Lenins Zug - Catherine Merridale - E-Book

Lenins Zug E-Book

Catherine Merridale

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Beschreibung

In »Lenins Zug. Die Reise in die Revolution« erzählt die große britische Historikerin Catherine Merridale fulminant die Geschichte der berühmtesten Zugfahrt der Weltgeschichte, an deren Ende das Zarenreich unterging und die Sowjetunion entstand. Als 1917 der Erste Weltkrieg endlos zu werden drohte, beschloss die deutsche Regierung, den Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin nach Russland zu schmuggeln – nicht ahnend, dass Lenins Fahrt im plombierten Waggon in die weltstürzende Oktoberrevolution münden würde. Spannend schildert sie eine Welt, die wir sonst nur aus Spionageromanen kennen: Agenten in teuren Hotels, Diplomaten auf glattem Parkett, debattierende Exil-Revolutionäre in verrauchten Cafés – und draußen auf den Straßen St. Petersburgs marschieren die streikenden Fabrikarbeiter. Sie sind es, die Lenin schließlich jubelnd in einem Meer roter Fahnen in St. Petersburg empfangen. Tag für Tag beschreibt Catherine Merridale den Sog der Ereignisse und die Träume und Taten der Menschen, die sie in Gang setzten oder von ihnen mitgerissen wurden. Eine grandiose Erzählung, die den Moment einfängt, als Lenin triumphierte – und eine neue, blutige Ära begann, die für Europa und die Welt bis heute nicht ganz vergangen ist.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Catherine Merridale

Lenins Zug

Die Reise in die Revolution

 

Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter

 

Über dieses Buch

 

 

Lenins Reise im plombierten Waggon – eine Zugfahrt, die die Weltgeschichte veränderte

 

Als Anfang 1917 der Erste Weltkrieg endlos zu werden drohte, beschloss die deutsche Regierung, den Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin nach Russland zu schmuggeln – nicht ahnend, dass Lenins Fahrt im plombierten Waggon in eine Revolution münden würde. Die bekannte britische Historikerin Catherine Merridale erzählt die Geschichte dieser Reise – und weit mehr: Spannend schildert sie eine Welt, die wir sonst nur aus Spionageromanen kennen. Agenten in teuren Hotels, Diplomaten auf glattem Parkett, debattierende Exil-Revolutionäre in verrauchten Cafés – und draußen auf den Straßen St. Petersburgs marschieren die streikenden Fabrikarbeiter. Catherine Merridale zeichnet aber auch ein glänzendes Porträt Lenins, als Machtmensch und Agitator, als Stratege und Kämpfer. Sie schildert die Stimmung in Russland an der Jahreswende 1916/17, die Machtkämpfe und die Propaganda. Eine grandiose Erzählung, die den Moment einfängt, als Lenin triumphierte – und eine neue, blutige Ära begann, die für Europa und die Welt bis heute nicht ganz vergangen ist.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Die renommierte Historikerin Catherine Merridale ist eine der besten Russlandkennerinnen. Sie arbeitete bereits für ihre Dissertation über die KP unter Stalin an der Universität Moskau. 1987 promovierte sie in Cambridge und war anschließend Dozentin am dortigen King’s College.

Ab 1993 war sie Professorin für Geschichte an der Universität Bristol, seit 2004 lehrt sie an der Queen Mary University/London. 2007 erschien bei S. Fischer ihr Buch ›Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945‹, 2014 ›Der Kreml. Eine neue Geschichte Russlands‹.

 

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Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die englische Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel ›Lenin on the Train‹ bei Allen Lane/Penguin Books erschienen.

© Catherine Merridale 2016

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: KOSMOS, Büro für visuelle Kommunikation

Coverabbildung: Science & Society Picture Library / Getty Images

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403330-3

 

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Inhalt

[Karten]

Anmerkung zum Text

Einleitung

1. Dunkle Mächte

2. Schwarzmärkte

3. Roter See

4. Scharlachrote Bänder

5. Karten und Pläne

6. Der plombierte Waggon

7. Führungslos

8. Lenin in Lappland

9. Vom Finnischen Bahnhof

10. Gold

11. Weggenossen

Anmerkungen

Nachweis der einleitenden Zitate

Weiterführende Literatur

Dank

Abkürzungen

Abbildungsnachweise

Register

[Tafelteil]

Anmerkung zum Text

Zwei Komplikationen drohen, alle Autoren, die über Russland im Jahre 1917 schreiben, aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die erste ist das russische Alphabet, das sich einer einheitlichen Transkription widersetzt. In der deutschen Fassung werden, wann immer möglich, die einfachsten und vertrautesten Versionen russischer Namen verwendet (zum Beispiel »Trotzki« statt »Trozki«). Die Anmerkungen stützen sich überwiegend auf die gängige Duden-Transkription (etwa »Miljukow«); allerdings können in nichtdeutschen Originaltiteln leicht abweichende Varianten auftreten (etwa englisch »Miliukov«).

Ein weiteres Problem ergibt sich im Zusammenhang mit den Datierungen. Im Jahre 1917 benutzte Russland noch den Julianischen Kalender, der fast immer um dreizehn Tage hinter dem im übrigen Europa und in den Vereinigten Staaten (sowie in den meisten anderen Ländern) gebräuchlichen Gregorianischen Kalender hinterherhinkte. Da ich es mit Telegrammen (und Personen) zu tun hatte, die sich zwischen den beiden Welten hin und her bewegten, musste ich häufig die für beide Systeme gültigen Daten anführen.

Außerdem werden in dieser Geschichte zwei Osterfeste gefeiert, denn Lenin verließ Zürich am Nachmittag des katholischen Ostermontags (des 9. April) und traf eine Woche später am Abend des orthodoxen Ostermontags (das heißt am 3. April für die Anhänger, die ihn erwarteten) in Petrograd ein.

Einleitung

… den Massen muß stets die Wahrheit gesagt werden, die restlose, unbeschönigte Wahrheit, ohne zu fürchten, daß diese Wahrheit sie abschrecken könnte.

N.K. Krupskaja

Die folgende Aussage stammt von Thomas Cook: Es gebe drei Stätten auf der Erde, die jeder, der sich als Weltreisender bezeichne, unbedingt gesehen haben müsse. Eine davon sei die Wüstenzitadelle Timbuktu, eine andere die antike Stadt Samarkand. Die dritte sei ein kleiner Ort in Schweden. Vor hundertfünfzig Jahren mochten es die Nordlichter gewesen sein, die Cook nach Haparanda lockten. Die Einwohner prahlten auch mit Piraten, die ihr Unwesen getrieben hätten, aber das Gleiche ließ sich über jeden anderen Hafen an der Küste sagen. Entscheidend war vielleicht das Gerücht von einem Mann mit einem wallenden Mantel, einem Zauberheiler, der sich auf den Gebrauch von Kräutern verstanden habe und wie ein großer Vogel durch die Polarnacht geflogen sei.

Der kleine Ort war nicht nur abgeschieden, sondern auch faszinierend und gefährlich, und er lag ganz am Ende der bekannten Welt. Haparanda befindet sich an der Spitze des Bottnischen Meerbusens, der die nördlichen Territorien Schwedens von Finnland trennt. Die Gegend ist von einer Flussmündung geprägt, und einst umfasste der Ort auch eine Reihe tiefliegender Inseln sowie festeren Erdboden im Westen. Andere Siedlungen entstanden gleichfalls an der Küste, darunter eine viel größere Ortschaft namens Tornio, doch alle Bewohner mussten sich die Naturschätze teilen, um zu überleben: Sie jagten die Wintertiere der Region, trieben Vieh zum Weiden auf die nahen Hügel und wateten in den kurzen Tauwetterperioden hinaus, um die Aale zu fangen, die zwischen den dahintreibenden Schilfmatten glitzerten.

Die Bevölkerung hatte wenig gemeinsam mit der Stockholms (die meisten Menschen sprachen einen Ortsdialekt), aber die gesamte Zone war bis ins frühe 19. Jahrhundert ein Teil von Schweden. Im Jahr 1809 wurde jedoch in einem Vertrag am Ende eines der zahlreichen Kriege zwischen Russland und Schweden verfügt, dass das Ostufer des Flusses, darunter die zentrale und geschäftigste Insel, dem Großherzogtum Finnland zuzuteilen sei, das die Russen gerade für ihr Reich an sich gebracht hatten. Haparanda blieb am schwedischen Ufer zurück und schaute über den Fluss zu seiner größeren Schwester Tornio hinüber. Die beiden waren einander nun fremd.

Vom Moment ihrer Ziehung an schien die Grenze nie völlig ungefährdet zu sein. Die schwedische Regierung konnte nicht vergessen, dass Russland Expansionsgelüste hatte. Als riesige Eisenerzvorkommen in Kiruna, weniger als fünfhundert Kilometer nordwestlich, entdeckt wurden, mussten Investoren in Stockholm ihre Pläne für eine moderne Eisenbahnstrecke zügeln, da sie fürchteten, dass Haparanda ein Tor für eine neue Welle einfallender russischer Horden werden könne. Das Dampfzeitalter Schwedens hatte seinen Höhepunkt erreicht, doch während sich die Gleise wie Nervenstränge nach Norden vorschoben, wurden keine Schienen nach Haparanda verlegt. Im Sommer, wenn die Schlitten der Jäger kein Eis mehr überqueren konnten, war eine Holzbrücke die einzige solide Verbindung nach Finnland.

