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Wer Drachen liebt, kommt an dieser Saga nicht vorbei! »Die Legenden« ist die zweite Trilogie der berühmten Drachenlanze-Saga.
Der Magier Raistlin hat einen größenwahnsinnigen Plan: Er reist zurück in die Vergangenheit. Dort will er die Herrschaft über die dunklen Drachen an sich reißen und sich zum Gott der Finsternis aufschwingen. Nur zwei Menschen könnten ihn aufhalten. Der eine ist sein Zwillingsbruder Caramon, der sich verzweifelt nach Raistlins Anerkennung sehnt. Die andere ist die Klerikerin Crysania, die davon überzeugt ist, die Seele des dunklen Magiers allein mit ihrem Glauben retten zu können. Zu Glück haben sie noch unerwartete Unterstützung: Der Kender Tolpan Barfuß wird sich dieses Abenteuer auf keinen Fall entgehen lassen!
Die Drachenlanze-Saga ist zeitloser Fantasy-Kult: Lesen Sie, wie alles in der »Chronik der Drachenlanze« begann und verpassen Sie nicht die neue Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.
Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Die Brüder« und »Die Stadt der Göttin« erschienen.
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Seitenzahl: 617
Veröffentlichungsjahr: 2024
Der Magier Raistlin hat einen größenwahnsinnigen Plan: Er reist zurück in die Vergangenheit. Dort will er die Herrschaft über die dunklen Drachen an sich reißen und sich zum Gott der Finsternis aufschwingen. Nur zwei Menschen könnten ihn aufhalten. Der eine ist sein Zwillingsbruder Caramon, der sich verzweifelt nach Raistlins Anerkennung sehnt. Die andere ist die Klerikerin Crysania, die davon überzeugt ist, die Seele des dunklen Magiers allein mit ihrem Glauben retten zu können. Zum Glück haben sie noch unerwartete Unterstützung: Der Kender Tolpan Barfuß wird sich dieses Abenteuer auf keinen Fall entgehen lassen!
Margaret Weis und Tracy Hickman gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autoren der Welt, seit sie Mitte der 80er-Jahre mit der unvergessenen Chronik der Drachenlanze den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Zwar haben sie sich gelegentlich – teils gemeinsam, teils allein – auch anderen Projekten zugewandt, doch sie sind immer wieder gerne ins Reich der Drachenlanze zurückgekehrt wie mit der neuen Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.
Erstmals auf Deutsch! Das Schicksal der Drachenlanze:
1. Drachen des Verrats
2. Drachen der Vorsehung
3. In Vorbereitung
Die Chronik der Drachenlanze:
1. Drachen des Zwielichts
2. Drachen der Nacht
3. Drachen der Dämmerung
Die Legenden der Drachenlanze:
1. Die Zeit der Zwillinge
2. Der Krieg der Zwillinge
3. Die Prüfung der Zwillinge
www.blanvalet.de
MARGARET WEIS & TRACY HICKMAN
Die Legenden der Drachenlanze 1
Roman
Deutsch von Marita Böhm
Die Originalausgabe erschien 1986 unter dem Titel »Time of the Twins (Dragonlance Legends 1)« bei TSR, Inc., Lake Geneva, WI, USA.Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Die Brüder« und »Die Stadt der Göttin« erschienen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Copyright der Originalausgabe © 1986 by TSR, Inc.
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All characters in this book are fictitious. Any resemblance to actual persons, living or dead, is purely coincidental. All Wizards of the Coast characters, character names, and the distinctive likenesses thereof, and all other Wizards trademarks are property of Wizards of the Coast LLC.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Michael Rahn
Covergestaltung: Isabelle Hirtz, nach einer Originalvorlage von Wizards of the Coast
Umschlagdesign: Tanya Matson
Umschlagillustration: Matt Stawicki
HK · Herstellung: fe
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-23853-7V001
www.blanvalet.de
Eine einsame Gestalt näherte sich leise der schwachen Lichtquelle. Man hörte sie nicht, ihr Schritt wurde von der sie umgebenden unermesslichen Dunkelheit verschluckt. Bertrem gönnte sich einen seltenen Augenblick des Genusses, als er auf die Reihen von Büchern und Schriftrollen blickte, die einen Teil der »Chroniken von Astinus« bildeten. Darin wurde die Geschichte dieser Welt, die Geschichte Krynns, ausführlich beschrieben.
Es ist, als ob man von der Zeit verschlungen wird, dachte er seufzend, während er die friedlichen, stummen Reihen betrachtete. Er wünschte kurz, dass er irgendwo andershin verschlagen würde, um sich nicht der schwierigen Aufgabe, die vor ihm lag, stellen zu müssen.
»Das ganze Wissen über diese Welt ist in diesen Büchern festgehalten«, sagte er sich nachdenklich. »Aber ich habe bisher noch kein Mittel gefunden, das mir das Eindringen in das Reich ihres Autors erleichtern würde.«
Bertrem blieb vor der Tür stehen und sammelte seinen Mut. Die fließenden Roben des Ästheten legten sich wie von selbst um ihn, fielen in ordentlichen Falten. Sein Magen jedoch weigerte sich, dem Beispiel der Roben zu folgen, und rotierte heftig. Bertrem fuhr mit einer Hand über seinen Schädel, eine nervöse Geste aus jüngeren Jahren, bevor seine Haare dem erwählten Beruf zum Opfer gefallen waren.
»Was quält mich nur?«, fragte er sich düster. Ja, das Zimmer des Meisters hatte er nicht mehr betreten seit … seit … Er schauderte. Ja, seit der junge Magier während des vergangenen Kriegs beinahe auf ihren Türstufen gestorben wäre.
Krieg … Veränderung, das war es. Wie seine Roben schien sich die Welt schließlich um ihn gelegt zu haben, aber er spürte wieder eine Veränderung nahen, wie er es vor zwei Jahren gespürt hatte. Er wünschte, er könnte sie aufhalten …
Bertrem seufzte. »Sicherlich werde ich ihn nicht aufhalten, wenn ich hier noch länger in der Dunkelheit herumstehe«, brummte er. Er fühlte sich ohnehin unbehaglich, als wäre er von Geistern umgeben. Ein helles Licht kam unter der Tür hervor und fiel in den Korridor. Der Ästhet warf schnell einen Blick zurück auf die Schatten der Bücher, die wie friedliche Leichen in ihren Gräbern in den Regalen ruhten, dann öffnete er schnell die Tür und betrat das Arbeitszimmer von Astinus von Palanthas.
Obwohl sich der Mann in dem Zimmer befand, sagte er kein Wort, sah auch nicht auf.
Mit leisem, gemessenem Schritt ging Bertrem über den prächtigen Teppich aus Schafwolle, der auf dem Marmorboden lag, und blieb vor dem großen, polierten Holzschreibtisch stehen. Lange Zeit sagte er nichts, beobachtete lediglich die Hand des Historikers, die den Federkiel mit festen, gleichmäßigen Zügen über das Pergament führte.
»Nun, Bertrem?« Astinus hielt im Schreiben nicht inne. Bertrem, der Astinus gegenüberstand, las das Geschriebene; obgleich verkehrt herum, ließ es sich leicht entziffern: »An diesem Tag, während die Dunkelwacht auf 29 ansteigt, betrat Bertrem mein Arbeitszimmer.«
»Crysania aus dem Haus Tarinius ist hier, um Euch zu sehen, Meister. Sie sagt, sie wird erwartet …« Bertrems Stimme wurde zu einem Flüstern; der Ästhet hatte schon sehr viel Mut aufgebracht, um ihn überhaupt anzusprechen.
Astinus schrieb weiter.
»Meister«, begann Bertrem zaghaft. »Ich … wir sind in Verlegenheit. Sie ist immerhin eine Verehrte Tochter Paladins, und ich … wir fanden es unmöglich, ihr den Eintritt zu verwehren. Was soll …«
»Führe sie in meine privaten Räume«, unterbrach ihn Astinus, ohne mit dem Schreiben aufzuhören oder aufzusehen.
Bertrems Zunge blieb am Gaumen kleben, sodass er einen Augenblick sprachlos verharrte. Die Buchstaben flossen aus dem Federkiel auf das weiße Pergament.
»An diesem Tag, während die Dunkelwacht auf 28 ansteigt, traf Crysania von Tarinius zu ihrer Verabredung mit Raistlin Majere hier ein.« »Raistlin Majere!«, keuchte Bertrem. Schrecken und Entsetzen lösten seine Zunge. »Sollen wir ihm etwa Einlass gewähren …« Jetzt sah Astinus auf, verärgert und gereizt zog er eine Braue hoch. Als seine Feder ihr ständiges Kratzen auf dem Pergament beendete, legte sich eine tiefe, unnatürliche Ruhe über den Raum. Bertrem erblasste. Das zeitlose, ewig junge Gesicht des Historikers hätte als gut aussehend bezeichnet werden dürfen. Aber niemand, der sein Gesicht gesehen hatte, erinnerte sich je daran. Man erinnerte sich nur an die Augen – dunkel, aufmerksam, sich ständig bewegend, alles aufnehmend. Diese Augen konnten aber auch eine unermessliche Ungeduld zum Ausdruck bringen; sie erinnerten Bertrem daran, dass die Zeit lief. Noch während die beiden sprachen, verrannen ganze Minuten der Geschichte, die nicht aufgezeichnet wurden. »Vergib mir, Meister!« Bertrem verbeugte sich in tiefer Ehrfurcht, dann zog er sich überstürzt aus dem Arbeitszimmer zurück und schloss beim Hinausgehen leise die Tür hinter sich. Draußen wischte er sich den rasierten, vor Schweiß glänzenden Schädel ab, dann eilte er in die stummen marmornen Korridore der Großen Bibliothek von Palanthas.
