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Wer Drachen liebt, kommt an dieser Saga nicht vorbei! »Die Legenden« ist die zweite Trilogie der berühmten Drachenlanze-Saga.
Die Klerikerin Crysania ist bereit alles zu opfern, um die Seele des dunklen Magiers Raistlin zu retten. Dadurch bemerkt sie nicht, dass er sie nur benutzt, denn er benötigt die Unterstützung einer Klerikerin, um ins Reich der Drachenkönigin Takhisis eindringen zu können. Auf ihrem eigenen Territorium will Raistlin der dunklen Herrscherin entgegentreten und ihren Platz einnehmen. Doch er hat seine Pläne ohne seinen Zwillingsbruder Caramon gemacht – und natürlich ohne den Kender Tolpan Barfuß, der um jeden Preis verhindern will, dass sein alter Freund ein finsterer Gott wird.
Die Drachenlanze-Saga ist zeitloser Fantasy-Kult: Lesen Sie, wie alles in der »Chronik der Drachenlanze« begann und verpassen Sie nicht dieneue Trilogie »Ddas Schicksal der Drachenlanze«.
Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Der Krieg der Brüder« und »Die Königin der Finsternis« erschienen.
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Klerikerin Crysania ist bereit, alles zu opfern, um die Seele des dunklen Magiers Raistlin zu retten. Dadurch bemerkt sie nicht, dass er sie nur benutzt, denn er benötigt die Unterstützung einer Klerikerin, um ins Reich der Drachenkönigin Takhisis eindringen zu können. Auf ihrem eigenen Territorium will Raistlin der dunklen Herrscherin entgegentreten und ihren Platz einnehmen. Doch er hat seine Pläne ohne seinen Zwillingsbruder Caramon gemacht – und natürlich ohne den Kender Tolpan Barfuß, der um jeden Preis verhindern will, dass sein alter Freund ein finsterer Gott wird.
Margaret Weis und Tracy Hickman gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autoren der Welt, seit sie Mitte der 80er-Jahre mit der unvergessenen Chronik der Drachenlanze den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Zwar haben sie sich gelegentlich – teils gemeinsam, teils allein – auch anderen Projekten zugewandt, doch sie sind immer wieder gerne ins Reich der Drachenlanze zurückgekehrt wie mit der neuen Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.
Erstmals auf Deutsch! Das Schicksal der Drachenlanze:
1. Drachen des Verrats
2. Drachen der Vorsehung
3. In Vorbereitung
Die Chronik der Drachenlanze:
1. Drachen des Zwielichts
2. Drachen der Nacht
3. Drachen der Dämmerung
Die Legenden der Drachenlanze:
1. Die Zeit der Zwillinge
2. Der Krieg der Zwillinge
3. Die Prüfung der Zwillinge
www.blanvalet.de
MARGARET WEIS & TRACY HICKMAN
Die Legenden der Drachenlanze 2
Roman
Deutsch von Marita Böhm
Die Originalausgabe erschien 1986 unter dem Titel »War of the Twins (Dragonlance Legends 2)« bei TSR, Inc., Lake Geneva, WI, USA.Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Der Krieg der Brüder« und »Die Königin der Finsternis« erschienen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright der Originalausgabe © 1986 by TSR, Inc.
TSR, Inc. is a subsidiary of Wizards of the Coast, Inc. licensing by Hasbro Consumer Products. All rights reserved.
Wizards of the Coast, Dungeons & Dragons, D&D, their respective logos, Dragonlance, and the dragon ampersand are registered trademarks of Wizards of the Coast LLC in the U.S.A. and other countries. © 1984, 2024 Wizards of the Coast LLC. All rights reserved. Licensed by Hasbro.
All characters in this book are fictitious. Any resemblance to actual persons, living or dead, is purely coincidental. All Wizards of the Coast characters, character names, and the distinctive likenesses thereof, and all other Wizards trademarks are property of Wizards of the Coast LLC.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Michael Rahn
Covergestaltung: Isabelle Hirtz, nach einer Originalvorlage von Wizards of the Coast
Umschlagdesign: Tanya Matson
Umschlagillustration: Matt Stawicki
HK · Herstellung: fe
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-23854-4V001
www.blanvalet.de
Die dunklen Gewässer der Zeit wirbelten um die schwarzen Roben des Erzmagiers und trugen ihn und die, die bei ihm waren, vorwärts durch die Jahre.
Vom Himmel regnete es Feuer, das Gebirge stürzte auf die Stadt Istar und versenkte sie in den Tiefen der Erde. Das Meer erbarmte sich der furchtbaren Zerstörung und toste darüber hinweg, um die Leere zu füllen. Der große Tempel, in dem der Königspriester immer noch darauf wartete, dass die Götter seinen Forderungen nachkamen, verschwand vom Antlitz der Welt. Selbst jene Meerelfen, die sich in die neu geschaffene Blutsee von Istar wagten, erkundeten erstaunt den Ort, an dem der Tempel gestanden hatte. Nur eine tiefe schwarze Grube war übrig geblieben. Das Wasser in dieser Grube war so dunkel und eisig, dass diese Elfen, die doch unter Wasser geboren waren und dort lebten, sich nicht in ihre Nähe wagten.
Aber es gab viele auf Ansalon, die die Bewohner Istars beneideten. Denn für sie war der Tod zumindest schnell eingetreten.
Doch für jene, die die unmittelbare Verwüstung auf Ansalon überlebten, trat der Tod langsam und in scheußlicher Form ein – Hungertod, Krankheit, Mord …
Krieg.
Ein heiserer Schrei der Angst und des Entsetzens riss Crysania aus ihrem Schlaf. So plötzlich und schrecklich war der Schrei und so tief ihr Schlaf, dass es ihr einen Augenblick völlig unerklärlich war, was sie geweckt hatte. Verängstigt und verwirrt starrte sie umher, versuchte herauszufinden, wo sie sich befand und was ihr eine solche Angst eingejagt hatte, dass sie kaum atmen konnte.
Sie lag auf einem feuchten, harten Boden. Ihr Körper schüttelte sich krampfhaft in der Eiseskälte, die ihr bis in die Knochen drang, und ihre Zähne klapperten. Sie hielt den Atem an, um irgendetwas wahrzunehmen. Aber die Dunkelheit war unergründlich, die Stille eindringlich.
Panik überfiel sie. Verzweifelt versuchte sie, die Dunkelheit zu durchdringen, aber da war nichts.
Dann vernahm sie wieder den Schrei, und sie erinnerte sich, davon geweckt worden zu sein. Und obwohl sie vor Erleichterung über den Klang einer menschlichen Stimme aufatmete, hallte die Angst, die sie aus diesem Schrei heraushörte, in ihrer Seele wider.
Verzweifelt zwang sie sich, nachzudenken und sich zu erinnern. Steine hatten gesungen, eine Stimme hatte gesprochen – Raistlins Stimme –, und seine Arme hatten sich um sie gelegt. Dann das Gefühl, ins Wasser zu steigen und in eine jähe, unermessliche Dunkelheit getragen zu werden.
Raistlin! Crysania streckte eine zitternde Hand aus, fühlte aber nichts neben sich außer feuchten, eiskalten Steinen. Und dann kehrte die Erinnerung mit einer entsetzlichen Wucht zurück. Caramon sprang mit dem blitzenden Schwert in der Hand auf seinen Bruder zu … Ihre Worte, als sie einen Zauber aussprach, um den Magier zu beschützen … Das Geräusch, als ein Schwert auf den Boden fiel.
Aber dieser Schrei – das war Caramons Stimme! Was, wenn er …
»Raistlin!«, rief Crysania angsterfüllt und richtete sich mühsam auf. Ihre Stimme verklang, löste sich auf, von der Dunkelheit verschluckt. Sie wagte nicht weiterzusprechen, um dieses entsetzliche Gefühl nicht noch einmal zu erleben. In der durchdringenden Kälte zitternd, schlug sie die Arme um sich, und unwillkürlich berührte Crysanias Hand das Medaillon Paladins, das um ihrem Hals hing. Der Segen des Gottes strömte durch ihren Körper.
»Licht«, flüsterte sie, hielt das Medaillon fest in ihrer Hand und flehte zu ihrem Gott, die Dunkelheit zu erhellen.
Sanftes Licht quoll zwischen ihren Fingern hervor. Crysania hielt die Kette hoch über ihren Kopf. Sie leuchtete ihre Umgebung ab und versuchte, sich zu erinnern, aus welcher Richtung der Schrei gekommen war.
Sie gewann flüchtige Eindrücke von zerstörten, geschwärzten Möbelstücken, Spinnweben, Büchern, die verstreut auf dem Boden lagen, Bücherregalen, die umgekippt waren. Aber dies alles war fast genauso beängstigend wie die Dunkelheit selbst.
Und dann ertönte wieder der Schrei.
Mit zitternder Hand drehte sich Crysania schnell in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Das Licht des Medaillons teilte die Dunkelheit und ließ zwei Gestalten in entsetzlich klarer Deutlichkeit hervortreten. Eine trug schwarze Roben und lag still auf dem kalten Boden. Neben dieser reglosen Gestalt stand ein riesiger Mann. In eine blutbefleckte goldene Rüstung gehüllt und mit einem Eisenband um den Hals, starrte er mit ausgestreckten Händen in die Dunkelheit; sein Mund war weit geöffnet, sein Gesicht vor Entsetzen leichenblass.
Das Medaillon glitt aus Crysanias kraftloser Hand, als sie den Körper wiedererkannte, der vor den Füßen des Kriegers lag. »Raistlin!«, flüsterte sie. Von einer erstickenden Angst ergriffen, kniete sie sich neben den Magier.