Die Situation änderte sich durch den Ersten Weltkrieg. Die Großmächte der europäischen Atlantikküste, Großbritannien und Frankreich, waren nun mit dem Russischen Reich verbündet. Sie mussten Menschen hin und her schicken und hatten sich einverstanden erklärt, die Russen mit lebenswichtigen Kriegsmaterialien, etwa Zündschnüren und Präzisionsvisieren, zu versorgen, doch der direkte Kontakt zwischen West und Ost war blockiert. Die Routen durch Deutschland hatte man natürlich versperrt, und wo die Seewege durch Nord- und Ostsee nicht voll von Minen waren, wurden sie von U-Booten abpatrouilliert. Allein der Landweg durch Nordschweden war benutzbar, wiewohl aufreibend und abgeschieden. Thomas Cook starb im Jahre 1892. Wenn er Haparanda einmal für exotisch gehalten hatte, hätte er es sich 1917 anschauen sollen.

Die Eisenbahnverbindung wurde 1915 fertiggestellt. Es handelte sich nur um eine einspurige Nebenstrecke, und die Lokomotiven mussten von Karungi im Norden heruntertuckern. Obwohl die Strecke nun eine Lebensader für den Kriegshandel war, machte sie vor Finnland halt, dessen Schienen (wie alle von Russland kontrollierten) ohnehin eine andere Spurbreite hatten. Da die beiden Seiten weiterhin so nervös miteinander umgingen, musste alles (einschließlich der Passagiere) am Bahnhof von Haparanda entladen, über den Fluss befördert, am gegenüberliegenden Steilufer hochgewuchtet und auf russische Züge umgeladen werden. Im Winter setzte man von Rentieren oder kräftigen kleinen Pferden gezogene Schlitten auf der Strecke ein; im Sommer war jedes Boot, das sich finden ließ, auf dem Wasser im Einsatz.

Der Engpass war lästig, ein zeitraubendes Ärgernis, doch Haparanda stand ein Boom bevor. Zusammen mit seiner Schwester an der finnischen Seite wurde es bald zum emsigsten kommerziellen Grenzübergang in Europa. In den Bars der Kleinstadt, in denen sich einst nur örtliche Hirten zusammengefunden hatten, wimmelte es nun von Schwindlern, Schwarzhändlern und den Geheimpolizisten, die ihr Leben damit verbrachten, die Ersteren zu beobachten. Die Zimmer im einzigen Hotel waren für die hauptsächlich britischen, französischen und russischen Diplomaten und Politiker reserviert, die plötzlich durch den Ort reisten. Das Klima und die ermüdenden, langsamen Züge gefielen ihnen nicht, aber es gab keine bequemere Reisemöglichkeit.

Diese ungünstige Tatsache führte auch zu einem höchst unwahrscheinlichen Besuch. Die Zarinwitwe von Russland, Maria Fjodorowna, war in Westeuropa gewesen, als der Krieg ausbrach. Sie schaffte es, sich auf die Heimfahrt zu machen, doch ihr kaiserlicher Zug blieb in Dänemark stecken, und deutsche Regierungsvertreter weigerten sich, ihn auf ihren eigenen Gleisen nach Russland dampfen zu lassen. Die Situation war kompliziert, aber der beispiellose Frost des Januar 1917 erwies sich als Rettung. Als das Eis am dicksten war, traf ein Heer von Arbeitern ein, die provisorische Schienen zwischen Haparanda und dem Bahnhof von Tornio über den Tornionjoki verlegten. Der kaiserliche Zug (mit Boudoir, Thronsaal, Küchen und einem mobilen Generator) wurde dann, jeweils zwei Waggons zur Zeit, hinübergezogen und auf der anderen Seite an eine finnische Lokomotive gekoppelt. Man hatte den Zug mit speziellen Laufrollen versehen, damit er die größere Spurbreite bewältigen konnte. Die Waggons waren kaum nach Finnland verschwunden, als die Männer mit Brecheisen aufs Eis zurückkehrten, um die Schienen zu beseitigen.[1] Kriegsfotos aus dem Ortsmuseum zeigen Geschöpfe, die aus einer anderen Welt hätten stammen können. Steif, in Korsetts geschnürt und fremdartig, wirken sie absonderlich in ihren Uniformen, mit ihren Goldtressen und allerlei mit Federn besetzten Hüten. Heutzutage ist keine Spur ihrer Geister in der Landschaft zu entdecken. Die Zwillingsorte am Tornionjoki haben sich vereinigt – in den Touristenführern ist von »HaTo« die Rede –, und man kann zwischen Schweden und Finnland hin und her spazieren, indem man den Platz vor dem Einkaufszentrum überquert.[2] Der finnische Teil ist dem schwedischen permanent eine Stunde voraus, was das Lesen des Busfahrplans erschwert, aber die üblichen Grenzhemmnisse – Pässe, Zoll, Verkehrsschlangen – sind sämtlich geglättet worden wie frische Euroscheine. Das einzige nennenswerte Denkmal ist eine massive dunkelblaue Box: das größte Ikea-Geschäft der Welt. Im April ist es von einer Einöde aus Ölpfützen und schmutzigen, grobkörnigen Schneehaufen umgeben, doch sobald sie schmelzen, füllt sich der Parkplatz. Die Russen kommen weiterhin, genau wie Finnen und Rentierhirten aus Lappland. Der Mann, dessen Geschichte ich erzählen möchte, hätte gewiss Verständnis für die Situation gehabt, denn er äußerte sich sehr detailliert über den Welthandel. Außerdem überquerte er diesen Fluss auf dem Eis. Es war eine Reise, durch die sich die Welt veränderte.

***

Im April 1917, auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs, kehrte Wladimir Iljitsch Lenin, der verbannte Führer der Bolschewiki, mit dem Zug zurück nach Russland. Bevor das Jahr zu Ende ging, war er zum Gebieter eines revolutionären neuen Staates geworden. Lenins größte Leistung bestand darin, dass er die Ideen, die Karl Marx fünfzig Jahre zuvor zu Papier gebracht hatte, in eine Regierungsideologie umformte. Er schuf ein Sowjetsystem, das im Namen der arbeitenden Menschen regierte, die Umverteilung des Vermögens anordnete sowie radikale Wandlungen auf den Gebieten der Kultur und der Gesellschaftsbeziehungen förderte. Lenins Programm ermöglichte vielen der Armen seines Landes Hoffnung und Würde, nicht zuletzt, indem es Frauen ein nie dagewesenes Maß an Gleichheit gewährte. Die Kosten aber waren unzählige Menschenleben, beginnend mit Zehntausenden von Morden zu Lenins Lebzeiten. Manche starben wegen des ruchlosen Verbrechens, eine Brille in ihrem Besitz gehabt zu haben. In den sieben Jahrzehnten der Existenz der Sowjetunion sollte die Zahl ihrer schuldlosen Opfer auf mehrere Millionen ansteigen. Gleichzeitig wurde der Leninismus durch sein praktisches, unsentimentales Eintreten für die Entrechteten zum Entwurf für vielfältige revolutionäre Parteien: von China und Vietnam bis hin zum indischen Subkontinent und zur Karibik. Den Ausgangspunkt für all das, vom jungen Sowjetstaat bis hin zum globalen Kalten Krieg, bildete jene bedeutsame Reise im Jahr 1917.

Lenin weilte in der Schweiz, als sich die Geschichte zu entfalten begann. Von den zaristischen Gerichten zum Exil verurteilt, war der Führer der Bolschewiki in seiner neuen Heimat kaum gefährdet, doch seine Ungeduld, die Revolution zu erleben, die er seit über zwanzig Jahren vorhergesagt hatte, ließ sich nicht zügeln. Wie viele Sozialisten erwartete er, dass sie irgendwo in Westeuropa beginnen werde, doch in den ersten Monaten des Jahres 1917 hörte man Nachrichten über umfassende Proteste in der russischen Hauptstadt Petrograd. Die Überraschung war noch nicht ganz verarbeitet, als die Welt erfuhr, dass der Zar abgedankt hatte. Kurz vor der Kampfsaison, in der es Pläne für eine Großoffensive im Westen hegte, war die Zukunft des Russischen Reiches plötzlich ungewiss geworden. In Petrograd jubelten die Menschen. Ihr Land hatte sich in eine Republik verwandelt, jedenfalls bis eine Verfassung verabschiedet würde.

Wie fast jeder russische Exilant war Lenin entzückt, als er diese Nachricht hörte. Als Führer der militantesten revolutionären Partei Russlands wollte er unbedingt heimkehren. Das Problem war jedoch, dass er in der Falle saß. Weder Großbritannien noch Frankreich neigten dazu, ihm bei seinen Reiseplänen zu helfen. Sie kannten ihn als grimmigen Kriegsgegner, und ihre gesamten diplomatischen Bemühungen richteten sich darauf, Russland, ob es frei war oder nicht, zur Fortsetzung der Kämpfe zu bewegen, damit die Allierten den Sieg davontragen konnten. Dieser wenig hilfreiche Standpunkt ließ Lenin nur einen einzigen Ausweg: Er musste Deutschland mit einem Zug durchqueren, mit der Fähre nach Schweden übersetzen und nach Norden zum Grenzpunkt Haparanda weiterfahren. Allerdings war in diesem Fall gerade Deutschland ein Problem, denn dessen Armee hatte seit 1914 an der Ostfront Hunderttausende von Russen niedergemetzelt. Das Dilemma schien unlösbar zu sein. Die Reise durch Deutschland war Verrat, doch wenn er in der Schweiz blieb, würde er den Ruf ignorieren, auf den er sein ganzes Leben lang gewartet hatte.

