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Der größte chilenische Schriftsteller neben Pablo Neruda ist neu zu entdecken: Francisco Coloane. Schauplatz seiner Werke ist die Südspitze des amerikanischen Kontinents - Feuerland, Patagonien, Kap Hoorn. Wenige Seiten genügen ihm, um unvergessliche Porträts jener Goldsucher, Walfänger, Robbenjäger, verlorenen Gauchos, gestrandeten Matrosen, Aufständischer, Desperados zu skizzieren, die auf der Suche nach Glück und Reichtum durch die endlose Weite streifen. Die Erzählungen kreisen alle um einen heimlichen Helden: Feuerland, eine Landschaft, die erhaben, unermesslich reich und unerbittlich zugleich ist, die keinen, der ihr verfallen ist, wieder freigibt.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2018
Schauplatz von Coloanes Werken ist die Südspitze des amerikanischen Kontinents - Feuerland, Patagonien, Kap Hoorn. In unvergesslichen Porträts skizziert er jene Goldsucher, Walfänger, Robbenjäger, verlorenen Gauchos, gestrandeten Matrosen, Aufständische und Desperados, die auf der Suche nach Glück und Reichtum durch die endlose Weite streifen.
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Francisco Coloane (1910–2002) hörte als Sohn eines Walfänger-Kapitäns schon als Kind die Geschichten der Indianer. Mit seinen Erzählungen, in denen er Feuerland und Patagonien für die Literatur entdeckt hat, wurde er zu einem der bekanntesten Schriftsteller Lateinamerikas.
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Willi Zurbrüggen (*1949) arbeitet seit 1982 als freier Übersetzer. Er hat u. a. Werke von Ignacio Aldecoa, Fernando Aramburu, Luis Sepúlveda und Antonio Skármeta ins Deutsche übertragen. Für seine Übersetzungen erhielt er diverse Preise, u. a. den Übersetzerpreis des Spanischen Kulturministeriums.
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Francisco Coloane
Feuerland
Erzählungen
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen Mit einem Vorwort von Luis Sepúlveda
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1956 unter dem Titel Tierra del Fuego in Santiago de Chile.
Originaltitel: Tierra del Fuego (1956)
Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Schönbach Verlag Basel/Hannover
© by Francisco Coloane 1956
© für das Vorwort by Luis Sepúlveda 1993
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Hubert Stadler
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30323-2
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
FEUERLAND
VorwortFeuerlandWie der Chilote Otey ums Leben kamFünf Matrosen und ein grüner SargKurs auf Puerto EdénVergessenes LandEisberg unter WasserDie SchnapsflascheDer LeuchtturmbauerAuf dem Pferd der MorgenröteMehr über dieses Buch
Über Francisco Coloane
Francisco Coloane: Über die expressive Kraft der Natur
Wolfgang Cziesla: Begegnung mit Francisco Coloane
Über Willi Zurbrüggen
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Die Märchen unserer Kindheit begannen immer mit einem geheimnisvollen »Es war einmal …«, das uns die Türen zu fantastischen Welten weit öffnete. Ich wüsste keinen besseren Vergleich, um dem Leser Francisco Coloane und sein Werk nahezubringen, das uns dank der Magie der Literatur in eine Blockhütte versetzt, wo ein Feuer im Kamin prasselt und der Horizont Abenteuer verheißt.
Es war einmal … ein Riese, fast zwei Meter groß, 1910 geboren. Er trug langes, angegrautes Haar und einen dichten Seemannsbart. Er hatte den wiegenden Gang des Matrosen, der eben den Fuß an Land gesetzt hat, und seine Schritte führten ihn zu den Hallen der Literatur. Das war 1941.
Zu jener Zeit war der Großteil der chilenischen und der anderen lateinamerikanischen Schriftsteller von zwei fixen Vorstellungen besessen: einen »großen Roman« zu schreiben, Zeugnis ihrer unleugbar europäisch geprägten kulturellen Wurzeln, oder die berühmtesten Tragödien der slawischen Literatur wiederzugeben, sie jedoch mit kreolischen Themen zu besetzen. Die in den Hallen der Literatur herrschende Stimmung war also – wie könnte es anders sein – lethargisch, arrogant und verdrießlich.
Vor dem Eintreten musste man zuerst anklopfen und sich ausweisen, so wollte es der Brauch, doch der Hüne mit dem Seemannsgang stieß die Tür mit einem kräftigen Schulterstoß auf, betrat selbstsicher den Salon und sagte einfach: »Ich heiße Francisco Coloane, und ich komme vom Ende der Welt!« Dank ihm wehte etwas Neues durch diese Hallen: das Branden des stürmischen Meeres und die Stimmen von Tausenden von Abenteurern, die sich in allen Sprachen des Planeten ausdrückten und die sich in die Ebenen Patagoniens und die erdrückende Einsamkeit Feuerlands verirrt hatten.
