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Eine packende neue Geschichte Russlands – über 500 Jahre Herrschaft und Macht im Kreml, von Iwan dem Schrecklichen bis Wladimir Putin Der Kreml ist das imposante Symbol der russischen Nation. Hier wurden die mächtigen Zaren gekrönt, hier paradierte die glorreiche Rote Armee nach dem Sieg über Deutschland. Im Kreml schlägt das Herz der russischen Macht, hier entscheidet sich Russlands Schicksal. Die bedeutende Historikerin Catherine Merridale erzählt die faszinierende Geschichte des Kreml mit all ihren Intrigen und blutigen Kämpfen um die Macht. Indem sie das verborgene Innere des russischen Staates freilegt, ermöglicht Catherine Merridale uns ein neues Verständnis der bewegten Geschichte Russlands bis in die Gegenwart.
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Seitenzahl: 963
Veröffentlichungsjahr: 2014
Catherine Merridale
Eine neue Geschichte Russlands
Der Kreml ist das imposante Symbol der russischen Nation. Hier wurden die mächtigen Zaren gekrönt, hier paradierte die glorreiche Rote Armee nach dem Sieg über Deutschland. Im Kreml schlägt das Herz der russischen Macht, hier entscheidet sich Russlands Schicksal. Die bedeutende Historikerin Catherine Merridale erzählt die faszinierende Geschichte des Kreml mit all ihren Intrigen und blutigen Kämpfen um die Macht. Indem sie das verborgene Innere des russischen Staates freilegt, ermöglicht sie uns ein neues Verständnis der bewegten Geschichte Russlands bis in die Gegenwart.
»Eine aufregende, psycho-geographische Studie des Moskauer Kreml.«
Catriona Kelly in ›The Guardian‹
»Eine brillante Meditation über russische Geschichte und die Mythen, mit denen die Russen sich Trost spendeten.«
Rodric Braithwaite in ›The Observer‹
»Catherine Merridale ist eine hervorragende Historikerin, sie zählt zu den besten ihrer Generation.«
Tony Judt
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Die renommierte Russlandhistorikerin Catherine Merridale arbeitete bereits für ihre Dissertation über die KP unter Stalin an der Universität Moskau. Sie promovierte 1987 in Cambridge und war anschließend Dozentin am King’s College/Cambridge. Ab 1993 war sie Professorin für Geschichte an der Universität Bristol, seit 2004 lehrt sie an der Queen Mary University/London. 2007 erschien bei S. Fischer ihr Buch ›Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945‹ (2010 als Taschenbuch).
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: Bridgeman Art Library
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die englische Originalausgabe ist 2013 unter dem Titel ›The Red Fortress. The Secret Heart of Russias History‹ bei Allen Lane / Penguin Books, London, erschienen.
© 2013 Catherine Merridale
Für die deutsche Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402835-4
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[Widmung]
[Karten]
Anmerkung zum Text
Einleitung
1 Grundsteine
2 Renaissance
3 Der Goldene Palast
4 Kremlenagrad
5 Ewiges Moskau
6 Klassische Ordnungen
7 Feuervogel
8 Nostalgie
9 Akropolis
10 Rote Festung
11 Kremnologie
12 Normalität
Weiterführende Literatur
Allgemein
Mittelalterliches Russland
Renaissance
Zeit der Wirren
Moskowien der Romanows
18. Jahrhundert
19. Jahrhundert
Revolution
Sowjetrussland
Demokratisches Russland
Dank
Abkürzungsverzeichnis
Abbildungsnachweis
Register
[Tafelteil 1]
[Tafelteil 2]
Für Frank
Bis jetzt hat niemand ein allgemein akzeptiertes System zur Übertragung der kyrillischen Schrift in eine eindeutige lateinische Version gefunden. Hochschulexperten neigen dazu, exakte, doch recht hässlich anmutende Systeme zu benutzen, während sich alle anderen mit einem chaotischeren Verfahren zufriedengeben. In dieser Übersetzung erscheinen russische Eigennamen und Buchtitel in der gängigen Duden-Transkription. Abweichungen können dann auftreten, wenn sich im Deutschen eine andere Form eingebürgert hat (etwa »Trotzki« statt »Trozki«). Im Zusammenhang mit bibliographischen Angaben für nichtdeutsche Werke werden russische Namen aus der jeweiligen Fremdsprache übernommen.
Der Kreml ist eines der berühmtesten Bauwerke der Welt. Wenn Staaten Markenzeichen haben, dann ist das Russlands unzweifelhaft diese – vom Roten Platz her betrachtete – Festung. Jeder, der nach Moskau reist, will den Kreml sehen, und jeder Besucher scheint einen anderen Standpunkt zu haben. »Im Grunde freilich ist die einzige Gewähr der rechten Einsicht, Stellung gewählt zu haben, ehe man kommt«, schrieb der deutsche Philosoph Walter Benjamin. »Sehen kann gerade in Rußland nur der Entschiedene.« Im Jahr 1927 entschied er sich, hingerissen zu sein.[1] Hundert Jahre zuvor jedoch hatte ein Franzose, der Marquis de Custine, eine empörte Tirade gewählt. Für ihn war der Kreml eine »Stütze der Tyrannen«, ein »satanischer Bau«, »eine Wohnung, welche für das Wesen der Apokalypse paßt«. Er schloss: »Der Kreml zeugt, wie die Knochen gewisser Riesenthiere, von der Geschichte einer Welt, an der wir unwillkürlich noch zweifeln, selbst wenn wir die Trümmer derselben wiederfinden.«[2]
Die Stätte schlägt ausländische Besucher immer noch in ihren Bann. Wie der Zeitungskorrespondent Mark Frankland einmal klagte: »Es kann wenige andere Städte auf der Welt geben, wo das Gefühl, zum Zentrum getragen zu werden, ob man es will oder nicht, so stark ist wie hier.«[3] »Vergessen Sie nicht, dass Menschen in einige dieser Gebäude hineingingen und geblendet herauskamen«, erinnerte mich ein britischer Regierungsdolmetscher.[4] Allerdings kann sich kein Fremder, wenn es darum geht, dem Zauber des Ortes zu verfallen, mit den Russen selbst vergleichen. Der Kreml ist das Symbol ihrer nationalen Identität.[5] Seine Mauern mögen nicht in der Lage gewesen sein, den angreifenden Horden mongolischer Reiter standzuhalten, und sie wurden später von Polen und auch von Franzosen durchbrochen, aber die Zitadelle überdauerte, wie auch Russland. Die meisten Russen wissen, dass Stalin hier, vor den Toren des Kreml, die frischen Einheiten der Roten Armee inspizierte, bevor sie 1941 abmarschierten, um zu kämpfen und zu sterben. Weniger als vier Jahre später, in stetem Frühsommerregen, blickten dieselben ikonenhaften Mauern und Türme erneut hinunter auf Reihe um Reihe marschierender Männer. Während sich Marschall Schukow abmühte, seinen ungestümen Vollblüter zu bändigen, wurden die Fahnen von 200 besiegten Naziregimentern auf die schimmernden Steine neben den Stufen des Lenin-Mausoleums geschleudert. Die zweite Hauptstadt des Landes, St. Petersburg, mag ein architektonisches Wunder sein, doch der Kreml ist Russlands Klagemauer.
Das Gebäude ist nicht demokratisch. Errichtet aus speziell gehärteten Ziegeln, waren die Mauern der roten Festung für den Krieg vorgesehen. Obwohl sie so elegant wirken, dass diese Tatsache verborgen bleibt, sind sie zudem außergewöhnlich dick – durchsetzt von einem Gewirr aus Treppen und Korridoren, das wie eine separate Stadt anmutet –, und an manchen Stellen erheben sie sich fast 20 Meter über die Umgebung. Die vier Haupttore bestehen aus alter russischer Eiche, aber ihre ehrwürdigen Eisenschlösser sind längst von den unbarmherzigen Systemen des Computerzeitalters verdrängt worden. Noch heute ist der Kreml ein Militärstützpunkt, der von einem »Kommandanten« geleitet wird, und sein unterirdisches Labyrinth aus Tunneln und Betriebszentralen ist darauf angelegt, einen Atomschlag zu überstehen. Es gibt keinen öffentlichen Zugang zum nordöstlichen Viertel, wo sich das Präsidentengebäude befindet. Donnerstags wird das gesamte Gelände gemäß einer Tradition aus der Ära des kommunistischen Politbüros geschlossen, und heutzutage riegelt man es außerdem beim ersten Anzeichen öffentlicher Unruhe ab. Gleichwohl blüht eine Schönheit der überweltlichsten Art in dieser bedrohlichen Atmosphäre. Die mit Turmspitzen versehene Silhouette des Kreml wird von seinen religiösen Bauten gekrönt, deren fesselndste sich wie Schmuckkästchen um einen einzelnen Platz gruppieren. An fast jedem Punkt dieser historischen Fläche richtet sich das Auge von den weißen Steinen hinauf zum Glanz bunter Fliesen und zu den Kaskaden vergoldeter Kuppeln, die noch weiter oben, zwischen den kreisenden Moskauer Krähen, zu einer glänzenden Folge orthodoxer Dreibalkenkreuze überleiten. Die höchsten Türme, weiß und golden über der Stadt, sind kilometerweit sichtbar. Herrlich und tödlich, heilig und doch in sich gekehrt, ist die Festung wahrhaftig eine Verkörperung des legendären russischen Staates.
