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Jäger und Seeleute, Farmersfrauen und Verlierer hat es aus allen Enden der Welt hierher verschlagen, in diese trostloseste und gleichzeitig großartigste Landschaft im äußersten Süden Amerikas. Mit seinem ausgeprägten Sinn für Tonlagen, mit seinem feinen Gespür für Figuren verleiht Coloane den vielschichtig gewebten Erzählungen eine ungeheuerliche Spannung. Coloane durchstreifte allein die Landschaften Patagoniens und Feuerlands, bevor er sich an den Schreibtisch setzte, denn er gehört nicht zu den Autoren, die sich damit begnügen, nur auf dem Papier große Abenteuer zu erleben. Francisco Coloane wird seit seiner Entdeckung im deutschprachigen Raum in einem Atemzug mit Pablo Neruda, Joseph Conrad und Hermann Melville genannt.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2018
In diesen Erzählungen vor dem Hintergrund der trostlosesten und gleichzeitig großartigsten Landschaft im äußersten Süden Amerikas berichtet Coloane von Jägern und Seeleuten, Farmersfrauen und Verlierern, die es hierher verschlagen hat. Die Landschaft nimmt Gestalt an, ist Schauspielerin in einem Stück ohne Ende, das sich nie wiederholt, nie ermüdet.
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Francisco Coloane (1910–2002) hörte als Sohn eines Walfänger-Kapitäns schon als Kind die Geschichten der Indianer. Mit seinen Erzählungen, in denen er Feuerland und Patagonien für die Literatur entdeckt hat, wurde er zu einem der bekanntesten Schriftsteller Lateinamerikas.
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Willi Zurbrüggen (*1949) arbeitet seit 1982 als freier Übersetzer. Er hat u. a. Werke von Ignacio Aldecoa, Fernando Aramburu, Luis Sepúlveda und Antonio Skármeta ins Deutsche übertragen. Für seine Übersetzungen erhielt er diverse Preise, u. a. den Übersetzerpreis des Spanischen Kulturministeriums.
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Francisco Coloane
Kap Hoorn
Reisebericht
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1941 unter dem Titel Cabo de Hornos in Santiago de Chile.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 im Unionsverlag, Zürich.
Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde unterstützt durch die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. in Zusammenarbeit mit der Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA.
Originaltitel: Cabo des Hornos (1941)
© by Francisco Coloane 1941
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Explorer
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30324-9
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
KAP HOORN
Kap HoornDie Stimme des SturmsDer Eisberg von KanasakaFlamencoDer AustralierDer Páramo»Stockreißen«Die letzte SchmuggelfahrtDer WolljungeCururoWasser und MondHunde, Pferde, MännerDie Rache des MeeresDie Henne mit den Eiern des LichtsMehr über dieses Buch
Über Francisco Coloane
Francisco Coloane: Über die expressive Kraft der Natur
Wolfgang Cziesla: Begegnung mit Francisco Coloane
Über Willi Zurbrüggen
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Die Westküste Feuerlands zerbröckelt in zahlreiche Inseln, zwischen denen sich geheimnisvolle Kanäle schlängeln, die sich am Ende der Welt in der »Teufelsgruft« verlieren.
Seeleute aus allen Breiten versichern, dass dort, eine Meile vor jenem schicksalsträchtigen Vorgebirge, das am Kap Hoorn das ewige Duell der beiden größten Ozeane der Welt sekundiert, der Teufel mit tonnenschweren Fesseln angekettet ist, die er in fürchterlichen Sturmnächten, wenn Wassermassen und dunkle Schatten sich bäumen und vom Himmel in abgründige Tiefen zu stürzen scheinen, hinter sich herschleppt und dabei die Fußeisen auf dem Meeresgrund klirren lässt.
Bis vor ein paar Jahren wagten sich nur kühne Pelztierjäger und Robbenfänger in diese Gegenden, Menschen verschiedenster Rassen, mutige Männer, deren Herz nichts anderes war als eine zusätzliche geballte Faust. Einige sind ihr Leben lang nicht mehr von diesen Inseln losgekommen. Andere, Namenlose, die anscheinend von der Geißel des Hungers von Osten nach Westen getrieben werden, gelangen hin und wieder in diese unwirtlichen Regionen, wo Schneestürme jäh über sie herfallen und ihre Seele zerhacken, bis sie nur noch eine Klinge ist, hart und kalt wie ein Eiszapfen.
Auch bei blutigen Gefängnisausbrüchen entkommene Sträflinge sind auf den Inseln untergetaucht, manchmal bei den Indianern. Männer, die sich den Weg frei geschossen haben und sich überall dort, wo der Arm des Gesetzes hinreicht, nicht mehr blicken lassen können, denn wo die Kanäle enden, befindet sich ein Ort von finsterer Berühmtheit: das Zuchthaus von Ushuaia.
