Drachen des Zwielichts - Margaret Weis - E-Book

Drachen des Zwielichts E-Book

Margaret Weis

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Beschreibung

Die Rückkehr einer Legende! Der Fantasy-Klassiker »Die Chronik der Drachenlanze« überarbeitet und endlich wieder lieferbar

»Die Chronik der Drachenlanze« gehört ohne Zweifel zu den größten Klassikern der Fantasy-Literatur. Allein im deutschsprachigen Raum verschlangen hunderttausende Leser die Abenteuer ihrer geliebten Helden. Der Halbelf Tanis, der die Elfenprinzessin Laurana liebt, und sein Freund, der bärbeißige Zwerg Flint Feuerstein; Tolpan – der Kender, der ständig Dinge findet, die eigentlich anderen gehören –; der so auf die Ehre bedachte Ritter Sturm Feuerklinge; der Krieger Caramon und Raistlin, der Zauberer – Brüder, wie sie unterschiedlicher kaum sein können; und die Barbarin Goldmond – die das Mittel zur Rettung der Welt besitzt – sowie ihr Gefährte Flußwind. Sie sind die Helden der Drachenlanze!


Dieser Roman ist bereits geteilt unter den Titeln »Drachenzwielicht« und »Drachenjäger« erschienen.

Die Chronik der Drachenlanze:
1. Drachen des Zwielichts
2. Drachen der Nacht
3. Drachen der Dämmerung

Alle Bände der Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«:
1. Drachen des Verrats
2. Drachen der Vorsehung
3. In Planung

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 721

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

»Die Chronik der Drachenlanze« gehört ohne Zweifel zu den größten Klassikern der Fantasy-Literatur. Hunderttausende Leserinnen und Leser verschlangen die Abenteuer ihrer geliebten Helden allein im deutschsprachigen Raum. Der Halbelf Tanis, der die Elfenprinzessin Laurana liebt, Tolpan – der Kender, der ständig Dinge findet, die eigentlich anderen gehören –, der so auf die Ehre bedachte Ritter Sturm Feuerklinge und der bärbeißige Zwerg Flint Feuerstein, der Krieger Caramon und Raistlin, der Zauberer – Brüder, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, und die Barbarin Goldmond – die das Mittel zur Rettung der Welt besitzt – und ihr Gefährte Flusswind. Sie sind die Helden der Drachenlanze!

Autoren

Margaret Weis und Tracy Hickman gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autoren der Welt, seit sie Mitte der 80er-Jahre mit der unvergessenen Chronik der Drachenlanze den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Zwar haben sie sich gelegentlich – teils gemeinsam, teils allein – auch anderen Projekten zugewandt, doch sie sind immer wieder gerne ins Reich der Drachenlanze zurückgekehrt, so wie mit der neuen Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.

Von Margaret Weis & Tracy Hickman bei Blanvalet:

Erstmals auf Deutsch! Das Schicksal der Drachenlanze:

Drachen des Verrats

Die Chronik der Drachenlanze:

Drachen des Zwielichts

Drachen der Nacht

Drachen der Dämmerung

www.blanvalet.de

MARGARET WEIS & TRACY HICKMAN

DRACHEN des ZWIELICHTS

DIE CHRONIK DER DRACHENLANZE 1

Roman

Deutsch von Marita Böhm

Die Originalausgabe erschien 1984 unter dem Titel »The Chronicles of the Dragonlance 1. Dragons of Autumn Twilight« bei TSR, Inc., Lake Geneva, WI, USA.Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Drachenzwielicht« und »Drachenjäger« erschienen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Wizards of the Coast, Dungeons & Dragons, D&D, their respective logos, Dragonlance, and the dragon ampersand are registered trademarks of Wizards of the Coast LLC in the U.S.A. and other countries. © 1984, 2024 Wizards of the Coast LLC. All rights reserved. Licensed by Hasbro.All characters in this book are fictitious. Any resemblance to actual persons, living or dead, is purely coincidental. All Wizards of the Coast characters, character names, and the distinctive likenesses thereof, and all other Wizards trademarks are property of Wizards of the Coast LLC.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Kerstin Fricke

© Covergestaltung und Illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft unter Verwendung eines Originalmotivs von Matt Stawicki

HK

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-23844-5V002

www.blanvalet.de

Der alte Mann

Tika Waylan streckte seufzend den Rücken durch und bewegte die Schultern, um die verkrampften Muskeln zu lockern. Sie warf den seifigen Putzlappen in den Wassereimer und sah sich im leeren Raum um.

Es wurde immer schwieriger, dieses alte Wirtshaus zu halten. Zwar war das Holz liebevoll poliert, aber Liebe und Wachs konnten die Sprünge und Risse in den abgenutzten Tischen nicht verbergen. Das Wirtshaus Zur letzten Bleibe war alles andere als nobel eingerichtet, im Unterschied zu jenen Wirtshäusern in Haven, von denen sie gehört hatte. Aber es war gemütlich. Der Baum, in den die Gaststube hineingebaut war, umfing sie zärtlich mit seinen uralten Ästen, und die Wände und Möbelstücke waren mit einer solchen Sorgfalt um die Zweige des Baumes herum angefertigt worden, dass unmöglich zu erkennen war, wo das Werk der Natur aufhörte und wo die Geschicklichkeit der Erbauer anfing. Die Theke schien wie eine glänzende Woge um das lebende Holz zu steigen und zu fallen. Durch die Buntglasfensterscheiben fiel ein angenehmes Licht in den Raum.

Die Schatten schrumpften zusammen, als es Mittag wurde. Das Wirtshaus Zur letzten Bleibe würde bald öffnen. Tika sah sich um und lächelte zufrieden. Die Tische waren sauber poliert. Sie musste nur noch den Boden fegen. Sie machte sich gerade daran, die schweren Holzbänke zur Seite zu schieben, als Otik aus der Küche trat.

»Könnte wieder ein herrlicher Tag werden – sowohl was das Wetter als auch das Geschäft angeht«, sagte er und quetschte seinen stämmigen Körper hinter die Theke. Während er die Krüge aufstellte, pfiff er ein fröhliches Lied.

»Mir wären ein ruhigeres Geschäft und wärmeres Wetter lieber«, antwortete Tika und zerrte an einer Bank. »Gestern habe ich mir die Füße wundgelaufen für wenig Dank und noch weniger Trinkgeld! So ein finsteres Publikum! Alle nervös; bei jedem Geräusch springen sie hoch. Gestern Abend habe ich einen Krug fallen gelassen, und Retark hat allen Ernstes sofort sein Schwert gezogen!«

»Pah!«, erwiderte Otik. »Retark gehört zur Wache der Sucher von Solace. Die sind immer nervös. Das wärst du auch, wenn du für Hederick arbeiten müsstest, diesen fanat…«

»Vorsicht!«, warnte Tika.

Otik zuckte mit den Schultern. »Solange der Oberste Theokrat nicht fliegen kann, wird er uns nicht belauschen. Ich würde seine Stiefel auf den Stufen hören, bevor er mich hören könnte.« Aber Tika bemerkte, dass seine Stimme leiser wurde, als er fortfuhr. »Die Bewohner von Solace werden sich das alles nicht mehr lange gefallen lassen, denk an meine Worte! Leute verschwinden, werden wer weiß wohin verschleppt. Es ist eine traurige Zeit.« Er schüttelte den Kopf. Dann hellte sich seine Miene auf. »Aber gut fürs Geschäft.«

»Bis auch wir dichtmachen«, sagte Tika düster. Sie griff nach dem Besen und fing energisch zu fegen an.

»Selbst Theokraten müssen ihre Bäuche stopfen und das Feuer und den Schwefel aus ihren Kehlen spülen.« Otik gluckste. »Den Leuten tagein, tagaus flammende Ansprachen über die Neuen Götter zu halten, muss ziemlich durstig machen – er ist jeden Abend hier.«

Tika hörte mit dem Fegen auf und lehnte sich gegen die Theke.

»Otik«, sagte sie ernst und mit gedämpfter Stimme. »Es gibt auch noch andere Gerüchte – über Krieg. Im Norden sammeln sich Soldaten. Und dann sind da diese seltsamen Kapuzenmänner in der Stadt, die sich mit dem Obersten Theokraten herumtreiben und Fragen stellen.«

Otik betrachtete das neunzehnjährige Mädchen voller Zuneigung, streichelte ihr die Wange und zupfte an ihren roten Locken. Er war für sie wie ein Vater, seitdem ihr leiblicher Vater auf mysteriöse Weise verschwunden war.

»Krieg. Pah.« Er rümpfte die Nase. »Seit dem Kataklysmus spricht man von Krieg. Es ist nur Gerede, Mädchen. Vielleicht verbreitet der Theokrat solche Gerüchte, um die Leute bei der Stange zu halten.«

»Ich weiß nicht.« Tika runzelte die Stirn. »Ich …«

Die Tür wurde geöffnet.

Tika und Otik schraken beunruhigt zusammen und wandten sich zur Tür. Sie hatten keine Schritte auf den Stufen gehört und das war unheimlich! Das Wirtshaus Zur letzten Bleibe war hoch in die Zweige eines mächtigen Vallenholzbaumes gebaut worden, so wie jedes Gebäude in Solace mit Ausnahme der Schmiede. Während der Schrecken und des Chaos nach dem Kataklysmus hatten die Städter beschlossen, sich in den Bäumen niederzulassen. Und so war aus Solace eine Baumstadt geworden, eines der wenigen wahrhaft schönen Wunder Krynns. Stabile hölzerne Brückenwege verbanden die hoch über dem Boden thronenden Häuser und Geschäfte, in denen die fünfhundert Menschen nun ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen. Das Wirtshaus Zur letzten Bleibe war das größte Gebäude in Solace und lag zwölf Meter über dem Boden. Eine Treppe führte um einen uralten knorrigen Stamm nach oben. Wie Otik gesagt hatte, würde man jeden Gast, der zum Wirtshaus wollte, bereits hören, lange bevor man ihn sehen konnte.

