Der Letzte der Ungerechten - Claude Lanzmann - E-Book

Der Letzte der Ungerechten E-Book

Claude Lanzmann

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Beschreibung

Eine Woche lang führte Claude Lanzmann 1975 in Rom auf Deutsch ein Interview mit Benjamin Murmelstein, einem der umstrittensten Überlebenden der Shoah. Der Rabbiner war nach seiner Deportation ins Ghetto Theresienstadt ab September 1944 der letzte sogenannte Judenälteste. Nach dem Krieg warf man ihm vor, Handlanger der Nazis gewesen zu sein. Claude Lanzmann hingegen beharrt darauf, dass jemand wie Murmelstein nicht die Freiheit hatte, moralisch zu handeln, weil er selbst den Nazis ausgeliefert war. Lanzmann verwendete das Material nicht, wie ursprünglich geplant, für sein epochales Filmwerk «Shoah», sondern machte erst 2013 einen eigenen Film daraus. Dieses Buch dokumentiert das Interview und Szenen des Films. «Ein einzigartiges Dokument.» Tagesspiegel «Claude Lanzmanns Postskriptum zu ‹Shoah›.» New York Times

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Claude Lanzmann

Der Letzte der Ungerechten

 

 

 

Über dieses Buch

Eine Woche lang führte Claude Lanzmann 1975 in Rom auf Deutsch ein Interview mit Benjamin Murmelstein, einem der umstrittensten Überlebenden der Shoah. Der Rabbiner war nach seiner Deportation ins Ghetto Theresienstadt ab September 1944 der letzte sogenannte Judenälteste. Nach dem Krieg warf man ihm vor, Handlanger der Nazis gewesen zu sein. Claude Lanzmann hingegen beharrt darauf, dass jemand wie Murmelstein nicht die Freiheit hatte, moralisch zu handeln, weil er selbst den Nazis ausgeliefert war.

Lanzmann verwendete das Material nicht, wie ursprünglich geplant, für sein epochales Filmwerk «Shoah», sondern machte erst 2013 einen eigenen Film daraus. Dieses Buch dokumentiert das Interview und Szenen des Films.

 

«Ein einzigartiges Dokument.»

Tagesspiegel

 

«Claude Lanzmanns Postskriptum zu ‹Shoah›.»

New York Times

Impressum

Die französische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel «Le dernier des injustes» bei Éditions Gallimard, Paris.

 

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Le dernier des injustes» Copyright © 2015 by Éditions Gallimard, Paris

Sämtliche Abbildungen und Fotos stammen als Fotogramme aus dem Film «Le dernier des injustes» unter der Regie von Claude Lanzmann (2013), Copyright © 2015 by Éditions Gallimard

Redaktion der deutschen Ausgabe Frank Strickstrock

Redaktionelle Mitarbeit Jessica Küster

Der deutsche Text folgt der deutschen Fassung des Films von «Le dernier des injustes», «Der Letzte der Ungerechten»; die verwendeten Untertitel produzierte DeLuxe-Videotitel, Wien; Übersetzung: Petra Metelko

Copyright © 2013 by Synecdoche – Le Pacte – Dor Film – France 3 Cinema – Les Films Aleph.

Die Zitate von Benjamin Murmelstein stammen aus: Benjamin Murmelstein, «Theresienstadt. Eichmanns Vorzeige-Ghetto», Copyright © 2014 by Czernin Verlags GmbH, Seiten 43–46 sowie 58/59. Titel der Originalausgabe: Benjamin Murmelstein, «Terezin. Il ghetto-modello di Eichmann», Copyright © 2013 by Editrice La Scuola; Copyright © der Erstausgabe: Cappelli 1961

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

ISBN 978-3-644-40026-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Für Iris van der Waard

Der Rabbiner Benjamin Murmelstein war der letzte Vorsitzende des «Judenrates» von Theresienstadt. 1975 filmte ich ihn eine Woche lang in Rom. Der Fall Theresienstadt war in meinen Augen zugleich Nebenprodukt und zentraler Faktor der Entstehung und des Ablaufs der «Endlösung».

Aber ich habe die vielen Stunden Interview am Ende nicht in den Aufbau von Shoah einbeziehen können, so reich sie auch waren an Enthüllungen aus erster Hand. Es hat lange gedauert, bis mir klar war, dass Benjamin Murmelstein und Theresienstadt einen eigenen Film verlangen.

