Der kleine Zug ins Paradies - Hans-Peter Wiechers - E-Book
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Der kleine Zug ins Paradies E-Book

Hans-Peter Wiechers

5,0

Beschreibung

An ihrem 31. Geburtstag erfährt die New Yorkerin Kate Thackery, wer ihr Vater ist. Die Freude über das Vermögen, das er ihr hinterlässt, ist allerdings getrübt. Einige seiner wertvollen Kunstwerke sind seit dem Krieg verschollen. Außerdem gibt es in Deutschland vermutlich Miterben. Kate reist nach Hannover, um Antworten zu finden. Wer ist diese Familie, in deren Wohnung in den zwanziger Jahren berühmte Künstler wie Kurt Schwitters und Ringelnatz ein und aus gingen? Wer ist diese Nora, die Briefe an ihren verstorbenen Bruder schrieb und sich dem Widerstand gegen Hitler anschloss? Nicht jeder in der Stadt ist über Kates Besuch erfreut. Ein Familienroman über Verrat, Vergebung und gegen das Vergessen. Er erinnert an eine schillernde Kunstszene in Hannover, die es so – oder so ähnlich – gab.

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Seitenzahl: 480

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Gabi Stief / Hans-Peter Wiechers

Der kleine Zug ins Paradies

Roman

© 2022 Literanover by zu Klampen Verlag • Röse 21 • 31832 Springe • zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Stefan Hilden • München • hildendesign.de

Bildmotiv: © Hildendesign unter Verwendung

von Motiven von Shutterstock.com und Wikipedia.de

Satz: Germano Wallmann • Gronau • geisterwort.de

Eingangszitat: Kate T. Steinitz in: Kurt Schwitters – Erinnerungen, Zürich:

Arche 1963, S. 101

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH • Rudolstadt

ISBN Printausgabe 978-3-86674-822-4

ISBN E-Book-PDF 978-3-98737-343-5

ISBN E-Book-EPUB 978-3-98737-344-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

»Im Grunde hatte ich Komplexe, weil ich nicht so groß und bedrückend schön war wie die Festkönigin Tucki. Es ist oft leichter, anderen zu gefallen, als sich selbst.«

Käte Steinitz in ihren Erinnerungen

Inhalt

Erstes Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Hannover, 1926

Hannover, 1927

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Zweites Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Hannover, 1928

Hannover, 1929

Hannover, 1930

Hannover, 1931

Hannover, 1932

Drittes Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Hannover, 1933

Hannover, 1934/1935

Hannover, 1936/1937

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Nachwort

Über die Autoren

Erstes Buch

Kapitel 1

Kate strich sich die Haare aus dem Gesicht und beobachtete aus den Augenwinkeln die Fliege, die sich auf ihrem Knie niedergelassen hatte und sich putzte. Sie hatte kürzlich gelesen, dass das Leben einer Stubenfliege gerade einmal dreißig Tage dauerte. Wie lebte es sich wohl, wenn der Tod so nah war? Kate schlug die Beine übereinander. Das Insekt machte sich auf, unwillig, leise brummend, und drehte eine Runde um den Rechtsanwalt, der hinter seinem Schreibtisch saß und mit monotoner Stimme ein Testament vortrug. Die Fliege landete erschöpft auf einem Bilderrahmen und ging zu Fuß weiter. Sie überquerte einen schlafenden Hund, trippelte über ein stiernackiges Generalsgesicht, vorbei an einer arschbackigen Sonne, und ließ sich auf einem Teller mit einem Knochen neben einem Bierglas nieder, als hätte der Maler, ein gewisser George Grosz, ihr dieses Mahl bereitet. Das Aquarell war der einzige Schmuck an der dezent ausgeleuchteten Wand im Büro von Jonathan Meyers. Jonathan Meyers, Namenspartner in der Kanzlei Patterson, Meyers, Brown & Hardy, wusste, wie man auf kultivierte Art seinen Reichtum zeigte.

Kate ließ die Fliege nicht aus den Augen. Sie dachte an David und an ihre Zeit im Internat.

David war ein genialer Fliegenfänger. Er hatte das Talent, die Tierchen in ihrer Flugbahn abzufangen. Dann ballte er die Faust mit der gefangenen Fliege, es gab einen leisen Knack und David legte das tote Insekt in eine alte Pfefferminzdose, die er in seiner Hosentasche immer mit sich herumtrug. Abends leerte er die Dose auf seinem Zimmer in ein großes Glas. Ein Massengrab, in dem sich die Fliegenleichen vieler Wochen in einen dunklen Klumpen verwandelt hatten. Kate hatte sich darum gerissen, das Glas anschauen zu dürfen. Der Anblick erregte sie jedes Mal aufs Neue. Sie schmeckte den Ekel von damals noch heute.

David war ein schmächtiger, blasser Junge gewesen, aber der Schlaueste von allen. Keiner in Kates Internatsklasse machte sich über seine Manie lustig, die Welt von Fliegen befreien zu wollen. Eine Macke hatten schließlich die meisten von ihnen.

Michelle, deren Vater im diplomatischen Dienst arbeitete, war vernarrt in Pferde und hatte ihr Zimmer mit Pferdebildern zugepflastert. Sie schnalzte auch gern mit der Zunge oder brummte volltönend »Brrrrrr«, als müsste sie einen Gaul antreiben oder stoppen. Patrick hatte immer seine Trommelstöcke dabei. Seine Schulbank, Teller, Tassen, sein Fahrradlenker – es gab nur wenig, was er nicht als Schlagzeug missbrauchte. Tommy schaffte 42 Klimmzüge und beendete Diskussionen gern, indem er blutige Nasen austeilte, wenn die Aufsicht nicht zusah. Nur David durfte ihm widersprechen. Tommy hatte beschlossen, David zu beschützen, weil er über fünf Ecken mit ihm verwandt war. Cousins im weitesten Sinne.

Kate hatte keine Cousins. Sie war zwölf, als sie nach der Schule zu Hause von einer fremden Frau erwartet wurde, die ihr mitteilte, dass sie vorübergehend in einem Internat leben werde. Die Dame sah aus, als käme sie von der Heilsarmee. Sie steckte in einem altmodischen dunklen Flanellkostüm und trug einen topfförmigen Hut auf ihrer grauen Dauerwelle.

»Ein bedauerlicher Notfall«, erklärte sie ohne einen Hauch von Mitgefühl in ihrer Stimme. Die Graue hatte schmale Lippen und ein Gesicht, in dem kein Lächeln wohnte. Kates Mutter sei leider schwer erkrankt und würde ein paar Monate in der Klinik bleiben. Und da es keinen Vater gebe, bei dem sie wohnen könne … Der Satz schwebte unvollendet im Raum.

»Aber im Internat wird es dir gut gehen. Und wenn deine Mutter gesund ist, darfst du wieder nach Hause«, sagte die Flanellfrau beiläufig dahin, während sie Kates Kleidung aus dem Schrank nahm, auf dem Bett sorgfältig faltete und dann in einen großen Koffer legte. Das pinkfarbene Sweatshirt mit der weißen Kapuze, Kates Lieblingsteil, packte sie nicht ein.

Kate sagte nichts, sie hatte nicht die Kraft zu fragen oder der grauen Frau zu widersprechen, die die Wohnung erobert und Kates Leben an sich gerissen hatte und nichts dabei fand, dass das kleine blasse Mädchen mit den langen, dunklen Haaren sprachlos und den Tränen nahe auf einer Stuhlkante saß.

Während Kate stumm zuschaute und die Lippen so fest zusammenpresste, dass es schmerzte, malte sie sich aus, wie sie dieser Frau ihren hässlichen Hut vom Kopf reißen und ihr mit einer Drahthaarbürste das Gesicht zerkratzen würde.

Dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmte, wusste Kate seit vielen Jahren. An welcher Krankheit ihre Mutter litt, erfuhr sie aber erst viel später. Die Ärztin in der Klinik sprach von einer schweren Traurigkeit, die sicher nur langsam wieder vergehen werde. Nach dem Gespräch grübelte Kate nächtelang über die Bedeutung des Wortes »Depressionen«. Die »Psyche«, von der die Ärztin sprach, stellte sie sich als weiße Schäfchenwolke vor, die sich im Kopf ihrer Mutter in eine dunkle Gewitterwolke verwandelt hatte.

An das Internat konnte sich Kate nur schwer gewöhnen. Es war so weit weg von New York City, irgendwo in New Hampshire. Eigentlich konnte sich ein Kind dort schon wohlfühlen. Es gab ein historisches Gebäude in einem weitläufigen Park mit ausgedehnten Sportanlagen und zwei neue, die der Architekt im Stil dem Altbau angeglichen hatte. Bei der Ausstattung der Zweibettzimmer hatten Designer mitgewirkt. Es fehlte an nichts. Vermutlich kostete ein Platz in diesem Internat jedes Jahr ein kleines Vermögen, und vermutlich würden die meisten Kinder sie um dieses Leben in behütetem Luxus beneiden.

