Der Kompass zum lebendigen Leben - Andreas Tiedtke - E-Book

Der Kompass zum lebendigen Leben E-Book

Andreas Tiedtke

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Beschreibung

Aus welchem Grund handeln Sie? Was motiviert Sie, die Ziele zu erreichen, die Sie sich gesteckt haben? Und wie wirkt sich Ihr Handeln auf andere aus, auf Ihre Familie, Freunde oder die Gesellschaft – und was ist »die Gesellschaft« überhaupt? Auf diese und weitere Fragen kann Ihnen die Logik des Handelns (Praxeologie) Antworten geben – und zwar ausgehend von einer Grundannahme: dass der Mensch handelt. Er setzt Mittel ein, um Ziele zu erreichen. Mit Hilfe der Praxeologie können wir von vornherein einordnen, welches Handeln in Bezug auf unsere Mitmenschen feindlich, freundlich oder zumindest friedlich ist. Und wir können Grundsätze formulieren, bei deren Beachtung sich ein friedliches und freundliches Zusammenleben mit unseren Mitmenschen ergibt. Die Praxeologie ist für den Einzelnen ein Kompass zum lebendigen Leben, weil sie darlegt, wie wir mit unseren Mitmenschen friedlich und freundlich zusammenleben können. Sie zeigt zudem auf, welche Prinzipien das Handeln bestimmen, dass die Zukunft ungewiss ist, Fehler nie beabsichtigt und Werturteile subjektiv sind. Auch verschiedenen gesellschaftlichen Ideologien, wie Sozialismus, Kapitalismus, Nationalismus oder Sozialdemokratie, geht der Autor aus handlungslogischer Sicht auf den Grund.

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Seitenzahl: 803

Veröffentlichungsjahr: 2021

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ANDREAS TIEDTKE

DER KOMPASS ZUM LEBENDIGEN LEBEN

ANDREAS TIEDTKE

DER KOMPASS ZUM LEBENDIGEN LEBEN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Originalausgabe, 2. Auflage 2026

© 2021 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Redaktion: Matthias Michel

Korrektorat: Anke Schenker

Umschlaggestaltung: Pamela Machleidt, München

Umschlagabbildung: Shutterstock/Zerbor

Satz: Röser MEDIA GmbH & Co. KG, Karlsruhe

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-445-6

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-834-8

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-835-5

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

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Meinem Liebchen und meinen Lieben.Mögen sie in Frieden und Freiheit leben!

INHALT

Vorwort

Einleitung

Anmerkungen Vorwort und Einleitung

Kapitel I Praxeologie – die Logik des Handelns

1. Schlussfolgerungen aus einer selbsterklärenden Tatsache

2. Abgrenzung: Die erfahrungsbasierten Handlungswissenschaften – Verstehen I (a posteriori)

3. Mathematik, Logik und die Naturwissenschaften

4. Wissenschaften mit »kombinierter Methodik« – Verstehen II (informiertes Mutmaßen)

5. Mit Popper gegen Popper – die empirischen Sozialwissenschaften (Social Engineering) sind Verstehen und nicht Naturwissenschaften

Anmerkungen zu Kapitel I

Kapitel II Grundsätze der Praxeologie

1. Der Handelnde (das Individuum)

2. Der »freie« (unbehinderte) Wille (unterschiedlich und ungewiss)

3. Mittel und Ziele (instrumental und final)

4. Werturteile – Subjektivität des Wertens und Wollens (der Wurm muss nicht dem Angler schmecken)

5. Unsicherheit – die Ungewissheit der Zukunft als Voraussetzung des Handelns

6. Kosten und Profit – psychische Phänomene

7. Zeitpräferenz – Wenn nicht jetzt, wann dann?

8. Unumkehrbarkeit (Irreversibilität)

9. Vorläufigkeit

10. Unvermeidlichkeit (alles, was geschehen ist, musste geschehen)

11. Grenznutzen und Grenzleid – mehr ist weniger mehr

12. Unternehmer – freundliche und feindliche (politische) Unternehmer

Anmerkungen zu Kapitel II

Kapitel III Die Anwendung der Praxeologie auf den historischen Einzelfall

1. Praxeologische Kategorien versus Idealtypen und Realtypen

2. Das Verstehen des Einzelfalls (eigentümliches Verstehen/Intuition)

3. Informiertes Mutmaßen

4. Übersicht

Anmerkungen zu Kapitel III

Kapitel IV Proto-Handeln und Meta-Handeln

1. Handeln und Verhalten – Wollen und Wählen

2. Vererbtes und erlerntes Verhalten – Mit Gangschaltung oder mit Automatik?

3. Das Handeln von Kleinkindern oder Tieren – Proto-Handeln

4. Die handelnde »Einheit« – das Lebewesen und seine Evolution

5. Handeln über Handeln – Meta-Handeln

6. Einstellungen und Überzeugungen – Wer ist der »Vater des Gedankens« (Entschlusses)

7. Gedanken, Gefühle und Emotionen

8. Sigmund Freud, Psychotherapie und Psychiatrie versus ungünstige Einstellungen und Überzeugungen

9. Wahnfried – wo mein Wähnen Frieden fand

10. Übersicht: Von der Einstellung zur Lebensgeschichte

Anmerkungen zu Kapitel IV

Kapitel V Besitz – Handeln mit Sachen

1. Haben – tatsächliche Gewalt (Kontrolle) über eine Sache

2. Revier und Territorium (Proto-Besitz)

3. Früherer Besitz

4. Unterschiedlicher Besitz

5. Unmittelbarer und mittelbarer Besitz

6. Besitz und Eigentum – Abgrenzung

7. Geld – Gut oder Schein-Gut?

Anmerkungen zu Kapitel V

Kapitel VI Zwischenmenschliches und autistisches Handeln

1. Abgrenzung – ich alleine oder du mit mir?

2. Zwischenmenschliches Handeln – miteinander oder gegeneinander

3. Autistisches Handeln – nicht Rainman, sondern ohne dich

Anmerkungen zu Kapitel VI

Kapitel VII Soziales (friedliches und freundliches) und asoziales (feindliches) Handeln

1. Friedlich, freundlich, feindlich und gefährlich – der Pareto-Test

2. Pareto-Kriterien

3. Soziales Handeln (friedliches und freundliches Handeln)

4. Asoziales (feindliches und gefährliches) Handeln

5. Übersicht: Menschliches Handeln: freundlich – feindlich – friedlich

Anmerkungen zu Kapitel VII

Kapitel VIII Freiheiten, Rechte und Gewalt

1. Subjektivität des Rechts – jeder trägt sein Gesetz in sich

2. Freiheiten – die Möglichkeit, zu wählen

3. Gewalt – eine Handlung »vermögen«

4. Verantwortung – die Reaktion der anderen auf mein Handeln

5. Rechte und Pflichten – freiwillige Beschränkungen der Freiheit

6. Herrschaft – Behinderung der Freiheit anderer durch Täuschung, Drohung, Zwang und Gewalt

7. »Selbstherrschaft« – doppelte Schizophrenie

8. »Herrschaft« der Mehrheit

9. Herrschaft einer von der Mehrheit gewählten Gruppe (repräsentative Demokratie)

10. »Rechtmäßige Herrschaft« – eine gerade Kurve (Oxymoron)

11. Sabotage

12. Frieden

Anmerkungen zu Kapitel VIII

Kapitel IX Eigentum

1. Eigentum als Privileg (Vorrecht)

2. Eigentum als Recht

3. Monopol – Freiheit, Privileg oder Recht

4. Geistiges Eigentum

Kapitel X Verteidigung, Wiedergutmachung und Vergeltung

1. Verteidigung

2. Wiedergutmachung

3. Vergeltung

4. Fahrlässiges Handeln

5. Strafe, Schuld und Sühne

6. Verteidigung, Wiedergutmachung und Vergeltung als Rechte

7. Übersicht: Verteidigung, Wiedergutmachung und Vergeltung

Anmerkungen zu Kapitel X

Kapitel XI Befehl und Ausweichen – die Zwangsspirale

1. Der Mensch als Maschine – das Drehen an der Schraube

2. Befehl und Ausweichen – falsch gedacht

3. Beispiele

4. Die Zwangsspirale – vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Anmerkungen zu Kapitel XI

Kapitel XII Die Wahl zwischen feindlichem und friedlichem Handeln

1. Das Primat der Politik (feindliches Handeln) – der Gewaltige schafft an

2. Der Mehrertrag der Arbeitsteilung – vom Nutzen und Schaden der anderen

3. Kapitalgüter – Mehrertrag bei gleicher Arbeit

4. Feindliches Handeln versus friedliches Handeln – wessen Wille geschehe?

5. Logische Grenzen: Die Erschöpfung oder Verweigerung der Überschuss-Produzenten

6. Ent-Täuschung der Bedrohten – das Sichtbarwerden der Gewalt

Anmerkungen zu Kapitel XII

Kapitel XIII Unterschiede und Gegensätze zwischen friedlichem und feindlichem Handeln

1. Güter versus Ungüter

2. Gewinn aus freundlicher versus Gewinn aus feindlicher Handlung

3. Erzwungene Hierarchie versus freundliche Hierarchie – zentripetale und zentrifugale Organisation konzertierten Handelns

4. Zölle versus Freihandel, Nationalismus versus patriotische Gesinnung

5. Kapital versus Macht

6. Kapital versus Kapital-Ismus

7. Geldgier versus Machthunger

8. Werbung versus Propaganda (Legitimismus)

9. Selbstverteidigung versus Gewaltmonopol

10. Wählen versus Abstimmen

Anmerkungen zu Kapitel XIII

Kapitel XIV Widerlegung populärer Irrtümer (falsche Meme)