Astinus blieb in der Türöffnung zu seinem privaten Bereich stehen, sein Blick ruhte auf der Frau, die dort saß.
Der Privatbereich des Historikers lag im westlichen Flügel der Großen Bibliothek und war eher klein. Wie alle anderen Räume in der Bibliothek war er mit Büchern in allen möglichen Ausfertigungen und Einbänden gefüllt, die in den Regalen an den Wänden aufgereiht waren und dem Wohnraum wie ein seit Jahrhunderten versiegeltes Mausoleum einen modrigen Geruch verliehen. Die Einrichtung war spärlich und alt. Die hübsch geschnitzten Holzstühle waren hart und ungemütlich. Ein niedriger Tisch an einem Fenster war völlig frei von Verzierungen und Schreibmaterialien und spiegelte das Licht der Abendsonne auf seiner glatten schwarzen Oberfläche. Alles in dem Zimmer befand sich in vollkommener Ordnung. Selbst das Holz für das abendliche Feuer – die Spätfrühlingsnächte waren hier im tiefen Norden kühl – war ordentlich wie ein Scheiterhaufen aufgeschichtet.
So kalt und makellos das private Gemach des Historikers auch war, schien es doch nur die kalte, makellose Schönheit der Frau widerzuspiegeln, die dort mit gefalteten Händen saß und wartete.
Crysania von Tarinius wartete geduldig. Sie war weder nervös, noch seufzte sie oder sah häufig zu dem wasserbetriebenen Zeitmesser in einer Ecke. Sie las nicht – obgleich Astinus sicher war, dass Bertrem ihr ein Buch angeboten hatte. Sie schritt nicht im Zimmer auf und ab oder betrachtete die wenigen seltenen Verzierungen in den dunklen Winkeln der Bücherregale. Sie saß in einem geraden, unbequemen Holzstuhl, ihre klaren, hellen Augen waren auf die rotgefleckten Ränder der Wolken hoch über den Bergen gerichtet, als würde sie den Sonnenuntergang zum ersten – oder letzten – Mal auf Krynn beobachten.
Sie war in diese Aussicht hinter dem Fenster derart versunken, dass Astinus eintrat, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er musterte sie mit starkem Interesse. Das war für den Historiker nicht ungewöhnlich, da er alle Wesen auf Krynn mit dem gleichen unergründlichen, forschenden Blick betrachtete. Ungewöhnlich jedoch war, dass einen kurzen Augenblick ein Ausdruck des Mitleids und tiefen Kummers über das Gesicht des Historikers huschte.
Astinus zeichnete die Geschichte auf. Er hatte sie seit Beginn der Zeit aufgezeichnet, sie beim Verstreichen beobachtet und in seinen Büchern festgehalten. Er konnte die Zukunft nicht voraussagen, denn das war den Göttern vorbehalten. Aber er konnte alle Anzeichen der Veränderung spüren, die gleichen Anzeichen, die Bertrem so quälten. Während er dort stand, konnte er die Wassertropfen in dem Zeitmesser fallen hören. Wenn er seine Hand darunterhielt, konnte er zwar die Tropfen aufhalten, aber die Zeit würde trotzdem weiter verstreichen.
Seufzend wandte Astinus seine Aufmerksamkeit der Frau zu, von der er zwar gehört, der er aber niemals persönlich begegnet war.
Ihr Haar war schwarz, blauschwarz, schwarz wie das Wasser eines ruhigen Sees in der Nacht. Sie hatte es von einem zentralen Punkt aus streng nach hinten gekämmt und am Hinterkopf mit einem einfachen, schmucklosen Holzkamm befestigt. Die strenge Frisur passte eigentlich nicht zu ihren blassen, zarten Gesichtszügen, ließ die Blässe noch stärker hervortreten. Ihr Gesicht war völlig farblos. Ihre grauen Augen schienen fast zu groß. Selbst ihre Lippen waren blutleer.
Einige Jahre zuvor, als sie jung gewesen war, hatten die Diener das dichte schwarze Haar nach der neuesten Mode geflochten und gerollt, es mit silbernen und goldenen Nadeln hochgesteckt und mit glänzenden Juwelen geschmückt. Sie hatten ihre Wangen mit dem Saft zerstampfter Beeren getönt und sie in prächtige Gewänder in den blassesten Rosatönen und in Taubenblau eingekleidet. Einst war sie wunderschön gewesen. Einst hatten ihre Freier Schlange gestanden.
Jetzt trug sie ein weißes Kleid, wie es sich für eine Klerikerin Paladins gehörte. Es war schlicht, wenn auch aus edlem Stoff, und außer einem goldenen Gürtel um ihre schlanke Taille schmucklos. Ihr einziger Schmuck war der von Paladin – das Medaillon des Platindrachen. Das Haar wurde von einer lose sitzenden weißen Kapuze bedeckt, die die marmorne Glätte und Kälte ihres Gesichtes noch unterstrich.
Sie könnte aus Marmor sein, dachte Astinus, nur dass Marmor von der Sonne erwärmt werden kann.
»Ich grüße Euch, Verehrte Tochter Paladins«, sagte Astinus, der nun ganz eintrat und die Tür hinter sich schloss.
»Ich grüße Euch, Astinus«, antwortete Crysania von Tarinius und erhob sich.
Als sie in dem kleinen Zimmer auf ihn zuging, war Astinus etwas überrascht über ihren schnellen und fast männlichen Schritt. Er passte nicht so ganz zu ihren zarten Gesichtszügen. Auch ihr Händedruck war fest und stark, ganz anders als bei den palanthischen Frauen, die einem selten die Hand gaben und dann auch nur die Fingerspitzen reichten.
»Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, dass Ihr Eure wertvolle Zeit als neutraler Teilnehmer bei diesem Treffen opfert«, sagte Crysania kühl. »Ich weiß, dass Ihr Euch sehr ungern von Euren Studien entfernt.« »Solange es keine Zeitverschwendung ist, stört es mich nicht«, erwiderte Astinus, während er ihre Hand festhielt und sie eingehend betrachtete. »Doch muss ich zugeben, dass ich darüber verstimmt bin.«
»Warum?« Crysania musterte forschend und mit echter Verblüffung das ewig junge Gesicht des Mannes. Dann lächelte sie in plötzlicher Erkenntnis; es war ein kaltes Lächeln, das in ihrem Gesicht nicht mehr Leben erzeugte als das Mondlicht auf Schnee. »Ihr glaubt nicht, dass er kommen wird, nicht wahr?«
Astinus schnaubte wütend und ließ die Hand der Frau fallen, als ob er das Interesse an ihr völlig verloren hätte. Er wandte sich um, ging auf das Fenster zu und sah auf die Stadt Palanthas hinaus, deren weiß glänzende Gebäude im Sonnenlicht in atemberaubender Schönheit funkelten – mit einer Ausnahme. Ein Gebäude blieb von der Sonne selbst in der hellsten Mittagszeit unberührt.
Und auf diesem Gebäude ruhte Astinus’ Blick. Die schwarzen Steintürme, die sich aus dieser strahlenden, wunderschönen Stadt erhoben, krümmten und schlängelten sich, die Minarette – mit den Kräften der Magie vor Kurzem wiederaufgebaut – glitzerten blutrot im Sonnenuntergang; sie hatten das Aussehen verwester Skelettfinger.
»Vor zwei Jahren betrat er den Turm der Erzmagier«, sagte Astinus mit seiner ruhigen, leidenschaftslosen Stimme, als Crysania zu ihm ans Fenster trat. »Er betrat ihn mitten in der Nacht; der einzige Mond am Himmel war der Mond, der kein Licht verbreitet. Er ging durch den Eichenwald von Shoikan, ein Gehölz verfluchter Eichen, dem kein Sterblicher, nicht einmal ein Angehöriger des Volks der Kender, sich zu nähern wagt. Er ging zu den Toren, auf deren Widerhaken immer noch die Leiche des bösen Magiers aufgespießt war. Er hatte mit seinem letzten Atemzug den Turm mit dem Fluch belegt, sich aus den oberen Fenstern gestürzt und war von den Widerhaken der Tore durchbohrt worden. Aber als er kam, verbeugte sich der Wächter vor ihm, die Tore öffneten sich bei seiner Berührung und schlossen sich hinter ihm. Und in diesen zwei Jahren haben sie sich nicht wieder geöffnet. Er ist nicht fortgegangen, und falls jemand eingelassen wurde, so wurde er nicht gesehen. Und Ihr erwartet ihn … hier?«
»Der Herr über Vergangenheit und Gegenwart.« Crysania zuckte die Schultern. »Er kam, wie es vorausgesagt worden war.«
Astinus musterte sie erstaunt. »Ihr kennt die Geschichte?«
»Natürlich«, erwiderte die Klerikerin ruhig und sah kurz zu ihm hoch; dann richtete sie ihre klaren Augen wieder auf den Turm, der sich in nächtliche Schatten gehüllt hatte. »Ein guter General studiert immer den Feind, bevor er in die Schlacht zieht. Ich kenne Raistlin Majere sehr gut, in der Tat. Und ich weiß, er wird heute Abend kommen.«
Crysania starrte mit erhobenem Kinn weiterhin auf den scheußlichen Turm, ihre blutleeren Lippen zu einer geraden, gleichmäßigen Linie gepresst, ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt.