Aber Kate sehnte sich zurück nach ihrer Waldorfschule in der 79. Straße, nicht weit weg vom Central Park. Der große Park war für sie wie ein Pausenhof, dort fühlte sie sich frei. Der streng geregelte Tagesablauf im Internat war nichts für sie. Die engstirnigen Lehrer und der Hochmut ihrer Mitschüler – daran wollte sie sich nicht gewöhnen. »Was macht dein Vater?« war die erste Frage, die sie ihr auf dem Pausenhof stellten. Sie antwortete patzig: »Ich hab’ keinen.« Da drehten sich alle weg, als wäre das Interesse von einem Moment zum anderen erloschen. Kate wusste, was sie ihr damit bedeuten wollten: »Du gehörst nicht hierher.« Es fühlte sich grausam an. Aber Kate stimmte ihnen insgeheim zu. Sie hatten recht. Sie gehörte nach New York.

Die Einzigen, mit denen sich Kate nach ein paar Wochen anfreundete, waren David, der Fliegenfänger, und die Kunstlehrerin, die eine lange Kittelschürze mit bunten Farbklecksen trug, immer unfrisiert war und Kate für ein Zeichentalent hielt.

Kate malte beim Essen, heimlich im Unterricht, abends, wenn die anderen vor dem Computer saßen. Sie zeichnete mit feinen Strichen den dünnen David, die knorrige Eiche vor dem Fenster, das zerfurchte Gesicht ihres Mathelehrers. Wenn sie nicht zeichnete, las sie. Und sie entdeckte deutsche Dichter, denn auf dem Stundenplan stand seltsamerweise Deutsch als erste Fremdsprache.

Die Frau mit dem topfförmigen Hut hatte von »ein paar Monaten« gesprochen. Es wurden zwei Jahre. Dann kam die Mutter zurück und Kate durfte wieder nach Hause, in das kleine, schon ziemlich abgewohnte Brownstone-Haus in der 81. Straße, Upper East Side, Manhattan. Germantown nannte man die Gegend früher, weil sich viele deutsche Einwanderer dort niederließen. Noch immer gab es ein paar Straßen weiter einen Ratskeller und Schnitzel-Restaurants. Kate und ihre Mutter lebten in einer Zweieinhalbzimmerwohnung, einem Schlauch im dritten Stock – vollgestellt mit alten Möbeln, sauber und gemütlich.

Mit einer Ausnahme: Es gelang ihnen nie, die Kakerlaken restlos aus dem Bad zu vertreiben, und Kate konnte sich auch später auf keine Toilette setzen, wo immer sie auch war, ohne vorher genau nachzuschauen, ob sich da unten um das Becken herum nicht irgendwelche Krabbeltiere tummelten.

In der Klinik hatte ihre Mutter gelernt, mit ihrer Traurigkeit zu leben, und Kate lernte, ihre Stimmungen zu deuten. Sie beobachtete ihre Mutter ständig, fürchtete sich, wenn sie abwesend vor sich hinstarrte oder morgens nicht aufstehen wollte, und freute sich, wenn sie vergnügt war und lächelte. Aber auch das war anstrengend. Lange Spaziergänge standen dann an, die Wohnung wurde umgeräumt und Kate musste die Schulhefte der vergangenen Wochen vorlegen.

Ihr Zuhause war kein Schloss, aber sie mussten keine Miete zahlen. Die Wohnung gehörte Kates Mutter. Woher sie das Geld hatte, um sich hier in Manhattan eine Immobilie leisten zu können, warum es gerade diese Gegend sein musste und wie sie das Internat bezahlte, das sollte Kate erst viel später erfahren.

Erst am Abend ihres einunddreißigsten Geburtstages. Da saß sie mit ihrer Mutter im »Massimo’s«, ihrem Stammlokal. Der Wirt war ein Verehrer ihrer Mutter. Massimo hatte diese zarte, stets etwas verhuschte Lilly Thackery mit ihrer kleinen Tochter gleich in sein Herz geschlossen. Damals, als die beiden sich das erste Mal an den schmalen Tisch vor dem Fenster setzten und Spaghetti Carbonara bestellten. Kate bekam eine Kinderportion, die sie ruckzuck verputzt hatte. Andere Kinder wären vielleicht brav am Tisch sitzen geblieben. Kate nicht. Sie stand plötzlich mit dem leeren Teller in der Küche, schaute vorwurfsvoll und bekam, was sie wollte: einen ordentlichen Nachschlag. Diesmal Bolognese. Kate liebte Nudeln – mit jeder Soße.

Die Geschichte ihres forschen Auftretens erzählte Massimo noch Jahre später mit einem Lachen im Gesicht. Kate oder »Tesoro«, wie der Italiener sie seitdem liebevoll nannte, wurde verwöhnt, nicht nur mit Nudeln und Nachtisch.

Auf der Anrichte neben dem schmalen Gang zur Küche, dem Platz für die dicken, in Leder gebundenen Speisekarten, lag neben zwei Bechern voller Buntstifte auch immer ein Zeichenblock, der für die kleine Kate reserviert war und den kein anderes Gästekind benutzen durfte. Ein Block bald voll mit Kinderzeichnungen von Bäumen, Wolken und bunten Pferden. Aber auf manchen Blättern fanden sich auch schon erste Skizzen von Figuren und ein rundes, freundliches, schnauzbärtiges Gesicht tauchte immer wieder auf. Unverkennbar Massimo.

Am Abend ihres Geburtstages hatten die beiden Frauen Saltimbocca gegessen und saßen gerade beim finalen Cappuccino, als die Mutter einen Briefumschlag aus ihrer Handtasche nahm und über den Tisch schob: »Lies bitte! Aber du darfst nicht böse sein.«

Es war das Schreiben eines Anwalts. Er teilte mit, dass ein gewisser Theodore Salpeter schwer erkrankt sei und den Wunsch habe, vor seinem Tod noch seine Tochter Kate kennenzulernen.

Später fragte sich Kate, warum sie beim Lesen der wenigen Zeilen nichts gespürt hatte. Keine Freude, keine Neugier auf den so überraschend aufgetauchten Vater, von dem ihre Mutter immer behauptet hatte, er sei kurz nach ihrer Geburt bei einem Unfall gestorben. Etwas anderes war stärker. Sie fühlte sich von ihrer Mutter betrogen. Als hätte sie sich ihre Liebe erschwindelt.

Ihre Mutter, die sehr wohl spürte, was ihre Tochter empfand, hatte Tränen in den Augen. »Ich wollte, dass du glücklich bist«, sagte sie leise und versuchte, die Hand ihrer Tochter zu streicheln, die auf dem Tisch lag.

»Glücklich? Warum sollte ich glücklicher sein, wenn ich meinen Vater nicht kenne?« Kate zog ihre Hand zurück und musste sich zwingen, nicht laut zu werden.

»Er ist einfach gegangen. Du warst gerade zehn Monate alt«, schluchzte ihre Mutter. Sie machte eine kleine Pause, um sich zu beruhigen. »Wir hatten keinen Streit. Er war so viel älter als ich. Er wollte kein Kind, keine Familie. Vielleicht wollte er überhaupt keine Gefühle. Ich weiß nicht, warum er so war. Er war immer sehr verschlossen und hat mir eigentlich nie aus seinem Leben erzählt.«

Kate war versucht, das Thema zu wechseln. Aber dann überwog doch das Mitleid. Sie wollte ihre Mutter verstehen und sich alle Vorwürfe verkneifen.

»Wie habt ihr euch kennengelernt?«

»Teddy war Chef eines großen Pharmaunternehmens und ich seine Sekretärin. Ich war knapp dreißig, er schon sechzig. Er ist ein wohlhabender Mann. Er hat immer für dich gezahlt, ohne dass ich darum bitten musste.«

Kate kämpfte gegen den Satz, der ihr auf der Zunge lag: »Er hat sich also freigekauft?« Sie sprach ihn nicht aus.

»Warum hast du nicht gekämpft? Um ihn, für mich?«

»Ich konnte nicht. Dein Vater war einfach zu stark für mich. Ich war wie gelähmt, als er mich in sein Büro rief und mir sagte, dass er die Trennung wolle, dass wir uns von nun an nur noch im Unternehmen sehen würden. Das klang …«, sie suchte nach den richtigen Worten, »das war, als würde er einen Vertrag kündigen.«

»Männer!« Kate spuckte das Wort aus. Die nächste Frage brachte sie nur stockend hervor: »Er wollte … mich … nie sehen? Seine eigene Tochter?«

Ihre Mutter wischte mit der Hand gedankenverloren über die Tischdecke, als wollte sie ein paar Krümel entfernen. Sie blickte ihre Tochter nicht an. »Wir haben uns darauf geeinigt, dass er dich in Ruhe aufwachsen lässt.«

»In Ruhe?« Kate stöhnte.

Als ihre Mutter nur noch auf ihren Teller starrte, wusste Kate, dass sie das Gespräch abbrechen musste. Sie kannte die Vorzeichen für einen Rückzug in die Krankheit. Sie zahlte die Rechnung, hakte ihre Mutter unter und schleppte sie ins nächste Kino. Das half. Nicht immer, aber oft.