Natürlich entschied sich Lenin für die erste Möglichkeit. Sie ließ sich durch die unerwartete Kooperation der deutschen Obersten Heeresleitung realisieren. Der Stillstand in den Schützengräben hatte die Großmächte Europas gezwungen, außerhalb des Schlachtfelds nach Vorteilen zu suchen. 1917 hatte sich eine kleine Gruppe einflussreicher Personen im deutschen Auswärtigen Amt dafür entschieden, Aufrührer einzusetzen, um ihre Feinde zu destabilisieren. Sie unterstützten Militärrebellen in Frankreich, sie bewaffneten irische Nationalisten und träumten davon, eine Rebellion an den Grenzen Indiens auszulösen. Als ihnen Lenin empfohlen wurde, begriffen sie rasch, welches Potential für die Störung der russischen Kriegsbemühungen darin lag, ihn zu unterstützen. Wenn alles gutging und das deutsche Heer die Gelegenheit nutzte, einen wirklich vernichtenden Schlag gegen Großbritannien und Frankreich zu führen, würde man seine Hilfe ohnehin nur kurzfristig benötigen.

Angesichts dieses erfreulichen Gedankens hatten deutsche Staatsdiener nichts dagegen, die sichere Durchfahrt des Bolschewikenführers durch ihr Land zu organisieren. Sie gingen sogar auf Lenins Verlangen ein, den Waggon, den seine Begleiter und er benutzten, als extraterritoriales Gebilde zu behandeln, abgekapselt von der Umwelt und dadurch ohne Kontakt zur feindlichen Bevölkerung. Kontroverser war, dass sie auch finanzielle Hilfe – das berüchtigte »deutsche Gold« – für seine revolutionären Aktionen bereitstellten. Franzosen und Briten wussten von der Reise, und obwohl es ihnen schwerfiel, Gerüchte und Tatsachen voneinander zu trennen, gab ihnen Lenins Ruf durchaus Grund zur Sorge. Manche rieten sogar, ihn zu stoppen, beispielsweise in den schwedischen Polarwäldern. Als der Zeitpunkt jedoch kam, war niemand bereit, die Verantwortung zu übernehmen und Schüsse abzufeuern.

Die Geschichte hätte ohne weiteres aus der Feder von John Buchan stammen können. Tatsächlich hatte dieser ein paar Monate vorher einen Spionagethriller mit dem Titel »Grünmantel« veröffentlicht, dessen gleichnamiger Schurke im Krieg ebenfalls Hasspredigten gegen die Briten und ihre Verbündeten hielt. Grünmantel war nicht in Russland ansässig (Buchan wählte den Nahen Osten als seine Heimat), doch der Ausgangspunkt der Handlung war die Bereitschaft eines Geheimagenten, ganz Deutschland zu durchqueren, um des Schurken habhaft zu werden. »Ich hatte eine dicke Barrikade mit Stacheldraht und Schützengräben erwartet«, erklärt der Held Richard Hannay in dem Buch, »aber auf der deutschen Seite war nichts zu sehen als ein halbes Dutzend Posten in dem Feldgrau. (…) wir wurden alle in einen großen, kahlen Wartesaal geführt, wo ein riesiger Ofen brannte. Je zwei und zwei von uns wurden in ein kleines Büro zur Überprüfung geführt. (…) wir mußten uns nackt ausziehen (…). Die Männer, die diese Prozedur vornahmen, waren einigermaßen höflich, aber außerordentlich gründlich.«[3] Lenin musste diese Prüfung im wirklichen Leben über sich ergehen lassen, und zwar im Zollhäuschen von Tornio. Zudem war die »außerordentlich gründliche« Person ein britischer Offizier, dem eine Gruppe skeptischer russischer Grenzwächter bei der Untersuchung zusah.

Die Reise endete am Finnischen Bahnhof in Petrograd. Der triumphierende Lenin, der nach achttägiger Fahrt kaum eine Spur von Ermüdung erkennen ließ, schritt durch die Reihen seiner ehrerbietigen Anhänger, um den Verlauf der russischen Geschichte für immer umzugestalten. Die Bolschewiki schufen einen bewunderungsvollen Mythos um diese Darstellung, aber das denkwürdigste Urteil wurde von Winston Churchill abgegeben. »Vollauf berücksichtigt werden muss der verzweifelte Einsatz, auf den sich die deutschen Kriegsführer bereits einließen«, kommentierte er im Rückblick. »Gleichwohl empfanden sie ein Gefühl der Scheu, als sie die grausigste aller Waffen auf Russland richteten. Sie beförderten Lenin wie einen Pestbazillus in einem plombierten Waggon aus der Schweiz nach Russland.«[4]

Der »Waggon« war im Grunde nicht plombiert, denn man konnte auf der Gleisseite ein- und aussteigen. Auch war die Reise viel mühsamer, als Churchills Worte andeuten. Die Russen benötigten nicht weniger als drei Tage, um Deutschland hinter sich zu bringen, und währenddessen durften sie keine Speisen kaufen oder gar den Wagen verlassen, um sich die Beine zu vertreten. Wenn sie überhaupt schliefen, dann auf den harten Sitzen in ihren gedrängt vollen Abteilen, wobei ihre Köpfe an die Brust ihrer Nachbarn sackten und ihre Träume vom Geruch schalen Brotes und alter Socken durchdrungen waren. Die Vorstellung von einem Bazillus leuchtet mir jedoch unmittelbar ein. Genau wie der Erste Weltkrieg etliche große Intrigen hervorrief, hat es zu meinen Lebzeiten viele globale Spiele – dramatischer, wirtschaftlicher und militärischer Art – gegeben.

Auf dem Planeten herrscht kaum weniger Instabilität als in Lenins Tagen, und eine (etwas anders zusammengesetzte) Gruppe von Großmächten bemüht sich nach Kräften, an der Spitze zu bleiben. Eine ihrer Techniken im Rahmen regionaler Konflikte – da direkter militärischer Einsatz meist zu viel kostet – läuft darauf hinaus, lokale Rebellen zu unterstützen und zu finanzieren, wobei sich manche vor Ort befinden, während andere genau wie Lenin eingeschleust werden müssen. Ich denke an Südamerika in den 1980er Jahren und all die schmutzigen Kriege in Zentralasien seither. Mit Schaudern betrachte ich die heutigen Konflikte in der arabischen Welt. Die Geschichte von Lenins Zug gehört nicht ausschließlich den Sowjets. Teils ist sie eine Parabel über Großmachtintrigen, und eine Regel besagt, dass Großmächte fast immer Irrtümer begehen.

***

Mir war klar, dass ich die Zugfahrt selber durchführen musste. Eine Reise besteht nicht nur aus Orten, Entfernungen und Zeiten, sondern auch aus Dingen, die man sich ansehen sollte. Als Erstes musste ich sicherstellen, dass die Route stimmte. Historiker bieten zahlreiche Versionen an, aber bisher habe ich keine Karte zu Gesicht bekommen, welche die Strecke zeigt, die Lenin wirklich zurücklegte. Die meisten Experten lassen ihn auf einer Bahnlinie nach Norden reisen, die 1917 noch gar nicht gebaut war, und in wenigstens einem Buch – einem Klassiker, der immer wieder aufgelegt worden ist – weicht die Reise um mehr als 1600 Kilometer von der Realität ab.[5] Die Route ist kein nebensächliches Detail. Der Unterschied zwischen einer Schiffsreise über die Ostsee und einer langen Expedition durch den lappländischen Schnee sollte nicht übersehen werden. Eine Bahnfahrt durch einen einsamen Wald ohne Lichter und Straßen ist viel beängstigender als eine Dampfertour vorbei an einer Reihe flotter Küstenstädte.

Obwohl voluminös und prächtig mit seinem bunten Einband, erwies sich Bradshaws Continental Railway Guide von 1913 als nicht sehr hilfreich. Die Zugfahrpläne der Kriegszeit variierten von Woche zu Woche, und noch 1916 wurden neue Schienen verlegt. Ich ließ Bradshaw auf dem Bücherregal zurück und rüstete mich mit Archivfahrplänen des Jahres 1917, meinen Notizen aus den fünfundfünfzig Bänden von Lenins »Werken« und einer sehr großen Karte aus. Neben einem Notizbuch und einem Kugelschreiber enthielt meine Tasche auch einen kleinen Digitalrekorder. Während ich ihn nun an meinem Schreibtisch abspiele, höre ich das Lied Europas auf Achse: einen Chor von Sprachen, das Brüllen des Verkehrs auf den nahen Straßen, dann Motoren, Lautsprecher, Bremsen und zischende Türen. Hätte das Gerät weiter funktioniert, wären Stunden von Gesprächen darauf festgehalten worden: gedämpft, gelangweilt, vertrauensvoll, frech, doch selten viel lauter als der beruhigende Hintergrundlärm der Schienen.

Ich hatte vor, sowohl Lenins Fahrplan als auch seine genaue Route einzuhalten. Am 9. April würde ich Zürich verlassen und acht Tage sowie über 3200 Kilometer später in St. Petersburg eintreffen. Sogar mit den schnellsten Zügen Europas versprach es eine überstürzte Reise zu werden, doch Lenin war ungeduldig und ich musste seinem Beispiel folgen. Obwohl ich mich jedem Anschluss mit halsbrecherischer Geschwindigkeit nähern würde, schienen mir endlose Mußestunden bevorzustehen, in denen ich, wie Lenin, die sich wandelnde Kulisse beobachten konnte. Hundert Jahre sind vergangen, seit der große Russe diese Fahrt zurücklegte. Die säuberlich wie Holzspielzeug zusammengefügten deutschen Städtchen, die er unterwegs sah, sind nun von Bürogebäuden und Schnellstraßen umgeben. Die Stadtlandschaft dehnt sich kilometerweit jenseits der alten Vororte aus. Am auffälligsten jedoch ist, dass heutzutage jegliches Gefühl der Bedrohung fehlt. Als mein Zug die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland überquerte, machte er nicht einmal halt, während die Gegend zu Lenins Zeit von Waffen gestarrt und das Land jenseits der Grenze als mörderisch gegolten hatte. Meine Reise verlief glatt, rasch und sicher, doch die Lenins, um den herum der europäische Krieg tobte, war beschwerlich und furchterregend.