Ihr Zauber geht von ihrer scheinbaren Zeitlosigkeit aus. Die Geschichte ist überall. Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, das älteste und berühmteste heilige Gebäude, hat jede Krönung seit den Tagen Iwans des Schrecklichen erlebt. An der anderen Seite des Platzes, in der Erzengel-Michael-Kathedrale, können sich die meisten Besucher kaum zwischen den hüfthohen Särgen hindurchzwängen, welche die Überreste fast aller Moskauer Fürsten vom 14. bis zum 17. Jahrhundert enthalten. Unter dem letzten Zaren hatte eine nationalistische Hofverwaltung 46 der gemeißelten Steinsärge mit einheitlichen Bronzeverkleidungen überziehen lassen, so dass die düsteren Reihen den Eindruck einer ungebrochenen Erblinie verstärkten. Mittlerweile war den königlichen Kreml-Bestattungen durch die Verlegung der Hauptstadt nach St. Petersburg längst ein Ende gemacht worden, doch die Krönungen setzten sich bis 1896 fort, und jeder folgte ein Bankett. Der im 15. Jahrhundert errichtete Facettenpalast, in dem sich die Tischgäste im Widerschein von Diamanten und Gold versammelten, schmückt immer noch den westlichen Rand des Kathedralenplatzes. Der dahinter aufragende Große Palast ist eine Pastiche aus dem 19. Jahrhundert, aber wer sich an den bewaffneten Polizisten vorbeiwagt, erreicht die von stummen Steinlöwen bewachte Wendeltreppe, die zu den älteren königlichen Kammern und den sorgfältig gepflegten Kirchen hinaufführt. Wie Jerusalem, Rom oder Istanbul ist der Kreml ein Ort, an dem sich die Geschichte konzentriert und an dem jeder Stein mehrere Vergangenheiten zu repräsentieren scheint. Die Wirkung ist hypnotisch.
Außerdem ist der Kreml absichtlich so arrangiert worden. Seine gegenwärtige Erscheinung – vom Chaos seiner goldenen Dachverkleidung bis hin zu der überwältigenden Menge von Palästen und uralten Mauern – hat nichts Zufälliges an sich. Jemand entwarf diese Formen, um den besonderen Charakter der russischen Kultur zu feiern, und jemand anders billigte die Pläne, in einem Stil weiterzubauen, der auf historisch verwurzelte Macht hindeutet. Das allgegenwärtige Gold mag in der orthodoxen Ikonographie an die Ewigkeit erinnern, aber für die meisten von uns ist es eine imposante Widerspiegelung irdischen Reichtums. Von den Kirchen und abweisenden Toren bis hin zu den charakteristischen vertrauten Turmspitzen ist der Kreml nicht bloß der Wohnsitz der russischen Herrscher. Er ist auch ein Theater und ein Text, eine Galerie, welche die aktuelle Regierungspolitik zur Schau stellt und verkörpert. Dies – und die Inkongruenz seines Überlebens im Kern des modernen Moskau – ist seit langem das Geheimnis seiner Ausstrahlung.
Der Ort fasziniert mich, seit ich ihn vor drei Jahrzehnten zum ersten Mal besuchte, und seine Geschichte scheint eine immer tiefere Resonanz zu gewinnen. Zu einem Wendepunkt kam es 2007, gegen Ende der zweiten vierjährigen Präsidentschaft von Wladimir Putin, als sich die russische Presse mit dessen Zukunft zu beschäftigen begann. In wahrhaft erznationalistischem Stil versuchten seine Anhänger, eine verfassungswidrige dritte Amtszeit zu rechtfertigen, indem sie angebliche Lehren aus der Vergangenheit zogen. Sie argumentierten, die russische Nation habe ihren Bestand der Tatsache zu verdanken, dass sie speziellen Regeln folge. Das Volk habe am meisten zu leiden, wenn eine Schwäche im Herzen der Macht zu bemerken sei. Das nationale Genie habe eine einzigartige, schöpferische Gestalt, versicherten sie, und könne nur gedeihen, wenn es von einem starken, zentralisierten Staat beschützt werde. Beflissene Lehrbuchautoren ließen sich rechtzeitig historische Beweise einfallen. Von Peter dem Großen bis hin zu Stalin und vom engstirnigen Alexander III. bis hin zu Putin selbst zeige die Vergangenheit, warum Russland immer noch eine straff regierende Hand benötige. Sogar Zweiflern war bewusst, dass die Alternative Risiken in sich barg. Jeder Russe kannte sich mit schwachen Regierungen aus, denn der jüngste Fall war der von Boris Jelzins Präsidentschaft in den 1990er Jahren gewesen, einer Zeit der nationalen Erniedrigung und des verzweifelten menschlichen Elends. Dadurch fand die etatistische Botschaft willige Zuhörer. In einer Umfrage nach dem größten Namen der russischen Geschichte, die der Fernsehsender Rossija 2008 organisierte, setzte sich der unerbittlich reaktionäre Nikolaus I. sogleich an die Spitze, dicht gefolgt von Stalin.[6]
Das Ergebnis konnte Russlandbeobachter im Westen nicht überraschen. Im Gegenteil, es hatte etwas deprimierend Unvermeidliches an sich, als wäre das Land in der Tat auf ewig für die Tyrannei bestimmt. Ähnliches behaupten Außenstehende seit Jahrhunderten. »Der Fürst allein kontrolliert alles«, urteilte ein jesuitischer Gesandter in den 1580er Jahren. »Die Ehrerbietung, die dem Fürsten entgegengebracht wird, ist etwas, das sich kaum begreifen lässt.«[7] Mehrere Engländer, die unter der Herrschaft von Elisabeth I. und Jakob I. Bericht über Moskau erstatteten, schlossen sich dieser Meinung an.[8] Über 300 Jahre später, als die bolschewistische Revolution von 1917 in eine Diktatur umschlug, hielten Experten mehrere Theorien über den besonderen Weg Russlands bereit.[9] Genau das geschah auch, als die Reformen der Perestroika unter Gorbatschow stockten. Ein Politikwissenschaftler formulierte es damals folgendermaßen: »Zu viel Freiheit verursacht zahlreichen Russen Unbehagen.«[10] Solche Kommentare schmeicheln dem westlichen Vorurteil, weshalb es sich trotz so vieler umfassender Regimewechsel erhalten hat. Letzten Endes jedoch hat der Gedanke, dass Russland ein besonderes Schicksal beschieden sei, deshalb überlebt, weil er der russischen Regierung selbst zustatten kommt. Wie es in einem jüngeren Buch zu dem Thema bündig heißt: »Die etatistische Interpretation der russischen Geschichte liefert eine Rechtfertigung für Unverantwortlichkeit und eine Absolution für vergangene Verbrechen.«[11] Durch die Nutzung der Geschichte könne sich, mit den Worten eines anderen Autors, sogar die gegenwärtige Regierung »in die Traditionen der Vergangenheit einfügen«, womit der Staat selbst zum »Konzentrationspunkt des Gesellschafts- und Privatlebens [wird], gewissermaßen also auch zur höchsten Rechtfertigung für das Leben des Individuums«.[12]
Der Kreml ist der ideale Ort, um über all diese Dinge zu grübeln. Hier werden Mythen geboren, hier ist eine Bühne, auf welcher der russische Staat seine Macht und seine Ahnentafel vorführt. Aber die Festung ist ihrerseits auch eine Bühnenfigur. Ich machte mich daran, die Vergangenheit des Kreml zu erforschen, weil ich mehr über die Gegenwart wissen wollte, doch am Ende vertiefte ich mich in seine Biographie. Es ist eine Geschichte, in der Äußerlichkeit und Fabel häufig über Substanz triumphieren, doch handelt sie sehr wohl auch von realen Dingen. Während meiner Arbeit daran musste ich das, was Herrscher über sich selbst erzählen, reflektieren und daneben Themen meistern, die sich von der Ideologie hinter den Krönungsritualen bis hin zu den Feinheiten der christlich-orthodoxen Theologie spannten. Gleichzeitig las ich Texte über Uhrmechanismen, Kanonengießerei und über die technischen Details der Restaurierung von altem Putz. Diese Geschichte handelt von vielen Kulturen und von mindestens zwei Kontinenten. Bei ihrer Aufzeichnung habe ich die Grasflächen des Ostens betrachtet, um die Evolution der Heere zu verfolgen, deren Leben in der asiatischen Steppe begann, und ich habe auch versucht, die Reise durch Wälder und Sümpfe zu schildern, die so viele europäische Handwerker an den feierlichen, kalten, durch Rituale gefesselten Moskauer Hof brachte. Im Zusammenhang mit jeder Zerstörung des Kreml (er war nicht von so ewiger Dauer, wie es schien) habe ich herauszufinden versucht, wie seine Herren die Aufgabe des Wiederaufbaus und der neuerlichen Inbesitznahme einschätzten. Der französische Historiker Pierre Nora würde die Zitadelle sicherlich als »Erinnerungsort« bezeichnen, aber sie war daneben eine Stätte der Aktion und des Wandels, ein Theater, dessen Dramen auch dann von der Gegenwart handelten, wenn sie als Beschwörungen der Vergangenheit getarnt waren.