Unter diesem Himmelsstrich darf sich der Mensch über nichts wundern: dass eine Nussschale mit vier Matrosen in See sticht und mit dreien zurückkehrt; dass ein Kutter mitsamt Besatzung spurlos verschwindet und der seltsamen Dinge mehr. Über nichts darf er sich wundern, wenn Gold und Felle gleichmäßig unter den Männern der Besatzung aufgeteilt werden.
Wo die Kanäle enden, in der Nähe von Kap Hoorn, liegt die Insel Sunstar. Die einzigen Bewohner dieser Insel, Jackie und Peter, sitzen in der endlosen Dezemberdämmerung auf der Schwelle ihrer aus rohen Baumstämmen gezimmerten, aus zwei Räumen bestehenden Hütte; auf dem Dach wachsen gelblich grüne Flechten und Moose – wie ein sprödes Lächeln dieser rauen Landschaft – dem Himmel entgegen, der, unheildrohend, den meisten Teil des Jahres seinen Schnee auf ihr ablädt.
Die Jäger behaupten, sie seien Brüder, doch Genaues weiß niemand; und von ihnen selbst ist nichts zu erfahren, weil sie den Mund nur aufmachen, um zu fluchen oder ihr Essen zu verschlingen.
Jackie hat das ausdruckslose Gesicht eines Säuglings; er ist von normaler Statur, mit einem funkelnden Glanz in den hinter wimpernlosen, geröteten und geschwollenen Lidern tief liegenden Augen, sodass er manchmal einem großen Fötus oder einer weißlichen Robbe gleicht.
Peter ist anziehender; er hat die verschlagenen Züge eines Fuchses, eines trägen Raubtiers. Auf den ersten Blick wirkt er sanftmütig, doch sein von der Sonne gebleichtes Flachshaar weist ein paar dunklere Strähnen auf, die, ohne dass man zu sagen wüsste, warum, auf etwas Gemeines, Aggressives hinweisen, was sich unter seiner scheinbaren Sanftmut verbirgt.
Es heißt, sie hätten ein paar Pfund Sterling zurückgelegt und würden weitersparen, um in ihr Land zurückzukehren. In welches Land? Woher sind sie gekommen?
In diesen Regionen gibt es viele Männer, deren Herkunft niemand kennt und von denen niemand weiß, wo sie einmal enden werden. Sie scheinen der Erde selbst entstiegen zu sein, den einzigartigen einsamen Gewässern am äußersten Breitenkreis.
Sie sprechen eine kehlige Mischung aus Spanisch und Englisch. Die Einsamkeit und ihr Umgang mit den Indianern haben sie der Gabe beraubt, Gedanken zu spinnen und lange Sätze zu formulieren. Ihre Sprache ist abgehackt und schwer verständlich für zivilisiertere Menschen, die auf der Suche nach den begehrten Fellen die Magellanstraße hinunterfahren.
Die beiden haben etwas Fisch gegessen und sitzen nun auf der Türschwelle, ruhen sich mitten am Nachmittag aus, der um sie herum mit den ungewöhnlichsten Farbspielen des australen Sonnenuntergangs schon zur Neige geht.
Vor ihnen liegen, still und tief, die Gewässer des Kanals. Am Ufer der mit Südbuchen gesäumten Buchten ist das Wasser dunkler, und es ist, als schwebten unheimliche schwärzliche Dunstschleier über der glatten Oberfläche.
Die Stille ist vollkommen, regungslos und kalt.
Jackie reißt gähnend seinen Robbenkiefer auf, stützt den Kopf in die Hand und starrt zu einem verschneiten Berggipfel in der Ferne hinauf, nur um den Blick auf irgendetwas ruhen zu lassen, und nicht etwa aus dem Bedürfnis heraus, die Schönheit der Natur zu genießen.
Mit einem Mal schaut er gespannt auf, lauscht einem Geräusch, das vom nahen Ufer kommt. Zuerst ist es ein Plätschern, wie wenn ein Otter aus dem Wasser steigt und über die Klippen klettert; danach ist es das leise Eintauchen von Rudern.
Aus Jägergewohnheit holt Jackie eine Winchester aus der Hütte und bleibt in der Tür stehen. Peter ist ebenfalls aufgestanden und blickt zum Ufer hinüber.
Nach einer Weile verstummt das leise Plätschern, kurz darauf hört man etwas durch das Unterholz des Buchenwäldchens brechen, das die Hütte auf der einen Seite umgibt. Eindeutig: Zwischen den dicht belaubten niedrigen Buchen nähert sich jemand.