Lenin könnte es auch Mühe bereitet haben, die Orte und Städte, an denen er anhielt, wiederzuerkennen. In Zürich schlenderte ich vor meiner Abreise durch die Gasse, in der er einst gewohnt hatte. Auf dem Spaziergang zum See suchte ich die Cafés auf, in denen die russischen Exilanten früher zusammenkamen. Damals war es ein ärmliches Viertel, doch heute ist sogar die kurze Strecke zu der Bibliothek, in der Lenin am liebsten arbeitete, mit Läden gesäumt, und furchterregend sind allein die Preise der handgefertigten Schuhe und der importierten Designerfarben. Die Arbeiter sind verschwunden, ebenso wie die Fabriken. Das aufwendige Baur au Lac, das feudalste Hotel der Stadt, ist eines der wenigen Wahrzeichen, die sich kaum verändert haben, seit sich Parvus, der rätselhafte Vermittler, der einen Teil von Lenins deutschen Geldern verwaltete, dort 1915 in einer der Suiten einrichtete. Ein Jahrhundert später haben sich zumindest die Wünsche der Reichen exakt erfüllt.

Nach solchen Überlegungen war es erfrischend, ein Gewerbe vorzufinden, das die Jahre irgendwie überlebt hatte. Eingelullt durch die hochmodernen deutschen Züge, hatte ich es vergessen, aber der Seeweg zwischen Sassnitz und dem schwedischen Hafen Trelleborg ist seit Jahrhunderten eine Schmugglerroute. Bevor ich meinen Koffer durch die Metalltür gerollt hatte, waren sämtliche Flugzeugsitze der Fähre, aufrecht wie presbyterianische Kirchenstühle, von Familien und Männern mit blinkenden Laptops besetzt worden, doch der Salon, ein Gemisch aus Plastikpalmen und blauen Sitzbänken, erinnerte eher an Tirana oder Bukarest. Das Gefluche in mehreren südslawischen Sprachen hatte bereits im Hafen von Sassnitz begonnen. Das erste plastikbedeckte Ungeheuer, das mehrere Männer über eine Stufe zu hieven versuchten, war so sperrig wie ein Restaurantkühlschrank. Durstig nach der letzten Zugfahrt, dazu erschöpft und zerknittert, nahm ich an, dass sein Inhalt für eine der Passagierbars bestimmt sei. Als jedoch der zehnte und dann der zwanzigste Gepäckkuli hereinwankte, alle beladen mit deutschem Dosenbier, wurde mir klar, dass ich mich an einer Verkehrsader für zollfreien Alkohol befand. Die Schmuggelware – aufgehäuft unter verschnürten Zeltplanen – bildete hohe Mauern um die Gruppen der Händler, die ihre Spielkarten austeilten und auf ihre Handys starrten.

Diese Schmuggler – Geschäftsleute natürlich – waren Erben einer eindrucksvollen Tradition. Ihre Vorfahren hatten dieselbe Route den ganzen Ersten Weltkrieg hindurch genutzt, wobei sie manchmal Arzneimittel und manchmal verschlüsselte Briefe, geschrieben mit primitiver Geheimtinte, beförderten. Die heutigen Akteure wurden jedoch durch die Ironie der Geschichte zu etwas Besonderem, denn all diese kleinen Biermagnaten kamen aus Gesellschaften, in denen das kommunistische Regime den Privathandel früher verboten hatte. Jener rasche Schwenk trägt zu der Erklärung bei, weshalb sich Lenins Landsleute in letzter Zeit von ihm distanzieren. Sie haben ihn einmal einbalsamiert wie eine Gummipuppe und sein Gehirn gründlich untersucht, doch niemand liebt ihn heute noch; die Leiche wird ohne Herz aufbewahrt. Am schlechtesten ist sein Ruf überall dort, wo man die Sowjetmacht gewaltsam durchsetzte. In einem jener Gebiete, der westlichen Ukraine, sind seine Ideen so verhasst, dass ein neues Wort – Leninapad – geprägt werden musste, als die Protestierenden auf dem Maidan im Jahre 2014 Dutzende von Lenin-Statuen zugleich umstürzten.

Eine meiner Mitpassagierinnen stammte, wie sich herausstellte, aus Sofia. Während wir inmitten einer aus zahlreichen Bierkästen gebildeten Schlucht plauderten, erinnerte sie sich an den bulgarischen Kommunismus und schnalzte mit der Zunge an ihrem zahnlosen Gaumen. Sie war schon erstaunt genug darüber, dass ich keinerlei Güter transportierte. Hätte ich ihr von meiner Suche nach Lenin erzählt, wäre ich ihr wahrscheinlich schwachsinnig vorgekommen. Was der Tote heute in Ländern wie ihrem symbolisiert – Korruption, Not, Lügen und Machtmissbrauch –, ist ein so scheußliches System, dass es nicht einmal als Fossil beschrieben werden kann. Aber ich wusste, dass es einst am Leben gewesen war. Und wie alle Fossilienjäger träumte ich davon, einen Schritt zurück in die Welt zu machen, in der es geatmet hatte.

***

Sechs Tage zuvor, als ich aus Zürich abreiste, hatte Frühling geherrscht, doch die Schneewehen in Tornio waren so kalt wie der Tod. Der dortige Bahnhof, ein weiteres Relikt des Ersten Weltkriegs, ist ein Ziegelgebäude, das nun verlassen auf einem Uferstreifen steht. An der anderen Seite des Flusses, wenn auch nicht genau gegenüber (wie üblich wollte niemand das Risiko eingehen), liegt der kunstvollere Bahnhof von Haparanda, aber beide sind mittlerweile leer, da der Passagierverkehr vor Jahren eingestellt wurde. Um den letzteren Bahnhof von Ort aus zu erreichen, musste ich am Gebietsgefängnis vorbeifahren. Die finnische Seite ist hübscher, jedenfalls heutzutage, und mit Sicherheit weniger düster. Am Bahnhof findet man auch eine Plakette, mit der Lenins berühmter Reise gedacht wird; es ist die einzige, auf die ich in Haparanda-Tornio stieß. Die Sowjetregierung dürfte die Finnen gezwungen haben, sie dort anzubringen. In den 1960ern, als fünfzig Jahre der proletarischen Diktatur gefeiert wurden, wirkten russische Diplomaten in Europa auf ihre Gastgeber ein, an jeder Stätte, durch die Lenin gereist war, ähnliche Metalltafeln anschrauben zu lassen.

Allerdings werden Denkmäler nach einiger Zeit kaum noch wahrgenommen. Zwei Tage vorher hatte ich im Hotel Savoy in Malmö nach einer Messingtafel Ausschau gehalten. Lenin und seine hungrigen Genossen hatten dort nach ihrer Fährüberfahrt aus Deutschland gespeist, und ich hatte von einem herrlichen Zimmer und einem überaus tüchtigen Personal gelesen. Die Concierge war verwirrt. »Lenin?«, fragte sie schließlich. »Sie meinen John Lennon?« Wie ich erfuhr, gab es tatsächlich eine Tafel an der anderen Seite des Saales, und als ich sie anschaute, begriff ich, weshalb Lenins Name der jungen Frau (trotz der erstaunlichen Enthüllung, dass sie selbst Russin war) nicht hatte einfallen wollen. Das Messing, obwohl überwiegend wunderbar poliert, ist dort, wo Lenins Name steht, so dunkel, dass es von Stars einer ganz anderen Größenordnung in den Schatten gestellt wird: Judy Garland und Brigitte Bardot, Abba und Henning Mankell.

Immerhin wusste der Mann in Stockholm, wer Lenin war. Ich hielt mich (wie Lenin) nur einen einzigen Tag in der Stadt auf, und mehrere Personen fragten mich, weshalb ich so früh abreisen müsse. »Sie folgen Lenin?«, rief ein Ladeninhaber. »Wissen Sie denn nicht, dass Sie ungefähr hundert Jahre zu spät kommen?« Wir beide lachten, aber dies war im Grunde der Kern der Sache. Ich wollte nicht einfach eine alte Geschichte nacherzählen, sondern unabhängig von den neuen Details, die jüngst in russischen Archiven aufgetaucht sein mochten, mehr tun, als Geschichtslücken zu füllen. Ich nahm den Zug, um eine Reise, die sich vor einem Jahrhundert ereignet hatte, neu zu erschaffen, doch ich schreibe dieses Buch auch, weil wir alle heute in einer anderen Welt leben.

Der Kalte Krieg engte früher die allgemeine Phantasie ein. Er ordnete alles einem von zwei Polen zu – für oder gegen, rechts oder links – und beraubte die Geschichte letztlich jeglicher Farbe. Die meisten von uns wandten sich stattdessen Büchern über die Romanows und hübsche Prinzessinnen in Weiß zu. Aber während ich über Europa im Jahre 1917 nachdachte, versuchte ich, mir Lenin in der damaligen Epoche vorzustellen, und sah immer wieder Reflexionen unserer heutigen Zeit. Lenins Vermächtnis wird häufig als etwas Abstraktes behandelt, als Verzeichnis von Texten und Reden, etwas Formelles. Das Gewicht all jener Schriften macht es schwierig, die lebendigen Elemente, auf die es im Licht der jüngeren Weltereignisse ankommt, zu erkennen. Die Liste ist lang, und sie schließt die Neuordnung der globalen Machtverhältnisse, Spionage und schmutzige Tricks, Fanatismus und komplexe, vielfache Rebellionen ein.