Coloane war damals einunddreißig Jahre alt. Er legte zwei Bücher auf den Tisch: einen Roman, El Último Grumete de la Baquedano, eine ergreifende Erzählung über die Würde und die Treue von Männern, die dem Zauber eines bedrohten Universums erliegen, in der er nüchtern, aber wortgewaltig die Welt der Seeleute beschreibt, die man nur aus den Werken Conrads oder Melvilles kannte. Das andere Buch war ein Band Erzählungen mit dem Titel Cabo de Hornos – Kap Hoorn –, in denen es um die Leidenschaft von Menschen geht, deren Schicksal von der unerbittlichen Natur geprägt ist. Er legte also die zwei Bücher auf den Tisch und verschwand wortlos, denn für die Menschen am Ende der Welt bedeutet die australe Stille laute Beredsamkeit.
Die Literatur hat in allen Ländern – Chile ist keine Ausnahme – seltsame Verwalter, grimmige Pförtner, die den Zensor spielen, Inquisitoren, die aufgrund willkürlicher, ihrer Mittelmäßigkeit entsprechender Kriterien bestimmen, was Literatur ist und was nicht. Die mürrischen Experten fragten: »Wer ist denn dieser Kerl, der es wagt, einzutreten, ohne anzuklopfen, und uns dreist zwei Bücher aufdrängt, in denen es von Gesetzlosen, Gottlosen und Menschen zweifelhafter Moral wimmelt? Geschichten, die von Gischt durchdrungen sind, die unsere Ruhe stören und die kristallenen Lüster an der Decke erzittern lassen?«
Die Literaturkritik überging Coloanes erste Werke mit herablassendem Schweigen. Dieser Autor ließ sich nirgends einordnen, fügte sich keinem damals erfolgsträchtigen Stil und scherte sich im Übrigen keinen Deut um den Anspruch, »große Romane« zu schreiben. Hinzu kam, dass das wenige, das man über ihn wusste, auf einen Mann schließen ließ, der eher etwas von einem Piraten hatte als von einem Schriftsteller.
Coloane, Sohn eines Kapitäns auf einem Walfänger, hatte früh gelernt, mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehen: die einzige Art, dem Sturmwind in Quemchi zu widerstehen, einem Hafen auf der Insel Chiloé, wo er seine Kindheit verbracht hatte. Die entfesselte See wiegte ihn in den Schlaf, und seine ersten Worte stammten aus dem barschen, präzisen Vokabular der Seeleute, Fischer, Walfänger, Robbenjäger, Taucher und Schatzsucher, die zwar ahnten, dass sie die von holländischen Korsaren vergrabenen Schätze nie finden würden, die Suche aber keineswegs aufgaben, getrieben von einer Utopie, die, wie alle Utopien, nur gerechtfertigt ist dank der Regung, die sie in den Herzen der Menschen weckt.
Coloane verstand es, die Wärme der von den Tehuelche-Indianern, den Yaghans, den Onas und Alakalufs am Feuer erzählten Geschichten einzufangen, auf deren Seite er stand, nicht etwa aus einer Pseudomoral oder einer Verpflichtung heraus, sondern weil er sie als seinesgleichen betrachtet, als seine Gefährten in einer grenzenlosen Landschaft, Mitglieder der großen australen Bruderschaft.
Später fuhr er als Walfänger zur See, eine Erfahrung, die ihn von der dringenden Notwendigkeit überzeugte, der Ausrottung dieser Meeressäuger ein Ende zu setzen. Danach war er Verwalter auf einer großen Schaffarm, Matrose, Mastwächter auf der Korvette Baquedano, einem Schulschiff der chilenischen Marine, Forscher in der Antarktis; er leitete Erdölbohrexpeditionen und befuhr die Kanäle rund um das Kap Hoorn, zeichnete Seekarten, beteiligte sich an der Rettung manch eines alten Kahns in Seenot … »Das Meer nimmt in meinem Leben und in meinen Büchern einen vitalen Platz ein, wie auch die Menschen, die Landschaften und die Tiere des äußersten Südens, denen ich so viel verdanke.« So definiert er sein Werk. Die Kritik hatte ihn zwar übergangen, dennoch wurde er für die junge Generation zum beliebtesten Autor. Die jungen Menschen verstanden, dass Coloanes Bücher, zum ersten Mal in der Geschichte unserer Literatur, unschätzbare Elemente zur Definition einer lateinamerikanischen Identität enthielten. In seinem Werk bekam der Schmelztiegel der Kulturen endlich den ihm gebührenden Stellenwert, greifbar, wirklich, nicht rachelüstern und ohne falsche Scham. In seinen Geschichten vibriert eine ursprüngliche Sprache, die sich von jeder akademischen Geziertheit befreit hat, auch von jeglicher Eitelkeit oder stilistischen Koketterie. Coloane schreibt über das, was er kennt; er schildert seine Fiktionen mit der Strenge und der Liebe zum Detail eines payador, wie man die durch das Land ziehenden Geschichtenerzähler nennt, die in der australen Einsamkeit immer willkommen waren.
