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Bärbel Goebel, 1939 in Berlin geboren, schildert Kindheit und Jugend während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit bis zur Flucht aus der DDR Ende 1960. Der Vater ist Sanitätssoldat und wird in Nordafrika Opfer des Krieges. Die Autorin wächst nach Evakuierungsjahren in Ostpreußen und Thüringen ungefähr auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg im Dorf Groß-Warnow auf. Die nahe Elbe ist Grenzfluss der sowjetischen und der britischen Zone. Lastzüge versorgen West-Berlin und rollen nahezu pausenlos über die F 5. Doch beinahe über Nacht ist kein Westauto mehr zu sehen. Berlin wird aus der Luft versorgt. Die Aufzeichnungen halten das Leben in der Westprignitz fest. Traditionelle dörfliche Strukturen scheinen sich kaum zu verändern. Die Jahre gehen dahin. Der Urgroßvater stirbt, die Großmutter, zuletzt die Urgroßmutter. Die Bundesrepublik wird gegründet, dann die DDR. Hier binden staatliche Organisationen die Jugend ein: Junge Pioniere, FDJ, GST. Ernteeinsätze gehören zum Schulalltag. Die Erzählerin wechselt nach dem Abitur in Wittenberge auf das Pädagogische Institut Güstrow. Hier studiert sie die Schulfächer Deutsch und Russisch. In fröhlicher Studentenrunde erzählt man sich Witze. Was sie von einem Westbesucher aufgenommen hat, ist politisch brisant. Ein Kommilitone verpetzt sie an die Hochschulleitung. Die Studentin wird vom Studium relegiert und zu einem Jahr Bewährung in der sozialistischen Produktion verurteilt. Zwei Monate vor Ablauf kündigt sie im Nähmaschinenwerk Wittenberge und flieht knapp acht Monate vor dem Bau der Mauer mit ihrer Mutter über Berlin nach Westdeutschland. Mit 106 Abbildungen.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für meinen Mann, die Kinder und Enkelkinder
Vorwort
Der Koffer
Ein Anruf
Alles aufschreiben
Groß-Warnow – wo liegt das?
Meine Familie
Mein Vater
Meine Mutter
Heirat der Eltern
Meine ersten Lebensjahre
Geburt
Zweiter Weltkrieg
Tod meines Vaters
Die erste Zeit nach Vatis Tod
Evakuierung nach Ostpreußen
Von Ostpreußen nach Thüringen
Onkel Otto ist gefallen
Ankunft in Groß-Warnow
Im Haus meiner Großmutter
Auf dem Dachboden
Im Altenteil meiner Urgroßeltern
Der Hof
Unser Garten
Einleben im Dorf
Die Verwandten Buck in Grabow
Krankheiten
Arbeiten in Haus und Hof
Brot backen
Große Wäsche
Erntezeit
Wir sammeln Früchte
Schlachten
Holz machen
Der Krieg ist zu Ende
Tod meines Urgroßvaters
Amerikanische Soldaten marschieren ein
Trecks Vertriebener ziehen durchs Dorf
Fluchtversuch über die Elbe
Familie Dietrich
Familie Sowa
Wirtschaften in schwieriger Zeit
Sirup, Pflaumenmus und Kartoffelmehl
Hamstern
Kochen
Einkaufen
Kleidung
Meine Schulzeit von Klasse eins bis acht
Die ersten vier Schuljahre.
Mein Schulweg
Die Schuljahre fünf bis acht
Junge Pioniere
Spiele
In Haus und Hof
Mit meiner Freundin Elsbeth
Auf der Chaussee
Nach dem Gewitter
Meine Geburtstage
Dörfliches Leben
Gemeindeaufgaben
Ostern
Pfingsten
Erntedankfest
Tanzen gehörte dazu
Veränderungen
Meine Großmutter stirbt
Die Währungsreform
Möbelspedition aus West-Berlin
Besuche der Großeltern aus Berlin
Bei den Großeltern in Berlin-Britz
Pakete aus dem Westen
Das Leben nimmt seinen Lauf
Hellmuth Röhnckes Hochzeit
Tod der Urgroßmutter
Studium meiner Mutter
Konfirmation
Zur Oberschule nach Wittenberge
Die Bahnfahrt
Im Internat
Geregelte Tageseinteilung
Hildburg kommt nach Wittenberge
Kartoffeleinsätze
Freie Deutsche Jugend (FDJ)
Gesellschaft für Sport und Technik (GST)
Mittlere Reife
Die Schuljahre 11 und 12
Abitur
Einladung zur Großmutter nach Berlin-Lankwitz
Welchen Beruf soll ich wählen?
Lehrerstudium in Güstrow
Weite Anreise
Wohnheime
Studium der Fächer Deutsch und Russisch
Ein Blick auf die Namensliste unserer Studentengruppe
Mangelnde Infrastruktur
Ernteeinsätze
Hochzeit von Rudi Schulz
Ein verhängnisvoller Witz
Die Anklage
Wie sag ich’s meiner Mutter?
„Bewährung in der sozialistischen Produktion“
Das Haus wird verkauft
Unser für die Dorfbewohner sichtbares Leben
Heimliche Fluchtvorbereitungen
Drei Wege
Päckchen nach Westdeutschland
Fahrten nach West-Berlin
Der geschmuggelte Rentenbescheid
Urlaubsreise nach Gräfenhain in Thüringen
Zum Schluss
Flucht auf getrennten Wegen
Epilog
Elfriede ist weg!