Die alten Bücher erzählten die Geschichte auf die für ihre Zeit beste Art. Im Jahre 1940 verwendete Edmund Wilson Lenins Reise zum Finnischen Bahnhof als Mittel, über den Sozialismus zu schreiben, und er mühte sich jahrzehntelang ab, um eine klassische Darstellung der enttäuschten Hoffnung zu konstruieren.[6] In den 1950er Jahren legte Alan Moorehead einen nüchterneren Bericht vor, teils finanziert vom Life-Magazin, das die Wahrheit über das deutsche Gold, welches Lenin angeblich empfangen hatte, ermitteln wollte.[7] Michael Pearson behandelte das gleiche Material in den 1970er Jahren, diesmal mit Dramatik im Sinn.[8] Seine Arbeit war verlässlich, was deutsche Züge und englischen Klatsch betraf, doch schwach oder gar ausweichend, was die Politik anging. Zum letzteren Thema musste man den Sozialisten Marcel Liebman lesen, für den Lenins Geschichte (wie seine Schriften als Ganzes) »eine der hellsten Fackeln« war, »um gegenwärtige politische Phänomene auszuleuchten«.[9] Ansichten wie die Liebmans wirken heutzutage antiquiert, und fast niemand sucht bei Lenin nach Aufklärung. Gleichwohl finden weiterhin Revolutionen statt, und Führer predigen immer noch Zorn und bewaffneten Kampf vor aufnahmebereiten Menschenmengen.

Das Universum von Marx und Lenin war einmal mein eigenes. Ich stattete Russland meine ersten Besuche ab, als es eine Sowjetregierung hatte und seine Städte grau waren, ohne Kaffee und nachts kaum beleuchtet. Ich unternahm meinen Pilgergang zu Lenins Grab und staunte über die aufrichtige Ehrfurcht mancher Menschen. Später, als sich Moskau in das Dubai des Nordens verwandelte, verbrachte ich meine Zeit inmitten von Staub und den Relikten der Vergangenheit. Dank der Freundlichkeit des russischen Volkes erforschte ich die Kosten und Nöte der Sowjetjahre, als untersuchte ich meine eigene Familie. Dadurch, dass ich Erinnerungen an Verhaftung und Verbannung in die Arbeitslager zuhörte oder die Massengräber aus Stalins Zeit besuchte, wurde ich zur Zeugin einiger der Tragödien, die der Kommunismus seinen Bürgern zufügte. Ich gehörte nicht zu denjenigen, die sämtliche Aspekte der Sowjetunion für böse, lügnerisch oder irregeleitet hielten, doch ihre Auswirkungen waren gleichwohl katastrophal. Ich begriff, weshalb man ihr Ende überall in Europa, Nordamerika und in anderen reichen Ländern bejubelte. Auch in Russland fand eine Art Feier statt. Aber obwohl wir alle Tränen des Glücks weinten, als die Berliner Mauer einstürzte, hinterließ das frohlockende Selbstlob von Außenstehenden einen bitteren Nachgeschmack.

Die Wahrheit, die erst nach einiger Zeit dämmerte, lautet, dass nicht alle so entzückt über die Werte des »Westens« waren, wie sie nach Meinung mancher Führer der freien Welt hätten sein sollen. Es ist zu früh, von einem Sieg zu sprechen, denn der Begriff ist genauso irreführend wie unklug. Die britischen Diplomaten in Russland machten zu Lenins Zeit den gleichen Fehler, als sie annahmen, jeder auf der Welt wolle wie sie selbst ein anständiger Kerl sein. Ihnen wurde nie wirklich bewusst, dass Lenin kein importierter Dämon war, der die Russen von ihrer Bestimmung abbrachte, sanftmütige Versionen von Engländern zu werden. Wie ich herausfinden sollte, förderten auch die Briten russische Exilanten und eskortierten sie nach Petrograd, wo sie zu wartenden Menschenmengen predigen sollten. Sie scheiterten, während Lenins Mission erfolgreich endete, weil er Dinge versprach, die wichtiger waren als britische Anständigkeit und noch mehr Kanonen.

Das Dogma des Marxismus-Leninismus-Stalinismus war bereits eine leere Hülle, als ich in den 1980er Jahren an der Moskauer Staatsuniversität studierte (eine taktvolle Führung hatte den Stalinismus inzwischen fallengelassen), aber ich wusste, dass es einst beseelt gewesen war. Seine hellsten Momente ereigneten sich im Jahre 1917. In jenem Frühjahr und Sommer hatte Lenin seine kreativste Phase. Was immer geschah, als er an der Macht war, der Mann, der in dem plombierten Waggon zurückkehrte, erfreute sich großer Beliebtheit, weil er Klarheit und Hoffnung zu bieten hatte. Seine Botschaft sprach einen großen Teil des russischen Volkes an, nämlich diejenigen Bürger, die mehr vom Leben wollten, als sie nach Auffassung ihrer alten Führer verlangen durften. Obwohl die Route, der ich folgte, eine geographische Tatsache ist, machte ich auch eine Zeitreise nach Norden, um eine Landschaft der vergessenen Möglichkeiten zu erkunden.

***

Die Reise endet in der zauberhaften Stadt St. Petersburg, Lenins Petrograd während des Krieges, der zweiten russischen Hauptstadt. Dreißig Jahre nach dem Ende des Kommunismus verflüchtigen sich die Spuren seiner schicksalhaften Reise sogar hier. Eingehüllt in Blattgold und mit frischen Pastellfarben gestrichen, hat die Stadt beschlossen, ihre glanzvolle, imperiale Periode wiederaufleben zu lassen. Aber es gibt noch ein paar Orte, an denen die Flamme der Revolution weiterhin gemäßigt brennen darf. Einer davon befindet sich in einer ruhigen Straße an der Petrograder Seite, nicht allzu weit von der Metro Tschkalowskaja. Wie in vielen der alten Wohnblocks wird man in dem zerbröckelnden Hausflur von einem Geruch nach Hunden, schalem Zigarettenrauch und Bier überwältigt. Die an der Wand abgestellten Kinderwagen sind neu und teuer, aber niemand ist daran interessiert, sein Geld mit dem der Nachbarn zusammenzulegen und einen hinreichend großen Aufzug bauen zu lassen, der die Karren nach oben befördert. Wie die Graffiti an der Außenwand tut auch eines im Innern das Urteil der Nation über den Kollektivismus kund. Oben sind die Türen der Privatwohnungen von einem Kaliber, das man eher mit Bankgewölben in Verbindung bringt. Die brüchigen Mauern des Gebäudes weisen enorme Risse auf, aber wenn alles je zusammenstürzen sollte, werden die Türen unversehrt bleiben.

Als ich das oberste Stockwerk erreiche, verrät mir das Porträt von Wladimir Putin an der Bürowand, mit welcher Version Lenins ich heute rechnen darf. Das Personal des Büros ist begeisterter über den Mann, den es für einen großen Führer und Lehrer hält, als über den Revolutionär, der einen globalen Krieg plante. Die Frau, die mir die Hand hinstreckt, ist gepflegt und macht einen korrekten, makellosen Eindruck. Zudem ist sie großzügig, und sobald sich herausgestellt hat, dass ich wirklich zuhören, beobachten und verstehen möchte, erblüht sie zu einer idealen Fremdenführerin. Hilfreich ist, dass ich, genau wie sie, früher in der Sowjetwelt gelebt habe. Uns ist eine Sprache gemeinsam, die junge Russen nicht mehr kennen.

Sie ist Kuratorin des Jelisarow-Museums, der Wohnung, in der Lenins Schwestern mit seinem Schwager und – für kurze Zeit in den letzten Jahren ihres Lebens – mit seiner Mutter zusammenlebten. Im April 1917 kam Lenin nach seinem Empfang am Finnischen Bahnhof in den frühen Morgenstunden hierher. Ich spähe ins Schlafzimmer und kann mir vorstellen, wie er sein Jackett aufs Bett warf, während Nadeschda Krupskaja, mit der er seit fast zwanzig Jahren verheiratet war, ihre Hutnadeln löste und in geborgten Hausschuhen dahinglitt, um das Zimmer herzurichten. Das Paar wohnte in den folgenden sechs Wochen hier, wobei es die beiden Schwestern einengte und deren Tee mit ihnen teilte.

Zu sagen, die Wohnung sei gut erhalten, wäre ein Understatement. Das Bügeleisen lehnt noch auf dem Kochherd, und die Kupferbadewanne ist bereit. Die Einzelbetten, in denen das Paar schlief, sind von dem Leinenzeug bedeckt, das Lenins Schwester Maria nur zu gern mit peniblen Handstickereien verzierte. Die Sachen seiner Mutter sind im Hauptschlafzimmer, aber daneben liegt ein geöffneter Kosmetikkoffer, der Bürsten, Rasierzeug und Fläschchen für Kölnischwasser enthält. Das ramponierte Leder erinnert daran, dass Lenin die besten Jahre seines Lebens damit verbrachte, Koffer wie diesen zu packen und sich auf Reisen zu begeben, so dass sein Heim nie mehr war als ein gemietetes Zimmer in einer ausländischen Stadt. Obwohl der Kosmetikkoffer auf seine Art grandios ist, soll er hier im Museum das Leben eines Asketen repräsentieren, eines Wanderers, des Lenin, der einen Teil des sowjetischen Mythos ausmachte.

