab Geduld mit der Frau. Sie hatte es nicht immer leicht.» Also hat Nelly Geduld mit Frau Billerbeck. Und macht alles, was sie verlangt. Sie übt und übt. Aber mit der Zeit merkt Nelly, wie sie immer unglücklicher wird. Sie will ausbrechen, mal etwas anders machen. Doch jeder Versuch, die strengen Vorgaben ihrer Lehrerin zu umgehen, wird entrüstet zurückgewiesen. «Wir lernen so oder gar nicht, Kind», faucht sie. «Ich weiß, was gut für dich ist. So, und nun sitz gerade und mach weiter. Und übrigens sind deine Fingernägel wieder ein Stück zu lang. Du weißt, wie ich das hasse.»
Nelly fügt sich, aber sie merkt, wie ihre einst so farbenfrohe Welt der Musik allmählich zu verblassen beginnt und immer trüber und düsterer wird. Der Gang zum Klavier fällt ihr zunehmend schwerer, und sie muss sich regelrecht zwingen, die Vorgaben der Lehrerin zu erfüllen. Das warme Netz der Klänge verwandelt sich für Nelly mehr und mehr in ein Gefängnis. Nelly wird immer trauriger, zieht sich zurück, bleibt oft tagelang allein auf ihrem Zimmer. Ihre Freundinnen haben es wegen der vielen Abfuhren, die sie bekommen haben, schon längst aufgegeben, sich mit ihr zu verabreden. Abends liegt Nelly oft lange wach. Von ihrem Bett aus kann sie durchs Fenster die Sterne sehen. In einer klaren Nacht ist sogar das hellste Sternbild des nördlichen Nachthimmels, die Lyra, auszumachen. Dieses Sternbild bedeutet Nelly sehr viel. Ihr Großvater hat einmal gesagt, in dieser Sternenformation läge auf eine geheimnisvolle Art und Weise der Anfang aller Geschichten verborgen. Wie er das wohl gemeint haben könnte? Er hat ihr damals erklärt, es sei ein Abbild des ältesten Saiteninstrumentes, des Urahns des Klaviers, und es rankten sich viele geheimnisvolle Sagen um dieses Sternbild. Hin und wieder holte Großvater uralte, verstaubte Bücher aus dem Schrank, mit Zeichnungen, auf denen man Engel mit der Lyra auf Wolken sitzen sehen kann. Die Lyra, erklärte er, stünde bei den alten Philosophen als Sinnbild für die Kunst und die Musik. Nelly sucht oft den Nachthimmel nach diesem Sternbild ab. Manchmal einfach nur, um ihrem Großvater und seinen spannenden Geschichten etwas näher zu sein – denn sie erinnert sich gern an die Stunden, in denen ihr Großvater ihr Lieder aus aller Welt auf dem Klavier vorgespielt hat. So hat sie schon als ganz kleines Kind phantastische Reisen erlebt, deren Bilder sie heute noch vor Augen hat. Ach, ihr Großvater kann so toll erzählen. Jedes Mal, wenn er bei ihnen zu Besuch ist, setzt er sich in den alten, kunstvoll geschnitzten Lehnstuhl im Wohnzimmer. Großvater hat ihn eines Tages von einer seiner weiten Reisen mitgebracht, und seitdem hat der Stuhl seinen festen Platz zwischen Kamin und Bücherregal. «Wie hast du den Stuhl bekommen?», fragte Nelly ihn einmal. Ihr Großvater nahm seine Pfeife aus dem Mund und sagte: «Also, das war so. In der Südsee, es war nach einem formidablen Sturm, habe ich einmal eine prachtvolle Muschelkette als Gastgeschenk vom König von Tonga bekommen, weil ich ihm einen Splitter aus dem Hintern entfernt hatte. Diese Kette – sie war nämlich ziemlich hässlich – habe ich dann bei einem südamerikanischen Händler gegen eine Handvoll alter Inka-Münzen eingetauscht. Und diese Münzen – sie waren alles andere als hübsch – habe ich bei einem einäugigen chinesischen Händler mit einem verfilzten Zopf gegen diesen alten Lehnstuhl getauscht. Der Chinese hat mir versichert, der Stuhl habe früher im Kaiserpalast gestanden. Generationen von weisen Gelehrten sollen darin gesessen haben, um den Prinzen und Prinzessinnen von alten Sagen des chinesischen Kaiserreiches zu berichten. Du siehst, Nelly-Pelly, das ist ein ganz besonderer Stuhl. Ein Stuhl mit Geschichte! Und auch, wenn sich der Chinese die vielleicht nur ausgedacht hat – ich stelle mir immer vor, dass unzählige Hinterteile asiatischer Adliger ihn für mich sozusagen eingesessen haben. Und jetzt passt er zu mir wie maßgetischlert. Ich glaube, Nelly, der Stuhl und ich – wir waren füreinander bestimmt.»
