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Zu Anfang dieses Jahrhunderts verlässt das Schulschiff der chilenischen Marine den Hafen von Talcahuano. Auf seiner letzten Fahrt nimmt es Kurs auf Kap Horn. An Bord ist ein blinder Passagier, der fünfzehnjährige Alejandro, der um jeden Preis Matrose werden will. Auf der Reise lernt er das harte Leben auf See und eine unbekannte Welt an der Südspitze der bewohnten Welt kennen. Mit diesem kleinen Roman, seinem ersten, fand Francisco Coloane Anfang der Vierzigerjahre in Lateinamerika seine größte Leserschaft unter Erwachsenen und Jugendlichen.
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Seitenzahl: 131
Veröffentlichungsjahr: 2018
Zu Anfang dieses Jahrhunderts verlässt das Schulschiff der chilenischen Marine den Hafen von Talcahuano. An Bord ist ein blinder Passagier, der fünfzehnjährige Alejandro, der um jeden Preis Matrose werden will. Auf der Reise lernt er das harte Leben auf See und eine unbekannte Welt an der Südspitze der bewohnten Welt kennen.
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Francisco Coloane (1910–2002) hörte als Sohn eines Walfänger-Kapitäns schon als Kind die Geschichten der Indianer. Mit seinen Erzählungen, in denen er Feuerland und Patagonien für die Literatur entdeckt hat, wurde er zu einem der bekanntesten Schriftsteller Lateinamerikas.
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Willi Zurbrüggen (*1949) arbeitet seit 1982 als freier Übersetzer. Er hat u. a. Werke von Ignacio Aldecoa, Fernando Aramburu, Luis Sepúlveda und Antonio Skármeta ins Deutsche übertragen. Für seine Übersetzungen erhielt er diverse Preise, u. a. den Übersetzerpreis des Spanischen Kulturministeriums.
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Francisco Coloane
Der letzte Schiffsjunge der Baquedano
Roman
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1941 unter dem Titel El Último Grumete de la »Baquedano« bei Empresa Editoria Zig Zag, S.A. in Santiago de Chile.
Originaltitel: El último Grumete de la Baquedano (1941)
© by Francisco Coloane 1977
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Wiliam Bradford, Ice Dwellers Watching the Invaders
Umschlaggestaltung: Heinz Unternährer
ISBN 978-3-293-30322-5
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
DER LETZTE SCHIFFSJUNGE DER BAQUEDANO
Nach SüdenDie erste NachtDer letzte SchiffsjungeDrei Haufen steuerbord!Das Gespenst der LeonoraSturm auf hoher SeeWalfangDie AlacalufsVon Punta Arenas zur »Teufelsgruft«Hinter den EisbergenDas »Fischotterparadies«Der »Strauß der Meere«Wieder daheimEscobedos WahnMehr über dieses Buch
Über Francisco Coloane
Francisco Coloane: Über die expressive Kraft der Natur
Wolfgang Cziesla: Begegnung mit Francisco Coloane
Über Willi Zurbrüggen
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Zur Erinnerung an das Schiff,das Generationen von chilenischen Seeleutenausgebildet hat.
Zwanzig Grad nach Backbord!«, rief der wachhabende Leutnant auf der Brücke der Korvette General Baquedano. »Zwanzig Grad nach Backbord!«, schrie der Rudergänger zurück, während seine schwieligen Hände in die Speichen des Steuerrads griffen und es herumwirbelten. Eine Sturmbö aus Nordwest drückte das Schiff auf die Seite und tauchte das Backbord unter die hohen Wellen, deren schwarze Buckel in die dunkle Nacht hinausrollten. Der Sturm heulte in der Takelage, die geblähten Segel ließen die Rahen ächzen, und das Schulschiff der chilenischen Kriegsmarine, schlank und weiß wie ein Albatros, richtete seinen Bug nach Süden. Der Nordwestwind blies von Steuerbord und trieb das Schiff mit zwölf Seemeilen in der Stunde übers Meer.
Es war die letzte Fahrt dieses prächtigen Schiffes. Nachdem Generationen von Offizieren, Unteroffizieren und Matrosen der chilenischen Marine an Bord ausgebildet worden waren, hatte die oberste Leitung der Seestreitkräfte nun den Befehl zu dieser letzten Kreuzfahrt nach Kap Hoorn gegeben. Danach sollte das Schiff, das sich auf allen Weltmeeren wacker geschlagen hatte, abgewrackt werden, da es nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen entsprach, die für die gefahrvollen Südrouten gelten, die die Kriegsmarine befährt.