Aber weder Tika noch Otik hatten den alten Mann gehört. Er stand auf einen abgenutzten Eichenstock gestützt in der Tür und sah sich prüfend in der Gaststube um. Die zerfetzte Kapuze seines einfachen grauen Gewands war übers Gesicht gezogen und verhüllte seine Züge, nur seine scharfen, glänzenden Augen waren zu sehen.

»Kann ich Euch helfen, Alter?«, fragte Tika den Fremden, während sie beunruhigte Blicke mit Otik tauschte. War dieser alte Mann ein Spion der Sucher?

»Äh?« Der alte Mann blinzelte. »Ist hier geöffnet?«

»Nun …« Tika zögerte.

»Gewiss«, antwortete Otik mit breitem Lächeln. »Kommt herein, Graubart. Tika, bring unserem Gast einen Stuhl. Er muss nach dieser langen Kletterei müde sein.«

»Kletterei?« Der alte Mann kratzte sich am Kopf und sah sich weiter um. »O ja. Kletterei. Es sind sehr viele Stufen …« Er humpelte herein und schlug mit dem Stock spielerisch in Tikas Richtung. »Mach mit deiner Arbeit weiter, Mädchen. Ich kann mir selber einen Stuhl suchen.«

Tika zuckte die Achseln, nahm sich den Besen und fegte weiter, während ihre Augen an dem alten Mann haften blieben.

Er stand mitten im Raum und sah sich forschend um, als ob er sich den Standort jedes Tischs und jedes Stuhls einprägen wollte. Die Gaststube war groß und verlief bohnenförmig um den Stamm des Vallenholzbaumes herum. Boden und Decke wurden von den dünneren Ästen getragen. Der alte Mann beäugte den Kamin im dritten Viertel des Raums mit besonderem Interesse. Der Kamin war die einzige Steinmetzarbeit in der Gaststube, offensichtlich von Zwergenhand geschaffen, und wirkte wie ein Teil des Baums, wie er sich wie selbstverständlich durch die oberen Zweige schlängelte. Neben dem Kamin stand ein Behälter, der mit Klafterholz und Kiefernscheiten aus den hohen Bergen gefüllt war. Kein Bewohner von Solace käme auch nur im Traum auf die Idee, das Holz der eigenen Bäume zu verfeuern. Es gab noch einen Hinterausgang in der Küche: eine zwölf Meter tiefe Fallvorrichtung, die einige von Otiks Gästen praktisch fanden. Auch der alte Mann.

Er murmelte zufriedene Kommentare, während sein Blick umherschweifte. Dann ließ er zu Tikas Erstaunen plötzlich seinen Stock fallen, krempelte die Ärmel seines Gewands hoch und fing an, die Möbel umzustellen!

Tika hörte auf zu fegen und lehnte sich auf den Besen. »Was macht Ihr da? Dieser Tisch steht immer hier!«

Mitten im Gemeinschaftsraum stand ein großer, niedriger Tisch. Der alte Mann zerrte ihn durch den Raum bis zum Baumstamm, direkt gegenüber vom Kamin, dann trat er zurück und begutachtete sein Werk.

»Dort«, brummte er, »ist er näher am Kamin. Nun bring mir noch zwei Stühle. Ich brauche hier sechs.«

Tika schaute zu Otik. Er schien gerade Einspruch erheben zu wollen, als in der Küche ein loderndes Licht aufflackerte. Ein Aufschrei des Kochs gab ihnen zu verstehen, dass das Fett wieder Feuer gefangen hatte. Otik eilte auf die Pendeltür zur Küche zu.

»Er ist harmlos«, keuchte er Tika im Vorbeigehen zu. »Lass ihn machen, was er möchte – solange es vernünftig ist. Vielleicht gibt er eine Gesellschaft.«

Tika seufzte und brachte dem alten Mann zwei Stühle, wie er es verlangt hatte. Sie stellte sie dort ab, wo er hinzeigte.

»Jetzt«, sagte der alte Mann und sah sich schnell um, »bring noch zwei Stühle, aber bequeme. Stell sie neben den Kamin in die finstere Ecke.«

»Es ist nicht finster«, protestierte Tika. »Man sitzt dort im vollen Sonnenlicht!«

»Ah.« Der alte Mann kniff die Augen zusammen. »Aber heute Abend wird es finster sein, nicht wahr? Wenn das Feuer angezündet ist …«

»Ich … ich glaube schon …«, stotterte Tika.

»Bring die Stühle her. Gutes Mädchen. Und ich will diesen genau hier stehen haben.« Der alte Mann deutete auf eine Stelle vor dem Kamin. »Für mich.«

»Gebt Ihr eine Gesellschaft, Alter?«, erkundigte sich Tika, als sie den bequemsten, jedoch sehr abgenutzten Stuhl hinübertrug.

»Eine Gesellschaft?« Der alte Mann schien diesen Gedanken lustig zu finden. Er kicherte. »Ja, Mädchen. Es wird eine Gesellschaft sein, die Krynn seit dem Kataklysmus nicht mehr erlebt hat! Sei bereit, Tika Waylan. Sei bereit!«

Er tätschelte ihr die Schulter, zerzauste ihr das Haar, dann wandte er sich um und ließ sich auf dem Stuhl nieder.

»Einen Krug Bier«, bestellte er.

Tika ging zur Theke, um das Bier einzuschenken. Erst als sie dem alten Mann sein Getränk gebracht hatte und wieder mit dem Fegen beschäftigt war, hielt sie plötzlich inne und fragte sich, woher er ihren Namen kannte.

Das Treffen der alten Freunde – Eine unsanfte Unterbrechung

Flint Feuerschmied brach auf einem moosbedeckten Findling zusammen. Seine alten Zwergenknochen hatten ihn lange genug getragen und wollten nicht mehr.

»Ich hätte niemals fortgehen sollen«, murrte Flint, als er auf das Tal hinabschaute. Er sprach laut, obwohl er allein zu sein schien. Lange Jahre des einsamen Wanderns hatten den Zwerg dazu verleitet, Selbstgespräche zu führen. Er schlug beide Hände auf die Knie. »Und ich will verdammt sein, wenn ich jemals wieder auf Wanderschaft gehen sollte!«

Der durch die Nachmittagssonne erwärmte Findling tat dem uralten Zwerg wohl, denn er war den ganzen Tag in der kühlen Herbstluft gewandert. Flint ruhte sich aus und ließ die Wärme in seine Knochen eindringen – die Wärme der Sonne und die Wärme seiner Gedanken. Denn er war zu Hause.

Er sah sich um und sein Blick verweilte liebevoll auf der vertrauten Landschaft. Die unter ihm liegenden Berghänge bildeten einen Teil eines hohen Gebirgsbeckens, das in herbstliche Farbenpracht getaucht war. Die Vallenholzbäume im Tal funkelten in den Farben der Jahreszeit, die strahlenden Rot- und Goldtöne verblassten im Purpur der weiter entfernt liegenden Kharolis-Gipfel. Der makellos azurblaue Himmel über den Bäumen spiegelte sich im Krystalmir-See wider. Dünne Rauchwolken kräuselten sich zwischen den Baumwipfeln – der einzige Hinweis auf die Stadt Solace. Ein sanfter Dunst hüllte das Tal in den süßen Duft verbrannten Holzes.

Während sich Flint ausruhte, zog er einen Holzklotz und einen glänzenden Dolch aus seinem Rucksack hervor. Seine Hände bewegten sich automatisch. Seit Ewigkeiten verspürte sein Volk das Bedürfnis, dem Formlosen nach seinem Geschmack Gestalt zu geben. Er selbst war ein recht bekannter Metallschmied gewesen, bis er sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Er setzte den Dolch an, dann wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt, und mit untätigen Händen beobachtete er den Rauch, der aus den verborgenen Kaminen aufstieg.

»Das Feuer in meinem Haus ist ausgegangen«, klagte Flint leise. Er schüttelte sich, wütend über diese sentimentalen Empfindungen, und begann, das Holz wie besessen zu bearbeiten. Dann murrte er lauter: »Mein Haus ist nicht bewohnt. Wahrscheinlich ist das Dach undicht, die Möbel sind ruiniert. Diese blödsinnige Suche. Das Dümmste, worauf ich mich je eingelassen habe. Mit hundertachtundvierzig Jahren sollte ich es eigentlich gelernt haben!«

»Du wirst es niemals lernen, Zwerg«, erwiderte eine ferne Stimme. »Auch nicht, wenn du zweihundertachtundvierzig Jahre alt werden solltest!«

Der Zwerg ließ das Holz fallen und bewegte die Hand mit ruhiger Gewissheit vom Dolch zur Axt, während er den Pfad hinunterspähte. Die Stimme klang vertraut, die erste vertraute Stimme seit langer Zeit. Aber er konnte sie nicht einordnen.