Theresienstadt liegt sechzig Kilometer nordwestlich von Prag. Ursprünglich war es eine Festungsanlage, Ende des 18. Jahrhunderts von Kaiser Joseph II. zu Ehren seiner Mutter Maria Theresia erbaut. Sie wurde von den Nazis als Standort ausgewählt für das, was Adolf Eichmann selbst «Vorzeige-Ghetto» nannte. Im März 1939, ein Jahr nach der Annexion («Anschluss») Österreichs, hatte Deutschland die Republik Tschechoslowakei zerschlagen, sie durch den Vasallenstaat Slowakei ersetzt und das «Protektorat Böhmen und Mähren» (wie das Hitler-Regime die Tschechische Republik umtaufte) errichtet. Die Entscheidung, ein Ghetto aus Theresienstadt zu machen, wurde im November 1941 getroffen. Wie in allen Ghettos in Polen nach Oktober 1939 wurde ein Rat der Alten eingesetzt, bestehend aus zwölf Mitgliedern und einem sogenannten «Judenältesten» – die Wortwahl ist abwertend und eine Anspielung auf tribalistische Verhältnisse. Es gab in Theresienstadt während des vierjährigen Bestehens des Ghettos, zwischen November 1941 und Frühling 1945, drei aufeinanderfolgende «Judenälteste».

Der erste, Jakob Edelstein, war aus Prag, Zionist und für die Jugend. Nach zwei Jahren der Nazihölle, in der den Juden alles, buchstäblich alles verboten war, begrüßte er die Schaffung von Theresienstadt mit blindem Optimismus und hoffte darauf, dass das harte Leben, das sie erwartete, eine Vorbereitung für ihr zukünftiges Leben in Palästina sein möge. Die Nazis verhafteten ihn im November 1943, deportierten ihn nach Auschwitz und töteten ihn sechs Monate später durch einen Genickschuss, nachdem sie vor seinen Augen auf dieselbe Weise seine Frau und seinen Sohn ermordet hatten. Der zweite Älteste hieß Paul Eppstein, er war aus Berlin und kam ebenfalls durch einen Genickschuss ums Leben, am 27. September 1944 in Theresienstadt selbst in der Kleinen Festung, die als Gefängnis und Hinrichtungsstätte diente.

Benjamin Murmelstein, der dritte und letzte, Rabbiner aus Wien und Stellvertreter von Josef Löwenherz, dem Vorsitzenden der Kultusgemeinde der österreichischen Hauptstadt, wurde im Dezember 1944 zum Ältesten ernannt. Murmelstein war von außergewöhnlicher Statur und ein brillanter Kopf, der Intelligenteste der drei und, vielleicht, der mutigste. Anders als Jakob Edelstein konnte er sich mit dem Leid der Alten nicht abfinden. Obwohl es ihm gelang, das Ghetto bis in die letzten Kriegstage zu erhalten und seinen Bewohnern die von Hitler verordneten Todesmärsche zu ersparen, zog er sich den Hass einer Reihe Überlebender zu. Als Besitzer eines Diplomatenpasses des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes wäre es ihm ein Leichtes gewesen zu fliehen. Er tat es nicht und zog es vor, sich von den Tschechen verhaften und einsperren zu lassen, nachdem man ihn der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt hatte. Er saß achtzehn Monate im Gefängnis, bevor er in allen Punkten der Anklage freigesprochen wurde. Er ging ins römische Exil, wo er ein ziemlich hartes Leben führen musste. Er reiste nie nach Israel, obwohl er den tiefen Wunsch dazu hegte und das Land aufrichtig liebte.

Alle Judenältesten fanden ein tragisches Ende. Benjamin Murmelstein ist der Einzige, der überlebte. Das macht sein Zeugnis so unendlich wertvoll. Er lügt nicht, er ist ironisch, sardonisch, hart gegen andere und sich selbst. Bezug nehmend auf den Titel von André Schwarz-Barts Meisterwerk «Der Letzte der Gerechten» nennt er sich selbst «Der Letzte der Ungerechten». Somit hat er dem Film und in der Folge diesem Buch seinen Namen gegeben. Vor unseren Gesprächen im Jahr 1975 hatte er auf Italienisch ein Buch mit dem Titel Terezin. Il ghetto-modello di Eichmann (Theresienstadt. Eichmanns Vorzeige-Ghetto) geschrieben, erschienen 1961. Der Ton des Buches und der unserer Unterhaltungen ist sehr unterschiedlich: Das Buch stellt mit einer brüderlichen Anteilnahme und der schriftstellerischen Gabe Murmelsteins die Opfer und ihr entsetzliches Leid in den Mittelpunkt. In den Gesprächen verteidigt er eher sein Tun.