Ich stellte bald fest, dass der Gedanke der vorherbestimmten Kontinuität sehr alt war. Auch verstand ich, wie die vertrauten Geschichten ersonnen wurden. Seien es Mönche und Hofschreiber oder Sowjetpropagandisten und Putins bevorzugte Lehrbuchautoren – nichts ist ungewöhnlich daran, dass russische Höflinge ganze Kapitel der Vergangenheit umschreiben. In der Regel haben wir es mit dem kalkulierten Versuch zu tun, einer spezifischen Person historische Autorität zuzuordnen, denn der russische Staat, weit davon entfernt, eine stabile und kontinuierliche Führerschaft zu besitzen, hat in Wirklichkeit häufige Krisen im Herzen der Macht durchlitten. Von Fürsten und Zaren bis hin zu Generalsekretären und nicht gewählten Präsidenten können viele seiner Herrscher nur eine sehr dürftige Legitimation vorweisen. Deshalb haben ihre Höfe, um Chaos oder potentiellen Bürgerkrieg abzuwenden, darauf hingearbeitet, eine Reihe mehr oder minder überzeugender Nachfolgemythen zu schaffen. Manche stützen sich auf die Religion, andere auf den Willen des Volkes, doch die Geschichte bildet die Grundlage für fast alle Versionen. Die Berater Iwans des Schrecklichen gehörten zu den Fleißigsten, wenn sich die Aufgabe stellte, alte Aufzeichnungen zu revidieren – er wurde mit göttlicher Autorität und einem prächtigen Stammbaum ausgestattet –, und ihre Nachfahren im 17. Jahrhundert leisteten das Gleiche für die ersten Romanow-Zaren. Die Bolschewiki beriefen sich trotz ihrer modernisierenden Rhetorik auf den Segen eines Pantheons toter Helden; außerdem machten sie emsigen Gebrauch von den symbolischen Möglichkeiten des Kreml selbst. Im Lauf einer unablässigen Folge von Krisen waren die unmittelbaren Umstände so verworren, dass sich das Volk seinerseits bereit zeigte, selbst einen wenig überzeugenden Prätendenten willkommen zu heißen, solange es glaubte, dass er einem nostalgischen, geradezu märchenhaften Ideal entsprach. Das Leben war so mühselig und jede denkbare Zukunft so unsicher, dass sich auch der gewöhnlichste Bauer nach den Gewissheiten vergangener Zeiten sehnte. »Das höchste Gut in Moskowien war nicht Wissen, sondern Erinnerung«, meinte James Billington vor einem halben Jahrhundert. »Es gab keine höhere Berufungsinstanz in einem Disput als die der ›wichtigen guten und festen Erinnerung‹ der ältesten verfügbaren Amtsperson.«[13]
Aber Erinnerungen sind wandelbar, wie wir alle wissen. Der Kreml kann als Nachweis der Vergangenheit dienen, doch er ist auch ein religiöser Ort, und seine Gebäude galten einst als die heiligsten Stätten Moskaus. Die Rituale, die sich um sie herum bildeten, von Feiern der Göttlichen Liturgie bis hin zu Krönungen und königlichen Bestattungen, hatten ursprünglich den Zweck, eine zeitlose religiöse Wahrheit darzustellen. Doch bereits in der Epoche der Heiligen änderten sich die Zeremonien. Von Generation zu Generation nahm die Bedeutung der gleichen Worte und der gleichen Prozessionen jeweils eine radikal neue Form an. Auch die Gebäude blieben nicht unverändert stehen, und sie konnten die trügerischsten Zeugen von allen sein. Wenn eine Mauer neu gestrichen oder ein Palast abgerissen und wiederaufgebaut wurde, war es so, als hätte es die vorherige Konstruktion nie gegeben. Der Zyklus vertrauter Gebete und die Reihen Ikonen tragender Priester und Höflinge in goldenen Gewändern kehrten zurück, aber die Kulisse hatte sich so sehr verändert, dass sie ganz neue Ideen und (mangels eines besseren Begriffs) falsche Erinnerungen förderte. Auch bei den scheinbar so konkreten Gebäuden ist die einzige Vergangenheit das, was wir im jeweiligen Augenblick vor uns haben. Es war eine Lektion, aus der die Bolschewiki einen dramatischen Nutzen zogen, als sie die alten Kreml-Klöster 1929 zerstörten. Wie ich feststellen sollte, können nur wenige Menschen, selbst wenn sie Moskauer sind, heute sagen, wo die Gebäude standen. Manche bezweifeln sogar, dass sie je existierten, und kratzen sich den Kopf beim Anblick der alten Fotos, die den Sachverhalt bestätigen.
Mithin behandelt dieses Buch den Kreml über Jahrhunderte hinweg, aber es konzentriert sich durchaus auch auf den Kreml heute. Als ich mit der Arbeit begann, entdeckte ich rasch die Vorteile einer Beziehung – selbst einer unerwiderten – zur höchsten Elite Russlands. Obwohl das Forschungspersonal des Kreml unter Bedingungen arbeitet, die vermutlich schlechter sind als die jedes Universitätshistorikers außerhalb der Mauern, ist der allgemeine Rahmen spektakulär. Während ich vor den bewaffneten Wächtern am Borowizki-Tor mit meinem mühsam errungenen Passierschein aus Pappe wedelte und an Schlangen früh aufgestandener Touristen vorbeispazierte, erhielt ich eine Kostprobe des Überlegenheitsgefühls, das Fellows der Colleges von Oxford und Cambridge ohne Frage an jedem Arbeitstag genießen. Ich ließ den Moskauer Smog und Verkehrslärm hinter mir. Innerhalb der Mauern herrscht, bevor die Touristenführungen beginnen, eine angenehme Stille, und noch heute weht die Brise im Land des Dieselkraftstoffs und des Zigarettenqualms den subtilen Duft von Weihrauch heran. Die Bibliothek, auf die ich zusteuerte, lag hoch oben in einem Anbau an den Glockenturm Iwan der Große, was bedeutet, dass das Personal über keinen Zentimeter Freiraum verfügt, aber auch, dass die Menschenmengen weit entfernt bleiben.
Jedes Gefühl der Zugehörigkeit ist jedoch relativ, denn dies ist keine normale Forschungsstätte. Im Kreml sieht eine Besucherin das, was sie sehen soll. Verschlossene Türen erwarten selbst die hartnäckigsten Gäste. Um dieses Buch schreiben zu können, musste ich viel weiter vordringen als in jenen Lesesaal im Turm. Die Spur führte mich nach Italien (die Heimat der Architekten, welche die Renaissance-Festung entwarfen) und zu Bibliotheken in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Wenn schriftliche Überlieferungen nicht genügten, machte ich Sachverständige ausfindig. Zu den ersten Interviewten gehörten einige der Politiker und Diplomaten, die den Kreml als Arbeitsplatz kannten. An einem surrealen Abend begegnete ich, Stunden nördlich von Stockholm, in einer einzigen Sitzung sechs früheren schwedischen Botschaftern in Moskau (»Sie sind wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen, dass jeder männliche schwedische Erwachsene seiner Nation auf diese Weise zu dienen hat«, scherzte der Letzte, als ich mich verwundert zeigte). Ich sprach auch mit mehreren der Architekten und Restauratoren, die jeden Winkel der Gebäude kennen. Kunsthistoriker halfen mir, die Ikonen und Fresken zu würdigen. Spezialisten für unvertraute Geschichtsperioden beantworteten Fragen und schlugen neue Quellen vor. Bei meinen Pendelreisen zu der Moskauer Festung, die mehrere Jahre dauerten, konnte ich sogar einmal die selten sichtbaren Falken bewundern, die zur Tötung der Kreml-Krähen gehalten werden.
Vor allem eine Episode ist geeignet, die Aufregung der Jagd wiederzugeben, und für mich war es eine besondere Art der Einführung in die Thematik. Eine meiner am schwersten zu erfüllenden Ambitionen als Forscherin bestand darin, einen Blick hinter die offensichtlichen Fassaden zu werfen. Wie jeder Archäologe weiß, kann man eine Menge über eine Kultur – vornehmlich eine verschwiegene – erfahren, indem man die Dinge betrachtet, die sie wegwirft. Der Kreml bietet sich nicht für die Suche nach Müll an, doch einmal gelang es mir, das dortige Pendant einer Dachkammer zu betreten. Zu dieser unerwarteten Gelegenheit kam es, als eine Frau, die eine der Forschungsabteilungen des Kreml leitet, mir freundlicherweise eine private Führung durch den Palast anbot. Geplant war, alle vorhandenen Kirchen – und es gibt eine Menge davon – zu besichtigen.
Ich erschien früh an dem anberaumten Morgen, denn ich verbrachte gern ein paar Momente in der leeren Festung, um zuzusehen, wie das sanfte Herbstlicht über den alten Kalkstein hinwegglitt. Meine Führerin, deren Büro in einem Anbau der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale lag, hatte ihre Vorbereitungen noch nicht ganz abgeschlossen, und wir plauderten, während sie bedächtig eine Auswahl aus einem Schlüsselkasten traf. Ich bestaunte jeden der Schlüssel, die sich auf ihrem Schreibtisch aufreihten, denn solche Werkzeuge hätten aus Meteoriten geschmiedet sein und von einem Drachen bewacht werden müssen. Manche waren lang und schwer, andere zierlich und die meisten so verschnörkelt, dass man sie kaum auf einer Hand balancieren konnte. Ich hatte jedoch keine Zeit, sie alle zu prüfen, bevor die Kuratorin aufhörte, in ihrem Schrank zu stöbern, und eine Kneifzange hervorholte. Wie sich zeigen sollte, hatte sie den Zweck, die schweren Siegel aufzubrechen, die den Inhalt der zahlreichen verborgenen Kammern des Palastes schützen.
Auf das erste derartige Siegel stießen wir am Kopf einer Treppe aus poliertem Marmor. Auf der anderen Seite eines Innenhofes, hinter einem glänzenden Parkettsee, gelangten wir zu einem Paar exquisit gefertigter und mit Gold beschlagener Tore und dann zu zwei – ebenfalls verschlossenen und versiegelten – massiven Holztüren. Die Aussichten schienen düster zu sein, aber die Zange riss das Wachs schnell ab, der lange Schlüssel drehte sich mit beruhigender Leichtigkeit, die Holztüren öffneten sich und ließen uns in eine Kirche des 17. Jahrhunderts mit Ikonen des Meisters Simon Uschakow ein. Die erste Überraschung war für mich, wie trübe und sogar klamm der Raum nach den glänzenden Kronleuchtern draußen zu sein schien. Wir fanden den Schalter für die Glühbirne, und in ihrem unversöhnlichen Licht wurde mir klar, warum die anfängliche Düsterkeit mich so sehr verblüfft hatte. Von russischen Kirchen erwartet man, dass sie funkeln und schimmern, doch diese wies nirgendwo Gold oder Silber auf; sogar die kostbaren Heiligenbilder hingen an einer primitiv wirkenden Ikonostase. Wie ich erfuhr, war das antike Silber, das den Schirm – ein eigenständiges Kunstwerk – einst geschmückt hatte, in Lenins Zeit entfernt und eingeschmolzen worden, vorgeblich um Brot für das Volk zu kaufen, aber in Wirklichkeit, damit sich die Regierung über Wasser halten konnte. Bei unserem Rundgang durch weitere Kirchen, vorbei an noch mehr einsamen Ikonostasen, durch unbeleuchtete und wegen ihrer Leere gespenstische Kammern, entdeckte ich, dass das gleiche Schicksal auch anderen Schätzen im Palast widerfahren war. Trotzdem gab es viel zu sehen. Mehrere Stunden lang schlängelten wir uns durch die Räume und machten einmal halt, um in den Wintergarten zu spähen, der früher Stalins Kino gewesen war.