1. Gemeinnutz vor Eigennutz

2. Öffentliche Güter (insbesondere Wege) – kann nur der Staat

3. Die Reichen haben auf Kosten der Armen

4. Ohne Staat wären die Armen ärmer

5. Es ging uns noch nie so gut wie heute

6. Grenzen des Wachstums und Überpopulation – Es gibt zu viele Menschen

7. Knappheit der Ressourcen und Flächenfraß – die Menschen verbrauchen zu viel

8. Nullsummenspiel und Notwendigkeit der Umverteilung

9. Waldsterben und menschengemachter Klimawandel – ohne politische Unternehmer zerstören die Menschen die Erde!

10. Umweltschutz – es braucht politische Unternehmer für die Umwelt

11. Pandemie-Bekämpfung – es braucht politische Unternehmer, um eine Pandemie zu »bekämpfen«

12. Gleichheit für alle (Equiproportionalität – Ungleichheit für Gruppen) ist ein moralisches Ziel

13. Ohne Zinsmanipulation zu wenig Arbeitsertrag

14. Digitalisierung – die Arbeit geht »uns« aus

15. Facharbeitermangel – es gibt zu wenige Arbeiter

16. Bedingungsloses Grundeinkommen – niemand sollte arbeiten müssen

17. Ein bisschen Inflation ist gut – gut für wen?

18. Solidarität erfordert Zwang und Gewalt

19. Schutz vor Diskriminierung erfordert politisches Unternehmertum

20. Sozialdemokratie – Abstimmen und Umverteilen sind gut

21. Sozialismus – Umverteilen ohne Abstimmen

22. Something-for-nothing-Prinzip – von Einhörnern produzierte Güter

23. Steuern sind der Preis, den Menschen dafür zahlen, in einer zivilisierten Gesellschaft zu leben

Anmerkungen zu Kapitel XIV

Kapitel XV Die Gesellschaft als Herrschafts- oder Friedensordnung

1. Die Gesellschaft und die gesellschaftlichen Verhältnisse

2. Herrschaft oder Frieden – du kannst nicht beides haben

3. Verteidigung gegen Angriffskoalitionen: Verteidigungskoalitionen – von den United Nations zu den »United People«, vom internationalen zum interpersonalen Friedensrecht

4. Die drei Säulen eines Friedensvertrages

5. Ein Gesellschaftsvertrag als Friedensvertrag – eine Verteidigungskoalition der Willigen

6. Mögliche Umsetzung einer Friedensordnung

7. Auch bei Frieden – Kein Paradies auf Erden

Anmerkungen zu Kapitel XV

Kapitel XVI Regeln (Verkehr, Sprache, Sitte)

1. When in Rome, do as the Romans do?

2. Selbstverstärkende Regeln

Anmerkungen zu Kapitel XVI

Kapitel XVII Praxeologie und praxeologisch informierte Psychologie im Alltag

1. Das Ausweichverhalten des Menschen vor dem lebendigen Leben (Wähnen und Einbilden)

2. Neurose und Psychose aus der Sicht der praxeologisch informierten Psychologie

3. Sozialer (freundlicher) und asozialer (feindlicher) Umgang mit anderen

4. Das Ändern von Einstellungen und Überzeugungen in praxeologisch informierte Einstellungen und Überzeugungen

5. »Gelassenheit« oder psychisches Gleichgewicht – nur Nicht-Handelnde haben keine Probleme

6. Praxeologie – der Kompass in Richtung lebendiges Leben (Hier und Jetzt)

Anmerkungen zu Kapitel XVII

Kapitel XVIII Zusammenfassung

Anmerkungen zu Kapitel XVIII

Anhang

1. Großer »praxeologischer Psycho-Test« und Einstellungsübungen

2. Praxeologisch informierte Psychologie, Yoga und Wu wei

3. Praxeologische Schlussfolgerungen

4. Beispiele performativer Widersprüche

5. Beispiel eines Gesellschaftsvertrages, den Einzelne freiwillig eingehen könnten

Anmerkungen zum Anhang

Literaturverzeichnis

Danksagungen

VORWORT

An wen richtet sich dieses Buch, für wen ist es gedacht? Das ist einfach beantwortet: für jedermann, nicht nur für Experten der Praxeologie (von denen es sowieso nur eine Handvoll geben mag) oder Ökonomen, die sich mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie beschäftigen, ebenso wenig nur für Soziologen, sondern für alle, die sich für den Menschen in der Gesellschaft interessieren. Alles, was Sie benötigen, um dieses Buch zu verstehen, sind Aufmerksamkeit und Interesse – ansonsten ist kein spezielles Vorwissen erforderlich.

Auf mehrfache Anregung während der Entstehung des Buches habe ich einige fachund fremdsprachliche Wörter ins Deutsche übersetzt. Ich gebe oft neben dem deutschen Wort auch das fremdsprachliche Wort an oder umgekehrt, und wenn es sinnvoll und praktisch erscheint, erläutere ich das fremdsprachliche Wort in Klammern.

Die Praxeologie als Logik vom Handeln ist für jedermann informativ, nicht nur für Wirtschaftswissenschaftler, Ethologen oder Soziologen. Das Wort Praxeologie ist eine Zusammensetzung der griechischen Wörter Praxis (Handlung) und Logos (Lehre, Wissenschaft, Logik). Die Praxeologie beantwortet grundsätzliche Fragen: Was kann von vornherein über menschliches Handeln ausgesagt werden, ohne dass es Erfahrungstatsachen bräuchte, dies zu bestätigen? Was gilt immer und überall für jedes menschliche Handeln im Hinblick auf Zeit, Wert und Nutzen? Die Praxeologie ist auch für die Erfahrungswissenschaften der Verhaltensbiologie oder der Psychologie informativ. So können Sie in diesem Buch sowohl etwas über das Monopol als auch über Ihren »Wert« als Mensch herausfinden. Sie können einordnen, welche Art von Handeln bei Ihren Mitmenschen – von vornherein – welche Reaktionen auslösen wird.

Der Schwerpunkt dieses Buches liegt im gesellschaftlichen Bereich. Mit der Praxeologie können wir generelle, allgemeingültige Aussagen über menschliches Zusammenleben machen. Das Buch betrachtet aber auch den Bereich der Familie und Freundschaft und den »Umgang mit sich selbst«.

Vieles, was Sie im Folgenden lesen werden, kann oder mag tief sitzenden, vielleicht unbewussten Einstellungen und Überzeugungen widersprechen, die Sie schon lange haben. Das kann dazu führen, dass Ihnen manche Ausführungen gefühlsmäßig so widerstreben, dass Sie innerlich dagegen »rebellieren«. Die Praxeologie ist als Wissenschaft wertfrei; wenn Ihnen also etwas »aufstößt«, können Sie versuchen, einen kühlen Kopf zu behalten und weiterzulesen. Als »Jüngste der Wissenschaften« ist die Praxeologie heute den meisten Menschen überhaupt kein Begriff. Erst ihr Begründer, der österreichische Jurist und Wirtschaftswissenschaftler Ludwig von Mises, stellte in den 1920er- und 1930er-Jahren fest, dass viele ökonomische Thesen nicht empirisch (durch Erfahrung) testbar sind, sondern von vornherein gelten, immer und überall für alle Handelnden. Ihm fiel auch auf, dass dies nicht nur für den Bereich der Ökonomie gilt, sondern für menschliches Handeln allgemein, weshalb er die Ökonomie als einen Teilbereich der Praxeologie bezeichnete.

Wenn Sie also von der Praxeologie bislang nichts gehört haben oder nur die ökonomischen Aussagen der Praxeologie, aber nicht den Begriff und die theoretischen Grundlagen kennen, wird Ihnen in diesem Buch viel Neues begegnen.

Es handelt sich um ein Sachbuch, das »didaktisch« aufgebaut ist. Zunächst stehen die Grundsätze, dann kommen grundsätzliche Schlussfolgerungen und schließlich zahlreiche Beispiele und die Widerlegung populärer Irrtümer. Das Buch ist rekursiv (rückführend) aufgebaut. Sie können sich das vorstellen wie eine Helix oder einen Wirbel: Es ist ein Fortschreiten unter wiederkehrender Rückführung auf die Grundbegriffe und grundsätzlichen Schlussfolgerungen. Es werden also nicht anfangs groß und breit alle Aspekte dargelegt und dann geht es vom Allgemeinen zum immer Konkreteren, sondern je weiter man im Begreifen und Erfahren fortschreitet, desto »tiefer« wird eingestiegen. Rekursion in diesem Sinne heißt also nicht »nur« wiederholen, in etwa in dem Sinne: Lerne und wiederhole alle Vokabeln und alle Grammatik; sondern rekursiv bedeutet in diesem Sinne vor allem vertiefen und in unterschiedlichen Aspekten begreifen.

Am Ende des Buches beschreibe ich, wie eine praxeologische Ordnung, die wir von vornherein als friedlich und freundlich beschreiben können, aussehen könnte, und erläutere Grundsätze eines freundlichen Gesellschaftsvertrages, der also nicht nur vorgestellt ist oder den Sie unterschreiben müssten oder sollten, sondern eines Gesellschaftsvertrages, den sich die Mitmenschen tatsächlich zum Unterzeichnen gegenseitig vorlegen könnten, in der Erwartung, dass andere diesen freiwillig unterschreiben.

Zudem folgen am Ende ganz praktische Tipps, wie Sie die Erkenntnisse der Praxeologie in ihrem eigenen Leben im Hinblick auf Ihren Umgang mit Freunden und Familie und allen anderen Menschen und im Hinblick auf Ihre eigenen Einstellungen und Überzeugungen anwenden könnten, wenn Sie es denn möchten.

Im Anhang schließlich befindet sich eine praxisnahe Einstellungsübung der praxeologisch informierten Psychologie, die sie tagtäglich verwenden können, es werden praxeologische Aspekte von Yoga und Yin Yang (Dao De Jing) erläutert sowie ein Beispiel eines fiktiven, freundlichen Gesellschaftsvertrages gezeigt.

Noch eine Anmerkung, die im Folgenden an einigen Stellen auch wiederholt wird. Die Praxeologie als Wissenschaft ist wertfrei und lediglich beschreibend. Sie ist nicht vorschreibend, also nicht normativ. Aus ihr folgt – wie aus allen anderen Wissenschaften – nicht, was getan werden sollte. Wenn beispielsweise ausgesagt wird, dass eine bestimmte Art zu handeln von vornherein feindlich oder asozial ist im Hinblick auf die Mittel und die Auswirkungen bei anderen Personen, enthält diese Feststellung kein moralisches Statement. Aus der Praxeologie als Wissenschaft folgt nicht, dass beispielsweise parasitäres Verhalten, also Leben auf Kosten und zu Lasten anderer, unterbleiben sollte.