Flint blinzelte in die untergehende Sonne. Er glaubte, die Gestalt eines Mannes den Pfad heraufschreiten zu sehen. Er erhob sich und zog sich in den Schatten einer hohen Kiefer zurück, um besser sehen zu können. Der Gang des Mannes war von einer schwerelosen Anmut gekennzeichnet – einer elfischen Anmut, hätte Flint gesagt; der Körper des Mannes besaß jedoch die Schwere und angespannten Muskeln eines Menschen und das Barthaar war entschieden menschlich. Alles, was der Zwerg vom Gesicht des Mannes unter der grünen Kapuze erkennen konnte, waren gebräunte Haut und ein braunrötlicher Bart. Ein Langbogen baumelte über eine Schulter und an seiner linken Hüfte hing ein Schwert. Er war in weiches Leder gekleidet, das die ausgeklügelten Muster zierte, die die Elfen so liebten. Jedoch konnte kein Elf in Krynn einen Bart tragen … Kein Elf außer …

»Tanis?«, fragte Flint zögernd, als der Mann näherkam.

»Richtig.« Im bärtigen Gesicht des Fremden zeigte sich ein breites Grinsen. Er öffnete die Arme, und bevor der Zwerg ihn davon abhalten konnte, umschlang er Flint und hob ihn gar vom Boden. Der Zwerg drückte sich für einen kurzen Augenblick eng an seinen alten Freund, dann erinnerte er sich an seine Würde, krümmte und befreite sich aus der Umarmung des Halbelfen.

»Nun, in den fünf Jahren hast du keine Manieren gelernt«, murrte der Zwerg. »Immer noch keinen Respekt vor meinem Alter oder meiner Position. Hebt mich hoch wie einen Sack voller Kartoffeln.« Flint sah die Straße hinunter. »Hoffentlich hat uns kein Bekannter gesehen.«

»Ich bezweifle, dass es viele gibt, die sich an uns erinnern.« Tanis musterte seinen untersetzten Freund liebevoll. »Die Zeit verstreicht für uns nicht so, wie es bei den Menschen der Fall ist, alter Zwerg. Für sie sind fünf Jahre eine lange Zeit und für uns nur ein Augenblick.« Dann lächelte er. »Du hast dich nicht verändert.«

»Was man von anderen nicht behaupten kann.« Flint setzte sich wieder auf den Stein und fuhr mit der Schnitzerei fort. Finster blickte er zu Tanis hoch. »Warum der Bart? Du warst doch so schon hässlich genug.«

Tanis kratzte sich am Kinn. »Ich war in Ländern, in denen man Elfen nicht wohlgesinnt ist. Der Bart – ein Geschenk meines menschlichen Vaters«, sagte er mit bitterer Ironie, »hat mir geholfen, mein Elfentum zu verbergen.«

Flint ächzte. Er wusste, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Obwohl der Halbelf das Töten verabscheute, würde Tanis sich nicht hinter einem Bart verstecken, um einem Kampf aus dem Wege zu gehen. Holzspäne flogen umher.

»Ich habe mich in Ländern aufgehalten, in denen man niemandem wohlgesinnt ist, egal welchem Volk er angehört.« Flint drehte das Holz prüfend in der Hand. »Aber jetzt sind wir zu Hause. All das liegt hinter uns.«

»Nicht nach dem, was ich gehört habe«, erwiderte Tanis und zog seine Kapuze wieder über das Gesicht, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. »Die Sucherfürsten in Haven haben einen Mann namens Hederick zum Obersten Theokraten in Solace ernannt, und er ist dabei, die Stadt mit seiner neuen Religion in eine Brutstätte des Fanatismus zu verwandeln.«

Tanis und der Zwerg drehten sich um und sahen hinab in das friedliche Tal. Lichter flackerten auf und ließen die Häuser in den Bäumen sichtbar werden. Die Nachtluft war still und ruhig und süß, mit dem Duft verbrannten Holzes aus den häuslichen Kaminen vermischt. Hin und wieder konnten sie aus der Ferne die Stimme einer Mutter vernehmen, die ihre Kinder zum Abendessen rief.

»Ich habe keine schlechten Nachrichten aus Solace gehört«, sagte Flint leise.

»Glaubensverfolgung … Inquisition …« Tanis’ Stimme aus der Tiefe seiner Kapuze klang unheilvoll. Sie war tiefer, trübsinniger, als Flint sie in Erinnerung hatte. Der Zwerg runzelte die Stirn. Sein Freund hatte sich in den fünf Jahren verändert. Doch Elfen verändern sich nicht. Aber Tanis war nur ein Halbelf – ein Kind der Gewalt, da seine Mutter von einem Menschen-Krieger in einem der vielen Kriege, die die verschiedenen Völker in Krynn in den chaotischen Jahren nach dem Kataklysmus gespalten hatten, vergewaltigt worden war.

»Inquisition! Das gilt den Gerüchten nach nur für die, die sich dem neuen Theokraten widersetzen«, schnaubte Flint. »Ich glaube nicht an die Götter der Sucher – habe es niemals getan –, aber ich stelle meinen Glauben nicht auf der Straße zur Schau. Bleib ruhig und sie lassen dich in Ruhe – das ist mein Motto. Die Sucherfürsten in Haven sind immer noch weise und rechtschaffene Männer. Es ist nur dieser faulige Apfel in Solace, der den ganzen Korb verdirbt. Nebenbei, hast du gefunden, wonach du gesucht hast?«

»Zeichen der uralten wahren Götter?«, fragte Tanis. »Oder inneren Frieden? Ich habe beides gesucht. Was meinst du?«

»Nun, ich nehme an, das eine hat etwas mit dem anderen zu tun«, knurrte Flint. Er drehte das Holzstück in den Händen, war immer noch nicht zufrieden mit seiner Form. »Sollen wir hier die ganze Nacht herumstehen und die Essensgerüche einatmen? Oder gehen wir in die Stadt und essen zu Abend?«

»Lass uns gehen«, forderte Tanis ihn auf. Die zwei liefen gemeinsam den Pfad hinunter. Tanis’ große Schritte zwangen den Zwerg zu einer schnelleren Gangart. Obwohl es viele Jahre her war, dass sie zusammen gewandert waren, verlangsamte Tanis unbewusst sein Tempo, während Flint das seine ebenso unbewusst beschleunigte.

»Du hast also nichts gefunden?«, nahm Flint den Faden wieder auf.

»Nichts«, erwiderte Tanis. »Wie wir vor langer Zeit herausgefunden haben, dienen die einzigen Kleriker und Priester in dieser Welt den falschen Göttern. Ich habe Geschichten von Heilungen gehört, aber es hat sich alles als Betrügerei und Magie herausgestellt. Glücklicherweise hat unser Freund Raistlin mich gelehrt, worauf ich achten muss …«

»Raistlin!«, keuchte Flint. »Dieser käsige, dürre Magier. Er ist doch selber ein halber Scharlatan. Immer wehleidig tun und winseln und seine Nase in Dinge stecken, wo sie nichts zu suchen hat. Würde sich sein Zwillingsbruder nicht um ihn kümmern, hätte jemand schon vor langer Zeit seiner Zauberei ein Ende bereitet.«

Tanis war froh, dass der Bart sein Lächeln verbarg. »Ich glaube, der junge Mann war ein besserer Magier, als du denkst«, sagte er. »Außerdem musst du zugeben, dass er lange und unermüdlich gearbeitet hat, um denen zu helfen, die von den falschen Klerikern reingelegt worden sind – so wie ich.« Er seufzte.

»Wofür du zweifellos wenig Dank erhalten hast«, brummte der Zwerg.

»Sehr wenig«, gab Tanis zu. »Die Leute wollen an irgendetwas glauben – selbst dann, wenn sie tief im Inneren wissen, dass es falsch ist. Aber was ist mit dir? Wie war die Reise in dein Heimatland?«

Flint stapfte mit grimmigem Gesicht und ohne zu antworten weiter. Schließlich murmelte er: »Ich hätte niemals gehen sollen.« Er sah zu Tanis auf, und seine Augen – kaum sichtbar unter den dicken, überhängenden weißen Augenbrauen – verrieten dem Halbelfen, dass diese Wendung des Gesprächs nicht willkommen war. Tanis verstand den Blick, fragte jedoch weiter.

»Was ist mit den Zwergenklerikern? Mit den Geschichten, die wir gehört haben?«

»Sie sind alle nicht wahr. Die Kleriker verschwanden vor dreihundert Jahren während des Kataklysmus. So sagen es jedenfalls die Ältesten.«

»Genau wie die Elfen«, meinte Tanis nachdenklich.

»Ich sah …«

»Psst!« Tanis streckte warnend eine Hand aus.

Flint hielt inne. »Was ist?«, flüsterte er.

Tanis gab ein Zeichen. »Dort drüben im Gehölz.«

Flint spähte durch die Bäume und griff dabei nach seiner Streitaxt, die an seinen Rücken geschnallt war.

Die roten Strahlen der untergehenden Sonne glitzerten kurz auf einem Stück Metall, das zwischen den Bäumen aufblitzte. Tanis sah es einmal, verlor es und fand es dann wieder. In diesem Moment jedoch ging die Sonne unter, ließ den Himmel violett aufleuchten und die nächtlichen Schatten durch den Wald kriechen.

Flint blinzelte in die Düsternis. »Ich sehe überhaupt nichts.«

»Aber ich.« Tanis starrte weiterhin auf die Stelle, wo er das Metall gesehen hatte, und allmählich machten seine Elfenaugen die warme rote Aura aus, die von allen Lebewesen ausgestrahlt wird, aber nur für Elfen sichtbar ist. »Wer ist dort?«, rief Tanis.

Längere Zeit war die einzige Antwort ein schauriger Ton, der die Nackenhaare des Halbelfen zu Berge stehen ließ. Es war ein hohler, surrender Klang, zuerst leise, dann immer höher und schriller werdend und schließlich in ein hohes schreiendes Winseln übergehend. Zu diesem Geräusch ertönte eine Stimme.