Meine neue Freundin war großzügig, sowohl was ihre Zeit als auch was die Weitergabe ihrer Kenntnisse betraf, aber sie zögerte, bevor wir die letzte Treppe hinuntergingen. »Sagen Sie der Feuerwehr nichts davon«, murmelte sie. Der Korridor verengte sich; man hatte die Teppiche lange nicht erneuert. Wir waren unterwegs nach unten zu einer Kirche aus dem 14. Jahrhundert, die als verloren gegolten hatte, bis sie bei Bauarbeiten unter Zar Nikolaus I. wiederentdeckt worden war. Nach mehr als 600 Jahren (so viele Kriege, so viele Brände, so viele Sanierungsprojekte) ist von der Kirche selbst nicht mehr viel übrig (die Wände sind verputzt), aber trotzdem fiel noch einiges ins Auge. Am Korridor entlang und auf der Treppe standen Leitern, Farbdosen und sperrige Stapel zerbrochener Stühle. Eine zusammengerollte rote Fahne lehnte an einer Wand, ein vergoldeter Tisch war aus einer Themenausstellung gerettet worden, mit Tünche bespritzte Abdecktücher lagen auf dem Boden, und jemand hatte ein klobiges Radio zurückgelassen. Die Expedition durch den Palast von Nikolaus, Michail Romanow und Iwan dem Schrecklichen und zu den Renaissance-Fundamenten viel älterer Gemächer war nicht nur eine Rückkehr in der Zeit, was schließlich der Zweck von Wanderungen durch Gruften ist. Vielmehr erweckte sie den Eindruck, als wären mehrere abgelegte Versionen der Vergangenheit des Kreml in einer Zeitkapsel gesammelt und, Jahrzehnt um Jahrzehnt, in einem surrealen Raum zusammengeklappt worden.
Die russische Geschichte ist voll von Zerstörung und Wiederaufbau; das Land hat ein Übermaß an Wandel durchgemacht. Aus komplexen Gründen – nicht immer den gleichen – ist es dem Staat in allerlei unterschiedlichen Erscheinungsformen fast immer gelungen, sich den Vorrang gegenüber den Rechten des Volkes zu sichern. In jedem Krisenmoment sind entsprechende Entscheidungen getroffen worden, häufig im Kreml und stets von Personen, die kurzfristige Interessen zu verteidigen hatten. Nichts daran ist unvermeidlich, und die ungenutzten Alternativen belegen, wie bruchstückhaft die Schilderung ist. Wenn die heutigen russischen Führer über den mächtigen Staat und über die sogenannten Traditionen sprechen, die sie als »souveräne Demokratie« bezeichnen, treffen sie wiederum eine Wahl. Die Geschichte hat nichts damit zu tun, denn Präzedenzfälle können, wie jene rote Fahne und jene alten Stühle so nachdrücklich bestätigen, weggeworfen werden wie die Blumen der letzten Woche. Es gibt viele russische Vergangenheiten. Sobald seine versiegelten Türen geöffnet sind, braucht der Kreml nicht mehr die »Stütze der Tyrannen« zu sein, die Custine geißelte. In einer Kultur, welche die Geschichte kontrollieren möchte, ist er ein unbequemer Überlebender, ein herrlicher, bezaubernder und letztlich unbestechlicher Zeuge für das verborgene Herz des russischen Staates.
Es vermittelt das Gefühl eines gerechten Gleichgewichts, die Geschichte einer ikonischen Festung mit einer wirklichen Ikone zu beginnen. Generationen von Künstlern haben im Kreml gearbeitet, womit wir unter zahlreichen potentiellen Bildern wählen können. Viele der besten wurden ursprünglich für die eigenen Kathedralen und Klöster des Kreml gemalt, darunter Werke von Meistern wie Theophanes dem Griechen und seinem brillanten, im 15. Jahrhundert wirkenden Schüler Andrej Rubljow. Unbeschwert, ewig, bindungslos blicken die heiligen Gesichter weiterhin aus einer goldenen Unendlichkeit in unsere frenetische Welt. In der Epoche, in der sie entstanden, gehörte die Zeit noch Gott, und sündige Menschen (jedenfalls solange sie der Botschaft glaubten, die von der Kunst der Ikonenmaler übermittelt wurde) konnten nur dann Erlösung finden, wenn sie ihre wenigen Jahre auf Erden dem Muster des Himmels anpassten. Doch Meditation und Reue waren nie der eigentliche Zweck des Kreml. Ein besseres Sinnbild seiner Gründungsgeschichte, in einem ganz anderen Stil, ist Simon Uschakows Meisterstück von 1668, Pflanzung des Baumes der russischen Herrschaft. Es war und ist ein heiliges Kunstwerk, aber es repräsentiert auch einen historischen Text.
Heutzutage findet die Botschaft der Ikone so viel Widerhall, dass man dem Original einen Ehrenplatz in der Moskauer Tretjakow-Galerie eingeräumt hat. Das Gemälde, obwohl von bescheidener Größe, hat eine ganze Wand für sich, und die sorgfältige Ausleuchtung des Goldes schafft eine Aura besonderer Ehrfurcht. Schon bevor man es anschaut, weiß man, dass es eine Kostbarkeit ist, doch der Aufbau des Bildes erweist sich als Überraschung. Auf den ersten Blick gibt die Ikone einen herkömmlichen Lebensbaum wieder, ein Motiv, das eher an Orientteppiche als an russische Malerei denken lässt.[1] Bei genauerer Betrachtung nimmt man tatsächlich den verästelten Baum wahr, aber die Frucht (oder die Blüte, denn dies ist eine Zauberpflanze) besteht aus Kameen, darunter ein großes Bild der Jungfrau und kleinere mancher herrschender Fürsten, Zaren und heiliger Männer Moskaus. Sie folgen aufeinander und schmücken Äste, die sich zum Himmelstor erheben. Wie im Tretjakow-Führer hilfreich erwähnt wird, ließ sich Uschakow von traditionellen Darstellungen der Genealogie Jesu Christi inspirieren.[2]
Noch interessanter ist das Bild, wenn man sich die Wurzeln des Baumes ansieht, denn hier wird die Vorstellungskraft von konkreten Gebäuden überlagert. Wie ein Rahmen innerhalb eines Rahmens ziehen sich die befestigten Mauern und Türme des Moskauer Kreml am unteren Teil des Gemäldes dahin, und hier findet man auch die historischen Hauptgestalten der Ikone. In einer Ecke – einem Impresario gleich, der eine überaus erfolgreiche Vorführung präsentiert – sieht man den unverkennbaren Alexej Michailowitsch Romanow (1645–1676), den Zaren zu Uschakows Zeit. Aber im Zentrum von allem befinden sich die beiden Männer, die den Baum gepflanzt haben und sich nun fürsorglich über ihr Werk beugen. Zur Linken, mit einer Art mittelalterlicher Gießkanne in der Hand, steht ein Priester, und gemalte Lettern teilen uns mit, dass wir es mit Peter, dem Oberhaupt der russischen Kirche des frühen 14. Jahrhunderts, zu tun haben. Zur Rechten, zuständig für die Pflanze selbst, sehen wir einen Fürsten, Iwan I., der Moskau 16 Jahre lang – von 1325 bis zu seinem Tod im Jahr 1341 – regierte.
Man benötigt ein paar historische Kenntnisse, um zu verstehen, was Uschakow erklären möchte. Unter anderem ist sein Gemälde ein politisches Manifest im Namen seines Zaren. Wie der Baum, will das Bild verdeutlichen, sind Alexej und seine Erben in der Vergangenheit Moskaus verwurzelt; und wie die frommen Zaren früherer Zeiten – vor allem wie der Gründer im Vordergrund – sind sie Teil einer kontinuierlichen Linie, die Russlands Boden stets gepflegt und entwickelt hat. Dies zu betonen war sinnvoll zu Alexejs Zeit, den er hatte den Thron erst als zweites Mitglied seiner Familie bestiegen. Anfang des 17. Jahrhunderts, während eines langwierigen Bürgerkriegs, hatte sich Russland beinahe aufgelöst. Als der Frieden 1613 schließlich wiederkehrte, hatte ein Bürgerrat das Land nach einem neuen Zaren absuchen müssen. Die Thronbesteigung von Alexejs Vater Michail Romanow war folglich kein so organischer Prozess, wie die Bilder der Ikone andeuten, und der recht verfallene Kreml, den er ererbte, ließ sich nicht mit der makellosen roten Festung auf dem Gemälde vergleichen. Der Pinsel des Künstlers löschte die Erinnerung an Aufruhr und Mord, und Uschakow drängte eine neue Generation zu glauben, dass die Geschichte Moskaus gesegnet sei. Sein Kreml war kein gewöhnlicher Ort, sondern stellte die Verbindung zwischen Russland und dem Himmel her und wurde von der Gottesmutter persönlich beschützt.