Eines Abends im Herbst also lichtete die General Baquedano, mit dreihundert Mann Besatzung an Bord, im Militärhafen von Talcahuano die Anker, fuhr mit Motorkraft aus der Bucht bis zur Insel Quiriquina hinaus, setzte, schon auf hoher See, die Segel und richtete, in Befolgung ihres letzten Einsatzbefehls, den Bug nach Süden.
Dreihundert Männer standen am Tag der Abfahrt auf der Mannschaftsliste, doch in Wirklichkeit befanden sich dreihundertundeiner an Bord. Doch von diesem letzten Besatzungsmitglied wusste niemand etwas. In einem Bugbunker, unter dem Mastkorb, kauerte zwischen Taurollen und Ketten ein etwa fünfzehnjähriger Junge und erwartete zitternd sein ungewisses Schicksal.
Etwa drei Stunden befand er sich schon in diesem Versteck, und er war sicher, dass kein Mensch von seiner Anwesenheit an Bord etwas wusste; denn die Wache an der Fallreeptür konnte sich in der Gewissheit wiegen, dass kein Fremder in den letzten Stunden vor Auslaufen über diesen einzigen Zugang an Bord gekommen war.
Diese Gewissheit beruhigte ihn einigermaßen; doch dann dachte er an die lange Nacht, die ihn in dem kleinen Kabuff erwartete, den ein Matrose, ohne von der Gegenwart des Jungen etwas zu ahnen, mit einer Kette und einem Vorhängeschloss von außen verschlossen hatte.
Ab und zu zwang ihn ein plötzliches Schlingern, sich an den Taurollen festzuklammern, um nicht gegen die eisernen Wände geschleudert zu werden, und wenn das Schiff sich wieder gefangen zu haben schien, hörte er direkt über seinem Kopf deutlich die Wellen gegen den Rumpf schlagen. »Verdammt«, sagte er sich, »ich bin unter dem Wasser!«
So war es tatsächlich; die Bunkerkammer lag unterhalb der Wasserlinie, und wenn der Bug von der Höhe eines Wellenkamms hinabstieß und im Tal zwischen zwei Wellen aufprallte, verursachte dies im Rumpf des Schiffes einen dröhnenden Widerhall.
Schon bald fühlte er eine leichte Benommenheit im Kopf und eine leichte Übelkeit in der Magengegend, so als bekäme er nicht genug Luft. Das Übelkeitsgefühl verstärkte sich, und würgendes Erbrechen schüttelte seinen Körper, dem nun auch die Kälte zusetzte.
Der Junge umklammerte den Rand einer Kabelrolle und erbrach sich in das Innere, bis nichts mehr in seinem Magen war. Der Kopfschmerz ließ nach, sein Körper beruhigte sich wieder, und bald fühlte er sich besser. Er war ein kräftiger Junge, und daher war die Seekrankheit, die jeden befällt, der zum ersten Mal an Bord eines Schiffes geht, bei ihm nur ein Anfall, der rasch vorüberging.
Erschöpft streckte er sich, so gut es ging, auf dem Boden aus; und mit einem Mal stand ihm das Bild seiner Mutter und ihrer vertrauten Stube in Talcahuano vor Augen. Er fühlte einen harten bitteren Knoten in seinem Hals, ein scharfer Schmerz kräuselte seine Nase, stach ihm zwischen die Augen und … dann konnte er nicht mehr an sich halten.
Wie aus einer Handvoll Weintrauben, die zerdrückt werden, quollen dicke Tränen aus seinen Augen. Er schüttelte jedoch den Kopf, krallte seine Hände mit aller Kraft in ein dickes Tau, und die Welle der Bangigkeit ging vorüber, wie die Seekrankheit auch.
Dann dachte er an die Schule, an seine Klassenkameraden aus der 3b, an seine Lehrer, die guten und die schlechten; doch jetzt, da ihm alles so fern vorkam, waren alle nur gut. Gewiss sorgte sich seine Mutter. Dieser Gedanke rührte ihn am meisten. Was tat sie jetzt, ohne ihren einzigen Sohn?