Sein Werk – so Alvaro Mutis, auch er ein Leser Coloanes – beruht auf den »Elementen des Unglücks«. »In meinen Erzählungen und Romanen habe ich versucht, die Seele des chilenischen Menschen zu schildern, vor allem der Menschen von Chiloé und an der Magellanstraße, die sich mit dem Meer konfrontiert sehen, mit den Golfen, den zerklüfteten Kordilleren, die im Lauf von Jahrtausenden vom Eis des Südens geformt und vom wildesten Ozean unseres Planeten erodiert wurden. In dieser grandiosen Kulisse lebt ein Mensch, bald sanft wie die Meeresbrise, dann wieder unbarmherzig wie der Westwind …«
1956 veröffentlichte Coloane einen Erzählband mit dem Titel Tierra del Fuego – Feuerland. Er war inzwischen der populärste Schriftsteller Chiles, und jedes seiner Bücher wurde in ganz Lateinamerika mit Ungeduld erwartet. Er ist zweifellos der Pionier der Abenteuergeschichten auf dem südamerikanischen Kontinent. Dank dessen, zusammen mit seiner ununterdrückbaren Berufung zum Reisenden, die ihn mehrere Male rund um die Welt geführt hat (um im Übrigen einen Hafen namens Colhane zu suchen, der sich nicht weit von Macao befinden soll), ist er für Tausende von Lesern zum Schriftsteller schlechthin geworden, der die Tore zu einer unbekannten Welt zu öffnen vermag. Coloane fordert die Menschen auf, aus dem insularen Bann auszubrechen, der auf den Chilenen lastet; er fordert sie auf, den Horizont zu bezwingen.
1964 erhielt er den Nationalen Literaturpreis. Wenige andere lateinamerikanische Schriftsteller können sich so hoher Auflagen rühmen wie er. Seit Coloanes dröhnende Stimme zum ersten Mal das literarische Panorama durchdrungen hat, sind ihm mehrere Generationen gefolgt, doch auch heute noch gehören junge Menschen zu seinen treusten Lesern.
Als ich ihn das letzte Mal traf, kam er mir wie ein riesiger weißbärtiger, weißhaariger Junge vor. Er besserte eben das Segel seines Kutters aus, bevor er wieder in Richtung der Kanäle längs der patagonischen Küste in See stach. Wir tranken einen feurigen chilenischen Wein, während er mir von seinem neuen literarischen Abenteuer erzählte: Er schrieb an einer Chronik der Schiffbrüche in der Magellanstraße.
Es war einmal, jenseits des Meeres, am Ende der Welt, ein großer, brüderlicher Mann.
Luis Sepúlveda
Die Niederlage hatte sich an die Fersen der drei Reiter geheftet, die in scharfem Trab das weite Ödland des Páramo durchquerten.
Am Ufer des Rio Beta hatte die letzte Schießerei mit den Männern von Julius Popper stattgefunden, und die Gegner des reich gewordenen Goldsuchers – an die siebzig Abenteurer aus allen Nationen – waren, vernichtend geschlagen, nach massiven Verlusten Hals über Kopf geflohen.
Einige flüchteten in Richtung der Carmen-Sylva-Kordillere, eines Gebirgszugs, den Popper zu Ehren seiner rumänischen Königin so getauft hatte. Andere wurden von den weiten Bartgrassteppen des China Creek geschluckt, und einige wenige erreichten die waldigen Höhen am Rio Mac Lelan – einen Zufluchtsort für Viehdiebe und für die letzten Indianer vom Stamm der Onas.
Nur Novak, Schaeffer und Spiro flohen entlang der Südküste Feuerlands und hofften, sich hinter der düsteren Kuppe des Kaps San Martín verstecken zu können. Sie hatten nur noch wenig Munition für ihre Karabiner, und Novak verfügte noch über sechs Schuss für die Trommel seines langläufigen 9-mm-Colts, des einzigen, den das Trio besaß.
Allein dieses bisschen Munition war es, was sie in ihrer aussichtslosen Lage nicht verzweifeln ließ, obwohl sie damit einen längeren Schusswechsel kaum durchgestanden hätten. Der Rest war Scheitern, Schwäche, Ohnmacht, sowohl in den Herzen der fliehenden Männer als auch in der Ödnis der feuerländischen Steppe um sie herum.
»Du hast Blut an der Hose«, sagte Novak mit ungewohnt sanfter Stimme und zeigte auf Schaeffers rechtes Bein.
»Ja, ich weiß«, antwortete Schaeffer ungerührt und starrte mit seinen wässrig blauen Augen in den trüben Himmel, wie ein Vogel, der seinen Hals reckt, bevor er davonfliegt.
»Kugel?«, fragte Spiro.
»Nein, Guanakoköttel«, stieß Schaeffer mürrisch hervor.
»Zeig her«, sagte Novak und zügelte sein Pferd.