Jackie stellt missmutig das Gewehr hinter die Tür: In der Gegend benutzt von Mann zu Mann niemand eine Waffe. Niemand benutzt eine Waffe, weil eine Kugel so viel wert ist wie das Fell eines Seehunds oder eines Otters. Und wenn einer das lästige Aufteilen der Felle umgehen will, dann entledigt er sich auf andere Weise seines Partners, lässt ihn auf einer einsamen Felseninsel mitten im Meer zurück oder begnügt sich mit einem kleinen Stoß an der Reling des durch die windstille Nacht tuckernden Kutters.
Ein brauner Fleck tauchte zwischen dem Grün der Zweige auf, und ein gebückter Mann in nassen, zerrissenen Kleidern kam wie ein geprügeltes Tier, das einem Tümpel entsteigt, über die kleine Pampalichtung auf sie zu.
Die Brüder wechselten einen kurzen Blick. Der Mann blieb ein paar Schritte vor ihnen stehen; er war hochgewachsen, hager und würdevoll, obwohl völlig heruntergekommen, mit schwarzen Stoppeln im Gesicht und einem buschigen Schnauzbart. Er hob den Kopf und sagte schwankend und mit seltsam flehendem Blick: »Etwas zu essen … Ich bin aus Ushuaia geflohen …«
Seine Stimme klang heiser, als hätte er sie während der tagelangen Flucht nicht benutzt und sie hätte daher ihren Klang verloren.
Peter – der mit den dunklen Strähnen im flachsigen Haar – schüttelte den Kopf, zeigte mit der ausgestreckten Hand in die Richtung, woher der Mann gekommen war, und stieß knurrend hervor: »Los! Hau ab! Verschwinde!«
Der Mann bettelte nicht, er wusste, dass er unwillkommen war. Als er sich zum Gehen wandte, fiel sein Blick auf einen Stoß an der Hüttenwand gestapelter Jungrobbenfelle.
Die von den Jägern begehrtesten Felle sind die der Pelzseehunde, obwohl es den europäischen Pelzwarenherstellern inzwischen gelungen ist, mit den Bälgen junger Robben, die in der ersten Lebenswoche getötet und innerhalb von vierundzwanzig Stunden gehäutet werden, das feine Fell täuschend ähnlich zu imitieren. Die Babyrobbenfelle werden »Popis« genannt, und die Aufkäufer in den Magallanes zahlen vierzig bis fünfzig Pence das Stück. In den arktischen Regionen gibt es Jungrobben im Überfluss. Sie sind schwierig zu jagen, weil die Weibchen an unzugänglichen Stellen gebären und der Robbenschlag innerhalb einer Woche nach dem Werfen abgeschlossen sein muss.
»Ihr jagt Popis?«, sagte der Flüchtige mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. »Ich kenne eine Höhle, einen riesigen Wurfplatz, wo es mehr Popis gibt, als man jagen kann.«
Peters Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen gleich dem dunklen Sumpf, der in silberheller Nacht wie eine Quelle aufleuchtet.
»Vorher aber etwas zu essen! Ich bin halb tot vor Hunger«, bat der Flüchtige.
»Sag uns zuerst, wo die Wurfhöhle liegt!«, rief Jackie.
»Habt ihr schon einmal von der Vogelinsel gehört?«
»Aber klar, die kennt doch jeder. Natürlich wissen wir, dass es dort eine Wurfhöhle gibt und dass niemand auf diese verdammte Insel kommt, weil der Höhleneingang direkt am Ozean, hinter Klippen und Riffen liegt.«
»Genau«, sagte der Flüchtige zufrieden. »Niemand ist bisher hineingekommen; aber wo es Vögel gibt, gibt es Robben, und wo es Robben gibt, gibt es Fische. Kurz bevor man ins offene Meer gelangt, kommt man an einer Bucht vorbei; an der Stelle, wo ganze Robbenherden schwimmen und sich im Wasser tummeln, gibt es einen verborgenen Zugang.«
»Gut, kannst bleiben, Mann«, lächelte Peter hinterhältig.
Der Mann aß etwas Trockenfisch und Reste vom gerösteten Fleisch und richtete sich zum Schlafen ein paar Felle hinter der verwahrlosten schimmeligen Küche.
Die Gringos legten sich auf ihre aus rohen Buchenbrettern gezimmerten Pritschen an der Wand, die zum Schutz vor Wind und Schnee mit Werg und vermoderten Fellresten abgedichtet war.
Wieder herrschte Stille. Draußen: die australe Nacht, eisig und still.