Er lag mit dem Gesicht auf dem Boden, seine Kapuze war darüber gezogen. Behutsam drehte Crysania ihn auf den Rücken, zog die Kapuze von seinem Gesicht und hielt das strahlende Medaillon über ihn.
Die Haut des Magiers war aschgrau. Seine Lippen hatten sich blau verfärbt, seine Augen waren geschlossen.
»Was hast du getan?«, schrie sie Caramon an und sah zu ihm hoch. »Was hast du getan?« Ihre Stimme überschlug sich vor Trauer und Zorn.
»Crysania?«, flüsterte Caramon heiser.
Das Licht des Medaillons warf sonderbare Schatten auf ihn. Er hielt die Arme immer noch ausgestreckt, seine Hände griffen schwach in die Luft, er senkte den Kopf. »Crysania?«, wiederholte er schluchzend. Er machte einen Schritt auf sie zu, fiel über die Beine seines Bruders und stürzte zu Boden.
Sofort richtete er sich wieder auf, kroch auf Händen und Knien näher. Er streckte eine Hand aus. »Crysania? Bring uns dein Licht! Schnell!«
»Ich habe ein Licht, Caramon! Ich … Gesegnet sei Paladin!«, murmelte Crysania und starrte ihn im Schein des Medaillons an. »Du bist blind!« Sie streckte die Hand aus und ergriff seine zuckenden Finger.
Bei ihrer Berührung schluchzte Caramon vor Erleichterung auf. Sein Griff zerquetschte schier ihre Hand, und Crysania biss sich vor Schmerz auf die Lippen.
Sie erhob sich und half Caramon beim Aufstehen. Der große Körper des Kriegers zitterte, und er klammerte sich in seiner verzweifelten Angst an sie, seine Augen starrten immer noch verstört und mit leerem Blick geradeaus. Crysania blickte in die Dunkelheit, suchte verzweifelt einen Stuhl, ein Sofa … irgendetwas. Sie führte Caramon zu dem einzigen Möbelstück, das sie ausgemacht hatte. »Hier, setz dich«, wies sie ihn an. »Lehn dich dagegen.«
Sie half Caramon, auf dem Boden Platz zu nehmen. Sein Rücken war gegen einen mit Schnitzereien verzierten Holzschreibtisch gestützt, der ihr bekannt vorkam. Der Anblick brachte eine Flut von Erinnerungen mit sich – sie hatte ihn irgendwo gesehen. Aber sie war zu beschäftigt, um weitere Gedanken daran zu verlieren. »Caramon?«, fragte sie mit zittriger Stimme. »Ist Raistlin … Hast du ihn getötet?« Ihre Stimme versagte.
»Raistlin?« Caramon wandte seine blinden Augen ihrer Stimme zu. Er versuchte aufzustehen. »Raist! Wo …«
»Nein. Setz dich wieder!«, befahl Crysania in plötzlicher Wut und Angst. Sie drückte ihn nach unten.
Caramon schloss die Augen, ein sarkastisches Lächeln verzerrte sein Gesicht. Einen Augenblick sah er seinem Zwillingsbruder sehr ähnlich. »Nein, ich habe ihn nicht getötet!«, sagte er bitter. »Wie hätte ich es tun können? Ich habe nur noch gehört, wie du Paladin um Hilfe angerufen hast, dann wurde alles dunkel. Meine Muskeln bewegten sich nicht mehr, das Schwert fiel aus meiner Hand. Und dann …«
Aber Crysania hörte nicht zu. Sie trat zu Raistlin und kniete sich neben ihn, hielt das Medaillon über sein Gesicht und griff unter die schwarze Kapuze, um den Puls an seinem Hals zu fühlen. Vor Erleichterung schloss sie die Augen und schickte ein stummes Gebet zu Paladin. »Er lebt!«, flüsterte sie. »Aber was stimmt dann nicht mit ihm?«
»Was stimmt nicht mit ihm?«, fragte Caramon; in seiner Stimme lagen immer noch Bitterkeit und Angst. »Ich kann nichts sehen …«
Crysania beschrieb den Zustand des Magiers.
Caramon zuckte die Achseln. »Von seiner Magie erschöpft«, erklärte er mit ausdrucksloser Stimme. »Und vergiss nicht, dass er schon von Anfang an geschwächt war, zumindest hast du mir das gesagt. Krank durch die Nähe der Götter.« Seine Stimme wurde leiser. »Ich habe ihn schon früher in solch einem Zustand erlebt. Nachdem er die Kugel der Drachen zum ersten Mal benutzt hatte, konnte er sich kaum rühren. Ich hielt ihn in meinen Armen …« Er brach ab und starrte in die Dunkelheit; sein Gesicht war nun ruhig. »Wir können nichts für ihn tun«, sagte er. »Er muss sich ausruhen.« Nach einer kurzen Pause fragte er leise: »Crysania, kannst du mich heilen?«
Crysanias Haut brannte. »Leider nicht«, erwiderte sie verzweifelt. »Es muss mein Zauber gewesen sein, der dich erblinden ließ.« In ihrer Erinnerung sah sie wieder den großen Krieger, das blutverschmierte Schwert in der Hand, mit der Absicht, seinen Zwillingsbruder zu töten, mit der Absicht, sie zu töten – wenn sie ihm in den Weg geriet.
»Es tut mir leid«, sagte sie leise. »Aber ich war verzweifelt und hatte Angst. Mach dir trotzdem keine Sorgen«, fügte sie hinzu, »der Zauber ist nicht von Dauer. Er wird sich im Lauf der Zeit auflösen.«
Caramon seufzte. »Ich verstehe«, sagte er. »Gibt es ein Licht in diesem Raum? Du hast gesagt …«
»Ja«, antwortete sie. »Ich habe das Medaillon …«
»Sieh dich um. Sag mir, wo wir sind. Beschreib es mir.«
»Aber Raistlin …«
»Er wird sich schon wieder erholen!«, sagte Caramon, seine Stimme klang grob und befehlend. »Tu, was ich dir sage! Unser Leben, sein Leben kann davon abhängen! Sag mir, wo wir sind!«
Als Crysania in die Dunkelheit blickte, kehrte ihre Angst zurück. Widerstrebend verließ sie den Magier und setzte sich neben Caramon. »Ich weiß nicht«, stammelte sie, während sie das strahlende Medaillon wieder hochhielt. »Ich kann außerhalb des Lichtscheins nicht viel erkennen. Aber es ist ein Ort, an dem ich schon einmal gewesen bin. Möbelstücke liegen hier, aber es ist alles zerbrochen und verkohlt wie von einem Brand. Viele Bücher liegen verstreut herum. Du lehnst an einem großen Holzschreibtisch, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Er ist wunderschön und mit merkwürdigen geschnitzten Figuren verziert.«
Caramon tastete auf dem Boden herum. »Teppich«, sagte er, »auf Stein.«
»Ja, der Boden ist mit einem Teppich bedeckt – beziehungsweise war er das. Jetzt ist er zerrissen. Und er sieht angenagt aus …« Sie würgte, als sie plötzlich einen dunklen Schemen sah, der aus dem Lichtkreis glitt.
»Was ist los?«, fragte Caramon scharf.
»Offenbar haben Ratten den Teppich angenagt«, erwiderte Crysania mit einem nervösen Lachen. Sie versuchte fortzufahren. »Da steht ein Kamin, aber er ist voller Spinnweben. In der Tat ist hier alles voller Spinnweben …«
Dann versagte die Stimme ihr den Dienst. Plötzliche Bilder von Spinnen, die von der Decke fielen, und Ratten, die an ihren Füßen vorbeihuschten, ließen sie erschauern, und sie raffte ihre zerrissenen weißen Roben zusammen. Der Kamin erinnerte sie daran, wie kalt ihr war.
Caramon lächelte düster, als er spürte, dass sie zitterte, und streckte seine Hand nach ihr aus. Er hielt ihre Hand fest und sagte mit einer Stimme, die in ihrer Gelassenheit schrecklich war: »Crysania, wenn wir es lediglich mit Ratten und Spinnen zu tun haben, können wir uns glücklich schätzen.«
Sie erinnerte sich an seinen Schrei schieren Entsetzens, der sie geweckt hatte. Aber er konnte doch nichts sehen! Schnell blickte sie sich um. »Du musst etwas gehört oder gespürt haben, doch …«
»Gespürt«, wiederholte Caramon leise. »Ja, ich habe es gespürt. An diesem Ort gibt es Dinge, Crysania, entsetzliche Dinge. Ich kann fühlen, wie sie uns beobachten! Ich kann ihren Hass fühlen. Wo wir auch sind, wir haben uns ihnen aufgedrängt. Kannst du das nicht auch fühlen?«
Crysania starrte in die Dunkelheit. Jetzt, da Caramon sie darauf hingewiesen hatte, konnte sie etwas spüren. Oder, wie Caramon sagte, Dinge!
Je länger sie sich darauf konzentrierte, um so wirklicher wurden sie. Obgleich sie nichts erkennen konnte, wusste sie, dass sie warteten, gerade außerhalb der Reichweite des Lichtes, das das Medaillon ausstrahlte. Ihr Hass war stark, wie Caramon gesagt hatte, und was noch schlimmer war, sie spürte ihre Bösartigkeit, die sie mit eisiger Kälte umgab. Es war wie … Sie hielt den Atem an.
»Was?«, schrie Caramon.
»Pst«, zischte sie und umklammerte seine Hand. »Nichts. Es ist nur … Ich weiß jetzt, wo wir sind«, sagte sie leise.