»Was?«
»Die Wunde«, erwiderte der ehemalige deutsche Feldwebel, auch jetzt noch ein wenig der Vorgesetzte, der sich um den Zustand seiner Truppe sorgt.
»Es ist nichts. Vorwärts, weiter«, brummte Schaeffer, einen Hauch freundlicher diesmal, und gab seinem Tier die Sporen.
Cosme Spiro warf einen wachsamen Blick über die Schulter, trieb sein Pferd an und setzte sich an die Spitze des Trios.
Der alte Schaeffer hob ein weiteres Mal den Kopf zum Himmel wie ein verwundeter Vogel. Mehr noch als der stechende Wundschmerz beunruhigte ihn das fließende Blut; jedes Mal, wenn er sich in die Steigbügel stellte, um seinen Körper dem Rhythmus des Trabes anzupassen, spürte er eine warme Welle aus seiner Wunde hervorquellen, die an seinem Bein bis zum Fuß hinabrann und den Stiefel durchtränkte.
Die rechte Hand auf seinem alten deutschen Karabiner mit dem abgesägten Lauf aufgestützt, der quer über dem Sattelkissen lag, versuchte er, den Druck auf den Fuß im Steigbügel abzuschwächen, um den schnellen Trab einhalten zu können; jedoch vergebens, die laue Welle quoll mit beklemmender Regelmäßigkeit hervor, rann langsam über die Haut und bildete eine Lache im Stiefel. Dann reckte Schaeffer jeweils den Hals wie ein Vogel, aber nicht, um ein Gebet gen Himmel fliegen zu lassen, sondern um einen ganzen Schwarm Flüche zu seinem Herrgott hinaufzuschicken, der ihn in eine so verzweifelte Lage gebracht hatte.
»Wer hat mich denn geheißen, mich mit Popper anzulegen«, brummte der Alte vor sich hin. »Der Rumäne hat mich immer wie einen Landsmann behandelt, und ich, was bin ich schon anderes als ein an diesen Ufern verirrter Ungar.«
Wie das in heimtückischen warmen Wellen hervorquellende Blut stiegen hin und wieder in seinem Geist flüchtige Erinnerungen an die Abenteuer mit dem Goldsucher auf, der in dieser öden Gegend zu einem reichen Mann geworden war. Unter welchen Umständen auch immer, Schmerzen und der lauernde Tod lassen das Leben bruchstückweise an einem vorbeiziehen.
Er dachte an die Bar in Punta Arenas zurück, wo er zum ersten Mal jenem betrunkenen Offizier begegnet war, den er aufgrund der Uniform zuerst für einen Leutnant der österreichisch-ungarischen Armee gehalten hatte. Das war niemand anderer als Novak gewesen, der jetzt, ebenso gescheitert wie er, mit ihm zusammen auf der Flucht war. Popper hatte ihn zum Befehlshaber seiner Leibgarde ernannt, ihm und dem Rest seiner Pampapolizei eine Uniform nach Art der österreichisch-ungarischen Armee verpasst, um dank Waffen und Uniformen den Arbeitern und Indios Respekt einzuflößen, denen allmählich klar wurde, was eine bewaffnete Macht bedeutet.
Bei jener ersten Begegnung hatte der Kommandant von Poppers Leibgarde mit einer merkwürdigen Münze bezahlt, die der Kneipenwirt erst akzeptierte, nachdem er sie auf einer Goldwaage gewogen hatte. Sie wog exakte fünf Gramm, auf der Vorderseite war eine große 5 geprägt, durch die das Wort »Gramm« lief, und sie war mit einer Randschrift versehen, die lautete: »Goldwäscher des Südens«; auf der Rückseite stand »Julius Popper – Feuerland – 1889«.
Er hatte seinen Augen nicht getraut, als er die sonderbare Münze gesehen hatte, denn er war ohne einen Centavo im Hafen von Punta Arenas gelandet, nachdem er erfolglos die Schürfstellen längs der Magellanstraße abgegrast und nur noch die leeren Löcher der Goldsucher vorgefunden hatte. Er war mit Novak ins Gespräch gekommen und war vom Ruhm jenes Rumänen gebannt gewesen, der sich »König der Steppe« nennen ließ. Vom Chef der Leibwache ermutigt, ließ Schaeffer sich für Poppers Armee rekrutieren; doch wie alle, die vom Glanz des Goldes angelockt werden, tat er dies mit der heimlichen Absicht, mindestens ebenso reich zu werden wie sein Herr.
Sie pflügten mit dem Logger »Maria López« durch die Gewässer der Meerenge, fuhren im Atlantik die Küste Feuerlands entlang und langten auf dem Páramo an, einem gigantischen Felsendamm, der weit ins Meer ragt und mit seinem steinernen Arm schützend die Bucht von San Sebastián abschirmt, wo das Wasser mehr als zehn Meter hoch ansteigt und wieder sinkt und kilometerlange kreidige, von Dünen und Küstengestrüpp gesäumte Strände bloßlegt, hinter denen die weite Bartgrassteppe des feuerländischen Flachlands beginnt.