Er erinnerte sich, wie sie die Kleidung der Seeleute bügelte, während er an einem Tischchen im Bügelzimmer seine Hausaufgaben machte oder mit einem Stück Karton die Kohlenglut anfachte, und wie das mächtige, mit glühender Holzkohle gefüllte Bügeleisen gleich einem merkwürdigen Schiff durch das faltenreiche Meer von Hemden und gestärkten Krägen fuhr, die zum Sonntagsstaat der Kapitäne gehörten.
Seine Mutter, Doña Maria, Witwe eines Seemanns, galt als die beste Wäscherin in dem Hafenstädtchen. Die chemischen Waschsalons, die in Talcahuano moderne Zeiten eingeläutet hatten, machten ihr vergebens Konkurrenz. Anfangs nahmen sie ihr zwar ein paar Kunden, doch bald schon kamen die alten Kapitäne wieder zu ihr, denn wenn Doña Maria die Hemden wusch, waren sie hinterher weißer als Schnee, und das Gewebe wurde geschont.
Voll Bitterkeit dachte er an die regnerischen Wintertage, wenn er zusehen musste, wie seine Mutter, über den Waschbottich gebeugt, unaufhörlich wusch und wusch.
»Seit dein Vater mit der Angamos untergegangen ist«, pflegte sie zu sagen, »haben wir keinen anderen Verdienst.«
»Und Manuel, dein Bruder«, fuhr sie fort, »hat uns auch verlassen. Er sah, dass ich zu viel arbeitete, und eines Tages hat er zu mir gesagt: Mutter, ich will nicht mehr zur Schule gehen. Arme Leute wie wir können sie doch nie zu Ende bringen. Ich bin schon fünfzehn. Ich kann auf einem Kohlenfrachter die Überfahrt nach Magellanien abarbeiten; dort unten im Süden soll man mit der Jagd auf Otter, Robben, Füchse und andere Pelztiere viel Geld verdienen können. Da fahre ich hin, Mutter, und wenn ich zurückkomme, habe ich genug Geld, damit du nicht mehr arbeiten musst, und ich bringe eine schöne Decke aus Guanako-Fell mit, die du dir im Winter um die Füße schlagen kannst … So ist er denn gegangen und niemals mehr zurückgekehrt, und ich habe auch nie wieder etwas von ihm gehört. Sicher ist er auf dem Meer ertrunken, denn sonst hätte er mir geschrieben, so pflichtbewusst, wie er war.«
Er erinnerte sich, dass seine Mutter an dieser Stelle stets zu weinen anfing.
Er pflegte sie dann zu trösten und sagte: »Weine nicht, Mama; wenn ich groß bin, werde ich Seemann wie mein Vater und verdiene so viel Geld, dass du nicht mehr arbeiten musst. Ich werde dann das ganze Südmeer befahren, bis ich meinen Bruder gefunden habe oder wenigstens eine Spur von ihm, damit du weißt, was aus ihm geworden ist.«
Er lernte fleißig in der Grundschule, und in der Mittelschule war er einer der besten Schüler, doch sein wahres Streben war auf den Eintritt in die Kadetten- und Marineschule gerichtet, der ihm jedoch versagt blieb, obwohl Doña Maria, seine Mutter, schon mehrmals bei der Marineleitung vorstellig geworden war.
Als er erfuhr, dass das Segelschulschiff General Baquedano zu seiner letzten Ausbildungsfahrt auslaufen sollte, beschloss er nach reiflicher Überlegung, heimlich an Bord zu gehen, obwohl er gehört hatte, dass blinde Passagiere schwer bestraft und auf manchen japanischen und chinesischen Schiffen sogar über Bord geworfen wurden, weil Kapitäne nicht die Strafe bezahlen wollten, die die Küstenwache für illegal an Bord befindliche Personen eintrieb.
Ob dies Seemannsgarn war oder nicht, er schrieb jedenfalls zwei Briefe: einen an seine Mutter und einen an den Direktor seiner Schule, in denen er ihnen die Gründe für seine Entscheidung darlegte. Er wollte ein Mann werden und seinen Bruder suchen, und er bat um Verzeihung, dass er weder Mutter noch Lehrer um Erlaubnis gebeten hatte, die ihm andererseits ja mit Sicherheit verwehrt worden wäre.