Er antwortete nicht, sondern richtete nur seine blinden Augen auf sie.
»Im Turm der Erzmagier in Palanthas!«, flüsterte sie.
»Wo Raistlin lebt?« Caramon wirkte erleichtert.
»Ja … nein.« Crysania zuckte hilflos die Schultern. »Es ist das gleiche Zimmer, in dem ich war – sein Arbeitszimmer. Aber es sieht aus, als wäre es seit vielleicht hundert Jahren oder noch länger unbewohnt und … Caramon! Ich hab’s! Er sagt, er werde mich zu einem Ort und in eine Zeit mitnehmen, in der es keine Kleriker gebe. Das muss nach dem Kataklysmus und vor dem Krieg sein. Bevor …«
»Bevor er zurückkehrte, um diesen Turm als seinen zu beanspruchen«, sagte Caramon bitter. »Und das bedeutet, dass der Fluch immer noch auf dem Turm liegt, Crysania. Das bedeutet, wir befinden uns an dem Ort auf Krynn, an dem das Böse herrscht. Am gefürchtetsten Ort auf dem Antlitz dieser Welt. Der Ort, an den sich kein Sterblicher wagt, der von dem Eichenwald von Shoikan und weiß die Götter was sonst noch bewacht wird. Er hat uns hierher gebracht!«
Crysania sah plötzlich außerhalb des Lichtkreises blasse Gesichter erscheinen, als wären sie von Caramons Stimme herbeigerufen worden. Körperlose Köpfe mit starrenden Augen, die lange Zeit im Tod geschlossen waren, schwebten in der kalten Luft; ihre Münder waren in Vorfreude auf warmes, lebendes Blut weit geöffnet.
»Caramon, ich kann sie sehen!« Crysania würgte und wich zu dem großen Mann zurück. »Ich kann ihre Gesichter sehen!«
»Ich habe ihre Hände an mir gefühlt«, sagte Caramon. Er erbebte krampfhaft, spürte auch ihr Zittern und legte seinen Arm um sie, zog sie dicht an sich. »Sie haben mich angegriffen. Ihre Berührung hat meine Haut zu Eis werden lassen. Das war, als du mich schreien gehört hast.«
»Aber warum habe ich sie nicht vorher gesehen? Was hält sie jetzt vom Angriff ab?«
»Du, Crysania«, sagte Caramon leise. »Du bist eine Klerikerin Paladins. Diese Kreaturen wurden von dem Bösen hervorgebracht, es sind Schöpfungen des Fluches. Sie haben nicht die Kraft, dir zu schaden.«
Crysania blickte auf das Medaillon in ihren Händen. Das Licht leuchtete immer noch, aber während sie es anstarrte, schien es schwächer zu werden. Voller Schuldgefühle erinnerte sie sich an den Elfenkleriker Loralon, erinnerte sich an ihre Weigerung, ihn zu begleiten. Seine Worte klangen in ihrem Geist wider: »Das nächste Mal, wenn du sehen wirst, wirst du von der Dunkelheit blind sein …«
»Ich bin eine Klerikerin, das stimmt«, sagte sie leise, »aber mein Glaube ist … schwach. Diese … Dinge spüren meine Zweifel, meine Schwäche. Vielleicht hätte ein Kleriker wie Elistan die Kraft, gegen sie anzukämpfen. Ich vermag es nicht.« Das Licht wurde immer trüber. »Mein Licht erlischt, Caramon«, fügte sie hinzu. Als sie aufschaute, konnte sie die blassen Gesichter erkennen, die gierig immer näher kamen. »Was können wir unternehmen?«
»Ich habe keine Waffe! Ich kann nichts sehen!«, schrie Caramon gequält auf und ballte die Faust.
»Pst!«, befahl Crysania und ergriff seinen Arm; ihre Augen waren auf die schimmernden Formen gerichtet. »Sie scheinen stärker zu werden, wenn du so redest! Vielleicht ernähren sie sich von Furcht. Dalamar hat mir gesagt, dass das bei den Geschöpfen im Eichenwald von Shoikan der Fall ist.«
Caramon holte tief Luft. Sein Körper glänzte von Schweiß.
»Wir müssen versuchen, Raistlin zu wecken«, schlug Crysania vor.
»Nicht gut!«, flüsterte Caramon. »Ich weiß …«
»Wir müssen es versuchen!«, sagte Crysania hartnäckig.
»Sei vorsichtig, beweg dich langsam«, riet Caramon, als er sie losließ.
Ihr Medaillon hoch erhoben, ihre Augen auf die Augen in der Dunkelheit gerichtet, kroch Crysania zu Raistlin hin. Sie legte eine Hand auf die Schulter des Magiers. »Raistlin!«, sagte sie und schüttelte ihn. »Raistlin!«
Es kam keine Antwort. Sie hätte genauso gut versuchen können, eine Leiche zu wecken. Bei dem Gedanken warf sie den lauernden Formen einen Blick zu. Würden sie ihn töten?, fragte sie sich. Schließlich existierte er nicht in dieser Zeit. Der »Herr über Vergangenheit und Gegenwart« war noch nicht zurückgekehrt, um sein Eigentum zu beanspruchen – diesen Turm.
Oder hatte er es getan?
Crysania rief wieder den Magier bei seinem Namen, dabei hielt sie die Augen auf die Untoten gerichtet, die sich immer weiter näherten, je schwächer ihr Licht wurde.
»Fistandantilus!«, sagte sie zu Raistlin.
»Ja!«, rief Caramon, der sie hörte und verstand. »Sie erkennen diesen Namen wieder. Was geschieht hier? Ich spüre eine Veränderung …«
»Sie haben aufgehört!«, berichtete Crysania atemlos. »Sie sehen ihn jetzt nur an.«
»Geh zurück!«, befahl Caramon und erhob sich halb. »Geh von ihm weg. Nimm das Licht von ihm! Sie sollen ihn ohne Licht sehen, schließlich existiert er in ihrer Dunkelheit!«
»Nein!«, gab Crysania wütend zurück. »Du bist verrückt! Wenn das Licht erst einmal verschwunden ist, werden sie ihn verschlingen …«
»Es ist unsere einzige Chance!«
Mit einem Satz sprang er auf Crysania zu, riss sie von Raistlin zurück und schleuderte sie auf den Boden. Er fiel über sie, was ihr den Atem verschlug.
»Caramon!« Sie rang nach Luft. »Sie werden ihn töten. Nein …« Sie kämpfte gegen den großen Krieger, aber er hielt sie unter sich fest.
Das Medaillon hielt sie immer noch in der Hand. Das Licht wurde trüber. Sie wand sich und blickte zu Raistlin hin. Er lag jetzt außerhalb des Lichtkreises in der Dunkelheit. »Raistlin!«, schrie sie. »Nein! Lass mich, Caramon! Sie nähern sich ihm …«
Aber Caramon verstärkte nur seinen Griff, drückte sie gegen den kalten Boden. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, aber entschlossen, seine blinden Augen starrten auf sie hinab. Sein Fleisch war kalt gegen das ihre, seine Muskeln waren angespannt. Sie musste einen weiteren Zauber auf ihn werfen! Die Worte lagen auf ihren Lippen, als ein schriller Schmerzensschrei die Dunkelheit durchschnitt.
»Paladin, hilf mir!«, betete Crysania. Nichts geschah.
Wieder versuchte sie, Caramon zu entkommen, aber es war hoffnungslos. Und jetzt hatte ihr Gott sie offensichtlich auch noch verlassen. Vor Enttäuschung aufschreiend, Caramon verfluchend, konnte sie nur noch beobachten.
Die blassen, schimmernden Gestalten hatten Raistlin inzwischen eingekreist. Sie konnte ihn nur noch durch das Licht der entsetzlichen Aura erkennen, das von ihnen ausging. Ihre Kehle schmerzte, und ein leises Stöhnen entfuhr ihren Lippen, als eine der gräulichen Kreaturen ihre kalten Hände erhob und auf seinen Körper legte.
Raistlin schrie auf. Unter seinen schwarzen Roben zuckte sein Körper in qualvollen Krämpfen.
Auch Caramon hörte den Schrei seines Bruders. »Lass mich!«, flehte Crysania. Aber obgleich seine Stirn von kaltem Schweiß bedeckt war, schüttelte er hartnäckig den Kopf und hielt ihre Hände fest.
Raistlin schrie wieder auf. Caramon erschauerte, und Crysania spürte seine Muskeln erschlaffen. Sie ließ das Medaillon fallen und befreite ihre Arme, um mit zusammengeballten Fäusten auf ihn einzuschlagen. Aber dabei versiegte das Licht des Medaillons, und beide verschwanden in völliger Dunkelheit. Caramons Körper wurde plötzlich von ihr fortgerissen. Sein heiserer, gequälter Schrei vermischte sich mit den Schreien seines Bruders.
Benommen setzte sich Crysania auf, ihre Hand suchte den Boden nach dem Medaillon ab.
Ein Gesicht näherte sich ihr. Sie schaute schnell von ihrer Suche hoch, dachte, es wäre Caramon.
Es war nicht sein Gesicht. Ein körperloser Kopf schwebte neben ihr.
»Nein!«, wimmerte sie, war wie gelähmt, konnte nur spüren, wie ihr das Leben aus Händen, Körper und Herz gezogen wurde. Fleischlose Hände packten ihre Arme, zogen sie an sich; blutlose Lippen, gierig nach ihrer Wärme, öffneten sich.
»Paladin«, versuchte Crysania zu beten, aber gleichzeitig wurde ihre Seele durch die Berührung der Kreatur aus ihrem Körper gesaugt.
