Drachen der Vorsehung - Margaret Weis - E-Book
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Drachen der Vorsehung E-Book

Margaret Weis

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Beschreibung

Wer Drachen liebt, kommt an dieser Saga nicht vorbei! Der 2. Band der beliebten Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.

»Das Schicksal der Drachenlanze«, die brandaktuelle Fortsetzung der geliebten Klassiker-Serie, geht weiter. Destina Rosendorn und ihre Freunde werden viel weiter in die Vergangenheit zurückgeschleudert als geplant. Plötzlich befinden sie sich in der Zeit des dritten Drachenkriegs und von Huma, dem größten Helden unter den Drachenrittern. Und so sehr sich die Gefährten freuen, ihr Idol kennen zu lernen, so dürfen sie die Vergangenheit auf keinen Fall verändern. Sonst wird es keine Zukunft geben, in die sie zurückkehren können …


Die Drachenlanze-Saga ist zeitloser Fantasy-Kult: Lesen Sie in der »Chronik der Drachenlanze«, wie alles begann.

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Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

»Das Schicksal der Drachenlanze«, die brandaktuelle Fortsetzung der geliebten Klassiker-Serie, geht weiter. Destina Rosendorn und ihre Freunde werden viel weiter in die Vergangenheit zurückgeschleudert als geplant. Plötzlich befinden sie sich in der Zeit des dritten Drachenkriegs und von Huma, dem größten Helden unter den Drachenrittern. Und sosehr sich die Gefährten freuen, ihr Idol kennenzulernen, so dürfen sie die Vergangenheit auf keinen Fall verändern. Sonst wird es keine Zukunft geben, in die sie zurückkehren können …

Autoren

Margaret Weis und Tracy Hickman gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autoren der Welt, seit sie Mitte der 80er-Jahre mit der unvergessenen Chronik der Drachenlanze den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Zwar haben sie sich gelegentlich – teils gemeinsam, teils allein – auch anderen Projekten zugewandt, doch sie sind immer wieder gerne ins Reich der Drachenlanze zurückgekehrt wie mit der neuen Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.

Von Margaret Weis & Tracy Hickman bei Blanvalet:

Das Schicksal der Drachenlanze:

1. Drachen des Verrats

2. Drachen der Vorsehung

3. In Planung

Die Chronik der Drachenlanze:

1. Drachen des Zwielichts

2. Drachen der Nacht

3. Drachen der Dämmerung

Die Legenden der Drachenlanze:

1. Die Zeit der Zwillinge

2. Der Krieg der Zwillinge

3. Die Prüfung der Zwillinge

MARGARET WEIS & TRACY HICKMAN

DRACHEN derVORSEHUNG

DAS SCHICKSAL DER DRACHENLANZE 2

Deutsch von Michelle Gyo

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Dragons of Fate (Dragonlance Destinies, Vol. 2)« bei Del Rey, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Wizards of the Coast, Dungeons & Dragons, D&D, their respective logos, Dragonlance, and the dragon ampersand are registered trademarks of Wizards of the Coast LLC in the U.S.A. and other countries. © 1984, 2024 Wizards of the Coast LLC. All rights reserved. Licensed by Hasbro.

All characters in this book are fictitious. Any resemblance to actual persons, living or dead, is purely coincidental. All Wizards of the Coast characters, character names, and the distinctive likenesses thereof, and all other Wizards trademarks are property of Wizards of the Coast LLC.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Kerstin Fricke

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft, nach einer Originalvorlage von Penguin Random House US

Umschlagdesign: David G. Stevenson

Umschlagillustration: Philipp Urlich

HK · Herstellung: fe

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-26055-2V001

www.blanvalet.de

Für Ray Puechner und Jean Blashfield Black.Beide waren gute Freunde, und ohne sie hätte es kein Drachenlanze gegeben.

MARGARETWEIS

Für meine geliebten Enkel und Enkelinnen:Angel Jane, Alexandria, William, Alice, Maxwell, Violet und Arthur

TRACYHICKMAN

ERSTES BUCH

KAPITEL EINS

Dalamar der Dunkle war Jahrhunderte entfernt von denen, die bei der Zerstörung des Zeitreisegeräts in der Zeit gestrandet waren. Und doch dachte er an sie, als er Astinus’ Büro verließ und die zersprungenen Überreste des Geräts in einem schwarzen Samtbeutel bei sich trug.

Immer und immer wieder sah er den Augenblick vor sich, in dem er auf Astinus’ Geheiß die Kammer der Artefakte in der Großen Bibliothek von Palanthas betreten hatte, wo der Mönch Bruder Kairn reglos zwischen den Einzelteilen des Zeitreisegeräts stand. Der Boden war mit Bruchstücken übersät: Zahnrädchen, Räder, Juwelen, Metallscherben, eine zerrissene Kette.

»Ich befahl ihm, sich nicht zu bewegen, bis Ihr eintrefft«, hatte Astinus Dalamar erklärt, »um zu sehen, ob Ihr es retten könnt.«

»Aber wo sind jene, die mit Bruder Kairn reisten? Lady Destina und Tolpan?«, hatte Dalamar entsetzt gefragt. »Wo sind sie? Was ist mit dem Graustein von Gargat, den die Dame bei sich trägt?«

»Bruder Kairn kehrte allein zurück«, hatte Astinus unerträglich ungerührt erwidert.

Mithilfe seiner Magie hatte Dalamar die Fragmente des Geräts in diesen Beutel befördert. Astinus hatte ihm die Erlaubnis erteilt, die Überreste des Geräts zu Justarius zu bringen, dem Oberhaupt der Versammlung der Magier, um zu entscheiden, ob es repariert werden könnte, und Justarius über die Katastrophe in Kenntnis zu setzen, die vier Personen und den Graustein von Gargat in der Zeit hatte stranden lassen.

Dalamar kehrte zuerst in seinen eigenen Turm zurück, den Turm von Palanthas, um dort nach dem Rechten zu sehen. Sein Shalafi Raistlin Majere war angeblich ebenfalls in der Zeit gestrandet. So wie er Raistlin kannte, hätte es Dalamar nicht überrascht, wenn sein Shalafi abermals Meister des Turms wäre, und es erleichterte ihn, dass die Wachen aus Schwarzen Roben ihm berichteten, dass in seiner Abwesenheit nichts vorgefallen war.

»Ich reise zum Turm von Wayreth«, teilte Dalamar ihnen mit. »Schließt die magischen Portale für jeden mit Ausnahme von mir. Niemand darf ihn verlassen oder betreten.«

Da er keine Ahnung hatte, wie lange er weg sein oder welchen Gefahren er begegnen würde, füllte Dalamar seine Zauberkomponenten auf und wählte eine Auswahl magischer Schriftrollen mit Zaubern aus, die er rasch und nach Bedarf wirken konnte.

Dabei sann er darüber nach, ob er den Göttern der Magie Bericht über das erstatten sollte, was er über den Aufenthaltsort des Grausteins erfahren hatte. Sie wussten, dass Chaos durch die Welt streifte, mehr aber nicht. Und die anderen Götter wussten nicht einmal das. Die Götter des Guten und des Bösen glaubten, dass der Graustein immer noch untergetaucht war, so wie schon seit Tausenden Jahren.

Falls Astinus der Gott Gilean war, so wie manche dachten, wusste er allein, dass der Stein in der Zeit zurückgereist war, und doch befürchtete Dalamar nicht, dass Astinus eingreifen würde. Er griff nie ein, schrieb bloß auf, was er sah, während er, die Hand auf die Kugel der Zeit gelegt, dasaß. Würde die Welt je enden, so wäre das Kratzen von Astinus’ Feder das letzte Geräusch, was noch zu hören wäre.

»Es ist besser, ich kümmere mich schnell und heimlich um dieses Desaster, ohne göttliche Einmischung«, sagte Dalamar sich.

Er hatte keine Zeit, Justarius mitzuteilen, dass er sich auf den Weg machte. Und so erreichte Dalamar, auf den Pfaden der Magie wandelnd, den Turm von Wayreth ohne Vorwarnung, und der unvermittelt auftauchende Meister des Turms von Palanthas, der sich in der Eingangshalle materialisierte, stürzte die wachhabenden Magier in Verwirrung und Alarmbereitschaft.

Jeder Meister richtete den Turm nach seinem oder ihrem Geschmack neu ein. Da Magier aus allen Teilen Ansalons zum Turm der Erzmagier in Wayreth kamen, um dort ihre Zauberprüfungen abzulegen, hatte Justarius die Eingangshalle so gestaltet, dass sie jeden willkommen hieß. Wandteppiche, die die Magie feierten, schmückten die Mauern, und ein Teppich lag auf dem kalten Marmorboden. Die wachhabenden Magier spielten gerade eine Runde Khas auf einem Brett, das sie aufgestellt hatten, als Dalamars Ankunft die Warnglocke auslöste, die durch den Turm hallte. Die beiden Wachen sprangen auf, bereit, ihren Posten zu verteidigen, erkannten dann aber augenblicklich Dalamar, der einzige elfische Erzmagier, der je die Schwarze Robe angenommen hatte.

»Ich muss mit Justarius sprechen«, erklärte Dalamar.

Die Wachen schickten nach dem obersten Lehrling. Nachdem sie sich von ihrem Schock erholt hatte, trat sie an ihn heran.

»Meister, das ist ein unerwarteter …«, begann sie.