Als das erledigt war, ging er an Bord. So weit war er mit seinen Gedanken gekommen, als er sich den ersten wirklichen Schwierigkeiten gegenübersah. In einem Winkel der Bugkammer gewahrte er mehrere Leuchtpunkte, die seine Erinnerungen nachhaltig unterbrachen. Er blinzelte, kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und sah sich drei riesigen rostbraunen Ratten gegenüber, die fast so groß wie Katzen waren.
Schaudernd fielen ihm die Geschichten ein, in denen Seeleute von Ratten aufgefressen worden waren. In Talcahuano war einmal ein zweijähriger Junge von Ratten totgebissen worden. Er hatte auch gelesen, dass es im Wilden Westen ein Fort Rat gab, welches so hieß, weil seine vom Hunger geschwächten Soldaten von diesen Nagetieren gefressen worden waren. Im Süden Chiles, im Seengebiet, war einmal ein ganzes Heer von Ratten aus Argentinien eingedrungen, hatte Schafe, Hunde und Schweine totgebissen und ganze Farmerfamilien vertrieben.
Die glühenden Augen kamen näher. Der Junge tastete schwankend nach einem Tauende, doch da es ihm nicht stark genug schien, kletterte er auf die Rollen und stieß mit den Füßen nach den Ratten.
Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als die Ratten, anstatt davonzulaufen, wie wütende kleine Hunde an seinen Beinen hochsprangen und ihn zu beißen versuchten. Erst als eine von seiner Fußspitze getroffen und gegen die Wand geschleudert wurde, rannten die übrigen davon und verschwanden in der Dunkelheit.
Der Junge blieb auf den Taurollen liegen und merkte, wie ihn ein Schwächegefühl übermannte. Sein Mund war trocken, sein Magen leer. »Ich werde aushalten, bis ich nicht mehr kann«, sagte er sich, »dann werde ich mit aller Kraft gegen die Eisentür hämmern, obwohl es eher unwahrscheinlich ist, dass man mich hört.«
Sein Kopf sank ihm auf die Brust, die Müdigkeit war stärker als Hunger und Durst. Nach und nach kamen auch wieder zwei, drei, fünf Paar glühender Augen zum Vorschein. Abscheulich anzusehen in ihrem rotbraunen borstigen Fell, waren sie wieder da, die Ratten, bereit, sich im passenden Moment auf ihr Opfer zu stürzen.
Mühevoll richtete sich der Junge auf, um sie wieder mit Fußtritten zu verjagen, als draußen plötzlich die Kette schepperte, als zerre jemand daran, um die Tür zu öffnen. Der Junge verbarg sich hinter den Tauen. Die Tür wurde aufgerissen, eine Petroleumlampe leuchtete in die Bunkerkammer, und als sie schon zurückgezogen wurde, sprang ein Polizeihund über sie hinweg und stürzte sich bellend auf das Versteck.
Eine herrische Stimme rief: »Patotolo!«, und der Hund ging knurrend zurück; eine Hand griff nach seinem Halsband, und dieselbe Stimme rief diesmal: »Wer da?«
»Ich. Alejandro Silva!«, gab der Junge mit bemüht fester Stimme zur Antwort.
Die Vorschriften auf dem Schulschiff besagen, dass jede Nacht ein Wachoffizier in Begleitung eines Unteroffiziers und zweier bewaffneter Matrosen das Schiff von Bug bis Heck und vom Kiel bis zur Brücke abgehen und jeden Winkel mit einer starken Lampe ausleuchten muss. Diese Gruppe von Männern, gemeinhin »die Runde« genannt, wird in der Regel von einem Offiziersanwärter der Marineschule befehligt, ist mit Sondervollmachten ausgestattet und genießt bei der Mannschaft großes Ansehen.
Der junge Alejandro, der die Vorschriften auf einem Kriegsschiff nicht kannte, hatte diesen Überraschungsbesuch nicht erwartet.
»Rauskommen!«, befahl der Wachoffizier.
Patotolo, ein kraftstrotzender Polizeihund, Maskottchen der Besatzung und zuverlässiger Begleiter der Runde, begann wieder zu bellen.
Alejandro kam zwischen den Taurollen hervor; zwei kräftige Matrosen traten mit gefällten Bajonetten ein und packten ihn an den Armen.