Aber die Gründungsszene enthält noch eine weitere Botschaft, und sie wird von der Pflanzung des Baumes übermittelt. Peter, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Russland, und Iwan I., der gerade ernannte Fürst von Moskau, legten 1326 nämlich den ersten Stein einer neuen Kathedrale. Sie erscheint auf der Ikone als hoch aufragendes Gebäude mit erlesenen goldenen Kuppeln, doch die Detailgenauigkeit ist weniger wichtig als die Symbolik eines Aktes, der den Moment kennzeichnete, in dem Moskau, mit dem Kreml im Kern, seinen Anspruch geltend machte, die religiöse und politische Hauptstadt der russischen Welt zu sein. Damals war der Kreml weder prächtig noch ruhevoll; seine Mauern sahen aus wie ein Flickwerk aus Lehm und Bauholz, und seine Verteidigungsanlagen wurden durch giftige Sumpfflächen ergänzt. Die Welt um ihn herum befand sich im Krieg, und sein Fürst war nicht einmal der unbestrittene Souverän des russischen Volkes. Aber manche Bäume gedeihen auf kargen und sogar ausgetrockneten Böden. Als Uschakow eine Wurzel für seine symbolische Pflanze finden wollte, war es kein Fehler, die Zeremonie von 1326 zu wählen. Ironischerweise hatte sich der Fürst – Iwan I. –, den er malte, zudem seinerseits auf die Historie berufen, als er jenen ersten bedeutungsschweren Stein legte. Die Geschichte des Kreml, wie die von Russland als Ganzem, ist zerstückelt und hat viele ihrer Bestandteile verloren. Doch inmitten der Brände, Revolutionen und Palastrevolten sieht man als einzigen roten Faden die Entschlossenheit aufeinanderfolgender russischer Herrscher, die Geschichte umzuschreiben, damit die Gegenwart, wie immer sie aussehen mag, so tief verwurzelt und organisch zu sein scheint wie Uschakows Baum.
Es gibt keine verlässlichen Unterlagen über die Anfänge des Kreml. In den Chroniken, also den wichtigsten schriftlichen Quellen für die Periode, wird 1147 und wiederum 1156 eine Fürstenresidenz in Moskau erwähnt, aber niemand weiß genau, wer als Erster etwas Festungsähnliches auf dem Hügel über den Flüssen Moskwa und Neglinnaja errichtete. Die Daten werden angefochten, obwohl sich die Existenz einer Mauer aus dem 12. Jahrhundert bestätigt hat.[3] In den 1950er Jahren entdeckten Archäologen ihre Überreste in einer Tiefe, die den korrekten Jahrzehnten entspricht, und obwohl die Funde unvollständig sind und durch etliche spätere Bauarbeiten beeinträchtigt wurden, stehen sie im Einklang mit den Details eines höchst imposanten Holz-Erde-Walls. Allein schon die Riesenbalken dürften unverrückbar gewesen sein. Der Bau umfasste eine viel kleinere Fläche als der heutige Kreml, aber er wirkt uneinnehmbar. Der Holzwall war jedoch nicht das einzige Bauwerk auf dem keilförmigen Hügel, wie weitere Ausgrabungen bald deutlich machten. Unter den Wällen, in den tieferen Schichten, ruhen Knochen, Rippen und Gliedmaßen von Schweinen und Rindern, Rückstände von über Jahrhunderte gegessenen Mahlzeiten sowie die Überreste von Pferden und Hunden. Hinzu kommen die Knochen von wilden Pelztieren wie Elchen, Hasen, Bibern und Wildschweinen. Eine Spinnwirtel aus rosa Schiefer, hergestellt von einem Handwerker in Kiew, deutet auf Handelsbeziehungen zum Dneprtal hin, ebenso wie Glasperlen und Metallarmbänder in den kältesten Erdspalten.[4] Noch tiefer schließlich ist nichts als Stille.
Der Hügel, auf dem der Kreml steht, dürfte sich immer gut für eine Festung geeignet haben. Er war leicht zu verteidigen und besaß eine Menge Nutzholz, doch in seinen frühen Jahren war er, selbst nach russischen Maßstäben, sehr entlegen. Während sich in anderen Regionen des Nordens prosperierende Häfen und Märkte entwickelten, versteckte sich dieser Ort im Wald, überwuchert von Dornensträuchern und gehüllt in fauligen Nebel. Das Gewirr aus Eichen und Birken war an allen Seiten so dicht, dass es mühelos eine ganze Armee verschlucken konnte. Genau das soll im Jahr 1176 geschehen sein, als es zwei verfeindeten Fürsten und ihrem Gefolge gelang, aneinander vorbeizuscheppern, da das Dröhnen und Klirren ihrer Tiere vom Blättergespinst erstickt wurde.[5] Es war leichter, sich an den Flüssen zu orientieren, aber auch sie konnten trügerisch sein, und die hiesigen Jäger schlugen häufig eine Schneise durch die trockeneren Teile des Waldes, wenn sie sich auf die Suche nach Elchen und Wildschweinen machten. Wichtige Routen konnte man eine Zeit lang offen halten, indem man sie mit Baumstämmen bedeckte – eine uralte Technik, die noch tausend Jahre später in Gebrauch sein sollte, als sowjetische Soldaten ihre berühmten »Knüppeldämme« verlegten –, doch viele früh entstandenen Pfade wurden im Lauf des Jahres durch Nesseln, Gestrüpp und Schlamm wieder unkenntlich gemacht. Selbst wenn ein Reisender ihn wiederfinden konnte, bot sich der kühle Boden oberhalb der Flussbiegung keineswegs für den Hauptstadtstatus an.
Die Ersten, die sich hier niederließen, Jäger vielleicht, mögen Finnen gewesen sein, was sich jedoch nicht verbürgen lässt, denn obwohl Herrscher kamen und gingen, gab es keinen Staat, der die Völkerstämme gezählt oder benannt hätte, und keine klare Grenze. Im Unterschied zu den Christen im Westen oder den Juden und Muslimen im Süden und Osten verbrannten die Einheimischen ihre Toten, so dass man keine Gräber freilegen kann, und da sie kein Alphabet besaßen, hinterließen sie kaum ein Wort. Aber ihre Spuren haben sich in den Namen erhalten, welche diese ersten Siedler den Flüssen und den bewaldeten Sümpfen gaben; den meisten Berichten zufolge (was allerdings von slawischen Patrioten bestritten wird) zählte »Moskau« selbst zu jenen Namen.[6] Aus dem Finnischen abgeleitet, war er mit großer Wahrscheinlichkeit vor der Ankunft der ersten Slawen (vermutlich zu Beginn des 9. Jahrhunderts) etabliert.
Die Neueinwanderer gehörten einem Stamm namens Wjatitschi an.[7] Sogar in jenem blutigen Zeitalter standen sie im Ruf besonderer Grausamkeit. Möglicherweise hemmten sie die Entwicklung der Gegend, denn friedliche Reisende dürften gezögert haben, bevor sie ihr Land durchquerten. Aber ihre Welt war nicht völlig abgeschieden. Die Moskwa, die durch ihr Territorium floss, konnte mit Holzschiffen befahren werden und war einer von mehreren denkbaren Handelswegen, welche die Wolga mit dem Westen und Norden verbanden. Heute sind Archäologen der Meinung, dass sich mindestens zwei wichtige Überlandrouten ebenfalls nahe der Stätte des heutigen Kreml trafen.[8] Mittlerweile hatte sich der Verkehr – mit Schiffen, Pferden und sogar Kamelen – über die nordöstliche europäische Ebene hinweg verstärkt. Die kleine Ortschaft an der Moskwa lag nicht an einem der Haupthandelswege, doch trotzdem hinterließ ein damals Durchreisender zwei Silbermünzen, islamische Dirhams, von denen eine im fernen Merw geprägt worden war.[9] Anderswo in Russland sind beträchtlichere Silbermengen, Schätze geradezu, zum Vorschein gekommen. Sie sind hauptsächlich muslimischer Herkunft und überwiegend auf das 10. Jahrhundert datiert – ein verlässlicher Hinweis auf den Umfang und Wert des Handels der Region mit den fortgeschrittenen Kulturen Asiens und des Mittelmeergebiets.
Die Kaufleute müssen mit üppigen Erwartungen gekommen sein. Die Karawanen, die sich süd- und ostwärts nach Choresm, einem Marktzentrum tief in Zentralasien, bewegten, waren mit den Reichtümern des Waldes beladen. »Zobel, Fehen, Hermeline und das Fell der Steppenfüchse«, prahlte ein arabischer Geograph. »Marder, Füchse, Biber, gefleckte Hasen und Ziegen; dazu Wachs, Pfeile, Birkenrinde, hohe Pelzmützen, Fischleim, Fischzähne [d.h. Walrossstoßzähne] (…) slawische Sklaven, Schafe und Rinder.«[10] Berichte wie dieser lassen an viel spätere europäische Schriften über Afrika denken, und wie sich zeigt, war die nordosteuropäische Waldzone tatsächlich der Schwarze Kontinent des 9. und 10. Jahrhunderts. Wie Afrika in späteren Zeiten schien es ein gefährliches, exotisches Gebiet zu sein, in dem Abenteurer ein Vermögen erwartete. Sklaven waren eine erhebliche Gewinnquelle, denn während Muslime und Christen einander nicht versklaven durften, galten die heidnischen Slawen als Freiwild.[11] Auch die Lust auf Pelze schien unersättlich zu sein, und sie wurden von jedermann gekauft: von den Arabern und Türken Asiens ebenso wie von den Franken und Angelsachsen am Atlantikrand Europas. Die nördlichen Birkenwälder und die Taiga jenseits davon brachten die besten Exemplare hervor. Wenn man die Waren auf den Markt schaffen konnte – etwa in Konstantinopel oder in Bolghar, der großen Stadt an der Wolgaroute nach Osten –, ließen sich damit hohe Silberbeträge erzielen.