Astinus’ Gesicht wurde plötzlich ernst und nachdenklich, seine Augen trübten sich, obgleich seine Stimme kühl wie immer war. »Ihr scheint Euch sehr sicher zu sein, Verehrte Tochter. Woher wisst Ihr das?«
»Paladin hat zu mir gesprochen«, entgegnete Crysania, ohne ihren Blick vom Turm abzuwenden. »Mir erschien der Platindrache im Traum und sagte mir, dass das Böse – einst von der Welt verbannt – in der Person dieses schwarzen Zauberers Raistlin Majere zurückgekehrt sei. Wir stehen einer entsetzlichen Gefahr gegenüber, und mir wurde aufgetragen, sie abzuwehren.« Während Crysania sprach, wurde ihr Marmorgesicht weich, ihre grauen Augen leuchteten auf. »Es wird die Prüfung meines Glaubens sein, um die ich gebetet habe!« Sie blickte kurz zu Astinus. »Ich habe seit meiner Kindheit gewusst, dass es meine Bestimmung ist, eine große Tat zu vollbringen, der Welt und ihren Bewohnern einen großen Dienst zu erweisen. Das ist meine Gelegenheit.«
Astinus’ Gesicht wurde beim Zuhören noch ernster und strenger. »Und das hat Paladin Euch gesagt?«, fragte er scharf. Crysania, die den Zweifel des Mannes heraushörte, schürzte die Lippen. Eine winzige Linie zwischen ihren Brauen und eine noch größere Gelassenheit in ihrer Antwort waren jedoch die einzigen Anzeichen ihres Zornes.
»Es tut mir leid, darüber gesprochen zu haben, Astinus, verzeiht mir. Es war eine Angelegenheit zwischen meinem Gott und mir, und derart heilige Dinge sollten nicht erörtert werden. Ich wollte Euch nur versichern, dass dieser verruchte Mann kommen wird. Er kann nicht anders. Paladin wird ihn bringen.«
Astinus zog seine Augenbrauen dermaßen hoch, dass sie fast in seinem grauen Haar verschwanden.
»Dieser ›verruchte Mann‹, wie Ihr ihn bezeichnet, Verehrte Tochter, dient einer Göttin, die genauso mächtig ist wie Paladin – Takhisis, die Königin der Finsternis! Oder vielleicht sollte ich nicht ›dient‹ sagen«, bemerkte Astinus mit einem sarkastischen Lächeln. »Nicht bei ihm …«
Crysanias Braue klärte sich, ihr kühles Lächeln kehrte zurück. »Das Gute stellt sich von selbst wieder her«, antwortete sie sanft. »Das Böse richtet sich gegen sich selbst. Das Gute wird wieder triumphieren, so wie es im Krieg der Lanze gegen Takhisis und ihre schändlichen Drachen der Fall war. Mit Paladins Hilfe werde ich über das Böse triumphieren, wie der Held Tanis, der Halbelf, über die Königin der Finsternis triumphiert hat.«
»Tanis der Halbelf triumphierte mit der Hilfe von Raistlin Majere«, sagte Astinus gleichmütig. »Oder ist das ein Teil der Legende, den Ihr zu ignorieren gedenkt?«
Keine Gefühlsregung zeigte sich auf dem stillen, gelassenen Gesicht Crysanias. Ihr Blick war auf die Straße gerichtet.
»Seht, Astinus«, sagte sie leise. »Er kommt.«
Die Sonne ging hinter den fernen Bergen unter, der Himmel, von ihrem Nachglühen erleuchtet, war in ein edelsteingleiches Purpurrot getaucht. Diener traten geräuschlos ein und entzündeten das Feuer in Astinus’ kleiner Kammer. Und selbst das Feuer brannte geräuschlos, als ob die Flammen von dem Historiker angewiesen worden wären, die friedliche Stille in der Großen Bibliothek zu wahren. Crysania saß wieder auf dem unbequemen Stuhl, ihre Hände erneut in ihrem Schoß gefaltet. Äußerlich wirkte sie ruhig und kühl wie immer. Aber im Inneren schlug ihr Herz vor einer Aufregung, die nur in dem Leuchten ihrer grauen Augen sichtbar war.
In der adligen und reichen Familie Tarinius aus Palanthas geboren, einer Familie, die fast so alt wie die Stadt selbst war, hatte Crysania jeden Komfort genossen, den Geld und Rang verschaffen konnten. Intelligent und mit einem starken Willen begabt, wäre sie vermutlich zu einer dickköpfigen und eigensinnigen Frau herangewachsen. Ihre weisen und liebevollen Eltern jedoch hatten den Willen ihrer Tochter sorgfältig zurechtgestutzt, sodass er zu einem tiefen und beständigen Selbstbewusstsein gereift war. Crysania hatte in ihrem ganzen Leben nur einmal ihre in sie vernarrten Eltern enttäuscht, aber diese Enttäuschung war für sie sehr hart gewesen. Sie hatte sich von einer idealen Heirat mit einem adligen jungen Mann abgewandt, um ihr Leben in den Dienst lang vergessener Götter zu stellen. Sie hatte von dem Kleriker Elistan gehört, der am Ende des Krieges der Lanze nach Palanthas kam. Seine neue Religion – oder vielleicht sollte man sie lieber als alte Religion bezeichnen – verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf Krynn. Als sie zum ersten Mal zu einer Rede von Elistan ging, war Crysania skeptisch gewesen. Die junge Frau – sie war Mitte Zwanzig – war mit Geschichten aufgewachsen, in denen die Götter den Kataklysmus auf Krynn herbeigeführt hatten, indem sie das feurige Gebirge herabgeschleudert hatten, das das Land auseinanderriss und die heilige Stadt Istar in der Blutsee versinken ließ. Danach, so erzählte man sich, hätten sich die Götter von den Menschen abgewandt; sie wollten nichts mehr mit ihnen zu tun haben.
Crysania hatte sich vorgenommen, Elistan höflich zuzuhören, aber Argumente zurechtgelegt, um seinen Behauptungen entgegenzutreten.
Jedoch war sie von ihm positiv beeindruckt gewesen. Elistan stand in jener Zeit im Zenit seiner Kraft. Gut aussehend und kräftig, selbst im mittleren Alter, wirkte er wie einer der alten Kleriker, die – wie es in einigen Legenden hieß – mit dem mächtigen Ritter Huma in die Schlacht geritten waren. Crysania fand an jenem Abend Anlass, ihn zu bewundern. Es endete schließlich damit, dass sie vor seinen Füßen kniete und vor Demut und Freude weinte. Ihre Seele hatte schließlich den Anker gefunden, den sie gesucht hatte.
Die Götter hatten sich nicht von den Menschen abgewendet, hieß die Botschaft. Es waren die Menschen gewesen, die sich von den Göttern abgewendet hatten, da sie in ihrem Hochmut das gefordert haben, was Huma in Demut gesucht hatte. Am folgenden Tag gab Crysania ihr Heim, ihren Reichtum, ihre Diener, ihre Eltern und ihren Verlobten auf und zog in ein kleines Haus, das die Keimzelle des neuen Tempels war, den Elistan in Palanthas zu bauen plante.
Jetzt, zwei Jahre später, war Crysania eine Verehrte Tochter von Paladin, eine der wenigen Auserwählten, die für würdig erachtet wurden, die Kirche durch ihr schmerzhaftes Entwicklungsstadium zu führen. Es war gut, dass die Kirche dieses starke, junge Blut hatte. Elistan hatte sein Leben und seine Energie uneingeschränkt dafür eingesetzt. Nun schien es, dass der Gott, dem er so treu gedient hatte, seinen Kleriker bald an seine Seite rufen würde. Und wenn dieses traurige Ereignis eintreten sollte, so glaubten viele, würde Crysania seine Arbeit fortsetzen.
Sicherlich wusste Crysania, dass sie auf die Führerschaft der Kirche vorbereitet war, aber reichte das aus? Wie sie Astinus erzählt hatte, spürte die junge Klerikerin seit Langem, dass ihre Bestimmung in einem großen Dienst für die Welt lag. Die Kirche durch ihre tägliche Routine zu führen, da nun der Krieg zu Ende war, schien langweilig und banal. Täglich hatte sie zu Paladin gebetet, ihr eine schwierige Aufgabe zuzuteilen. Sie würde alles opfern, schwor sie, sogar ihr Leben im Dienst ihres verehrten Gottes.
Dann hatte sie die Antwort bekommen.
Jetzt wartete sie auf die weitere Entwicklung mit einem Eifer, den sie kaum unterdrücken konnte. Sie hatte keine Angst, nicht einmal davor, diesen Mann zu treffen, der angeblich die mächtigste Kraft des Bösen auf ganz Krynn darstellte. Wenn ihre Erziehung es gestattet hätte, würde sie ihre Lippen zu einem verächtlichen und höhnischen Grinsen verziehen. Welches Böse konnte dem mächtigen Schwert ihres Glaubens standhalten? Welches Böse konnte ihre glänzende Rüstung durchdringen?
Wie ein Ritter, der sich zu einem Turnier rüstet, geschmückt mit den Blumengirlanden seiner Geliebten, in dem Wissen, dass er mit diesem im Winde wehenden Pfand nicht verlieren kann, hielt Crysania ihre Augen starr auf die Tür gerichtet, eifrig auf die ersten Angriffe des Turniers wartend. Als sich die Tür öffnete, verkrampften sich ihre bis dahin ruhig gefalteten Hände vor Aufregung.
Bertrem trat ein. Seine Augen wanderten zu Astinus, der unbeweglich wie eine Steinsäule auf einem harten, unbequemen Stuhl am Feuer saß.