Die ganze Region ist als El Páramo bekannt, und dort hatte Julius Popper, der als erster Weißer die Insel von der Magellanstraße bis zum Atlantischen Ozean durchquert hatte, unberührte Vorkommen von Goldstaub, Goldflitter und Goldkörnern entdeckt. Doch mit Waschpfanne, Sieb und Spitzhacke ließ sich der Ehrgeiz des glücklichen Goldsuchers nicht befriedigen. Als er sah, dass der Gezeitenunterschied zehn Meter und mehr betrug, ließ er sich etwas einfallen, um sich diese gewaltige Energie zunutze zu machen: Er ließ, sieben Meter unter dem Hochwasserstand, Stollen in die Steilküste graben und installierte darin eine Vorrichtung aus Holz; wenn das Wasser stieg, schloss er es mittels massiver Holztore in den Röhren ein, und wenn es wieder sank, entließ er es aus seinem Gefängnis, regelte jedoch den Druck, sodass dabei das gesamte goldhaltige Gestein, das Dutzende von Arbeitern in den Stollen aufgehäuft hatten, nochmals gewaschen wurde.
Der Ertrag dieser Vorrichtungen war so außergewöhnlich, dass Popper ihnen den Namen »Goldernter« gab. Und das nicht zu Unrecht, denn die Anlage produzierte fast eine halbe Tonne Gold pro Jahr. Dank dieses ozeanischen Ochsen im Joch des menschlichen Erfindungsgeistes konnte Julius Popper sich rühmen, der erste Mensch zu sein, der imstande war, »das Meer zu pflügen und abzuernten«.
Die »Goldernter« des kühnen Rumänen produzierten aber nur für ihren Erfinder, und die habgierigen Abenteurer, die ihn in der Hoffnung, ebenso reich zu werden wie er, auf seinen Prospektionszügen begleiteten, sahen schon bald voller Neid und Groll auf ihren Herrn, der alle Vorkommen in seinen Besitz brachte und kein Fleckchen übrig ließ, auf dem einer von ihnen es zu etwas hätte bringen können.
Eines Tages desertierten einige, weil sich die Nachricht herumgesprochen hatte, dass am Rio Cullen und an den Zuflüssen Alpha, Beta und Gamma goldhaltige Anschwemmungen gefunden worden seien, die beinah ebenso reichhaltig waren wie die im Páramo. Dort konnten unabhängige Goldsucher mit Waschen und Sieben noch zu Wohlstand kommen, anstatt, wie das Meer, in Poppers Joch gespannt dessen Gold zu waschen.
Der »König der Steppe« ließ es jedoch nicht zu, dass die Deserteure ihm vor der Nase Konkurrenz machten, und griff sie mit seinen bewaffneten Leuten an, um sie ein für alle Mal zu vertreiben und die Gegend seinem maßlosen Anspruch zu unterwerfen. Weitere Vorfälle schürten die menschlichen Konflikte an dieser abgelegenen Küste. Als der Chef eines Tages nach Punta Arenas reiste, nutzten einige Männer seine Abwesenheit, bemächtigten sich des Loggers Maria López, der in der Bucht von San Sebastián ankerte, und flohen mit insgesamt fünfundzwanzig Kilogramm Gold.
Das Meer half aber Popper nicht nur, das Gold zu ernten, sondern bewachte es auch eifersüchtig und zuverlässiger als jeder Mensch: Als die Täter die Keller des »Königs der Steppe« plünderten, fiel ihnen der gesamte Schnapsvorrat in die Hände, und das war ihr Verderben. Auf hoher See gerieten sie in einen Sturm, doch betrunken, wie sie nach der gefeierten Flucht waren, kamen sie mit den Segelmanövern nicht zurecht, der Logger erlitt Schiffbruch und riss die ganze Besatzung mitsamt den fünfundzwanzig Kilogramm Gold in die Tiefe: ein mahnendes Beispiel für die Untergebenen des »Königs der Steppe«.
Als Julius Popper auf seine Besitzungen zurückkehrte, begnügte er sich nicht mit der beispielhaften Strafe seines treuen Verbündeten, des Meeres; sein Zorn richtete sich gegen jene, die an den drei Flüssen Gold wuschen, weil sie – wie er sagte – eine Horde von Räubern und Banditen waren, die mit noch beispielhafterer Härte bestraft werden müssten. Das tat er denn auch und knüpfte drei oder vier Männer an den Pfählen auf, die die Grenzen seiner Besitzungen markierten, hängte ihnen ein Schild um den Hals, auf dem stand: »Lasciate ogni speranza voi ch’ entrate«, Dantes Satz, der die Lebenden anwies, alle Hoffnung fahren zu lassen, so sie die Schwelle der Hölle überschritten. Weder die Onas noch die Abenteurer am Rio Beta kannten Die Göttliche Komödie; doch die satten Geier, die auf den kahl gefressenen Totenschädeln der Gerippe hockten, waren weit beredter als die Sprache Dantes.