Versteigerung unseres Inventars
Aufnahmeformalitäten in West-Berlin
Durchgangslager Wesel
Übergangswohnheim in Wuppertal
Unsere berufliche Zukunft
Dank
Abbildungsnachweis
Vorfahren und Verwandte
Verwandte und Freunde, die die Zeiten miterlebten, haben Korrekturen und Ergänzungen angemerkt. So sind in zwei Kapitel neue Informationen eingeflossen. Für „Familie Dietrich“ wurde mir aus wiedergefundenen Familienunterlagen der ausführliche Bericht einer Augenzeugin über den dreiwöchigen Weg mit Pferdewagen von der Vertreibung aus Samotschin in der Provinz Posen bis zur Ankunft in Groß-Warnow zugänglich gemacht. Erwin Dietrichs Schwester Hertha hatte ihn verfasst. „Familie Sowa“ ist durch mündliche Berichte der beiden noch lebenden Söhne Alwin und Alfons bereichert worden. Ich traf mich in ihrem Wohnort Dormagen mit ihnen und ließ mir die Geschichte ihrer Vertreibung aus Schlesien bis zu uns in die Prignitz erzählen. Beide Familienschicksale stehen beispielhaft für das Leid von Millionen Vertriebener aus den ehemals deutschen Ostgebieten.
Bärbel Goebel
An einem Abend im November 2009 klingelte das Telefon. „Bärbel Goebel?“ meldete ich mich wie gewöhnlich. „Hier Bärbel, - hallo Bärbel!“ Bärbel Röhncke aus Postlin bei Karstädt überraschte mich mit der Nachricht: „Du, da hat mich die Tochter von den Leuten angerufen, die damals euer Haus in Groß-Warnow gekauft haben, Bärbel Freigang. Sie heißt heute Hildebrandt und wohnt in Grabow. Sie hätte was für dich. Du möchtest sie mal anrufen.“
Neugierig geworden, wählte ich die angegebene Nummer und erfuhr, dass ihr Sohn jetzt unser altes Haus bewohne. Er habe den Boden der Scheune aufgeräumt und dabei einen Koffer gefunden, der uns gehören müsse, wie sich aus dem Inhalt erschließen lasse. Da seien eine Taufurkunde von mir drin und die Heiratsurkunde der Eltern. Ein Brief aus Afrika berichte über den Unfall meines Vaters und einer aus Litauen über den Tod meines Onkels. Hauptsächlich aber seien ganz viele Fotos drin, mit wenigen Ausnahmen alle in Schwarz-Weiß. Ein eindeutiger Befund – ich war wie elektrisiert.
Die Gedanken gingen zurück ins Jahr 1960. Ich hatte kurz vor Weihnachten die DDR verlassen und war mit meiner Mutter nach Westdeutschland geflüchtet. Das war vor rund fünfzig Jahren. Jetzt sah ich mich urplötzlich mit aufregenden und damals gefährlichen Ereignissen konfrontiert, die ich doch innerlich längst hinter mir gelassen hatte.
Am Morgen des 15. Januar 2010 stieg ich in den Zug nach Ludwigslust. Frau Hildebrandt erwartete mich auf dem Bahnsteig. Ich erkannte sie sofort wegen der Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, die hatte ich noch in Erinnerung. Wir begrüßten uns herzlich und zogen meinen Rollenkoffer durch tiefen Schnee zum Auto. Frau Hildebrandt lud mich zum Mittagessen in der Kantine des Ludwigsluster Krankenhauses ein, wo sie arbeitete. Aus vier angebotenen Gerichten wählte ich eines, das meine Urgroßmutter öfters gekocht und ich seitdem nicht mehr gegessen hatte: Buttermilchkartoffeln mit ausgelassenen Speckwürfeln.
Auf der Fahrt zu ihrer Wohnung in Grabow folgte Frau Hildebrandt der Bitte, einen kleinen Umweg an der früheren Gärtnerei unseres Verwandten Hugo Buck vorbei zu wählen, und fuhr anschließend durch das Städtchen mit seinen schönen alten Fachwerkhäusern. Ich erkannte das einstige Blumengeschäft von Tante Emmi, in das ich mit meiner Mutter bei unseren Einkaufsfahrten mit dem Fahrrad so oft reingeschaut hatte. An einer Ecke zeigte mir Frau Hildebrandt das damalige Eisenwarengeschäft ihres Vaters.
Kaum hatten wir das Haus von Frau Hildebrandt und ihres Lebensgefährten Herrn Neckritz in der Saarstraße betreten, fiel mein Blick in der Diele auf den sagenumwobenen Koffer. Fast zur gleichen Zeit steuerte meine Freundin Hildburg Pilz ihren Wagen auf den verschneiten Vorplatz. Sie wollte mich später mit nach Wittenberge nehmen. Verstohlen blickte ich während des Kaffeetrinkens immer wieder zur Sitzecke, wohin Frau Hildebrandt den Koffer gelegt hatte. Endlich war es so weit. Ich setzte mich aufs Sofa und brauchte den Deckel nur anzuheben, weil die Schlösser längst durchgerostet waren. Was ich im randvoll gefüllten Koffer erblickte, machte mich sprachlos. Frau Hildebrandt hatte schon Scherben von zersprungenen gerahmten Bildern herausgenommen, den gröbsten Staub entfernt und Fotos von gedruckten und beschriebenen Papieren getrennt. Leisten der aus den Fugen geratenen Bilderrahmen lagen noch zwischen Fotos und Dokumenten. Es sei gut, meinte sie, dass ich jetzt gekommen sei. Die Fotos begännen sich nach der Umstellung vom Klima auf dem Scheunenboden zum beheizten Haus zu rollen und würden hart.
Kevin auf unserem alten Scheunenboden. Er steht dort, wo, unter trockener Baumrinde verborgen, der Koffer 2009 gefunden worden war. Fotografiert am 20. Juni 2010.