Dalamar unterbrach sie. »Ich muss in einer höchst dringlichen Angelegenheit mit Justarius sprechen.«

»Ich fürchte, der Meister ist nicht hier«, erwiderte der Lehrling. »Er ist nach Hause gegangen, um mit seiner Frau und ihrer kleinen Tochter zu speisen.«

»Holt ihn her«, verlangte Dalamar. »Sofort.«

»Ja, Meister. Sofort, Meister.«

Sie geleitete Dalamar in eines der Vorzimmer, in dem die Studierenden normalerweise auf ihre Zauberprüfungen warteten. In dem kleinen Raum gab es Stühle und einen Tisch, damit nervöse Anwärter sich auf ihre Zauber vorbereiten konnten. Dalamar war nicht aufgefallen, dass er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, bis der Lehrling das Abendessen erwähnt hatte. Die Lehrlinge setzten ihm Brot mit Rahm und Honig vor und brachten ihm einen Krug mit Elfenwein. Bis er sein Mahl beendet hatte, war Justarius zurückgekehrt.

Justarius hatte nach dem Besuch bei seiner Familie gute Laune, aber als er Dalamars Miene sah, verpuffte seine Freude.

»Was ist passiert?«

Dalamar sah sich um. Die Lehrlinge waren verschwunden, hatten sie allein gelassen. Doch die Wände haben Ohren, besonders in magischen Türmen, und er wollte nicht mehr sagen, als nötig war. »Der Graustein.«

Justarius wurde ernst. »Wir gehen in mein Quartier. Dort können wir unter vier Augen reden.«

Er führte Dalamar in seine Privatgemächer.

Es erstaunte andere immer wieder, dass die beiden Männer, die so unterschiedlich waren und eigentlich eingeschworene Feinde hätten sein sollen, tatsächlich sehr gute Freunde waren. Beide hatten sich der Magie verschrieben sowie den Göttern, denen sie dienten.

Justarius war ein Mensch, Anfang fünfzig und trug die rote Robe derer, die Lunitari dienten, der neutralen Göttin des roten Mondes. Er ging am Stock, da seine Zauberprüfungen seinen Körper verkrüppelt, ihn jedoch im Geiste und in seiner Entschlossenheit gestärkt hatten. Er war immer noch wohlauf und fit. Nur ein paar graue Strähnen in Haar und Bart zeugten von seinem Alter.

Dalamar war ein Silvanesti, ein Elf mit schwarzem Haar und Mandelaugen. Er trug die schwarze Robe Nuitaris, dem Gott des dunklen Mondes. Er war über einhundert Jahre alt und stand in der Blüte seines Lebens. Als Spion für die Versammlung der Magier hatte er seinem Shalafi Raistlin Majere gedient, nachdem dieser den Turm der Erzmagier in Palanthas eingenommen hatte. Raistlin hatte den Verrat entdeckt, und Dalamar trug noch immer die Zeichen seines Zorns auf der Haut.

Die Stube des Meisters war eher behaglich als elegant eingerichtet, mit mehreren großen, dick gepolsterten Sesseln, deren Stoff schon fadenscheinig wurde, die aber gemütlich waren. Justarius legte einen Abschirmzauber über die Tür und wandte sich dann, auf seinen Stock gestützt, seinem Begleiter zu.

»Du sprachst vom Graustein. Hast du Neuigkeiten?«

»Die schlimmsten«, antwortete Dalamar grimmig. »Lady Destina und der Graustein sind in der Zeit zum Dritten Drachenkrieg zurückgereist. Tolpan Barfuß ist bei ihr so wie auch Sturm Feuerklinge und Raistlin Majere – beide Männer sind quicklebendig. Das ist die schlechte Nachricht. Und das macht die schlechten Nachrichten noch schlimmer.«

Er legte den Samtbeutel auf den Tisch und öffnete ihn.

»Sieh hinein.«

Justarius lugte in den Beutel und sah einen Stab, zwei Kugeln, eine Kette, eine Myriade Juwelen und zerbrochene Metallteile. Er blickte verwirrt, wie es schien, auf die Einzelteile, dann begriff er und blickte voller Entsetzen zu Dalamar auf.

»Ist das …?« Justarius konnte den Satz nicht beenden.

»Das Zeitreisegerät«, sagte Dalamar. »Oder besser gesagt, das war das Zeitreisegerät. Jetzt ist es bloß ein Haufen Schrott. Es explodierte, und nun sind jene, die damit in der Zeit zurückgereist sind, dort gestrandet.«

Justarius starrte ihn an und bekam kein Wort heraus.

Dalamar seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das lange schwarze Haar. »Ich hatte gehofft, dass wir beide es vielleicht zusammen reparieren können. Falls es uns gelingt, könnten wir jemanden zurückschicken, der sie rettet.«

»Das können wir versuchen«, erwiderte Justarius, aber er klang wenig zuversichtlich. »Bringen wir es in mein Labor.«

Das Laboratorium stellte das Herz des Turms der Erzmagier dar. Hier führten die Magier und Magierinnen Experimente durch, um neue Zauber zu erschaffen, oder sie arbeiteten daran, alte zu perfektionieren oder zu verbessern. An den Wänden standen Metallregale mit Gläsern, Flaschen und Behältern mit Zauberkomponenten, alles sorgfältig beschriftet und in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Das Risiko, dass ein Feuer ausbrach, war angesichts der Natur einiger dieser Zauber hoch, und so bewahrte man keine Zauberbücher im Laboratorium auf, obwohl man sie mit hereinbringen durfte. Alle, die hier arbeiteten oder studierten, saßen auf Metallhockern.

Der vertraute Duft der Zutaten umfing Dalamar beim Eintreten: scharf riechende Gewürze, beißende Chemikalien, trocknende Kräuter und der Übelkeit erregende Geruch von Verwesung. Rasch sah er sich um. Er rechnete nicht damit, geheime Experimente zu entdecken – dafür war Justarius viel zu vorsichtig. Doch er könnte vielleicht eine Ahnung bekommen, auf welches Studienfeld der Erzmagier sich gerade konzentrierte. Er sah jedoch nichts Interessantes.

Lehrlinge, die im Laboratorium arbeiteten, sprangen respektvoll auf, als die beiden Meister eintraten. Justarius befahl ihnen zu gehen, schloss die Tür und wirkte einen Verschlusszauber.

Dalamar leerte den Beutel vorsichtig auf einen marmornen Arbeitstisch, dessen glatte Oberfläche keine Runen oder andere magische Symbole aufwies, die die Magie des Geräts stören könnten.

Justarius starrte betroffen auf den Haufen glitzernder Juwelen, zahlreiche winzige Schrauben und kleine Rädchen, all die Ketten und Kugeln. »Hast du alle Stücke gefunden? Ist das alles?«

»Das kann ich nicht genau sagen«, antwortete Dalamar mit hilflosem Schulterzucken. »Die Überreste lagen überall in der Kammer der Artefakte in der Großen Bibliothek verstreut. Ich wirkte einen Enthüllungszauber, der die magischen Teile aufleuchten ließ, dann sammelte ich alles ein, was ich finden konnte. Doch mir hätte auch leicht ein Stück entgehen können. Da das Gerät beim Zauber zersprang, ist es auch möglich, dass einige Teile in der Vergangenheit sind.«

Justarius setzte sich auf einen hochbeinigen Hocker und legte die Krücke beiseite. Dalamar zog einen weiteren Hocker neben ihn. Gemeinsam blickten sie in mürrischem Schweigen auf die Überreste des Geräts. Justarius nahm den Stab und eine der Kugeln und versuchte, sie aneinanderzufügen. Als das fehlschlug, schüttelte er mutlos den Kopf und legte die Stücke wieder hin.

»Erzähl mir, wie das passiert ist«, bat er.

»Wie du weißt, bat Astinus mich, ihm das Zeitreisegerät zu leihen, damit seine Ästheten es für ihre Forschungen nutzen konnten«, fing Dalamar an.

»Das hielt ich schon immer für einen Fehler«, knurrte Justarius.

»Einem Gott konnte ich das schlecht verwehren«, erwiderte Dalamar.

Justarius brummte. »Fahr fort.«

»Ich habe dir bereits von der Menschenfrau Destina Rosendorn erzählt und von ihrer Reise ins Zwergenreich, um den Graustein von Gargat zu suchen.«

»Der verfluchte Stein, in dem Reorx Chaos einsperrte«, sagte Justarius. »Wie närrisch!«

»Destina oder Reorx?«, fragte Dalamar mit leisem Lächeln.

»Beide!«, schnaubte Justarius. »Fahr mit deiner Geschichte fort.«

»Als Destina nach Palanthas zurückkehrte, stellte ich ihr eine Falle, um ihr den Stein abzunehmen, und setzte meine mächtigsten Magier auf seine Ergreifung an. Der Graustein machte ihnen einen Strich durch die Rechnung, einer verlor sogar fast eine Hand. Dann nahm Destina den Stein mit in die Große Bibliothek, um mit seiner Hilfe das Zeitreisegerät zu stehlen und damit in der Zeit zurückzureisen bis zum Lanzenkrieg. Ihr Vater ist bei den Kämpfen gestorben, und sie will ihn wieder zum Leben erwecken.«

»Wodurch sie den Verlauf der Geschichte verändern würde.« Justarius runzelte die Stirn.

»Aus diesem Grund brauchte sie den Graustein. Zu ihren Gunsten sei gesagt, dass sie glaubte, diese Veränderung wäre unbedeutend, kaum ein Tropfen im breiten Fluss der Zeit. Und damit hätte sie auch genauso gut recht haben können.«

Justarius schnaubte heftig.