Kapitel 2

»Wollen Sie eine Kopie des Testaments gleich mitnehmen?« Der Satz riss Kate aus ihren Gedanken. Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte seine Stimme erhoben. Offenbar war es Jonathan Meyers nicht entgangen, dass sein Gast ihm schon eine Weile nicht mehr richtig zuhörte. Meyers war pikiert. Er war es gewohnt, dass man ihm die gebührende Aufmerksamkeit schenkte, wenn er den letzten Willen eines verstorbenen Mandanten vortrug.

Kate mochte den Anwalt nicht, der ihr in seinem makellosen Businessanzug und mit der leicht näselnden Stimme demonstrierte, dass sie nicht zu seiner Welt gehörte. Meyers war ein Jurist, der vornehmlich dem besseren Teil der New Yorker Gesellschaft, weiß und reich, zur Hand ging. Lautlos und erfolgreich. Er war eitel, sein Haar leicht gegelt und streng gescheitelt. Er sah aus wie Jean Dujardin in »The Artist« und trug auch dieses bleistiftdünne Menjoubärtchen, das er energisch zu kratzen begann, wenn seine Laune schlechter wurde.

Meyers reichte ihr eine Kopie des Testaments ihres Vaters, das er die vergangene halbe Stunde mit einschläfernder Stimme verlesen hatte. Juristensprache, die Kate kaum verstand. Theodore Salpeters umfangreiche Besitztümer wurden da in allen Einzelheiten benannt. Kate merkte auf, als er acht Kunstwerke erwähnte, deren »Verbleib unbekannt« sei. Die verschollenen Gemälde sollten nun ihr gehören. War das ein Scherz? Wie konnte man etwas vererben, das man nicht mehr besaß?

Die zweite Überraschung war noch größer. Sie war nicht die einzige Erbin. Zum ersten Mal hörte Kate Details der Familiengeschichte, die nun auch ihre war und ganz offiziell weiter erforscht werden sollte, weil in Deutschland offenbar noch Nachkommen lebten. In dem Wust von gestelzten Formulierungen war dies das einzige Thema, das sie wirklich interessierte. Mit diesen Menschen würde sie sich die Kunstsammlung teilen. Also jene Bilder, die nicht verschwunden waren. Das Apartment von Theodore Salpeter in der Upper East Side sollte verkauft und das Geld einem gemeinnützigen Verein namens »Tracing the Past« gespendet werden, der mit einer Datenbank die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachhielt.

»Wen werden Sie mit der Nachforschung in Deutschland beauftragen?«, fragte sie.

»Das ist bereits geschehen. Es gibt eine Agentur in Berlin, die sehr viel Erfahrung vorweisen kann. Sie können sich sicher vorstellen, dass Ihr Vater nicht der Erste ist, dessen Familie in den Dreißigerjahren vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste. Weil sie Juden waren. Viele suchen heute noch nach Nachkommen, die zurückblieben.«

»Und – was glauben Sie? Werden diese Leute meine …«, sie schluckte kurz. Sie scheute vor dem Wort wie ein Pferd vor einem zu hohen Hindernis, »… Verwandten finden?«

»Ich denke, es ist ein überaus schwieriger Fall. Vor allem nach so vielen Jahren. Wir haben wenig Anhaltspunkte. Die Familie Ihres Vaters hat schon sehr früh nach dem Krieg nachforschen lassen. Dabei ist herausgekommen, dass Theodores Schwester Nora, also Ihre Tante, 1937 in Hannover in eine Nervenheilanstalt kam. 1940 wurde sie umgebracht.«

Meyers gestattete sich eine kleine Pause, als wollte er eine Sekunde des Gedenkens einlegen für die Verstorbene. Er räusperte sich, bevor er fortfuhr: »1936, also ein Jahr vor der Klinikeinweisung, hat Ihre Tante eine Tochter mit Namen Gertrud zur Welt gebracht. Das bestätigt ein Eintrag im Geburtsregister der Stadt. Das Kind kam vermutlich zu Adoptiveltern, deren Namen wir nicht kennen. Es gibt Hinweise, dass diese Tucki, so wurde sie genannt, in den Fünfzigerjahren zum ersten Mal Mutter wurde. Ob weitere Kinder folgten, ist unbekannt.«

»Tucki?«

Er blätterte in seinen Unterlagen. »Die Abkürzung von Gertrud. Ihr Vater schreibt Gertrud, genannt Tucki.« Er sah sie verwundert an. »Hat er Ihnen nichts erzählt?«

»Nein, ich habe ihn erst vor ein paar Monaten kennengelernt. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Sie waren nicht verheiratet.« Kate zögerte. »Ich wusste bis vor Kurzem nicht mal, dass es ihn gibt.« Sie brach ab. Was ging diesen Typen mit seinem albernen Bart ihre Familiengeschichte an?

Meyers zog leicht die Augenbrauen nach oben. »Über seine privaten Lebensumstände habe ich mit Ihrem Vater nie geredet. Obwohl unsere Treffen stets in privatem Rahmen in seiner Wohnung stattfanden, sprachen wir nur über seine Investments in die Kunst. Da war er sehr eigen. Er suchte immer spezielle Werke. Sehr spezielle.«

Kate interessierte sich für Kunst, aber nicht für Kunstinvestments. Sie unterbrach ihn: »Es gab nur diese eine Schwester Nora?«

Meyers blätterte erneut.

»Nein. Warten Sie.« Meyers machte wieder eine seiner Kunstpausen. »Es gab noch einen Bruder. Er hieß Oskar. Er ist kurz vor der Geburt von Theodore im Alter von vierzehn Jahren tödlich verunglückt. Also können wir davon ausgehen, dass er ohne Nachkommen starb.«

Kate wusste so wenig. Warum hatte sie ihren Vater in den letzten Wochen vor seinem Tod nicht stärker gedrängt, von sich zu erzählen? Nora und Oskar – er hatte ihr ein Kinderfoto der beiden gezeigt. Sie erinnerte sich. Warum hatte sie nicht nachgefragt, als es noch möglich war? Sie war wohl zu stolz gewesen und zu verletzt, weil er sie dreißig Jahre lang aus seinem Leben ausgesperrt hatte.

Kates Blick wanderte wieder zu dem Aquarell an der Wand. Sie musste ihre Gefühle ordnen. Sie war verwirrt. Vor einer Stunde hatte sie beschwingt diese Kanzlei mit der Erwartung betreten, die glückliche Erbin eines großen Vermögens zu sein. Die einzige Erbin.

Jetzt erfuhr sie, dass es vielleicht noch Verwandte in Deutschland gab und der Nachlass, wie sich dieser Meyers ausdrückte, vorerst unter Verschluss zu bleiben hatte. Bis geklärt war, ob mögliche Miterben noch lebten. Zumindest wusste Kate jetzt, warum sie im Internat Deutsch hatte pauken müssen und warum ihr Vater deutsche Literatur verehrt hatte. Deutschland war seine Heimat. Eine Heimat, aus der er im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern vertrieben worden war, und in der man seine Schwester ermordet hatte.

Während Meyers sich leicht näselnd weiter über die eigene Fachkompetenz in Sachen Kunst ausließ, die ihn befähigt hatte, Theodore Salpeter nicht nur juristisch zu beraten, kam Kate eine Idee.

Eine verwegene Idee, aber sie sah keinen Grund, damit nicht herauszuplatzen: »Ich möchte die Suche übernehmen. Schließlich geht es um meine … Familie. Und Deutschland wollte ich immer schon mal kennenlernen. Dann könnte ich mich auch um diese verschollenen Gemälde kümmern, die im Testament erwähnt werden.«

Meyers’ Mundwinkel strebten deutlich nach unten. Er kratzte nervös die Spitze seines Menjoubärtchens und hatte sichtlich Mühe, den dreisten Vorschlag mit der gebotenen Zurückhaltung zu beantworten. Er betonte und dehnte jedes Wort, als spräche er zu einem ungehörigen Kind: »Sehen Sie es mir nach, Frau Thackery; aber Ihnen fehlt die professionelle Erfahrung für eine derart schwierige Suche. Zudem sind Sie als Miterbin nicht neutral in dieser Angelegenheit. Ausgeschlossen! Mit der Suche haben Sie nichts zu tun!«

Er erhob sich, zupfte die Manschette seines Hemds ein Stück unter dem Ärmel des maßgeschneiderten Sakkos hervor und schaute aus dem Fenster. Er wollte Kate loswerden. Das war nicht zu übersehen. Aber Kates Widerspruchsgeist war geweckt. Anfangs hatten die gediegene, teure Umgebung der Kanzlei und Meyers’ gestelztes Gehabe sie eingeschüchtert. Aber je länger dieser Besuch dauerte, desto alberner fand sie dieses Auftreten. Sie war nicht mehr die unbedarfte Kate Thackery mit dem abgebrochenen Kunststudium, die ihre dünne Gestalt in Männerhosen und zu weiten Pullovern versteckte – und die man so einfach loswurde. Sie war jetzt Kate Thackery, die Tochter des Kunstsammlers Theodore Salpeter und seine Erbin. Jedenfalls teilweise. Sie blieb sitzen.