Bei seiner ersten Erwähnung im Film sind wir im Jahr 1943, bei der Ankunft eines «Transports» deutscher Juden aus Hamburg. Die Deutschen hatten gerade beschlossen, Deutschland «judenrein» zu machen und die letzten Personen mit einem besonderen Status, die bis dahin hatten zu Hause bleiben können, wenn auch unter schlimmsten Verhältnissen, nach Theresienstadt zu deportieren. In Theresienstadt waren seit 1941 vor allem tschechische und österreichische Juden. Dank den Ersteren, Mitgliedern des Technischen Büros, die Baupläne erstellen mussten und hervorragende Zeichner waren, verfügen wir über eine unvergleichliche Sammlung von Kunstwerken, die Zeugnis davon geben, wie das Leben im «Vorzeige-Ghetto» wirklich war. Gebaut für maximal 7000 Soldaten, nahm Theresienstadt zu Spitzenzeiten 50000 Juden auf. Die meisten dieser genialen Künstler, die in tiefster Nacht aufstanden, um heimlich ihre Bilder und Zeichnungen zu schaffen, die sie dann in der Erde vergruben, wurden in den Gaskammern der Vernichtungslager ermordet. Aber ihre Namen sind für immer in unserem Gedächtnis. Jene großen Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, Regisseure, die eine Zeitlang in Theresienstadt waren, bevor sie weiter im Osten starben. Ein Wort zum Schluss: Während Murmelstein von Eichmann damit beauftragt worden war, die Zwangsumsiedelung der österreichischen Juden in Wien zu organisieren, gelang es ihm von 1938 bis zum Ausbruch den Krieges, mehr als 120000 Juden zur Flucht zu verhelfen.

Bahnhof von Bohušovice – 2013

CLAUDE LANZMANN:

Wer in aller Welt kennt heute noch Bohušovice und seinen Bahnhof? An der viel befahrenen Eisenbahnstrecke Prag– Dresden und weiter nach Berlin.

Doch zwischen November 1941 und Frühling 1945 kamen 140000 Juden auf diesen Bahnsteigen an. Besser gesagt, sie wurden hier abgeladen. Um unter übelsten Bedingungen in das drei Kilometer entfernte Theresienstadt gebracht zu werden, das auf Tschechisch Terezín heißt, jene Stadt, die Hitler den Juden zum Geschenk gemacht hatte. Es war in allen Nazizeitungen zu lesen: «Der Führer schenkt den Juden eine Stadt.» Was für ein Geschenk!!

In seinem Buch «Theresienstadt. Eichmanns Vorzeige-Ghetto» schreibt Benjamin Murmelstein:

In Deutschland hat man das Gerücht verbreitet, man habe den Juden eine Stadt geschenkt, einen Kurort mit Hotels und Pensionen. Dieser idyllische Ort sollte diejenigen aufnehmen, die aus Altersgründen oder weil sie Kriegsversehrte waren, arbeitsunfähig waren. Die Kultusgemeinden waren ermächtigt worden, Verträge aufzusetzen, die Unterkunft und Verpflegung in der Kurstadt Theresienstadt in Aussicht stellten, unter der Bedingung, dass man zugunsten von Eichmanns Auswanderungsfonds auf das gesamte Vermögen verzichtete.

Die deutschen Juden hatten immer eine tiefe Ehrfurcht vor Obrigkeiten besessen, deshalb kam niemand auf den Gedanken, das Geschenk des Führers in Frage zu stellen. Die Wohlhabenden kamen gern der Aufforderung nach, ihr ganzes Vermögen zu «spenden», auf diese Weise stellten sie Mittel für die Unterbringung ihrer Glaubensgenossen bereit, die im Laufe der zehnjährigen Naziherrschaft verarmt waren.

Die Alten, Kranken, Blinden, Schwachsinnigen, die in Wien mit Fußtritten in Viehwagen verfrachtet worden waren, trugen bei ihrer Ankunft noch immer die Abdrücke der genagelten Stiefel.

Die Juden aus Hamburg hingegen nahmen staunend zur Kenntnis, wie großzügig sie, die Reichsschädlinge, behandelt wurden. Waggons zweiter Klasse, gepolsterte Sitzplätze, jede Menge Gepäck, Nahrungs- und Heilmittelvorräte und sonstiges Material, um den Aufenthalt im Kurort Theresienstadt so angenehm wie möglich zu machen.

Am Bahnhof Bauschowitz (Bohušovice) war die Reise allerdings zu Ende, und auch die Illusion. Das Empfangskomitee bestand aus SS-Männern, ein paar zitternden jüdischen Knaben und ein paar tschechischen Gendarmen […] Blumen gab es keine.

Weißhaarige Köpfe beugten sich aus den Fenstern, auf der Suche nach einem Kofferträger. Ihr Ausdruck ging rasch von Neugier in Zweifel und Schrecken über.