»Elfenwanderer, schlag eine andere Richtung ein und lass den Zwerg zurück. Wir sind die Geister jener armen Seelen, die Flint Feuerschmied auf dem Boden der Schenke liegen ließ. Starben wir im Kampf?«

Die Geisterstimme schwang sich zu neuen Höhen empor, begleitet von den winselnden, surrenden Klängen.

»Nein! Wir starben vor Scham, verflucht vom Geist der Weintraube, weil wir nicht in der Lage waren, einen Zwerg aus den Bergen unter den Tisch zu trinken.«

Flints Bart zitterte vor Zorn, und Tanis, der in Gelächter ausbrach, musste den wütenden Zwerg an der Schulter festhalten, damit dieser nicht Hals über Kopf ins Gebüsch stürmte.

»Verdammt seien die Augen der Elfen!« Die Geisterstimme klang auf einmal fröhlich. »Und verdammt seien die Bärte der Zwerge!«

»Wer hätte das gedacht?« Flint stöhnte auf. »Tolpan Barfuß!«

Im Unterholz raschelte es leise, dann stand eine kleine Gestalt auf dem Pfad. Es war ein Kender, jenes Volk, das von vielen Bewohnern Krynns als genauso lästig wie Fliegen empfunden wurde. Die Kender mit ihrem filigranen Knochenbau wurden selten größer als ein Meter zwanzig. Dieser war ungefähr genauso groß wie Flint, aber seine schmächtige Gestalt und sein ewig kindliches Gesicht ließen ihn kleiner erscheinen. Er trug eine leuchtend blaue Hose, die im scharfen Kontrast zu der Fellweste und der einfachen selbstgewebten Tunika standen. Seine braunen Augen funkelten vor Schalk und Vergnügen; sein Lächeln schien bis zu den Ohrläppchen seiner spitzen Ohren zu reichen. Er neigte den Kopf in einer scheinheiligen Verbeugung, sodass eine lange Mähne braunen Haars – sein ganzer Stolz – über seine Nase vorschnellte. Dann richtete er sich lachend auf. Der metallische Strahl, den Tanis’ flinke Augen erspäht hatten, stammte von der Schnalle eines der zahlreichen Bündel, die er an den Schultern und Hüften befestigt hatte.

Tolpan grinste sie an, während er sich auf seinen Hupakstab stützte. Dieser Stock hatte den unheimlichen Ton erzeugt. Tanis hätte diesen Klang eigentlich sofort erkennen müssen, da er schon häufig miterlebt hatte, wie der Kender viele Möchtegernangreifer abschreckte, indem er den Stab in die Luft wirbelte und so dieses schreiende Winseln erzeugte. Er war eine Erfindung der Kender: Der Boden des Hupaks war kupferplattiert und lief spitz zu; das obere Ende war gabelförmig gespalten und mit einer Lederschlinge versehen. Der Stab an sich bestand aus einem einzigen Stück biegsamen Weidenholzes. Obwohl von jedem anderen Volk in Krynn verspottet, war der Hupak für einen Kender mehr als nur ein nützliches Werkzeug oder eine Waffe – er war sein Symbol. »Neue Wege erfordern einen Hupak«, war ein bekanntes Sprichwort unter den Kendern. Und diesem schloss sich unverzüglich ein anderes Sprichwort an: »Kein Weg ist ständig alt.«

Tolpan rannte plötzlich mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.

»Flint!« Der Kender warf die Arme um den Zwerg und drückte ihn an sich. Flint erwiderte die Umarmung ebenso verlegen wie widerstrebend und trat schnell zurück. Tolpan grinste und sah dann zum Halbelfen hoch.

»Wer ist das?« Er ächzte. »Tanis! Ich habe dich mit dem Bart gar nicht erkannt!« Er streckte die kurzen Arme aus.

»Nein, danke.« Tanis winkte lächelnd ab. »Ich will meinen Geldbeutel behalten.«

Mit einem plötzlich besorgten Gesichtsausdruck griff Flint unter seinen Waffenrock. »Du Schuft!«, brüllte er und sprang dem Kender nach, der lachend einen Haken schlug. Die beiden fielen in den Staub.

Tanis zog Flint schmunzelnd von dem Kender weg. Dann hielt er inne und drehte sich beunruhigt um. Zu spät vernahm er das silberhelle Klimpern von Pferdegeschirr und Zaumzeug und das Wiehern eines Pferdes. Der Halbelf legte eine Hand an den Griff seines Schwerts, aber er hatte bereits jeden Vorteil verloren, den ihm seine Wachsamkeit gewährt hätte.

Fluchend konnte Tanis nur dastehen und auf die Gestalt starren, die aus dem Schatten hervorkam. Sie saß auf einem schmächtigen Pony, das mit gesenktem Kopf trabte, als schämte es sich seines Reiters. Graue gefleckte Haut hing faltig in dessen Gesicht. Zwei rosarote Äuglein lugten unter einem militärisch aussehenden Helm hervor. Sein fetter, schwammiger Körper quoll aus einer protzigen Rüstung.

Ein merkwürdiger Geruch traf Tanis und er rümpfte angeekelt die Nase. »Hobgoblin!«, registrierte sein Gehirn. Er lockerte sein Schwert und trat mit dem Fuß nach Flint, aber in diesem Moment nieste der Zwerg heftig und setzte sich auf den Kender.

»Pferd«, sagte Flint und nieste wieder.

»Hinter dir«, erwiderte Tanis schnell.

Flint, dem der warnende Unterton in der Stimme seines Freundes nicht entgangen war, rappelte sich auf. Tolpan machte es ihm geschwind nach.

Der Hobgoblin saß mit gespreizten Beinen auf dem Pony und beobachtete sie mit einem höhnischen und herablassenden Blick.

»Seht mal, Jungs«, bemerkte der Hobgoblin in Gemeinsprache mit breitem Akzent, »mit was für Dummköpfen wir es hier in Solace zu tun haben.«

Aus den Bäumen hinter dem Hobgoblin ertönte knirschendes Gelächter. Fünf Goblinwachen in einfachen Uniformen traten hervor und postierten sich zu beiden Seiten ihres berittenen Anführers.

»Nun …« Der Hobgoblin lehnte sich über seinen Sattel. Tanis beobachtete mit einer Art entsetzter Faszination, wie der Sattelknauf völlig unter dem riesigen Bauch dieser Kreatur verschwand. »Ich bin Truppführer Toede, Anführer der Streitkräfte, die Solace vor unerwünschten Elementen beschützen. Ihr habt kein Recht, nach Einbruch der Dunkelheit die Stadtgrenzen zu passieren. Ihr seid verhaftet.« Truppführer Toede beugte sich zu einem Goblin. »Bring mir den Stab mit dem blauen Kristall, wenn du ihn bei ihnen findest«, sagte er in der krächzenden Goblinsprache. Tanis, Flint und Tolpan sahen sich fragend an. Sie beherrschten alle ein wenig Goblin – Tolpan besser als die anderen. Hatten sie richtig gehört? Ein Stab mit einem blauen Kristall?

»Falls sie sich wehren«, fügte Truppführer Toede hinzu, wobei er sich wieder der Gemeinsprache bediente, um eine größere Wirkung zu erzielen, »dann töte sie.«

Er zerrte heftig an den Zügeln, schlug mit einer Gerte auf das Tier ein und galoppierte den Pfad hinab auf die Stadt zu.

»Goblins! In Solace! Dieser neue Theokrat scheint allerhand auf dem Kerbholz zu haben!«, fauchte Flint. Er griff nach hinten, zog seine Streitaxt aus der am Rücken befestigten Halterung und setzte die Füße auf den Pfad, wobei er sich hin und her wiegte, bis er sein Gleichgewicht gefunden hatte. »Nun gut«, verkündete er. »Dann kommt her.«

»Ich rate euch, das Feld zu räumen«, warnte Tanis. Er warf seinen Umhang über eine Schulter und zog sein Schwert. »Wir hatten eine lange Reise. Wir sind hungrig und müde und spät dran für ein Treffen mit Freunden, die wir schon sehr lange nicht mehr gesehen haben. Wir haben nicht die Absicht, uns verhaften zu lassen.«

»Oder getötet zu werden«, fügte Tolpan hinzu. Er hatte keine Waffe gezogen, sondern beobachtete die Goblins nur interessiert.

Die verblüfften Goblins sahen sich nervös an. Einer warf einen hasserfüllten Blick zum Pfad, auf dem ihr Anführer verschwunden war. Die Goblins waren daran gewöhnt, Hausierer und in die Stadt reisende Bauern einzuschüchtern, aber nicht herausfordernde, bewaffnete und offensichtlich geübte Kämpfer. Aber ihr Hass auf alle anderen Völker von Krynn war uralt und sie zogen ihre langen, gebogenen Klingen.

Flint schritt nach vorn, die Hände fest um den Griff der Axt. »Es gibt nur eine Kreatur, die ich mehr verachte als einen Gossenzwerg«, murmelte er, »und das ist ein Goblin!«

Der Goblin warf sich auf Flint in der Hoffnung, ihn zu Boden zu bringen. Flint schwang seine Axt mit tödlicher Genauigkeit. Der Goblinkopf rollte in den Staub, der Körper fiel zu Boden.

»Was habt ihr Widerlinge in Solace zu suchen?«, verlangte Tanis zu erfahren, während er den ungeschickten Dolchstoß eines anderen Goblins gewandt parierte. Ihre Klingen kreuzten sich und verharrten einen Augenblick, dann stieß Tanis den Goblin nach hinten. »Arbeitet ihr für den Obersten Theokraten?«

»Theokrat?« Der Goblin gluckste vor Lachen. Er schwang wild seine Waffe und rannte auf Tanis zu. »Dieser Dummkopf? Unser Truppführer arbeitet für den … Hu!« Er hatte sich selbst an Tanis’ Schwert aufgespießt und rutschte stöhnend auf den Boden.