Nicht erwartet hatte ich die Steifheit – eine Atmosphäre, so erstickend wie die eines Dickens’schen Wohnzimmers. Überall sind gerüschte und bestickte Kissen verstreut (wenn auch immer auf adrette Weise), und jedes gerahmte Foto ist so lange poliert worden, dass es edel glänzt. Über einem Bett hängt sogar eine mit Spitzen eingefasste Schlaufe, in welcher der Bewohner seine Uhr ablegen konnte. Das Arbeitszimmer gegenüber hat männliche Merkmale (es gehörte Mark Jelisarow, Lenins Schwager, der sein Geld mit der Handelsschifffahrt verdiente), was jedoch nur bedeutet, dass die Wände bräunlich sind und dass Schachfiguren die Spitzen ersetzt haben. Das Durcheinander lenkt mich eine Weile ab, doch dann bleibt mein Blick an einer Kokosnuss haften. »Jelisarow hatte Kontakte in Übersee«, erklärt die Kuratorin. »Diese Nuss hat er mit nach Hause gebracht; es war ein Schatz.« Ich schüttele die Nuss, und der ausgetrocknete Kern reagiert mit einem dumpfen Rasseln. Das elende Ding liegt seit über hundert Jahren hier. Wenn Unbeschwertheit nicht so offensichtlich fehl am Platze gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht zu einem Lachen verleiten lassen.

Nun gehen wir hinüber in den Salon. Das Gebäude, in dem die Jelisarows wohnten, war einem Schiffsbug nachempfunden, und dieses Zimmer befindet sich am vorderen Ende. Wenn man die Musselinvorhänge einmal öffnen sollte, würde sich der dreieckige Raum sofort mit Tageslicht erfüllen. Stattdessen werden Glühbirnen verwendet, vor denen Lenin eine besondere Achtung hatte. »Kommunismus«, sagte er einmal, »das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.« Seine Schwestern dürften nicht ganz so überzeugt gewesen sein, denn jede Lampe wird von einem Schirm mit schwerem Perlensaum verhüllt. »Anna hat sie angefertigt«, erläutert die Kuratorin, »weil sie nicht wollte, dass ihr Bruder durch ungesunde elektrische Strahlung geschädigt wurde.«

Lenin fühlte sich hier wohl. Man vergisst leicht, dass er ein ehrbarer und relativ vermögender Bürger war – ein Mitglied der Bourgeoisie des frühen 20. Jahrhunderts mit ihren Westen, Sofaschonern und allem Übrigen. Der Skizzenblock seiner Frau ruht auf dem Esstisch. Ich blättere ihn durch und bin verwundert, dass sie überhaupt Zeit zum Zeichnen hatte. Das Paar war kinderlos, und Krupskaja widmete fast ihre ganze Energie der Revolution, doch sie griff zu diesem Block, wenn sie ein paar Momente der Entspannung hatte. Die Seiten zeigen Kinder mit molligen Gesichtern und Bändern im Lockenhaar; hier kleine Jungen mit Hündchen, dort ein Mädchen mit einem Kätzchen. Anscheinend haben wir etwas in der Welt des erfolgreichen Revolutionärs übersehen. Diese Aufwiegler stammten aus ruhigen, wenn nicht gar erdrückenden Familien. Sie lebten nicht außerhalb ihrer Zeit, sondern sie wurden geradezu von ihr eingemummt.

Ich denke noch über diesen Umstand nach, als die Kuratorin mir bedeutet, Platz zu nehmen. Sie hebt den Deckel des unvermeidlichen Klaviers (Kerzenleuchter, deutsches Gehäuse, Frakturbeschriftung) und spannt die Muskeln in ihren Lehrerinnenarmen. Und dann, während ich in dem Salon sitze, in dem Lenin sich auszuruhen pflegte, umringt von seinen Nippsachen und den zierlichen Nadelarbeiten seiner Schwestern, greift die Kuratorin in die Tasten. Das Klavier ist verstimmt, aber wir alle sind zu bezaubert, um Einwände zu erheben. Die Straßengeräusche St. Petersburgs sind verbannt, als meine Gastgeberin dem Instrument den berühmten ersten Satz von Beethovens Mondscheinsonate abringt. Sie spielt ihn gut, obwohl ein Anflug von Sacharin oder von erstickenden Kissen zu hören ist.

Lenin liebte Musik, vor allem Klavierstücke. Dies wurde früher in allen Lehrbüchern betont, neben Geschichten über seine Zuneigung zu Kindern und Katzen. Der Lenin, den ich suche, ist nicht so wonnig. Ich möchte den Mann mit dem verzehrenden, gnadenlosen kalten Feuer finden. Nicht Spitzen und Kokosnüsse veränderten die Welt. Nun sehe ich ihn vor mir, wie er, ungeduldig über die besänftigenden Klänge, durchs Zimmer schreitet. Wie das Schachspiel, das er ebenfalls schätzte, lenkte die Musik ihn von der Revolution ab. »Ich kenne nichts Besseres als die ›Appassionata‹«, sagte er einmal. »Ich könnte sie jeden Tag hören (…). Doch kann ich die Musik nicht oft hören, sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln. (…) Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem abgebissen, man muss auf die Köpfe einschlagen, mitleidlos einschlagen.«[10]

1.Dunkle Mächte

Heute Minister – morgen Bankier; heute Bankier – morgen Minister (…). Am Krieg bereichert sich ein Häuflein von Bankiers, das die ganze Welt in Händen hält.

W.I. Lenin

Im März 1916 brach ein britischer Offizier namens Samuel Hoare nach Russland auf. Das Letzte, was er im Sinn hatte, war der revolutionäre Sozialismus. Wäre er gefragt worden, hätte er wahrscheinlich gemurmelt, dass er als Soldat kämpfen wolle – bei Beginn des Krieges mit Deutschland hatte er sich als einer der Ersten zur Norfolk Yeomanry gemeldet –, doch seine körperliche Schwäche hatte einen aktiven Gefechtsdienst zunichte gemacht. Stattdessen war er mit sechsunddreißig Jahren von Sir Mansfield Smith-Cumming, dem legendären »C«, für den britischen Nachrichtendienst zum Einsatz in der russischen Hauptstadt Petrograd rekrutiert worden.[1] Während andere Mitglieder seiner Gesellschaftsschicht in den Schützengräben lagen, meisterte er Spionage, Zensur und Codierung. Wahrscheinlich experimentierte er auch mit Verkleidungen. Sein neuer Chef war geradezu süchtig danach und ließ seine eigenen Ausstattungen von William Berry Clarksons Kostümgeschäft in der Wardour Street in Soho entwerfen.[2]

Hoares zugewiesene Aufgabe war kompliziert. Er sollte herausfinden, ob die russischen Verbündeten seines Landes ihren Teil eines im Krieg abgeschlossenen antideutschen Handelsembargos einhielten. Die Briten legten darauf besonderen Wert, da sie hofften, nach dem Gewinn des Krieges den russischen Markt für sich erschließen zu können. Vorläufig jedoch herrschten Befürchtungen, dass die noch bestehenden Handelsverbindungen zwischen Russland und Deutschland als Tarnung für Spionage und möglicherweise Sabotage dienen könnten. In Zusammenarbeit mit dem planlos agierenden russischen Komitee für die Beschränkung feindlicher Lieferungen sollte Hoare die Importmuster Russlands, dessen Geschäftsleute und sämtliche Beschwerden über Knappheiten im Auge behalten.[3] Sein zweiter Auftrag in der russischen Hauptstadt bestand darin, einen gründlichen und kritischen Blick auf das Wirken des britischen Nachrichtendienstes zu werfen. Dies mochte den Eindruck einer militärischen Aktivität erwecken, doch sogar hier sollte er sich auf den geschäftlichen Aspekt konzentrieren. Wie Frank Stagg, der die Russlandsektion in London leitete, Hoare vor dessen Abreise erklärte, würde »eine feste Basis in Russland« vielleicht »hinreichende Informationen [hervorbringen], um nicht nur der britischen Regierung, sondern auch den großen finanziellen und kommerziellen Interessenvertretern in der City ein paar verlockende Gerichte aufzutischen«.[4]

Es war ein Auftrag, der Takt verlangte, denn die Franzosen waren die wirklichen Russlandkenner. Seit Jahrzehnten waren sie am Zarenhof als Handels- und Investmentpartner sowie als Modeexperten und Champagnerlieferanten etabliert. Französische Offiziere verfügten über die besten Kontakte innerhalb der russischen Spionageabwehr. Dies erwies sich in gewissem Maße als hilfreich, da Großbritannien und Frankreich miteinander und durch ein Vertragssystem namens Triple Entente auch mit Russland verbündet waren, doch 1916 genügte ihr Einvernehmen nicht mehr. Denn wenn der Tag kam, an dem britische Exporteure in das Zarenreich der Nachkriegszeit einzogen, würden dieselben Franzosen deren Konkurrenz darstellen.

C hatte jedoch eine ganze Reihe unmittelbarer Probleme in Russland. Von Anfang an gab es Spannungen zwischen seinen Agenten und Oberst Alfred Knox, dem britischen Militärattaché; Major Archibald Campbell, den C zunächst mit dem russischen Anliegen betraut hatte, war kurz zuvor nach einer Vielzahl von Klagen zurückbeordert worden.[5] Der Botschafter, Sir George Buchanan, war von der alten Schule und so formell, dass ihm verdeckte Operationen aus Prinzip missfielen. Wie Hoare es ausdrückte: »Sei es, wie es wolle, die praktischen Schwierigkeiten der Organisierung waren beträchtlich, und in Whitehall nicht weniger als in unseren Missionen ging es oft lebhaft her in Disputen, die die Abteilungen untereinander hatten über den genauen Platz, den der Geheimdienst in der offiziellen Hierarchie einnehmen sollte.«[6] Die Formulierung ist Ausdruck besten englischen Understatements, aber als Parlamentsmitglied und Träger des Baronet-Titels war Hoare genau der richtige Mann, um die Dinge ins Reine zu bringen.