Dann hörte sie schwach und aus der Ferne eine kraftlose Stimme, die Worte der Magie intonierte. Licht explodierte um sie. Der Kopf, der so dicht an ihrem war, verschwand mit einem Kreischen, die fleischlosen Hände verloren ihren Halt. Es roch beißend nach Schwefel.
»Shirak.« Das explosive Licht war verschwunden. Ein sanftes Glühen erfüllte den Raum.
Crysania richtete sich auf. »Raistlin!«, flüsterte sie dankbar. Auf Händen und Knien kroch sie mühsam über den geschwärzten Boden zu dem Magier, der auf dem Rücken lag und schwer atmete. Eine Hand ruhte auf dem Stab des Magus. Von der Kristallkugel in der goldenen Drachenklaue an seiner Spitze kam Licht.
»Raistlin! Bist du in Ordnung?« Sie kniete sich zu ihm, blickte in sein schmales, blasses Gesicht, als er die Augen aufschlug.
Erschöpft nickte er. Dann griff er nach ihr und zog sie an sich. Er umarmte sie, streichelte ihr weiches schwarzes Haar. Sie spürte seinen Herzschlag. Seine seltsame Körperwärme vertrieb die Kälte. »Hab keine Angst!«, flüsterte er tröstend, als er ihr Zittern spürte. »Sie werden uns nichts antun. Sie haben mich gesehen und erkannt. Sie haben dich doch nicht verletzt?« Sie konnte nicht sprechen, nur den Kopf schütteln. Er seufzte wieder. Crysania schloss die Augen; sie lag getröstet in seiner Umarmung.
Als seine Hand wieder über ihr Haar fuhr, merkte sie, wie sich sein Körper anspannte. Er schob sie von sich weg. »Sag mir, was geschehen ist«, befahl er mit schwacher Stimme.
»Ich bin hier wach geworden …«, stammelte Crysania. Der Kontrast zwischen ihrem entsetzlichen Erlebnis und Raistlins herzlicher Berührung verwirrte sie. Als sie jedoch seine kalten und ungeduldigen Augen sah, zwang sie sich weiterzuerzählen. »Ich habe Caramons Schreie gehört …«
Raistlin riss die Augen auf. »Mein Bruder?«, fragte er verblüfft. »Der Zauber hat ihn also auch hierher gebracht. Ich bin überrascht, dass ich noch lebe. Wo ist er?« Er hob erschöpft den Kopf und sah seinen Bruder bewusstlos auf dem Boden liegen.
»Was ist mit ihm?«
»Ich … ich habe einen Zauber auf ihn geworfen. Er ist blind«, sagte Crysania errötend. »Ich wollte es nicht. Ich dachte, er versucht dich zu töten – in Istar, vor dem Kataklysmus …«
»Du hast ihn blind gemacht? Paladin … hat ihn blind gemacht!« Raistlin lachte. Der Klang hallte von den kalten Steinen zurück, und Crysania zuckte zusammen, spürte ein eisiges Entsetzen. Aber das Lachen blieb rasch in Raistlins Kehle stecken. Der Magier begann zu würgen und nach Luft zu ringen.
Crysania beobachtete ihn hilflos, bis der Anfall vorüber war und Raistlin wieder ruhig dalag.
»Erzähl weiter«, flüsterte er gereizt.
»Ich hörte ihn schreien, aber ich konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. Das Medaillon gab mir ein wenig Licht, und als ich ihn fand, erkannte ich, dass er blind ist. Dann entdeckte ich dich. Du warst bewusstlos. Wir konnten dich nicht wecken. Caramon sagte mir, ich solle ihm die Umgebung beschreiben, und dann sah ich« – sie schauderte – »diese entsetzlichen …«
»Fahr fort«, unterbrach Raistlin sie.
Crysania holte tief Luft. »Dann begann das Licht des Medaillons schwächer zu werden…«
Raistlin nickte.
»… und die Dinge kamen auf uns zu. Ich rief nach dir, ich benutzte den Namen Fistandantilus. Das ließ sie einhalten. Dann« – Crysanias Stimme verlor ihre Angst und wurde zornig – »ergriff dein Bruder mich, warf mich auf den Boden und schrie: ›Sie sollen ihn ohne Licht sehen, schließlich existiert er in ihrer Dunkelheit!‹ Als Paladins Licht dich nicht mehr erfasste, kamen diese Kreaturen …« Sie schauderte wieder und vergrub ihr Gesicht in beiden Händen. Raistlins schrecklicher Aufschrei hallte in ihrem Geist wider.
»Das hat mein Bruder gesagt?«, fragte Raistlin leise. Crysania nahm die Hände vom Gesicht und sah ihn an, verwirrt über sein Staunen. »Ja«, antwortete sie nach einer Pause kühl. »Warum?«
»Er hat uns das Leben gerettet«, erklärte Raistlin; seine Stimme war wieder sarkastisch. »Der große Dummkopf hatte in der Tat eine gute Idee. Vielleicht solltest du ihn blind bleiben lassen – offenbar fördert das sein Denkvermögen.«
Raistlin versuchte zu lachen, aber daraus wurde ein Husten, das ihn fast erstickte. Crysania wollte ihm helfen, aber er hielt sie mit einem zornigen Blick zurück, selbst als sich sein Körper vor Schmerzen krümmte. Er fiel zur Seite und erbrach sich.
Crysania starrte ihn hilflos an. »Du hast mir einmal gesagt, dass die Götter dich nicht von dieser Krankheit heilen können. Aber du liegst im Sterben, Raistlin! Gibt es nichts, was ich für dich tun kann?«, fragte sie sanft.
Er nickte. Mit offensichtlicher Anstrengung hob er schließlich eine zitternde Hand vom eiskalten Boden und winkte Crysania zu sich. Sie beugte sich über ihn. Er berührte ihre Wange und zog ihr Gesicht dicht an seins.
»Wasser!«, keuchte er kaum hörbar. »Das … wird helfen.« Fieberhaft bewegte sich seine Hand zu einer Tasche in seinen Roben. »Und Wärme, Feuer! Ich … habe nicht … die Kraft …«
Crysania nickte, um zu zeigen, dass sie ihn verstand.
»Caramon?«
»Jene Dinge haben ihn angegriffen«, sagte sie und blickte zu dem reglosen Körper des großen Kriegers. »Ich bin mir nicht sicher, ob er noch lebt …«
»Wir brauchen ihn! Du musst … ihn heilen!« Er konnte nicht weitersprechen und lag nach Atem ringend da, die Augen geschlossen.
Crysania schluckte. »Bist du sicher?«, fragte sie zögernd. »Er hat versucht, dich umzubringen …«
Raistlin lächelte, dann schüttelte er den Kopf. Er schlug die Augen auf, und sie konnte tief in ihre braunen Tiefen blicken. Die Flamme in dem Magier brannte schwach, verlieh den Augen eine sanfte Wärme, die sich sehr von dem tobenden Feuer unterschied, das sie zuvor gesehen hatte.
»Crysania…«, keuchte er. »Ich … werde … das Bewusstsein verlieren … Du wirst … allein sein … an diesem Ort der Dunkelheit … Mein Bruder … kann helfen … Wärme …« Seine Augen schlossen sich, aber sein Griff um Crysanias Hand wurde fester, als ob er versuchte, sich mittels ihrer Lebenskraft an die Wirklichkeit zu klammern. Er öffnete noch einmal die Augen und sah in ihre. »Verlass diesen Raum nicht!«, flüsterte er.
Du wirst allein sein! Crysania sah sich verängstigt um. Wasser! Wärme! Wie sollte sie das bewerkstelligen? Sie konnte es nicht, nicht in dieser Kammer des Bösen.
»Raistlin!«, flehte sie, hielt seine zerbrechliche Hand mit beiden Händen umklammert, legte sie an ihre Wange. »Raistlin, bitte verlass mich nicht!«, flüsterte sie. »Ich kann nicht tun, was du verlangst! Ich habe nicht die Kraft! Ich kann aus Staub kein Wasser erschaffen …«
Raistlin öffnete die Augen. Sie waren fast genauso dunkel wie das Zimmer, in dem er lag. Er bewegte die Hand, die sie festhielt, zeichnete mit ihr eine Linie auf ihre Wange. Dann erschlaffte die Hand.
Crysania fragte sich, was er mit dieser seltsamen Geste gemeint haben konnte. Es war keine Liebkosung gewesen. Er hatte versucht, ihr etwas mitzuteilen, das war eindeutig gewesen. Aber was? Ihre Haut brannte von seiner Berührung, brachte Erinnerungen zurück …
Und dann wusste sie es. Ich kann aus Staub kein Wasser erschaffen … »Meine Tränen!«, murmelte sie.
Als sie in der eiskalten Kammer neben Raistlins reglosem Körper kniete und Caramon blass und leblos dalag, beneidete Crysania plötzlich beide heftig. Wie einfach würde es sein, dachte sie, in die Bewusstlosigkeit zu gleiten und sich von der Dunkelheit in Besitz nehmen zu lassen! Das Böse an diesem Ort, das beim Klang von Raistlins Stimme offenbar geflohen war, kehrte zurück. Es wehte um ihren Hals wie ein kalter Wind. Augen starrten sie aus dem Schatten an, Augen, die wohl nur vom Licht des Stabes des Magus zurückgehalten wurden. Trotz seiner Bewusstlosigkeit ruhte Raistlins Hand auf ihm.
Crysania legte die andere Hand des Erzmagiers behutsam auf seine Brust. Dann setzte sie sich zurück, presste die Lippen zusammen und schluckte ihre Tränen hinunter.