Der Koffer mit alten Fotos und Dokumenten, fotografiert im Januar 2010
Aller Augen waren auf mich gerichtet. Wie würde ich reagieren? Zunächst griff ich wahllos mal hier, mal dort nach einem Foto und erkannte rasch, dass mir viele Motive vertraut waren. Es konnte nur bedeuten, dass meine Mutter von den meist in mehreren Abzügen vorhandenen Fotos die ihrer Meinung nach besten zum Mitnehmen nach Westdeutschland ausgewählt hatte. Andere Bilder schienen mir gänzlich unbekannt. Doch bald wurde mir klar: das waren Fotos des Bruders meiner Mutter, Onkel Otto. Sie stammten aus seiner Soldatenzeit in Russland und lagen in winzig kleinen Abzügen zwischen den übrigen Bildern. Hoch interessant waren alte Familienaufnahmen, gefertigt von einem Berliner Fotoatelier in den 1920er und 30er Jahren. Welche Fülle! Würden sich alle Bilder überhaupt enträtseln lassen? Wie würde ich eine Übersicht gewinnen können? Allmählich entstand die Idee, die Fotos zunächst nach Personen zu ordnen. Mir wurde etwas leichter zumute.
Von den Dokumenten in der Mappe kannte ich überhaupt keines; je länger ich blätterte, desto überraschter wurde ich. Ich hielt meine Geburtsanzeige in Händen! Las die Anschrift der Privatklinik, in der ich geboren war. Da gab es Arbeitsbücher der Eltern mit Angaben über ihre Arbeitsstellen, sogar Urkunden der Eltern und Großeltern meiner Mutter. Frau Hildebrandt, Herr Neckritz und Hildburg nahmen lebhaften Anteil und stellten Fragen.
Anschließend fuhren wir alle zu unserem ehemaligen Haus nach Groß-Warnow. Es wird jetzt von Frau Hildebrandts Sohn Dirk, seiner Freundin Yvonne und seinem Sohn Norman bewohnt. Äußerlich hatte mich das Haus schon 1974 bei der ersten Reise in die DDR seit der Flucht nicht mehr an früher erinnert. Freigangs, Barbara Hildebrandts Eltern, hatten das Ziegelbauwerk verputzt und angestrichen und am Giebel einen Anbau errichtet, in dem Frau Freigang die Postfiliale von Groß-Warnow betrieb. Beim Gang über den verschneiten Hof fiel mir auf, dass die Alte Scheune nicht mehr stand. Sie sei wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Auch wuchsen weder hier noch im Garten Obstbäume. Sie seien zu alt gewesen und hätten kein Obst mehr getragen, deswegen hätte man sie runternehmen müssen. Der Garten wurde nicht mehr bewirtschaftet, ein Zaun war überflüssig geworden, ebenso die Pumpe, denn längst hatte man fließend Wasser.
Das Innere des Hauses war völlig umgebaut, Hauptbau mit Altenteil zu einer Wohnung vereint und durch Einbau von Ölheizung und Bad modernisiert. Einzig der robuste Terrazzo-Fußboden in der Küche hatte die fünfzig Jahre nach unserem Auszug unversehrt überstanden. Plötzlich rief Dirk: „Hier in der Kammer ist noch eine Lampe, die wir gar nicht benutzen, die muss noch von Ihnen sein.“ Tatsächlich, es war unsere Schlafzimmerlampe. In neuer Umgebung beleuchtet sie heute mein Arbeitszimmer.
Mit Hildburg in Wittenberge angekommen, staunte Hermann Pilz über den uralten Koffer. Er löste Erinnerungen an die eigene Kindheit aus, in der er mit seiner Familie aus Sorau und dem eingemeindeten Seifersdorf geflohen war. Der Kreis schloss sich, als Hermann erzählte, dass der spätere Warnower Pfarrer Kupper als Vikar die Seifersdorfer Stelle bekleidet hatte, in der ihm sein Vater als Pfarrer gefolgt war.
Hildburg und ich füllten am Abend kleine, leinenbezogene, zu DDR-Zeiten hergestellte farbige Fotokästen mit den neuen Bildern. Eine muntere Tätigkeit, die uns Menschen aus Groß-Warnow mit ihren Geschichten ins Gedächtnis rief. Doch manche Bilder ließen uns ratlos zurück. Aus der Generation vor uns gab es niemanden mehr, der Auskunft hätte geben können. Als Letzte war meine Mutter im Mai 2008 gestorben.
Am nächsten Abend holte mich Bärbel Röhncke ab. Ihr Anruf hatte die Aktion eingefädelt. Sie war schon sehr neugierig auf den Inhalt des Koffers, enthielt er doch auch für ihre Familie interessante Fotos. Die Atelieraufnahme meiner Urgroßeltern beispielsweise, die auch die Urgroßeltern ihres verstorbenen Mannes Hans-Joachim und Ururgroßeltern ihrer Söhne Andreas und Marko sind.
Die Heimreise trat ich bei Kälte, Schnee und jetzt mit zwei Koffern an. Zu Hause erwartete mich Klaus gespannt. Da Hildebrandts nicht hatten zustimmen können, den Fund in den Medien bekannt zu machen, schrieb Klaus einen anonymisierten Artikel für die Märkische Allgemeine. Sie druckte ihn unter dem Titel „Der Koffer in der Scheune“ auf einer ganzen Seite ab und illustrierte ihn mit dem Foto des geöffneten Koffers1.
„Das musst Du alles mal aufschreiben, sonst kann man sich das gar nicht vorstellen.“ Der Meinung waren unsere Kinder, als ich ihnen die Funde aus dem Koffer zeigte. Seit diesem Anstoß ist viel Zeit vergangen. Ich probierte manches aus, vor allem technische Möglichkeiten, Fotos und Dokumente einzubeziehen. Es gab längere Phasen, in denen ich trotz Ermunterungen durch die Familie keine Zeit zur Weiterarbeit fand. Auch die Lebensschicksale der Vorfahren mussten eingearbeitet werden, damit Kinder und Enkel, die noch eine Generation weiter von meinem Leben entfernt sind, eine Vorstellung davon bekommen.