Alles ist eine Frage des Preises, in dieser Gegend wie überall. Bei Tagesanbruch, ungefähr um halb drei, waren sie schon alle drei an Bord des kleinen Kutters mit dem Beiboot an Deck einträchtig mit Ablegen beschäftigt, als kennten sie sich ein Leben lang. Das laute Knattern des Kerosinmotors zerriss die friedliche Stille, und das Schiff fuhr langsam kanalabwärts in Richtung Süden, und in dem Moment stieg die subantarktische Sonne auf und sandte ihre schrägen Strahlen wie ein ferner blasser Scheinwerfer auf die Erde. Nach drei Stunden erreichten sie die Kanalmündung. Weiter vorn brandete der Ozean, der an der engen Kanalausfahrt seinen Zorn mäßigt und sich in eine kabbelige See voller Strömungen verwandelt, die bei Ebbe oder Flut äußerst gefährlich sind.
Der Kutter begann über Backbord leicht zu krängen und steuerte nach einem Wendemanöver die Bucht an, wo Jackie schließlich in einer Untiefe den kleinen Anker warf.
»La Pajarera«, die Vogelinsel, ist ein lang gestrecktes Eiland, das die Form eines liegenden Ungeheuers oder eines Seehunds hat, der seinen von den rauen Kapstürmen gepeitschten Kopf herausfordernd duckt und gewaltige Felsbrocken speit, an denen sich das Meer für alle Zeiten bricht.
»Dort!«, sagte der Flüchtige und zeigte vom Bug aus auf eine verborgene Rinne, die in die Insel hineinführte und sich im dichten Buschwerk verlor. Beim Anblick der grauen Felswand entrang sich ihm ein tiefer Seufzer: Dies war »seine« Vogelinsel; acht Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Zwischen ihren Klüften hatte er sich einst versteckt gehalten, als die verdammten Scheinwerfer der Küstenwache in Ushuaia den geschmuggelten Schnaps geortet hatten. Es gab Schüsse. Und es blieb keine andere Wahl, als zu treffen. Wer weiß, wie viele es gewesen waren. Das lag nun alles hinter ihm.
Der hohe, überhängende Felsen war in der Mitte senkrecht gespalten. Sein vorspringender Gipfel warf einen dunklen Schatten auf das in der Morgensonne glitzernde Wasser.
Man hätte den Felsen für ein Stück fremde tote Welt halten können, wären nicht die Tausenden von Vögeln gewesen, die sich in den winzigen Spalten drängten wie auf den Stufen einer von der Laune der Natur geformten Treppe: Kormorane, Wildgänse, weiße Guanotölpel, Stärlinge, Albatrosse, Möwen und Kaptauben girrten und schäkerten und unterhielten sich wie die Bewohner eines absonderlichen Wolkenkratzers von Fenster zu Fenster.
Bewundernswerte Ordnung herrschte in diesem Vogelschlag, dem die Insel ihren Namen verdankt. Im unteren Teil ballten sich die Pinguine mit ihren schneeweißen Brustlätzen und ihrer dümmlichen Wichtigkeit. Über ihnen hausten die Kormorane und die Wildgänse, die, über alles und jedes empört, einfältig in die Welt hinausäugten. Die zuoberst pausenlos zu kühnen Expeditionen aufflatternden und wieder zurückkehrenden Möwen und Albatrosse gaben dem Ganzen ein Gefühl von Ferne.
Hin und wieder schleuderte ein zänkischer Schnabelhieb einen Kormoran in die Tiefe, der aber seinen Fall mit den Schwingen auffing; ein anderer landete in direktem Flug, grimmig entschlossen, einen Platz zu erobern, was unweigerlich einen Tumult aus Flügeln, Schnäbeln und Krächzen auslöste.
»Wo es Vögel gibt, gibt es auch Robben, und wo es Robben gibt, gibt es Fische«, hatte der Fremde gesagt. Die Strömung, die an dieser Stelle zusammenfloss, und die lange, enge Bucht, die in die Vogelinsel eindringt, bilden den Hauptverkehrsweg für das unermüdliche Hin und Her der Meeresbewohner. Und der ewige Kampf taucht vom Meeresgrund an die Oberfläche, wenn eine Robbe ihren runden Kopf mit einem Ruck aus dem Wasser streckt, einen Seebarsch im Maul, der sich wie ein glitzernder weißer Arm zwischen ihren Hauern windet. Ein skulpturales Meeresschauspiel: das dunkelglänzende Fell der Robbe, der kraftvoll geblähte Hals, der hunde- und zugleich menschenähnliche Rachen mit den tropfenden Schnurrbarthaaren wie gläserne Nadeln, zwischen den Hauern der Schwanz des sich krümmenden Fisches, der immer wieder klatschend gegen die bebenden Lefzen des gierigen Tieres schlägt.