»Er ist auf mich angewiesen«, sagte sie laut, um das Wispern um sich herum zu zerstreuen. »In seiner Schwäche hängt er von meiner Stärke ab. Mein ganzes Leben lang«, fuhr sie fort, wischte sich die Tränen aus den Augen und betrachtete das Wasser, das an ihren Fingern im Schein des Stabes glänzte, »habe ich mich mit meiner Stärke gebrüstet. Doch bis jetzt habe ich nie gewusst, was wirkliche Stärke ist.« Ihre Augen wandten sich Raistlin zu. »Jetzt sehe ich sie in ihm! Ich werde ihn nicht im Stich lassen! Wärme«, sagte sie und erbebte so stark, dass sie kaum aufstehen konnte, »er braucht Wärme. Wir alle brauchen sie.« Sie seufzte. »Aber wie soll ich das bewerkstelligen? Im Schloss von Eismauer würden allein meine Gebete ausreichen, um uns zu wärmen. Paladin würde uns helfen. Aber diese Kälte hier ist nicht die Kälte von Eis oder Schnee. Sie geht viel tiefer, lässt eher den Geist als das Blut erstarren. Hier an diesem Ort des Bösen könnte mein Glaube mich am Leben erhalten, aber er wird uns niemals wärmen!«
Als sie sich im Raum umsah, der von dem Licht des Stabes schwach erleuchtet wurde, nahm Crysania an den Fenstern die Reste zerfetzter Vorhänge wahr. Sie waren aus schwarzem Samt und groß genug, dass sich alle damit zudecken konnten. Ihre Stimmung hob sich, sank aber unverzüglich, als ihr klar wurde, dass sie am anderen Ende des Raumes hingen. Kaum sichtbar in der verzehrenden Dunkelheit, befanden sich die Fenster außerhalb des Lichtkreises des Stabes.
»Ich muss dorthin gehen«, sagte sie sich, »in den Schatten!« Ihr Herz versagte fast, ihre Stärke ließ nach. »Ich werde Paladin um Hilfe bitten.« Aber während sie sprach, wanderte ihr Blick zu dem Medaillon, das auf dem Boden lag.
Sie bückte sich, um es aufzuheben, fürchtete aber die Berührung und erinnerte sich kummervoll, wie sein Licht angesichts des Bösen erloschen war.
Wieder fiel ihr Loralon ein, der große Elfenkleriker, der kurz vor dem Kataklysmus gekommen war, um sie mitzunehmen. Sie hatte sich geweigert und stattdessen ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um die Worte des Königspriesters zu hören – die Worte, die den Zorn der Götter hervorgerufen hatten. War Paladin zornig? Hatte er sie in seinem Zorn verlassen – so wie viele glaubten, dass er ganz Krynn nach der schrecklichen Zerstörung Istars verlassen hatte? Oder konnte seine göttliche Macht einfach nicht die eisigen Schichten des Bösen durchdringen, die in diesem verfluchten Turm der Erzmagier zu Hause waren?
Verwirrt ergriff Crysania das Medaillon. Es leuchtete nicht. Das Metall fühlte sich in ihrer Hand kalt an. Sie zwang sich, zu einem Fenster zu gehen. »Wenn ich mich nicht überwinde«, murmelte sie, »werde ich erfrieren. Wir werden alle sterben.« Ihr Blick ging zu den Brüdern zurück. Raistlin trug seine schwarzen Samtroben, aber sie erinnerte sich, wie kalt seine Hände gewesen waren. Caramon war immer noch in sein Gladiatorenkostüm gekleidet, die goldene Rüstung und einen Lendenschurz.
Mit erhobenem Kinn warf Crysania den unsichtbaren, flüsternden Kreaturen, die sie umlauerten, einen trotzigen Blick zu, dann trat sie mutig aus dem magischen Lichtkreis von Raistlins Stab.
Eisige Finger berührten ihre Haut. Crysania zuckte zusammen und konnte sich lange Zeit nicht regen. »Nein!«, sagte sie dann wütend. »Ich werde weitergehen. Diese Kreaturen des Bösen werden mich nicht aufhalten. Ich bin eine Klerikerin Paladins. Selbst wenn mein Gott mich aufgegeben hat, werde ich doch nicht meinen Glauben aufgeben.«
Mit erhobenem Kopf streckte Crysania ihre Hand aus, als wollte sie die Dunkelheit wie einen Vorhang teilen. Dann setzte sie ihren Weg zum Fenster fort. Sie hörte unheimliches Geflüster und Gelächter, aber nichts hielt sie auf, nichts berührte sie. Endlich erreichte sie die Fenster.
Sie zog die Vorhänge auseinander und schaute hinaus, hoffte, Trost in den Lichtern der Stadt Palanthas zu finden. Draußen sind andere Lebewesen, sagte sie sich, während sie das Gesicht gegen das Glas drückte. Ich werde Lichter sehen …
Aber die Prophezeiung war noch nicht eingetreten. Raistlin, der Herr über Vergangenheit und Gegenwart, war noch nicht zurückgekehrt, um den Turm zu beanspruchen, so wie es in der Zukunft geschehen würde. Und so blieb der Turm in undurchdringliche Dunkelheit gehüllt. Falls Lichter in der wunderschönen Stadt Palanthas brannten, konnte sie diese nicht sehen.
Voller Trostlosigkeit ergriff Crysania den Stoff und zog an ihm. Das morsche Gewebe gab fast unverzüglich nach und begrub sie wie unter einem Leichentuch aus Samtbrokat, als die Vorhänge herunterfielen. Dankbar wickelte sie den schweren Stoff um ihre Schultern und genoss seine Wärme. Sie riss einen weiteren Vorhang herunter und trug ihn durch den dunklen Raum. Das magische Licht des Stabs führte sie durch die Dunkelheit. Sie deckte Caramon mit dem schweren Stoff bis über seine breiten Schultern zu. Seine Brust hob sich nicht, er atmete kaum. Sie legte die Hand an seinen Hals und fühlte seinen Puls. Er ging langsam und unregelmäßig. Und dann sah sie an seinem Hals Male – wie von fleischlosen Lippen. Vor ihrem geistigen Auge erschien der körperlose Kopf. Schaudernd verbannte sie ihn aus ihren Gedanken und legte die Hände auf Caramons Stirn. »Paladin«, betete sie leise, »wenn du dich nicht im Zorn von deiner Klerikerin abgewendet hast – heile diesen Mann! Wenn sich sein Schicksal noch nicht erfüllt hat, wenn es noch etwas gibt, das er tun muss, gewähre ihm Gesundheit. Wenn nicht, dann nimm seine Seele behutsam in deine Arme, Paladin, auf dass er ewig leben kann …« Crysania konnte nicht weiterbeten. Ihre Kraft verließ sie. Erschöpft und verloren in der unermesslichen Dunkelheit, ließ sie den Kopf sinken und begann bitterlich zu weinen wie jemand, der keine Hoffnung mehr sieht.
Doch dann berührte eine Hand sie. Sie schreckte verängstigt auf, aber diese Hand war stark und warm. »Nun, nun, Tika«, murmelte eine tiefe, verschlafene Stimme. »Es wird alles wieder gut. Weine nicht.«
Crysania hob ihr tränennasses Gesicht und sah Caramons Brust sich in tiefen Atemzügen heben und senken. Sein Gesicht hatte die Leichenblässe verloren, die Male an seinem Hals gingen zurück. Beruhigend ihre Hand tätschelnd, lächelte er. »Es ist nur ein böser Traum, Tika«, murmelte er. »Wird vorbei sein … morgen …«
Caramon zog den Vorhang um sich, gähnte laut und wälzte sich auf die andere Seite, um in einen tiefen, friedlichen Schlaf zu gleiten.
Zu müde und zu abgestumpft, um ihrem Gott zu danken, konnte Crysania nur dasitzen und dem großen Mann zusehen. Dann vernahm sie ein Geräusch – das Geräusch von tropfendem Wasser. Als sie sich umwandte, sah sie einen Glaskrug am Rand des Schreibtisches stehen. Der Krug lag auf der Seite, seine Öffnung ragte über den Rand des Tisches. Er war offensichtlich seit langer Zeit leer. Aber jetzt glitzerte in ihm eine klare Flüssigkeit, die auf den Boden tropfte, und jeder Tropfen funkelte im Licht des Stabes.
Crysania streckte die Hand aus und fing einige Tropfen in der Handfläche auf, dann hob sie sie zögernd an ihre Lippen.
»Wasser!«, stieß sie hervor.
Der Geschmack war leicht bitter, fast salzig, aber es war das köstlichste Wasser, das sie je getrunken hatte. Sie ließ mehr Wasser in ihre Hand tropfen und schluckte es durstig. Sie stellte den Krug wieder aufrecht auf den Schreibtisch und sah, wie der Wasserpegel anstieg und das ersetzte, was sie getrunken hatte.
Jetzt konnte sie Paladin mit Worten danken, die aus den Tiefen ihres Seins kamen, so tief, dass sie sie nicht aussprechen konnte. Ihre Furcht vor der Dunkelheit und den Kreaturen war verflogen. Ihr Gott hatte sie nicht verlassen – er war immer noch bei ihr, auch wenn sie ihn vielleicht enttäuscht hatte.
Von ihrer Angst erlöst, warf sie einen letzten Blick auf Caramon. Als sie ihn friedlich schlafen sah, wandte sie sich von ihm ab und ging zu seinem Bruder, der in seinen Roben dalag.