Dalamar lächelte schwach. »Wir beide wissen, dass sie fehlgeleitet war, aber hätten wir vor dieser Wahl gestanden, Meister, so hätten wir vielleicht genauso gehandelt, um jemanden zurückzuholen, den wir lieben.«

Justarius schwieg, dachte vielleicht an seine geliebte Frau und das kleine Mädchen, das er erst vor Kurzem noch in den Armen gewiegt hatte.

»Die Zeit, darüber zu urteilen, ist vorbei. Fahr fort«, verlangte er dann barsch.

»Destina gelang es, das Gerät zu stehlen, unzweifelhaft mit der Hilfe des Grausteins. Sie konnte es jedoch nicht zum Laufen bringen, also bat sie den Kender Tolpan Barfuß um Hilfe. Wie du weißt, konnte er das Gerät benutzen.«

Justarius stöhnte auf und fasste sich an den Kopf.

»Die Geschichte ist kompliziert, hab Nachsicht mit mir«, fuhr Dalamar fort. »Laut Bruder Kairn verwandelte Destina sich in eine weibliche Kender namens Mari. Als solche bat sie Tolpan, sie zum Turm des Oberklerikers zu bringen, um ihren Vater zu retten, aber Barfuß hatte etwas anderes im Sinn. Er wollte sie zum Wirtshaus ›Zur letzten Bleibe‹ mitnehmen, um sie dort seinen Freunden vorzustellen. Das war in der gleichen Nacht, in der Goldmond mit dem heiligen Stab der Mishakal dort eintraf.«

Justarius sah grimmig drein. »Ich fange an zu verstehen, wohin das hier führt.«

»Bruder Kairn versuchte, Destina und Tolpan aufzuhalten, doch das endete stattdessen damit, dass er mit ihnen reiste. Weil er der Letzte war, der das Gerät benutzt hatte, blieb das Zeitreisegerät bei ihm. Raistlin Majere war dort mit dem Stab des Magus, und Destina hatte den Graustein. Aus einem Impuls heraus entriss sie Kairn das Gerät und aktivierte die Magie mit der Absicht, Sturm Feuerklinge zum Turm des Oberklerikers zu bringen, um ihren Vater zu retten. Raistlin schlug sie mit dem Stab, um sie aufzuhalten. Barfuß sah, wie Raistlin seine Freundin angriff, also schlug er Raistlin mit dem Stab der Mishakal. Heilige und arkane Magien prallten aufeinander, und der Graustein befand sich mittendrin.«

»Mögen die Götter uns beistehen«, murmelte Justarius.

»Dafür ist es ein wenig spät«, bemerkte Dalamar nüchtern. »Das Gerät hat Sturm Feuerklinge, Raistlin Majere, Destina und Barfuß an den richtigen Ort versetzt – an den Turm des Oberklerikers. Aber ins falsche Jahrhundert – in die Zeit des Dritten Drachenkriegs. Das Gerät war wohl zu fragil, um einen solchen Zusammenprall aus gewaltigen Kräften auszuhalten, und zersprang, schleuderte Bruder Kairn hierher zurück und ließ die anderen dort, ohne die Möglichkeit der Rückkehr. Und jetzt ist der Graustein bei ihnen, noch dazu an einem der folgenschwersten Angelpunkte der Geschichte. Gewiss das Werk von Chaos.«

Justarius saß lange in verblüfftem Schweigen da.

»Bist du dir sicher?«, fragte er endlich.

»Ich bin gerade erst aus Astinus’ Büro zurückgekehrt, wo ich den Beweis sah«, erklärte Dalamar. »Bruder Kairn zeigte mir Astinus’ Schriften aus dieser Zeit von vor Tausenden Jahren. Ich sah Sturm Feuerklinge in einer Liste der Ritter, die den Turm verteidigten, zusammen mit Huma Feigaard. Zwei Kriegsmagier – Magus und Raistlin Majere – waren ebenfalls darunter.«

»Der große Magus«, sagte Justarius abgelenkt. »Dass sie die Gelegenheit bekommen könnten, ihm zu begegnen! Fast beneide ich sie darum.«

»Genau das dachte ich auch«, gestand Dalamar. »Aber das löst unser Problem nicht.«

»Und das wäre?«

»Ich halte es für möglich, dass Chaos in der Vergangenheit Unheil anrichten und so die Zeit verändern könnte.«

»Das scheint mir weit hergeholt.«

»Ich fürchte, die Veränderung hat bereits begonnen«, erklärte Dalamar. »Wir suchten in Astinus’ Aufzeichnungen nach Lady Destina und dem Kender Barfuß, hofften zu finden, was er über sie geschrieben hat, aber … die Seiten waren leer.«

Justarius runzelte die Stirn. »Wie sollten die Seiten leer sein? Astinus hätte doch aufgezeichnet, was geschehen ist.«

»Er sagte, es läge daran, dass die Geschichte dieser Zeit erst noch geschrieben werden müsse. Der Fluss schwillt an, aber vielleicht können wir dem Ertrinken noch entgehen.«

»Was beim Abyss meint er damit?«, wollte Justarius ungeduldig wissen.

»Das Wasser im Fluss der Zeit steigt langsam. Was in der Vergangenheit geschieht, muss uns in der Gegenwart erst noch erreichen, was heißt, dass wir Zeit haben, die Situation zu retten, indem wir zurückgehen und die vier bergen, bevor sie irreparablen Schaden anrichten können.«

»Da der Graustein bei ihnen ist, könnte es bereits zu spät sein«, sagte Justarius.

»Mein Shalafi ist ebenfalls bei ihnen«, erwiderte Dalamar. »Raistlin untersuchte das Zeitreisen eingehend, wie du gewiss weißt, da das letztendlich zu seinem Untergang führte. Er weiß um die Gefahren von Reisen durch die Zeit. Er wird tun, was in seiner Macht steht, um zu verhindern, dass sich die Zeit verändert.«

»Es sei denn, er findet heraus, wie er diese Katastrophe zu seinem Vorteil nutzen kann«, bemerkte Justarius bissig. »Wir könnten morgen aufwachen und feststellen, dass Raistlin ein Gott ist.«

Darauf erwiderte Dalamar nichts. Die beiden Meister kannten Raistlin und wussten, dass das durchaus passieren konnte. Sie blickten auf die Teile des Geräts. Vorsichtig stupste Justarius ein paar der Juwelen mit dem Zeigefinger an.

»Ich weiß nichts über die Erschaffung von Artefakten, ganz zu schweigen davon, wie sie zu reparieren sind«, sagte Justarius.

»Ich dachte, wir finden vielleicht Informationen über das Gerät in deinem Silbernen Buch«, schlug Dalamar vor. »Da der vorherige Meister Par-Salian das Gerät Caramon gab und ihm erklärte, wie man es benutzt, könnte er es aufgeschrieben haben.«

Jeder Turm der Magier besaß ein solches Silbernes Buch, das mächtige magische Zauber enthielt, die nur den Meistern der Türme bekannt waren. Die Bücher waren so alt wie die Türme selbst. Die Zauber wurden über Generationen hinweg weitergegeben, und nur die Meister besaßen die magischen Schlüssel, um sie zu öffnen. Ursprünglich hatte es fünf Silberne Bücher gegeben. Jetzt waren nur zwei übrig; die anderen waren von ihren Meistern zerstört worden, aus Angst, dass sie in die falschen Hände gerieten oder bei der Zerstörung der Türme verloren gingen.

»Das Buch ist in meinem Büro, von einem Bannzauber geschützt, den nur ich heben kann.« Justarius griff nach seiner Krücke. »Bitte bemüh dich nicht. Ich hole es eben.«

Verständnisvoll lächelte Dalamar. Alle Meister wachten eifersüchtig über das Geheimnis ihres Silbernen Buchs. Sosehr er Justarius auch mochte und ihm vertraute, Dalamar hätte auch ihm nicht erlaubt, im gleichen Zimmer zu sein, während er sein eigenes Buch hervorholte.

Justarius kehrte bald zurück, mühte sich, das gewaltige Buch mit einer Hand zu tragen, da er die Krücke in der anderen hielt. Er ließ das Buch mit einem klirrenden Ton auf den Marmortisch fallen. Das Silberne Buch war, wie der Name schon sagte, in Silber gebunden.

Es enthielt tausend Zauber oder sogar mehr, aber glücklicherweise gab es Querverweise und ein Inhaltsverzeichnis. Die verschiedenen Meister hatten auch Beschreibungen von Artefakten eingefügt, die sie erschaffen hatten, Notizen über sehr alte Artefakte und andere Informationen, die ihrer Meinung nach für zukünftige Generationen nützlich sein würden.

Justarius lächelte zufrieden, als er die Seite fand, die in Par-Salians Handschrift verfasst und überschrieben war mit: Zeitreisegerät.

Der Eintrag war lang und enthielt, laut Par-Salian, alle Informationen, die er über das Gerät besaß. Justarius und Dalamar beugten sich über das Buch und lasen gemeinsam. Anfänglich waren sie enttäuscht, weil sie merkten, dass sie vieles von dem, was da stand, bereits wussten.

Das Zeitreisegerät war auf dem Amboss der Zeit geschmiedet worden. Der Amboss selbst war inzwischen verloren, und niemand hatte herausfinden können, wer das Gerät geschmiedet hatte oder wann. Seine erste Erwähnung fand es im Silbernen Buch von Wayreth nach dem Kataklysmus, der den Turm erschüttert, die Erde gespalten und eine Kammer unter dem Turm zum Vorschein gebracht hatte, deren Existenz bis dahin niemandem bekannt gewesen war. Der Meister von Wayreth jener Zeit hatte das Gerät in der Kammer gefunden, zusammen mit dem Gedicht, das Anweisungen für den Einsatz des Geräts enthielt.