Das war mehr oder weniger das Schicksal, das Novak, den Deutschen, Spiro, den Italiener, und Schaeffer, den Ungarn, erwartete, weil sie sich den Aufrührern angeschlossen hatten, anstatt den ihnen anvertrauten Besitz zu verteidigen. Vor allem den treuen Novak, den Kommandanten der Leibgarde, der den letzten Widerstand der siebzig Kämpfer am Beta persönlich angeführt hatte. Und das war auch der Grund, warum Spiro ständig flüchtige Blicke über die Schulter warf, obwohl die ihm folgenden Kameraden ihm genügend Rückendeckung boten.
Schaeffer krümmte so gut es ging die Zehen in seinem Stiefel, um zu schätzen, wie viel Blut hineingelaufen war, und als ginge ihn das gar nichts an, reckte er seinen steifen Körper, hob ein weiteres Mal seinen Blick vom Fuß zum Himmel, dessen unbarmherziges Grau die Erde erdrückte.
Der Gebirgszug der Carmen Sylva wird zur Ostküste Feuerlands hin niedriger; seine Ausläufer zerfließen in welligen, mit schwarzem Gestrüpp, Sauerdorn und Rosmarin überwucherten Hügeln, bestens geeignet, sich zu verstecken. Dann steigt die Kordillere wieder an und bildet das Kap San Martín, dessen senkrecht ins offene Meer abfallende, den Zugang zum Strand versperrende Steilküste die Bucht von San Sebastián schließt. Von hier aus kann man den großen Felsenarm des Páramo erkennen, der wie eine dunkle, unbewegliche, zu Stein erstarrte Woge aus dem Ozean ragt.
Als die Reiter in diese schützende Oase eindrangen, verlangsamten sie ihren Trab.
»Halten wir an und sehen uns das Bein an«, sagte Novak, und in Befehlston an Spiro gewandt: »Reite du zu dem Hügel dort hinüber und melde, wenn du etwas siehst.«
In einer kleinen, von Dornengestrüpp gesäumten Lichtung stieg Schaeffer vom Pferd und untersuchte zum ersten Mal seine Wunde. Die Kugel war von vorn in den Oberschenkel eingedrungen und hinten wieder ausgetreten, hatte aber glücklicherweise den Knochen nicht verletzt. Sie hatte den Muskel schräg durchschlagen und so eine Drainage gebildet, die das Blut des zerfetzten Gewebes auffing und durch die darunterliegende Wunde abfließen ließ. Vor allem, wenn er seinen Fuß im Steigbügel aufstützte, um die Schwankungen des Trabs aufzufangen, drückten die Muskeln die Wunde zusammen und pressten das angesammelte Blut in heimtückischen, lauen Wellen hinaus, was dazu führte, dass Schaeffer den Hals streckte wie ein Kormoran.
Mit heruntergelassener Hose betrachtete der Alte zum ersten Mal seine Verletzung. Er war geschwächt und bleich, auf seiner Oberlippe war ein zunehmendes Zittern zu erkennen. Er biss auf die Enden seines Schnurrbarts, um es zu unterdrücken – wie ein Ochse, der an einem Grasbüschel kaut. Sein Gesicht war gewöhnlich rot und aufgedunsen, mit einer wulstigen Alkoholikernase, an deren Spitze fast immer ein verdächtig klarer Tropfen hing. Und auch in seinen Augen lag stets ein feuchter Glanz, als ob sich für immer eine Träne in ihnen festgesetzt hätte.
Als der Alte sich auf die kahle Erde legte, sah Novak dessen blasses Gesicht, die feierlich glänzenden, wässrig blauen Augen, hinter denen eine verborgene Jugend sich an ihn zu klammern schien. Er band seine Feldflasche vom Sattel und gab ihm etwas Wasser. Schaeffer öffnete seine Lippen einen Spaltbreit und trank ein wenig, kaute jedoch weiter am Zipfel seines Schnauzbarts herum, als suche er Halt. Novak löste den Knoten seines blau-roten Halstuchs, riss es in Streifen, stopfte die Löcher, die die Kugel gerissen hatte, und verband mit dem Rest die Wunde. Schaeffer wurde noch blasser und schloss die Augen. Novak sah, wie seine Nasenflügel bebten, die Oberlippe begann wieder zu zittern, und der jugendliche Glanz im verwitterten Gesicht des Alten trat noch deutlicher hervor. Nach einer Weile öffnete Schaeffer die Augen ein wenig, sah erschrocken um sich und flüsterte: »Ich glaubte schon, mich hätte es erwischt.«
»Es geht dir besser«, sagte Novak sachlich, mit einer Spur Kälte in der Stimme. »Aber wir müssen hier weg; irgendwohin, wo es sicherer ist. Du hast viel Blut verloren, ich weiß nicht, ob du dich bewegen kannst.«
»Lass mich doch einfach hier. Wenn ich mich erhole, komme ich nach, und wenn nicht … Ich bin ohnehin zu alt für diesen langen Ritt.«
»Die Pferde brechen beinah zusammen. Ich denke, wir müssen ihnen eine Verschnaufpause gönnen, sonst kommen wir nicht mehr allzu weit. Wir nächtigen irgendwo in der Nähe und reiten morgen vor Tagesanbruch weiter.«
Novak stieß einen schrillen Pfiff aus, Spiro kam von dem Hügel herab, von wo er Ausschau gehalten hatte.