»Verdammt!«, fluchte Tanis und starrte enttäuscht auf den toten Goblin. »Dieser ungeschickte Narr! Ich wollte ihn nicht töten – nur herausfinden, wer ihn angeheuert hat.«

»Du wirst noch herausfinden, wer uns angeheuert hat – eher, als dir lieb ist!«, knurrte ein anderer Goblin und stürmte auf den abgelenkten Halbelfen zu. Tanis drehte sich schnell um, entwaffnete die Kreatur, trat ihr in den Bauch und der Goblin brach zusammen.

Ein anderer Goblin sprang Flint an, bevor der Zwerg Zeit hatte, sich von seinem tödlichen Schlag zu erholen. Er war zurückgestolpert und versuchte, erneut sein Gleichgewicht zu finden.

Dann ertönte Tolpans schrille Stimme: »Dieser Abschaum kämpft für jeden, Tanis. Wirf ihnen ab und zu Hundefleisch zu und sie gehören dir für imm…«

»Hundefleisch!«, krächzte der Goblin und wandte sich zornig von Flint ab. »Wie steht es denn mit Kenderfleisch, du kleiner Quietscher?« Der Goblin bewegte sich auf den anscheinend unbewaffneten Kender zu und streckte die purpurroten Hände nach seinem Hals aus. Tolpan griff in seine Fellweste, ohne seinen unschuldigen kindlichen Gesichtsausdruck zu verlieren, zückte plötzlich einen Dolch und warf ihn – mit einer einzigen Bewegung. Der Goblin fasste sich krampfhaft an die Brust und fiel stöhnend zu Boden. Hastige Schritte waren zu hören, als der letzte Goblin die Flucht ergriff. Der Kampf war vorüber.

Tanis steckte sein Schwert in die Scheide und zog angeekelt ob der stinkenden Körper eine Grimasse; der Geruch erinnerte ihn an verwesenden Fisch. Flint wischte schwarzes Goblinblut von seiner Axtklinge. Tolpan starrte düster auf den Leichnam des Goblins, den er getötet hatte. Er war mit dem Gesicht nach unten gefallen und hatte den Dolch unter sich begraben.

»Ich hol ihn dir«, bot Tanis an und rollte den Körper auf die andere Seite.

»Nein.« Tolpan verzog das Gesicht. »Ich will ihn nicht zurück. Man bekommt den Gestank niemals ganz wieder weg.«

Tanis nickte. Flint befestigte seine Axt abermals in der Halterung und die drei setzten ihren Weg fort.

Die Lichter von Solace wurden mit zunehmender Dunkelheit heller. Der Duft brennenden Holzes in der kühlen Nachtluft weckte Gedanken an Essen und Wärme – und Sicherheit. Die Gefährten beschleunigten ihre Schritte. Lange Zeit sprachen sie nicht, jeder hörte nur Flints Worte in seinen Gedanken widerhallen: Goblins. In Solace!

Schließlich jedoch kicherte der nicht kleinzukriegende Kender.

»Nebenbei bemerkt«, sagte er, »es war Flints Dolch!«

Rückkehr zum Wirtshaus – Ein Schock – Der Eid ist gebrochen

Fast alle Einwohner von Solace schafften es in diesen Tagen, während der Abendstunden in das Wirtshaus Zur letzten Bleibe einzukehren. Die Menschen fühlten sich in der Menge sicherer.

Solace war seit langer Zeit ein Treffpunkt für Reisende. Sie kamen aus der Hauptstadt der Sucher Haven im Nordosten. Sie kamen aus dem im Süden gelegenen Königreich der Elfen Qualinesti. Zuweilen kamen sie aus dem Osten über die unfruchtbaren Ebenen von Abanasinia. In der ganzen zivilisierten Welt war das Wirtshaus Zur letzten Bleibe als Zuflucht für Reisende und Umschlagplatz von Neuigkeiten bekannt. Und auf dieses Wirtshaus steuerten die drei Freunde nun zu.

Der riesige gewundene Stamm erhob sich zwischen den umliegenden Bäumen. Die farbigen Fensterscheiben des Wirtshauses leuchteten hell gegen die Schatten des Vallenholzbaums und Stimmen waren durch die Fenster zu hören. In den Zweigen hängende Laternen beleuchteten die sich hochschlängelnden Treppenstufen. Obwohl sich die Herbstnacht kühl in den Bäumen von Solace niederließ, spürten die Reisenden die Gemeinschaft, und Erinnerungen wärmten ihre Seelen und wuschen die Schmerzen und Leiden der Straße fort.

Das Wirtshaus war an diesem Abend dermaßen überfüllt, dass die drei ständig auf den Stufen beiseitetreten mussten, um Männer, Frauen und Kinder vorbeizulassen. Tanis fiel auf, dass die Leute ihn und seine Begleiter misstrauisch musterten – es waren keine freundlichen Blicke, so wie es noch vor fünf Jahren der Fall gewesen war.

Tanis’ Miene verdüsterte sich. Dies war nicht die Heimkehr, von der er geträumt hatte. In seinen fünfzig Jahren in Solace hatte er niemals eine derartige Spannung gespürt. Die Gerüchte, die er über die bösartigen Machenschaften der Sucher gehört hatte, mussten stimmen.

Fünf Jahre zuvor waren die Männer, die sich selbst »Sucher« nannten (»wir suchen die neuen Götter«), eine lose Organisation von Klerikern gewesen, die ihre neue Religion in den Städten Haven, Solace und Torweg praktizierten.

Diese Kleriker waren in die Irre geführt worden, glaubte Tanis, aber zumindest waren sie ehrlich und aufrichtig gewesen. In den darauffolgenden Jahren hatten die Kleriker jedoch mit dem Aufblühen ihrer Religion immer mehr an Prestige gewonnen. Sehr bald kümmerten sie sich weniger um die Herrlichkeit des Lebens nach dem Tode und mehr um die Macht in Krynn. Mit dem Segen der Bewohner übernahmen sie die Regierung der Städte.

Eine Berührung an Tanis’ Arm riss ihn aus seinen Gedanken. Flint zeigte schweigend gen Boden. Als Tanis hinunterschaute, sah er Wachen jeweils im Vierertrupp vorbeiziehen. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet und stolzierten mit wichtigtuerischen Mienen herum.

»Zumindest sind es Menschen – und keine Goblins«, sagte Tolpan.

»Der eine Goblin hat höhnisch gegrinst, als ich den Obersten Theokraten erwähnte«, sinnierte Tanis. »Als ob sie für einen anderen arbeiten würden. Ich frage mich, was hier vor sich geht.«

»Vielleicht wissen es unsere Freunde«, meinte Flint.

»Falls sie hier sind«, fügte Tolpan hinzu. »In fünf Jahren kann eine Menge passieren.«

»Sofern sie noch leben, werden sie da sein«, erwiderte Flint mit gedämpfter Stimme. »Wir haben einen heiligen Eid geschworen – uns nach fünf Jahren wiederzutreffen, um zu berichten, was wir über das Böse, das sich in der Welt verbreitet, herausgefunden haben. Kaum zu glauben, dass wir zurückkehren und das Böse an der eigenen Haustür vorfinden!«

»Still! Pst!« Mehrere Vorübergehende sahen bei den Worten des Zwergs so beunruhigt aus, dass Tanis den Kopf schüttelte.

»Wir reden hier lieber nicht darüber«, riet der Halbelf.

Als sie die oberste Stufe erreicht hatten, riss Tolpan die Tür weit auf. Eine Woge von Licht, Geräuschen, Wärme und dem vertrauten Duft von Otiks Würzkartoffeln schlug ihnen besänftigend entgegen. Otik stand hinter der Theke, so wie sie ihn in Erinnerung hatten. Er hatte sich nicht verändert, außer dass er vielleicht korpulenter geworden war. Auch das Wirtshaus wirkte unverändert, höchstens noch gemütlicher.

Tolpan, der mit seinen flinken Kenderaugen die Menschenmenge musterte, schrie auf und zeigte quer durch den Raum. Etwas anderes hatte sich auch nicht verändert – der Schein des Feuers glänzte auf einem glänzenden geflügelten Drachenhelm.

»Wer ist da?«, fragte Flint, der sich bemühte, etwas zu erkennen.

»Caramon«, antwortete Tanis.

»Dann wird Raistlin auch hier sein«, stellte Flint wenig begeistert fest.

Tolpan schlüpfte bereits zwischen den murmelnden Gästen hindurch, wobei sein kleiner, geschmeidiger Körper kaum wahrgenommen wurde. Tanis hoffte inständig, dass der Kender keine Gegenstände von den Gästen »mitgehen ließ«. Es war nicht so, dass er stahl – Tolpan wäre tief verletzt gewesen, wenn man ihn des Diebstahls beschuldigt hätte. Aber der Kender war unersättlich neugierig, und verschiedene interessante Gegenstände, die anderen Leuten gehörten, befanden sich irgendwann in seinem Besitz. Das Letzte, was Tanis heute Abend wollte, war Ärger. Er nahm sich vor, einmal mit dem Kender unter vier Augen zu reden.

Der Halbelf und der Zwerg bahnten sich den Weg durch die Menschenmenge, jedoch nicht so mühelos wie ihr kleiner Freund. Fast jeder Stuhl, fast jeder Tisch war besetzt. Jene, die keinen Sitzplatz gefunden hatten, standen herum und unterhielten sich leise. Tanis und Flint wurden düster, misstrauisch oder neugierig gemustert. Niemand grüßte Flint, obwohl viele der Gäste alte Kunden des Zwergs gewesen waren, als er noch als Metallschmied gearbeitet hatte. Die Menschen von Solace hatten ihre eigenen Probleme, und es war offensichtlich, dass Tanis und Flint als Fremde betrachtet wurden.