Sie legte sich neben den Magier, wusste, dass die Wärme ihres Körpers für beide ausreichend war, deckte sich und ihn mit dem Vorhang zu und lehnte ihren Kopf an Raistlins Schulter. Dann schloss sie die Augen und ließ sich von der Dunkelheit umhüllen.
Die Frau nannte ihn Raistlin.«
»Aber dann Fistandantilus.«
»Wie können wir sicher sein? Er ist nicht durch den Eichenwald gegangen, wie vorhergesagt wurde. Er ist nicht mit Macht gekommen. Und die anderen? Er sollte allein kommen.«
»Aber spür doch seine Magie! Ich wage nicht, ihm die Stirn zu bieten …«
»Nicht einmal bei dieser reichen Belohnung?«
»Der Blutgeruch hat dich in den Wahnsinn getrieben! Wenn er es nun wirklich ist, und er findet heraus, dass du dich an seinen Erwählten geweidet hast, wird er dich in die ewige Dunkelheit zurückschicken, wo du immer von warmem Blut träumen, es aber niemals wieder kosten wirst.«
»Und wenn wir versagen in unserer Pflicht, diesen Ort zu bewachen, dann wird sie in ihrem Zorn kommen und uns dieses Schicksal angenehm erscheinen lassen.« Schweigen. Dann: »Es gibt einen Weg, wie wir uns überzeugen können …«
»Das ist gefährlich. Er ist geschwächt, wir könnten ihn töten.«
»Wir müssen es aber wissen. Soll er doch lieber sterben, als dass wir in unserer Pflicht gegenüber Ihrer Dunklen Majestät versagen!«
»Ja … Sein Tod könnte erklärt werden. Sein Leben vielleicht nicht.«
Ein kalter Schmerz bohrte sich wie Eissplitter in die Schichten seines Unbewussten, stach in sein Gehirn. Raistlin wand sich in seinem Griff, kämpfte durch den Nebel der Krankheit und Erschöpfung, um das Bewusstsein wiederzuerlangen. Er schlug die Augen auf. Furcht erstickte ihn fast, als er zwei blasse Köpfe über sich schweben sah, deren Augen ihn aus unermesslicher Dunkelheit anstarrten. Ihre Hände lagen auf seiner Brust – es war die Berührung eisiger Finger.
Als er in diese Augen sah, wusste der Magier, was sie suchten, und er wurde von plötzlichem Entsetzen ergriffen. »Nein«, sagte er atemlos. »Ich will das nicht noch einmal erleben.«
»Du wirst es. Wir müssen es wissen!«, war ihre Antwort.
Wut über diese Ungeheuerlichkeit erfasste Raistlin. Einen Fluch knurrend, versuchte er sich loszureißen. Aber es war sinnlos. Seine Muskeln verweigerten den Gehorsam, ein Finger zuckte, weiter nichts.
Zorn, Schmerz und bittere Enttäuschung ließen ihn aufschreien, aber es war ein Ton, den niemand hörte – nicht einmal er selbst. Die eisigen Hände festigten ihren Griff, der Schmerz bohrte sich in ihn, und er versank – nicht in Dunkelkeit, sondern in Erinnerungen.
Das Studierzimmer, in dem die sieben Zauberlehrlinge an jenem Morgen arbeiteten, war fensterlos. Hier fand kein Sonnenlicht und auch nicht das Licht der zwei Monde – des silbernen und des roten – Einlass. Was den dritten Mond betraf, den schwarzen Mond, so konnte seine Gegenwart hier wie auch sonst auf Krynn gespürt werden, ohne dass man ihn sah.
Der Raum wurde von dicken Bienenwachskerzen erleuchtet, die in silbernen Kerzenhaltern auf den Tischen standen.
Es war der einzige Raum im großen Schloss von Fistandantilus, der von Kerzen erleuchtet wurde. In allen anderen Räumen schwebten Glaskugeln in der Luft, deren magische Strahlung die Dunkelheit erhellte, die in dieser Festung ewig währte.
Sechs Lehrlinge saßen an einem Tisch, einige unterhielten sich, andere studierten schweigend. Der siebte saß abseits an einem Tisch am anderen Ende des Zimmers. Gelegentlich hob einer der sechs den Kopf und warf dem abseits Sitzenden einen nervösen Blick zu, senkte dann aber schnell den Kopf, denn es spielte keine Rolle, wer zu ihm schaute oder wann, der siebte schien immer zurückzuschauen.
Er amüsierte sich darüber und gab sich einem bitteren Lächeln hin. Es war keine leichte Zeit für Raistlin. Oh, es war einfach genug, die Täuschung aufrechtzuerhalten und Fistandantilus daran zu hindern, seine wahre Identität zu erkennen, seine wahren Kräfte zu verbergen, einen der Narren zu spielen, die daran arbeiteten, die Gunst des großen Zauberers zu erwerben und sein Lehrling zu werden.
Täuschung war Raistlins Vergnügen. Er genoss sogar die kleinen Spiele der Kunst, den anderen immer um eine Nasenlänge voraus zu sein, alles ein wenig besser zu machen, sie immer zu überraschen. Auch genoss er sein Spiel mit Fistandantilus. Er konnte spüren, wie der Erzmagier ihn beobachtete. Er wusste, was der große Zauberer dachte: Wer ist dieser Lehrling? Woher hat er die Kraft, die er, der Erzmagier, in dem jungen Mann spüren, aber nicht beschreiben konnte?
Manchmal glaubte Raistlin Fistandantilus dabei zu ertappen, wie er sein Gesicht musterte, als ob es ihm vertraut erschiene … Nein, Raistlin genoss das Spiel. Aber unerwartet war er auf etwas gestoßen, das er nicht genießen konnte, was er die unglücklichste Zeit seines Lebens nannte – seine alte Schulzeit.
»Der Verschlagene«, das war sein Spitzname bei den Lehrlingen in der Schule seines alten Meisters gewesen. Niemals beliebt, niemals ins Vertrauen gezogen, sogar von seinem eigenen Meister gefürchtet, verbrachte Raistlin eine einsame, verbitterte Jugend. Die einzige Person, die sich je um ihn gekümmert hatte, war sein Zwillingsbruder Caramon gewesen.
Obgleich er seine Kameraden verabscheute, die danach trachteten, einem Meister zu gefallen, der den Auserwählten am Ende lediglich umbringen würde, obgleich er es genoss, sie zu narren und zu verspotten, verspürte Raistlin jetzt manchmal einen stechenden Schmerz in den einsamen Nächten, wenn er sie hörte, wie sie gemeinsam lachten …
Wütend erinnerte er sich daran, dass all dies nicht seine Sache war. Er hatte ein größeres Ziel vor Augen. Er musste sich konzentrieren, mit seiner Kraft haushalten. Denn heute war der Tag, an dem Fistandantilus seinen Lehrling auswählen würde.
Ihr sechs werdet gehen, dachte Raistlin. Ich werdet gehen und mich hassen und verachten, und keiner von euch wird jemals erfahren, dass einer von euch mir sein Leben verdankt!
Die Tür zum Studierzimmer öffnete sich knirschend. Ein Ruck ging durch die sechs schwarz gekleideten Gestalten, die an dem Tisch saßen. Raistlin, der sie mit einem verzerrten Lächeln betrachtete, sah das gleiche höhnische Lächeln im zerfurchten grauen Gesicht des Mannes, der in der Türöffnung stand.
Die glitzernden Augen des Zauberers glitten zu jedem einzelnen der sechs, ließen jeden erblassen und den Kopf neigen, während die Hände mit Zauberzutaten spielten oder sich nervös zusammenballten.
Schließlich richtete Fistandantilus seine schwarzen Augen auf den siebten Lehrling, der abseits saß. Raistlin begegnete seinem Blick gelassen, sein verzerrtes Lächeln verstärkte sich noch – im Spott. Fistandantilus zog seine Augenbrauen zusammen. Jähzornig schlug er die Tür zu. Die sechs Lehrlinge schraken zusammen bei dem Knall, der die Stille zerriss.
Der Zauberer kam mit langsamen Schritten näher. Seine alten Knochen knirschten, als er sich auf einem Stuhl niederließ. Der Blick des Zauberers glitt noch einmal zu den sechs Lehrlingen, die vor ihm saßen, und als er sie musterte, hob sich eine von Fistandantilus’ verwelkten Händen, um einen Anhänger zu streicheln, den er an einer langen, schweren Kette um seinen Hals trug. Es war ein merkwürdiger Anhänger – ein ovaler Blutstein, in schlichtes Silber eingefasst.
Die Lehrlinge hatten häufig über diesen Anhänger und seine Funktion diskutiert. Es war der einzige Schmuck, den Fistandantilus trug, und alle wussten, dass er sehr kostbar sein musste. Selbst der niedrigste Lehrling konnte die mächtigen Schutz- und Abwehrzauber spüren, die auf ihm lagen und ihn vor jeder anderen Magie bewachten. Welche Funktion hatte er? Ihre Spekulationen reichten von dem Herbeirufen von Wesen himmlischer Ebenen bis hin zum Umgang mit Ihrer Dunklen Majestät.
Einer von ihnen hätte es ihnen natürlich sagen können. Raistlin wusste um seine Funktion. Aber er behielt sein Wissen für sich.
Fistandantilus’ zittrige Hand schloss sich um den Blutstein, während sein hungriger Blick von einem Lehrling zum nächsten glitt. Raistlin hätte schwören können, dass der Zauberer sich die Lippen leckte, und der junge Magier verspürte eine plötzliche Angst. Was ist, wenn ich versage?, fragte er sich schaudernd. Er ist mächtig! Der mächtigste Zauberer, der je gelebt hat! Bin ich stark genug? Was ist …
»Ich beginne mit der Prüfung«, sagte Fistandantilus mit einer überschnappenden Stimme, sein Blick ging zum Ersten der sechs.