»Eine Frage habe ich noch: Wissen Sie, was es mit dieser zweiten Wohnung meines Vaters auf sich hat?«

Meyers setzte sich wieder hin. Bedächtig, als müsste er sich zwingen, ruhig zu bleiben. Er schob das Testament auf die Seite. Kate spürte, dass ihre Frage ihn verunsicherte, auch wenn er sich schnell wieder im Griff hatte. Doch seine Hände, die nervös am Füllfederhalter schraubten, verrieten ihn. Seine Stimme klang angespannt: »Was soll damit sein?«

»Mein Vater hat mir kurz vor seinem Tod einen Schlüssel für eine Wohnung in Brooklyn gegeben.«

»Einen Schlüssel? Und sonst keinen Hinweis?«

Kate schüttelte den Kopf.

Meyers blätterte erneut in dem Testament. »Es gibt eine Wohnung, deren alleinige Begünstigte Sie sind; das hatte ich ja schon verlesen. Die Wohnung müsste eigentlich leer stehen. Es sind jedenfalls keine Mieteinnahmen aufgeführt. Wie gesagt, Sie erben diese Immobilie, die verschollenen Kunstwerke und …«, Meyers tippte auf die aufgeschlagene Seite, »ja, hier steht es. In Brooklyn.«

Er schaute Kate fragend an. »Waren Sie schon dort?«

»Nein. Aber ich habe es vor.«

»Sie sollten den Abschluss des Verfahrens abwarten.«

»Warum?«

Meyers zögerte. »Sie sind noch nicht die rechtmäßige Eigentümerin.«

»Aber mein Vater hat mir den Schlüssel gegeben.«

»Nun gut. Ich möchte Sie nicht daran hindern, sich die Wohnung anzuschauen.«

Wieder dieser strenge, bevormundende Ton, der Kate immer mehr auf die Nerven ging.

»Ich dachte, mein Vater hätte Ihnen von der Wohnung erzählt. Aber wenn Sie nichts wissen …« Kate erhob sich. Steif reichte sie Meyers die Hand.

Jetzt hatte sie entschieden, wann das Gespräch zu Ende war. Das fühlte sich gut an. Sie stopfte die Kopie des Testaments lässig in die Seitentasche ihres etwas schlabberig sitzenden Sakkos, das Meyers’ Sekretärin bei der Begrüßung geradezu mitleidig gemustert hatte. Das Sakko war Maßarbeit aus einer italienischen Schneiderei. Kiton, ein Designerstück. Ein Gast hatte es im »Massimo’s« hängen lassen. Als es nach Wochen immer noch da hing, nahm Kate es mit. Es hatte Stil. Es ließ Platz – wenn nötig sogar für einen dicken Pullover und ein Testament.

In Meyers’ Vorzimmer traf Kate wieder auf seine Sekretärin, die gerade neben der Tür stand. Kate nickte ihr gönnerhaft zu, blieb kurz stehen und nahm es wie selbstverständlich hin, dass die Sekretärin ihr die Tür aufhielt.

Auf der Straße atmete Kate erst einmal tief durch. Sie hatte diesem näselnden Juristen samt seiner hochmütigen Mitarbeiterin Paroli geboten. Sie war stolz – einerseits –, aber auch ein bisschen enttäuscht.

Sie hatte sich alles so schön ausgemalt. Zu Hause auf dem Küchentisch lag der Zettel, auf dem sie sich in den vergangenen Tagen notiert hatte, was sie sich von ihrem Erbe als Erstes kaufen wollte. Es war ihre »Simsalabim-Liste«, die sie immer wieder überarbeitet hatte. Wie im Märchen sollten nun alle Wünsche in Erfüllung gehen.

Ganz oben stand der Umzug ihrer Mutter. Das Heim, in dem sie seit einem Jahr lebte, war nicht das, was sich Kate für ihre kranke Mutter gewünscht hatte. Bei der Besichtigung war sie beeindruckt von der Freundlichkeit der Pflegerinnen, der ärztlichen Betreuung und den vielen Freizeitangeboten, die die Direktorin versprach. Alles zu einem bezahlbaren Preis. Doch bereits in den ersten Wochen stellte sich heraus, dass der Heimalltag anders aussah. Der Arzt kam nur einmal im Monat, die Pflegerinnen waren gestresst, weil sie viel zu wenige waren, und die betreuten Ausflüge und Gesellschaftsabende mit Hausmusik fielen häufig aus.

Als sich andeutete, dass sie bald mehr als genug Geld haben würde, hatte Kate sich umgesehen und eine Einrichtung gefunden, die auf die Behandlung von Depressionen spezialisiert war. Für den Preis hätte man auch eine Suite im Plaza an der Fifth Avenue mieten können. Aber warum geizen? Eigentlich wollte sie in den nächsten Tagen den Vertrag unterschreiben.

Außerdem träumte sie von einer eigenen Galerie. In einer Straße ganz in der Nähe klebte an einer Ladentür ein Zettel: »Zu vermieten« stand darauf. Der Raum, der sich auftat, als sie sich am Schaufenster die Nase platt drückte, war schon mal ganz nach ihrem Geschmack. Sie hatte sich vorsorglich die Nummer des Maklers notiert.

Über ihrem Schreibtisch hing eine Liste ihrer Lieblingskünstler, die sie gern ausstellen wollte. Sie könnte auch ihre eigenen Bilder zeigen, die sich in unzähligen Mappen im ehemaligen, nun leeren Schlafzimmer ihrer Mutter stapelten. Wenn sie der Mut nicht verließ.

Nachts vor dem Einschlafen hatte sie an den Formulierungen für die Rede auf ihrer ersten Vernissage gefeilt und die Gästeliste war in den vergangenen Tagen immer länger geworden. Sie ging die Bekannten aus dem Kunststudium durch, besorgte sich die Adressen von wichtigen Feuilletonredakteuren. Sie spielte auch mit dem Gedanken, ihre alte Kunstlehrerin aus dem Internat anzuschreiben. Schließlich war sie die Erste gewesen, die ihr Talent zum Zeichnen gefördert hatte.

Sie war so glücklich gewesen bei der Vorstellung, in der Kunstwelt zu reüssieren. Und jetzt? Jetzt hieß es erst mal warten.

Kate schaute noch einmal zurück, hoch zu der Etage der Kanzlei. Jonathan Meyers lehnte am Fenster und telefonierte. Er sah auf die Straße herab, ihre Blicke trafen sich. Kate drehte sich weg und ging.

Sie brauchte jetzt einen Platz, an dem sie ihre Gedanken sortieren konnte. Ihr Leben hatte sich in eine Kurve gelegt und wieder einmal eine andere Richtung genommen. Solange sie denken konnte, war sie mit der Mutter allein gewesen. Dann hatte sie einen Vater gefunden und wieder verloren – gerade, als sie vorsichtig Vertrauen schöpfte. Nun schien auch das so unverhoffte Erbe, das eine sorgenfreie Zukunft versprach, sich erst einmal zu verflüchtigen. Und dann war da noch diese seltsame Geschichte von einer Familie in Europa, die aus einer fernen und dunklen Vergangenheit kam.

Familie – das Wort hatte in Kates Leben nie eine Rolle gespielt. Seit ihre Mutter im Heim war, lebte sie in der Wohnung allein. Weitgehend jedenfalls. Seit ein paar Monaten gab es John. Mitte dreißig, wie sie ein Künstler ohne Abschluss, schüchtern und etwas schrullig. Nein, schon sehr schrullig. Was aber in New York gar nicht so selten war. John erinnerte sie an den dünnen David aus Internatszeiten. Es waren merkwürdigerweise immer diese hageren Typen, die etwas linkisch in der Gegend herumstanden und sonst keiner Frau auffielen, die in Kate eine Saite zum Klingen brachten.

John war seit Langem mal wieder ein Versuch, Nähe zuzulassen. Sie hatte ihn in der Zeitungsredaktion kennengelernt, bei der sie seit zwei Jahren einen Job hatte. John arbeitete dort tagsüber als freier Autor. Er schrieb über die schrägen Typen der schrägen Kunstszene und über Vernissagen, die der fest angestellte Kritiker sich lieber ersparte. Nachts zog er mit seiner »Crew« durch die Straßen und besprühte Hausfassaden in dunklen Hinterhöfen. Er war leidenschaftlicher Graffitikünstler; seine Signatur »Cream« war in der Szene bekannt.

Kate hatte bei der Zeitung einen Halbtagsjob oder besser einen Halbnachtsjob. Sie kümmerte sich um die Leserkommentare im Internet und löschte die Hassmails, die eine Plage geworden waren. Sie war ein Cleaner, wie man in der Redaktion sagte. Die Arbeit war hart. Was ihr da an Bosheit und Menschenverachtung entgegenschlug, war nach Feierabend nicht so einfach abzuschütteln. Aber die Nachtschichten gefielen ihr, und die Kollegen achteten sie, weil sie wussten, wie aufreibend der Job des Cleaners war.