»Schaeffer ist schlecht beieinander, ich glaube nicht, dass er weiterreiten kann.«
»Und?«, fragte Spiro mit einer verdrießlichen, leicht schadenfrohen Grimasse. Er war mittelgroß, feist, mit einem vollen, schwammigen Gesicht und lebhaften schwarzen Äuglein, die flatterten wie zwei Fliegen, die in einen frisch gekneteten Brotteig gefallen sind.
»Wir suchen uns für die Nacht einen Platz, der sicherer ist, und morgen entscheiden wir, in welche Richtung wir mit den ausgeruhten Pferden weiterreiten«, antwortete Novak.
»Macht euch meinetwegen keine Sorgen«, stieß Schaeffer hervor und richtete sich halb auf den Ellenbogen auf. Dann schaute er auf sein Bein und sah, dass es nicht mehr so stark blutete. Er legte den Kopf zur Seite und blickte vom Boden aus forschend in Novaks Gesicht mit dem vorspringenden Kinn, das lang und kantig war wie sein riesiger Körper, der von einer speckigen Fellmütze gekrönt war, unter der ein paar blonde Strähnen hervorlugten: ein Knochen- und Muskelgerüst, das auf einen kräftigen Körper schließen ließ, und in dem etwas kindlichen Gesicht lag ein stolzer, herrischer Ausdruck.
Spiro seinerseits starrte blinzelnd auf Schaeffers Wunde, als ob seine Augen davon gereizt würden. Plötzlich sahen sich die drei Männer an; das heißt, Spiro und Novak schauten auf Schaeffer hinunter, und dieser erfasste vom Boden aus mit einem einzigen Blick die beiden anderen. Dann drifteten die Blicke der drei Männer auseinander, als wären sie aneinandergestoßen, trafen sich dann wieder über der blutenden Wunde. Die Männer beugten sich steif über das von der Bleikugel durchbohrte Fleisch; vielleicht überlegten sie sich, dass es, anstatt eines Beins, auch eines der drei fliehenden Herzen hätte treffen können.
»Nehmt keine Rücksicht auf mich, reitet einfach weiter«, wiederholte Schaeffer mit festerer, aber auch frostigerer Stimme.
Spiro und Novak beobachteten einander aus dem Augenwinkel.
»Wir müssen für die Nacht einen Platz finden, möglichst weit vom Weg entfernt«, wiederholte Novak.
»Wenn ihr meint, seh ich mich mal um«, sagte Spiro leise.
Novak blickte auf Spiro hinunter, seine grauen Augen schienen ihn zu durchbohren.
»Nein«, sagte er, »mein Pferd ist in besserem Zustand als deines. Bleib du hier und kümmere dich um Schaeffer; ich geh los und komme so schnell wie möglich zurück.«
Spiro ließ die beiden Fliegen flattern; er sah Novak an, und ein tückisches Lächeln kroch durch das Gras, bis zu den Fersen des Deutschen.
»Gut, reite los«, sagte er.
Novak saß auf und ritt, auf seinem Pferd zusammengekauert, in scharfem Trab davon.
Die langsame feuerländische Abenddämmerung begann vom verhangenen Himmel herabzufließen, ließ Schaeffers Gesicht noch bleicher aussehen und Spiros Blässe schärfer hervortreten. Spiro schaute Novak nach, bis dieser zwischen den Hügeln verschwunden war, dann richtete er den Blick wieder auf Schaeffer. Der Alte schien zu schlafen.
»Ich halte mal auf dem Hügel Ausschau, ob uns jemand folgt«, murmelte er, als wolle er den anderen nicht wecken.