Weiter draußen tummelten sich kleine Gruppen zierlicher Seehunde mit ihren schlanken Delfinleibern; sie schwammen paarweise, verfolgten einander mit blitzschnellen Wendungen.
Die drei Jäger waren ins Beiboot umgestiegen und ruderten auf den hinter einem Vorhang aus Flechten und Schlingpflanzen verborgenen Felsspalt zu.
Das grüne Gespinst beiseiteschiebend, drangen sie in einen finsteren Schlund ein. Es war der verborgene Höhleneingang. Der Fels schwitzte Feuchtigkeit, und ein kleines Rinnsal fiel in dicken Tropfen ins Meer. Im Licht einer Laterne stießen sie sich mit ihren kurzen Rudern an den glatten, glitschigen Felswänden vorwärts.
Sie mochten an die dreißig Meter weit vorgedrungen sein, als eine diffuse Helligkeit sie empfing, und ein dumpfes Geräusch wie das Dröhnen gewaltiger Pauken zerrüttete die Grabesstille: Es war das Tosen des Meeres, das sich vor dem unzugänglichen, kapwärts gelegenen Eingang der Höhle brach.
Nach und nach wurde es etwas heller. Man ahnte die senkrecht aufsteigenden Wände, doch wenn man zur Höhlendecke hinaufblickte, sah man nur undurchdringliche erdrückende Schwärze.
Der Flüchtige hielt den Kurs des Bootes und ließ es behutsam vorwärtsgleiten. Das wie eine Flosse leicht hin und her bewegte Ruder verursachte ein kaum wahrnehmbares Murmeln, dessen Echo von der Leere verschluckt wurde.
Die drei Männer bückten sich instinktiv und spähten in die Dunkelheit, in der Furcht und Schrecken zu hausen schienen.
Plötzlich trieb ein widerlicher Geruch von Blut und verwestem Fisch in warmen, Übelkeit erregenden Wellen auf die drei Männer zu. Der Geruch wurde immer stärker; die warmen Wellen verwandelten sich in erstickende Wogen, und weiches, gedämpftes Raunen drang an ihr Ohr.
Mit einem Mal weitete sich die Höhle, und zuhinterst, am Rande eines riesigen Weihers, waren Herden großer, grauer, runder Leiber zu erkennen, die sich langsam und schwerfällig bewegten.
»Das ist die Wurfhöhle«, sagte der Flüchtige und fuhr mit seiner heiseren Stimme fort: »Mit den alten Bullen, mit den großen, bärtigen, muss man vorsichtig sein, sie sind die Einzigen, die die werfenden Kühe hierherbegleiten. Haltet die Gewehre bereit; wenn wir näher dran sind, feuert ein paar Schüsse ab, damit die Kühe Platz machen und wir auf dem Tuffgestein am kleinen Strand anlegen können.«
Bei den Schüssen gerieten die Leiber in Bewegung, und die Männer zogen an einer kleinen freien Stelle das Beiboot ans Ufer; sie stiegen aus, jeder hielt einen keulenartigen Knüppel in der Hand.
Ein riesiger Bulle mit furchterregend gesträubten Schnurrbarthaaren ließ seine faltigen Lefzen spielen; seine Augen bewegten sich gefährlich blitzend, und er richtete sich zornig auf seinen Flossen auf. Aus Jackies Gewehr dröhnte ein Schuss. Der Seehund stieß ein dumpfes Röcheln aus und sackte zusammen. Der Todesschrei des Robbenbullen in der Tiefe der Höhle, im Schoß einer Insel, inmitten von Schatten und von Gestank, ließ die Männer erschauern, und ihr Mut verließ sie einen Moment lang. Sie waren zwar daran gewöhnt, das schon, aber draußen auf dem Meer, wo Wind und Wellen von vorn zuschlagen und mit Macht angreifen, während hier, in dieser finsteren Tiefe, in dieser erstickenden Monsterhöhle …
»Die sind aufgeschmissen«, sagte der Gringo, als das Tier unter der Wucht der Kugel zusammenbrach.
Das Werfen war in vollem Gang. Einige Kühe wälzten sich auf die Seite, und aus ihren klaffenden blutigen Eingeweiden glitschten kleine Geschöpfe, die sich wie unförmige dicke Maden auf Flossenstummeln bewegten. Andere stießen in den letzten Wehen einzelne, beinahe menschliche Klagelaute aus. Sie rollten sich auf die Seite und erdrückten einander gegenseitig; und endlich entbunden, stießen und bissen sie um sich, um ihre zarten Neugeborenen davor zu bewahren, zerquetscht zu werden. Die kräftigsten Jungen kletterten wie neugierige Plüschbärchen auf den mütterlichen Rücken, rutschten purzelnd hinunter und machten die ersten unsanften Lebenserfahrungen.