Standhaft verbannte Raistlin seine Befürchtungen. Wenn er versagte, würde er sterben. Er hatte schon zuvor dem Tod ins Gesicht gesehen. In der Tat wäre es wie ein Treffen mit einem alten Freund …
Hintereinander erhoben sich die jungen Magier von ihren Plätzen, öffneten ihre Zauberbücher und trugen ihre Zaubersprüche vor. Wenn der Zauber »Magie bannen« nicht über dem Studierzimmer gelegen hätte, würden jetzt Feuerkugeln innerhalb seiner Wände explodieren und alles in ihrer Reichweite verbrennen, Phantomdrachen würden illusorisches Feuer ausstoßen, furchterregende Wesen von anderen Existenzebenen würden kreischend über sie herfallen. Aber so wie die Dinge lagen, blieb das Zimmer in kerzenerleuchteter Ruhe, mit Ausnahme des Singsangs der Prüflinge und des Raschelns der Seiten in den Zauberbüchern.
Jeder Magier beendete seine Vorführung und nahm seinen Platz wieder ein. Alle waren bemerkenswert geübt. Das war auch nicht überraschend. Fistandantilus ließ nur sieben der geschicktesten, jungen männlichen Zauberkundigen zu, die bereits die fürchterliche Prüfung im Turm der Erzmagier bestanden hatten, um ihre Studien bei ihm fortzusetzen. Aus dieser Gruppe suchte er sich dann einen Assistenten aus.
So vermuteten sie.
Die Hand des Erzmagiers berührte den Blutstein. Sein Blick ging zu Raistlin. »Du bist an der Reihe, Magier«, sagte er. In den alten Augen flackerte es auf. Die Falten an der Stirn des Zauberers vertieften sich leicht, als ob er versuchte, sich an das Gesicht des jungen Mannes zu erinnern.
Langsam erhob sich Raistlin, immer noch mit dem bitteren, zynischen Lächeln, als ob dies alles unter seiner Würde wäre. Mit einem lässigen Achselzucken schlug er sein Zauberbuch zu. Die anderen sechs Lehrlinge tauschten verbitterte Blicke aus. Fistandantilus runzelte die Stirn, aber seine dunklen Augen funkelten.
Gewandt und spöttisch begann Raistlin den komplizierten Zauber aus dem Gedächtnis aufzusagen. Die anderen Lehrlinge funkelten ihn bei dieser Darstellung seines Könnens voll Hass und Neid an. Fistandantilus beobachtete ihn, sein finsterer Blick wurde so bösartig, dass Raistlins Konzentration fast beeinträchtigt wurde.
Dem jungen Magier gelang es, sich nicht ablenken zu lassen, und er beendete seinen Spruch. Plötzlich wurde das Studierzimmer von dem strahlenden Blitz eines vielfarbigen Lichtes erleuchtet, die Stille wurde von einer Explosion durchbrochen. Fistandantilus schrak zusammen, das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. »Wie hast du den Zauber ›Magie bannen‹ gebrochen?«, verlangte Fistandantilus wütend zu wissen. »Welch seltsame Macht ist das?«
Als Antwort öffnete Raistlin seine Hände. Auf ihren Flächen hielt er eine blaue und eine grüne Flammenkugel, die in solcher Helligkeit erstrahlten, dass niemand sie ansehen konnte. Mit dem gleichen höhnischen Lächeln klatschte er in die Hände. Die Flamme verschwand.
Das Studierzimmer war wieder von Ruhe erfüllt, nur war es die Ruhe der Angst, als sich Fistandantilus erhob. Sein Zorn schimmerte um ihn wie ein Flammenring, als er sich dem siebten Lehrling näherte.
Raistlin schrak vor diesem Zorn nicht zurück. Er blieb gelassen stehen und beobachtete kühl den nahenden Zauberer.
»Wie hast du …« Fistandantilus’ Blick fiel auf die schlanken Hände des jungen Magiers. Mit einem bösartigen Knurren ergriff der Zauberer Raistlins Handgelenk.
Raistlin schrie vor Schmerz auf, die Berührung des Erzmagiers war so kalt wie das Grab. Er lächelte weiter, obgleich ihm bewusst war, dass sein Grinsen wie das eines Totenkopfes wirken musste.
»Blitzpuder!« Fistandantilus riss Raistlin nach vorne und hielt seine Hand unter das Kerzenlicht, sodass alle es sehen konnten. »Ein ganz gewöhnlicher Taschenspielertrick.«
»Auf diese Weise habe ich meinen Lebensunterhalt verdient«, erwiderte Raistlin. »Ich hielt es für angemessen angesichts der Amateure, die hier vertreten sind.«
Fistandantilus verstärkte seinen Griff. Raistlin würgte vor Schmerz, aber er wich dem Blick des Meisters nicht aus.
»Du glaubst also, du wärst besser als die anderen?«, fragte Fistandantilus ihn mit sanfter, fast freundlicher Stimme, das zornige Gemurmel der Lehrlinge überhörend.
»Du weißt, dass es so ist!«
Finstandantilus starrte ihn an, seine Hand hielt immer noch Raistlins Handgelenk umklammert. Dieser bemerkte eine plötzliche Furcht in den Augen des alten Mannes, eine Furcht, die schnell durch den Blick unersättlichen Hungers ersetzt wurde. Fistandantilus lockerte seinen Griff um Raistlins Arm. Der junge Magier konnte einen Seufzer unendlicher Erleichterung nicht unterdrücken, als er auf seinen Stuhl sank und sein Handgelenk rieb. Der Abdruck der Hand des Erzmagiers war deutlich auf seinem Handgelenk erkennbar – seine Haut war in ein eisiges Weiß verwandelt.
»Verschwindet!«, schnappte Fistandantilus. Die sechs Magier erhoben sich, ihre schwarzen Roben raschelten. Auch Raistlin stand auf. »Du bleibst«, befahl der Erzmagier kühl.
Raistlin setzte sich wieder, immer noch sein schmerzendes Handgelenk reibend. Wärme und Leben kehrten wieder zurück. Als die anderen jungen Magier hintereinander hinausgingen, folgte ihnen Fistandantilus zur Tür. Dann drehte er sich um und blickte seinem neuen Lehrling ins Gesicht. »Die anderen werden bald verschwunden sein, und wir werden das Schloss für uns allein haben. Komm zur Dunkelwacht in die unterirdischen geheimen Räume. Ich werde ein Experiment leiten, das deine … Mitarbeit erforderlich macht.«
Raistlin beobachtete mit einer Art entsetzter Faszination, wie die Hand des Zauberers zu dem Blutstein fuhr und ihn liebevoll streichelte. Raistlin konnte nicht antworten. Dann lächelte er höhnisch – dieses Mal galt es ihm selbst, seiner eigenen Angst. »Ich werde dort sein, Meister«, sagte er.
Raistlin lag auf der Steinplatte im Laboratorium, das sich tief unterhalb des Schlosses des Erzmagiers befand. Nicht einmal seine dicken schwarzen Samtroben konnten die Kälte abhalten, und Raistlin zitterte. Aber er konnte nicht sagen, ob Kälte, Furcht oder Aufregung schuld daran war.
Er sah Fistandantilus nicht, hörte ihn aber – das Rascheln seiner Roben, das sanfte Pochen des Stabs auf dem Boden, das Wenden einer Seite im Zauberbuch. Auf der Platte liegend, täuschte Raistlin Hilflosigkeit vor, spannte sich aber gleichzeitig an.
Fistandantilus erschien in seinem Blickfeld und beugte sich über den jungen Magier; der Blutsteinanhänger schwang an der Kette um seinen Hals. »Ja«, sagte er, »du bist geschickt, geschickter und mächtiger als jeder andere junge Lehrling, den ich seit vielen, vielen Jahren hatte.«
»Was hast du mit mir vor?«, fragte Raistlin heiser. Der verzweifelte Ton in seiner Stimme war nicht ganz vorgespiegelt. Er musste wissen, wie der Anhänger funktionierte.
»Spielt das eine Rolle?«, entgegnete Fistandantilus kühl und legte seine Hand auf die Brust des jungen Magiers.