Die Praxeologie als Wissenschaft beschreibt lediglich, dass es so ist, dass einige auf Kosten anderer vorankommen, aber das ist in der Ökologie der Erde nichts Ungewöhnliches. Es gibt symbiotische Kooperation und es gibt parasitäre Aggression. Leben lebt von Leben. Zumindest die Struktur von Pflanzen muss aus der Sicht eines Menschen zerstört werden, will der Mensch weiterleben, und viele Menschen essen auch Tiere. Ein Biologe, der beschreibt, wie ein Löwe ein Gnu reißt, meint wohl kaum, dass der Löwe anders handeln sollte. Und ebenso wenig enthält die Beschreibung eines Praxeologen ein Moral- oder Werturteil, wenn er beispielsweise aufzeigt, wie ein politischer Akteur sich feindlich gegenüber seinen Mitmenschen verhält und seine Struktur auf Kosten und zu Lasten dieser aufrecht erhält.

EINLEITUNG

Die Epoche der Aufklärung gilt als das Zeitalter der Vernunft und der Wissenschaft, die eine (natur-)wissenschaftliche Betrachtung der Dinge ins Rollen brachte, durch welche sich das Weltbild der Menschen änderte. Isaac Newton (1643–1727) erkannte konstante Relationen (gleichbleibende Zusammenhänge) zwischen messbaren physikalischen Größen. Charles Darwin (1809–1882) postulierte, dass Abstammung mit Veränderung einhergeht (descent with modification). Adam Smith (1723–1790) und David Ricardo (1772–1823) entdeckten »Gesetzmäßigkeiten« im wirtschaftlichen Handeln und Immanuel Kant (1724–1804) formulierte, dass es neben dem Erfahrungswissen auch aprioristische Erkenntnis gebe.

Fortan wurden religiöse Schriften nicht mehr dahingehend interpretiert, welchen (metaphorischen) Bedeutungsgehalt sie für das menschliche Handeln haben, sondern auch aufgefasst als wortwörtlich zu verstehende Beschreibungen von Naturereignissen und konkreten historischen Vorgängen. Biblische Texte wurden mit der Methodik der Naturwissenschaften kritisiert. Die Dogmen der Kirchen wurden nicht mehr als allgemeingültig akzeptiert, sondern konnten von jedermann mittels Vernunft kritisiert werden. Friedrich Nietzsche (1844–1900) formulierte: Gott ist tot – und wir haben ihn getötet, und Fjodor Dostojewski (1821–1881) lässt einen der Protagonisten in seinem Roman Die Brüder Karamasow sinngemäß sagen: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.

Der »Tod Gottes« wurde dabei keineswegs von den »Aufklärern« als feierliches Ereignis angesehen. Wenn die hergebrachten Regeln der Religionen keine Allgemeingültigkeit mehr beanspruchen konnten, was sollte dann als richtig oder recht gelten? Und wer sollten der oder die Bestimmer sein, die sagen, was gilt? Der herausragende Ökonom der Österreichischen Schule der Nationalökonomie Ludwig von Mises (1881– 1973) beschrieb den Umbruch, den die Aufklärung im Hinblick auf die Ideen, Einstellungen und Überzeugungen der Menschen auslöste, wie folgt:

»Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Götzenbild, in dessen Furcht die Menschheit Jahrtausende gelebt hat, zerstört wird und der zitternde Sklave auf einmal die Freiheit erlangt. Was bisher galt, weil Gott und das Gewissen es befahlen, soll nun gelten, weil man es selbst gelten lassen kann, wenn man will.

Was als Tabu, als heilige Satzung, gegolten hat, soll nun gelten, weil man es als dem Wohle der Menschen zuträglich erachtet. Und es konnte nicht ausbleiben, dass man auch diesen Umsturz des Geltungsgrundes zum Anlass nahm, um zu prüfen, ob die Normen, die bisher gegolten haben, auch wirklich förderlich seien, oder ob man sie nicht etwa beseitigen könnte.

Im Innenleben des Einzelnen löst die Unausgeglichenheit dieses Kampfes schwere Erschütterungen aus, die dem Arzte unter dem klinischen Bilde der Neurose bekannt sind. Sie ist die charakteristische Krankheit unserer Zeit des moralischen Überganges, der geistigen Reifeperiode der Völker. Im gesellschaftlichen Leben wirkt sich der Zwiespalt in den Kämpfen und Irrungen aus, die wir schaudernd miterleben. Wie es für das Leben des einzelnen Menschen von entscheidender Bedeutung ist, ob es ihm gelingt, aus den Wirren und Ängsten der Reifezeit heil und kraftvoll hervorzugehen, oder ob er Narben davonträgt, die ihn dauernd an der Entfaltung seiner Fähigkeiten hindern, so ist für die menschliche Gesellschaft nichts wichtiger als die Art und Weise, wie sie die Kämpfe um das Organisationsproblem überstehen wird.«1

Die Aufklärung hatte sowohl eine persönliche wie auch eine »gesellschaftliche« Zeitenwende zur Folge. Dieser Umbruch war – und ist! – ein gewaltiger. In der Folge der Aufklärung entstanden »Ersatzreligionen«, die sogenannten Ideologien, allen voran: Sozialismus, Nationalismus, Faschismus und Kommunismus, vorgestellte Konzepte (Gedankenbilder), wie das gesellschaftliche Zusammenleben zu organisieren sei. Oft ließen die Verfechter solcher Ideologien Kritik ebenso wenig zu wie vor ihnen die Kirchen. Millionen von Menschen fanden ihren Tod unter der Ägide von »Social Engineering Projekten« zur Verwirklichung eines besseren Menschen (Meliorismus) oder neuer paradiesischer Zustände (Utopia).

Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti (1895–1986) erkannte, dass die zu seiner Zeit ihm bekannten Möglichkeiten gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Problemlösungen nicht ausreichen, um die gesellschaftlichen Probleme, die er auf die Menschheit zukommen sah, zu bewältigen:

»Uns steht eine Krise ungeahnten Ausmaßes bevor. Eine Krise, die Politiker nie im Stande sein werden, zu bewältigen, weil ihre Einstellungen und Überzeugungen nur ein eingegrenztes Denken ermöglichen.«2

Die heutigen Wissenschaftler würden diese Krise nicht bewältigen können, meint Krishnamurti. Und auch »die Wirtschaft«, wie er sie kennt, sieht er dazu nicht in der Lage.

»Der Umschlagpunkt, das scharfsinnige Urteilsvermögen, die Herausforderung liegen weder im Bereich der Politik noch in den Bereichen der Religion oder der Wissenschaft – sie liegen im Bereich des Geistes. Man muss in der Lage sein, den aktuellen Geisteszustand der Menschheit, der uns hierhergebracht hat, zu verstehen.«3

Die jüngste der Wissenschaften, die logische Handlungswissenschaft (Praxeologie), ermöglichte erstmals, dass der Mensch mit einer theoretischen, nicht auf Erfahrung basierenden, sondern auf logischen Schlussfolgerungen beruhenden Wissenschaft die Ökonomie, also die Gesetze des Marktes und des Wirtschaftens, begreifen konnte. Denn die empirische Naturwissenschaft konnte zwar erklären, wie sich physikalische Größen, die man messen und wiegen kann, zueinander verhalten. Aber dem »Universum«, also physikalischen Vorgängen, sind Ziele (Finalität) fremd; wir können mit naturwissenschaftlichen Mitteln nichts herausfinden über die Motive und Ziele des »Unbewegten Bewegers«. Die Methode der Naturwissenschaften war also ungeeignet, das menschliche Handeln, das Wählen von Mitteln und Zielen zur Verminderung der Unzufriedenheit, zu beschreiben. Und mit den Geschichtswissenschaften können keine Beweise erbracht werden, wie dies mit den Methoden der Naturwissenschaften, der Mathematik oder der Logik möglich ist, da die Methode der Geschichtswissenschaft das sogenannte eigentümliche Verstehen ist, also das Interpretieren von Daten der Vergangenheit mithilfe von Bedeutsamkeitsurteilen (wie bedeutsam war Ereignis A für Ereignis B), und mit dieser Methode können zwei Menschen, die über dieselben Daten verfügen, zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen, ohne dass objektiv (nach einem unpersönlichen Standard) entschieden werden könnte, welche Einschätzung die »zutreffende« ist. Die Ergebnisse, die die Methode des eigentümlichen (individuellen) Verstehens hervorbringt, sind also intersubjektiv (zwischen zwei Handelnden) nicht zwingend beziehungsweise nicht intersubjektiv testbar wie die Hypothesen (Annahmen) der Naturwissenschaften.

Mit der A-priori-Handlungswissenschaft Praxeologie konnten nun jahrhundertealte Rätsel gelöst werden, zum Beispiel wie die Dinge ihren Wert erhalten, warum Diamanten »wertvoller« sind als Wasser, obwohl doch Wasser lebensnotwendig ist. Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns, wie beispielsweise das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens, das Gesetz des komparativen Vorteils (allgemeiner formuliert: das Gesetz des Vorteils oder Mehrertrags der Arbeitsteilung oder Spezialisierung) oder das Gesetz der abnehmenden Erträge wurden entdeckt und beschrieben.

Die Aufklärung ist kein abgeschlossener, zeitlich eingrenzbarer Prozess. Wir stecken mitten drin. Außerhalb des Bereichs der Ökonomik ist es bislang zu keiner theoretischen A-priori-Wissenschaft der gesellschaftlichen Organisation gekommen. Der Hauptvertreter der Handlungswissenschaft Ludwig von Mises schrieb hierzu 1949 in seinem Grundwerk Human Action:

»Es wäre unsinnig, apodiktisch zu behaupten, dass es der Wissenschaft niemals gelingen wird, eine praxeologische aprioristische Lehre der politischen Organisation zu entwickeln, die an die Seite einer rein historischen Disziplin der Politikwissenschaft eine theoretische Wissenschaft stellt. Alles, was wir sagen können, ist, dass kein lebender Mensch weiß, wie eine solche Wissenschaft gebaut werden kann.«4

Bis heute bedienen die Menschen sich der oben beschriebenen Methode des eigentümlichen Verstehens für die Untersuchung zwischenmenschlichen Handelns, von der Hauptstrom- (oder Mainstream-)Ökonomie, die Mises als »Wirtschaftsgeschichte« beschrieb, über die Psychologie5, die Soziologie und die Geschichtswissenschaften bis hin zu den Politikwissenschaften. Verstehen ist die Methode, die alle Menschen anwenden, wenn es um die Interpretation (Deutung) vergangener Ereignisse der Menschheitsgeschichte und um die Voraussage künftiger Ereignisse geht. Wenn es also darum geht einzuschätzen, wie sich Kunden, Freunde, Familienmitglieder verhalten, greifen wir auf Daten aus der Vergangenheit (Erfahrungen) zurück und versuchen, ihre Aktionen und Reaktionen abzusehen. Welche Einstellungen und Überzeugungen haben diese Menschen? Was bewegt sie? Welche Rückschlüsse auf ihre Ideen und Bedürfnisse kann ich aus ihren Handlungen der Vergangenheit für ihre Handlungen der Zukunft ziehen?