Befehle wurde gebrüllt. Die Alten, die versuchten, vom Trittbrett herunterzusteigen, trugen ihren Sonntagsstaat, sie hatten sich für die Pension feingemacht, in der sie Zimmer mit Seeblick und Aussichtsterrasse reserviert hatten. Niemand reichte den Neuankömmlingen die Hand, ein paar stürzten, Hüte kollerten über den Boden; sie wurden geschubst, geohrfeigt, mit dem Stock geschlagen; Schreie, Stöhnen, die Frauen weinten; ein Durcheinander von Leibern, Krücken und Koffern, ein apokalyptischer Anblick.

Erst nach ein paar Stunden konnte dem Chaos Einhalt geboten werden. Die Alten, die sich gerade noch aufrecht halten konnten, machten sich in Reih und Glied und von Gendarmen eskortiert auf den Weg nach Theresienstadt. Die anderen folgten, wie Holzscheite auf Lastwagen geworfen. Erst jetzt traten die jüdischen Kofferträger auf den Plan, unter Aufsicht der SS-Männer verluden sie sorgfältig die zurückgelassenen Koffer, offiziell, um sie zu durchsuchen – in Wirklichkeit waren sie längst konfisziert. […]

 

In Berlin hingegen lief alles bestens. Die Juden stellten sich an, um Heimeinkaufsverträge zu unterzeichnen. Bei der Reichsbahn hatten die von Eichmann organisierten Transporte absoluten Vorrang. Innerhalb weniger Wochen kamen vierzigtausend Alte im Ghetto an.

Auf der Suche nach einer Lösung entdeckte die Lagerverwaltung die großen Dachböden unter den aufgeheizten Dächern der Kasernen. Sobald die Alten einmal auf den Ziegelböden lagen, standen sie nicht mehr auf. Um einen Wasserhahn, ein Lavoir oder eine Latrine zu finden, hätten sie zahllose Stufen hinunter- und wieder hinaufsteigen müssen, ein Ding der Unmöglichkeit.

Keiner der Alten war imstande, seine Habseligkeiten zu bewachen, sein Recht auf tägliche Lebensmittelration zu verteidigen, und natürlich gab es Insassen, die das ausnutzten. Universitätsprofessoren, Kriegsversehrte, Träger von Kriegsauszeichnungen, bekannte Industrielle und viele andere, die Dokumente bei sich hatten, die unter Beweis stellten, dass sie Schulen gegründet, Krankenhäuser finanziert, Stipendien vergeben oder Ehrenämter innegehabt hatten, solange die Gesellschaft die Einmischung der Juden noch duldete, lagen am Boden des Dachbodens, in der Gluthitze, in unerträglichem Gestank, von Läusen gequält, im Staub und im eigenen Kot. Die Koffer waren verschwunden, die Dokumente war zu nichts mehr nütze, die Gesellschaft hatte sich verändert.

Manche der wenigen Glücklichen, die eine Unterkunft in einem der leeren Häuser gefunden hatten, versuchten, die Stadt zu erkunden; sie gingen hinaus und kamen nicht mehr zurück. Verwirrt und benommen irrten die Alten über die Straßen, erkannten das Tor des Hauses nicht wieder, in dem sie geschlafen hatten, und waren nicht einmal mehr imstande, ihre Personalien anzugeben. Ein eigener Orientierungsdienst wurde eingerichtet mit der Aufgabe, die herumirrenden Juden aufzugreifen und ihre Identität festzustellen.

Zeichnung von Bedrich Lederer, von Prag nach Theresienstadt deportiert. Er überlebte.

In Berlin ahnte man, wie ernst die Lage war. Im Ghetto gab es keinen Plan für so viele Menschen. Deshalb wurden im Juni zweitausend Personen deportiert, im Juli weitere zweitausend und im August dreitausend, auf diese Weise wurden ein paar Schlafstellen frei. Im Mai gab es 155 Tote und im August 2327. Der perfekten deutschen Organisation war es gelungen, den Bau von drei Verbrennungsöfen in einer Senke außerhalb der Mauern rechtzeitig fertigzustellen.

Zeichnung von Ferdinand Bloch, ermordet am 31. Oktober 1944 in der «Kleinen Festung» von Theresienstadt.

Begräbnisse, immer gleichzeitig für dreißig bis vierzig Tote, fanden viermal am Tag statt, in einer Kasematte in der Nähe der Schranken.

Die Särge waren nicht geschlossen, sie waren so gebaut, dass man den Deckel und die Seitenteile weiterverwenden konnte, die Leiche wurde auf einem Brett, das unter anderem das Feuer anheizte, in den Ofen geschoben. Die Organisation des Todes machte Fortschritte, wurde immer perfekter; den Lebenden stand das Schlimmste noch bevor. […]

Zeichnung von Bedrich Fritta, in Auschwitz ermordet im Oktober 1944.

Überall Leichenwagen, die man in den jüdischen Gemeinden in Böhmen konfisziert hat; dort gab es niemanden mehr zu beerdigen.