John hatte die Skizzen auf ihrer Schreibtischunterlage gesehen und sie angesprochen. Das waren zumeist flüchtig hingeworfene Gesichter, ernste Gesichter, böse Gesichter, kein lachendes. Kate hatte in den Pausen zu Papier gebracht, wie sie sich die Menschen vorstellte, deren finstere Botschaften sie ausmerzte. Ihr gefiel, wie John darüber mit ihr sprach, auf eine zurückhaltende Art. Wertschätzend, aber ohne überschwänglich zu werden, wie es so viele andere taten. Er lud sie zu einem Spaziergang ein, um ihr seine Werke zu zeigen – in seiner »Outdoor-Galerie«. An seiner Seite entdeckte sie die Stadt neu und genoss das Fachsimpeln über den richtigen Strich und die falsche Farbe. Sie hatte nie bereut, ihr Studium aufgegeben zu haben. Aber sie tickte für die Kunst – wie er. Sie war ihr nicht nur wichtig im Sinne des Schaffens und Umsetzens einer Idee; für Kate war das Zeichnen auch so etwas wie ein Tagebuch. Mit Stift und Papier räumte sie in ihren Gedanken und Gefühlen auf.

Und dafür gab es gerade jetzt einen guten Ort – einen Tisch, einen Stuhl, einen Fensterplatz im »Massimo’s«. Zwischen der kurzen Seite der Theke und dem großen Fenster standen vier winzige Tischchen, von denen jeder einzelne gerade Platz bot für zwei Teller mit Nudeln, eine Wasserflasche, den Brotkorb und zwei Weingläser. Den letzten Tisch in dieser Reihe zierte immer ein Riservato-Schild. Hier war der Platz des Patrons. Hier konnte ihm der Barista das Telefon über die Theke reichen und hier stand auch ein bequemer Stuhl. Massimos Thron. Tagsüber, wenn der Patron ruhte, durfte Kate hier sitzen. Nur Kate. Sie nahm Platz und bestellte wie immer einen Cappuccino.

Hier an diesem schmalen Tisch hatte sie auch gesessen, als ihre Mutter ihr das Schreiben des Anwalts hinschob. Diesen Brief, mit dem ihr Vater nach dreißig Jahren in ihr Leben spazierte, als wäre er nur kurz vor der Tür gewesen. Kaum vier Monate waren seitdem vergangen.

Kapitel 3

Es war ein überraschend warmer Apriltag, als Kate in die Subway stieg, um zum ersten Mal ihren Vater zu besuchen. Sie rauschte mit der U-Bahn den Broadway runter und stand nach fünfzehn Minuten vor einem luxuriösen zehnstöckigen Hochhaus in der 72. Straße, Upper East Side in Manhattan. Nicht so weit weg von ihrem Zuhause, aber eine andere Welt. Als sie das mit Marmor geflieste Foyer betrat, stellte sie sich vor, wie es wohl gewesen wäre, an diesem Ort aufzuwachsen. Mit einem Portier, der ihr die Post reichte. Mit Nachbarinnen, die morgens schon geschminkt waren und Schmuck trugen, wenn sie das Hündchen zu seiner Morgentoilette ausführten. Nein, so eine Welt vermisste sie nicht.

In Gedanken hatte sie diesen Tag ein Dutzend Mal durchgespielt. Sie wollte sich nicht beeindrucken lassen von dieser Welt des Marmors und des Geldes. Aber dann – als sich die Fahrstuhltür in der vierten Etage sachte öffnete – zögerte sie doch einen Moment. Sie konnte noch umdrehen und diesen unbekannten Vater seinem Schicksal überlassen.

Aber sie wusste, sie würde es bereits auf der Straße bereuen. Also drückte sie den Klingelknopf neben der dunklen Holztür, hinter der laut Messingschild Theodore Salpeter wohnte. Jener Mann, der ihr so fremd war wie der Hotdogverkäufer unten auf der Straße.

Die Tür schwang auf und sie stand einer Frau in einem dunkelblauen Kittelkleid mit einem weißen Häubchen gegenüber, die sie mit einem munteren Singsang in der Stimme begrüßte: »Das muss die junge Dame sein, auf die Herr Salpeter sehnsüchtig wartet! Treten Sie ein, Frau Thackery.«

Die Frau stellte sich als Pflegerin Gretchen vor – »bitte sprechen Sie es Gretschen aus« –, die sich trotz der schweren Leiden ihrer Schützlinge eine fröhliche Herzlichkeit bewahrt hatte. Sie hatte breite Hüften und kräftige Arme und man sah ihr an, dass sie auch korpulente Patienten vom Bett in den Rollstuhl und zurück wuchten könnte.

Kate folgte ihr über den langen Flur, über frisch poliertes Eichenparkett, vorbei an einem fast deckenhohen Spiegel und zierlichen Louis-Quinze-Sesseln in ein abgedunkeltes Wohnzimmer. Als Erstes blieb ihr Blick an einem Ölgemälde hängen, dem Porträt eines glatzköpfigen Mannes im Arztkittel über einem Kamin direkt an der gegenüberliegenden Wand. Erst danach konzentrierte sie sich auf das große Krankenbett rechts in der Ecke, über dem mehrere Infusionsschläuche und eine Sauerstoffmaske herabhingen.

»Kommen Sie. Nur Mut.«

Gretchen winkte ihr aufmunternd zu. Sie stand neben dem Bett und streichelte den Arm des Kranken, der da zwischen den Kissen ruhte. Kate trat näher heran. Sie sah in ein blasses Gesicht, die Wangen waren eingefallen. Ein Lächeln huschte über seine Lippen.

Er versuchte, sich in seinen Kissen aufzurichten. Es gelang ihm nicht. Gretchen drückte einen Knopf an der Wand. Das Kopfteil des Bettes fuhr leise summend nach oben. Die Pflegerin legte einen Schreibblock und einen Bleistift auf die Bettdecke.

Sie wandte sich Kate zu: »Er kann nicht mehr sprechen. Aber schreiben! Sie werden sehen.« Sie schob Kate sanft dichter ans Bett. Dann verließ sie das Zimmer.

Kate hatte sich über die Formulierung in dem Schreiben des Anwalts »ist sterbenskrank« keine Gedanken gemacht. Sie hatte noch nie über den Tod nachgedacht. Bis zu diesem Tag. Der Neunzigjährige vor ihr war stumm. Wie sie später erfuhr, hatte sich ein Tumor in seiner Speiseröhre eingenistet, die Stimmbänder beschädigt und ihm die Stimme genommen.

Aber er schrieb; langsam und etwas zittrig, aber leicht zu entziffern. Wie es Gretchen versprochen hatte. Es waren zumeist Fragen, die er in krakeliger kleiner Schrift und unter großer Anstrengung auf seinem Block notierte und anschließend Kate zum Lesen reichte.

Er begann vorsichtig und unverfänglich, so als hätte er sich vorbereitet. Eine Strategie zurechtgelegt, wie er sich seiner Tochter nähern wollte, ohne sie zu verschrecken. Ob sie einen Tee oder Kaffee trinken wolle? Was sie beruflich mache? Irgendwann wurden seine Fragen dann persönlicher. Ob sie einen Freund habe und sich eine Familie wünsche?

Kate besuchte Theodore Salpeter jede Woche. Sie hatte das Gefühl, dass es ihm von Mal zu Mal besser ging. Sein Gesicht schien ihr nicht mehr so blass wie bei ihrer ersten Begegnung; er zitterte nicht mehr so stark, wenn er schrieb.

Wenn sie kam, hatte Gretchen bereits Tee gekocht und die Tasse auf einem kleinen runden Tisch neben dem Krankenbett platziert. Daneben stand ein alter Ohrensessel mit rostbraunem Samtbezug, in dem Kate versank und im schummrigen Licht des Zimmers zu erzählen begann. Erfundene Geschichten zumeist, die nichts von ihren wahren Gefühlen verrieten. Sie fand, dass er kein Anrecht darauf hatte, mehr von ihr zu erfahren. Schließlich hatte er sich dreißig Jahre lang nicht für sie interessiert. Er war nicht da gewesen, als sie von ihrem Rad stürzte. Er hatte sie nie gefragt, wie es in der Schule voranging. Er hatte sie ins Internat geschickt, statt sie zu sich zu holen, als ihre Mutter in der Klinik war. Kate empfand nichts für diesen alten Mann, dessen Leben zu Ende ging. Sie kam aus Neugier, nicht aus Zuneigung.

Also ließ sie ihrer Fantasie freien Lauf. Schon als Kind brauchte sie nur die Augen schließen, um sich in ein anderes Leben zu träumen. Sie war in Übung. Nach dem Internat hatte sie beschlossen, ihre Mutter mit Erlebnissen aufzumuntern, die sie sich ständig ausdachte.

Nun schwärmte sie am Bett dieses Fremden, der ihr Vater war, von ihrem Freund David, den sie bei einer Premierenfeier im Theater kennengelernt hatte und mit dem sie die Flitterwochen auf einem Kreuzfahrtschiff verbringen wollte. Sie schilderte das geschäftige Treiben in ihrer Schauspielagentur, die gerade dabei war, einen weiteren großen Star als Kunden aufzunehmen. Sie beklagte sich über die Autowerkstatt, die bei der Reparatur ihres alten MG geschlampt hatte.