»Der Magier, Raistlin Majere«, sagte Bertrem. Seine Stimme versagte beinahe bei der letzten Silbe. Vielleicht dachte er an das letzte Mal, als er diesen Gast angekündigt hatte – als Raistlin auf den Stufen der Großen Bibliothek im Sterben gelegen und Blut erbrochen hatte. Astinus runzelte die Stirn über Bertrems mangelnde Selbstbeherrschung, und der Ästhet verließ das Zimmer, so schnell es seine flatternden Roben erlaubten.
Crysania hielt unbewusst den Atem an. Zuerst sah sie nichts, nur einen dunklen Schatten im Türeingang, als ob die Nacht selbst Gestalt angenommen hätte. Die Dunkelheit rührte sich nicht.
»Tritt ein, mein alter Freund«, sagte Astinus mit seiner tiefen, leidenschaftslosen Stimme.
Der Schatten wurde von einem Schimmer erleuchtet, der Schein des Feuers fiel auf samtweiche schwarze Roben, und dann erstrahlten winzige Lichtfunken von den silbernen Fäden der in die Samtkapuze eingestickten Runen. Einen kurzen Augenblick war von der Gestalt nur eine dünne, fast skelettartige Hand sichtbar, die einen Holzstab umklammerte. An der Spitze des Stabes saß eine Kristallkugel, die von einer eingeschnitzten goldenen Drachenklaue umfasst wurde.
Als die Gestalt das Zimmer betrat, spürte Crysania einen eisigen Schauer der Enttäuschung. Sie hatte Paladin um eine schwierige Aufgabe gebeten! Welches Böse war hier zu bekämpfen? Jetzt, wo sie ihn deutlich erkennen konnte, sah sie einen zerbrechlichen, hageren Mann, die Schultern leicht gebeugt, der sich beim Gehen auf seinen Stab stützte, als ob er sich ohne seine Hilfe nicht bewegen könnte. Sie kannte sein Alter, er war jetzt ungefähr achtundzwanzig Jahre alt. Doch bewegte er sich wie ein Neunzigjähriger – seine Schritte waren langsam und bedächtig, ja sogar schwankend.
Was ist das für eine Glaubensprüfung, diese erbärmliche Kreatur zu besiegen?, fragte Crysania im Stillen erbittert Paladin. Ich muss ihn gar nicht bekämpfen. Er wird von seiner eigenen Bösartigkeit verzehrt!
Mit dem Rücken zu Crysania stand Raistlin nun Astinus gegenüber und schob seine schwarze Kapuze zurück. »Ich grüße dich, Unsterblicher«, sagte er mit sanfter Stimme zu Astinus.
»Ich grüße dich, Raistlin Majere«, antwortete Astinus, ohne sich zu erheben. In seiner Stimme lag ein spöttischer Ton, als tausche er mit dem Magier einen geheimen Witz aus. Astinus machte eine Handbewegung. »Darf ich Crysania aus dem Haus Tarinius vorstellen?«
Raistlin drehte sich um.
Crysania keuchte, ein schrecklicher Schmerz in der Brust schnürte ihre Kehle zu, und einen Augenblick konnte sie nicht atmen. Scharfe, beißende Nadeln stachen in ihre Fingerspitzen, Eiseskälte zuckte durch ihren Körper. Ohne sich dessen bewusst zu sein, wich sie auf ihrem Stuhl zurück, ihre Hände verkrampften sich, ihre Nägel gruben sich in ihr taubes Fleisch. Alles, was sie sah, waren zwei goldene Augen, die aus den Tiefen der Dunkelheit leuchteten. Die Augen waren wie goldene Spiegel, die von der hinter ihnen wohnenden Seele nichts enthüllten. Mit entrücktem Entsetzen starrte Crysania auf die dunklen Pupillen. Sie hatten die Form von Stundengläsern! Und das Gesicht … von Leiden verzerrt, vom Schmerz der gequälten Existenz gekennzeichnet, die der junge Mann sieben Jahre lang geführt hatte, seitdem die grausigen Prüfungen im Turm der Erzmagier seinen Körper zerschmettert und mit golden gefärbter Haut zurückgelassen hatten. Das Gesicht des Magiers wirkte wie eine metallene Maske, undurchdringlich, gefühllos wie die Klaue des goldenen Drachen an seinem Stab.
»Verehrte Tochter Paladins«, sagte er mit einer sanften Stimme, die von Achtung und sogar Ehrfurcht erfüllt war.
Crysania erschrak, starrte ihn erstaunt an. Damit hatte sie keineswegs gerechnet.
Dennoch konnte sie sich nicht bewegen. Sein Blick hielt sie gefangen, und sie fragte sich voller Panik, ob er einen Zauber gewirkt habe. Da er ihre Angst offenbar spürte, ging er durch das Zimmer auf sie zu und blieb vor ihr wie in einer beschützenden Haltung stehen. Als sie aufblickte, konnte sie den Schein des Feuers in seinen goldenen Augen sehen.
»Verehrte Tochter Paladins«, wiederholte Raistlin; seine sanfte Stimme hüllte Crysania wie mit der samtenen Schwärze seiner Roben ein. »Ich hoffe, es geht Euch gut?« Aber nun vernahm sie in der Stimme zynischen Spott. Das hatte sie erwartet, darauf war sie vorbereitet. Sein anfänglicher Ton des Respektes hatte sie überrumpelt, gestand sie sich wütend, aber ihre anfängliche Schwäche war verschwunden. Als sie sich erhob und ihre Augen sich auf gleicher Ebene mit seinen befanden, umklammerte sie unbewusst mit ihrer Hand das Medaillon Paladins. Die Berührung des kühlen Metalls flößte ihr Mut ein.
»Ich glaube nicht, dass wir bedeutungslose Konversation austauschen müssen«, bemerkte Crysania spröde; ihr Gesicht war wieder glatt und kalt. »Wir halten Astinus von seiner Arbeit ab. Er wird das Ende unseres Treffens mit Freuden begrüßen.«
»Dem kann ich nur zustimmen«, sagte der schwarz gekleidete Magier mit einem leichten Kräuseln seiner schmalen Lippen, das man als ein Lächeln verstehen konnte. »Auf deine Bitte hin bin ich gekommen. Was willst du von mir?«
Crysania spürte, dass er sie insgeheim auslachte. Daran gewöhnt, nur mit dem höchsten Respekt behandelt zu werden, steigerte sich ihr Zorn nur noch. Sie musterte ihn mit kalten Augen. »Ich bin gekommen, dich zu warnen, Raistlin Majere. Deine verruchten Pläne sind Paladin bekannt. Hüte dich, oder er wird dich vernichten.«
»Wie?«, fragte Raistlin abrupt, und seine seltsamen Augen flammten auf. »Wie will er mich vernichten?«, wiederholte er. »Blitze? Überschwemmung und Feuer? Vielleicht ein weiteres flammendes Gebirge?« Er trat einen Schritt näher.
Crysania bewegte sich von ihm weg auf ihren Stuhl zu. Sie ging um den Stuhl herum und umklammerte fest die harte Holzlehne, dann wandte sie sich wieder ihm zu und sah ihn an. »Es ist dein eigener Untergang, über den du dich lustig machst«, erwiderte sie ruhig.
Raistlin hielt seine Lippen gekräuselt, sprach aber weiter, als hätte er ihre Worte nicht vernommen. »Elistan?« Raistlins Stimme sank zu einem zischenden Flüstern herab. »Er will Elistan schicken, mich zu vernichten?« Der Magier zuckte die Schultern. »Aber nein, sicherlich nicht. Nach allen Berichten ist der große und heilige Kleriker Paladins müde, schwach, dem Tode nahe …«
»Nein!«, schrie Crysania, biss sich dann wütend auf die Lippe, da dieser Mann sie verleitet hatte, ihre Gefühle zu zeigen. Sie hielt inne, holte tief Luft. »Paladins Wege dürfen nicht infrage gestellt oder lächerlich gemacht werden«, sagte sie mit eisiger Ruhe, aber sie konnte nicht verhindern, dass sich in ihre Stimme ein kaum bemerkbarer sanfter Ton einschlich. »Und Elistans Gesundheit ist nicht deine Angelegenheit.«
»Vielleicht hege ich ein größeres Interesse an seiner Gesundheit, als du dir vorstellen kannst«, erwiderte Raistlin mit einem, wie Crysania meinte, höhnischen Lächeln.
Crysania fühlte das Blut in ihren Schläfen pochen. Während er sprach, trat der Magier ebenfalls hinter den Stuhl. Er war Crysania nun so nahe, dass sie spürte, wie eine seltsame, unnatürliche Wärme von seinem Körper durch die schwarzen Roben ausstrahlte. Sie konnte einen schwachen, angenehmen Duft wahrnehmen. Etwas Würziges … Seine magischen Ingredienzien, wurde ihr plötzlich klar. Der Gedanke verursachte ihr Übelkeit. Mit dem Medaillon Paladins in der Hand, dessen scharfe Ränder in ihr Fleisch stachen, wich sie vor ihm zurück. »Paladin ist mir im Traum erschienen …«, sagte sie hochmütig.
Raistlin lachte.
Es gab nur wenige, die den Magier jemals hatten lachen hören, und diese erinnerten sich immer daran, hörten es in ihren dunkelsten Träumen. Es war dünn, hoch und scharf wie eine Klinge. Es leugnete alles Gute, machte sich über alles Wahrhaftige lustig und bohrte sich in Crysanias Seele.