Die Entdeckung und Abgrenzung des eigentümlichen Verstehens gehören zu den wichtigsten Beiträgen der modernen Erkenntnistheorie. Der Anwendungsbereich von eigentümlichem Verstehen ist das geistige Erfassen von Phänomenen, die nicht vollkommen mit den Mitteln der Logik, der Mathematik, der Praxeologie und der Naturwissenschaften aufgeklärt werden können, insoweit sie von diesen Wissenschaften eben nicht erschöpfend erklärt werden können.6

Die Frage ist also, ob uns die A-priori-Handlungswissenschaft Praxeologie außerhalb des gut untersuchten Bereichs der Ökonomie auch Gesetzmäßigkeiten aufzeigen kann im Hinblick auf den zwischenmenschlichen Umgang, insbesondere im Hinblick auf die »politische Organisation«? Können wir Aussagen über die gesellschaftliche Organisation des Menschen treffen, die nicht lediglich zum Bereich des Meinens und Dafürhaltens gehören, sondern die denknotwendig und von vornherein (a priori) gültig sind?

 

Anmerkungen Vorwort und Einleitung

1 Mises, Die Gemeinwirtschaft, 1932, S. 478 f.

2 Krishnamurti, 1981.

3 Krishnamurti, 1981.

4 Mises, Letztbegründung der Ökonomik, 2016, S. 134.

5 Sofern sie nicht Naturwissenschaft ist, also dort, wo Introspektion und spezifisches Verstehen angewendet werden, um das Befinden und Verhalten von Menschen zu erkunden.

6 Mises, Human Action, 1949, S. 50.

KAPITEL I

PRAXEOLOGIE – DIE LOGIK DES HANDELNS

1. Schlussfolgerungen aus einer selbsterklärenden Tatsache

Die Praxeologie beschäftigt sich mit Schlussfolgerungen ausgehend von der selbsterklärenden Tatsache, dass der Mensch handelt. Man kann nicht bestreiten, dass der Mensch handelt, ohne selbst zu handeln, denn Bestreiten ist Handeln. Das »Fundament« der Praxeologie, nämlich dass der Mensch handelt, kann also nicht sinnvollerweise bestritten werden.

Beim Handeln hat es der Mensch mit zwei Denkkategorien (Klassen) zu tun: mit Kausalität (Ursache und Wirkung; wenn – dann) und mit Teleologie oder Finalität (Abzielen auf etwas; um – zu). Das heißt, der Mensch setzt Mittel ein (instrumental), um Ziele zu erreichen (final). Ein Denken außerhalb dieser Kategorien bleibt handelnden Menschen verwehrt. Wir können uns nicht vorstellen, dass etwas »ursachlos« geschieht, also »aus dem Nichts heraus«. Nichts ist ja gerade etwas, das nicht existiert, also überhaupt nicht ist. Und auch eine Ursache außerhalb des Universums ist nicht möglich, da das Universum ja als das beschrieben wird, was ist, also alles, was ist.

Gehen wir von Kausalität aus, teilen die Geschehnisse also in Ursachen und deren Wirkungen auf, so bleibt uns die letzte Ursache einer Abfolge von kausalen Ursachen und Wirkungen immer verborgen. Kausalität führt denknotwendig zu einem regressum ad infinitum, zu einem Zurückgehen »ins Unendliche«. Bei der Urknall-Theorie gehen die Naturphilosophen und theoretischen Physiker davon aus, dass das Universum einen Anfang hatte und das am Anfang des Universums eine sogenannte »Singularität« (Einzigartigkeit) vorhanden gewesen war, aus der sich das uns bekannte Universum dann entwickelt hat. Immer weiter zurückzugehen und zu fragen, was war vor dieser Singularität, was hat zu dieser Singularität geführt, ist unter dem Aspekt nicht sinnvoll, weil immer ein weiteres Mal gefragt werden kann, was die Ursache für jene Wirkung war. Sie kennen dies vielleicht von der berühmten »Warum-Frage«, die Kinder ihren Eltern stellen. Es gibt immer noch ein weiteres »Warum«, das »Spiel« kann nie zu Ende gespielt werden. Letztlich kommt man zu dem Schluss, dass Existenz, also das Sein, aus sich selbst hervorgegangen sein muss, da es ein Nicht-Sein, eine Nicht-Existenz per definitionem nicht gibt und nicht geben kann. Für Existenz gibt es also weder einen Anfang noch ein Ende; Existenz ist selbst eine Singularität in dem Sinne, da ihr Gegenteil, die Nicht-Existenz, denknotwendig nicht sein kann.

Im Hinblick auf die Vorgänge im Universum, die die Naturwissenschaftler beschreiben, spielen Ziele keine Rolle. Wir können nichts darüber wissen, welche Ziele »das Universum« oder »die Natur« oder »die Schöpfung« verfolgen, weil diese keine handelnden Wesen sind wie der Mensch. Der Mensch hingegen verfolgt Ziele, und deshalb ist menschliches Handeln mit den Methoden der Naturwissenschaften (messen, wiegen, gleichbleibende Beziehungen zwischen Größen bestimmen) nicht beschreibbar, sofern es um das Werten, Wählen und Wollen des Menschen geht, also um die Ziele (final), die er mit Mitteln (instrumental) verfolgt. Die Naturwissenschaften sind informativ im Hinblick auf die Instrumentalität der Mittel, also etwa ob ein Mittel im »technischen« Sinne geeignet ist, eine bestimmte Wirkung hervorzubringen. Aber die Naturwissenschaften können nichts über die Ziele aussagen, die ein Mensch mit dem Mittel verfolgt, die Ziele des Menschen sind mit den Methoden der Naturwissenschaften nicht mess- oder bewertbar.

Im Hinblick auf die Ziele des Menschen gelangen wir zu einem regressum ad finitum, also einem Zurückgehen zum letzten Ziel einer Handlung, und das ist immer die Verminderung der Unzufriedenheit des Handelnden – oder die Mehrung der Zufriedenheit, was dasselbe ist; es ist ein »psychischer Gewinn«, den der Handelnde anstrebt. Wenn ein Ziel lediglich instrumental ist, also ein Zwischenziel, zum Beispiel zum Bahnhof zu gelangen, um mit dem Zug zu einem Freund zu fahren, dann ist das Zwischenziel nicht final, sondern instrumental, es ist Mittel zum Zweck. Fragt man, warum der Zugfahrer den Freund treffen möchte, dann kann die Antwort lauten, um mit ihm Kaffee zu trinken. Schließlich gelangt man immer zum letzten Ziel (final), und das ist die Verminderung der Unzufriedenheit. Der Handelnde versucht einen Zustand herbeizuführen, den er gegenüber einem anderen Zustand bevorzugt, den er sich ebenfalls als wählbar vorstellt. Er entscheidet sich für etwas, er wählt. Der gewählte Zustand unter mehreren wählbaren Zuständen, die sich der Handelnde vorstellt, ist aus seiner Sicht notwendig der wünschenswerteste, sonst hätte er einen anderen gewählt. Es handelt sich um eine Tautologie, um eine Aussage, die immer wahr ist: Durch sein Handeln (Wählen) »dokumentiert« (zeigt) der Handelnde, was seine Unzufriedenheit am meisten vermindert.

2. Abgrenzung: Die erfahrungsbasierten Handlungswissenschaften – Verstehen I (a posteriori)

Die erfahrungsbasierten Handlungswissenschaften sind die Geschichtswissenschaften, hierunter auch die Wirtschaftsgeschichte, sowie die Psychologie oder die Verhaltensbiologie, sofern sie sich mit Handeln und nicht mit naturwissenschaftlichen Annahmen, also gleichbleibenden oder scheinbaren Zusammenhängen zwischen messbaren Größen befassen. Ereignisse der Vergangenheit werden in dem Sinne »verstanden«, dass verschiedene Faktoren (Beiträge), die zu einem Ereignis geführt haben, »gewichtet« werden.

Ein Beispiel: Wirtschaftshistoriker wollen die Weltwirtschaftskrise 1929 verstehen und gewichten dabei die Umstände, die zum »Bust« (Crash) geführt haben. Wie bedeutsam waren die Reparationszahlungen der Weimarer Republik, der Boom in den USA in den 1920er-Jahren, die Verschuldung der Unternehmen und Haushalte, die Staatseingriffe in die Wirtschaft etc. für das Entstehen der Krise? Unterschiedliche Wirtschaftshistoriker können dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, und der Streit zwischen ihnen kann nicht »objektiv« entschieden werden, weil diese Relevanzurteile (Aussagen über Bedeutsamkeit; Bedeutsamkeitsurteile) nicht testbar sind wie etwa die Annahmen der Naturwissenschaften, und auch nicht logisch zwingend, wie etwa die Schlussfolgerungen von Praxeologie, Logik oder Mathematik.