Eine Geschichte, auf die sie besonders stolz war, handelte von einem liebevollen Stiefvater, der sich aufopferungsvoll um die kleine Kate gekümmert hatte. Der kranke, alte Mann neben ihr hörte ihr immer aufmerksam zu. Wenn ihm die Augen zufielen, weil er zu schwach war, vergingen nur wenige Sekunden und er riss sie wieder auf und zwang sich, wach zu bleiben.

Er lächelte sogar, als sie erzählte, wie kitzelig sich der Schnurrbart dieses Stiefvaters angefühlt hatte. Kate bemerkte das Lächeln nicht und wenn sie es bemerkt hätte, hätte sie sich gewundert. Sie sollte erst nach Theodores Tod erfahren, dass er sehr wohl wusste, dass dies alles nur Fantasiegeschichten waren.

Tatsächlich hatte ihre Mutter zeitlebens keinen anderen Mann als Theodore Salpeter geliebt. Das Ende der Beziehung hatte sie zutiefst verletzt. Sie hatte in der Firma gekündigt, ohne dass er es verlangt hatte, und nach kurzer Zeit eine Stelle als Bürokraft in einer großen Arztpraxis angenommen. Sie hatte nie einen Mann mit nach Hause gebracht, der über Nacht blieb.

Wenn Kate in das blasse Gesicht von Theodore Salpeter schaute, fragte sie sich, was ihre Mutter an diesem Mann geliebt hatte. Warum hatte sie ihn nie vergessen können? Was fand sie an dieser Salpeter-Welt, die Kate so fremd war? Alles um sie herum atmete eine verstaubte Gediegenheit und roch nach altem Geld. Allein die Küche in dieser Wohnung war fast so groß wie Kates Apartment, das sie sich bis vor Kurzem noch mit ihrer Mutter geteilt hatte. Dazu gab es weitere fünf Zimmer, die weitgehend unbenutzt blieben, seit der Hausherr sein Bett nicht mehr verlassen konnte. In einem der vorderen Zimmer wohnte Gretchen. Im Krankenzimmer, ursprünglich das Kaminzimmer, hatte man die meisten der schweren antiken Möbel stehen gelassen und nur ein wenig zusammengerückt.

Das Ölporträt über dem Kamin war nicht der einzige Wandschmuck. Es gab drei weitere Bilder, vermutlich teure Originale. Die unscheinbare Lithografie, die eine Frau mit großkrempigem Hut zeigte, stammte, wie Kate in ihrem Studium gelernt hatte, von Ernst Ludwig Kirchner. Sie hatte gelesen, dass ein lang verschollenes Gemälde von Kirchner kürzlich für dreißig Millionen Euro in New York versteigert worden war. Nicht nur die Bilder schüchterten sie ein.

Neben dem Kamin stand ein schwarzer Flügel, der an manchen Tagen in der Mittagssonne glänzte wie von einem Scheinwerfer ausgeleuchtet. Schräg dahinter in einer Glasvitrine lehnten Bücher; Erstausgaben, wie ihr Gretchen geheimnisvoll zuflüsterte, ohne, da war sich Kate sicher, die Bedeutung des Wortes »Erstausgabe« wirklich ermessen zu können. Auf den Buchrücken las Kate deutsche, französische und englische Titel, die ihr nichts sagten.

Es war eine wundersame Kunstwelt, in der dieser alte Mann mit dem spitzen Kinn, scheinbar furchtlos, auf seinen Tod wartete.

Nach einem Monat hatte Theo, wie sie ihn nach dem zweiten Besuch nennen durfte, keine Fragen mehr. Kate hätte noch weitererzählen können, sie fand inzwischen Gefallen daran, sich in ihren Antworten ein Leben auszudenken, das sie gern gelebt hätte. Aber dann schrieb ihr Vater einen neuen Wunsch auf seinen Schreibblock. Sie las mit, während er sehr langsam, Buchstabe für Buchstabe, notierte.

»Bitte lies mir vor. ›Der Zauberberg‹. Im Glasschrank.«

Es dauerte eine Weile, bis sie in der Vitrine die beiden in hellgraues Leder gebundenen Bücher von Thomas Mann fand. Sie schlug die erste Seite auf. Über dem Erscheinungsjahr 1924 las sie eine handschriftliche Widmung des Autors: »Von einem dankbaren Patienten!«

Als sie Theo die Zeilen zeigte, schrieb er: »Vater war Arzt. Urlaub an der Ostsee.« Er zeigte mit dem Finger zum Ölporträt über dem Kamin. Kate wurde nicht schlau aus der Notiz. War der Mann auf dem Gemälde ihr Großvater? Hatte er Thomas Mann im Urlaub behandelt? Sie nahm sich vor, ihren Vater später danach zu fragen. Ein Vorsatz, den sie wie viele andere vergaß.

Von diesem Tag an las Kate vor, wenn sie ihn besuchte. Mit leiser Stimme. Sie spürte, dass ihn der Klang der deutschen Sprache beruhigte wie ein starkes Narkotikum. Sie übersprang viele Seiten; hielt inne, wenn sie den Sinn der Worte nicht auf Anhieb verstand; fuhr fort, wenn er ungeduldig an der Bettdecke zupfte. Zu Hause las sie manchmal die Kapitel in einer englischen Übersetzung nach, um sich zu vergewissern, dass sie alles richtig verstanden hatte. Der beste Crashkurs Deutsch, den sie sich leisten konnte.

Nach zwei Wochen des Vorlesens kam es Kate so vor, als lebte sie mit dem sterbenskranken, fremden Mann in dieser entrückten Welt, die Thomas Mann beschrieb. Das Berg-Sanatorium, in dem wohlhabende Lungenkranke bei Liegekuren auf Heilung hofften, war Theodores Wohnung. Die Gespräche der Sanatoriumsbewohner über Tyrannei und Freiheit, über Gottesstaat und Weltbürgertum verschwammen zu einem Grundrauschen, das Kate manchmal geradezu schwindelig machte. Aber Theo genoss es, das spürte sie.

Wenn Hans Castorp auf dem Zauberberg über seine »Sympathie mit dem Tode« sinnierte, meinte sie, eine leichte Röte im Gesicht des alten Manns aufsteigen zu sehen. Als erregte ihn der Gedanke. Und der zweiundzwanzigjährige Castorp hatte etwas, das auch Kate berührte. Er war einsam.

Die Rolle der Vorleserin machte Kate zunehmend mehr Spaß, obwohl sie längst nicht alles verstand. Aber sie frischte ihre Sprachkenntnisse auf wie eine alte Freundschaft, wenn sie nach der richtigen Betonung und der Bedeutung der deutschen Worte suchte.

Im Internat war es eine eher lästige Aufgabe gewesen, die fremde Sprache zu lernen, jetzt packte sie der Ehrgeiz, immer besser zu werden. Als sie irgendwann den »Zauberberg« wieder zurück in die Vitrine stellte, beschloss Kate, das nächste Buch zum Vorlesen selbst auszuwählen. Sie ging die Buchreihen in der Glasvitrine durch und entschied sich für einen dunkelblauen Einband mit goldverziertem Buchrücken in der untersten Reihe. Ein Gedichtband aus dem Jahr 1857. Sie staunte, wie gut er erhalten war. Kate schlug das Buch auf und las die ersten Verse:

Im traurigen Monat November war’s,

Die Tage wurden trüber,

Der Wind riß von den Bäumen das Laub,

Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,

Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen

In meiner Brust, ich glaube sogar

Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,

Da ward mir seltsam zumute;

Ich meinte nicht anders, als ob das Herz

Recht angenehm verblute …

Sie brach ab, weil sie glaubte, ein schwaches Geräusch aus dem Bett zu hören. Sie sah zu ihrem Vater. Sein Mund formte Worte; lautlos. Es schien, als versuchte er, ihr nachzusprechen. War es Anstrengung oder Trauer? Unter den geschlossenen Lidern rannen Tränen hervor. Kate zwang sich, den Blick abzuwenden und wieder ins Buch zu schauen. Sie hatte Heinrich Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen« nicht gezielt ausgesucht; sie hatte es einfach so gegriffen.

Sie las noch ein paar Zeilen, aber Theodore Salpeter hörte ihr wohl nicht mehr zu. Sein Atem ging ruhig, er hatte die Augen geschlossen. Es schien, als wäre er eingeschlafen. Kate stellte Heine zurück in die Vitrine und verließ leise das Zimmer.

Am nächsten Tag meldete sich Gretchen. Es war das erste Mal, dass die Pflegerin sie anrief. Kate ahnte sofort, was das bedeutete. Gretchens Stimme war voll sanfter Nachsicht: »Liebe Kate, Ihr Vater ist heute Nacht eingeschlafen. Er hat seinen Frieden gefunden.« Die Pflegerin gab Kate Zeit, die Nachricht aufzunehmen. Nach langen Sekunden des Schweigens fuhr sie fort – jetzt in einem sachlich-geschäftsmäßigen Ton: »Die Kanzlei Patterson, Meyers, Brown & Hardy wird sich nun um alles kümmern.« Die Anwälte hätten seit Jahren alle notwendigen Vollmachten und würden sich sicher in der nächsten Woche bei Kate melden.