Ich fand während des Schreibprozesses die oft zu hörende Erfahrung bestätigt, Erinnerungen ins Gedächtnis zu rufen, die sechzig bis siebzig Jahre zurückliegen, sei sehr schwer. Beim Austausch mit Schulkameradinnen aus den ersten acht Schuljahren merkte ich zwar, dass vieles noch im Gedächtnis haftete, woran andere sich nicht mehr erinnerten, aber auch manches entfallen oder gar nicht mehr abrufbar war. So sind es mehr oder weniger herausragende Erlebnisse positiver wie negativer Natur, die im chronologischen Ablauf dargestellt werden. Trotzdem kann sich der Leser aus kleinen Mosaiksteinchen ein Bild meines Heranwachsens in politisch ereignisreicher Zeit zusammensetzen.
Zu den Eckpunkten gehören die frühe Kindheit im „Dritten Reich“, das Kriegsende 1945, mein Leben in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ), die Währungsreform 1948, die Entstehung der Deutschen Demokratischen Republik, die 1949 der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bald gefolgt war, und die Flucht am 20. Dezember 1960. Die eingefügten Abbildungen stammen nicht nur aus dem so überraschend aufgetauchten Koffer, sondern auch aus Alben, die meine Mutter nach Westdeutschland rettete, und aus dem Besitz meines Onkels Dr. Werner Behrendt.
Ich war 21 Jahre alt, als ich das Dorf Groß-Warnow verließ. Es war zu meiner Heimat geworden. Hier hatte ich den größten Teil von Kindheit und Jugend verbracht. In der Scheune unseres Hofes wurde der zurückgelassene Koffer gefunden. Deshalb beginnen meine Aufzeichnungen mit der Antwort auf eine oft gestellte Frage: „Groß-Warnow, wo liegt das eigentlich?“
Kartenausschnitt Westprignitz, fotografiert in der Wohnung von Hildburg Pilz. Man erkennt Groß-Warnow unmittelbar an der Grenze Brandenburgs zum Land Mecklenburg-Vorpommern. Das Dorf liegt an der B 5, die auf der Karte über Grabow, Karstädt und die Kreisstadt Perleberg verläuft. Schnurgrade zieht sich die Bahnlinie über Grabow, Klein-Warnow, Karstädt und Wittenberge hin.
Meist antworte ich: „Ungefähr auf der Hälfte zwischen Berlin und Hamburg.“ Der Ort liegt an der heutigen B 5, zu DDR-Zeiten der F 5, seit preußischer Zeit die Berlin-Hamburger Chaussee genannt. Die beiden großen Städte waren uns stets gegenwärtig durch die Schilder am nördlichen Ortsausgang. „Hamburg 128 km - Berlin 163 km“ stand meiner Erinnerung nach darauf geschrieben. Die für uns wichtigen Orte in der Nähe waren der drei Kilometer entfernte Bahnhof Klein-Warnow, das sieben Kilometer nördlich schon im Mecklenburgischen liegende Städtchen Grabow zum Einkaufen, südlich in 11 km Entfernung Karstädt, zu dessen Molkerei die Warnower Bauern täglich die Milch ihrer Kühe lieferten und nach weiteren 13 km Perleberg, Sitz der Kreisverwaltung. Von dort waren es noch einmal 12 km bis Wittenberge an der Elbe. Im größten Industriestandort der Prignitz besuchte ich die Oberschule. Nach Westen führte von Groß-Warnow eine Straße über die Dörfer Pinnow, Geburtsort meiner Mutter, Pröttlin, Zapel, Mellen, vorbei am Rudower See nach etwa 20 km in das Städtchen Lenzen. Es liegt an der Elbe, die damals die Staatsgrenze zur Bundesrepublik Deutschland bildete. Dem „Eisernen Vorhang“, der West und Ost trennte, war ich so nahe. Alle beschriebenen Strecken und damit auch diese Grenze waren mit Pferdefuhrwerk, Fahrrad oder motorisiert zu bewältigen. Busse verkehrten noch nicht.
Auf der linken Seite der Berlin-Hamburger Chaussee gehörte uns eins der kleinen Häuser vor dem größeren Giebel. Fotografiert Mitte der siebziger Jahre, als es die DDR noch gab.
Die B 5 verläuft durchs Dorf abschüssig bis zum Meynbach. Endmoränen haben hügelige Erhebungen und Senken geformt, über die Straßen und Wege an- und absteigen. Mit dem Fahrrad genoss man die Abfahrt auf glattem Asphalt und strampelte sich aufwärts wieder ab. Im Warnower Wald gibt es als größte Erhebung den Silberberg, auch Eierberg genannt (ca. 50 m), von dem wir Ostern unsere farbigen Eier hinunterkullerten.
Kirche in Groß-Warnow, um 1535 aus Feldsteinen erbaut. Foto 2012
Auftauende Gletschermassen der letzten Eiszeit hatten Mengen von Geröll vor sich hergeschoben, dessen Steine Baumaterial für viele Feldsteinkirchen lieferten, so auch für die Kirche in Warnow. Zahlreiche Gewässer, die das Gebiet durchziehen und in die Elbe münden, wie Meynbach, Löcknitz, Elde, Stepenitz und Karthane, sind ebenfalls eiszeitliche Relikte2. Nicht zu vergessen viele kleine und größere Tümpel in den Meynwiesen, auf denen wir im Winter Schlittschuh liefen.
Im Jahre 2012 feierte Groß-Warnow festlich seine urkundliche Ersterwähnung vor 750 Jahren. Jahrhundertelang hatte das Dorf in der Prignitz zu Brandenburg gehört, dem Kerngebiet des 1947 offiziell getilgten Staates Preußen. 1952 löste die DDR die Länder auf und teilte den zentralistisch organisierten Staat in Verwaltungsbezirke. Jetzt gehörte der westliche Teil der Prignitz zum vorwiegend mecklenburgisch geprägten Bezirk Schwerin. Erst in Folge einer Volksabstimmung nach der Wende kehrte die Prignitz zum – wiedererstandenen – Land Brandenburg zurück. Die durch den Meynbach markierte Grenze zum Land Mecklenburg-Vorpommern verläuft nur etwa einen halben Kilometer nördlich vom Dorf. Es beeindruckte mich als Kind, die so nahe hinter der Grenze wohnenden Menschen im mecklenburgischen Dialekt sprechen zu hören. Er klang ganz anders als unsere brandenburgische Aussprache, die eher der Berlins ähnelt.