»[Verstehen] ist die Methode, die alle Historiker und auch alle anderen Menschen stets anwenden, wenn es um die Interpretation vergangener Ereignisse der Menschheitsgeschichte und um die Voraussage künftiger Ereignisse geht. Die Entdeckung und Abgrenzung des Verstehens waren eine der wichtigsten Beiträge der modernen Erkenntnistheorie. […] Der Anwendungsbereich von Verstehen ist das geistige Begreifen von Phänomenen, die nicht vollkommen mit den Mitteln der Logik, der Mathematik, der Praxeologie und der Naturwissenschaften aufgeklärt werden können, insoweit sie von diesen Wissenschaften eben nicht erklärt werden können. Es [das Verstehen, A. d. V.] darf den Lehren dieser anderen Bereiche der Wissenschaften [Logik, Naturwissenschaft, Mathematik und Ökonomie] nie widersprechen.«1

Eigentümliches (individuelles) Verstehen ist insofern nicht »willkürlich«, als die Aussagen anhand der »härteren« Wissenschaften überprüft werden können. Wenn der Wirtschaftswissenschaftler B behauptet, dass Mindestlöhne zu einer Verbesserung der Einkommenssituation der Arbeiter geführt haben, widerspricht das der Praxeologie insofern, weil unter sonst gleichen Umständen erzwungene Preise (Löhne) über den Marktpreisen (Marktlöhnen) dazu führen, dass die Nachfrage nach den Arbeitskräften zurückgeht und tendenziell die Arbeitslosigkeit steigt. Also ist es nur für manche Arbeiter besser, aber schlechter für diejenigen, die arbeitslos werden. Und außerdem führen die höheren Lohnkosten zu – unter sonst gleichen Umständen – höheren Preisen, sodass sich die Ausgangssituation der Arbeiter verschlechtert. Insofern die Mindestlöhne unterhalb der Marktpreise liegen, sind sie wirkungslos und weder verbessern noch verschlechtern sie die Einkommenssituation der Arbeiter. In diesem Falle steigen nur die Preise, ohne dass es zu Arbeitslosigkeit kommt.

Eigentümliches Verstehen beschäftigt sich nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Zukunft; wir können dieses Verstehen der Zukunft auch individuelles Mutmaßen nennen, um deutlich zu machen, dass Verstehen die Vergangenheit und Mutmaßen die Zukunft angeht. Auch der »Alltagsmensch« wendet Mutmaßen als Methode an, der Unternehmer, der Arbeiter, der Rentner, die Mutter, das Kind. Aus den Erfahrungen im Hinblick auf die Handlungen anderer Personen ziehen sie Rückschlüsse auf deren künftiges Verhalten. Preise zum Beispiel sind solche historischen Daten: Was haben die Menschen in der jüngsten Vergangenheit für die Güter bezahlt? Wenn wir Preise vergleichen, dann vergleichen wir sie mit historischen Preisen. Aber auch wer das Verhalten von Regierungen analysiert, die Auswirkungen von Zentralbankpolitiken oder die Ausweitung der Staatsverschuldung und ausgehend davon Annahmen für die Zukunft trifft, wendet die Methode des Verstehens an.

Eigentümlich ist das Verstehen eben deshalb, weil die Bedeutsamkeitsurteile persönlich oder individuell sind. Es ist letztlich die Intuition (persönliche Anschauung) des Einzelnen, die die Lücke füllt, die die Naturwissenschaften, die Mathematik, die Logik und die Praxeologie offenlassen. Wir greifen dann zu Modellen, Plänen etc., die nicht nach einem unpersönlichen Standard überprüfbare Annahmen enthalten und von denen wir nicht sicher wissen können, ob sie zutreffen werden und die wir unter Umständen künftig zu verbessern suchen. Als Methode, mit der eigentümliches Verstehen kritisiert werden kann, sofern es eben eine Lücke der anderen wissenschaftlichen Methoden gibt, kommt wiederum eigentümliches Verstehen ins Spiel – und deshalb müssen zwei Menschen in diesem Bereich der Erkenntnisgewinnung (Verstehen/Mutmaßen) nicht übereinstimmen.

3. Mathematik, Logik und die Naturwissenschaften

Mathematik und Logik befassen sich – wie die Praxeologie – mit Schlussfolgern, also mit der Methode der »Deduktion« (Ableitung, Schlussfolgerung) ausgehend von Grundannahmen (Prämissen oder Axiome). Ein bekanntes Beispiel für eine Schlussfolgerung ist:

Alle Menschen sind sterblich.

Sokrates ist ein Mensch.

Daraus folgt: Sokrates ist sterblich.

Diese Schlussfolgerungen sind für alle Menschen, die über einen Verstand mit logischer Struktur verfügen, zwingend. Wir können also sagen, dass Logik intersubjektiv (zwischen zwei Personen) zwingende Ergebnisse liefert. Die Grundannahmen allerdings sind »angreifbar«, im Beispiel also, dass alle Menschen sterblich sind oder dass Sokrates ein Mensch ist.

Ein sogenannter Fehlschluss (non sequitur: daraus folgt nicht) liegt vor, wenn sich aus den Grundannahmen nicht notwendig die Schlussfolgerung ergibt. Ein Beispiel hierfür wäre:

Alle Affen können schwimmen.

B kann schwimmen.

B ist ein Affe.

Ein weiteres Beispiel:

Der Staat baut Straßen.

Ohne Staat baut niemand Straßen.

Die Mathematik beschäftigt sich ebenfalls mit Schlussfolgerungen ausgehend von Grundannahmen, insbesondere in den Bereichen der Geometrie, des Zählens und Rechnens. Sofern Phänomene der physischen Welt mit mathematischen Modellen erfolgreich beschrieben werden können, ist die Mathematik hilfreich bei der Vorhersage gleichbleibender Beziehungen zwischen messbaren Größen und damit bei der Vorhersage physischer, chemischer und technischer Abläufe.

Die Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie etc.) befassen sich mit gleichbleibenden Beziehungen zwischen messbaren Größen und scheinbaren Beziehungen zwischen Größen (Korrelationen). Die Eigenschaften von Eisen, wie es sich beim Kontakt mit Sauerstoff und Wasser verhält, die »Fallgesetze« (Gravitation), die Zusammenhänge zwischen Energie, Geschwindigkeit und Masse, die Energiefreisetzung bei der Spaltung von Atomkernen oder wie Pflanzen Lichtenergie in chemische Energie wandeln, werden von den Naturwissenschaften beschrieben. Die Naturwissenschaften bauen auf Erfahrungen der Vergangenheit auf und die Methode der Naturwissenschaft ist die überprüfbare Annahme (Hypothese). Nach dem Philosophen Karl Popper (1902– 1994) wird die Methode heute auch als Falsifikationismus beschrieben, was bedeutet, dass die infrage stehende Hypothese sich beim Testen als falsch erweisen könnte. Eine Hypothese, die nicht widerlegbar sei, sei keine wissenschaftliche Hypothese.

Das Problem ist, dass eine testbare empirische (auf Erfahrung beruhende) Aussage nie letztlich als wahr bewiesen werden kann. Berühmtes Beispiel sind die weißen Schwäne. Die Aussage »Alle Schwäne sind weiß« konnte bis zur Entdeckung Australiens nicht widerlegt werden, weil man erst in Australien schwarze Schwäne antraf. Der Satz »Alle Schwäne sind weiß« war somit widerlegt. Allerdings lässt sich eine Aussage auch nie letztgültig widerlegen. Kommt es beispielsweise durch eine Seuche zum Aussterben der schwarzen Schwäne, ist die Aussage »Alle Schwäne sind weiß« wieder wahr. Sie ist also weder letztgültig beweisbar noch widerlegbar. Denn dass etwas so ist, wie es ist und war, bedeutet nicht notwendig, dass es für immer so bleiben muss.

Der Falsifikationismus ergibt sich auch nicht aus der Aussage »Absolute Gewissheit gibt es nicht«, in dem Sinne, dass man nur die Falschheit einer Aussage testen kann, aber nicht, ob sie letztlich wahr ist. Denn diese Aussage ist widersprüchlich (sogenannter performativer Widerspruch) in Bezug auf sich selbst. Auf sich selbst angewandt, bedeutete die Aussage, dass man keine absolute Gewissheit darüber haben kann, dass es absolute Gewissheit nicht geben kann.

Falsch und wahr sind zwei Seiten einer Medaille. Genauso wenig wie man sich im Hinblick auf die Richtigkeit einer aus Erfahrung gewonnenen Annahme für alle Zeiten verlassen kann, kann man sich auf die Falschheit derselben für alle Zeiten verlassen.

Auch erleichtert der Falsifikationismus nicht die Testbarkeit von Annahmen. Nehmen wir als Beispiel die Erdanziehungskraft. Die Annahme lautet: Wenn ich ein Glas, das ich in der Hand über dem Boden halte, loslasse, fällt es (immer) zu Boden. Wenn diese Aussage 100-mal getestet wird, ist diese Annahme noch nicht letztlich bewiesen. Andererseits: Wenn auch nur in einem Falle das Glas nicht zu Boden fällt, ist die Annahme widerlegt und als falsch erwiesen. Formuliere ich die Aussage um: Wenn ich ein Glas, das ich in der Hand über dem Boden halte, loslasse, fällt es nie zu Boden, ist diese Aussage falsch, wenn das Glas nur einmal zu Boden fällt. Entscheidend ist also das Wort »immer« beziehungsweise sein »Spiegelbild« »nie«. Wie falsch und wahr sind sie zwei Seiten einer Medaille, und es bleibt sich gleich, ob sich eine als »immer wahr« behauptete Aussage als falsch erweist oder eine als »immer falsch« behauptete Aussage als wahr.

Ausschlaggebende Kriterien für die Testbarkeit einer auf Erfahrung beruhenden naturwissenschaftlichen Aussage sind die Wiederholbarkeit der Tests und die Isolierung (Absonderung) von bestimmten gleichbleibenden Beziehungen zwischen Größen.

Der entscheidende Unterschied zwischen den A-priori-Wissenschaften (Mathematik, Logik, Praxeologie) und der A-posteriori-Naturwissenschaft ist also, dass die Ersteren ihre Aussagen aus zwingenden Schlussfolgerungen ausgehend von Grundannahmen gewinnen und die Letztere aus testbaren Erfahrungen. A priori (von vornherein) also deshalb, weil sich diese Aussagen nicht durch Erfahrung als falsch erweisen lassen, und a posteriori (im Nachhinein) deshalb, weil sich diese Aussagen nur durch Erfahrung als wahr (oder falsch) erweisen lassen. Und da Erfahrung immer die Erfahrung der Vergangenheit ist und nie der Zukunft, können A-posteriori-Annahmen von vornherein (a priori) nie endgültig wahr sein.