Die sich bietenden Profite und die vielen Gelegenheiten, Zollstationen einzurichten und Steuern auf die kostbare Fracht zu erheben, ließen die Handelswege riesige Vermögen wert werden, aber die örtlichen Slawen waren weder gut genug organisiert noch hinreichend flink, um die Routen unter ihre Kontrolle zu bringen. Stattdessen fiel die Beute einigen Wikingerbanden aus Skandinavien zu, die den Griechen und Arabern bald als Rhos bekannt wurden. Dies war früher ein weiteres kontroverses Thema (russische Nationalisten regten sich über den Gedanken auf, dass ihre Gründerfürsten anderswoher stammen könnten[12]), aber das im Ostseegebiet entdeckte archäologische Material ist eindeutig. Dadurch, dass die rauen Wegelagerer manche Konvois beschützten, andere überfielen und sich lohnende Tribute sicherten, wurden sie zu gefürchteten Akteuren in der Region. Von ihrer ersten permanenten Siedlung am Ilmensee, an schiffbarem Wasser unweit des heutigen Nowgorod, hatten sie ihr Netzwerk bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts am Dnepr und an der Oberen Wolga entlang ausgeweitet. Wie ihre Verwandten – die Wikinger, die das Wessex Alfreds des Großen in denselben Jahrhunderten attackierten – waren sie ehrgeizig, kriegerisch und unverbesserliche Eroberer. Im Jahr 860 schafften sie es sogar, Konstantinopel, die Erbin Roms, anzugreifen, indem sie sich der großen ummauerten Stadt vom Meer her näherten. Bald hatten sie dem Volk der Chasaren die Dnepr-Hauptstadt Kiew entrissen und eine Reihe von Feldzügen gegen slawische Siedlungen weiter östlich an der mittleren Wolga eingeleitet. In einer Welt, in der die Haupthäfen und -märkte Hunderte von Kilometern voneinander entfernt waren und in der man auf dem Landweg nicht mehr als durchschnittlich 50 Kilometer pro Tag zurücklegte, war es keine Kleinigkeit, eine lange Reise mit einem Verband beladener Gefährte zu bewältigen. Die Entwicklung des Interkontinentalhandels der Gegend war ein Epos der Ausdauer, der Geschicklichkeit und der schlichten menschlichen Habgier.
Zudem war dies der erste Akt des russischen Dramas, der Gründungsmoment, mit dem alle späteren Historien und Mythen beginnen. Die Nestorchronik, die erste offizielle Aufzeichnung über jene Zeit, erzählt die Geschichte einer halb mythischen Gestalt namens Rjurik, von der die Fürsten, welche die Städte Russlands beherrschten, später ihren Dynastie-Titel, Rjurikiden, herleiten sollten. Es hieß, dieser Mann und seine beiden Brüder seien eingeladen worden, das Gebiet um den Ilmensee zu besiedeln, denn die sich unablässig bekriegenden lokalen Stämme der Slawen, Balten und Finnen hätten in einer starken externen Autorität ihre einzige Friedenshoffnung gesehen.[13] Ob eingeladen oder nicht, jedenfalls waren sich diese Wikinger – welche die meisten Historiker heute als Rus bezeichnen – nicht zu schade für den Umgang mit den älteren Stämmen der Region. Sie ließen sich von ihren Steppennachbarn belehren, kauften hölzerne Schiffsrümpfe von slawischen Handwerkern und nutzten örtliche Beziehungen, um sich Pelze, Wachs, Honig, Häute und Sklaven für die Beladung der Schiffe zu beschaffen. Mit der Zeit vermischten sich die Rus und die einheimischen Slawen, schlossen Ehen untereinander, teilten sich die Landschaft und ihre Götter und erfanden, in einer gemeinsamen Sprache, neue Geschichten, um ihrer Welt einen Sinn abzugewinnen. Sie waren noch kein einheitliches Volk, doch die Fundamente für eine Kultur existierten unzweifelhaft.
Es war immer von entscheidender Bedeutung für die kriegerischen Rus, dass sie ihre verschiedenen Nachbarn überreden konnten, Handel mit ihnen zu treiben. Unglücklicherweise wurden die wohlhabendsten ihrer Nachbarn, die Bürger von Konstantinopel, erschreckt durch die Geschichten über die Wikinger im Norden. Die Schroffheit ihrer Welt, gar nicht zu reden von dem nicht lange zurückliegenden Meeresangriff, ließ diese Gruppe von Heiden besonders ungehobelt wirken. Obwohl die kaiserliche Regierung von Konstantinopel ihrerseits Wikinger als Söldner anheuerte (schließlich waren sie die einfallsreichsten Seeleute und zudem standhafte Kämpfer), betrachtete sie die ungezähmten Wikinger, wie immer sie sich nannten, als Barbaren, weshalb die Rus die kaiserliche Hauptstadt zuerst nicht betreten durften. Vielmehr mussten sie ihren Handel auf die Schwarzmeerhäfen Cherson und Tmutorokan konzentrieren und ihre Profite folglich mit einem Schwarm von Mittelsmännern teilen.[14] Im Jahr 911 konnten sie sich endlich einen Handelsvertrag mit Konstantinopel sichern, aber aus den Klauseln ging hervor, dass ihre Kaufleute die Stadt durch ein eigenes Tor zu betreten hatten. Auch wurde es ihnen verboten, in Gruppen von mehr als 50 Personen zu erscheinen.[15]
Die Wende ereignete sich Ende des 10. Jahrhunderts. Geblendet durch das Gold Konstantinopels und fasziniert von seiner Macht, bekannten sich die Rus zum Christentum der Patriarchen. Diese Wahl trafen sie, obwohl es noch andere Möglichkeiten gab, nicht zuletzt die, sich an Rom zu binden. Damals war die Kluft zwischen den beiden christlichen Hauptkirchen nicht allzu groß, doch die Entscheidung der Rus, sich der Glaubensversion von Konstantinopel anzuschließen, sollte sich jahrhundertelang auf die Zukunft ihres Volkes auswirken – mit unabsehbaren kulturellen Folgen. Anscheinend waren es der Glanz und die Schönheit des östlichen Monotheismus, welche die Wikinger Russlands fesselten. Nach einem Besuch der prächtigen Kirche der Göttlichen Weisheit in Konstantinopel wurden die Gesandten der Rus von Ehrfurcht überwältigt. Das Gebäude sei ein Wunder, die Liturgie atemraubend. »Wir wussten nicht«, berichtete einer seinem Fürsten, Wladimir von Kiew, »ob wir im Himmel oder auf Erden waren.«[16] Um 988 (kein damaliges Datum ist exakt festzulegen) ließ sich Fürst Wladimir persönlich taufen und weitete diesen Segen auf seine Untertanen aus, indem er befahl, sie massenhaft im Dnepr einzutauchen. Um ganz sicherzugehen, ließ er auch die heidnischen Götzenbilder auspeitschen und durch die Straßen schleifen, bevor er sie zum Tode verurteilte.[17]
Durch das Christentum wurden die Lande der Rus in den Kreis eines Gemeinwesen einbezogen. Konstantinopel befand sich in seinem Zentrum, doch die Kultur des christlichen Kiew übernahm zudem einiges aus den religiösen Traditionen Alexandrias, Kleinasiens und des Balkans. Eine wahrhafte Flut schwarz gekleideter Männer überschwemmte Kiew nach seiner offiziellen Bekehrung, und die fremden Mönche brachten mehr mit als die Prinzipien des Glaubens. Zu ihren sonstigen Vermächtnissen gehörten ein neues Alphabet, eine Reihe neuer Ideen über den Staat und ein christlicher Kalender.[18] Manche waren begabte Künstler, und bald fertigten Ikonenmaler, viele von ihnen Griechen, Bilder von Heiligen an. Die Motive Christi und der heiligen Jungfrau waren universell, doch die griechische Kirche begünstigte auch den heiligen Johannes von der Leiter, den heiligen Antonius den Großen sowie den heiligen Andreas den Erstberufenen, den Apostel, welcher der Legende zufolge die kommende christliche Herrlichkeit von Kiew vorausgesagt hatte. Die Göttliche Weisheit, der Geist des Wortes, das die Inkarnation ermöglichte, stand im Mittelpunkt von allem, denn sowohl Kiew als auch sein vermögender Rivale Nowgorod folgten Konstantinopel, indem sie jener Weisheit ihre bedeutendste Kathedrale widmeten. Die Bekehrung der Rus war nicht gerade eine Revolution, denn es hatte kaum eine authentische Kultur gegeben, die man hätte umstürzen können. Aber es handelte sich zweifellos um einen verblüffenden Wandel, und Kiews Fürstenregierung mit ihrem importierten Glauben und ihrer Fassade aus griechischen Grundsätzen wurde zu einem Vorbild für die ostslawische Welt.
Keine dieser Entwicklungen wies jedoch auf künftigen Ruhm für den Außenposten an der Moskwa hin. Viel später legten die Herrscher des Großfürstentums Moskau Wert darauf, einen Vorgänger ihres eigenen Hofes im Kiew des 11. Jahrhunderts zu finden, doch ihre Argumentation war bestenfalls fadenscheinig. Der Fürst auf Simon Uschakows Ikone, Iwan I., stammte aller Wahrscheinlichkeit nach von Wladimir ab, doch schwerlich in direkter Linie. Er hatte einen Anspruch auf den dynastischen Titel der Rjurikiden, aber er war nur einer unter zahllosen Fürsten aus jenem Geschlecht, von denen viele ihre eigene blühende Stadt regierten.[19] Iwan und Wladimir waren durch 300 Jahre voneinander getrennt, und obwohl sich die menschlichen Angelegenheiten in der mittelalterlichen Welt, aus der Warte des 21. Jahrhunderts, gemächlich voranzubewegen schienen, sind drei Jahrhunderte stets eine lange Zeit gewesen. Es ist, zum Vergleich, ungefähr die Spanne, die das heutige England von dem trennt, welches den Herzog von Marlborough in die Schlacht von Blenheim schickte. Sogar noch geringer ist der Abstand zwischen unserer Generation und der letzten, welche die britische Herrschaft in den amerikanischen Kolonien erlebte.