»Nun gut«, sagte Crysania, die ihn mit einer Verachtung anstarrte, dass sich ihre hellen grauen Augen zu einem Stahlblau verhärteten. »Ich habe mein Bestes getan, um dich von diesem Kurs abzuhalten. Ich habe dich aufrichtig gewarnt. Deine Vernichtung liegt nun in den Händen der Götter.«
Plötzlich, vielleicht weil er die Furchtlosigkeit erkannte, mit der sie ihm antwortete, hörte Raistlin zu lachen auf. Als er sie aufmerksam musterte, verengten sich seine goldenen Augen. Dann lächelte er, ein geheimes, inneres Lächeln aus einer so seltsamen Freude heraus, dass Astinus, der den Austausch der beiden beobachtet hatte, sich erhob. Der Historiker stellte sich vor das Feuer. Sein Schatten fiel über beide. Raistlin zuckte fast beunruhigt zusammen. Er drehte sich halb um und musterte Astinus mit einem glühenden, drohenden Blick.
»Hüte dich, alter Freund«, warnte der Magier, »oder willst du in die Geschichte eingreifen?«
»Ich greife nicht ein«, entgegnete Astinus, »wie du wohl weißt. Ich bin nur Beobachter, zeichne nur auf. In allen Dingen bin ich neutral. Ich kenne deine Intrigen, deine Pläne, so wie ich die Intrigen und Pläne aller kenne. Darum höre auf mich, Raistlin Majere, und achte diese Warnung nicht gering. Diese Frau wird von den Göttern geliebt – so wie schon ihr Name sagt.«
»Von den Göttern geliebt? Werden wir das nicht alle, Verehrte Tochter?«, fragte Raistlin und wandte sein Gesicht wieder Crysania zu. Seine Stimme war so weich wie der Samt seiner Roben. »Steht das nicht auf den Scheiben der Mishakal geschrieben? Ist es nicht das, was der göttliche Elistan lehrt?«
»Ja«, antwortete Crysania gedehnt, ihn argwöhnisch musternd, weiteren Spott erwartend. Aber sein metallenes Gesicht blieb ernst, er wirkte plötzlich wie ein Gelehrter – intelligent, weise. »So steht es geschrieben.« Sie lächelte kühl. »Es gefällt mir, dass du die heiligen Scheiben gelesen hast, obgleich du offensichtlich nichts daraus gelernt hast. Erinnerst du dich, was geschrieben steht …« Sie wurde von Astinus’ Schnauben unterbrochen.
»Ich wurde lang genug von meinen Studien abgehalten.« Der Historiker ging über den Marmorboden zur Tür des Vorzimmers. »Läutet nach Bertrem, wenn ihr zum Aufbruch bereit seid. Leb wohl, Verehrte Tochter. Leb wohl … mein alter Freund.«
Astinus öffnete die Tür. Die friedliche Stille der Bibliothek strömte in das Zimmer und tauchte Crysania in eine erfrischende Kühle. Sie hatte sich wieder unter Kontrolle und entspannte sich. Ihre Hand ließ das Medaillon los. Den Regeln entsprechend, verbeugte sie sich anmutig vor Astinus. Auch Raistlin verbeugte sich. Und dann schloss sich die Tür hinter dem Historiker. Die beiden waren allein.
Lange Zeit sprach keiner. Dann wandte sich Crysania, die Paladins Kraft durch ihren Körper strömen spürte, Raistlin zu.
»Ich hatte vergessen, dass du es warst und deine Gefolgsleute, die die heiligen Scheiben zurückerobert haben. Du musst sie natürlich gelesen haben. Ich würde gern mit dir darüber weiter diskutieren, aber in allen künftigen Verhandlungen, die wir vielleicht führen werden, Raistlin Majere«, sagte sie mit ihrer kühlen Stimme, »bitte ich dich, über Elistan mit mehr Respekt zu reden. Er …« Sie hielt verblüfft inne und beobachtete beunruhigt, wie der schlanke Körper des Magiers vor ihren Augen zu kollabieren schien.
Von Hustenanfällen gepeinigt, seine Brust umklammernd, keuchte Raistlin nach Luft. Er taumelte. Wenn er sich nicht auf seinen Stab gestützt hätte, wäre er auf den Boden gestürzt. Ihre Abneigung und ihren Ekel vergessend, streckte Crysania ihre Hände aus, legte sie auf seine Schultern und murmelte dabei ein Heilgebet. Die schwarzen Roben fühlten sich weich und warm an. Sie konnte Raistlins Muskeln spüren, die sich in Krämpfen verzogen, seinen Schmerz und sein Leiden spüren. Mitleid erfüllte ihr Herz.
Raistlin löste sich von ihrer Berührung, schob sie zur Seite. Sein Husten besserte sich allmählich. Als er wieder frei atmen konnte, musterte er sie mit Verachtung.
»Verschwende deine Gebete nicht an mich, Verehrte Tochter«, sagte er verbittert. Er zog ein weiches Tuch aus seinen Roben und tupfte seine Lippen ab; Crysania sah, dass es mit Blut befleckt war. »Gegen meine Krankheit gibt es kein Mittel. Das ist der Preis, den ich für meine Magie bezahlt habe.«
»Ich verstehe nicht«, murmelte sie. Ihre Hände zuckten, als sie sich lebhaft an die samtene, weiche Glätte der schwarzen Roben erinnerte, und unbewusst hielt sie sie hinter ihrem Rücken.
»Nicht?«, fragte Raistlin und starrte mit seinen seltsamen goldenen Augen tief in ihre Seele. »Was hast du für deine Kraft geopfert?«
Eine schwache Röte, kaum sichtbar im Schein des sterbenden Feuers, zog sich über Crysanias Wangen. Beunruhigt über dieses Eindringen in ihre Existenz wandte sie ihr Gesicht ab, ihre Augen wanderten wieder zum Fenster. Die Nacht hatte sich über Palanthas gesenkt. Der silberne Mond, Solinari, stand wie ein heller Splitter am dunklen Himmel. Der rote Mond, sein Partner, war noch nicht aufgegangen. Der schwarze Mond … Sie ertappte sich bei der Frage, wo er wohl war. Konnte er ihn wirklich sehen?
»Ich muss gehen«, sagte Raistlin, sein Atem rasselte in seiner Kehle. »Diese Anfälle schwächen mich. Ich brauche Ruhe.«
»Gewiss.« Crysania hatte ihre Gelassenheit wiedergewonnen, und sie drehte sich zu ihm um. »Ich danke dir für dein Kommen«
»Aber unser Handel ist noch nicht beendet«, unterbrach Raistlin sie sanft. »Ich wünsche mir eine Gelegenheit, dir zu beweisen, dass die Befürchtungen deines Gottes unbegründet sind. Ich habe eine Idee. Besuch mich doch im Turm der Erzmagier. Dort wirst du mich bei meinen Büchern vorfinden und meine Studien verstehen. Und dann wirst du dich beruhigen. So wie es in den Scheiben gelehrt wird, fürchten wir nur das Unbekannte.« Er trat einen Schritt näher zu ihr.
Erstaunt über seinen Vorschlag riss Crysania die Augen weit auf. Sie versuchte, sich von ihm zu entfernen, aber mit dem Fenster im Rücken war sie nun in die Falle geraten. »Ich kann nicht … zum Turm«, stammelte sie, als seine Nähe ihr den Atem raubte. Sie versuchte, an ihm vorbeizugelangen, aber er bewegte leicht seinen Stab und versperrte ihr den Weg. Raistlin streckte seine Hand aus und hielt Crysania fest. »Wie mutig du bist, Verehrte Tochter«, bemerkte er. »Du zitterst nicht einmal bei meiner verruchten Berührung.«
»Paladin ist mit mir«, erwiderte Crysania hochmütig. Raistlin lächelte, ein warmes Lächeln, dunkel und geheimnisvoll. Es faszinierte Crysania. Er zog sie näher zu sich. Dann ließ er sie los. Er lehnte den Stab gegen den Stuhl und ergriff ihren Kopf mit seinen schlanken Armen. Jetzt zitterte Crysania, aber sie konnte sich nicht bewegen, konnte nicht sprechen oder überhaupt etwas tun, außer ihn mit einer wilden Angst anstarren, die sie weder unterdrücken noch verstehen konnte.
Raistlin hielt sie fest, beugte sich zu ihr und fuhr mit seinen blutbefleckten Lippen über ihre Stirn. Dabei murmelte er seltsame Worte. Dann ließ er sie los.
Crysania taumelte, stürzte fast. Sie fühlte sich schwach und benommen. Ihre Hand fuhr zu ihrer Stirn, die nach der Berührung seiner Lippen in einem sengenden Schmerz brannte.
»Was hast du mir getan?«, rief sie verloren. »Du kannst keinen Zauber gegen mich wirken! Mein Glaube beschützt …«
»Natürlich.« Raistlin seufzte müde, in seinem Gesicht und in seiner Stimme lag ein Ausdruck der Trauer, die Trauer eines Menschen, der ständig verdächtigt und missverstanden wird. »Ich habe dir lediglich einen Zauber geschenkt, der dich durch den Eichenwald von Shoikan geleitet. Der Weg wird nicht einfach sein.« Sein Sarkasmus kehrte zurück. »Aber dein Glaube wird dich beschützen!«
Der Magier zog seine Kapuze dicht über die Augen, dann verbeugte er sich vor Crysania, die ihn nur anstarren konnte, und ging mit langsamen, schwankenden Schritten zur Tür. Er streckte seine Skeletthand aus und zog am Klingelzug. Die Tür öffnete sich, und Bertrem trat so plötzlich ein, dass er wohl draußen Wache gestanden hatte. Ihre Lippen zogen sich zusammen. Sie warf dem Ästheten einen so wütenden, herrischen Blick zu, dass der Mann erblasste.