Dass sich Kausalität (und auch Finalität) letztlich nicht beweisen lassen, hat seinen Grund darin, dass es sich bei beiden um A-priori-Konzepte des menschlichen Verstandes handelt, die letztlich nicht durch Erfahrungstatsachen bewiesen oder widerlegt werden können. Die Annahme, dass ein Glas, das ein auf der Erde stehender Beobachter loslässt, immer zu Boden fallen muss (Kausalität, Ursache und Wirkung), ist dann widerlegt, wenn das Glas nur einmal nicht zu Boden fällt (Falsifikation), die aber auch nach Tausenden Versuchen nicht durch Erfahrung beweisbar ist, weil »immer« alle künftigen Versuche, die noch nicht gemacht wurden, einschließt. Sie können immer nur scheinbare und gleichbleibende Zusammenhänge zwischen messbaren Größen testen, aber nicht, ob diese Zusammenhänge auch in aller Zukunft derart bleiben werden. In einem strengen Sinne lässt sich Kausalität als »Naturgesetz« (es ist immer so) also nicht beweisen. Für alle praktischen Erwägungen des Lebens gehen wir bei den Naturgesetzen, die die Physiker, die Chemiker und so weiter herausgearbeitet haben, von Kausalität aus, also dass sich diese Naturgesetze auch in Zukunft nicht ändern werden. Somit können wir sagen, dass die Naturwissenschaften diejenigen Wissenschaften sind, die sich mit kausalen Beziehungen zwischen messbaren Größen beschäftigen. Es wäre geradezu sinnlos, gleichbleibende Zusammenhänge zwischen messbaren Größen zu erforschen, wenn wir daraus nicht auf Kausalität schließen würden, also dass das eine Ereignis das andere bewirkt.

Kausalität ist keine naturwissenschaftliche Kategorie (Denkform), sondern eine praxeologische; Kausalität ist eine Denkform eines handelnden Wesens. Finalität ist ohne Kausalität nicht denkbar, denn wo Chaos ist, wo wir keine gleichbleibenden Beziehungen zwischen Größen und Qualitäten feststellen können, dort ist Handeln letztlich sinnlos. Ein handelndes Wesen denkt notwendig in der Kategorie der Kausalität.

4. Wissenschaften mit »kombinierter Methodik« – Verstehen II (informiertes Mutmaßen)

Wissenschaften mit kombinierter Methodik verwenden sowohl Elemente der Mathematik und der Naturwissenschaften als auch Bedeutsamkeitsurteile und zum Teil auch Metaphern zur Mathematik. Prominente Beispiele sind die zeitgenössische Volkswirtschaftslehre, sofern sie sich mit der Analyse (Wirtschaftsgeschichte) oder Prognose von Wirtschaftsdaten befasst, oder die Klimaforschung.

Bei der Klimaforschung beispielsweise sind den Wissenschaftlern einige Gesetzmäßigkeiten und Einflussfaktoren bekannt, die das Klima, also den 30-jährigen Durchschnitt von Wetterwerten, beeinflussen; in ihrer Wechselbeziehung und in ihrer Bedeutsamkeit jedoch sind sie nicht bekannt. Die direkte Wirkung von Kohlendioxid (CO2) in einem geschlossenen System in Bezug auf die Temperatur ist den Klimaforschern bekannt und von jedermann jederzeit überprüfbar. Diese Annahme ist also mit den Methoden der Naturwissenschaft testbar. Jedermann kann sie jederzeit überprüfen und gelangt zu demselben Ergebnis. Die Erde ist aber kein geschlossenes System. Es leben auf ihr »Verbrenner«, also Menschen und Tiere, die CO2 emittieren, und es gibt Pflanzen, die – um im Bild zu bleiben – den Gegenprozess der Verbrennung betreiben: Vermittels Photosynthese nutzen sie CO2 und Lichtenergie für ihren Stoffwechsel und ihr Wachstum und setzen dabei Sauerstoff frei. Andere die Temperatur und das Wetter beeinflussende Faktoren sind zum Beispiel: Sonnenaktivität, Luftfeuchtigkeit, Wolkenbedeckung oder Niederschlag.

Über das Thema des Klimawandels gibt es derzeit Streit zwischen Wissenschaftlern und Politikern, wie man es aus anderen Gebieten der Wissenschaften nicht kennt. Niemand streitet über die Gesetze der Mechanik oder Elektrizität, weil diese Annahmen jederzeit von jedermann mit demselben Ergebnis überprüfbar sind. Der Grund des Streits in der Klimaforschung ist, dass die Thesen der Wissenschaftler nicht testbar sind wie naturwissenschaftliche Annahmen. Die Klimaforscher arbeiten mit Modellen, die sie korrigieren, wenn sie sich als unzutreffend erweisen. Sie meinen, dass sie sich damit innerhalb der Naturwissenschaften insofern bewegen, dass ihre Modelle ja testbar sind, weil sich die Daten eben als falsch erweisen können. Aber die Annahmen sind eben nicht für jedermann jederzeit testbar, wie Annahmen der klassischen Naturwissenschaften testbar sind, etwa die Reaktion von Salzsäure mit bestimmten Metallen, denn das Klima ist nicht wiederholbar und damit nicht vergleichbar einem Laborexperiment. Das Erdgeschehen ist ein historischer Prozess, und die Klimadaten sind historische Daten. Die Erdgeschichte ist aber nicht wiederholbar und einzelne Beziehungen zwischen Größen können nicht wie im Experiment isoliert werden, sondern es gibt zahlreiche Einflussfaktoren und Wechselwirkungen. Selbst wenn eine »Voraussage« scheinbar »zutrifft«, heißt das nicht, dass die Annahmen richtig waren, sondern es kann schlichter Zufall sein, die Ursachen können ganz andere sein als die, die der Forscher angenommen hat, und nur das Ergebnis ist dasselbe.

Auch bei der Prognose des Wetters wird mit Modellen gearbeitet, die ständig verbessert werden. Wissenschaftler arbeiten in der Meteorologie mit verschiedenen Modellen, die zu verschiedenen Ergebnissen gelangen. Und zuweilen bezeichnen Meteorologen schon die Voraussagen für den nächsten Tag als unsicher und geben mehrere Alternativen an, die sie für wahrscheinlich halten. Dennoch streiten sich die Meteorologen und Politiker nicht vergleichbar über diese Wettermodelle wie sie sich über Klimavoraussagen streiten. Denn an einer kombinierten Methodik aus klassischer Naturwissenschaft (jederzeit von jedermann testbar, wiederholbar) und Verstehen (Bedeutsamkeitsurteile im Hinblick auf gewisse Faktoren, nicht alle Einflussfaktoren sind bekannt oder nicht in ihrer konkreten Auswirkung bekannt) ist an sich nichts auszusetzen; es steht eben keine sicherere oder bessere Methode zur Verfügung.

In der Klimaforschung kommt es hingegen zu skurrilen Streitigkeiten zwischen Wissenschaftlern derselben oder anderen Disziplinen oder auch zwischen Politikern und zwischen Bürgern. Man könnte sagen, dass die Wissenschaftler gerade deswegen teilweise darüber abstimmen, wie sicher sie sich ihrer Annahmen sind, weil die Annahmen nicht zwingend in dem Sinne sind, dass sie für jedermann jederzeit testbar sind. Bei der Abstimmung geben sie an, wie sicher sie sich zum Beispiel im Hinblick auf die Menschengemachtheit des Klimawandels sind, und verwenden dafür eine Metapher aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn sie diese mit 95 Prozent angeben. Eine Metapher deshalb, weil diese 95 Prozent nicht das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung sind, wie wir sie zum Beispiel vom Würfelwurf kennen. Vielmehr wird die numerische Wahrscheinlichkeit (95 Prozent) vorgeschlagen, sozusagen in den Raum gestellt aufgrund einer Aussage einer oder mehrerer Personen. Auch wird darüber gestritten, wie viel Prozent der Wissenschaftler sich im Hinblick auf den Einfluss des Menschen wie sicher sind, etwa ob es zulässig sei, diese Wissenschaftler hinzuzuzählen, die meinen, der Mensch habe einen Einfluss auf den Klimawandel, aber der lasse sich nicht konkret bestimmen, oder diejenigen, die meinen, der Einfluss sei nur untergeordnet, also geringer als ein gewisser Prozentsatz. Solcherlei Streits sind aus den klassischen Naturwissenschaften nicht bekannt.

Die Daten, die über komplexe historische Phänomene gewonnen werden, können von vornherein nicht als Beweis für eine Annahme dienen in dem Sinne wie die Annahmen der klassischen Naturwissenschaften »bewiesen« werden können. Denn komplexe Phänomene sind ja nur solche, die sich dadurch auszeichnen, dass man eben keine gleichbleibenden Beziehungen zwischen Größen feststellen kann.

5. Mit Popper gegen Popper – die empirischen Sozialwissenschaften (Social Engineering) sind Verstehen und nicht Naturwissenschaften

Dem Theoretiker Karl Popper (1902–1994) wird das Verdienst zugeschrieben, mit der Methode des »Falsifikationismus« definiert zu haben, was eine wissenschaftliche Hypothese (Annahme) ist und was »unwissenschaftlich« ist. Kurz zusammengefasst: Nur Aussagen, die sich als falsch herausstellen können, sind wissenschaftliche Aussagen; wissenschaftlich hier gemeint im Sinne der Erfahrungswissenschaften und nicht der oben beschriebenen A-priori-Wissenschaften (Logik, Mathematik, Praxeologie), die von Grundannahmen ausgehend Schlussfolgerungen aufstellen und die von vornherein gelten, also durch Erfahrung weder beweis- noch bestreitbar sind.

Im Hinblick auf die Sozialwissenschaften, so Popper, seien solcherlei »wissenschaftliche« Hypothesen möglich, wenn sich die Annahmen als falsch herausstellen könnten. Bezogen auf die Voraussage des »Verlaufes der Geschichte« meint Popper, dass eine »wissenschaftliche« Überprüfung nicht möglich sei. Das leuchtet ein, weil historische Abläufe nicht widerholbar und komplex sind und deshalb nicht von jedermann jederzeit nach unpersönlichen (objektiven) Standards testbar sind. Und von vornherein, also mit den Mitteln der Praxeologie, können wir nur Aussagen treffen, wie Menschen Mittel aufgrund ihrer Ziele bewerten; die Praxeologie enthält Aussagen über Präferenzen (Vorlieben), aber nicht über messbare Größen.