Ein Gebrüll drang von dem Tisch, auf dem der Drachenhelm lag und das Licht des Feuers reflektierte, durch den Raum. Tanis’ finstere Miene entspannte sich zu einem Lächeln, als er sah, wie der riesige Caramon den kleinen Tolpan vom Boden hochhob und fest umarmte.

Flint, der sich durch ein Meer von Gürtelschnallen kämpfte, konnte sich den Anblick nur vorstellen, als er Caramons dröhnende Stimme auf Tolpans piepsende Begrüßung antworten hörte. »Caramon sollte besser auf seine Geldbörse aufpassen«, brummte Flint, »oder seine Zähne zählen.«

Schließlich hatten der Zwerg und der Halbelf die Menschentraube an der langen Theke überwunden. Der Tisch, an dem Caramon saß, war gegen den Baumstamm geschoben worden, noch dazu in einer durchaus merkwürdigen Position. Tanis fragte sich, warum Otik ihn so hingestellt hatte, da doch alles andere beim Alten geblieben war. Aber der Gedanke wurde geradezu zerquetscht, denn nun war er an der Reihe, die herzliche Begrüßung des riesigen Kriegers über sich ergehen zu lassen. Tanis hatte gerade noch hastig Langbogen und Köcher vom Rücken entfernt, damit sich Caramon bei der Umarmung nicht an den Giftpfeilen verletzte.

»Mein Freund!« Caramons Augen schimmerten feucht. Er wollte etwas sagen, wurde aber von seinen Gefühlen überwältigt. Auch Tanis verschlug es einen Moment lang die Sprache, aber nur weil Caramons muskulöse Arme ihn am Atmen hinderten.

»Wo ist Raistlin?«, fragte er schließlich, als er wieder sprechen konnte. Die Zwillinge waren niemals weit voneinander entfernt.

»Dort.« Caramon nickte zum Ende des Tischs hin. Dann runzelte er die Stirn. »Er hat sich verändert«, warnte der Kämpfer Tanis.

Der Halbelf schaute in eine Ecke, die sich durch eine Unregelmäßigkeit des Vallenholzbaums gebildet hatte. Die Ecke war in Schatten getaucht und einen Moment lang konnte er nach dem grellen Schein des Feuers überhaupt nichts erkennen. Dann erblickte er eine schmächtige Gestalt in roten Gewändern, die trotz der Wärme des nahen Feuers zusammengekauert dasaß. Das Gesicht war von einer Kapuze verdeckt.

Tanis empfand plötzlich Unbehagen bei der Vorstellung, allein mit dem jungen Magier zu sprechen, aber Tolpan hatte sich auf der Suche nach der Bedienung davongemacht, und Flint wurde nun von Caramon hochgehoben. Langsam bewegte sich Tanis auf das Tischende zu.

»Raistlin?« Ihn überfiel ein seltsames Gefühl der Vorahnung.

Die vermummte Gestalt blickte auf. »Tanis?«, flüsterte der Mann, als er langsam die Kapuze vom Kopf zog.

Der Halbelf holte tief Luft und wich einen Schritt zurück. Er starrte sein Gegenüber entsetzt an.

Das Gesicht, das sich ihm aus dem Schatten zugewendet hatte, war das Gesicht aus einem Alptraum. Verändert, hatte Caramon gesagt! Tanis schauderte. »Verändert« war nicht das richtige Wort! Die weiße Haut des Magiers hatte eine goldene Farbe angenommen. Sie glänzte im Schein des Feuers metallisch und sah aus wie eine grausige Maske. Das Fleisch war aus dem Gesicht geschmolzen und ließ die Wangenknochen in scheußlichen Schatten hervortreten. Die Lippen waren zu einer dunklen geraden Linie aufeinandergepresst. Aber es waren die Augen des Mannes, die Tanis’ Aufmerksamkeit fesselten und ihn mit ihrem schrecklichen Blick festhielten. Denn das waren nicht mehr die Augen eines Lebewesens. Die schwarzen Pupillen hatten jetzt die Form von Stundengläsern. Die einstmals blassblaue Iris erinnerte Tanis nun an funkelndes Gold!

»Mein Aussehen erschreckt dich offenbar«, flüsterte Raistlin. Auf seinen dünnen Lippen lag die schwache Andeutung eines Lächelns.

Tanis setzte sich dem jungen Mann gegenüber und schluckte schwer. »Im Namen der wahren Götter, Raistlin …«

Flint ließ sich auf einen Stuhl neben Tanis plumpsen. »Heute wurde ich so viele Male in die Luft gehievt wie … Reorx!« Flint riss die Augen auf. »Welches Unheil ist hier am Werk? Bist du verflucht?« Der Zwerg keuchte, während er Raistlin anstarrte.

Caramon setzte sich neben seinen Bruder. Er griff nach seinem Krug Ale und blickte kurz zu Raistlin. »Willst du es ihnen erzählen, Raist?«, fragte er leise.

»Ja.« Raistlin dehnte das Wort zu einem Zischen, das Tanis erzittern ließ. Der junge Mann sprach mit sanfter, pfeifender Stimme, kaum lauter als ein Flüstern, als wäre er nur noch so in der Lage, die Worte aus seinem Körper zu pressen. Seine langen, nervösen Hände, die die gleiche goldene Färbung wie sein Gesicht hatten, spielten geistesabwesend mit dem nicht angerührten Essen auf dem Teller vor ihm.

»Erinnert ihr euch daran, wie wir uns vor fünf Jahren trennten?«, begann Raistlin. »Mein Bruder und ich planten eine Reise, die so geheim war, dass ich nicht einmal euch, meinen teuren Freunden, erzählen konnte, wohin wir gehen wollten.«

In der sanften Stimme lag ein sarkastischer Unterton. Tanis biss sich auf die Lippe. Raistlin hatte niemals – in seinem ganzen Leben – »teure Freunde« gehabt.

»Ich wurde von Par-Salian, dem Oberhaupt meines Ordens, auserwählt, mich den Prüfungen zu unterziehen«, fuhr Raistlin fort.

»Die Prüfungen!«, wiederholte Tanis wie betäubt. »Aber du warst noch zu jung. Wie alt genau – zwanzig? Die Prüfungen dürfen doch nur Magier ablegen, die jahrelang studiert haben …«

»Dann kannst du dir also meinen Stolz vorstellen«, sagte Raistlin kalt und sichtlich verärgert über die Unterbrechung. »Mein Bruder und ich reisten zu dem geheimen Ort – den sagenhaften Türmen der Erzmagier. Und dort bestand ich die Prüfungen.« Die Stimme des Magiers wurde schwach. »Und dort wäre ich beinahe gestorben!«

Caramon konnte die Tränen kaum zurückhalten und wurde fast von seinen Gefühlen übermannt. »Es war schrecklich«, erzählte der große Mann mit bebender Stimme. »Ich fand ihn an diesem furchtbaren Ort, Blut floss aus seinem Mund, er lag im Sterben! Ich hob ihn auf und …«

»Genug, Bruder!« Raistlins sanfte Stimme schnalzte wie eine Peitsche. Caramon zuckte zusammen. Tanis sah, wie der junge Magier die goldenen Augen verengte und die schmalen Hände verkrampfte. Caramon verfiel in Schweigen und stürzte sein Ale hinunter, während er seinen Bruder nervös anblickte. Zwischen den Zwillingen herrschte eindeutig ein neuer Druck, eine Spannung.

Raistlin holte tief Luft und fuhr mit seiner Geschichte fort. »Als ich erwachte«, erzählte der Magier, »hatte meine Haut diese Farbe angenommen – ein Merkmal meines Leidens. Mein Körper und meine Gesundheit sind für immer zerstört. Und meine Augen! Ich sehe durch Stundenglaspupillen, und darum nehme ich die Zeit wahr – so wie sie sich auf alle Dinge auswirkt. Selbst wenn ich dich jetzt ansehe, Tanis«, flüsterte der Zauberer, »sehe ich dich ganz langsam und allmählich sterben. Und so betrachte ich jedes Lebewesen.«

Raistlins dünne, klauenhafte Hand hielt Tanis’ Arm fest umklammert. Der Halbelf schauerte unter der kalten Berührung und wollte seinen Arm wegziehen, aber die goldenen Augen und die kalte Hand waren stärker.

Der Magier beugte sich vor, seine Augen glühten fiebrig. »Aber ich verfüge jetzt über Macht!«, wisperte er. »Par-Salian sagte mir, dass der Tag kommen wird, an dem meine Macht die Welt verändert! Ich habe Macht und« – und er gestikulierte – »den Stab des Magus.«

Tanis sah auf und erblickte einen Stab, der in Reichweite von Raistlins Hand am Vallenholzstamm lehnte. Ein einfacher Holzstab, an dessen Spitze eine helle Kristallkugel, umklammert von einer körperlosen goldenen Klaue, einer Drachenklaue ähnlich, funkelte.

»War es das wert?«, fragte Tanis ruhig.

Raistlin starrte ihn an, dann teilten sich seine Lippen zu einem fratzenhaften Grinsen. Er zog die Hand von Tanis’ Arm fort und steckte die Arme in die Ärmel seines Gewands. »Natürlich!«, zischte er. »Diese Macht ist es, nach der ich so lange suchte – und weitersuchen werde.« Er lehnte sich zurück, und seine schmächtige Figur verschmolz mit den dunklen Schatten, bis Tanis nur noch die goldenen Augen sehen konnte, die im Schein des Feuers glänzten.