Zuckendes, langsames, gellend schreiendes Leben entströmte der unförmigen schmerzgekrümmten Masse gebärender, plumper brauner Leiber. Etwas Unheimliches, Vitales, das aus den ausgelaugten Eingeweiden der Natur zutage drängt. Tiefes, dumpfes Ächzen. Klatschender Aufprall weicher Körpermassen. Flossenschlagen. Schnaufen. Klebriges Schnalzen von sich zusammenziehendem Gedärm.
Das war keine Höhle, das war eine ganze Insel in schmerzlicher Niederkunft! Eine gebärende Insel! Das Wimmern der zeugenden Natur in einer Blase aus fauliger Luft und schwarzen Gewässern! Der fruchtbare Mutterschoß der Insel, der die Lieblingskinder des Meeres brütet. Das Meer, dieser überwältigende wilde Bulle, das draußen die glitzernden Klippen umspült! Der gewaltige Erzeuger, der die Geburtsschmerzen der Insel mit der weißen Liebkosung der an die Felsen klatschenden Gischt vergilt! Teil einer fernen Welt! Robben und Robbenjäger. Fremde Inseln! Erschreckendes, unvergessliches, geliebtes Land! Der Mensch, der sich schaudernd seinen Geheimnissen aussetzt, verfällt für immer dem Bann der Erinnerung: Land und Menschen sind wie der Eisberg. Wenn das Leben seine eisigen blauen Grundfesten zerstört hat, verschwindet er plötzlich; dann taucht die große weiße Masse aufs Neue auf und treibt träge durch das Meer der vergessenen Dinge.
Es hilft jedoch nichts, wenn das Leben sich in seinem tiefsten Innern verbirgt; selbst dorthin gelangt der Mensch von seinem Instinkt getrieben, um es zu entreißen.
Die drei Männer begannen mit ihrer Arbeit, die immer und überall dieselbe ist: töten, töten! Leben zerstören, selbst wenn es gerade erst geboren wird.
Die hoch erhobene Keule in der Hand, sprangen sie über die gebärenden Leiber und schlugen mit gezielten Hieben auf die Köpfe der Neugeborenen. Die kleinen Robben gaben keinen Laut von sich, sanken leblos zur Seite, hauchten ihr Leben aus, das nur einen kurzen Augenblick gedauert hatte.
Töten! Töten! Je schneller, desto besser! Wie vom Wahnsinn gepackt, schlugen die Männer drauflos und schichteten die kleinen Leiber zu Haufen. Verschwitzt und erschöpft hielten sie einen Moment lang inne, um wieder zu Atem zu kommen. Wenn ein alter Bulle sie bedrohte, griffen sie zum Gewehr. Die Kühe wehrten sich nicht; sie blickten mit einem unbestimmten Glanz in den Augen starr auf das Tun derer, die ihre Jungen abschlachteten.
Als sie so viele Tiere erlegt hatten, wie das Beiboot fasste, warfen sie die toten Körper hinein, bis die Wasserlinie Vorsicht gebot.
Dann fuhr das mit kleinen, glänzenden Robbenbälgen beladene Boot durch die felsigen Eingeweide ins Freie, und die Männer glitten mit ihrer Ladung ins Licht wie fremde Fischer, die ihre Netze über dem Abgrund ausgeworfen haben, ähnelten doch die kleinen Robben Fischen aus einer abgründigen Tiefe.
An jenem Tag schafften sie den Weg von der Höhle bis zum Kutter zweimal. Und als die Schatten länger wurden, legten sie wieder an ihrer Insel an und machten sich ohne Verzug ans Abhäuten, da die Bälge von toten Tieren innerhalb eines Tages verderben.
Am nächsten Morgen war jeder verfügbare Platz um die Hütte herum mit den winzigen aufgespannten Häuten der Popis behängt.
»Das sieht nach einer erfolgreichen Jagdsaison aus!«, rief einer der Gringos freudig erregt.
Fünf Tage lang beluden sie den Kutter mit Fellen und brachten sie zur Hütte zurück. Der Robbenschlag ging seinem Ende entgegen. Die acht Tage seit dem Werfen waren vorbei.
Nachts, während der kurzen Ruhepausen, die das Abhäuten und Aufspannen der Felle ihnen ließ, waren die Gringos jetzt zuvorkommender gegenüber ihrem kostbaren Gast.