Die Methode, mit der wir die Geschichte verstehen wollen, ist das eigentümliche Verstehen, und ebenso ist dies die Methode, mit der wir die Zukunft quantitativ (im Hinblick auf bestimmte Größen und Mengen) einschätzen. Und das eigentümliche Verstehen enthält persönliche Bedeutsamkeitsurteile, die nicht testbar sind, also intersubjektiv (zwischen verschiedenen Personen) nicht derart im Hinblick auf unpersönliche (objektive) Standards überprüfbar, wie das beispielsweise die chemischen Eigenschaften von Kupfer sind.

Der Ökonom Anthony de Jasay (1925–2019) kritisiert deshalb Popper, weil dieser meine, eine Annahme sei ebenso eine wissenschaftliche Hypothese wie die naturwissenschaftlichen Hypothesen, wenn sie den Bereich der Sozialwissenschaften betreffe und sie »stückweise« (»piecemeal«) auf ihre Falschheit hin überprüft werden könne.2 Popper lege sich nirgends dahingehend fest, was »stückweise« überprüfbar bedeute, dem Sinnzusammenhang könne man aber entnehmen, dass er meine, etwas sei »stückweise« überprüfbar, wenn es »testbar« sei. Es handelt sich dabei also um eine Tautologie, eine stets wahre Aussage, die in diesem Falle aber nicht informativ ist, sondern ein Zirkelschluss.

Der Gang der Geschichte sei nach Popper zwar nicht testbar, die Geschichte nicht »wissenschaftlich« voraussagbar, aber »Teile der Geschichte«, soziale Phänomene, also etwa Arbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Entwicklung, könnten theoretisch vorausgesagt werden, weil sich Aussagen hierüber als falsch herausstellen könnten. Aber jede Ist-Aussage ist »falsifizierbar«; das macht sie jedoch noch nicht zu einer Aussage, die mit den Hypothesen der Naturwissenschaften auf »gleichem Niveau« »wissenschaftlich« wäre. Wenn Sie behaupten, voraussagen zu können, dass Ihr Lieblings-Fußballverein nächstes Wochenende 3 : 2 gewinnt, dann kann dies geschehen oder nicht. Ebenso, wenn Sie die Lottozahlen »annehmen«. Und auch umgekehrt: Wenn Ihre getippten Lottozahlen tatsächlich gezogen werden, bedeutet das nicht, dass ihre Hypothese gut war oder nicht falsifiziert werden konnte, sondern Sie hatten einfach Glück.

In der Folge von Poppers Erklärung der Wissenschaftlichkeit des Social Engineering (ingenieursmäßiges Steuern der Gesellschaft) meinen die Sozial- und Politikwissenschaftler, im Prinzip mit denselben wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten wie die Naturwissenschaftler oder Mathematiker. Sie übersehen, dass die persönlichen Bedeutsamkeitsurteile, die sie verwenden, eben persönlich sind und nicht zwingend zwischen zwei Personen dieselben Ergebnisse liefern.

Wenn die Sozialwissenschaftler beispielsweise behaupten, dass die Politiken der Regierung und der Notenbank dazu geführt haben, dass eine »wirtschaftliche Krise« gelöst wurde und hierzu auf Statistiken verweisen wie beispielsweise den Anstieg des Bruttoinlandsproduktes oder der Beschäftigung nach den Maßnahmen der Regierung, dann sind diese Aussagen eben nicht überprüfbar, wie naturwissenschaftliche Annahmen oder mathematische Schlussfolgerungen, bei denen jeder dieselben Ergebnisse erhält. Auch das Gegenteil kann der Fall sein, dass sich »die Wirtschaft« trotz der Politiken der Regierung erholt hat. Die Methode des Verstehens liefert hier keine eindeutigen Ergebnisse. Mit der Methode der Praxeologie hingegen können wir nachweisen, dass »Interventionen« (Eingriffe) der Regierung in das ansonsten unbehinderte Wählen der Menschen (»der Markt«) von vornherein unter sonst gleichen Umständen für die einen zu schlechteren und für die anderen zu besseren Ergebnissen führen (die einen gewinnen auf Kosten und zu Lasten der anderen) und insgesamt die »Leistung« der Wirtschaft gegenüber einem Zustand ohne Eingriff aus Sicht der Konsumenten nachlässt.

Die Wissenschaftler der Sozialwissenschaften verwenden Statistiken und weisen auf Korrelationen (scheinbare Zusammenhänge) hin. Dabei ist schon das Verwenden von Statistiken (früherer Begriff: Sammelforschung) Ausdruck unsicheren Wissens. Wir verwenden Statistiken dann, wenn uns gleichbleibende Beziehungen zwischen Größen gerade unbekannt sind.

»Erfahrung ist immer Erfahrung der Vergangenheit. Erfahrung und Geschichte liegen nie in der Zukunft. Diese Binsenweisheit müsste nicht wiederholt werden, wenn es nicht das Problem der Prognosen der Statistiker gäbe […] Die Statistik ist die Beschreibung von Phänomenen, die nicht durch regelmäßige Einheitlichkeit gekennzeichnet sind, in Zahlen-Ausdrücken. Soweit es eine erkennbare Regelmäßigkeit in der Abfolge von Phänomenen gibt, ist es nicht nötig, zur Statistik zu greifen. […] Statistik ist daher eine spezifische Methode der Geschichtsschreibung. […] Sie handelt von der Vergangenheit und nicht von der Zukunft. Wie jede andere Erfahrung von der Vergangenheit kann sie gelegentlich wichtige Dienste bei der Zukunftsplanung leisten, aber sie sagt nichts aus, das direkt für die Zukunft gültig ist.«3

Es gebe nicht so etwas wie statistische Gesetze. Die Leute griffen zu statistischen Methoden genau deshalb, weil sie nicht in der Lage seien, in der Verkettung und Abfolge von Geschehnissen eine Regelmäßigkeit zu erkennen.4

Wenn eine Statistik zum Beispiel zeigt, dass auf A in 95 Prozent der Fälle B folgt und in 5 Prozent der Fälle C, heißt das, dass kein vollkommenes Wissen über A vorliegt. A müsste in A1 und A2 zerlegt werden, und wenn sich feststellen ließe, dass auf A1 immer B und auf A2 immer C folgen würde, dann läge »vollkommenes« Wissen vor.5 Niemand käme auf die Idee, die Gravitation zu testen, indem er eine Statistik darüber anfertigte, in wie viel Fällen ein Glas, das ich über den Boden halte, zu Boden fällt, wenn ich es loslasse, weil uns die »Gesetze« der Gravitation bekannt sind.

Korrelationen zwischen Daten, also scheinbare Wechselbeziehungen zwischen Daten, sind also nicht dasselbe wie wiederholbar überprüfbare Annahmen über gleichbleibende Beziehungen zwischen messbaren Größen. Es gibt ganz kuriose starke Korrelationen, bei denen es offensichtlich ist, dass der Zusammenhang nur scheinbar ist, wie beispielsweise

die Veränderung des Verdienstabstands zwischen Männern und Frauen einerseits und die Veränderung der Anbaufläche von Gemüse in Sachsen-Anhalt andererseits oder

die Veränderung der Sprunghöhe des Deutschen Meisters im Stabhochsprung bei den Deutschen Hallenmeisterschaften und die Veränderung der Anzahl der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Kaninchen oder

die Veränderung der Anzahl der Girokonten in Deutschland sowie die Veränderung der Zahl der Lieder und Instrumentalstücke im Zentralarchiv der Österreichischen Volksliedwerke (hier ist die Korrelation mit 0,9908 besonders hoch).6

Und selbst wenn ein Zusammenhang offenbar zu sein scheint, wie etwa die Einführung der Gurtpflicht und die Anzahl der Unfalltoten im Straßenverkehr, so muss dennoch keine Einigkeit darüber erzielt werden, wie bedeutsam die Einführung der Gurtpflicht gegenüber anderen möglichen Ursachen der Verminderung der Verkehrstoten war wie beispielsweise die Erhöhung der Sicherheit von Autos (Airbags, Bremsassistent, Knautschzone etc.), die Zunahme von Geschwindigkeitsbegrenzungen und Verkehrsüberwachungen, die Reduzierung des zulässigen Promillewerts, längere Fahrausbildung, weitergehende Beschränkungen für Fahranfänger etc.

Mit der Methode des Verstehens kann also von vornherein eine Annahme nicht als »wahr« oder »falsch« erwiesen werden, weil die Methode persönliche Bedeutsamkeitsurteile enthält, und diese sind nicht intersubjektiv (zwischen unterschiedlichen Personen) testbar, wie naturwissenschaftliche Annahmen testbar sind. Gleichbleibende Beziehungen zwischen Größen, die wiederholbar und von jedermann getestet werden können, gibt es nicht in der Sozialforschung. Die Entwicklung der Menschen ist ein komplexer historischer Prozess, der nicht wiederholbar ist wie das naturwissenschaftliche Experiment.

Wenn ich die Hypothese aufstelle, dass der FC Bayern morgen gewinnt, weil er diese oder jene Spieler eingekauft hat, und es gewinnt der FC Bayern, dann muss jemand anderes mit mir nicht darin übereinstimmen, dass es an den eingekauften Spielern lag. Er kann auch meinen, dass ganz andere Einflüsse (der Schiedsrichter, fehlende Fitness der anderen Mannschaft) ausschlaggebend waren. Es kann also selbst im Nachhinein nicht herausgefunden werden, ob ich recht hatte. Und wenn der Politikwissenschaftler A behauptet, dass die Partei XY die nächste Wahl gewinnt, und sie gewinnt tatsächlich, dann nicht, weil seine Voraussage eine wissenschaftlich testbare Annahme war. Ob die Partei aus den Gründen gewonnen hat, die der Politikwissenschaftler annahm, oder ob andere Gründe bedeutsamer waren, darüber muss eben keine Einigkeit bestehen, wie Einigkeit über die Reaktion von Salzsäure mit Metallen besteht.