Raistlin wollte gerade gehen, als Crysania ihn aufhielt. »Ich entschuldige mich, dass ich dir nicht vertraut habe, Raistlin Majere«, sagte sie sanft. »Und ich danke dir nochmals für dein Kommen.«
Raistlin drehte sich um. »Und ich entschuldige mich für meine scharfe Zunge«, sagte er. »Leb wohl, Verehrte Tochter. Wenn du wirklich keine Furcht vor dem Wissen hast, dann besuche mich im Turm – in zwei Nächten von dieser Nacht an gerechnet, wenn Lunitari zuerst am Himmel erscheint.«
»Ich werde kommen«, antwortete Crysania bestimmt und bemerkte mit Vergnügen Bertrems entsetzten Blick. Sie nickte ihm zum Abschied zu, während ihre Hand auf der Rücklehne des mit Verzierungen versehenen Holzstuhles ruhte.
Der Magier verließ das Zimmer, Bertrem folgte ihm und schloss die Tür hinter sich.
Crysania, nun allein in dem warmen, friedlichen Zimmer, fiel vor dem Stuhl auf die Knie. »Oh, ich danke dir, Paladin!«, keuchte sie. »Ich nehme die Herausforderung an. Ich werde dich nicht enttäuschen! Ich werde nicht versagen!«
Hinter sich hörte sie das Geräusch von Klauenfüßen, die durch das Laub im Wald scharrten. Tika spannte sich an, versuchte jedoch, vorzugeben, sie hätte nichts gehört, um die Kreatur anzulocken. Das Schwert hielt sie fest in ihrer Hand. Ihr Herz schlug heftig. Immer näher kamen die Schritte, jetzt konnte sie das scharfe Atmen vernehmen. Eine Klauenhand berührte ihre Schulter. Tika wirbelte herum, schwang ihr Schwert und – stieß ein Tablett mit Krügen zu Boden.
Dezra kreischte auf und sprang erschrocken zurück. An der Theke sitzende Stammgäste brachen in raues Gelächter aus. Tika war sich bewusst, dass ihr Gesicht so rot wie ihr Haar sein musste. Ihr Herz pochte, ihre Hände zitterten. »Dezra«, sagte sie kühl, »du hast die Anmut und den Verstand eines Gossenzwergs. Vielleicht solltest du mit Raf den Platz tauschen. Du bringst den Abfall hinaus, und ich lasse ihn die Gäste bedienen!«
Dezra, die sich hingekniet hatte, um die in einem Biersee schwimmenden Scherben aufzusammeln, sah hoch. »Vielleicht sollte ich das!«, schrie die Kellnerin und warf dabei die Scherben wieder auf den Boden. »Bedien doch selbst an den Tischen … oder ist das jetzt unter deiner Würde, Tika Majere, Heldin der Lanze?« Sie warf Tika einen verletzten, vorwurfsvollen Blick zu, erhob sich, stieß mit den Füßen die Scherben aus ihrem Weg und stürzte aus dem Wirtshaus.
Die Tür blieb offen stehen und ließ das Licht des verblassenden Nachmittags in das Wirtshaus fluten. Die rötliche Glut der untergehenden Sonne leuchtete auf dem frisch polierten Holz der Theke und funkelte in den Gläsern. Sie tanzte sogar auf der Pfütze am Boden. Sie berührte neckend wie die Hand eines Geliebten Tikas feuerrote Locken und ließ viele der Stammkunden schmachtend auf die attraktive Frau starren.
Doch das bemerkte Tika nicht. Jetzt über ihren Zorn beschämt, spähte sie aus dem Fenster und sah Dezra, die ihre Augen mit der Schürze abwischte. Ein Gast trat durch die offene Tür und schloss sie hinter sich. Das Licht verschwand und ließ das Wirtshaus wieder in einer kühlen Dunkelheit zurück.
Tika fuhr mit einer Hand über ihre Augen. In was für ein Ungeheuer verwandle ich mich?, fragte sie sich zerknirscht. Denn es war überhaupt nicht Dezras Schuld gewesen. Es ist dieses entsetzliche Gefühl in mir! Ich wünsche mir fast, es gäbe hier Drakonier, gegen die man kämpfen könnte. Dann wüsste ich zumindest, wovor ich Angst hätte, zumindest könnte ich sie mit meinen eigenen Händen angreifen! Wie kann ich etwas bekämpfen, das ich nicht einmal benennen kann?
Stimmen unterbrachen ihre Gedanken, man verlangte nach Bier, nach Essen. Gelächter hallte durch das Wirtshaus zur letzten Bleibe.
Um das zu finden, bin ich zurückgekehrt. Tika schniefte und putzte sich die Nase mit dem Thekenlappen. Das ist meine Heimat. Diese Leute sind genauso wunderschön und warm wie die untergehende Sonne. Ich bin von Liebe umgeben, von Gelächter, guter Kameradschaft, einem Hund …
Tika stöhnte auf und eilte hinter der Theke hervor. »Raf!«, rief sie und starrte den Gossenzwerg verzweifelt an.
»Bier verschüttet. Ich sauber machen«, sagte er, während er sie ansah und fröhlich mit der Hand über den Mund wischte.
Mehrere Stammkunden lachten, aber einige neue Gäste starrten den Gossenzwerg voll Abscheu an.
»Nimm den Lappen zum Aufwischen!«, zischte Tika aus dem Mundwinkel, während sie die Gäste um Entschuldigung bittend anlächelte. Sie warf Raf den Thekenlappen zu, und der Gossenzwerg fing ihn auf. Aber er hielt ihn nur in der Hand und starrte ihn mit verwirrtem Gesichtsausdruck an.
»Was ich tun damit?«
»Die Pfütze aufwischen!«, keifte Tika, während sie erfolglos versuchte, ihn mit ihrem langen Rock vor der Kundschaft abzuschirmen.
»Oh! Ich das nicht brauchen«, erklärte Raf feierlich. »Ich nicht machen hübschen Lappen schmutzig.« Er reichte Tika das Tuch zurück, ließ sich auf alle viere nieder und begann das verschüttete Bier aufzulecken, das sich inzwischen mit Schmutz vermischt hatte.
Tika langte mit glühenden Wangen nach unten, zog Raf am Kragen hoch und schüttelte ihn. »Nimm den Lappen!«, flüsterte sie ihm aufgebracht zu. »Den Gästen vergeht der Appetit! Und wenn du damit fertig bist, möchte ich, dass du den großen Tisch neben der Feuerstelle sauber machst. Ich erwarte Freunde …« Sie brach ab.
Raf starrte sie mit großen Augen an und versuchte, ihre komplizierten Anweisungen zu verdauen. Er war eine Ausnahme, was Gossenzwerge anbelangte. Er war erst drei Wochen hier, und Tika hatte ihm schon beigebracht, bis drei zu zählen – nur wenige Gossenzwerge schafften es über zwei hinaus –, und war seinen Gestank losgeworden. Dieses neu erworbene, überragende Wissen und dazu diese Sauberkeit hätten ihn in einem Gossenzwergenreich zu einem König gemacht, aber Raf hegte derartige Ambitionen nicht. Er wusste, kein König lebte so wie er – verschüttetes Bier »aufwischen« und den Abfall hinausbringen. Aber Rafs Begabung hatte Grenzen, und die hatte Tika gerade erreicht.
»Ich erwarte Freunde und …«, fing sie aufs Neue an, dann gab sie auf. »Oh, mach dir nichts draus. Mach das hier einfach sauber – mit dem Lappen«, fügte sie streng hinzu, »dann komm zu mir, und ich sage dir, was du dann zu tun hast.«
»Ich nicht trinken?«, begann Raf, dann fing er Tikas zornigen Blick auf. »Ich tun.« Seufzend nahm er wieder den Lappen an sich, klatschte ihn auf den Boden und murmelte dabei etwas wie »gutes Bier verschwenden«. Dann hob er die Scherben der zerbrochenen Krüge auf, und nachdem er sie kurz angestarrt hatte, grinste er und steckte sie in die Taschen seines Hemdes.
Tika fragte sich kurz, was er wohl damit zu tun gedachte, wusste aber, es war klüger, nicht nachzufragen. Sie kehrte zur Theke zurück, nahm einige Krüge, füllte sie und versuchte dabei, zu übersehen, dass sich Raf an einigen spitzen Scherben geschnitten hatte, sich jetzt zurücklehnte und mit wachem Interesse beobachtete, wie das Blut von seiner Hand tropfte.
»Hast du … Caramon gesehen?«, fragte Tika beiläufig den Gossenzwerg.
»Nö.« Raf wischte mit seiner blutigen Hand über sein Haar.
»Aber ich wissen, wo zu sehen.« Er sprang eifrig auf. »Ich suchen?«
»Nein!«, schnappte Tika stirnrunzelnd. »Caramon ist zu Hause.«
»Ich nicht so denken«, entgegnete Raf kopfschüttelnd. »Nicht, wenn Sonne untergeht …«
»Er ist zu Hause!« Tika fuhr ihn so wütend an, dass der Gossenzwerg zurückwich.
»Willst du Wette machen?«, murmelte Raf ganz leise. In diesen Tagen war Tikas Stimmung genauso hitzig wie ihr feuerrotes Haar.