Der Meister hatte die Entdeckung im Silbernen Buch vermerkt und das Gerät zu seinem Schutz weggesperrt.

Als Par-Salian Hunderte Jahre später Meister des Turms wurde, hatte er im Silbernen Buch von diesem Gerät gelesen, es herausgeholt und eine Studie darüber verfasst.

Das Gerät ist alt und zerbrechlich. Obwohl es auf dem Amboss der Zeit geschmiedet wurde und dieser nun verschollen ist, hoffe ich, das Gerät entweder zu replizieren oder ein neues zu erschaffen, um dieses zu ersetzen, für den Fall, dass es kaputtgeht, schrieb er.

Er war sogar so weit gegangen, ein Schaubild des Geräts zu zeichnen, und hatte eine Liste ausgewählter Materialien und empfohlener Zauber hinzugefügt, die man nutzen könnte, um das Gerät zum Laufen zu bringen. So weit war er anscheinend gekommen.

Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass die für die Erschaffung des Geräts eingesetzte Magie nicht repliziert werden kann, schrieb Par-Salian. Ich kann mir gut vorstellen, wie ein Kunsthandwerker vor langer Zeit Magie zum geschmolzenen Metall hinzugab und die Teile mit einem magischen Hammer auf einem magischen Amboss bearbeitete. Wenn diesem Gerät etwas zustößt, könnte ein Erschaffer von Artefakten es vielleicht reparieren, aber ich denke, es wäre nicht möglich, ohne den Amboss ein neues zu erschaffen.

Das gründliche Studium der Herstellung von Artefakten ist in dieser Zeit eine verloren gegangene Kunst, eine, deren Verlust ich betrauere. Junge Magier wollen nur lernen, wie man Feuerbälle schleudert und andere grelle Zauber wirkt. Die Tage der großen Erbauer von Artefakten, wie es der geschätzte Ranniker war, sind vorüber.

Dalamar und Justarius blätterten die Seiten durch und stellten fest, dass jegliche Erwähnung des Geräts damit endete.

»Es scheint, Par-Salian war mehr daran interessiert, ein neues Gerät zu erfinden, als dass er das alte erhalten wollte«, bemerkte Justarius und schloss das Buch enttäuscht. »Er schreibt nichts darüber, wie man es wieder zusammenfügt, falls es zerbricht.«

»Der Legende nach wurde es von einem Gnom repariert, nachdem das Gerät zuletzt zerbrochen war«, sann Dalamar grübelnd nach. »Wir könnten vielleicht …«

»Nein!«, rief Justarius entschieden. »Ich befasse mich nicht mit gnomischen Höllengeräten. Ihre Begeisterung überbietet ihre technische Fachkenntnis, deshalb neigen ihre Erfindungen unglücklicherweise zum Explodieren.«

»Das stimmt«, gab Dalamar lächelnd zu. »Vielleicht versuchte Par-Salian, ein neues Gerät zu erschaffen, und es funktionierte nicht. Also hat er daraus geschlossen, dass man den Amboss der Zeit dazu bräuchte. Was Sinn ergibt.«

Justarius sah stirnrunzelnd auf das Buch hinab. »Ranniker. Warum kommt mir dieser Name bekannt vor? Ich scheine mich daran zu erinnern, ihn schon zuvor im Zusammenhang mit dem Gerät und dem Graustein gehört zu haben.«

»Du denkst an Ungar, den Magier, der Destina dazu drängte, ihm den Graustein zu bringen. Er zerstörte Rannikers Uhr, die uns eine Vision vom Untergang zeigte.«

»Ach ja. Sitzt Ungar noch in deinem Kerker?«

»Irgendwann lasse ich ihn gehen«, erwiderte Dalamar eisig.

Justarius schnaubte. »Er hat ein seltenes und wertvolles magisches Artefakt zerstört, das von einem der talentiertesten Artefakterbauer aller Zeiten geschaffen wurde. Du bist netter zu ihm, als ich das wäre. Aber ich habe etwas anderes im Sinn. Als du mir zum ersten Mal von der Uhr erzähltest, half der Name ›Ranniker‹ meinem Gedächtnis auf die Sprünge. Räume die Teile des Geräts zusammen und komm dann in mein Büro.«

Justarius nahm das Silberne Buch und trug es davon, um es wieder in seinem Versteck zu verschließen. Dalamar sammelte vorsichtig alle Teile des Geräts ein und ging zum Büro, wo Justarius einer Weißen Robe, der als sein Sekretär fungierte, Anweisungen gab.

»Ich erhielt vor einiger Zeit einen Brief von einem jungen Magier, der darum bat, für die Zauberprüfungen in Betracht gezogen zu werden«, sagte er gerade zu seinem Sekretär. »Sein Name ist Ranniker. Ihr findet ihn in der Mappe mit der Aufschrift ›Abgelehnt‹.«

Der Sekretär ging und blieb einige Zeit weg, um die Ordner zu durchsuchen, da die Anzahl der abgelehnten Bewerber beträchtlich war. Endlich kehrte er zurück und reichte Justarius den Brief, der den Namen des Bewerbers darauf las und zufrieden nickte.

»Alice Ranniker. Ich erinnere mich daran, dass ich mich zu der Zeit fragte, ob sie wohl eine entfernte Verwandte des großen Ranniker ist.« Er reichte Dalamar den Brief. »Wie du sehen kannst, war sie für die Prüfungen nicht qualifiziert. Sie listet sehr wenige der rudimentärsten Zauber auf, die erforderlich sind, um ihr Können in unserer Kunst unter Beweis zu stellen. Ich bezweifle, dass sie auf magische Weise auch nur Wasser erhitzen könnte.«

»Aber sie behauptet, sie kenne sich mit Artefakten aus«, bemerkte Dalamar. »Du hast nicht daran gedacht, sie zu ihrer diesbezüglichen Arbeit zu befragen?«

»Da die Strafe für das Nichtbestehen der Prüfungen der Tod ist, wollte ich die junge Frau nicht ermutigen«, erwiderte Justarius. »Ich ließ von meinem Sekretär die Standardantwort verschicken: ›Widmet Euch weiter Euren Studien, und meldet Euch zu einem späteren Zeitpunkt erneut bei uns.‹ Das war vor über einem Jahr, und wir haben seither nichts von ihr gehört.«

»Du denkst, sie könnte in der Lage sein, das Gerät zu reparieren. Sie lebt in Solanthas, aber hier steht nicht, wo genau«, sagte Dalamar. »Soweit ich mich erinnere, wohnt ein Mitglied der Versammlung ebenfalls in Solanthas.«

»Du meinst Bertold. Ich war in seinem Haus zu Gast«, sagte Justarius. »Ich werde ihn kontaktieren und bitten, sie zu finden. Ich fürchte aber, wir machen uns vergeblich Hoffnungen, dass eine Reparatur des Geräts möglich ist«, fügte er düster hinzu.

»Aber es ist besser, als gar keine Hoffnung zu hegen«, erwiderte Dalamar.

KAPITEL ZWEI

Destina Rosendorn saß allein unter den schützenden Zweigen einer Eiche und sah zu, wie die Sonne einer fernen Vergangenheit zwischen den Blättern und Ästen flackerte. Betrübt erinnerte sie sich an die Worte ihres Zwergenführers Wolfsstein.

Der Graustein hat Euch erwählt. Er ist jetzt Euer, im Guten und im Schlechten.

Destina legte die Hand über den Stein, der an einer rotgoldenen Kette an ihrem Hals hing. Der Graustein war kalt und zugleich unangenehm warm. Und doch fühlte sie sich genötigt, ihn ständig zu berühren, sich ständig seiner Existenz zu versichern, obwohl sie sich zugleich danach sehnte, die Kette zu zerreißen und den Graustein ins tiefste Meer zu schleudern. Das eine Mal, als sie versucht hatte, sich davon zu befreien, war der Graustein so heiß geworden, dass er ihr die Hand verbrannt hatte und sie gezwungen gewesen war, ihn loszulassen.

Gern hätte sie Chaos bezichtigt, schuld an ihren schlechten Entscheidungen zu sein, aber dafür war sie allein verantwortlich. Der Graustein mochte sie erwählt haben, aber sie hatte entschieden, sich auf diese unglückselige Queste ins Zwergenreich zu begeben, um ihn zu suchen.

Wenn sie doch bloß nicht dorthin gegangen wäre!

Wenn doch bloß nicht … Die traurigsten Worte in jeder Sprache.

Wenn ihr Vater doch bloß nicht in der Schlacht am Turm des Oberklerikers gestorben wäre. Wenn sie sich doch bloß nicht von ihrer Trauer verschlingen lassen und die dumme Entscheidung getroffen hätte, in der Zeit zurück zu reisen, um ihn zu retten. Wenn sie doch bloß nie Ungars Magiewarenladen betreten hätte auf der Suche nach dem Zeitreisegerät. Wenn sie doch nur nie nach dem Graustein gesucht hätte!

Destina spürte, wie der Stein vibrierte, als lachte er sie aus, verhöhnte sie, erinnerte sie daran, dass sie Chaos an einer Kette um den Hals trug. Und jetzt saßen sie und Sturm Feuerklinge, Raistlin Majere und Tolpan Barfuß in der Zeit fest.

»Und das ist alles meine Schuld«, murmelte Destina.