Das ist keine Kritik an der Methode des Verstehens, sondern eine Kritik an der Illusion, dass die Methode des Verstehens und die Naturwissenschaften »gleich sichere« Ergebnisse hervorbringen. Menschen greifen ja gerade dann zum Verstehen, wenn ihnen bessere Mittel nicht zur Verfügung stehen. Bedeutsamer ist noch, dass mit der Methode des Verstehens natürlich nichts darüber ausgesagt werden kann, wie viel Leid diejenigen erfahren, die durch die Eingriffe, also Befehle des Staates unter Androhung von Schaden im Falle des Zuwiderhandelns, Schaden erleiden, weil ihnen ihr ursprünglich beabsichtigtes Handeln verwehrt wurde.

Nehmen wir an, ein Sozialingenieur schlägt vor, die Tabaksteuer zu erhöhen, um die Anzahl der Menschen zu vermindern, die an Lungenkrebs versterben. Der Schaden, der den Rauchern entsteht, ist ein Vermögensschaden. Ohne die Steuer hätte der Raucher einen Teil seines Einkommens für anderes ausgegeben, und zwar nach seinem Wählen. Weder die Medizin noch die empirischen (erfahrungsbasierten) Sozialwissenschaften können darüber etwas aussagen, ob ein Mensch rauchen sollte. Die Aussage, dass Menschen nicht rauchen sollten oder gesünder leben sollten, ist ein subjektives Werturteil, es ist eine Sollte-Aussage, und Sollte-Aussagen sind keine beschreibenden Aussagen, sie sagen nichts über die Dinge des Universums oder logische Schlussfolgerungen aus, sondern sie geben das persönliche Werturteil des Sprechers wieder und sind subjektiv und willkürlich. Wertaussagen handeln nicht von Kausalität, sondern sagen etwas aus über die Präferenzen des Wertenden. Eine logische Grenze gibt es nicht: Beispielsweise könnte auch eine Zuckersteuer zur Reduzierung des Übergewichtes führen oder ein Verbot von Autos zu einer noch stärkeren Verminderung der Unfalltoten. Wir wissen, dass manche Menschen das Rauchen gegenüber dem Nichtrauchen vorziehen – trotz hoher Steuern; dass andere Menschen Übergewicht in Kauf nehmen, viel fernsehen, Feuerwerk genießen etc. und dass andere Menschen das »unvernünftig« finden, weil es ihrem Werten und Wollen nicht entspricht. Aber die Wissenschaftler verlassen jeden wissenschaftlichen Boden, wenn sie aufgrund von Korrelationen zwischen mess- oder zählbaren Größen zu Verboten und Geboten aufrufen. Denn was ein Mensch wollen sollte, darüber können sie nichts als Wissenschaftler aussagen, sondern nur eine persönliche Meinung haben.

Die Wissenschaftler können über Zusammenhänge informieren, die sie kennen (Kausalität) oder vermuten zwischen menschlichem Handeln und gesundheitlichen Folgen (Korrelation). Sie leisten den Menschen hier wertvolle Dienste: Diejenigen, die weiter geraucht hätten, wenn sie nichts über die Korrelationen von Lungenkrebs und Rauchen gewusst hätten, nutzen die Aussagen der Wissenschaftler. Diejenigen, die erfahren, dass der Gebrauch von Anschnallgurten vor schweren Verletzungen schützt, können nun wählen, ob sie sich anschnallen wollen oder nicht, und manche werden vielleicht anders wählen, als ohne die Aussagen der Wissenschaftler. Und für diejenigen, die sich infolge der Information nunmehr gesünder ernähren wollen und ihr Übergewicht vermindern möchten, leisten die Wissenschaftler ebenfalls wichtige Dienste. Aber viele Menschen haben eben nicht nur das Bedürfnis, lange zu leben und gesund oder möglichst alt zu werden, sondern sie haben zahlreiche andere Bedürfnisse: nach Genuss, nach Abenteuer, nach Lust, nach Risiko, sich zu beweisen – und so weiter. Und manche ziehen – in Kenntnis der Korrelationen zwischen Übergewicht und Gesundheitsbeeinträchtigungen – das Schlemmen gegenüber der einschränkenden Diät vor, wählen eine gefährlichere Sportart, als sie »müssten«, fahren ein schnelleres Auto, als sie »bräuchten«. Über das Besser und das Schlechter von letzten Zielen (was die Menschen zufriedener macht) gibt es keine naturwissenschaftliche Diskussion.

Niemand ist in der Lage, das Wählen eines anderen zu beurteilen, ohne schlicht eines zu tun: das eigene, persönliche und willkürliche Werturteil an die Stelle des Werturteils des anderen, des Handelnden zu setzen.

 

Anmerkungen zu Kapitel I

1 Mises, Human Action, 1949, S. 50.

2 Jasay, Against Politics, 1997, S. 105 ff.

3 Mises, Letztbegründung der Ökonomik, 2016, S. 69.

4 Mises, Letztbegründung der Ökonomik, S. 81.

5 Vgl. Mises, Letztbegründung der Ökonomik, S. 82.

6 Zellmer.

KAPITEL II

GRUNDSÄTZE DER PRAXEOLOGIE

1. Der Handelnde (das Individuum)

Der Handelnde ist der Einzelne (Individuum). Das Wort »Individuum« kommt von lateinisch in-dividere (nicht teilbar) und bedeutet: der Unteilbare. Sie können einen Einzelmenschen nicht teilen, ohne ihn zu zerstören. Hingegen können sie eine Gruppe teilen, ohne dass die einzelnen Mitglieder (Individuen) dadurch zerstört werden. Individuum bedeutet auch, dass ein Teilen von Geist und Körper oder von Psyche und Physis nicht möglich ist. Solange der Einzelne als Individuum lebt, sind diese strukturbestimmenden Merkmale nicht voneinander trennbar.

Der Einzelne kann natürlich auch konzertiert, also aufeinander abgestimmt und in Gruppen handeln, aber der Willensentschluss findet stets im Einzelnen statt. Eine Gruppe von Menschen kann keinen Willensentschluss tätigen. Alle Mitglieder einer Gruppe können denselben Willensentschluss fassen, aber es sind stets die Einzelnen, die handeln, auch wenn sie zusammen handeln.

Kooperation und Korporationen – konzertiertes Handeln

Nicht zum Handeln fähig sind geistige Gebilde wie Korporationen (Körperschaften) oder die Gesellschaft, sondern nur die Einzelnen. Die Menschen arbeiten mit einer Metapher, wenn sie sagen, die A-AG hat etwas gekauft oder verkauft oder produziert. In der Juristerei bedient man sich der juristischen Fiktion der Korporation (Körperschaft), spricht von den »Organen« der Gesellschaft, so wie der Mensch Organe hat, nennt sie »Körperschaft«, so wie der Mensch einen Körper hat, aber in Wirklichkeit haben die A-AG oder die B-Republik keinen eigenen Körper und keine Organe, sondern es sind Einzelne (Individuen), die sich zum gemeinsamen Handeln unter dem Namen (A-Firma, B-Republik) verbunden haben, die einen gemeinsamen Handlungsplan verfolgen. Solche Handlungspläne werden niedergeschrieben in Gesetzen, Statuten, Verträgen oder mündlich verabredet. Die Einzelnen arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin, das wiederum in Unterziele strukturiert ist. Solche Körperschaften haben keine Lebenszeit, auch wenn sie viele Menschen geistig wie ein Lebewesen behandeln, so sind sie doch ein geistiges Gebilde und in der unmittelbaren Realität werden sie nur durch das Handeln von Einzelnen wirksam. Es sind immer Menschen aus Fleisch und Blut, die handeln, nie geistige Gebilde.

Anthropomorphismus (Vermenschlichung) und Hypostasierung (Gedanke und Realität)

Die einzigen Wesen, die menschliches Handeln ausführen können, sind einzelne Menschen – auch zusammen oder gegeneinander, aber es sind stets Menschen aus Fleisch und Blut. Wir verwenden in unserer Sprache oft sogenannte Anthropomorphismen (Vermenschlichungen) und schreiben unbelebten Gegenständen oder geistigen Gebilden eine unmittelbare Wirklichkeit zu, als wären sie handelnde Menschen. So schrieben unsere Vorfahren zum Teil dem Mond oder der Sonne solche Eigenschaften zu. Überall sah man einen handelnden Geist am Wirken, im Regen, in den Winden, in der Natur. Die Menschen kommunizierten mit den Göttern (Geistern) der Natur, sie beteten, opferten und fürchteten diese Geister. Es liegt also sehr lange schon in der menschlichen Natur, der unbelebten oder belebten Natur wie auch geistigen Gebilden, die keine unmittelbare Realität haben, eine menschliche Eigenschaft zuzuschreiben, nämlich das Handeln.

Anthropomorphismen können die Sprache und den Rechtsverkehr erleichtern, wenn man beispielsweise sagt, die A-Firma hat etwas gekauft, anstatt die Gruppe um Herrn B, die unter dem Namen A-Firma handelt. Man kann in Verträgen vereinbaren, dass man miteinander so umgeht, als verträten die handelnden Einzelnen eine »fiktive« Person (juristische Person, Rechtsperson), und man kann in diesem Zusammenhang auch Vereinbarungen zur Haftung etc. treffen. Aber Anthropomorphismen bergen auch die Gefahr der Hypostasierung, also einem geistigen Gebilde eine unmittelbare Wirklichkeit zuzuschreiben, die es nicht hat. So denken manche Menschen zum Beispiel vom Staat als einem »höheren Wesen«. Dies ist im Sprachgebrauch so alltäglich geworden, dass man oft vergisst, dass der Staat aus Einzelnen (Individuen) besteht, die unter dem Begriff »Staat« gemeinsame Handlungspläne verfolgen. Der Staat ist kein Wesen aus Fleisch und Blut mit einem Nervensystem, sondern ein Konzept. Es wird davon gesprochen, dass der A-Staat dies und das getan hat, dass Deutschland hier oder dort einen Militäreinsatz führte, dass Deutschland so und so alt sei, als ob es sich um einen Organismus aus Fleisch und Blut handelte.