Die Zeit war jedoch nicht das Einzige, was zwischen Kiew und Moskau lag, denn ihre Geographie, ihre Wirtschaft, ihr politisches System und sogar ihre diplomatische Orientierung unterschieden sich radikal voneinander: Kiew blickte nach Süden zum Schwarzen Meer, Moskau dagegen verließ sich auf die Walderzeugnisse und auf seine Beziehungen zu fernen Kulturen an der Wolga und in noch weiterer Ferne. Aber in einem wesentlichen Sinne fungierte Moskau tatsächlich als Erbe Kiews: Die Dnepr-Stadt war das erste geistliche Zentrum der Region gewesen – ein Status, den Konstantinopel bestätigte, als es die Kiewer Göttliche Weisheit zur Königin aller christlichen Kirchen in dem gewaltigen Territorium erkor. Byzantinische Geistliche empfahlen zudem, eine Kirchenhierarchie zur Verwaltung der Rus-Gemeinde aufzubauen. Als barbarisches und wildes Grenzgebiet verdiente die Welt der Fürsten kein separates Patriarchat (davon gab es nur fünf auf dem Planeten[20]), doch immerhin erhielten die Rus einen Metropoliten (der Amtsträger stand einen Rang unter dem Patriarchen), der die Verbindung zwischen dem slawischen Norden und der Zivilisation, wie sie von Konstantinopel definiert wurde, herstellte. Das neue Amt machte zahlreiche Reisen erforderlich, denn fast jeder wohlhabende Fürstenhof von der Ostsee bis zur mittleren Wolga ließ Kirchen bauen, aber die offizielle Residenz der Metropoliten befand sich in Kiew, und nach dem Tod wurde jeder von ihnen in oder neben der dortigen Kathedrale zur Ruhe gelegt. Die geistliche Geographie der Region verschob sich mithin nachdrücklich, als sich der Mann auf Uschakows Ikone, Metropolit Peter, ausbedang, in der Kathedrale bestattet zu werden, die Iwan und er in Moskau, fast 800 Kilometer im Nordosten, gegründet hatten.
Die Reise, die mit jenem Moment endete, war von Kiew aus nicht direkt weitergegangen, sondern sie wurde für mehr als ein Jahrhundert in Wladimir unterbrochen, einer Festungsstadt noch ferner im Osten an der Kljasma. Die Route war kompliziert und lässt sich ohne einen Abstecher in die ausgeklügelte Welt des Erbrechts nicht leicht durchschauen. Das Erstgeburtsrecht, das in anderen Königreichen und in späteren Zeiten im Hinblick auf Eigentum und Titel für eine vorteilhafte Geradlinigkeit sorgte, war dem Fürstengeschlecht der Rus fremd. Sie führten ein Leben der ständigen Bewegung, und das Oberhaupt jeder bedeutenden Familie konnte hoffen, irgendwo ein Territorium mit Beschlag zu belegen und es von seiner lokalen Hauptstadt aus mit einem kleinen Hof und einer Gefolgschaft von Kriegern zu regieren. Aber der Clan beharrte auf dynastischen Hierarchien, einschließlich einer Gepflogenheit, durch die den Fürsten der jeweils wichtigsten Städte politischer Vorrang eingeräumt wurde. In den Rus-Landen galt die Herrscherfamilie, wie ein Experte für die Region anmerkte, »als Kapitalgesellschaft, womit jeder einen Anspruch auf ihre Bestandteile erheben konnte«.[21] Dies mochte ein System der kollektiven Vermögensverwaltung gewesen sein, doch es war auch durch eine wachsende Gesellschafterliste und vereinzelte brutale Übernahmeversuche gekennzeichnet.
Das Beste, was sich über das Erbschaftssystem sagen ließ, war, dass es einen soliden Bestand an männlichen Erben garantierte. Statt auf einen einzigen Sohn setzen zu müssen, folgte man dem Brauch (in einem Land, in dem die Lebenserwartung kurz war), die Brüder eines Fürsten zu Thronanwärtern zu machen, wodurch normalerweise ein erwachsener Mann (der jüngere Bruder des Herrschers) vor den königlichen Kleinkindern der zweiten Generation die Erbschaft antrat. Lebte ein Angehöriger der älteren Generation jedoch nicht lange genug, um sich auf den Fürstenthron setzen zu können, wurde dies seinen Erben möglicherweise für alle Zeiten verwehrt. Die Regeln waren selten absolut, da es so viele Gelegenheiten gab, Rivalen aus dem Weg zu räumen. Noch komplizierter gestaltete sich die Erbschaftsfrage dadurch, dass ein Titel und die mit ihm verbundenen Ländereien und Reichtümer nicht unbedingt auf Lebenszeit verliehen wurden. Die Fürstengüter – oder Apanagen – wurden nach einer Skala theoretischer Attraktivität eingestuft, und die wachsende Seniorität innerhalb eines Clans gestattete jedem Fürsten (vielleicht mehrere Male), von einem geringeren zu einem größeren Besitztum aufzusteigen. Ehrgeizige Anwärter konnten sich für die besten Ländereien bewerben, indem sie von Stadt zu Stadt zogen oder in einem mörderischen Stuhltanz Schlachten mit ihren Cousins ausfochten, wenn sich durch Tod oder Beförderung freie Stellen ergaben. Mehr als ein Jahrhundert lang blieb die Mutterstadt Kiew der Preis, den alle begehrten, aber obwohl das Ringen um jenen Thron besonders heftig war, hätte das gesamte System speziell dazu ersonnen worden sein können, möglichst viele Fehden auszulösen.[22]
Bis zu seinem Tod im Jahr 1015 hatte Fürst Wladimir von Kiew seine Familie im Zaum gehalten, doch seine Nachfolger schienen darauf erpicht zu sein, sein Vermächtnis durch Brudermorde zu vergeuden. Steppenstämme, hauptsächlich die tatkräftigen Polowzer, machten sich die Situation rasch zunutze und richteten zunehmende Schäden durch Überfälle auf ungeschützt wirkende Kostbarkeiten an (1061 plünderten sie Kiew). Eine Zeit lang hatte es den Anschein, als könnten die Rus verschwinden wie jeder andere Clan, der einst die Dnepr-Grasflächen und die jenseitigen Wälder beherrscht hatte. Im Jahr 1097 kamen die Fürsten jedoch endlich zusammen, um unter dem strengen Blick eines Magnaten namens Wladimir Monomach einen Waffenstillstand auszuhandeln.[23] In Zukunft würde die Mehrzahl der geringeren Apanagen spezifischen Clanmitgliedern zugeordnet werden. Es gab eine Trennungslinie zwischen dem inneren Zirkel höherer Fürsten und ihren bescheideneren Verwandten, aber die meisten konnten sich nun stabile und sogar vererbbare Anwesen aufbauen. Durch die gewandelten Verhältnisse wurde auch die Entwicklung eines neuen Poles in der slawischen Welt gefördert. Obwohl Kiew glorreich blieb und obwohl auf den Märkten von Nowgorod Reichtümer verdient werden konnten, erwiesen sich die von Wladimir Monomach gehaltenen Lande als die bedeutendsten von allen.
Monomachs Territorium lag jenseits des Moskauer Waldes in einer sanft geschwungenen Hügelkette, deren Flüsse nicht südwärts in das vertraute Schwarze Meer mündeten, sondern ostwärts zur Wolga und zu den Märkten des asiatischen Plateaus verliefen. Das Gebiet mag einen entlegenen Eindruck gemacht haben, doch in einer Zeit, in der wohlhabende Städte im Westen durch Nomadenüberfälle bedroht wurden, mutete es verlockend sicher an. Das Land war in den Tagen Monomachs dünn besiedelt, aber es erwies sich als hinreichend fruchtbar, und was den Handel anging, bildete es eine nützliche Lagerstätte zwischen der Wolga und dem Dnepr. Hier also, an den Ufern der Flüsse Nerl und Kljasma, errichtete eine Reihe von mächtigen Fürsten ein eigenes Zentrum, zuerst in Susdal und dann in der neuen Festung Wladimir, die möglicherweise von Monomach selbst gegründet wurde. Innerhalb von Jahrzehnten war die Region bemittelt, wenn nicht gar vermögend. Trotzdem griff Monomach, als sich die Gelegenheit bot, nach der Herrschaft in Kiew – ebenso wie wenigstens drei seiner Söhne. Erst sein Enkel änderte das geographische Gleichgewicht für immer. Andrej Bogoljubski folgte dem Beispiel der Familie, als er den Thron von Kiew 1169 akzeptierte (wodurch er seine eigene Vorrangstellung innerhalb des Clans bekräftigte), aber anstatt sich dort niederzulassen, verlegte er seine Hauptstadt nach Wladimir. In einem System der Ungleichheit würde fortan der Herrscher von Wladimir, nicht von Kiew, alle anderen Fürsten als Gebieter überragen, und bald sollte auch der Titel an Bedeutung gewinnen. In späteren Jahren sollten mehrere ohnehin mächtige und reiche Männer gern ihr Leben für das Recht riskieren, sich Großfürst von Wladimir nennen zu lassen.