Zu Rafs Glück hörte Tika ihn nicht. Sie hatte die Bierkrüge gefüllt und trug das Tablett zu einer großen Gruppe von Elfen, die in der Nähe der Tür saßen.
Ich erwarte Freunde, wiederholte sie insgeheim. Teure Freunde. Einst wäre sie so aufgeregt, so ungeduldig gewesen, Tanis und Flusswind zu sehen. Jetzt … Sie seufzte und servierte die Bierkrüge, ohne sich bewusst zu sein, was sie tat. Im Namen der wahren Götter, betete sie, lass sie kommen und schnell wieder gehen! Ja, vor allem schnell wieder gehen! Wenn sie bleiben … Wenn sie herausfinden …
Tikas Herz sank bei diesem Gedanken. Ihre Unterlippe zitterte. Wenn sie blieben, war es das Ende. Schlicht und einfach. Ihr Leben würde vorbei sein. Der Schmerz war plötzlich stärker, als sie ertragen konnte. Sie stellte eilig den letzten Bierkrug ab und verließ die Elfen mit blinzelnden Augen. Sie bemerkte nicht die amüsierten Blicke, die die Elfen austauschten, während sie auf die Bierkrüge starrten, und sie erinnerte sich überhaupt nicht, dass sie alle Wein bestellt hatten. Von ihren Tränen halbblind, war Tikas einziger Gedanke, in die Küche zu flüchten, wo sie ungestört weinen konnte. Die Elfen sahen sich nach einer anderen Bedienung um, und Raf, vor Zufriedenheit seufzend, ging wieder auf Hände und Knie und schlürfte glücklich das restliche Bier auf.
Tanis, der Halbelf, stand am Fuß eines kleinen Hügels und starrte auf die lange, geradlinige, schlammige Straße, die sich vor ihm erstreckte. Die Frau, die er begleitete, und ihre Reittiere warteten in einiger Entfernung hinter ihm. Die Frau hatte, wie auch die Pferde, eine Pause nötig gehabt. Obgleich ihr Stolz sie abgehalten hatte, ein Wort zu sagen, sah Tanis, dass ihr Gesicht vor Erschöpfung grau und eingefallen war. In der Tat war sie heute im Sattel eingenickt und wäre vom Pferd gefallen, hätte Tanis’ starker Arm sie nicht aufgefangen. Folglich hatte sie keinen Einspruch erhoben, als Tanis erklärte, er wolle die Straße allein auskundschaften, obgleich sie eifrig bemüht war, ihr Ziel baldmöglichst zu erreichen. Er half ihr vom Pferd und sah, wie sie es sich in einem Dickicht bequem machte.
Er hatte kein gutes Gefühl, sie allein zurückzulassen, spürte aber, dass die dunklen Kreaturen, die sie verfolgten, weit zurückgefallen waren. Sein Drängen auf Schnelligkeit hatte sich bezahlt gemacht, obgleich ihn und die Frau der ganze Körper schmerzte und sie völlig erschöpft waren. Tanis hoffte, dass er genügend Vorsprung hatte, um seine Begleiterin der Person auf Krynn übergeben zu können, die in der Lage wäre, ihr zu helfen.
Sie waren seit Tagesanbruch geritten, vor einem Entsetzen fliehend, das sie seit ihrem Aufbruch in Palanthas verfolgt hatte. Was es genau war, konnte Tanis – trotz all seiner Erfahrungen während des Krieges – nicht erkennen. Und dadurch wurde die ganze Angelegenheit noch beängstigender. Zu einer Konfrontation war es nicht gekommen, man konnte nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen, dass dieses Grauen nach irgendetwas suchte. Seine Begleiterin hatte es auch gespürt, aber typischerweise war sie zu stolz gewesen, ihre Angst zuzugeben.
Als er sich vom Dickicht entfernte, fühlte sich Tanis schuldig. Er sollte keine wertvolle Zeit verschwenden. Seine Kriegerinstinkte protestierten. Aber es gab eine Sache, die er erledigen musste, und er musste sie allein erledigen.
Und so stand Tanis am Fuße des Hügels, rief seinen ganzen Mut zusammen, um weitergehen zu können. Hätte ihn jemand gesehen, hätte er vermutet, dass er gegen einen Oger kämpfen wollte. Aber das war nicht der Fall. Tanis, der Halbelf, kehrte nach Hause zurück. Und er sehnte und fürchtete sich zugleich vor dem ersten Anblick.
Die Nachmittagssonne begann ihre Reise zur Nacht hin. Er würde das Wirtshaus erst nach Anbruch der Dunkelheit erreichen, und ihm graute davor, nachts auf den Straßen zu reisen. Aber dort würde die albtraumhafte Reise beendet sein. Er würde die Frau fähigen Händen überlassen und nach Qualinesti weiterreisen. Aber zuerst musste er sich dieser Angelegenheit stellen. Mit einem tiefen Seufzer zog Tanis, der Halbelf, seine grüne Kapuze über den Kopf und begann den Anstieg.
Als er den Hügel erklomm, fiel sein Blick auf einen großen, moosbedeckten Findling. Kurz wurde er von seinen Erinnerungen überwältigt. Er schloss die Augen, spürte brennende Tränen unter seinen Lidern.
»Blödsinnige Suche«, hörte er die Stimme des Zwergs in seinem Gedächtnis widerhallen. »Das Dümmste, worauf ich mich je eingelassen habe!«
Flint! Mein alter Freund!
Ich kann nicht weitergehen, dachte Tanis. Es ist zu schmerzvoll. Warum habe ich mich je einverstanden erklärt zurückzukehren? Nichts hält mich hier jetzt noch … nur der Schmerz alter Wunden. Mein Leben hat sich schließlich zum Guten gewendet. Endlich habe ich Frieden gefunden, bin glücklich. Warum … warum habe ich ihnen gesagt, dass ich kommen würde?
Zitternd seufzte er, öffnete die Augen und sah auf den Findling. Vor zwei Jahren – im Herbst würden es drei sein – war er diesen Hügel hochgestiegen und hatte seinen alten Freund, den Zwerg Flint Feuerschmied, getroffen, der auf diesem Findling gesessen, ein Stück Holz geschnitzt und sich beklagt hatte – wie immer. Jenes Treffen hatte Ereignisse in Bewegung gesetzt, die die Welt erschüttert und im Krieg der Lanze ihren Höhepunkt gefunden hatten. In einer Schlacht war die Königin der Finsternis zurück in die Hölle getrieben und die Macht der Drachenfürsten gebrochen worden.
Und jetzt bin ich ein Held, dachte Tanis und blickte kläglich auf den protzigen Schmuck, den er trug: den Brustharnisch eines Ritters von Solamnia, eine grüne Schärpe aus Seide, das Kennzeichen der Wildläufer von Silvanesti, der angesehensten Legion der Elfen, das Medaillon von Kharas, die höchste Auszeichnung der Zwerge, und anderes mehr. Niemand – weder Mensch noch Elf oder Halbelf – war so geehrt worden. Es war eine Ironie. Er, der Rüstungen hasste, der Zeremonien hasste, war nun gezwungen, diese Auszeichnungen zu tragen, da es seinem Rang angemessen war. Wie der alte Zwerg darüber gelacht hätte!
»Du – ein Held!« Er konnte den Zwerg fast verächtlich schnauben hören. Aber Flint war tot. Er war im Frühling vor zwei Jahren in Tanis’ Armen gestorben.
»Warum der Bart?« Wieder hätte er schwören können, Flints Stimme gehört zu haben, die ersten Worte, die er ausgesprochen hatte, als er den Halbelf auf der Straße getroffen hatte.
»Du warst doch so schon hässlich genug …«
Tanis lächelte und kratzte sich am Bart. Kein Elf auf Krynn konnte sich solch einen Bart wachsen lassen, das äußerliche, sichtbare Zeichen seines halbmenschlichen Erbes. Flint wusste genau, warum ich den Bart trug, dachte Tanis und blickte zärtlich auf den von der Sonne erwärmten Findling. Er kannte mich besser als ich selbst. Er wusste von dem Chaos, das in meiner Seele tobte. Er wusste, dass ich eine Lektion zu lernen hatte.
»Und ich habe sie gelernt«, flüsterte Tanis seinem Freund zu, der noch in seinem Geist lebendig war. »Ich habe sie gelernt, Flint. Aber … oh, es war bitter!«
Der Geruch brennenden Holzes stieg in Tanis’ Nase. Das und die flachen Sonnenstrahlen und die kühle Frühlingsluft erinnerten ihn daran, dass er noch eine weite Strecke zurückzulegen hatte. Er drehte sich um und blickte auf das Tal hinunter, wo er die bittersüßen Jahre seines frühen Mannesalters verbracht hatte. Dort unten lag Solace.
Es war im Herbst gewesen, als er die kleine Stadt zum letzten Mal gesehen hatte. Die Vallenholzbäume im Tal hatten in den Farben der Jahreszeit gefunkelt, die leuchtenden Rot- und Goldtöne hatten sich im Purpur der Gipfel der Kharolisberge aufgelöst, das tiefe Azur des Himmels hatte sich im Stillen Wasser des Krystalmirsees widergespiegelt. Ein Rauchschleier hatte über dem Tal gehangen, der Rauch von Kaminfeuern, die in der friedlichen Stadt brannten. Er und Flint hatten beobachtet, wie die Lichter aufgeflackert waren, eins nach dem anderen, in den Häusern, die in den Blättern der riesigen Bäume geschützt lagen. Solace, die Stadt in den Bäumen – eins der Wunder auf Krynn.