»Und bitte kommen Sie bald noch einmal in der Wohnung vorbei. Ihr Vater war nach Ihrem letzten Besuch aufgeregter als sonst. Ich sollte einen Umschlag aus seinem Schreibtisch holen und für Sie bereitlegen. Er wollte ihn persönlich übergeben. Aber das geht ja nun nicht mehr.«

Zwei Tage später stand Kate etwas verloren wieder in dem Zimmer, in dem sie zum ersten Mal ihrem Vater begegnet war. Etwas in ihr sperrte sich gegen das Wort »kennengelernt«. Nein. Sie hatte ihn nicht kennengelernt. Sie hielt den Atem an. Es roch unangenehm, ein wenig säuerlich-medizinisch. Sie fragte sich, ob Sterbezimmer desinfiziert wurden. Oder war es der Geruch des Todes?

Das Bett war nicht mehr da. Nur der rostbraune Ohrensessel stand noch ein wenig verloren an seinem alten Platz. Im Sitzkissen eine kleine Delle, als wäre Kate gerade aufgestanden. Sie setzte sich hinein. Zog die Beine hoch und legte die Stirn auf die Knie. Sie horchte in sich hinein. Machte es sie traurig, weil er nicht mehr da war? Nein, Trauer war das nicht. Vielleicht Wehmut?

Sie hatte sich an die Begegnungen mit dem alten Mann gewöhnt, vielleicht sogar ein wenig lieb gewonnen. Da war eine Wärme gewesen, die sie bislang nicht gekannt hatte. Aber die Distanz des ersten Tages war geblieben. Dieser Mann hatte ihre Mutter verletzt – wie sehr, das konnte sie nur erahnen – und sich dreißig Jahre nicht um sie gekümmert. Sie konnte das nicht vergessen. Auch nicht vergeben.

Sie starrte auf die Stelle, wo das Bett gestanden hatte, auf das Parkett, dann auf die Möbel um sie herum, als wollte sie sich alles gut einprägen. Irgendetwas war anders.

Nach einer halben Stunde stand sie auf und wanderte durch den Raum, strich mit der Hand über den Flügel und betrachtete die Fotografien, die auf der Kommode standen. Eine zeigte zwei Kinder, fast gleichaltrig, ein Junge und ein Mädchen. Sie saßen in einem Sandkasten.

»Das sind Nora, meine Schwester, und Oskar, mein Bruder«, hatte Theo geschrieben, als Kate ihm das Foto zeigte. Sie hatte es zurückgestellt, ohne weiter nachzufragen.

Gretchen war gekommen und in der Tür stehen geblieben. Sie zog einen Umschlag aus ihrer Kitteltasche und reichte ihn ihr. Wortlos. Dann verließ sie den Raum, es schien, als wollte sie Kate nicht stören beim Abschiednehmen.

Der Umschlag war nicht zugeklebt. Kate fühlte eine kleine Erhebung unter dem Papier. Sie zog einen Schlüssel heraus, an dem ein Zettel mit einer Adresse hing. Schon wieder ein Rätsel.

Kate ging noch einmal durch alle Räume. Die Möbel waren mit Tüchern abgedeckt, helle Flächen an den Wänden erinnerten daran, dass hier vor ein paar Tagen noch Bilder hingen. Sie war schon fast an der Eingangstür, als ihr einfiel, dass sie den Umschlag mit dem Schlüssel auf dem Flügel liegen gelassen hatte. Sie ging zurück, steckte den Umschlag ein und auf einmal wusste sie, was sie irritiert hatte. Auf dem Flügel stand eine lederne Arzttasche. Als hätte sie jemand nur kurz dort abstellen wollen und dann vergessen. Sie sah das abgewetzte Stück zum ersten Mal. Der Flügel hatte immer Ehrfurcht gebietend dagestanden, stets sorgsam geputzt. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass es ein Mensch wagen würde, dieses kostbare Stück jemals zu spielen. Und jetzt hatte jemand das Instrument als Abstellplatz für eine alte Tasche genutzt – nein, missbraucht.

Kates Neugier war geweckt. Sie versuchte, den Messingverschluss zu öffnen. Er klemmte. Sie ruckelte kurz, aber energisch und die Tasche klappte auf wie eine Ziehharmonika. Sie war leer bis auf ein kleines, mit einer Kordel verschnürtes Bündel schwarzer Schulhefte. Kate wog das Bündel in der Hand. Sie hörte ein Geräusch von der Tür, drehte sich um und fühlte sich irgendwie ertappt. Gretchen stand da und schaute sie verwundert an.

»Was ist mit dieser Tasche?«, fragte Kate.

»Ihr Vater bat mich, sie zu suchen. Ich hab’ sie dann hinten in seinem Kleiderschrank gefunden. Er wollte sie wohl in seiner Nähe haben, aber es war der Abend, an dem er eingeschlafen ist, und er hat mir nicht mehr sagen können, was damit passieren soll.«

Kate schob die Kordel, die das Bündel zusammenhielt, ein wenig zur Seite. Jetzt konnte sie lesen, was auf dem obersten Heft geschrieben war. Wo man üblicherweise das Unterrichtsfach vermerkte, hatte jemand die Zahl 1926 gemalt, umrahmt von einer Girlande aus Engelglanzbildern. Kate schlug die erste Seite auf. Die Zeilen waren mit blauer Tinte bis an die Ränder vollgeschrieben – in Deutsch. Sie sah wieder zu Gretchen.

»Ich würde die Hefte gern mitnehmen und lesen.«

Gretchen zuckte mit den Schultern. »Aber natürlich. Das hätte Ihr Vater sicher so gewollt.«

Kapitel 4

Kate strich zufrieden über die Seite in ihrem Skizzenbuch. Der glatzköpfige Mann war ihr gut gelungen. Er blickte nachdenklich, aber auch etwas hochmütig in die Welt. Ihr Großvater. Wie auf dem Ölbild in Theos Zimmer.

Der Cappuccino, den ihr Massimos Barista geräuschlos auf den kleinen Tisch gestellt hatte, war längst kalt geworden. Eigentlich wollte sie doch ihre Gedanken ordnen, wollte darüber nachdenken, wie ihr Leben nun weitergehen sollte, nach allem, was der Rechtsanwalt ihr da eröffnet hatte. Sie wollte eine Liste machen, To-dos aufstellen. Wollte überlegen, ob es besser wäre, John zu fragen oder Massimo. Vielleicht gleich beide.

War das wirklich alles so unverrückbar vorgeschrieben, wie es Meyers dargestellt hatte? Sollte sie tatsächlich warten, bis die Angestellten einer Agentur in Berlin ihre Arbeit erledigt hatten und man ihr dann endlich gnädig mitteilen würde, wie ihr Leben weiterginge? War sie zum Nichtstun verdammt, bis Meyers geruhte, sie wieder in seinem Büro zu empfangen?

Wenn Kate mit einem Problem nicht weiterkam, wenn ihre Gedanken gegen eine Mauer stießen, schwang sie sich gern auf den Zauberbesen Zeichenstift und flog darüber hinweg. So war es jetzt auch. Sie hatte ihren Großvater gleich drei-, vier- oder fünfmal gezeichnet, genau wie die Frau mit der Baskenmütze, die sie auf einem der Fotos in Theos Zimmer gesehen hatte. Ihre Großmutter? Auf den ersten Entwürfen schauten ihre Modelle oft kühl, sogar streng in die Welt. Aber mit jeder neuen Zeichnung wurden die Gesichter freundlicher. Manchmal waren es nur ein paar Striche um die Augen herum, die sich änderten. Manchmal waren es auch nur die Augen, die sie zeichnete, oder nur der Mund oder bei der Frau, die vielleicht ihre Großmutter war, saß die Mütze noch etwas frecher auf der Seite und die Brille rutschte etwas weiter nach vorn auf die Nasenspitze.

Kate bedauerte jetzt, dass sie die gerahmten Fotografien nicht mitgenommen hatte. Irgendwie gehörten sie ihr doch. Schließlich war sie die Erbin. Na ja, eine Erbin. Aber was hatte sie von den Fotos? Es gab niemanden mehr, der ihr sagen konnte, wer darauf zu sehen war. Die Abgebildeten konnten Familienmitglieder sein oder Freunde oder nur Bekannte.

Warum hatte sie Theo nicht gefragt, als es noch möglich war? Verletzter Stolz? Desinteresse? Wenn sie sich doch mal dazu durchgerungen hatte, musste er oft erst nachdenken, um dann mit vorsichtig krakeliger Schrift so etwas wie »Freundin meiner Mutter« zu notieren. Und manchmal hatte er auch nur diesen müden, entschuldigenden Blick für sie, der wohl sagen sollte »Tut mir leid. Weiß ich auch nicht mehr«.

Mit einer Ausnahme. Zum Foto der kleinen Nora an der Seite ihres Bruders Oskar hatte er sofort drauflosgeschrieben, als hätte er es eilig. Zwei lachende Kindergesichter. Aber wie sah Theos Schwester später aus, als sie eine junge Frau war? Als sie um ihr Leben bangen musste. Ihre Kinder und Enkel saßen jetzt irgendwo in Deutschland und ahnten nichts von ihrem späten Glück. Ein Millionenvermögen wartete auf sie in Amerika.