Der neue Spion musste sich selbst zu seinem Posten durchschlagen. Hoare hatte ab Newcastle eine Koje auf einem norwegischen Dampfer namens Jupiter reserviert. Unter den anderen Passagieren befand sich, im Nebel zusammengedrängt wie exotische Vögel, eine Gruppe französischer Couturiers mit ihren Mannequins, die ebenfalls Russland als Ziel hatte. Es war eine riskante Sache, denn der Seeweg rief deutsche U-Boote auf den Plan. Während die Jupiter den Tyne hinter sich ließ, musterten alle unaufhörlich die Wellen. Aber die Überfahrt blieb diesmal ereignislos, und Hoare ging in Bergen zusammen mit den grauen Beamten, den Geschäftsleuten, den Schmugglern und Mannequins sicher von Bord. Dann reiste er weiter nach Christiania (Oslo), der norwegischen Hauptstadt, und mit dem Schlafwagen von dort nach Stockholm.

Hoare schrieb, dass er die skandinavischen Länder »in Zivil« durchqueren »und meinen Degen in einer Regenschirmhülle verbergen« musste.[7] Als Offizier im Dienst einer kriegführenden Macht hätte er mit Internierung rechnen müssen, wenn er im neutralen Schweden von der Polizei ertappt worden wäre. Das jedenfalls besagte die Theorie. In Wirklichkeit stellte er fest, dass es in Schweden von Spionen wimmelte, obwohl nur die deutschen willkommen zu sein schienen. Zu Besuch bei Sir Esmé Howard, dem britischen Botschafter in Stockholm, erfuhr Hoare, wie wechselhaft die Stimmung in Schweden geworden war. Das Verbot von kriegswichtigem Handel mit Deutschland hatte das Land schwer getroffen; Lebensmittelzufuhr und Arbeitsplätze waren bedroht, da die britische Flotte begann, die Fracht nicht nur von Kriegsteilnehmern, sondern auch von Neutralen zu kontrollieren. Kinder mussten ohne Medikamente, Geschäftsleute ohne ihre Schecks und Händler ohne Märkte für ihr Bauholz, Getreide und Eisen auskommen. Ein großer Teil der herrschenden Elite Schwedens befürwortete einen Pakt, wenn nicht gar ein Bündnis mit Deutschland.[8] Schließlich trennte die Ostsee die beiden Länder nicht voneinander, sondern vereinigte sie eher. Als Hoare das Grand Hotel in Stockholm betrat und seinen Pelzmantel an einen Haken hängte, bemerkte er zu seiner Belustigung, dass sofort ein deutscher Agent hervorwieselte und seine Taschen durchstöberte.

Je weiter Hoare nach Norden gelangte, desto dringender benötigte er den Pelzmantel. Von Stockholm fuhr er ins ferne Norrland, eine Wildnis, die sich Sami-Jäger mit Elchen, Polarfüchsen und Bären teilten. Wie der Schriftsteller Arthur Ransome es formulierte, als er dieselbe Route zurücklegte: »Die ganze Sache verspricht, interessant, aber kalt zu werden«.[9] Hoare war jedoch Parlamentsmitglied für den Wahlkreis Chelsea und reiste fortwährend erster Klasse. »Von Stockholm nach Haparanda am Bottnischen Meerbusen war die Reise friedlich und eintönig«, schrieb er. »Streckenweise fuhr der Zug bestimmt nicht schneller als fünf Meilen pro Stunde, und an den infrage kommenden Stationen war immer reichlich Aufenthalt, um eine ausgezeichnete warme Mahlzeit einzunehmen.«[10] Eine jener Stationen, fast 960 Kilometer nördlich von Stockholm, war der bottnische Hafen Luleå, an dessen Kais man das Eisenerz aus Bergwerken in Kiruna und Gallivare verlud. Im vorangegangenen Herbst hatte der britische U-Boot-Kapitän Cromie, wie Hoare wusste, eine große Anzahl schwedischer Schiffe knapp außerhalb dieses Hafens versenkt, da mit ihnen blockadebrechende Eisenerzlieferungen – Tausende von Tonnen in jedem Laderaum – nach Deutschland befördert werden sollten.[11]

Es war eine unbehagliche Gegend für einen britischen Offizier, und Hoare steuerte ihre gefährlichste Ortschaft an. Seine Route war auf keinem Vorkriegsfahrplan zu finden, denn sie hatte vor Sommer 1915 nicht existiert. Arthur Ransome, der sich nach Russland aufmachte, als die Eisenbahn noch in Karungi endete, erinnerte sich an die letzten Kilometer in Schweden: »(…) eine Fahrt im kurzen Wintertageslicht, bei der ich platt auf einem Schlitten lag und von einem lappländischen Kutscher gewärmt wurde, der freundlicherweise auf meinem Bauch saß, während wir über den Schneepfad und einen zugefrorenen Fluss hinunter zur schwedisch-finnischen Grenze bei Tornio zischten.«[12] Fünfzehn Monate später konnte Samuel Hoare relativ unbeschwert atmen, als sich sein Zug zwischen Wällen aus geschwärztem Schnee voranschob; mit Mühe ließen sich die Skelette von Bäumen jenseits des Dampfes ausmachen. Die letzten Kilometer waren durch zahllose Holzkisten, gewaltige Stapel an jedem Haltepunkt, sowie durch Rentierschlitten und grauhaarige Männer mit Stadtmänteln gekennzeichnet. Hoare hatte Haparanda erreicht, den Grenzort, der den wichtigen Landweg von Europa nach Russland und weiter nach Shanghai beherrschte.

Hoare machte keine Pause, um sich die Sehenswürdigkeiten anzusehen. Er hätte die vereisten Sümpfe erforschen können, wo sich in Kisten verpackte Frachten aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien, Dänemark, Frankreich und Schweden selbst auf provisorischen Straßen und Höfen gleichsam zu einem zweiten Ort anhäuften. Er hätte eine Bar aufsuchen, die ihre freien Stunden verbringenden Fischer und Rentierkutscher beobachten und sich Neuigkeiten aus drei Kontinenten zugleich anhören können. Ein paar Monate darauf machte dort ein russischer Politiker namens Pawel Miljukow, der in entgegengesetzter Richtung auf einer offiziellen Reise nach London durch Haparanda kam, mit seiner Kodak-Kamera Bilder von der Mitternachtssonne.[13] Der Revolutionär Alexander Schljapnikow, der die Grenze so oft überqueren musste, dass er kilometerweit jeden geheimen Unterschlupf kannte, sollte die Nordlichter am Winterhimmel bewundern. Doch Hoare, ein wahrer Engländer, war am stärksten vom Wetter beeindruckt. »Am Morgen meiner Ankunft in Haparanda lag alles blendend weiß unter einer strahlenden Sonne«, erinnerte er sich. »Der Schnee hatte nicht ein Fleckchen, und die weißen Schafspelzmützen der Soldaten der schwedischen Garnison sahen gelb aus in dem reinen Glanz.«[14]

Der Grenzposten in Tornio wirkte öde im Vergleich mit Haparanda. Die meisten Neuankömmlinge verbrachten eine lange Zeit in den Hütten, die den zaristischen Grenzwächtern als Kontrollstellen dienten. Hoare unternahm eine Dienstreise nach Russland, und ein britischer Geheimagent war höchstwahrscheinlich zugegen, doch Cs neuer Spion konnte es sich nicht leisten, seinen Rang herauszukehren und dadurch Aufmerksamkeit zu erregen. Arthur Ransome hatte sich nach mehreren anstrengenden Aufenthalten an der Grenze angewöhnt, einen auf schwerem Prägepapier geschriebenen Brief zu schwenken, und obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Forderung nach der Rückgabe überfälliger Bücher an die London Library handelte, war die Unterschrift des Bibliothekars Dr. Hagberg Wright so extravagant, dass sich sogar der strengste Bürokrat zu salbungsvoller Untertänigkeit genötigt sah.[15] Die meisten anderen Reisenden jedoch, denen Ransomes Einfallsreichtum fehlte, schauderten später, wenn sie sich an ihren Aufenthalt in den Grenzgebäuden erinnerten. Hoare und andere mussten so lange warten, dass eine Gruppe russischer Soldaten einen Tanz veranstaltete, um dem Publikum etwas Wechselgeld abzuringen. Eine ganze Jahreszeit schien vergangen zu sein, bis die Papiere endlich abgestempelt, die Gepäckstücke unbeholfen neu verpackt worden waren und Hoare den finnischen Zug nach Süden besteigen konnte.[16]

Die Strecke war großenteils eingleisig. Der Zug kam langsam voran und unter erheblicher Schmutzabsonderung, denn seit Kriegsbeginn wurden die Lokomotiven hier mit Holz statt mit Kohle betrieben. Aschewolken wurden in jedes nicht geschlossene Fenster hineingeblasen. Grauer Rauch und Dampf machten den Ausblick auf die berühmten Seen Finnlands unmöglich. Zwar wurden die Tage rasch länger, doch als Hoare an der Grenzstation Beloostrow eintraf, hatte sich die Dunkelheit bereits herabgesenkt. Hier, beim Übergang ins eigentliche Russland aus dessen Provinz Finnland, war Hoare einer weiteren Serie von Dokumentenkontrollen und unverständlichen Befehlen ausgesetzt. Zerknittert und verwirrt wie ein bäuerlicher Reisender, dürfte er den Finnischen Bahnhof um Mitternacht erreicht haben. Der Bahnsteig und die Empfangshalle im nördlichen Petrograder Hauptbahnhof waren kaum beleuchtet und fast menschenleer.[17] Nach einem Moment erschöpfter Panik entdeckte er eine vertraute britische Uniform, die dem offiziellen Chauffeur gehörte. Kurz darauf war sein gesamtes Gepäck verstaut, und Hoare, wieder in Sicherheit nach seiner kurzen Begegnung mit der Barbarei, machte es sich in einem Auto bequem.