Sie hatte Tolpan mit einem Trick dazu gebracht, ihr zu zeigen, wie man das Zeitreisegerät benutzt, indem sie sich verwandelt und den Körper einer Kenderfrau namens Mari angenommen hatte. Nachdem Tolpan ihr erzählt hatte, dass sie das Zeitreisegerät in der Großen Bibliothek von Palanthas finden könne, hatte Destina Tolpan und den Kenderkörper verlassen und war zur Großen Bibliothek gereist, wo sie versucht hatte, einen Mönch namens Bruder Kairn dazu zu überreden, ihr das Gerät auszuhändigen.

Doch dann war Tolpan auf der Suche nach Mari in der Bibliothek eingetroffen, und Destina hatte sich wieder in die Kenderfrau verwandelt und das Gerät gestohlen. Sie hatte vorgehabt, zum Turm des Oberklerikers zurückzureisen, um ihren Vater zu retten, aber in ihrer panischen Verzweiflung hatte sie das komplexe Gedicht vergessen, das man aufsagen musste, um das Gerät einzusetzen. Sie hatte sich an Tolpan gewandt, damit er ihr half, aber er hatte Mari seinen Freunden vorstellen wollen, und bevor Destina ihn davon hatte abhalten können, hatte er das Gerät aktiviert und sie zum Wirtshaus »Zur letzten Bleibe« gebracht. In letzter Sekunde hatte Bruder Kairn das Gerät gepackt, und der Fluss der Zeit hatte alle drei zum Wirtshaus befördert und zu der Nacht, in der die Gefährten sich nach fünf Jahren auf der Suche nach den wahren Göttern dort hatten wiedertreffen wollen.

Raistlin Majere und Sturm Feuerklinge waren dort, und Destina kam auf die unglückselige Idee, Sturm mit zum Turm des Oberklerikers zurückzunehmen. Sie hatte Sturm gepackt und das Zeitreisegerät aktiviert, und danach – die Katastrophe. Das Gerät hatte Destina, Sturm, Raistlin und Tolpan durch die Zeit an den richtigen Ort zurückbefördert – zum Turm des Oberklerikers –, jedoch ins falsche Jahrhundert.

Sie trafen nicht während des Lanzenkriegs am Turm ein. Der Graustein hatte sie in der Zeit zurückgeschleudert bis zum Dritten Drachenkrieg.

Diese Entdeckung machten sie, als sie zwei Männer reden hörten – zwei Männer, die sich als Huma Drachentöter und sein Freund, der Magier Magus, herausstellten. Sie konnten den Turm des Oberklerikers in der Ferne erkennen und bemerkten verblüfft, dass er sich zu Humas Zeit noch in der Erbauung befand. Die Ringmauer, mit Gerüsten überzogen, war erst halb vollendet.

Und jetzt waren sie hier in der Zeit gestrandet, da der Zusammenprall der mächtigen Magien das Gerät hatte explodieren lassen, sodass ihnen nur noch ein paar zerbrochene Teile blieben und keine Möglichkeit zu entkommen.

Sie hatten Zuflucht in den Wäldern gesucht, da Huma und Magus sich über Goblinplünderer in der Gegend unterhalten hatten. Sturm hatte den Schutz der Bäume verlassen, um das Gebiet zu erkunden. Raistlin und Tolpan waren davongegangen, um sich unter vier Augen zu unterhalten; sie konnte sie durch die Blätter sehen und hörte, wie Raistlin Tolpan zu erklären versuchte, dass seine Kenderfrau Mari in Wahrheit der Mensch Destina war.

»Destina benutzte ein magisches Artefakt, um ihre Gestalt in die einer Kender zu verwandeln«, sagte Raistlin.

Tolpan wollte davon nichts wissen. »Ich weiß, du meinst es gut, Raistlin, und du irrst dich fast nie, nur das eine Mal hast du dich geirrt, als du versucht hast, ein Gott zu werden, und ein paar andere Male davor auch. Aber ich habe gesehen, wie diese Destina-Frau Mari in einen Sternenstaubwirbel gezogen hat und sie davongesaust sind. Ich bekam sogar Sternenstaub in die Augen und die Haare! Mari muss hier irgendwo sein, also muss ich sie finden!«

»Wenn du wissen willst, was mit Mari passiert ist, wirst du ruhig sein und mir zuhören müssen.«

»Ich bin ruhig, aber es ist einfach so, dass …«

Raistlin blickte ihn finster an.

»Bin ja ruhig«, murmelte Tolpan kleinlaut.

»Was du gesehen hast, Tolpan, war kein magischer Sternenstaubwirbel, sondern die Auswirkungen des Gestaltwandlungszaubers, den Lady Destina benutzte, um sich von einem Menschen in die Kender zu verwandeln, die du als Mari kennengelernt hast, und dann wieder zurück.«

»Wenn ich nicht ruhig wäre, würde ich sagen, dass ich einen magischen Sternenstaubwirbel gesehen habe«, sagte Tolpan.

Raistlin stieß ein entnervtes Seufzen aus. »Dann beantworte mir diese Frage: Hast du die beiden – Mari und Destina – je zusammen gesehen?«

»Natürlich! Ich erinnere mich an das eine Mal … Nein, das war nur Mari. Es muss … Nein, das war nur Destina … Und dann … Nein, da waren sie auch nicht zusammen.« Tolpan seufzte unglücklich. »Vielleicht habe ich das doch nicht, denke ich.«

Destina konnte den Schmerz in seiner Stimme nicht ertragen und duckte sich mit gesenktem Kopf zurück in den Schatten des Baums. Dabei sah sie auf die entsetzliche Gestaltwandlungsbrosche, die noch an ihrer Wolljacke befestigt war, riss sie herunter und vergrub sie im Unterholz unter einem Häuflein Erde und nasser Blätter.

»Aber wenn das, was du sagst, wahr ist, Raistlin, und Destina wirklich die ganze Zeit Mari war, heißt das dann, dass ich Mari nie mehr wiedersehen werde?«, fragte Tolpan.

»Ich könnte dir sagen, dass du Mari überhaupt nie gesehen hast, Tolpan«, erwiderte Raistlin. »Aber ich weiß, dass sie sehr echt auf dich gewirkt hat und der Verlust deiner Freundin dich sehr schmerzt. Das tut mir leid.«

Destina fragte sich, was sie Tolpan sagen könnte, ihnen allen, damit sie begriffen, dass es ihr leidtat. So, so leid. Sie wischte sich die Erde von den Händen, berührte dabei den Ring, den ihre Mutter ihr geschenkt hatte, als sie noch jünger gewesen war. Der Ring saß am kleinen Finger ihrer linken Hand, und sie trug ihn schon so lange, dass sie ihn oft ganz vergaß. Ein Goldreif mit einem kleinen Smaragd, gesegnet von der Göttin Chislev. Ihre Mutter hatte gesagt, die Göttin würde sie führen, wenn sie sich je in der Dunkelheit verlief.

Voller Trauer blickte Destina auf den Ring hinab. Sie fühlte sich gerade sehr verloren, aber sie bezweifelte, dass selbst eine Göttin ihr dabei helfen könnte.

Sie schreckte auf, als sie das Scheppern von Rüstungen und den Klang von Stiefeln hörte, die durch Blätter und Unterholz krachten. Ihr fiel ein, dass erst vor Kurzem ein Trupp Goblinkrieger an ihrem Versteck im Wald vorbeigelaufen war, und rappelte sich eilig auf. Erleichtert sah sie, wie Sturm den Wald wieder betrat und auf sie zukam. Er trug eine altmodische Plattenrüstung, die er von seinem Vater geerbt hatte, wie sie aus den Erzählungen über ihn wusste – die Rüstung und das Familienschwert waren sein Vermächtnis. Seine Hand lag auf dem Schwertgriff.

Sturm blickte sie an, und seine Miene verhärtete sich. Er verbeugte sich höflich, wirkte dabei aber steif und kalt. Dann ging er an ihr vorbei zu Raistlin und Tolpan.

Destina konnte es ihm nicht übel nehmen, denn sie hatte versucht, ihm einen Trank der Feigheit unterzuschmuggeln. Sie wünschte sich, sie könnte im Boden versinken und müsste ihm oder den anderen nicht mehr gegenübertreten, aber das würde nicht passieren. Und sie war kein Feigling. Sie war die Tochter eines Ritters, und sie musste die Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Also schüttelte sie ihren Rock aus, klopfte die Blätter ab und machte sich bereit, zu ihnen zu treten.

»Ich glaube, ich verstehe es, auch wenn ich das nicht tue«, sagte Tolpan zu Raistlin. »Weil ich Mari geheiratet habe, die eigentlich Lady Destina ist, macht mich das zu Lord Barfuß?«

»Du bist nicht verheiratet, Tolpan«, widersprach Sturm streng, da er das mit angehört hatte. »Lady Destina hat dich unter falschem Vorwand geheiratet.«

»Eigentlich habe ich sie unter einem Dach geheiratet, nicht unter einem falschen Vorwand«, stellte Tolpan fest. »Aber ich verstehe, was du meinst. Wenn ich eine Kender heirate, dann muss sie eine Kender sein und kein Mensch oder ein Grottenschrat. Obwohl ich denke, wenn ich einen Grottenschrat heiraten wollte, könnte ich das tun, solange der Grottenschrat ein Grottenschrat ist und kein verkleideter dreiköpfiger Troll. Da ist das Kendergesetz nämlich sehr großzügig.«

»Hast du irgendwelche Goblinspuren gesehen …«, fing Raistlin an, aber ein Hustenanfall unterbrach ihn. Der Husten klang entsetzlich – ein tiefer, krampfhafter Husten, der ihm die Lunge zu zerreißen schien. Er zog ein Taschentuch aus dem Ärmel seiner roten Robe und drückte es sich über den Mund, während er sich abmühte, Luft zu bekommen.