Wegen der Grenzlage zu Mecklenburg war an der Chaussee in Warnow ein großes, später Gabckes gehörendes Gebäude errichtet worden, in dem ab 1830 das Königliche Hauptzollamt residierte. Gegenüber der Zollstation wurde eine Station der Preußischen Post gebaut. Darin standen 60 Pferde. Entlang der Berlin-Hamburger Chaussee zeigten Meilensteine die Entfernung nach Berlin und Hamburg an. Sie dienten den Postkutschen als Orientierung und zur Berechnung der zu entrichtenden Gebühren. Als nach 1866 das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin dem Deutschen Zollverein beitrat, wurde die Zollstation in Warnow überflüssig und 1868 verkauft. Auf mecklenburgischer Seite steht an der Chaussee bei Beckentin noch ein inzwischen ziemlich verfallenes Zollhaus.
Auf dem Meilenstein kurz vor Perleberg ist an einer Seite zu lesen: 23 km bis Warnow, auf der andern: 140 km bis Berlin. Foto 1983
Unser Dorf hieß bis 1937 Warnow und wurde im Zuge der rassistisch begründeten nationalsozialistischen Löschung slawischer Ortsnamen in Groß-Warnow umbenannt. Ursächlich für die Änderung war der Name des benachbarten Ortes Wendisch Warnow, der fortan Klein-Warnow hieß. „Wenden“ ist eine eingedeutschte Bezeichnung für „Slawen“. Die NS-Ideologie ertrug die slawischen Ortsnamen nicht, die durch mittelalterliche Besiedlung entstanden waren. Dass das ebenfalls vom Slawischen abgeleitete Wort „Warnow“ jedoch erhalten blieb, wurde hingenommen.
Die an meinen Urgroßvater „Herrn August Köhn, Zimmerer, in Warnow, Poststation Wendisch Warnow, Potsdam“ gerichtete Paketsendung dokumentiert den alten slawischen Namen der Bahnstation, wurde also vor der Namensänderung 1937 verschickt. „Potsdam“ bezeichnet den damaligen Regierungsbezirk. Vermutlich verwendete meine Mutter den stabilen Karton für eins ihrer vielen Päckchen in der Zeit der Fluchtvorbereitung und hat ihn so nach Westdeutschland gerettet.
Taufregisterauszug für meinen Urgroßvater August Köhn aus dem Koffer. Ein Stempel gibt Auskunft über die Namensänderung unseres Dorfes. Das Stichwort „Abstammung“ in der letzten Rubrik lässt vermuten, dass der Registerauszug für einen sogenannten Ariernachweis bestimmt gewesen sein könnte. Ein Zusammenhang mit der bevorstehenden Eheschließung seiner Enkelin Elfriede am 20. Juli 1938 ist nicht auszuschließen.
1 Märkische Allgemeine Zeitung, Potsdam, Sonntag, 27./28. Februar 2010
2 Heino Bosselmann, Hans-Christian Schink: Feldsteinkirchen der Prignitz, Verlag: Kreisverwaltung Perleberg 1994
Letztes Foto von Vati mit mir im Sommer 1940. An ihn kann ich mich nicht erinnern.
Mein Vater Horst Behrendt stammte aus einer Familie, deren väterliche Vorfahren seit dem frühen 18. Jahrhundert in Berlin nachgewiesen sind. Die Fotos der Vorfahren Behrendt stammen aus dem Besitz von Onkel Werner.
Ururgroßvater Friedrich Wilhelm Behrendt
Der Urgroßvater von Horst, Friedrich Wilhelm Behrendt (1804 – 1857) trug die Vornamen der beiden preußischen Könige, die in seiner Lebenszeit an der Spitze des preußischen Staates standen. Er war Sohn eines Textilunternehmers und der wohl berühmteste Vorfahr4. Als Berliner Geschäftsführer (Agent) der Ostpreußischen Generallandschaft war er mit dem Titel eines Königlich- Preußischen Kommerzienrats ausgezeichnet worden, hatte eine bedeutende Transportversicherungsgesellschaft gegründet und bekleidete Ehrenämter in Kirche und Stadt. Er war verheiratet mit Marie Henriette, Tochter des Königlichen Hoftischlermeisters Johann Christian Sewening5 in Berlin. Der Schwiegervater fertigte Möbel nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel für preußische Schlösser an. Als mein Ururgroß-vater Friedrich Wilhelm Behrendt starb, hinterließ er seinen sechs Kindern ein nicht unbeträchtliches Vermögen.
Urgroßvater Waldemar Behrendt
Urgroßmutter Mathilde Anna geb. Saretz
Sein Sohn Waldemar Behrendt (1843-1888), mein Urgroßvater, war als selbstständiger Kaufmann tätig. Er wurde nur 45 Jahre alt. Meine Großmutter in Berlin erzählte mir, dass er an Lungentuberkulose litt und der Aufenthalt in mehreren Kurkliniken bis hin nach Italien das ererbte Vermögen verzehrt habe. Waldemars Witwe Mathilde Anna geb. Saretz musste sich und die beiden Kinder Bruno und Erna mit Klavier- und Gesangsunterricht ernähren.
Großmutter Elsbeth geb. Weinigel
Großvater Bruno Behrendt
Bruno Behrendt (1878-1956), Horsts Vater, erlernte den Beruf eines Buchhalters. Er war zuletzt Prokurist der Berliner Kindl-Brauerei.