Andrejs nächste Aufgabe war es, eine Stadt zu gründen, die Kiew in den Schatten stellte. Macht und Ruhm kamen von Gott, weshalb die Schreiber des Fürsten ihn mit den Eigenschaften eines alttestamentlichen Königs ausstatteten. Er sei, behaupteten sie, ein Salomo, was seine Weisheit, und ein David, was seine Tugend und Stärke betreffe.[24] Die auffälligste Demonstration seines Königtums wurde jedoch durch ein massives Bauprogramm erzielt. Jahrelang sollte das fahle nordöstliche Licht über Erdhaufen und Gerüstmaterial gleiten, während sich Maurer und andere Handwerker aus dem gesamten Europa des 12. Jahrhunderts beeilten, um die Fristen des Herrschers einzuhalten.[25] Da Andrej entschlossen war, die Metropolitenresidenz Kiew zu übertreffen, musste seine Kathedrale in Wladimir höher sein als die berühmte Göttliche Weisheit Kiews mit ihren 28,3 Metern.[26] Das vollendete 32,3 Meter hohe Gebäude loderte unter Juwelenfarben. Vergoldete Kupferplatten bedeckten die Kuppel, und sogar der weiße Kalkstein war mit roten, blauen und grünen Reliefmustern sowie mit Gold und Edelsteinen verziert. Die Kanzel im Innern funkelte unter noch mehr Gold und Silber, und Sonnenstrahlen, die durch das Gewölbe hereinfielen, zerstreuten sich, um sich dann auf vielen glatt polierten Schmucksteinen zu bündeln. Was die Außenansicht anging, so bevorzugte Andrej verschlungene Schnitzereien, und andere Kirchen in seinem Reich waren mit ganzen Menagerien ausgeschmückt: mit Löwen und Panthern, Hunden, Hasen, Hirschen und mythischen Geschöpfen wie Greifen und Sirin.[27] Das Bauprogramm setzte sich mit einem ummauerten Palast und mehreren unheilverkündenden Triumphtoren fort. In einer Landschaft, in der zumeist Lehmhütten mit Strohdächern zu sehen waren, bildeten solche Bauten ein Statement, das niemandem, geschweige denn einem gegnerischen Fürsten, entgehen konnte.
Das Selbstvertrauen und die Großspurigkeit von alledem deuten auf Andrejs wahre Eigenschaften hin. Gottes treuer Diener war auch ein unbarmherziger, rachsüchtiger und herrischer Mann. Vielleicht hätte niemand von anderer Art eine Stadt dieses Ausmaßes errichten können, und in einem Zeitalter der ständigen Kriege benötigte man eine barsche, entschiedene Regierung. Aber Andrejs Grausamkeiten ließen die Liste seiner Feinde mit jedem Tag wachsen. Im Sommer 1174 kam das Gerücht auf, er plane, sich gewisser unzufriedener Adliger zu entledigen, insbesondere der Söhne eines Grundbesitzers aus Moskau, den Andrejs Familie ermordet hatte und dessen Eigentum kurz zuvor beschlagnahmt worden war. Eine andere Version, die späteren moskowitischen Chronisten besser gefiel, besagte, dass die Söhne des ermordeten Grundbesitzers (moskowitische Racheengel gewissermaßen) selbst die Initiative ergriffen hätten. Wie auch immer, die Verschwörer waren sich einig, dass Andrej sterben müsse, und am Vorabend des 29. Juni drangen 20 von ihnen in seine Schlafkammer ein und hackten ihn in Stücke.[28] Den Gebäuden des Tyrannen erging es in den folgenden Jahren nicht gut. Die große Kathedrale in Wladimir wurde kurz nach seinem Tod durch ein Feuer beschädigt, während man seinen Palast schließlich auf der Suche nach Kostbarkeiten und später wegen seiner Steine plünderte. Nur ein Bogen und ein Turm sind noch übrig geblieben. Nicht weit davon entfernt ist die elegante Kirche, die Andrej zum Gedenken an seine bedeutendsten Siege in Auftrag gab – ein Gebäude, das einst von einem stufenförmigen Podest aufragte –, in das Gras am Flussufer abgesackt, als solle der Ruhm des Fürsten zurechtgestutzt werden.[29]
Bauwerke waren jedoch nicht Andrejs einziges Vermächtnis. Versessen darauf, die spezielle Bestimmung der Stadt hervorzuheben, hatten seine Berater einen neuen Kult der Muttergottes geschaffen. Das Fest Mariä Schutz, gefördert von Andrej persönlich, sollte dazu dienen, die Fürsorge der Jungfrau für sämtliche Rus-Gebiete zu feiern, aber die Männer des Fürsten achteten darauf, dass die neue Hauptstadt in Wladimir an erster Stelle stand.[30] Im selben Geist wurde Andrejs Kathedrale nicht nach der Göttlichen Weisheit benannt, sondern nach dem Entschlafen der Jungfrau, also nach dem Tod und der wundersamen Auferstehung der heiligen Beschützerin seiner Stadt. Der Fürst versah sein Bauwerk mit etlichen Ikonen, von denen viele auf Bestellung entstanden, doch das Prunkstück ließ er aus Kiew nach Wladimir holen. Der Legende zufolge war dieses Bild der Jungfrau und des Kindes ursprünglich vom heiligen Lukas gemalt worden, aber in Wirklichkeit dürfte Andrejs Ikone keine hundert Jahre alt gewesen sein.[31] Ungeachtet ihrer Vorgeschichte erhielt sie jedoch einen besonderen Platz in der religiösen Praxis der Gegend, und ihre Ankunft in Wladimir markierte den Beginn einer Epoche. Auch später, als man sie nach Moskau gebracht hatte und als ihre Geschichte mit Legenden wie der von Uschakows Baum verwoben worden war, behielt die wundertätige Ikone den Namen Gottesmutter von Wladimir bei.
Zu Andrejs Lebzeiten wurde Moskau nicht einmal eines Palastes für würdig befunden, obwohl der grausame Herrscher anscheinend neue Mauern in Auftrag gab. Die Siedlung blieb ein militärischer Außenposten und ein Zentrum für das Einziehen des Zehnten und anderer Steuern, aber aufeinanderfolgende Fürsten von Wladimir dürften kaum eine Gebetsstunde auf sie verschwendet haben. Die meisten Rechtgläubigen interessierten sich stärker für das Schicksal des fernen, ikonenhaften Konstantinopel, das 1204 von den Männern des Papstes, den Soldaten des Vierten Kreuzzugs, erobert und geplündert wurde. Die Beleidigung des christlichen Glaubens durch Rom zog weite Kreise.[32] Allerdings hätte niemand ahnen können, wie rasch jenes Drama vergessen sein sollte, denn ein Sturm würde schon bald über die Rus hereinbrechen. Die Fürsten widmeten sich wie üblich ihren eigenen Streitigkeiten, doch die Händler an den alten Seidenstraßen wussten Bescheid über die mächtige neue Kraft. Ein Feind, den die Europäer noch nie gesehen hatten, überquerte den Kaukasus im Sommer 1223 von Persien her. Seine Streitkräfte bestanden aus überwiegend leicht bewaffneten Reitern, die sich rasch bewegten – zu rasch für die zur Verteidigung angetretenen Krieger der Fürsten, die in der Schlacht an der Kalka besiegt wurden. Dann verschwanden sie fast genauso schnell, wie sie erschienen waren. Nervöse Militärexperten in Kiew und in der Grenzstadt Rjasan versuchten, die Auseinandersetzung als einen weiteren unbedeutenden Überfall durch Steppenstämme abzutun, wie ihn die Städte seit Jahrhunderten erduldet und bewältigt hatten. In Wirklichkeit war es eine Aufklärungsmission gewesen.
Der Schlacht an der Kalka folgte, irgendwo im Innern Asiens, eine Zeit detaillierter Vorbereitung und Ausbildung. Für die Reiter dort waren derartiger Drill und solche Planung zur Gewohnheit geworden. Anfang der 1220er Jahre hatten sie bereits Choresm gedemütigt sowie Merw, Buchara und Samarkand gebrandschatzt; sie hatten die Wüste Gobi durchquert und die Heere der Jin-Dynastie niedergeworfen; und sie waren vom Oxus westwärts zum Rand der Krim-Steppe geritten. Das Territorium unter ihrer Kontrolle war viermal größer als das des Römischen Reiches auf dessen Höhepunkt, und das meiste davon hatten sie innerhalb einer Lebensspanne an sich gebracht. Für eine solche Heerschar hätte die Dnepr-Region eine leichte Beute sein müssen, doch ihre Pläne erlitten durch den plötzlichen Tod ihres hochverehrten Führers Dschingis (oder Genghis) Khan einen Rückschlag. Die Unterbrechung war allerdings relativ kurz. Im Jahr 1234 beschloss ein Sippenrat der mongolischen Horde, der in ihrer Hauptstadt Karakorum weit östlich der Wolga (mit schnellen Pferden dauerte der Ritt zwölf Wochen) zusammenkam, einen nachhaltigen Vorstoß tief in die europäische Ebene zu wagen. Wie immer war die Planung gründlich. Zunächst neutralisierte die Mongolenarmee die Steppenvölker im Osten und Süden und beseitigte damit alle potentiellen Verbündeten der Rus. Im Winter 1237 begannen ihre Krieger, unter Führung von Batu Khan, einem Enkel Dschingis Khans, den Ansturm auf Orte und Dörfer im russischen Nordosten. Als Erstes fiel Rjasan nach einer Belagerung Ende Dezember. Dann nahmen sich Batus Reiter Wladimir vor, das nach heftigen Kämpfen im Februar 1238 kapitulierte. Wie im Vorübergehen brandschatzten sie Moskau, töteten seinen Statthalter und raubten die wenigen Wertsachen.[33] Die Holzsiedlung und ihre Festung brannten wie eine Fackel.
Im ferneren Südwesten blieben Kiew und seine unmittelbaren Nachbarn weitere zwei Jahre lang unangetastet, doch Ende 1240 kehrte das große Heer (vielleicht 140000 Mann stark) zurück und hielt diesmal auf den Dnepr zu.[34]