Destina hätte ihm wohl Hilfe oder Mitgefühl anbieten sollen, aber sie hielt Abstand. Wie die meisten Solamnier verspürte sie eine Abneigung gegen alle Magienutzer, und Raistlin machte ihr Angst und schüchterte sie ein. Er war jung, vielleicht in seinen Zwanzigern, und doch war sein Haar weiß. Seine Haut leuchtete golden-metallisch, und seine Pupillen hatten die Form von Sanduhren. Ein schwacher Geruch nach Rosenblättern, Gewürzen und Verwesung haftete ihm an. Sie vermutete, dass sie nicht allein war mit ihrer Abneigung. Sturm sah zu, wie Raistlin hustete, bis er sich vor Schmerz krümmte, und doch machte er keinerlei Anstalten, ihm zu helfen.

Tolpan beobachtete Raistlin interessiert.

»Hast immer noch diesen Husten, mmh?«, fragte er. »Ich hätte gedacht, das Totsein heilt ihn vielleicht. Ist dieser böse Magier Fistantakel in dir?«

Raistlin drückte sich das Taschentuch auf den Mund und starrte Tolpan an. Langsam ließ er das Taschentuch sinken. Destina sah Blut darauf.

»Was hast du gesagt?«, fragte er Tolpan.

»Über Fistantakel?«

»Nein. Über das Totsein.«

»Dass ich dachte, das Sterben hätte deinen Husten vielleicht geheilt«, wiederholte Tolpan.

Raistlin starrte in die Schatten der Vergangenheit. »Es gibt keine Heilung. Der Husten, mein Gebrechen, ist Teil des Preises, den ich für meine Macht bezahlt habe. Und ich war mächtig. Einer der mächtigsten Magier, die je gelebt haben, Meister der Vergangenheit und Gegenwart. Ich bin gestorben … Ich erinnere mich …«

»Du warst in der Vergangenheit tot, aber ich nehme an, die ›Vergangenheit‹ kommt erst noch in der Zukunft«, erklärte Tolpan hilfsbereit. »Sturm ist auch tot. Aber wenn es euch tröstet, ihr beide seht jetzt gerade ziemlich lebendig aus.«

Sturm runzelte verwirrt die Stirn. »Ich erinnere mich an den Turm des Oberklerikers. Ich erinnere mich an Laurana und Tolpan … und an eine Kugel der Drachen … Ich hielt die Drachenlanze in der Hand …« Wütend fuhr er zu Raistlin herum. »Was für eine faule Magie hast du dieses Mal gewirkt? Du hast mich aus meiner ewigen Ruhe gezerrt!«

»Ich habe keine Magie gewirkt«, widersprach Raistlin. Sein glitzernder Blick fiel auf Destina. »Ich habe gar nichts getan. Vor fünf Jahren haben wir uns voneinander verabschiedet und abgemacht, dass wir uns am Jahrestag dieses letzten Tages, den wir zusammen verbracht haben, wieder im Wirtshaus ›Zur letzten Bleibe‹ treffen wollen. Wir saßen um den Tisch herum, als Ihr und ein Mönch sich zu uns gesellten. Ich sah, wie Ihr einen Trank in Sturms Becher gegossen habt, der ihn in einen Feigling verwandelt hätte. Ich erwischte Euch, und da packtet Ihr ihn und habt das Zeitreisegerät aktiviert.«

Raistlin wandte sich anklagend Tolpan zu. »Hast du ihr das Gerät gegeben? Du hattest es als Letzter, in meiner Zeit zumindest.«

»Das war nicht meine Schuld!«, rief Tolpan. »Astinus hatte es nach mir, und sie borgte es sich von Astinus.«

»Und doch bezweifle ich, dass Astinus sie lehrte, es zu benutzen.« Raistlin richtete seinen seltsamen Blick auf den Kender.

Tolpan zappelte nervös herum. »Es ist … mmh … möglich, dass ich ihr vielleicht beigebracht habe, wie man es benutzt. Beziehungsweise brachte ich es eher Mari bei. Und Mari hat es nicht an sich genommen, sondern Destina. Wie du also siehst, ist das immer noch nicht meine Schuld!«

Raistlin seufzte und wandte sich wieder Destina zu. »Indem Ihr das Gerät benutzt habt, habt Ihr uns hierher versetzt, in die Zeit des Dritten Drachenkriegs. Jetzt ist das Gerät verloren, und wir sind hier gestrandet. Ihr schuldet uns eine Erklärung, meine Dame.«

Destina verschränkte die Hände, klammerte sich mit aller Kraft an ihren Mut. »Zuerst möchte ich mich bei dir entschuldigen, Tolpan. Raistlin hat recht. Ich nutzte eine magische Brosche, um mich in die Kender Mari zu verwandeln. Es tut mir wahrhaftig leid, dass ich dich getäuscht habe. Bitte glaub mir, ich wollte dir nie wehtun.« Destina sah die anderen an. »Ich wollte keinem von euch wehtun, und ich werde tun, was in meiner Macht steht, um uns aus dieser entsetzlichen Lage zu befreien. Dass so etwas geschieht, wollte ich wahrhaftig nie!«

»Und doch wolltet Ihr, dass etwas geschieht, meine Dame«, sagte Raistlin. »Wohin wolltet Ihr Sturm bringen und wieso?«

Destina rang die Hände. »Mein Vater kämpfte im Lanzenkrieg in der Schlacht am Turm des Oberklerikers. Irgendwann fürchtete er, dass wir die Schlacht verlieren würden. Er und die anderen Ritter wollten den Turm verlassen und nach Hause zurückkehren, um ihre Familien zu beschützen. Mein Vater hätte zu mir zurückkehren sollen.«

Sie hob den Blick und sah Sturm an. »Ihr wart sein Befehlshaber, und Ihr habt ihm die Erlaubnis erteilt zu gehen. Ihr sagtet, dass Ihr es versteht. Dann habt Ihr Euch dem Drachenfürsten allein gestellt und seid auf den Zinnen gestorben. Euer Opfer entzündete eine Flamme im Herzen meines Vaters. Er blieb, um gegen die Drachen zu kämpfen, und sie töteten ihn! Ich verlor meinen geliebten Vater. Dann verlor ich sein Vermächtnis, unser Schloss und unsere Ländereien. Ich verlor alles.«

»Wir kennen uns mit Verlust aus«, murmelte Raistlin grimmig. »Das erklärt dennoch nicht Euer Handeln.«

»Ich versuche, es Euch zu erklären«, sagte Destina verzweifelt. »Eins der liebsten Bücher meines Vaters war ein Bericht von Humas Leben, verfasst von einem Schreiber, der während des Dritten Drachenkriegs in der Armee gedient hatte. Ich erinnerte mich daran, einen Abschnitt in diesem Buch gelesen zu haben, in dem Humas Freund Magus ein Zeitreisegerät erwähnte. Magus war in Humas Schwester verliebt, die in der Schlacht verwundet wurde und starb. Mein Vater hatte den Abschnitt über das Gerät unterstrichen. Ich vermute, er hatte die Idee, in der Zeit zurückzureisen, um den Krieg zu verhindern. Falls dem so war, tat er es jedoch nie. Ich dachte, wenn ich Sturm den Trank der Feigheit verabreiche und ihn zum Turm des Oberklerikers zurückbringe …« Ihre Stimme verklang.

»Dann würde Sturm vor der Schlacht fliehen, und Euer Vater würde überleben«, beendete Raistlin den Satz für sie.

Sturm war sichtlich und zutiefst erschüttert.

»Hättet Ihr damit Erfolg gehabt, Lady Destina, wäre ich für immer als Feigling gebrandmarkt gewesen, eine Schande für meinen Namen, eine Schande für die Ritterschaft! Ihr hättet auf Euren Vater stolz sein sollen. Er kämpfte, um Solamnia vor den Truppen der Dunklen Königin zu retten. Er starb in Ehren, wie es einem Ritter ansteht.«

»Ehre?«, wiederholte Destina bitter. »Wo ist die Ehre, wenn man ein fünfzehn Jahre altes Mädchen vaterlos hinterlässt? Ich brauchte ihn! Solamnia nicht. Er war nur ein Mann, ein Tropfen im Fluss. Sein Tod bedeutete nichts.«

»Sturm Feuerklinge war ein Mann«, sagte Raistlin scharf. »Und Ihr sagtet selbst, sein Opfer habe dazu geführt, dass die Ritter die Truppen der Dunklen Königin besiegten. Ein Mann kann einen Unterschied ausmachen.«

»Das kann auch ein Kender«, warf Tolpan ein. »Ich habe einen Unterschied gemacht, als ich die Kugel der Drachen im Turm des Oberklerikers gefunden habe. Zugegeben, ich wollte sie zerschmettern, aber …«

»Nicht jetzt, Tolpan«, unterbrach Raistlin ihn ungeduldig. »Fahrt fort, meine Dame. Warum uns in diese Zeit versetzen?«

»Wie ich schon sagte, wollte ich das nicht!«, antwortete Destina. »Sturm und Bruder Kairn redeten über Huma Drachentöter, also hat er vielleicht gerade an ihn gedacht.«

»Wir befinden uns nicht in dieser misslichen Lage, weil Sturm an Huma dachte!«, fauchte Raistlin. Seine Stundenglasaugen glänzten. »Nur wahrhaft mächtige Magie hätte uns in der Zeit zurückwerfen und hier stranden lassen können. Ich vermute, es hat etwas mit dem Stein zu tun, den Ihr da tragt.«

Destina zögerte, ihnen vom Graustein zu erzählen, aber der Maßstab besagte auch: »Die halbe Wahrheit ist nichts als eine ganze Lüge.«

Sie legte die Hand an ihre Kehle. Der Graustein war unter ihrem Kragen verborgen und hing an einer Goldkette. Langsam hob sie die Kette an und zog den Stein hervor. Schwach pulsierte er mit einem dumpfgrauen Leuchten.