Der hatte seine undurchdringlichen Gesichtszüge, die zu einem Ausdruck des Wartens erstarrt gewesen zu sein schienen, in ein Lächeln verwandelt, das sich langsam unter seinem grau melierten Schnurrbart ausbreitete.
Einmal mehr glitt das keuchende Stampfen des Kuttermotors durch den kalten, leuchtenden australen Morgen und flüchtete sich mit verhallendem Echo in die Welt der Kanäle.
»Heute ist der letzte Tag; mal sehen, ob wir drei Ladungen Popis schaffen«, sagte Jackie und reffte das Segel, um mit der leichten Brise von achtern den Motor zu unterstützen.
Der Flüchtige blickte zum Himmel und meinte bedächtig: »Wenn das hier vorbei ist, ziehts mich nach Norden. Na ja, ihr wisst schon … Bloß ein paar Felle, das ist alles, um sie dem Kapitän des erstbesten Kutters zu geben, der mich mitnehmen könnte. Ich würde ja hierbleiben, aber ich bin euch nicht mehr von Nutzen; die Jagd ist zu Ende, und im Übrigen kann man Ushuaia nicht weit genug hinter sich lassen.«
Etwas Eisiges zuckte in den Augen der Brüder auf. Wenn sie so dreinblickten, fragten die zwei Gringos in ähnlichen Lebenssituationen einander stets dasselbe. Sie waren beide Halunken, aber sie gestanden es sich ungern ein. Ihr Leben lang hatten sie sich den Schwarzen Peter ihrer finsteren Gedanken gegenseitig zugeschoben.
Sie drangen, wie an den anderen Tagen, die Schatten zerteilend in die Höhle ein und zogen das Boot an den von den Robbenkühen frei gelassenen Streifen Strand.
Der blutende Augenblick, an dem das Leben seinen Lauf beginnt, riecht immer nach Tod und Leben zugleich.
Mit entblößten Zähnen verbissen lächelnd, stürmte der entwichene Sträfling in die Höhle, ließ links und rechts seinen Knüppel auf die kleinen zarten Köpfe niedersausen.
Er war tief in die Höhle eingedrungen und war im Halbdunkel kaum zu erkennen; von Mordlust besessen, arbeitete er sich breitbeinig wie ein dräuender Dämon über den Rücken der Tiere vorwärts, als wollte er die Dunkelheit mit Knüppelhieben erforschen. Die Brüder tauschten einen kurzen Blick. Einen bangen, sekundenschnellen Blick. Sie wechselten kein Wort, doch ihre schurkischen Gedanken stimmten von Anfang an überein. Sie verstanden einander! Und wie von einem gemeinsamen Impuls getrieben, sprangen sie ins Beiboot und ruderten in überstürzter Hast davon.
Der Flüchtige hielt plötzlich erschöpft mit dem Töten inne. Er wandte langsam den Kopf und blickte über die Schulter. Das Boot verschwand bereits im Tunnel zum Meer.
Es war zu spät. Er stand ungläubig da, als sei die Erde unter ihm verschwunden, als sei er im Nichts versunken und treibe einsam in der Leere, ohne Boden unter den Füßen, ohne Himmel über ihm.
Wenn wir unser Schiff mit unseren Habseligkeiten, mit den schönsten Hoffnungen und Träumen beladen haben und wir dann betrogen, ungläubig am Strand zurückbleiben und das Schiff mit unserem ganzen Besitz in der Ferne entschwinden sehen und uns nur noch der schwammige Morast bleibt, in dem nichts mehr zu finden ist – in einem solchen Moment versagen unsere Kräfte. Doch wenn wir uns umwenden, sehen wir, dass es Wege zurück gibt; wir schöpfen Mut, und obwohl wir gebückt und mit geknickter Seele unter der Last unseres schweren Kreuzes gehen, richten wir uns schon bald wieder auf und werfen das Kreuz an einem staubigen Wegrand von uns, werden wieder zu dem, der wir vorher waren.
Gibt es jedoch keinen Weg zurück, dann bleibt die Seele an einem Faden hängen, baumelt über dem Abgrund, kann jederzeit in die Tiefe stürzen. Der Faden kann ein blendender Lichtstrahl sein – oder ein Schlund.
Der Flüchtige trat an den Saum des Wassers. Er setzte sich in den Sand und ließ den leeren Blick über die Rücken der Tiere schweifen, über die düsteren Felswände, das stille, unheilvolle Wasser in der schwarzen Höhle.
Draußen glitt das Boot bereits in den vor Licht und Vögeln strahlenden Kanal.
Stickige Hitze, ein Geruch, der in flachsigen, watteweichen Knäueln von den Wellen angeschwemmt wird. Er dringt in die Nase, in den Mund, würgt in der Kehle.