»Auf mich brauchst du keine Rücksicht zu nehmen«, sagte der Alte plötzlich; er schaute ihm starr in die Augen und fügte hinzu: »Nimm dein Pferd und sieh zu, dass du fortkommst!«
»Ich …«
»Nichts ›ich‹ … Novak kommt nicht mehr zurück, reite ihm nach.«
»Glaubst du wirklich?«
»Er hat uns hereingelegt, das ist alles.«
»Warum sagst du das, Schaeffer? Meinst du wirklich, dass er nicht zurückkommt?« Und Spiro fügte ebenso still wie der sich neigende Tag hinzu: »Wie könnte ich dich hier zurücklassen? Hunger und Kälte würden dich umbringen!«
»Vorher gebe ich mir die Kugel«, entgegnete der andere kalt, »gib mir für alle Fälle mal den Karabiner, keine Angst, nicht für den Fall, dass du abhaust; aber vielleicht brauche ich ihn später.«
»Dass ich abhaue, sagst du?«
»Tu doch nicht so, du kannst es doch gar nicht abwarten, dem andern hinterherzureiten.«
»Nein, Schaeffer, den Karabiner kann ich dir nicht geben.«
»Warum nicht?«
»Du könntest Dummheiten machen … wir müssen bis zum Schluss ausharren. Glaubst du wirklich, dass Novak nicht zurückkommt?«
»Warum machst du dir Sorgen um Novak? Sorge dich lieber um dich selbst!«
»Weißt du, Schaeffer, wenn man im Voraus wüsste, wann es zu Ende geht, würde man gleich aufgeben.«
»Hau einfach ab und lass mir den Karabiner da … Novak kommt bestimmt nicht zurück, um mir seinen zu geben.«
»Kommt nicht zurück? Und das sagst du, Schaeffer? Nicht doch, natürlich kommt er zurück!«
»Dann lass mich jetzt schlafen!«, brummte der Alte mürrisch, während er sein gesundes Bein aufstützte, um etwas bequemer zu liegen.
Wenn auch kurz, so sind in Feuerland die Nächte im November noch sehr dunkel, vor allem, wenn ein Wolkenvorhang am Himmel hängt, der die Erde verfinstert. Wie die Nacht fiel auch Schaeffer in bleiernen Schlaf.
Er erwachte, als Novak ihn an der Schulter rüttelte und nach Spiro Cosme fragte. Der war nirgends zu sehen, hatte sich davongemacht, und während er mit der einen Hand den Karabiner mit dem abgesägten Lauf neben den Alten gelegt hatte, hatte er mit der anderen dessen Pferd samt Sattelzeug mitlaufen lassen.
Novak hatte nahe der Küste ein gutes Versteck zwischen vulkanischen Felsen entdeckt, und er brachte noch in derselben Nacht Schaeffer dorthin. Die Felsengruppe bildete eine Art Höhle, verstreuter Dung ließ darauf schließen, dass die Guanakos sie als Schlechtwetterunterschlupf benutzten.
»Ist doch egal, ob er geblieben ist oder ob er sich feige davongemacht hat«, sagte Schaeffer, als Tage später die Rede auf Spiros Verschwinden kam.
»Das ist nicht egal«, widersprach ihm Novak, »je schneller man einen Verräter fasst, desto besser.«
»Bei dir hatte ich meine Zweifel«, sagte der Alte gedehnt, »aber bei Spiro war ich mir sicher, dass er verschwinden würde. Man braucht den Leuten nur ins Gesicht zu schauen. Mir konnte er nichts vormachen; was mich ärgert, ist, dass er die Molly mitgenommen hat. Was mache ich ohne meine Stute, wenn ich wieder zu Wege bin?«
»Wir werden schon eine Lösung finden«, sagte Novak.
Nach kurzer Zeit hatte sich Schaeffer von seiner Verletzung erholt. Novak hatte am nahen Strand einen mit Meersalz überkrusteten Felsen gefunden. Er kratzte es ab, um die Vögel, die er schoss und briet, damit zu salzen; er desinfizierte damit auch die Wunde des Alten, die mithilfe der Sonne und der Seeluft allmählich vernarbte.
»Warum kümmert sich der Kerl überhaupt um mich?«, fragte sich Schaeffer manchmal, ohne dass er auf den Gedanken gekommen wäre, dass es die militärische Ausbildung des Deutschen war, eines ehemaligen Feldwebels der Artillerie, die ihn dazu bewog, einen im Kampf verwundeten Kameraden gesund zu pflegen. Fritz Novak war durch und durch Soldat; er war es gewesen, der den Aufstand gegen Popper organisiert hatte, weil dieser wie ein Feudaltyrann mit seiner Truppe umsprang, deren Kommandant Novak war.
Schaeffer hingegen hatte das Leben seit seiner fernen Kindheit, als er die geliebte Puszta hatte verlassen und nach Amerika auswandern müssen, so übel mitgespielt, dass er jedem misstraute. Für ihn waren die Menschen mehr oder weniger alle gleich – besonders jene, die scharenweise hinter dem Gold her waren. Von ihnen war ebenso Gutes wie Schlechtes zu erwarten, alles hing bloß von den Umständen ab. Das hatte das Leben ihn gelehrt, und damit musste man sich abfinden. Er selbst war genauso; er hatte sich nie für besser oder schlechter als die anderen gehalten, und darum fragte er sich, was Novak zu seinem Handeln bewog. In seinem Innersten hielt Schaeffer Spiros Handlungsweise für logischer: Der war angesichts der Gefahr geflohen, hatte ihm aber immerhin seinen Karabiner zurückgelassen, damit er sich umbringen konnte. Dafür hatte er das Pferd gestohlen, um auf seiner Flucht ein Ersatztier zu haben.