»Der Graustein von Gargat«, erkannte Raistlin. »Das hatte ich vermutet, als ich ihn im Wirtshaus bemerkte. Ihr brauchtet das Gerät, um in der Zeit zurückzureisen, und den Graustein, um die Zeit zu verändern – um Euren Vater zu retten. Ich muss sagen, ich bewundere Euch, Lady Destina. Ihr habt an alles gedacht.«

»Aber der Graustein ist nur ein Mythos!«, widersprach Sturm. »Niemand bei Verstand glaubt diese Geschichte, dass Reorx Chaos in einem Edelstein einfing, der dann in der Welt herumflog und Gnome in Kender verwandelte.«

»Ich war nie ein Gnom«, erklärte Tolpan entschieden. »Ich war immer ein Kender. Nur damit das klar ist.«

»Ob er nun in der Welt herumflog oder nicht, der Graustein ist sehr echt und sehr gefährlich, und die Dame hier trägt ihn um den Hals«, sagte Raistlin. »Dir ist er im Wirtshaus aufgefallen. Das weiß ich, weil ich deinen angewiderten Ausdruck bemerkt habe.«

»Man bekommt ein zappliges Gefühl, wenn man ihn anfasst«, fügte Tolpan hinzu. »Und nicht von der guten Sorte. Sondern von der üblen.«

»Das muss ich Euch lassen, der Stein ist abscheulich anzusehen, aber das macht ihn nicht zum Graustein«, argumentierte Sturm.

Raistlin regte sich verärgert, und seine rote Robe raschelte. »Sage ich dir, wie du dein Schwert einsetzen sollst, Sturm Feuerklinge? Mein Wissen über Magie ist mein Schwert, und du würdest gut daran tun, auf mich zu hören!«

»Bitte streitet nicht«, bat Destina, deren Wangen vor Scham brannten. »Raistlin hat recht. Es ist der Graustein.«

Sturm schien immer noch nicht überzeugt, aber wenn er weiter dagegenhielt, würde sie das zur Lügnerin erklären, und so etwas würde er nie tun. Er wandte sich von ihr ab und Raistlin zu.

»Die Frage ist: Was tun wir jetzt, da wir in einer Zeit gestrandet sind, die nicht die unsere ist?«, fragte Sturm.

»Du und ich, wir sind wieder am Leben, und ich für meinen Teil habe vor, es zu bleiben«, erwiderte Raistlin. »Wir müssen am Leben bleiben, bis wir einen Weg finden, dahin zurückzukehren, wo wir hingehören. Sonst verändern wir die Zeit. Und das könnte katastrophal enden.«

»Raistlin weiß alles über Zeitreisen«, erklärte Tolpan hilfsbereit. »Er ist in der Zeit zurückgegangen und hat versucht, ein Gott zu werden, und Par-Salian schickte Caramon und mich in der Zeit zurück, um ihn aufzuhalten. Das heißt, Par-Salian schickte Caramon. Mich schickte er nicht, aber ich konnte Caramon nicht allein gehen lassen, also verwandelte ich mich in eine Maus und …«

Raistlin fuhr zu ihm herum. »Erinnerst du dich an das Gespräch, das wir über eine Grille hatten? Meine Drohung gilt noch.«

»Ich erinnere mich.« Tolpan seufzte. An Destina gewandt erklärte er: »Er sagte, er würde mich in eine Grille verwandeln und mich dann verschlingen.«

Raistlin ignorierte ihn betont und wandte sich Sturm zu. »Hast du irgendwelche Goblins gesehen?«

»Keine in unserer Nähe, aber überall sind Spuren. Und ich weiß, wo wir uns befinden. Wir sind im bewaldeten Flachland, das als die Flügel Habbakuks bekannt ist, südlich vom Turm des Oberklerikers. Die Ritter werden ihre Truppen sammeln, um den Turm zu verteidigen, und die Dunkle Königin ruft ihre Armee zum Angriff. Diese Goblinplünderer sind vermutlich Vortruppen.«

»Und so beginnt der Dritte Drachenkrieg, und wir sind mittendrin gefangen«, sagte Raistlin. »Und jetzt weiß ich, wer schuld daran ist.«

»Ich war’s nicht«, sagte Tolpan sofort, dann begriff er, dass Raistlin Destina ansah, und sprang ihr bei. »Sie auch nicht. Oder zumindest wollte sie das nicht!«

»Dessen bin ich mir bewusst«, fauchte Raistlin. »Wir sind alle hier, weil es Chaos so gefällt.«

KAPITEL DREI

Der Wind strich durch die Zweige des Baumes, unter dem sie standen. Die Blätter schüttelten sich und raschelten, fast als wäre der Baum lebendig und als hätte auch er Angst.

»Ich muss mich vom Graustein befreien, aber ich kann ihn nicht abnehmen! Er lässt mich nicht!«, sagte Destina. Sie packte den Graustein und zog daran, als wollte sie die Kette zerreißen. Graues Licht glomm auf, und es zischte. Sie riss die Hand weg und hielt die Finger hoch, die jetzt voller Blasen waren.

»Interessant«, murmelte Raistlin. »Ihr habt noch nicht gelernt, ihn zu beherrschen.«

»Ich kann ihn nicht beherrschen«, protestierte Destina, »nicht einmal berühren! Ihr seht doch, was er mir angetan hat.«

»Weil Ihr Angst vor ihm habt«, sagte Raistlin. »Nur wenn Ihr Eure Angst bezwingt, werdet Ihr Kontrolle über ihn ausüben können. Und doch war der Graustein jahrhundertelang verschollen. Wie habt Ihr ihn gefunden?«

»Er versteckte sich im Zwergenreich unter dem Berg«, erwiderte Destina. »Ein Magier namens Unger behauptete, seinen Aufenthaltsort zu kennen. Da machte ich mich auf die Suche und fand ihn.«

»Oder besser gesagt, er fand Euch …«, murmelte Raistlin.

»Hör auf, so verdammt mysteriös daherzureden«, fauchte Sturm entnervt. »Sprich einmal in deinem Leben klar und deutlich.«

»Na schön«, sagte Raistlin. »Um es klar und deutlich zu sagen: Der Dritte Drachenkrieg fand in einem kritischen Augenblick statt, als das Schicksal der Welt auf der Kippe stand. Wir sind nicht hier an diesem Ort und in dieser Zeit, weil du und der Mönch über Huma gesprochen habt! Wir sind seinetwegen hier.«

Mit einem langen feingliedrigen Finger zeigte er auf den Graustein.

»Du meinst, Chaos will die Geschichte verändern«, stellte Sturm fest und runzelte die Stirn.

»Ich bezweifle, dass selbst Chaos weiß, was Chaos tun wird«, sagte Raistlin bissig. »Aber ich glaube nicht, dass wir rein zufällig hier sind. Immerhin war es die Absicht der Dame, die Geschichte zu verändern.«

Entsetzt keuchte Destina auf. »O nein! Ich wollte nie …«

»Ja, ja«, machte Raistlin ungeduldig. »Das habt Ihr uns gesagt. Aber Eure Reue hilft uns nicht.«

»Sei nicht böse auf Destina!« Tolpan stellte sich schützend an ihre Seite. »Es war falsch von ihr, uns hierherzubringen und so zu tun, als wäre sie Mari, obwohl sie das gar nicht war, aber sie hat gesagt, dass es ihr leidtut. Sie wusste nicht, dass das Gerät in der Zukunft in die Luft fliegen und uns hier in der Vergangenheit zurücklassen würde.«

»Die Vergangenheit …«, wiederholte Raistlin leise. Eindringlich starrte er sie an, auch wenn sie den Eindruck hatte, dass er gar nicht sie ansah.

»Und du musst zugeben, Raistlin«, fuhr Tolpan fort, »dass wir hier feststecken, wo wir gar nicht sein sollen, und du und Sturm nicht mehr tot seid, das ist doch irgendwie aufregend!«

»Ich finde daran nichts aufregend«, brummte Sturm mürrisch.

»Bist du denn nicht froh, dass du nicht tot bist?«, fragte Tolpan.

»Seid still, ihr alle!«, befahl Raistlin. »Lasst mich nachdenken!«

Sie alle hörten die Aufregung in seiner Stimme. Sturm war still und bedeutete sogar Tolpan zu schweigen, als er etwas sagen wollte. Destina konnte nur hoffen, dass ihm etwas eingefallen war, was sie retten würde.

Raistlin wandte sich an sie. »Ihr sagtet, dass ein Buch Eures Vater Euch auf den Gedanken brachte, in der Zeit zurückzureisen.«

»Ein Buch über Huma …« Destina verstummte und wusste nicht, was er von ihr wollte.

»Beschreibt das Buch. Eure genauen Worte!«, beharrte Raistlin.

Destina erinnerte sich zurück, so gut sie konnte, trotz ihrer Müdigkeit und Erschöpfung. »Ich glaube, ich sagte, dass in diesem Buch Humas Freund Magus das Zeitreisegerät erwähnt …«

»Das ist die Antwort …«, setzte Raistlin triumphierend an, dann fing er an zu husten.