Bei Nelly zu Hause setzt sich seltsamerweise niemand gern auf diesen Stuhl – er ist einfach zu unbequem. Aber wenn Großvater sie zwischen seinen Reisen besucht, macht er sich immer erst eine große Tasse Tee, lehnt sich genüsslich in seinem Stuhl zurück und fängt dann an, eine seiner spannenden Geschichten zu erzählen. Ach, Großvater. Er würde wissen, was man mit Nellys Billerbeck-Problem machen muss.
Wochen vergehen. Nelly wird immer trauriger. Doch eines grauen Herbsttags, als Nelly gerade schon wieder eine Ausrede gefunden hat, um nicht üben zu müssen, klingelt es an der Haustür. Aus den gedämpften Stimmen im Flur kann sie unmissverständlich eine ganz besondere, tiefe Stimme heraushören. Großvater! Im gleichen Moment fliegt sie ihm schon entgegen. Minutenlang liegen sich die beiden in den Armen. Am liebsten würde sie ihm gleich alles erzählen. Von Frau Billerbeck, dieser blöden alten Hexe, die schuld ist, dass Nelly die Lust an der Musik verloren hat. Aber erst einmal gibt es Kaffee und Kuchen, und ihre Eltern und Großvater reden über alles Mögliche. Nelly wird immer stiller. Und schließlich, als ihre Eltern in der Küche beschäftigt sind, sieht Großvater sie an und sagt: «Und jetzt, meine kleine Nelly, ’tschuldige, meine große Nelly, jetzt sagst du deinem alten Opa mal, was dich bedrückt. Ich kenne dich doch. Es stimmt was nicht, stimmt’s, oder habe ich recht?»
«Es stimmt so was von gar nix, Opa», sagt Nelly und fängt an zu erzählen.
Als sie ihre Geschichte beendet, sieht ihr Großvater sie lange an. «Na, da haben wir aber ein echtes Problem», sagt er. Dann steht er langsam auf, holt sich eine Tasse Tee und geht gemächlich zum alten chinesischen Stuhl. Laut ächzt das alte Holz unter seinem Gewicht, als er Platz nimmt. Der Tee dampft auf dem kleinen Tischchen, und Großvater sagt: «Mach’s dir auf dem Sofa bequem, Nelly. Ich will dir jetzt mal eine Geschichte erzählen. Von jemandem, dem es ganz ähnlich ging wie dir. Diese Geschichte spielt in der magischen Welt der Musik. Einer Welt, in der die Instrumente eine Seele haben.»
Der Flügel stand da und wartete. Noch nie in seinem Leben, das jetzt schon über zehn Jahre dauerte, hatte er sich so einsam gefühlt. In Lützenried, einem verschlafenen kleinen Nest, würde sich sein weiteres Schicksal entscheiden. Hier, im alten Bahnhof des Städtchens, gab es ein Auktionshaus für Instrumente. Dorthin hatten sie ihn gebracht, und hier sollte er für möglichst viel Geld an seinen neuen Besitzer verkauft werden.
Lützenried, ein Ort von bemerkenswerter Schlichtheit, war in der Musikszene berühmt geworden, weil vor Jahren angeblich eine echte antike Guarneri-Violine für einen absoluten Dumpingpreis den Besitzer gewechselt haben soll. Wahrscheinlich war das Unsinn. Aber die Lützenrieder hatten nicht das Geringste gegen das hartnäckige Gerücht einzuwenden. Es gab ihrer alljährlichen Auktion einen Hauch von Exklusivität. «Wer weiß», schrieb die Zeitung Lützenrieder Landbote, «ob hier in ‹Lütze›, wie die Einheimischen sagen, nicht noch weitere musikalische Schätze ihrer Entdeckung harren? Eine Violine des Teufelsgeigers Paganini etwa? Oder ein Klavier, das einst Mozart gehörte? Besuchen Sie unsere Auktion. Vor dem Gebäude spielt, wie in jedem Jahr, die Band Ohrenschmalz.»