»Bier«, sagte Flint. Er räusperte sich und leckte sich die Lippen, als ob er einen schlechten Geschmack im Mund loswerden wollte. »Wo ist der Kender? Vermutlich hat er die Kellnerin bestohlen …«

»Hier sind wir«, schrie Tolpan fröhlich. Ein hochgewachsenes, junges rothaariges Mädchen tauchte hinter ihm auf, in den Händen ein Tablett mit Krügen.

Caramon grinste. »Nun, Tanis«, dröhnte er, »rate mal, wer das ist. Du auch, Flint. Wenn du gewinnst, gebe ich eine Runde aus.«

Tanis, der erleichtert war, von Raistlins dunkler Geschichte abgelenkt zu werden, starrte das lachende Mädchen an. Rotes Haar kräuselte sich um ihr Gesicht, ihre grünen Augen funkelten vor Vergnügen, Sommersprossen verstreuten sich leicht über Nase und Wangen. Tanis schien sich an die Augen zu erinnern, aber mehr fiel ihm nicht ein.

»Ich gebe auf«, sagte er. »Aber die Menschen verändern sich für Elfen nun mal derart schnell, dass wir sie oft nicht wiedererkennen. Ich bin einhundertundzwei Jahre alt, jedoch sehe ich für euch nicht älter als dreißig aus. Und für mich sind diese hundert Jahre wie dreißig vergangen. Diese junge Frau muss ein Kind gewesen sein, als wir aufgebrochen sind.«

»Ich war vierzehn.« Das Mädchen stellte das Tablett lachend auf dem Tisch ab. »Und Caramon pflegte zu sagen, ich wäre so hässlich, dass mein Vater jemanden bezahlen müsste, damit er mich heiratet.«

»Tika!« Flint schlug mit der Faust auf den Tisch. »Du zahlst die Runde, du alter Hornochse!« Er zeigte auf Caramon.

»Das ist nicht fair!« Der Riese lachte ebenfalls. »Sie hat dir einen Tipp gegeben.«

»Tja, da hat er sich geirrt«, stellte Tanis lächelnd fest. »Ich bin auf vielen Straßen gewandert, und du bist eines der hübschesten Mädchen, die ich in Krynn gesehen habe.«

Tika errötete vor Freude. Dann verdunkelte sich ihr Gesicht. »Übrigens, Tanis« – sie griff in ihre Tasche und holte einen zylinderförmigen Gegenstand hervor –, »dies ist heute für dich angekommen. Unter merkwürdigen Umständen.«

Tanis runzelte die Stirn und nahm den Gegenstand entgegen. Es war ein kleiner Schriftrollenbehälter aus schwarzem hochpoliertem Holz. Langsam entnahm er ihm ein kleines Stück Pergament und entrollte es. Sein Herz schlug dumpf und schmerzhaft beim Anblick der ausgeprägten schwarzen Handschrift.

»Es ist von Kitiara«, sagte er schließlich. Ihm war bewusst, dass seine Stimme angespannt und unnatürlich klang. »Sie kommt nicht.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen. »Das war’s dann«, murmelte Flint. »Der Kreis ist gebrochen, der Eid verworfen. Unglück.« Er schüttelte den Kopf. »Unglück.«

Ritter von Solamnia – Die Gesellschaft des alten Mannes

Raistlin beugte sich vor. Er und Caramon wechselten Blicke, als würden zwischen ihnen wortlos Gedanken ausgetauscht. Es war ein seltener Augenblick, denn nur große persönliche Schwierigkeiten oder Gefahren ließen die enge Blutsverwandtschaft der Zwillinge offensichtlich werden. Kitiara war ihre ältere Halbschwester.

»Kitiara würde ihren Eid nicht brechen, falls sie nicht an einen anderen stärkeren Eid gebunden ist.« Raistlin sprach aller Gedanken laut aus.

»Was schreibt sie denn?«, erkundigte sich Caramon.

Tanis zögerte, dann befeuchtete er seine trockenen Lippen. »Die Pflichten bei ihrem neuen Herrn halten sie fest. Sie bedauert es sehr und sendet uns allen die besten Wünsche und ihre Liebe …« Seine Kehle schnürte sich zusammen. Er hustete. »Ihre Liebe zu ihren Brüdern und zu …« Er machte eine Pause und rollte dann das Pergament zusammen. »Das ist alles.«

»Liebe zu wem?«, fragte Tolpan lebhaft. »Autsch!« Wütend funkelte er Flint an, der ihm auf den Fuß getreten war. Der Kender sah Tanis erröten. »Oh«, machte er und kam sich ziemlich dumm vor.

»Wisst ihr, von wem sie spricht?«, wollte Tanis von den Brüdern wissen. »Was für einen neuen Herrn hat sie?«

»Wer weiß schon bei Kitiara Bescheid?« Raistlin zuckte mit seinen mageren Schultern. »Wir haben sie das letzte Mal vor fünf Jahren hier in diesem Wirtshaus gesehen. Sie ist mit Sturm gen Norden gewandert. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört. Was den neuen Herrn betrifft, wissen wir jetzt anscheinend, warum sie unseren Eid gebrochen hat: Sie hat einem anderen die Treue geschworen. Letzten Endes ist sie nun mal Söldnerin.«

»Ja«, stimmte Tanis zu. Er ließ die Rolle in ihren Behälter gleiten und sah zu Tika auf. »Du hast gesagt, diese Botschaft sei unter merkwürdigen Umständen angekommen. Erzähle es mir.«

»Ein Mann brachte sie heute am späten Vormittag. Zumindest glaube ich, dass es ein Mensch war.« Tika schauderte. »Er war von Kopf bis Fuß in die unterschiedlichsten Kleider eingehüllt. Ich konnte nicht einmal sein Gesicht erkennen. Seine Stimme war zischend und er sprach mit einem fremden Akzent. ›Überreiche dies Tanis, dem Halbelfen‹, sagte er. Ich antwortete ihm, dass du schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen wärst. ›Er wird hier sein‹, sagte der Mann. Dann ging er.« Tika zuckte mit den Schultern. »Das ist alles, was ich dir sagen kann. Der alte Mann dort drüben hat ihn auch gesehen.« Sie zeigte auf einen alten Mann, der am Feuer auf einem Stuhl saß. »Du könntest ihn fragen, ob er noch etwas bemerkt hat.«

Tanis drehte sich um und erblickte den Alten, der einem schläfrigen Kind Geschichten erzählte. Flint berührte seinen Arm.

»Da kommt jemand, der dir mehr erzählen kann«, sagte der Zwerg.

»Sturm!«, rief Tanis erfreut, als er zur Tür blickte.

Alle außer Raistlin wandten sich um. Der Magier versank wieder im Schatten.

In der Tür stand eine Gestalt in voller Rüstung – auf dem Brustschild das Wappen des Ordens der Rose. Die meisten Gäste im Wirtshaus funkelten ihn finster an. Der Mann war ein solamnischer Ritter und die Ritter von Solamnia hatten im Norden einen schlechten Ruf. Die Gerüchte über ihre Korruptheit hatten sich sogar bis hierher in den Süden verbreitet. Die wenigen, die Sturm als einen langjährigen früheren Bewohner von Solace erkannten, zuckten nur die Achseln und wandten sich wieder ihren Getränken zu. Jene, die ihn nicht wiedererkannten, starrten ihn weiter an. In diesen Tagen des Friedens war es mehr als ungewöhnlich, einen Ritter in voller Rüstung das Wirtshaus betreten zu sehen. Und noch ungewöhnlicher war es, einen Ritter in einer Rüstung zu sehen, die noch aus der Zeit des Kataklysmus herrührte!

Sturm nahm die Blicke als Respektbezeugung für seinen Rang entgegen. Sorgfältig strich er sich den dicken Schnurrbart glatt, ein uraltes Symbol der Ritter, das genauso fossil wirkte wie seine Rüstung. Er trug den Schmuck der solamnischen Ritter mit unerschütterlichem Stolz – und er hatte den Schwertarm und die Übung, um diesen Stolz zu verteidigen. Obwohl die Leute im Wirtshaus ihn anstarrten, wagte niemand – wenn er in die ruhigen kalten Augen des Ritters gesehen hatte –, zu kichern oder eine abfällige Bemerkung zu machen.

Der Ritter hielt einem hochgewachsenen Mann und einer in Pelze gehüllten Frau die Tür auf. Die Frau musste sich bei Sturm bedankt haben, denn er verbeugte sich vor ihr in einer höfischen, altmodischen Manier, die in der neuen Welt schon lange in Vergessenheit geraten war.

»Schaut euch das an.« Caramon schüttelte bewundernd den Kopf. »Der tapfere Ritter hilft der schönen Dame. Ich frage mich, wo er die beiden aufgegabelt hat.«

»Das sind Barbaren aus den Ebenen«, erklärte Tolpan, der sich auf einen Stuhl gestellt hatte und seinem Freund zuwinkte. »Sie tragen die Kleidung des Que-Shu-Stamms.«

Augenscheinlich hatten die beiden Menschen der Ebenen irgendein Angebot von Sturm abgelehnt, denn der Ritter verneigte sich abermals und schritt daraufhin durch die überfüllte Gaststube mit einer stolzen und edlen Miene, wie er sie wohl auch zur Schau gestellt hatte, als er vom König zum Ritter geschlagen worden war.

Tanis erhob sich. Sturm ging erst zu ihm und legte die Arme um seinen Freund. Tanis drückte ihn fest an sich und spürte die starken, sehnigen Arme des Ritters, die ihn herzlich umfassten. Dann gingen beide einen Schritt zurück, um sich einen Augenblick zu mustern.