»Mein Ziel und Bestreben war, bei dir zu lernen«, sagte Raistlin, biss die Zähne zusammen und versuchte, sich unter der abscheulichen Berührung nicht zu krümmen. »Ich will lernen.«
»Löblich.« Fistandantilus nickte, seine Augen starrten in die Dunkelheit, seine Gedanken waren weit entfernt. Wahrscheinlich ging er den Zauber noch einmal durch, dachte Raistlin. »Ich werde bald in den Genuss kommen, in einem Körper und in einem wissensdurstigen Geist zu wohnen, und dazu noch in einem, der von Natur aus in der Kunst geschickt ist. Meine letzte Lektion, Lehrling! Lerne sie gut. Du kennst die Schrecken des Älterwerdens nicht, junger Mann. Wie gut erinnere ich mich an mein erstes Leben, und wie gut erinnere ich mich an das entsetzliche Gefühl des Zorns und der Enttäuschung, als ich erkannte, dass ich – der mächtigste Zauberkundige, der jemals gelebt hat – dazu bestimmt war, in einem schwachen und erbärmlichen Körper gefangen zu sein, der vom Alter aufgezehrt wird! Mein Geist war so gesund! In der Tat, geistig war ich stärker als je zuvor in meinem ganzen Leben. Aber all diese Kraft, all dieses umfangreiche Wissen würde umsonst sein – zu Staub zerfallen! Von Würmern zerfressen! Damals trug ich die roten Roben … Du schrickst zusammen. Bist du überrascht? Meine Entscheidung für die roten Roben war eine bewusste, kaltblütige, da sie für meine Bestrebungen und Ziele am vorteilhaftesten waren. In der Neutralität lernt man besser, ist in der Lage, an beiden Enden zu ziehen, ohne einem verpflichtet zu sein. Ich trug Gilean, dem Herrn der Neutralität, meine Bitte vor, auf dieser Ebene bleiben und mein Wissen erweitern zu dürfen. Aber dabei konnte mir der Gott der Schriften nicht helfen. Menschen waren seine Schöpfung, und aufgrund meiner ungeduldigen menschlichen Natur und des Wissens über die Kürze meines Lebens hatte ich meine Studien so schnell vorangetrieben. Mir wurde geraten, mich mit meinem Schicksal abzufinden.« Fistandantilus zuckte die Achseln. »Ich sehe in deinen Augen Verständnis, Lehrling. In gewisser Weise tut es mir leid, dich zu zerstören. Ich glaube, wir könnten zu einem seltenen Einvernehmen gelangen. Aber kurz und gut, ich ging in die Dunkelheit hinaus. Den roten Mond verfluchend, bat ich um die Erlaubnis, zum schwarzen aufzusehen. Die Königin der Finsternis erhörte mein Gebet und gewährte meine Bitte. Ich zog also die schwarzen Roben an und verschrieb mich ihren Diensten, und als Gegenleistung wurde ich auf ihre Existenzebene gebracht. Ich habe die Zukunft gesehen und habe in der Vergangenheit gelebt. Sie gab mir diesen Anhänger, damit ich in der Lage bin, während meines Aufenthaltes in dieser Zeit einen neuen Körper zu wählen. Und wenn ich mich entscheide, die Grenzen der Zeit zu überschreiten und in die Zukunft einzutreten, ist ein Körper vorbereitet und wartet darauf, meine Seele aufzunehmen.«
Raistlin konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Seine Lippen kräuselten sich vor Hass. Es war sein Körper, von dem der Zauberer sprach!
Fistandantilus hob den Blutsteinanhänger und wollte mit dem Zauber beginnen.
Als Raistlin den Anhänger ansah, der im blassen Licht einer Kugel inmitten des Laboratoriums glänzte, schlug sein Herz schneller. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Seine Stimme zitterte vor Aufregung, und er hoffte, dass man es als Entsetzen auslegen würde, als er mühsam flüsterte: »Sag mir, wie er funktioniert! Sag mir, was mit mir geschehen wird!«
Fistandantilus lächelte, seine Hand drehte sich langsam um den Blutstein. »Ich werde ihn auf deine Brust legen, über dein Herz. Und langsam wirst du spüren, wie die Lebenskraft aus deinem Körper schwindet. Der Schmerz ist, glaube ich, recht qualvoll. Aber er wird nicht lange anhalten, Lehrling, wenn du dich nicht sträubst. Gib einfach nach, dann wirst du schnell das Bewusstsein verlieren. Aus meinen bisherigen Beobachtungen kann ich nur sagen, dass das Sträuben die Schmerzen verlängert.«
»Müssen keine Worte gesprochen werden?«, fragte Raistlin bebend.
»Natürlich«, erwiderte Fistandantilus kühl, sein Körper beugte sich über Raistlin, seine Augen befanden sich dicht über denen des jungen Magiers. Sorgfältig legte er den Blutstein auf Raistlins Brust. »Du wirst sie hören … Es wird das Letzte sein, was du überhaupt hören wirst …«
Raistlin bekam eine Gänsehaut bei der Berührung, und einen Augenblick wäre er am liebsten geflohen. Nein, sagte er sich kalt, ballte die Hände und grub seine Nägel in sein Fleisch, damit der Schmerz ihn von seiner Angst ablenkte. Ich muss die Worte hören!
Er zwang sich, liegen zu bleiben, aber er konnte sich nicht abhalten, die Augen zu schließen, um den Anblick des bösartigen, zerfurchten Gesichtes auszulöschen, das so dicht über seinem war, dass er den fauligen Atem riechen konnte …
»Das ist gut«, sagte eine sanfte Stimme, »entspann dich …« Fistandantilus stimmte einen Gesang an. Sich auf den Zauber konzentrierend, schloss er die Augen und wiegte sich hin und her, während er den Blutstein in Raistlins Fleisch drückte. Er bemerkte nicht, dass seine Worte von seinem Opfer wiederholt wurden. Als er schließlich erkannte, dass etwas nicht stimmte, hatte er den Zauberspruch beendet und sich erhoben, um auf die erste Übertragung neuen Lebens zu warten, die seine uralten Knochen wärmen sollte.
Nichts geschah.
Beunruhigt schlug Fistandantilus die Augen auf. Er starrte verblüfft auf den schwarz gekleideten jungen Magier, der auf der kalten Steinplatte lag, und taumelte vor plötzlicher Furcht zurück.
»Ich sehe, du erkennst mich doch wieder«, sagte Raistlin und richtete sich auf. Eine Hand ruhte auf der Steinplatte, aber die andere steckte in einer Geheimtasche seiner Roben. »So viel zu dem Körper, der in der Zukunft auf dich wartet.«
Fistandantilus antwortete nicht. Sein Blick glitt zu Raistlins Tasche. Schnell gewann er jedoch die Beherrschung wieder.
»Hat der große Par-Salian dich hierhergeschickt, kleiner Magier?«, fragte er spöttisch. Aber sein Blick verweilte auf der Tasche.
Raistlin schüttelte den Kopf, während er von der Steinplatte glitt. Die eine Hand immer noch in seiner Tasche, bewegte er die andere, um die schwarze Kapuze zurückzuziehen, und erlaubte Fistandantilus so, sein wahres Gesicht zu sehen und nicht die Illusion, die er in den vergangenen Monaten aufrechterhalten hatte. »Ich bin aus eigenem Antrieb hier. Ich bin jetzt der Herr des Turmes.«
»Das ist unmöglich«, knurrte der Zauberer.
Raistlin lächelte. »Das hast du gedacht. Aber du hast einen Fehler begangen. Du hast mich unterschätzt. Du hast mich vor dem Dunkelelf während der Prüfung beschützt, und als Gegenleistung hast du mir einen Teil meiner Lebenskraft entrissen. Du hast mich zu einem Leben ständigen Schmerzes in einem zerstörten Körper gezwungen, mich zur Abhängigkeit von meinem Bruder verurteilt. Du hast mich die Anwendung der Kugel der Drachen gelehrt und mich am Leben erhalten, sonst wäre ich in der Großen Bibliothek von Palanthas gestorben. Im Krieg der Lanze hast du mir geholfen, die Königin der Finsternis zurück in die Hölle zu treiben, wo sie keine Bedrohung für die Welt mehr darstellte – und für dich. Als du dann in dieser Zeit genügend Kraft gewonnen hattest, war deine Absicht, in die Zukunft zurückzukehren und meinen Körper zu beanspruchen! Du wärst ich geworden.«
Raistlin sah, wie sich Fistandantilus’ Augen verengten. Aber der Zauberer sagte lediglich sanft: »Das ist alles richtig. Was ist jetzt deine Absicht? Mich umzubringen?«
»Nein«, erwiderte Raistlin sanft. »Ich beabsichtige, du zu werden!« »Narr!« Fistandantilus lachte schrill auf. Er hob seine schrumpelige Hand und hielt den Blutsteinanhänger hoch.
»Die einzige Möglichkeit besteht darin, diesen Stein bei mir anzuwenden. Und er ist durch kraftvolle Zauber gegen alle Formen der Magie geschützt, von denen du dir keine Vorstellung machen kannst, kleiner Magier …«
Seine Stimme erstarb zu einem Wispern voller Angst und Entsetzen, als Raistlin die Hand aus seinen Roben zog. In seiner Hand lag der Blutsteinanhänger. »Geschützt gegen alle Formen der Magie«, wiederholte er, und sein Grinsen war das eines Totenschädels, »aber nicht geschützt vor Taschenspielertricks.«
Der Zauberer wurde leichenblass. Seine Augen glitten fieberhaft zu der Kette um seinen Hals. Da jetzt die Illusion aufgedeckt war, erkannte er, dass er nichts in der Hand hielt.
Ein berstendes, krachendes Geräusch zerriss die Stille. Der Steinboden unter Raistlins Füßen hob sich, ließ den jungen Magier auf seine Knie fallen. Die Grundmauern des Laboratoriums zerbarsten. Über dem Chaos erhob sich Fistandantilus’ Stimme, die den kraftvollen Zauber »Monster herbeirufen« wirkte.
Raistlin, der den Zauber erkannte, reagierte darauf, indem er den Blutstein in seiner Hand umklammerte und einen Schildzauber um seinen Körper legte, um Zeit zu gewinnen. Er sah, wie eine Gestalt durch die Grundmauern platzte; Form und Gesicht waren so entsetzlich, wie man sie nur in den schlimmsten Albträumen sah.
»Ergreife ihn, pack ihn!«, kreischte Fistandantilus und zeigte auf Raistlin. Das Monster drang über den zerbröckelnden Boden zu dem jungen Magier vor und griff nach ihm.
Furcht überwältigte Raistlin, als die Kreatur aus dem Jenseits seine eigene schreckliche Magie gegen ihn anwendete. Der Schildzauber zerfiel unter dem Angriff. Das Monster würde seine Seele verschlingen und sich an seinem Fleisch weiden.