Die musikalische Begabung der Mutter hatte sich auf ihn vererbt. Er spielte Klavier, begleitete in der Stummfilmzeit Kinofilme, besaß eine Musiktruhe mit Radio und Grammophon und hörte mit Vorliebe Platten von Zarah Leander, erzählte meine Berliner Oma. Konnte sich das Ehepaar Konzertkarten nicht leisten, hörte es sich eine Übertragung im Radio an, als säße man im Konzertsaal. Beide kleideten sich festlich, nahmen bei abgedunkeltem Licht im Sessel Platz und aßen in der Pause vorbereitete Schnittchen. Meine Oma nannte es Lebenskunst, wohl wahr. Zu den allmorgendlichen Gewohnheiten meines Großvaters gehörte es, im Wohnzimmer das Tuch vom Vogelkäfig zu nehmen und die Uhren aufzuziehen.
Diese Oma, Horsts Mutter Elsbeth geb. Weinigel (1886-1973), führte in jungen Jahren ein Modegeschäft mit 21 Angestellten, wie sie berichtete. Sie schnitt Stoffe zu, die von den Mitarbeiterinnen zusammengenäht wurden. Besonders stolz sei sie gewesen, als sie einer buckligen Frau ein passendes Kleid habe liefern können.
Urgroßmutter Berta Weinigel geb.
Die Eltern von Elsbeth Weinigel waren in die aufstrebende Millionenstadt Berlin zugewandert, die Mutter Bertha geb. Resimius aus der Hugenottengemeinde Gramzow in der Uckermark. Dieser Name stammt vom französischen Resimieux, dessen frühester Nachweis sich in Friesenheim bei Ludwigshafen im 17. Jahrhundert findet. Auskünfte über hugenottische Vorfahren aus der Uckermark erhielt Klaus zu DDR-Zeiten von dem Schwedter Pfarrer Hans Friedrich Hurtienne, ein Name, der auch zu unseren Vorfahren gehört und somit gemeinsame Wurzeln seiner und meiner Familie dokumentiert. Als Entgelt erhielt Pfarrer Hurtienne Kaffeepäckchen. Die Eheleute Weinigel lebten zuletzt getrennt. Als Bertha Weinigel 1931 starb, war der Aufenthaltsort ihres Mannes unbekannt. Die hugenottische Linie bildet neben Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Behrendt die zweite unter den Besonderheiten unserer Vorfahren, von denen in der Familie gerne erzählt wurde.
Elsbeth Weinigel und Bruno Behrendt heirateten in Berlin gegen den Widerstand von Brunos Familie am 5. Juli 1909. In den Augen seiner Mutter war Elsbeth nicht standesgemäß. Obwohl verarmt, lebte sie weiter im Bewusstsein der vom Schwiegervater Friedrich Wilhelm Behrendt erworbenen gesellschaftlichen Stellung. Nach der Familienüberlieferung empfing oder besuchte die Oma ihre Schwestern immer nur heimlich, damit die „Mischpoke“, wie Onkel Werner die väterliche Verwandtschaft humorvoll nannte, nichts davon erfuhr.
Am 28. Oktober 1910 wurde der erste Sohn, Friedrich Wilhelm Bruno Horst geboren, mein Vater, am 22. Dezember 1911 Werner als zweiter Sohn.
Ein Foto aus dem Koffer. Von links: Horst, Werner, Mutter Elsbeth Behrendt. Etwa 1913 aufgenommen.
Horst trat nach der Vorschule (Grundschule) Ostern 1920 in die Sexta der Leibniz-Oberrealschule in Berlin-Charlottenburg ein. 1926 verließ er die dem Gymnasium gleichgestellte Schule mit der Mittleren Reife. Das Zeugnis ließ Schwierigkeiten erkennen, das Abitur zu bestehen. Bei der Deutschen Bank absolvierte er eine Lehre, nachdem er eine technische Ausbildung bei Siemens in Berlin-Siemensstadt aus gesundheitlichen Gründen schon nach kurzer Zeit abgebrochen hatte. Er spielte Tennis und betätigte sich ehrenamtlich im Roten Kreuz. Den obligatorischen Klavierunterricht beendeten beide Söhne ohne Erfolg. Auch in der nächsten Generation ließ sich keine musikalische Begabung erkennen. Erst Andreas, unser jüngster Sohn, studierte Musikwissenschaft. Er spielt vom sechsten Lebensjahr an Klavier und nimmt seit der Vorbereitung unserer Goldenen Hochzeit 2016 erfolgreich Orgelunterricht.
Der jüngere Bruder Werner bestand das Abitur glänzend. Beim Überreichen des Einser-Abschlusszeugnisses, so meine Oma, habe der Lehrer zu ihm gesagt: „Behrendt, Sie waren der Faulste“. Nach den Vorstellungen des Vaters sollte einer seiner Söhne Medizin studieren, der andere Jurist werden. Bei meinem Vater hatte sich eine solche Karriere durch den Abgang von der Schule ohne Abitur erledigt. Meine Cousine Beate, Werners Tochter, erzählte mir, dass ihr Vater zum Studium der Physik nach München ging, jedoch seine Eltern bis zum Examen im Glauben ließ, er würde Mediziner. Von ihr erfuhr ich auch, dass Werner nicht gut auf seinen Bruder zu sprechen war, weil der wegen seiner intellektuellen Benachteiligung von der Mutter immer die größere Fleischration zugeteilt bekommen hatte. Im Alter von 24 Jahren verfasste Werner seine Dissertation, mit der er gleichzeitig ein Patent erwarb. Die Berliner Staatsbibliothek Berlin hat die drei Seiten umfassende Arbeit meines Onkels Dr. Werner Behrendt archiviert. Er begann seine berufliche Tätigkeit bei der Firma Siemens in Berlin, wechselte zu Agfa Wolfen bei Bitterfeld und nach der Flucht aus der DDR 1950 zu Agfa Leverkusen, wo er bis zum Ruhestand in leitender Stellung arbeitete.