Tanis sah das Bild vor seinem geistigen Auge genauso deutlich wie zwei Jahre zuvor. Dann verblasste es. Damals war es Herbst gewesen. Jetzt war Frühling. Der Rauch war immer noch da, der Rauch von den Kaminfeuern. Aber jetzt stieg der Rauch überwiegend aus Häusern, die auf dem Boden errichtet worden waren. Das Grün lebender, wachsender Pflanzen war vorhanden, aber es schien lediglich – für Tanis – die schwarzen Narben des Landes zu betonen, die Narben, die niemals völlig ausgelöscht werden konnten, obgleich er hier und dort Anzeichen von Ackerbau sah.
Tanis schüttelte den Kopf. Alle dachten, dass mit der Zerstörung des verruchten Tempels der Königin in Neraka der Krieg beendet wäre. Alle waren eifrig bedacht, das schwarze und verbrannte Land zu pflügen, das vom Drachenfeuer versengt worden war, und ihren Schmerz zu vergessen.
Seine Augen wanderten zu dem riesigen schwarzen Kreis inmitten der Stadt. Hier würde niemals etwas wachsen. Kein Pflug konnte die Erde verwandeln, die von Drachenfeuer verwüstet und vom Blut Unschuldiger durchtränkt war, Unschuldige, die von den Soldaten der Drachenfürsten ermordet worden waren.
Tanis lächelte grimmig. Er konnte sich vorstellen, wie ein Schandfleck wie dieser jene verärgern musste, die vergessen wollten. Er war froh um diesen Schandfleck. Er hoffte, er werde für alle Ewigkeit bleiben.
Leise wiederholte er die Worte, die Elistan gesprochen hatte, als der Kleriker in einer feierlichen Zeremonie den Turm des Oberklerikers geweiht hatte, in Erinnerung an jene Ritter, die dort gestorben waren.
»Wir müssen uns erinnern, sonst werden wir der Selbstzufriedenheit anheimfallen – wie schon einmal –, und das Böse wird sich wieder erheben.«
Wenn es nicht schon bei uns ist, dachte Tanis grimmig. Und mit diesem Gedanken wandte er sich um und ging eilig den Hügel hinunter.
Das Wirtshaus zur letzten Bleibe war an diesem Abend überfüllt.
Während der Krieg über die Bewohner von Solace Verwüstung und Zerstörung gebracht hatte, brachte das Ende des Krieges Wohlstand, sodass einige bereits sagten, es sei gar nicht »so eine schlechte Zeit« gewesen. Solace war seit langer Zeit ein Treffpunkt für Reisende in den Ländern Abanasinias. Aber in den Tagen vor dem Krieg war die Anzahl der Reisenden relativ gering gewesen. Die Zwerge – außer einigen wenigen abtrünnigen wie Flint Feuerschmied – hatten sich in ihrem Gebirgskönigreich Thorbadin abgeschottet oder in den Hügeln verbarrikadiert, sich geweigert, mit dem Rest der Welt Kontakt zu haben. Die Elfen hatten das Gleiche in ihrem wunderschönen Land Qualinesti im Südwesten und Silvanesti am östlichen Rande des Kontinents Ansalon getan.
Der Krieg hatte das alles verändert. Elfen und Zwerge und Menschen unternahmen nun weite Reisen, ihre Länder und Königreiche waren für alle geöffnet.
Das Wirtshaus Zur letzten Bleibe – das bei Reisenden wegen seiner hervorragenden Getränke und Otiks Würzkartoffeln bekannt war – wurde noch beliebter. Die Getränke und die Kartoffeln waren gut wie immer – obwohl Otik in den Ruhestand getreten war –, aber der wahre Grund für die zunehmende Kundschaft war ein anderer: Die Helden der Lanze – wie sie nun bezeichnet wurden – waren in früheren Zeiten Stammgäste dieses Wirtshauses gewesen.
Otik hatte in der Tat vor seinem Ausscheiden ernsthaft in Erwägung gezogen, neben der Feuerstelle ein Schild aufzustellen mit der Inschrift: »Hier tranken Tanis der Halbelf und seine Gefährten.« Aber Tika hatte sich diesem Plan so heftig widersetzt – der bloße Gedanke an Tanis’ Reaktion, wenn er dieses Schild sehen würde, ließ Tikas Wangen brennen –, dass Otik ihn fallen gelassen hatte. Doch der dickliche Besitzer des Wirtshauses wurde niemals müde, seinen Stammgästen die Geschichte jener Nacht zu erzählen, als die Barbarin ihr seltsames Lied gesungen, Hederick, den Obersten Theokraten, mit ihrem blauen Kristallstab geheilt und damit den ersten Beweis für die Existenz der alten, wahren Götter geliefert hatte.
Tika, die nach Otiks Ausscheiden die Leitung des Wirtshauses übernommen hatte und hoffte, genug Geld zu sparen, um es kaufen zu können, hoffte fieberhaft, dass Otik sich zurückhielt, diese Geschichte heute Abend noch einmal zu erzählen.
Es waren viele Elfengruppen da, die den ganzen Weg von Silvanesti zurückgelegt hatten, um der Beerdigung Solostarans, der Stimme der Sonne und des Herrschers des Elfenreiches Qualinesti, beizuwohnen. Sie drängten Otik nicht nur, die Geschichte zu erzählen, sondern erzählten auch eigene, über den Besuch der Helden in ihrem Land und wie sie die Elfen von dem bösen Drachen Cyan Blutgeißel befreit hatten.
Tika bemerkte, wie Otik dabei wehmütig in ihre Richtung blickte – Tika war schließlich ein Mitglied der Gruppe in Silvanesti gewesen. Aber sie brachte ihn mit einem zornigen Schütteln ihrer roten Locken zum Schweigen. Das war ein Teil ihrer Reise gewesen, den sie sich zu erzählen weigerte. In der Tat betete sie jede Nacht darum, die entsetzlichen Alpträume von dem entstellten Land endlich vergessen zu können.
Tika schloss die Augen; sie wünschte, die Elfen würden das Thema fallen lassen. Sie hatte jetzt ihre eigenen Alpträume. Sie brauchte die alten Alpträume nicht, von denen sie heimgesucht wurde. »Lass sie nur kommen und schnell wieder gehen«, sagte sie leise zu sich und zu einem Gott, der vielleicht zuhörte.
Es war kurz nach Sonnenuntergang. Immer mehr Gäste trafen ein, verlangten nach Essen und Trinken. Tika hatte sich bei Dezra entschuldigt, die zwei Freundinnen hatten einige Tränen zusammen vergossen, und jetzt waren sie beschäftigt, die Gäste mit Getränken und Nachtmahl zu versorgen. Tika zuckte jedes Mal zusammen, wenn sich die Tür öffnete, und sie blickte finster und gereizt, wenn sie Otiks Stimme hörte, die sich über den Lärm der Krüge und Stimmen erhob.
»… wunderschöner Herbstabend, wenn ich mich recht erinnere. Ich war natürlich mehr beschäftigt als ein drakonischer Ausbildungsunteroffizier.« Das erste Lachen hob an. Tika biss die Zähne zusammen. Otik hatte eine dankbare Zuhörerschaft und war schon ganz in seinem Element. Jetzt konnte ihn nichts mehr aufhalten. »Das Wirtshaus lag damals in den Vallenholzbäumen, wie alle Gebäude in unserer lieblichen Stadt, bevor sie von den Drachen zerstört wurde. Ah, wie wunderschön war es in den guten alten Tagen.« Er seufzte – an dieser Stelle seufzte er immer – und wischte sich eine Träne ab. Aus der Menge setzte ein mitfühlendes Gemurmel ein. »Wo war ich stehen geblieben?« Er schnäuzte sich, ein weiterer Akt im Schauspiel. »Ach ja. Da stand ich, hinter der Theke, als sich die Tür öffnete …«
Die Tür öffnete sich, wie auf ein Stichwort. Tika strich eine rote Haarsträhne aus ihrer schweißbedeckten Stirn zurück und sah nervös hinüber. Plötzlich erfüllte Schweigen den Raum. Tika versteifte sich, ihre Nägel gruben sich in ihre Hände.
Ein hochgewachsener Mann, so groß, dass er sich bücken musste, um einzutreten, stand in der Tür. Sein Haar war dunkel, sein Gesicht grimmig und streng. Obgleich er in Felle gehüllt war, konnte man an seinem Gang und seiner Haltung seinen starken und muskulösen Körper erkennen. Er warf einen schnellen Blick in das überfüllte Wirtshaus, mit dem er alle Anwesenden und mögliche Gefahren vorsichtig abschätzte.
Aber es war lediglich ein instinktives Handeln, denn als sein durchdringender, finsterer Blick auf Tika fiel, entspannte sich sein strenges Gesicht zu einem Lächeln, und er streckte seine Arme weit aus.
Tika zögerte, aber der Anblick ihres Freundes erfüllte sie plötzlich mit Freude und einer seltsamen Woge des Heimwehs. Sie schob sich durch die Menge direkt in seine herzliche Umarmung. »Flusswind, mein Freund!«, murmelte sie gebrochen.
Flusswind, der die junge Frau in seinen Armen hielt, hob sie mühelos hoch, als ob sie ein Kind wäre. Die Gäste begannen zu jubeln, hämmerten mit ihren Krügen auf die Tische. Hier stand ein Held der Lanze persönlich, als ob er auf den Flügeln von Otiks Geschichte herbeigetragen worden wäre. Und er spielte seine Rolle sehr überzeugend! Sie waren verzaubert.