Das Motto dieser Schlager-Combo hieß «Lieder, die wie Brücken sind», aber die Truppe spielte so gleißend schlecht, dass Spötter das Motto in «Lieder, die wie Krücken sind» umbenannten.
Trotz der gruseligen Band kamen jedoch einmal im Jahr viele Sammler und jede Menge Neugierige in die Räume des Lützenrieder Bahnhofs auf der Suche nach einem Schnäppchen oder dem ultimativen Fund.
Unser Flügel, dessen dramatische Geschichte hier erzählt wird, war tief in Gedanken versunken. Er merkte kaum, dass sich der Raum mit immer mehr Menschen füllte und unzählige Augen ihn und die anderen Instrumente ansahen, dass neugierige Hände ihn betasteten und klebrige Finger seine Tasten drückten. Es klang traurig, denn der Flügel war in düsterer Stimmung. Er dachte an früher. An die Zeit, als noch alles gut war. An das beschauliche Wohnzimmer der Familie Ogermann, in dessen Mitte er einst gestanden hatte. Der alte Bernhard Ogermann war sein Besitzer gewesen, und der Flügel konnte mit Fug und Recht sagen, dass er und Ogermann auf eine ganz spezielle Weise zu Freunden geworden waren. Natürlich lebten beide in verschiedenen Welten. Menschen und Instrumente reden nicht miteinander, zumindest nicht direkt. Aber in ganz besonderen Fällen verbindet beide Seiten die universelle Sprache der Musik, und sie verstehen einander ohne Worte.
Bernhard Ogermann war Musiker, weniger ein ambitionierter Spieler als vielmehr ein begnadeter Arrangeur. Er schrieb Filmmusiken und Arrangements für bekannte Künstler und hatte sich damit in der Musikszene einen sehr guten Ruf erworben. Seine Auftragsbücher waren nach seinem Studium direkt gut gefüllt, und eines Tages war es dann so weit: Er hatte genug Geld gespart, um sich einen eigenen Flügel zu kaufen. Einen aus der Königsklasse, einen Steinway. Er bekam einen Termin im heiligen Auswahlsaal der Fabrik, in dem auch unser Flügel mit noch etwa dreißig anderen Exemplaren auf einen Käufer wartete.
Ogermann schritt schweigend und mit klopfendem Herzen an den Instrumenten vorbei. Es gibt Käufer, die beschäftigen sich den ganzen Tag eingehend mit jedem einzelnen der ausgestellten Flügel – so lange, bis ihr Urteilsvermögen ganz benebelt ist von der Flut an Eindrücken und Nuancen, die die Instrumente zu bieten in der Lage sind. Und schließlich wird es für sie beinahe unmöglich, eine klare Entscheidung zu treffen. Andere wiederum sind zielstrebiger, spielen auf zwei, drei Exemplaren und entscheiden schnell, im Gefühl, dass sie bei derart exklusiven Instrumenten eigentlich nicht so viel falsch machen können.
Manchmal aber suchen sich die Flügel ihren «Spieler» selbst aus. Wenn sie nämlich das Gefühl haben, dass ein besonderer Mensch in ihrer Nähe ist. Und so war es bei Ogermann. Als er an einem der Flügel vorbeiging, fühlte er den unwiderstehlichen Drang, sich hinzusetzen und einen Ton zu spielen. Und dieser eine Ton reichte. Die Energie des Unterarms und des Fingers floss in die Taste, wurde über die komplizierte Mechanik auf den Hammer übertragen. Der schlug eine Saite an, die zu schwingen begann. Diese Schwingungen wurden von dem unter Spannung stehenden Resonanzkörper verstärkt und gaben einen reinen, klaren Ton, der wie ein Kolibri schwirrend in der Luft stand. Es war ein magischer Moment. Instrument und Mensch verschmolzen auf wundersame Weise, und Ogermann hörte sich sagen: «Der hier und kein anderer.»