Meine Mutter
Mutti mit mir im Alter von etwa neun Monaten. Leicht beschädigtes Foto aus dem Koffer
Meine Mutter Elfriede Alma Anna Köhn entstammte der Familie eines selbstständigen Zimmermanns aus Groß-Warnow. Der Großvater August Köhn (1861-1945) blickte auf Generationen von Stellmachern zurück und betrieb auf seinem an der Berlin-Hamburger Chaussee liegenden bäuerlichen Anwesen auch selbst eine Stellmacherei. Er war verheiratet mit Dorothea geb. Lüdke (1867-1950) und hatte mit ihr zwei Kinder: Otto Köhn (1886-1937), Elfriedes Vater, und Alma, die Heinrich Röhncke in der Dorfstraße heiratete.
Die Urgroßeltern August und Dorothea Köhn geb. Lüdke mit ihren Kindern Alma, verh. Röhncke, und Otto anlässlich der Goldenen Hochzeit am 24. April 1936 vor ihrem Warnower Haus. Der Hauseingang ist feierlich mit einer Girlande umkränzt. Das von einem Berliner Atelier aufgenommene Foto lag im Koffer.
Otto wurde Zimmermann. Er besuchte in Neustadt/Glewe ein Technikum, das ihn berechtigte, sich mit einem Baugeschäft auf dem elterlichen Anwesen in Groß-Warnow selbstständig zu machen. In den umliegenden Dörfern errichtete er Wohn-, Stall- und Wirtschaftsgebäude, für die er je nach Bedarf Arbeiter engagierte. Die Kassettendecke in der Groß-Warnower Kirche, berichtete meine Mutter immer wieder stolz, sei von der Firma des Vaters eingezogen worden. Auf dem Fachwerk-Dachboden des Warnower Hauses lagen in meiner Jugend noch viele äußerst akkurate Bauzeichnungen meines Großvaters im Format DIN A1. Ich habe mir die Aufrisse oft angesehen, wenn ich dort oben war, und manche Details eingeprägt, zum Beispiel, wie man Fenster und Türen in einen Grundriss einzeichnet.
Otto diente noch als Sanitätssoldat im Ersten Weltkrieg, als er Minna Jenzen (1892-1948) im Februar 1918 heiratete. Minna stammte vom Bauernhof Jenzen im benachbarten Dorf Pinnow, in dessen Altenteil die Großeltern Wilhelm (geb. 7.3.1859) und Luise Jenzen (geb. 2.2.1864), geb. Buck lebten. Über die Linie Buck leitet sich unsere Verwandtschaft in Grabow ab, wo Hugo Buck eine Gärtnerei betrieb. Ob ich die Urgroßeltern in Pinnow noch kennengelernt habe, weiß ich nicht. Minnas Bruder Wilhelm Jenzen jun. und seine Frau Frieda Jenzen bewirtschafteten später den Hof in Pinnow.
Meine Urgroßmutter Dorothea Köhn mit Enkeln zu Besuch in Pinnow. Von links: Dorothea Köhn, Wilhelm Jenzen jun., Otto Köhn jun., fünf Jahre und Elfriede Köhn, sieben Jahre alt, Frieda Jenzen mit Sohn Siegfried auf dem Arm, meine Urgroßeltern Luise und Wilhelm Jenzen sen. vor ihrem Gehöft in Pinnow 1925
Foto des verlobten Paares Minna Jenzen und Otto Köhn aus dem Koffer
In Pinnow wurde am 18. Mai 1918 Elfriede Alma Anna Köhn geboren und kurz darauf in der Pinnower Kirche getauft. Ob die Eltern diesen Namen wählten, weil sie den baldigen Frieden und mit ihm ein gemeinsames Familienleben erhofften? Minna wohnte mit ihrer kleinen Tochter weiterhin bei ihren Eltern. Erst nach Beendigung des Krieges im November 1918 konnte mein Großvater das Elternhaus in Warnow umbauen. So schuf er ein Zuhause für die junge Familie. Er errichtete an der Rückseite einen quer stehenden Anbau, das sogenannte Altenteil. Die Eltern übertrugen Otto und Minna ihr Haus und bezogen das Altenteil. Mit dem Altenteil waren genau geregelte Rechte und Pflichten für beide Seiten verbunden. So erhielten die Eltern regelmäßige Abgaben für ihren Lebensunterhalt und wurden von den Kindern bei schweren Arbeiten unterstützt. Ihrerseits halfen die Eltern in der Landwirtschaft mit und betreuten die Enkel. Am 1. Mai 1920 wurde Elfriedes Bruder Otto geboren.
Elfriede und Otto Köhn. Das Foto fand sich im Koffer.
Der Großvater arbeitete auf dem eigenen Hof als selbstständiger Zimmermann. Ehrenamtlich engagierte er sich als Kirchenältester, im Gemeinderat und in der Freiwilligen Feuerwehr. Die Familie mit seinen Einkünften zu ernähren und die angestellten Arbeiter zu bezahlen erwies sich in der Krisenzeit der Weimarer Republik als schwierig. Meine Mutter erzählte, dass er oft das Geld nicht erhielt, wenn er einen Bauauftrag ausgeführt hatte. Dann musste die Tochter Elfriede zu den Bauern gehen, die dem Vater Geld schuldeten und sie ersuchen, die Schulden zu begleichen, was ihr sehr unangenehm war. Häufig genug speiste man sie mit Ausreden ab, man könne die Rechnung erst bezahlen, wenn ein Schwein geschlachtet oder eine Kuh verkauft worden sei. Immer wieder erlebte sie ihren Vater ratlos, nervös oder laut schimpfend. Oft suchten sie und ihr Bruder in solchen Situationen bei den Großeltern Zuflucht.
Großvater Otto Köhn (zweiter von rechts) mit Arbeitern, die er für das Baugeschäft eingestellt hatte. Durch den Kofferfund besitzen wir das einzige Dokument über die großväterliche Firma.