Die anderen warteten ungeduldig darauf, dass er fortfuhr. Er wischte sich über die Lippen, nahm einen Atemzug und fuhr dann fort. »Vielleicht sind wir hier doch nicht gestrandet. Laut dem Bericht im Buch ihres Vaters hatte Magus vor, das Zeitreisegerät zu benutzen, um in der Zeit zurückzureisen und Humas Schwester zu retten. Demzufolge muss er gewusst haben, wo es sich befand.«

Sturm machte eine ungeduldige Geste. »Aber das Gerät wurde zerstört …«

»In unserer Zeit«, entgegnete Raistlin. »Aber in dieser Zeit wird das Gerät ganz und funktionsfähig sein. Und Magus weiß, wo man es findet!«

»Also könnten wir zurück!«, sagte Destina und wagte kaum zu hoffen.

»Wir müssen nur Magus mitten in diesem Krieg finden, ihn davon überzeugen, uns zu verraten, wo man das Gerät findet, und das alles, während wir uns nicht umbringen lassen und darauf achten, die Zeit nicht zu verändern«, stellte Sturm verzweifelt fest.

»Hast du einen besseren Vorschlag?«, fragte Raistlin.

»Leider nicht«, gestand Sturm und lächelte sogar leise.

»Huma und Magus wollten die Goblinplünderer verfolgen«, sagte Tolpan. »Könnten wir nicht einfach ihnen folgen so wie sie den Goblinplünderern?«

»Ich hatte gehofft, wir würden unsere Anwesenheit niemandem aus dieser Zeit verraten müssen, aber wie es scheint, haben wir keine andere Wahl«, sagte Raistlin. »Und wir dürfen nicht blindlings mitten in diesen Krieg hineinlaufen. Was wissen wir über Huma und den Dritten Drachenkrieg? Sturm, du musst ihn doch studiert haben.«

»Da gibt es nicht viel zu studieren«, erklärte Sturm. »Der Dritte Drachenkrieg fand vor Jahrhunderten statt, und ein großer Teil des Wissens darüber ging während des Kataklysmus verloren. Mir ist die Geschichte, wie sie in Humas Lied erzählt wird, aber wohl bekannt.«

»Ich erinnere mich an den Teil des Lieds, in dem Huma dem Hirsch folgt, weil du das auch getan hast, allerdings erst nachdem dir auf den Kopf geschlagen wurde«, sagte Tolpan. »Erzähl uns diesen Teil!«

Sturm senkte die Stimme und sprach leise, ehrerbietig.

»›Es war Morgen, als sie den Hain erreichten, den Schoß des Berges, wo der Hirsch starb, noch folgte Huma ihm, wohl wissend, dass das Ende dieser Reise nichts war als Grün und das Versprechen auf Grün, das in den Augen der Frau vor ihm fortdauerte.‹ Huma Drachentöter begegnete dem Silberdrachen, der sich als sterbliche Menschenfrau ausgab«, fuhr Sturm fort. »Sie flogen in den Kampf und benutzten die erste Drachenlanze, die je geschmiedet wurde, um die Dunkle Königin und ihre bösen Drachen zurück in den Abyss zu treiben. Aber man muss eins wissen über den Dritten Drachenkrieg, Raistlin. Du hattest das, was du als den Stab des Magus ausgabst, bei dir.«

»Es war sein Stab. Magus hat ihn selbst gefertigt«, sagte Raistlin. »Und der Stab ist jetzt wieder sein, denn wie du siehst, trage ich ihn nicht länger bei mir.« Er stand schweigend da, grübelnd, dann zuckte er mit den Schultern. »Magus soll der größte Magier sein, der je gelebt hat. Darüber hinaus weiß ich wenig.«

Sturm brummte, glaubte ihm offensichtlich nicht.

Tolpan hob die Hand. »Ich weiß alles über den Dritten Drachenkrieg! Onkel Fallenspringer und die Gnome schmiedeten die erste Drachenlanze und gaben sie Huma. Das ist eine sehr interessante Geschichte …«

»Und eine, für die wir jetzt keine Zeit haben«, unterbrach ihn Raistlin. »Geh und behalte die Straße im Blick.«

»Ich brauche die Straße nicht im Blick zu behalten«, protestierte Tolpan gekränkt. »Ich kann die Straße von hier aus sehen, und sie tut gar nichts. Aber ich könnte Magus und die Goblins suchen gehen! Das mache ich.«

»Nein, Tolpan!«, rief Raistlin. »Wir müssen zusammenbleiben …«

Tolpan hörte nicht mehr zu. Sturm wollte den Kender packen, aber Tolpan wich ihm geschickt aus und flitzte zwischen den Bäumen davon und auf die Straße zu.

»Wir dürfen nicht zulassen, dass er frei herumläuft!«, sagte Raistlin grimmig. »Nur die Götter wissen, was für einen Unfug er anstellt.«

»Ich gehe ihn holen.« Sturm klang resigniert. »Du und Lady Destina, ihr wartet hier.«

»Kommt sofort zurück. Und lass dich nicht bei irgendeiner edlen Tat umbringen«, fügte Raistlin hinzu.

Sturm lief davon, aber Kender sind durchaus behände, da sie im Laufe der Jahre immer wieder vor verschiedentlichen wütenden Individuen davonrennen mussten. Also hatte Tolpan einen guten Vorsprung, während Sturm langsamer und von seiner Rüstung behindert war. Der Kender war bald nicht mehr zu sehen.

Destina setzte sich erschöpft auf den umgefallenen Baumstamm.

Der Nachmittag war warm und drückend, keine Brise regte sich. Sie waren im Frühsommer in Palanthas eingetroffen, und sie trug Kleider, die fürs Reisen im Winter gedacht waren: eine Wolljacke, eine Bluse darunter und einen Wollrock. Ihr war heiß, und sie sehnte sich danach, die Jacke abzulegen. Stattdessen knöpfte sie sie bis zum Kragen zu, um den Graustein zu verbergen.

Raistlin hustete erneut, aber nur kurz. Er lief hin und her, die Hände in den Ärmeln, in Gedanken versunken. Destina gefiel es nicht, allein mit dem Magier zu sein. Sie mochte die Art nicht, wie er sie ansah, als würde er all ihre Geheimnisse und all ihre Ängste kennen.

Destina erinnerte sich an die düsteren Geschichten, die sie über Raistlin Majere gehört hatte, wie er zum Meister des Turms der Erzmagier in Palanthas geworden war. Man flüsterte von schrecklichen Dingen, die er dort getan hatte, und sie wünschte sich, Sturm und Tolpan würden zurückkehren. Sie wollte nicht mit ihm reden, aber sie wollte auch dringend Antworten, und er war der Einzige, der welche zu haben schien.

»Raistlin«, sagte sie schließlich zaghaft.

Er warf ihr einen scharfen Blick zu.

»Tolpan sagte, Ihr wisst über Zeitreisen Bescheid. Glaubt Ihr, wenn Ihr das Gerät findet, können wir in unsere Zeit zurückkehren, und es wird sich nichts verändert haben?«, fragte Destina.

»Der Fluss der Zeit fließt so langsam, dass wir nur Tropfen darin sein werden, wenn wir hier wegkommen, ohne etwas zu tun, was die Zeit drastisch verändert. Der Fluss wird jegliche Spuren von uns wegspülen. Das solltet Ihr wissen«, fügte er schneidend hinzu. »Ihr hattet gehofft, dass es genauso mit Eurem Vater sein würde.«

Destina wollte nicht über ihren Vater reden und stellte keine weiteren Fragen. Sie beobachtete, wie die Sonne über den Himmel glitt, beobachtete die Schatten der Bäume, die sich zu ihren Füßen bewegten. Langsam begann sie, sich Sorgen um die anderen zu machen, und war erleichtert, als sie endlich hörte, wie Tolpan nach ihnen rief.

»Destina und Raistlin, wo seid ihr?«

»Wir sind hier!«, antwortete Destina und winkte ihm.

Tolpan spähte zwischen den Bäumen hindurch, entdeckte sie endlich und kam auf sie zugerannt.

»Ich habe einen neuen Hupakstab gefunden«, verkündete er und schwang einen langen, gegabelten Stock. »Und ich habe Magus und Huma gefunden. Ein Haufen Goblins greift ein Dorf die Straße herunter an, und Huma und Magus kämpfen gegen sie. Aber es sind nur die zwei und schrecklich viele Goblins, also blieb Sturm, um zu helfen. Er schickte mich zurück, um euch das zu sagen.«

Raistlin sog wütend die Luft ein. »Sturm findet dich und verliert sich selbst? Man könnte meinen, wir wären bei einem Kenderpicknick! Jetzt muss ich ihm hinterher.«

»Er hat mich nicht gefunden. Ich wusste, wo ich war«, protestierte Tolpan beleidigt. »Ich weiß auch, wo er ist. Ich zeige es dir.«

»Ich komme mit euch.« Destina erhob sich.

»Keiner von euch geht irgendwohin!«, befahl Raistlin. »Ihr bleibt beide hier, damit ich weiß, wo ich euch finden kann. Rührt euch nicht von der Stelle, bis Sturm und ich zurückkehren.«

Raistlin schob den Ärmel seiner Robe hoch und enthüllte ein Messer, das er sich mit einem Lederband an den linken Unterarm geschnallt hatte. Er bewegte das Handgelenk, und ein silberner Dolch rutschte aus dem Band in seine Hand. Er bot ihn Destina an.

»Der Graustein wird gewiss nicht zulassen, dass Euch etwas passiert, meine Dame, aber nehmt dies, nur für den Fall«, sagte Raistlin.

Der Dolch hatte keinerlei Verzierungen und wirkte sehr gewöhnlich, aber Destina zögerte dennoch, ihn zu berühren. »Ist er magisch?«