Und wenige Tage später wurde der Flügel in das Wohnzimmer der Ogermanns geliefert.
Bernhard Ogermann war glücklich – und der Flügel ebenfalls. Die ganze folgende Woche verbrachten beide beinahe ununterbrochen zusammen und spielten stundenlang miteinander. Menschen und Instrumente brauchen eine gewisse Zeit, bis so etwas wie Harmonie zwischen ihnen entsteht – Ogermann und sein Flügel schafften es in Rekordzeit.
Die Jahre vergingen, und beide wurden zu einer musikalischen Einheit. Der Flügel genoss es, wenn Ogermann auf ihm spielte, und Ogermann genoss es, wenn der Flügel alles preisgab, was an Tönen in ihm steckte. Die beiden waren so gut aufeinander eingespielt, dass Frau Ogermann sogar schließlich ein wenig eifersüchtig auf den Flügel wurde. «Du verbringst mehr Zeit mit ihm als mit mir, Bernhard», tadelte sie ihren Mann. Ogermann runzelte die Stirn, dachte nach und sagte dann: «Hmm … stimmt. So geht es nicht weiter. Du musst dir unbedingt auch Tasten einbauen lassen.» Frau Ogermann lachte und schüttelte den Kopf. «Kindskopf. Spiel du nur weiter, aber heute Abend gehen wir ins Kino, oder es gibt Ärger.» Das taten sie dann auch, und Ogermann konnte es sich nur mit Mühe verkneifen, am späten Abend, als beide nach Hause kamen, noch ein Stück zu spielen. Er ging nur schnell vor dem Zubettgehen zu seinem geliebten Flügel, strich ihm über die Tasten und flüsterte: «Ich werde dich nie weggeben, solange ich lebe.»
Vier Monate später war Bernhard Ogermann tot.
Sein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Frau Ogermann musste nun sehen, wie sie allein zurechtkam. Sie arbeitete als Schneiderin, verdiente aber sehr wenig und kam gerade so hin. Sie wusste, der Flügel war eine Menge Geld wert, aber ein Jahr lang brachte sie es nicht fertig, ihn zu verkaufen, weil ihr Bernhard ihn so geliebt hatte.
Der Flügel vermisste seinen Spieler sehr. Frau Ogermann staubte ihn zwar regelmäßig sorgfältig ab, aber sie spielte selbst nicht. Der Flügel verstummte also und lag in einer Art Dämmerschlaf. Bis Frau Ogermann schließlich die Zeit für gekommen ansah und beschloss, ihn zu verkaufen. Und so war unser Flügel schließlich vom gemütlichen Wohnzimmer der Ogermanns in das kühle Auktionshaus im Bahnhof von Lützenried gekommen.
Dort sollte sich sein Schicksal entscheiden.
«Vielleicht», sprach sich der Flügel nun selbst Mut zu, «vielleicht komme ich ja zu einem talentierten Kind. Oder werde Mitglied eines berühmten Orchesters. Schließlich bin ich ein Steinway!»
Er hatte Angst, in die Hände eines Amateurs zu fallen, der auf ihm herumholzen würde. Also entwarf er in Gedanken eine kleine Rede: «Meine Damen und Herren, wir Steinways sind sehr solide gefertigt und entspringen einer uralten Tradition von Tischlereihandwerk, bei der eine Vielzahl an Patenten zum Einsatz kommt. Zweihundertfünfundfünfzig, um genau zu sein. Für uns werden nur die besten, über Jahrzehnte getrockneten Hölzer verwendet und …»
Der Flügel erstarrte. Etwas in dem Raum des Auktionshauses hatte sich plötzlich verändert. Ein eisiger Hauch wehte von der Tür herüber – und dann sah er die beiden Gestalten. Ein riesiger Mann und eine schlanke Frau; um die beiden herum flimmerte die Luft in einem sonderbaren grünlichen Licht, als ob sie nicht in diese, sondern in eine ganz andere Welt gehörten. Der Flügel spürte, dass er in großer Gefahr war, denn beide sahen zu ihm herüber, mit bohrenden Blicken, und die Frau zischte: «Das dahinten, das ist er.» Und der riesige Mann ging mit schweren Schritten auf ihn zu.