Konfirmation von Otto (vierter von links) 1934 mit Pastor Kupper vor der Warnower Kirche. Pastor Kupper hat Otto mehrfach geschrieben, als er Soldat in Russland war. Ein paar Jahre nach Abholung des Koffers schickte mir Frau Hildebrandt das Gesangbuch, das Otto zur Konfirmation erhalten hatte. Es ist in schwarzes Leder gebunden und mit dem Schriftzug „Otto Köhn“ in goldener Prägung versehen. Sie hatte es beim Umzug von Groß-Warnow nach Grabow mitgenommen und aufbewahrt.
Familienfoto bei der Einsegnung von Otto Köhn 1934 mit Eltern und Schwester Elfriede. Dahinter die Chaussee mit Töpfer Kotzans Haus, rechts davon das Haus von Gerloffs
So oblag es Ottos Frau Minna, in der Landwirtschaft zum Lebensunterhalt beizutragen. Schon früh hatten Elfriede und ihr Bruder in der Landwirtschaft mitzuhelfen. Meine Mutter klagte noch in späteren Jahren, wie viel und schwer sie schon als Kinder auf dem Feld arbeiten mussten, manchmal bei großer Hitze. Großmutter habe sie getröstet, wenn sie auf dem Feld gar nicht mehr weiter wollten, bald hätten sie es ja geschafft, es sei ja gar nicht mehr viel zu tun. Meine Mutter erinnerte sich auch, dass Großmutter sich, wenn sie auf dem Feld „mal musste“, einfach in ihrem langen schwarzen Warbrock (selbst gewebter grober Leinenrock) hinhockte und ihre in der Mitte geteilte knielange Unterhose nach beiden Seiten auseinander zog, so dass man „gar nichts sah“. Die angespannte finanzielle Situation der Familie bezeugt eine Erzählung meiner Mutter. Sie sei in den Kuhstall gekommen und habe dort ihre Mutter weinend angetroffen. Diese saß auf dem Melkschemel neben der Kuh, die bei der Geburt eines Kälbchens verendet war. Dass der Familie eine wichtige Nahrungsquelle genommen worden war, sei ihr als Kind nicht bewusst geworden.
So verwundert es nicht, dass die Eltern Elfriede nach achtjähriger Schulzeit 1932 trotz sehr guter Zeugnisnoten keine Ausbildung ermöglichen konnten. Sie wäre gern ins Büro gegangen. Stattdessen wurde sie Hausangestellte bei ihrem Lehrer Lawerenz, zu dessen Haushalt zwei heranwachsende Söhne gehörten. Otto jedoch durfte als Kaufmannslehrling nach Perleberg gehen. Er sollte schließlich später eine Familie gründen und ernähren können.
Im Oktober 1936 wechselte Elfriede nach Berlin zu Pastor G. Bremer, Levetzowstraße 12, der mit seiner Familie im Jahr darauf in die Manteuffelstraße 2 umzog. Elfriede machte den Umzug mit. Als wir vor einigen Jahren mit Andreas und Daniel in Lichterfelde das Haus aufsuchten, wunderten wir uns, es nicht neben einer Kirche zu sehen, wie wir erwartet hatten. Recherchen im Berliner Adressbuch von 1936 lösten das Rätsel. Pastor Bremer war kein Gemeindepfarrer, sondern beim Kirchlichen Erziehungsverband der Provinz Brandenburg tätig, einer Einrichtung der Inneren Mission (heute Diakonisches Werk).
Daniel (links) und Andreas vor dem Haus Manteuffelstraße 2, Lichterfelde 2010, unweit der damaligen Wohnung von Andreas’ Familie im Tietzenweg
Obwohl Elfriede den großstädtischen Komfort zu schätzen wusste, fühlte sie sich gerade in der ersten Zeit oft sehr einsam, wie sie erzählte. In einem winzig kleinen Zimmer neben der Küche fand sich nur Platz für ein Bett und eine Kommode, wie für Dienstpersonal in Berlin üblich. Der Blick aus dem Fenster des Mietshauses in der Levetzowstraße fiel auf einen Innenhof, den mehrstöckige Mietshäuser einengten. Manchmal habe sie geweint, wenn der Leierkastenmann im Hinterhof seine wehmütigen Melodien erklingen ließ.
Anderthalb Jahre später, im März 1938, wechselte Elfriede den Dienst. Sie wurde Hausangestellte bei der Familie Bruno Behrendt in Schöneberg, Wexstraße 2. Auch diese dritte Stelle ist im Arbeitsbuch dokumentiert, das sich im Koffer fand.
Arbeitsbuch von Elfriede Köhn. In die Ecken der Vorderansicht sind Hakenkreuze eingefügt.
Es erwies sich als beträchtlicher Mangel, dass meine Mutter bei der Flucht ihr Arbeitsbuch zurückgelassen hatte. Denn die Bundesversicherungsanstalt benötigte amtliche Nachweise für die Berufsjahre, die für die Rente anrechnungsfähig waren. Glücklicherweise halfen eidesstattliche Erklärungen von Personen, die in der Bundesrepublik wohnten.
Im Arbeitsbuch sind Elfriedes drei Stellen als Hausangestellte vermerkt. Bei Behrendts endet der Dienst offiziell am 31. Juli 1938, nachdem sie den Sohn der Familie am 20. Juli geheiratet hatte.
Ich erinnere mich, dass ihr eine Bescheinigung von der Tochter Pastor Kuppers ausgestellt wurde, die in Bremen lebte, und die andere wahrscheinlich von ihrer Jugendfreundin Herta Henschel, der in Hamburg verheirateten Tochter von Tischler Plückhahn. Sie besuchte uns immer, wenn sie mit ihrem Mann und dem Töchterchen Elke bei den Eltern in Groß-Warnow zu Besuch weilte. Ich spielte dann mit der ein Jahr jüngeren Elke in Hof und Garten.