Eine riesige schwarze Robbe. Eine Robbe, ja, mit gesträubten Schnurrbarthaaren in den widerlichen herabhängenden Lefzen. Ihr ekliger Atem. Eine Robbe, die dir mit ihren riesigen, feuchten, klebrigen Flossen, die schwer wie Sargdeckel sind, die Brust zerquetscht.
Nein, es ist keine Robbe! Es ist Luciano, der fette Itaker, der sich betrunken auf ihn wirft. Luciano bewegt zwar seine wulstigen, nach »Toscanelli« stinkenden Lippen nicht, aber seine Augen fragen nach den Fellen! Nach den Fellen, um die sie miteinander gekämpft haben und derentwegen er ihn mit einem Messerstich in den Bauch in den Sand gestreckt hat.
Blut! Erleichterung! Er schwimmt jetzt langsam im Meer; um ihn herum tauchen die vertrauten Robben im kristallklaren türkisfarbenen Wasser. Das Wasser verfärbt sich dunkel. Doch es ist kein Wasser. Es ist dickes, schäumendes Blut. Und er sieht an seiner Seite zwei schlanke, hellhäutige Robben. Nein, es sind Ungeheuer, halb Mensch, halb Seelöwe. Es sind Jackie und Peter, die ihm zugrinsen.
Was ist das? Mein Gott: Eine Robbe entleert ihre Eingeweide über seinem Gesicht. Ihr Junges flutscht wie schwarzer Schleim aus ihrem Bauch. Erstickt ihn! Uff, es ist vorbei! Was für eine Erleichterung. Doch die Eingeweide des Tieres ziehen sich zusammen, saugen ihn ein, zerren mächtig an ihm … Das Gedärm presst ihn zusammen, nimmt ihm die Luft …
Die Robbe will ihn gebären und kann nicht! Ihre Eingeweide stoßen ihn aus, saugen ihn wieder ein, schnüren ihn zusammen … Und alles ist schwarz: schwarzes Blut, zäher Schleim.
Verschnaufen! Leises Klagen erhebt sich in der Ferne, das Klagen wird zu einem melodischen Gesang von Tausenden Kinderstimmen. Und an den plötzlich himmelblauen Höhlenwänden gleiten Kinderscharen herab. Nein, es sind Vögel! Nein, es sind Jungrobben mit zu Flügeln verwandelten Flossen. Und sie singen! Und sie fliegen!
Und er, was tut er? Er hat der Robbe, die an seiner Seite schwimmt, das Messer bis zum Heft in den Leib gestoßen; die Robbe ist ja Luciano, den er im Sand begraben hat. Aber, mein Gott, er ist doch ein anständiger Mensch, wie konnte er das tun? Und warum geht er jetzt auf die kleinen Robben los, die an seiner Seite mit Engelsstimmen singen? Die er mit dem Griff seines Dolches erschlägt … Und er kann von seiner Grausamkeit nicht ablassen. Und die Robbenwelpen fallen, einer nach dem andern … Und ihr himmlischer Gesang erstirbt nach und nach …
Alles ist Friede, Sanftheit und Stille. Und auch er hat jetzt Flügel; ist leicht, ganz leicht, möchte sich in einem langen Strahl ergießen, der zum Licht führt. Und er schwebt, schwebt einer Helligkeit entgegen, die sich zwischen felsigen Nebeln auftut. Und er steigt immer höher, steigt in eine Region des Lichts und des Friedens.
Einige Jahre später erschien in einer Tageszeitung in Punta Arenas eine kurze Meldung, die jedoch keine besondere Beachtung fand, waren die Leute dort es doch gewöhnt, von rätselhaften Tragödien zu lesen, die sich von Zeit zu Zeit in jenen Meeren abspielen.
Der Kapitän eines Versorgungsschiffs, das die Kanäle im äußersten Süden befährt, hat den Hafenbehörden einen offenbar seit Langem aufgegebenen Kutter bei der »Pajarera« in der Nähe von Kap Hoorn gemeldet.
Ein alter Robbenjäger, der am Tresen von Don Paulinos Bar davon hörte, bemerkte zwischen zwei Schluck Grappa: »Das muss der Kutter von Jackie und Peter sein. Die wollten es wissen, die beiden Gringos. Sie haben sich wohl jeden Knochen im Leib gebrochen, als sie in die Höhle der Vogelinsel eindringen wollten. Der Eingang liegt zum Meer hin, mitten in der Brandung. Drinnen soll es riesige Wurfhöhlen geben. Die beiden Gringos sind reingekommen, aber rausgekommen sind sie bestimmt nicht mehr. Kommen nie mehr raus.«