Es dauerte nicht lange, bis der Wagen durch den Arbeiterbezirk hinter dem Bahnhof gerast war. Hoare überquerte den breiten und immer noch halb zugefrorenen Fluss und machte sich zum Palastviertel auf, wo ein Hotelbett auf ihn wartete. Ein Diplomat war gut beraten, die Straßen zu meiden, in denen gewöhnliche Menschen wohnten und arbeiteten. Das war eine Lektion, die er in den kommenden Tagen lernen sollte, zusammen mit den Vorschriften der Hofetikette und den Details des Problems, eine zuverlässige Hausangestellte zu finden. Der Parlamentarier war in Petrograd eingetroffen und sollte seine Arbeit für den »neuen, geheimen und sehr unbestimmten« britischen Nachrichtendienst beginnen.

***

Im Jahre 1916 hatte Petrograd eine Bevölkerung von über zwei Millionen, die seit Kriegsanfang durch Zehntausende von Wanderarbeitern und Flüchtlingen angeschwollen war.[18] Die Stadt, an der Mündung der Newa erbaut, beförderte soziale Abgrenzungen. Die Armen wohnten zumeist in den Fabrikvierteln, die in der Umgebung der neuen Metallverarbeitungs- und Rüstungsbetriebe hochgezogen worden waren. Die Straßen hinter dem Finnischen Bahnhof führten zu engen Höfen und blinden Fenstern, denn dies war der Wyborger Bezirk mit dem Nobel- und dem Neuen Lessner-Werk (die sich beide auf Waffen und Sprengstoffe spezialisiert hatten), der Alten Sampson-Spinnerei-und-Weberei und mehreren großen Stahlwerken. Südöstlich des Flusses konnte der Bezirk Ochta eine staatliche Sprengstoff- und eine Schießpulverfabrik vorweisen, während im Südwesten die mächtigen Putilow-Werke hochragten, die Zehntausende von Arbeitern beschäftigten und Bahngleise sowie Schienenfahrzeuge und Geschütze herstellten. Die verarbeitende Industrie war in den Vorkriegsjahren eine Goldgrube für Spekulanten gewesen, doch Investitionen in Unterkünfte für die dort tätigen Männer und Frauen waren offenbar als wenig attraktiv erschienen.[19] Ungeachtet der Mühsal strömten jedoch weiterhin Arbeitsuchende aus den Dörfern in die Stadt.

Die wohlhabenderen Bürger, die eine Kutsche besaßen und Theaterlogen mieteten, ließen sich am Südrand der Wassiljewski-Insel nieder, neben dem Hafenviertel der Petrograder Seite und in den besseren Bezirken unweit des Winterpalais. Hoch gebaute Mietshäuser, die ans städtische Kanalnetz angeschlossen waren, boten vermögenden Mietern geräumige Zimmerfluchten in der ersten Etage, während die Unter- und Dachgeschosse für weniger Entgelt allen möglichen Bewohnern – von Gewerbetreibenden bis hin zu gescheiterten Schriftstellern – zur Verfügung standen. In der Regel beschränkte sich der Kontakt, den die Begüterten mit dem harten russischen Leben hatten, auf ihre Diener, Kutscher und Pförtner. Der herrliche Newski-Prospekt, die Hauptstraße der Stadt, wurde von den Armen und Entrechteten selten betreten. In Zeiten der Bedrohung (schließlich hatte 1905 eine Revolution stattgefunden) konnte der Stadtgouverneur die Brücken hochziehen lassen, so dass die Newa zu einem riesigen Burggraben wurde und den Zugang von fast allen der berüchtigsten Vororte blockierte. Es war bedauerlich, dass es einen Hauptbahnhof in der Nähe des Newski-Prospekts gab und dass Fabriken hinter den Palästen sichtbar waren, doch Unruhestifter konnten jederzeit in Gefängnisse wie die Peter-und-Paul-Festung und Kresty gesteckt werden, die beide als Landmarken über dem glitzernden Wasser des Hafens thronten.

Die britische Botschaft nahm einen großen Teil des Saltykow-Palais ein, das auch unter der Adresse Palastuferstraße 4 bekannt war. Von diesem beeindruckenden Standort konnte man das Winterpalais nach einem kurzen Spaziergang am Fluss entlang erreichen und über das Wasser zur Peter-und-Paul-Festung und ihrer goldenen Turmspitze hinüberschauen. Die Botschaft sei ein »ungeheuer großes Gebäude« gewesen, sollte Meriel Buchanan, die Tochter des Botschafters, später schreiben. »Es war geräumig und wirklich komfortabel, wenn auch nicht im Geringsten schön.«[20] Seine auffälligsten Kennzeichen waren die Prunktreppe und der Ballsaal, dessen Fenster auf den Fluss hinausblickten. Die Büros waren jedoch weniger schön gelegen, und man musste das Gebäude mit einer uralten Fürstin teilen: Anna Sergejewna Saltykowa, die mit ihren Bediensteten und einem geschwätzigen bejahrten Papagei im hinteren Trakt wohnte.[21]

Hoare würde sich bald mit seinen eigenen Leuten bekannt machen müssen, doch der diplomatische Teil seiner Mission, Frieden zwischen den Abteilungen zu stiften, verlangte, dass er zunächst dem Botschafter einen Besuch abstattete. Sir George Buchanan war seit 1910 der Repräsentant Londons in Russland, und er hatte sich einen Ruf als verlässlichster und erfahrenster Diplomat in Petrograd aufgebaut. Auch Hoare sollte bald in seinen Bann geraten. »Wenn jemand mich aufgefordert hätte, ein Bild von einem britischen Botschafter zu entwerfen«, entsann sich der Spion, »hätte ich Sir George Buchanan wiedergegeben. Vornehm, zurückhaltend, beinahe scheu in seiner Art und mit einem Äußern, das den Schönheitsbegriffen der Zeit vor zwanzig Jahren entsprach, schien er bis ins Kleinste hinein den echten Botschaftertypus zu verkörpern.«[22] Robert Bruce Lockhart, der Sir George von einem Moskauer Amtszimmer aus unterstützte, äußerte sich ähnlich: »Ein schlanker Herr mit einem müden, traurigen Blick begrüßte mich, mit seinem Monokel, seinen feingemeißelten Zügen und seinem schönen grauen Haar der perfekte Bühnendiplomat.«[23] In »Ein Abstecher nach Paris«, der Erzählungssammlung, die auf seinen eigenen Spionagemissionen in der Kriegszeit beruht, machte Somerset Maugham Sir George zu Sir Herbert Witherspoon und ließ ihn Banketten vorsitzen, als wäre er ein Baronet in einem der stattlichsten Landhäuser Englands. Ein weniger freundlich gesonnener Besucher erinnerte sich jedoch an eine »Kälte, die einen Eisbären hätte erschauern lassen können«.[24]

Obwohl Buchanan wenig für Spione übrighatte, wollte er unbedingt sicherstellen, dass Russland den Kampf für einen Sieg der Alliierten im Ersten Weltkrieg fortsetzte.[25] Zu diesem Zweck war er bereit, sich mit jedem Unhold zu verbrüdern, den London aussandte, und Hoare wurde zu einem regelmäßigen Gast in der Botschaft. Er ließ sich von Lady Georgina, der Gemahlin des Botschafters, dessen Tochter Meriel und von mindestens einer schlechtgelaunten Siamkatze unterhalten. Der Spion dinierte auch mit einigen Stars der europäischen Diplomatie, darunter Maurice Paléologue, der französische Botschafter, und der Marchese Andrea Carlotti di Riparbella aus Italien. Dem Mann aus den Vereinigten Staaten, David Francis, war das Pokerspiel lieber als Buchanans feine Tischtücher und Rotweine, aber es blieben noch allerlei interessante Mitglieder des britischen Personals, die Hoare im ersten Stock kennenlernte. Sie waren in der Botschaftskanzlei im ersten Stock zu finden.[26] Dort beschäftigten sich junge Männer in Kammgarnanzügen den größten Teil des Tages damit, Berichte zu tippen, zu kodieren oder zu entschlüsseln. Russische Sekretärinnen gab es nicht, da die Geheimhaltung, auch zwischen Verbündeten, an erster Stelle stand. »Mein erster Eindruck«, schrieb Lockhart, »war der eines Telegraphenbüros, das von lauter alten Etonschülern bedient wird.«[27]

Zu seinem eigenen Büro gelangte Hoare nach einem raschen Spaziergang auf der Palastuferstraße in Richtung Westen. Man bog am Winterpalais – einem riesigen Ensemble aus 1500 Räumen, dessen Stuck mit melancholischer ochsenblutroter Farbe gestrichen war – nach links ab. Dahinter, jenseits des Palastplatzes, breitete sich eine Reihe gut aufeinander abgestimmter Gebäude aus, die ebenfalls in der Farbe von Beefsteak bemalt waren und in denen man die Hauptdienststellen der Regierung, darunter den Generalstab, untergebracht hatte. Hier war die Niederlassung des britischen Nachrichtendienstes – ein Nachzügler der französischen Organisation nebenan – in ein paar obere Räume gezwängt worden. Dies mochte praktisch sein, doch Hoare empfand nie eine besondere Zuneigung zu seinem Arbeitsplatz. »Von echt russischem Charakter«, klagte er, »war die Fassade der beste Teil des Gebäudes. Hinter dem Generalstab lag eine Wirrnis von übelriechenden Höfen und schmutzigen Durchgängen, die den Eingang beschwerlich machten und äußerst ungesund waren.«[28]