Sie ging noch einmal Meyers’ Aufzählung ihres Erbes durch. Eine unbekannte Immobilie in Brooklyn und eine umfangreiche Kunstsammlung. Die Titel der einzelnen Stücke waren an ihr vorbeigerauscht. Mit den meisten konnte sie wenig anfangen. Nur beim »Dada-Kopf« hatte sie aufgemerkt. In den Kopf aus gedrechseltem Holz, der in einem Regal direkt gegenüber Theos Krankenbett stand, hatte sie sich bereits am ersten Tag verliebt und nachgefragt.

Theo musste nicht lange überlegen und krakelte einen Namen auf das Blatt: Sophie Henriette Taeuber.

Kate hatte abends im Internet gleich nach dieser Künstlerin gesucht, an die sich ihr Vater so schnell erinnerte. Und ihr gefiel, was sie fand. »sht«, so lautete ihre Signatur auf der Skulptur, war Tänzerin, Malerin und Innenarchitektin gewesen. Sie war ebenfalls ohne Vater aufgewachsen.

Aber warum war Theo auf die merkwürdige Idee gekommen, ihr auch acht verschwundene Kunstwerke zu vererben? Sie suchte in der Kopie des Testaments, die ihr Meyers mitgegeben hatte, die Passage, bei der sie aufgemerkt hatte. Auf Seite drei wurde sie fündig: »Ich bestimme meine Tochter Kate Thackery außerdem zur Erbin meiner Bilder, die die Nazis geraubt haben und die bis zum heutigen Tag verschollen sind.« Dann wurden die Maler genannt. Drei kannte sie. Paul Klee, Rembrandt und George Grosz, der zweimal auftauchte. Was hatte sich Theo dabei gedacht? Erwartete er von ihr, dass sie nach den Bildern suchte? Kate, die Meisterdetektivin? Sie griff sich eine Serviette und zeichnete eine Frau mit Flügeln, die im Flug ein Gemälde aus einem brennenden Scheiterhaufen fischte. Sie könnte es versuchen – warum eigentlich nicht?

Kate knüllte unwillig die Serviette zu einer Kugel. Unsinn. Sie hatte nun nicht die Zeit für solche Spinnereien. Sie hatte praktische Dinge zu erledigen. Wichtig war erst einmal, den Heimplatz ihrer Mutter zu sichern, für den sie momentan gar kein Geld hatte. Noch nicht. Sie würde die Direktion bitten, den Platz noch einen Monat frei zu halten. Immerhin konnte sie eine Sicherheit bieten. Es gab diese Wohnung, von der im Testament die Rede war; sie gehörte unzweifelhaft ihr.

Kate holte den Schlüssel aus ihrer Jackentasche. Auf dem Anhänger war die Adresse notiert: Van Dyke Street 215, A. 9, Brooklyn. Sie musste sich möglichst schnell ein Bild von der Wohnung machen. Vielleicht könnte sie die Räume vermieten oder verkaufen und die nächsten Jahre im Heim ihrer Mutter gleich auf einen Schlag bezahlen.

An diesem Abend ließ es ihre Kundschaft bei der Zeitung ruhig angehen. Die Hassparolen in der Leserpost hielten sich in Grenzen. Kate blieb Zeit, im Internet nach ihrer neuen Familie zu suchen. Sie fing mit Gertrud Salpeter an. Die Nichte ihres Vaters, die Tochter ihrer Tante Nora.

Der Name brachte keinen Treffer, was sie nicht überraschte. Wenn die Suche so einfach wäre, hätten das Meyers’ Kanzlei oder die Erbenermittler längst erledigt. Kate erfuhr immerhin, dass Salpeter ein »nicht primär gesundheitsschädliches« Nitrat war.

Für die schlaflose Stunde, die sie jedes Mal brauchte, um nach ihrem Job zu Hause abzuschalten, hatte sie sich vorgenommen, endlich das Geheimnis der Schulhefte zu lüften, die sie in der Arzttasche auf dem Flügel in Theodores Wohnung gefunden hatte. Es war kurz nach Mitternacht, als sie es sich mit den Heften und einer Flasche Wein auf ihrem Sofa bequem machte. Kate löste die Kordel, die das kleine Bündel zusammenhielt, und schlug die erste Seite auf: »Lieber Oskar …«

Hannover, 1926

Lieber Oskar,

ich vermisse dich recht von Herzen. Gestern habe ich in meinem Schrank deine rote Wollmütze gefunden, die ich dort vor längerer Zeit versteckt hatte, um dich zu ärgern. Ich habe sie unter dem alten Apfelbaum am Spielplatz vergraben. Weißt du noch? Der Baum mit den vielen kleinen weißen Blüten, auf den wir um die Wette geklettert sind. Die Welt sah von oben sehr schön aus. Jetzt bist du ganz oben. Mutsch sagt, du schaust uns von dort zu. Aber falls du gerade weggeschaut hast – die Mütze, die du so liebst, liegt dort! In einem Jahr werde ich nachsehen, ob du sie abgeholt hast. Ich würde mich so gern mit dir wieder einmal sattreden. Wie früher.

Deine traurige Schwester

Lieber Oskar,

sei froh, dass du nicht mehr zur Schule musst. Heute wurde uns aufgegeben, an den Reichspräsidenten einen Brief zu schreiben. Wir sollten uns für einen Zeitungsartikel von Lessing, du weißt, der Professor mit dem lustigen Spazierstock, entschuldigen. Ich wusste wirklich nicht, was ich schreiben sollte. Also habe ich mir mit Greta das gerahmte Foto von Hindenburg in der Schulaula angeschaut und wir waren uns einig, dass wir seinen Bart nicht mögen, weil der aussieht wie zwei Pickelhaubentaucher. Er trägt einen Würgekragen und hat Hängebacken. Lächerlich. Das Gesicht kam mir aber bekannt vor. Dann fiel mir ein, dass ich es vor Kurzem auf der Pelle unserer Leberwurst gesehen habe. Hindenburg schaute sehr ernst, als hätte er einen kolossal schweren Tag in Berlin gehabt. Es gibt sogar Hindenburg-Heringe! Ich frage mich, warum ein Herr in Uniform größer und wichtiger sein soll als andere und warum ich mich bei ihm entschuldigen soll. Greta und ich wollten später noch seine Villa in der Nähe des alten Tierparks anschauen. Aber ich habe dann beschlossen, nicht an ihn, sondern an dich zu schreiben. Fast hätte ich es vergessen – Pitzelvon der Garvensburg lässt dich grüßen. Du weißt schon: Wuff, wuff! Übersetzt: Er vermisst dich auch.

Deine traurige Schwester

Lieber Oskar,

es ist heute sehr heiß bei uns. Juliwetter. Mutsch macht wieder großes Programm. Sie hat Gäste aus Amerika, die sie im Auto nach Alfeld kutschierte, um ihnen eine Schuhfabrik zu zeigen. Ich durfte mitfahren. In mir war ein kleines Zittern, weil es aussah, als liefen die Häuser mit uns um die Wette. Die Menschen schauten auch nicht sehr freundlich. Ich habe Mutsch nichts von meiner Angst erzählt, sonst nimmt sie mich das nächste Mal nicht mehr mit. Gestern waren wir im Kino und haben die Abenteuer von Prinz Achmed gesehen. Die Bilder sind aus schwarzer Pappe ausgeschnitten. Am besten hat mir die schöne Fee Pari Banu gefallen, die am Ende mit Achmed die Geister besiegt. Wenn ich das nächste Mal ins Atelier darf, werde ich sie malen. Mit einem weißen Kleid und einem roten Schleier. Bei Sophie gab es wieder Marmorkuchen mit Schokoladentupfer. Und in unserem Lieblingsgeschäft in der Röselerstraße sind neue Meerschweinchen angekommen.

Deine ängstliche Nora

Lieber Oskar,

Lessing, Lessing, Lessing. Andauernd reden sie über ihn. Aber immer leise, damit ich nichts höre. Ich höre es aber trotzdem. Heute hat mir Mutsch endlich erzählt, dass sie und Ada (erinnerst du dich? Die Frau von Lessing, die manchmal zum Tee gekommen ist) die Einzigen waren, die sich letzte Woche in seine Philosophievorlesung trauten. Es muss fürchterlich gewesen sein. Vor der Universität protestierten Korpsstudenten mit Eichenstöcken und riefen »Jude raus!«. Stell dir vor, unsere Mutter und Ada wurden von der Polizei nach Hause begleitet. Drei Wochen vorher haben Studenten den Professor durch die Stadt verfolgt wie Pitzel von der Garvensburg die Karnickel im Garten von Elsa. Mutsch hat sich sehr darüber aufgeregt, dass dem Professor niemand geholfen hat. Korpsstudenten sind »geistig arme Rüpel und treten immer im Rudel auf« (sagt Mutsch). Sie tragen diese Mützen, über die wiruns mal lustig gemacht haben. Man sieht sie jetzt überall auf der Straße.

Nora, die keine Rüpel mag. Die Tränen werden weniger.

Lieber Oskar,