Sturm hat sich nicht verändert, dachte Tanis, nur um seine traurigen Augen sind mehr Fältchen, mehr Grau ist in seinem braunen Haar. Der Umhang ist ein bisschen abgetragener. Die uralte Rüstung hat ein paar Dellen mehr. Aber der wallende Schnurrbart des Ritters – sein ganzer Stolz – war lang und schwungvoll wie eh und je, sein Schild strahlend poliert, seine braunen Augen funkelten herzlich wie immer, wenn er seine Freunde traf.

»Und du hast einen Bart«, sagte Sturm belustigt.

Dann wandte sich der Ritter Caramon und Flint zu, um sie zu begrüßen. Tolpan flitzte wieder davon, um mehr Bier zu besorgen, denn Tika war zu anderen Gästen fortgerufen worden.

»Ich grüße dich, Ritter«, wisperte Raistlin aus seiner Ecke.

Sturms Gesicht wurde ernst, als er den anderen Zwilling erblickte. »Raistlin«, sagte er.

Der Magier zog seine Kapuze zurück, sodass Licht auf sein Gesicht fiel. Sturm war zu gut erzogen, um sein Erstaunen zu zeigen. Aber seine Augen weiteten sich. Tanis stellte fest, dass der junge Magier ein zynisches Vergnügen an der Verlegenheit seiner Freunde entwickelte.

»Kann ich dir etwas bestellen, Raistlin?«, fragte Tanis.

»Nein, danke«, antwortete der Magier und verschwand wieder im Schatten.

»Er isst praktisch nichts«, sagte Caramon besorgt. »Ich glaube, er lebt von Luft.«

»Einige Pflanzen leben von Luft«, bemerkte Tolpan, der mit einem Krug Bier für Sturm wiedergekommen war. »Das habe ich gesehen. Ihre Wurzeln saugen Nahrung und Wasser aus der Atmosphäre.«

»Wirklich?« Caramon bekam große Augen.

»Ich weiß nicht, wer der größere Idiot ist«, spottete Flint voller Abscheu. »Nun, wir sind alle da. Gibt es Neuigkeiten?«

»Alle?« Sturm sah Tanis fragend an. »Kitiara?«

»Sie kommt nicht«, erwiderte Tanis mit fester Stimme. »Wir haben gehofft, dass du uns etwas darüber sagen könntest.«

»Nein.« Der Ritter runzelte die Stirn. »Wir reisten gemeinsam Richtung Norden und trennten uns, bald nachdem wir die Meerengen bei Alt-Solamnia überquert hatten. Sie wollte Verwandte ihres Vaters aufsuchen, sagte sie. Das war das Letzte, was ich von ihr gesehen habe.«

»Tja, vermutlich war es das.« Tanis seufzte. »Was ist mit deinen Verwandten, Sturm? Hast du deinen Vater gefunden?«

Sturm hob an zu erzählen, aber Tanis hörte seinen Geschichten über seine Reise in das Land seiner Vorfahren nur mit halbem Ohr zu. Seine Gedanken waren bei Kitiara. Von all seinen Freunden hatte er sich am meisten nach ihr gesehnt. Nachdem er fünf Jahre lang versucht hatte, ihre dunklen Augen und ihr verschmitztes Lächeln aus seinen Gedanken zu verbannen, musste er sich eingestehen, dass seine Sehnsucht nach ihr mit jedem Tag zunahm. Zügellos, impulsiv, leidenschaftlich – diese Kämpferin stellte all das dar, was Tanis nicht war. Sie war aber ein Mensch und die Liebe zwischen Menschen und Elfen musste in einer Tragödie enden. Trotzdem konnte Tanis sie nicht mehr aus seinem Herzen reißen, so wie er auch nicht seine menschliche Hälfte aus seinem Blut herauszufiltern vermochte. Er riss sich aus seinen Gedanken und fing an, Sturm zuzuhören.

»Ich habe Gerüchte gehört. Einige sagen, mein Vater ist tot. Andere behaupten, dass er lebt.« Sein Gesicht verdunkelte sich. »Aber niemand weiß, wo er sich aufhält.«

»Dein Erbe?«, hakte Caramon nach.

Sturms Lippen umspielte ein melancholisches Lächeln, das die Kerben in seinem stolzen Gesicht glättete. »Das trage ich am Körper«, antwortete er schlicht. »Meine Rüstung und meine Waffe.«

Tanis beugte sich vor und erkannte, dass der Ritter ein zwar altmodisches, aber prächtiges Zweihandschwert trug.

Caramon stand auf und spähte über den Tisch. »Das ist ein wunderschönes Schwert«, sagte er. »Heutzutage wird so etwas nicht mehr angefertigt. Mein Schwert ist bei einem Kampf mit einem Oger zerbrochen. Theros Eisenfeld hat heute eine neue Klinge angepasst, doch das war ein teures Vergnügen. Dann bist du jetzt also ein Ritter?«

Sturms Lächeln verschwand. Er ignorierte die Frage und fuhr liebevoll über den Schwertgriff. »Der Legende nach wird dieses Schwert nur durch mich zerbrechen«, sagte er. »Das ist alles, was übriggeblieben ist von meinem Vater …«

Plötzlich wurde er von Tolpan unterbrochen, der nicht zugehört hatte. »Wer sind diese Leute?«, fragte der Kender im schrillen Flüsterton.

Tanis sah auf, als die beiden Barbaren an ihrem Tisch vorbeigingen und auf freie Stühle zusteuerten, die im Schatten eines Winkels neben der Feuerstelle standen. Solch einen riesigen Mann hatte Tanis noch nie zuvor gesehen. Caramon mit seinen zwei Metern würde ihm nur bis zu den Schultern reichen. Aber Caramons Brustkorb war wahrscheinlich doppelt so breit und seine Arme mussten dreimal so dick sein. Obwohl der Mann Felle trug, wie es bei barbarischen Stammesangehörigen üblich war, konnte man erkennen, dass er für seine Größe sehr mager war. Sein zwar dunkelhäutiges Gesicht hatte die Blässe eines Kranken.

Seine Begleiterin – die Frau, vor der sich Sturm verbeugt hatte – war in einen Fellumhang und eine Kapuze eingemummt, sodass es schwierig war, mehr über sie zu sagen. Weder sie noch ihr Gefährte schauten im Vorbeigehen zu Sturm. Die Frau hielt einen schlichten Stab in der Hand, der nach Barbarenart mit Federn geschmückt war. Der Mann trug einen abgetragenen Rucksack mit sich. Sie ließen sich in ihren Fellen auf den Stühlen nieder und unterhielten sich leise.

»Ich traf sie außerhalb der Stadt, wo sie auf der Straße herumirrten«, berichtete Sturm. »Die Frau schien völlig erschöpft zu sein, dem Mann ging es nicht besser. Ich brachte sie hierher und sagte ihnen, dass sie etwas zu essen und Unterkunft für die Nacht bekommen könnten. Es sind stolze Leute, und sie hätten meine Hilfe abgelehnt, vermute ich, aber sie hatten sich verlaufen, waren müde und« – Sturm senkte die Stimme – »in diesen Tagen trifft man auf den Straßen Dinge, denen man besser nicht in der Dunkelheit begegnet.«

»Wir trafen heute einige, die nach einem Stab fragten«, erzählte Tanis grimmig. Er beschrieb ihre Begegnung mit Truppführer Toede.

Sturm schüttelte den Kopf, obgleich er bei der Schilderung des Kampfs lächeln musste. »Eine Wache der Sucher befragte mich auch über einen Stab«, sagte er. »Blauer Kristall, nicht wahr?«

Caramon nickte und legte eine Hand auf den schmächtigen Arm seines Bruders. »Einer dieser schleimigen Wachleute hielt uns auf«, erzählte der Kämpfer. »Sie wollten Raistlins Stab enteignen, einfach so – ›für weitere Untersuchungen‹, sagten sie. Ich bin mit meinem Schwert auf sie losgegangen und sie haben es sich dann anders überlegt.«

Raistlin löste seinen Arm aus der Berührung seines Bruders und hatte ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.

»Was wäre passiert, wenn sie deinen Stab genommen hätten?«, fragte Tanis Raistlin.

Der Magier sah ihn aus den Schatten seiner Kapuze an und seine goldenen Augen glänzten. »Sie wären eines fürchterlichen Todes gestorben«, flüsterte der Magier, »und nicht durch meines Bruders Schwert!«

Den Halbelfen fröstelte es. Die sanft gesprochenen Worte des Magiers waren erschreckender als das prahlerische Benehmen seines Bruders. »Ich frage mich, was so bedeutend ist an diesem blauen Kristallstab, dass Goblins töten würden, um ihn zu bekommen«, grübelte Tanis.

»Es gibt noch schlimmere Gerüchte«, sagte Sturm ruhig. »Im Norden sammeln sich Soldaten. Armeen aus fremdartigen Kreaturen – nicht menschlich. Man munkelt von Krieg.«

»Aber was? Wer?«, verlangte Tanis zu erfahren. »Ich habe das Gleiche gehört.«

»Ich ebenfalls«, fügte Caramon hinzu. »In der Tat habe ich gehört …«

Während die Unterhaltung weitergeführt wurde, gähnte Tolpan und wandte sich ab. Leicht gelangweilt blickte sich der Kender im Wirtshaus nach einem neuen Zeitvertreib um. Sein Blick wanderte zu dem alten Mann, der dem Kind am Feuer immer noch Geschichten erzählte. Seine Zuhörerschaft hatte sich vergrößert – um die beiden Barbaren, stellte Tolpan fest. Dann klappte seine Kinnlade herunter.