Der Lincoln Lawyer hinter Gittern - Michael Connelly - E-Book

Der Lincoln Lawyer hinter Gittern E-Book

Michael Connelly

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Beschreibung

Strafverteidiger Mickey Haller weiß nicht, wie ihm geschieht, als ihn die Polizei anhält und die Leiche eines Mandanten im Kofferraum seines Lincoln findet. Bevor er reagieren kann, wird er des Mordes angeklagt. Pleite, wie er immer ist, kann er die exorbitante Kaution von fünf Millionen Dollar, die ihm ein nachtragender Richter auferlegt, nicht zahlen. Doch der Lincoln Lawyer wäre nicht der Lincoln Lawyer, würde er nicht den gewagten Entschluss fassen, sich aus dem Gefängnis heraus selbst zu verteidigen. Was die Sache noch heikler macht: Als Rädchen im Getriebe der Justiz ist er in seiner Zelle nicht sicher. Unter diesen Umständen wird es alles andere als leicht, seine Unschuld zu beweisen.

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Seitenzahl: 586

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Michael Connelly

Der Lincoln Lawyer hinter Gittern

Ein neuer Fall

Aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb

Kampa

Für Dr. Michael Hallisey, die Mitglieder des Hartford Hospital Book Club und alle, die an vorderster Front stehen – unter ihnen Kacey Rose Gajeski, R.N. – und für so viele andere den Kopf hinhalten

Ein Mordfall ist wie ein Baum. Ein stattlicher Baum. Eine Eiche. Er wurde vom Staat gepflanzt und fürsorglich hochgepäppelt. Gewässert und nötigenfalls beschnitten, auf Krankheiten und Parasiten jeglicher Art untersucht. Sein Wurzelwerk, das unter der Erde wächst und sich fest an den Untergrund klammert, wird ständig überwacht. Es werden keine Kosten gescheut, um den Baum zu hegen, und seine Hüter sind mit enormer Macht ausgestattet, um ihn zu schützen und ihm zu dienen.

Die Äste und Zweige des Baums wachsen und breiten sich majestätisch aus. Sie spenden all jenen, die wahre Gerechtigkeit suchen, tiefen Schatten.

Die Äste entspringen einem mächtigen, stabilen Stamm. Konkrete Beweise, Indizien, Forensik, Motiv und Gelegenheit. Der Baum muss den an ihm rüttelnden Stürmen trotzen.

Und das ist der Punkt, an dem ich ins Spiel komme. Ich bin der Mann mit der Axt. Meine Aufgabe ist, diesen Baum zu fällen und sein Holz zu Asche zu verbrennen.

Erster TeilTwin Towers

1

Montag, 28. Oktober

Für die Verteidigung war es ein guter Tag gewesen. Ich hatte einen Mann aus dem Gerichtssaal geholt. Ich hatte im Beisein der Geschworenen aus einer Anklage wegen schwerer Körperverletzung einen Fall von berechtigter Notwehr gemacht. Das angebliche Opfer hatte eine lange Vorgeschichte von selbst verübter Gewalt, über die sich sowohl die Zeugen der Anklage wie die der Verteidigung, darunter auch eine Ex-Frau, beim Kreuzverhör in aller Ausführlichkeit ausließen. Den endgültigen K.-o.-Schlag verpasste ich ihm, als ich ihn noch einmal in den Zeugenstand rief und mit meinen unnachsichtigen Fragen dermaßen provozierte, dass er die Beherrschung verlor und die Hoffnung äußerte, mir auf offener Straße zu begegnen, um die Sache von Mann zu Mann mit mir austragen zu können.

»Würden Sie dann ebenfalls behaupten, ich hätte Sie angegriffen, wie Sie das im Fall des Angeklagten in dieser Sache getan haben?«, fragte ich.

Der Staatsanwalt erhob Einspruch, und der Richter gab dem Einspruch statt. Aber das genügte bereits. Der Richter wusste es. Der Staatsanwalt wusste es. Jeder im Saal wusste es. Ich bekam das NICHTSCHULDIG der Geschworenen nach weniger als einer halben Stunde Beratung. Es war nicht mein schnellster Freispruch, aber viel fehlte nicht.

Unter Strafverteidigern gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein Nicht-schuldig-Spruch ähnlich gefeiert werden muss wie beim Golf ein Hole-in-One. Sprich, mit einer Lokalrunde. Meine Feier fand im Redwood in der Second Street statt, nur ein paar Straßen vom Civic Center entfernt, wo es nicht weniger als drei Gerichte gab, aus denen die Leute kamen, mit denen ich auf meinen Erfolg anstoßen konnte. Das Redwood war kein Country Club, aber es bot sich dafür an. Die Party – der unbegrenzte Ausschank von Freigetränken – begann früh und endete spät, und als mir Moira, die über und über tätowierte Barfrau, die über alles buchgeführt hatte, den Schaden überreichte, will ich es mal dabei belassen, dass ich meine Kreditkarte mit einem Betrag belastete, der höher war als das Honorar, das ich von meinem gerade freigesprochenen Mandanten bekommen würde.

Ich hatte am Broadway geparkt, setzte mich ans Steuer, fuhr zur Second Street los. Die Ampeln meinten es gut mit mir, und ich folgte der Straße in den Tunnel unter dem Bunker Hill. Als auf etwa halber Strecke von den durch Auspuffgase geräucherten grünen Wandfliesen des Tunnels plötzlich blinkende Einsatzlichter reflektiert wurden, schaute ich in den Rückspiegel und sah einen Streifenwagen hinter mir. Ich betätigte den Blinker und fuhr auf die rechte Spur, um ihn vorbeizulassen. Doch der Streifenwagen wechselte ebenfalls die Spur und kam bis auf zwei Meter an mich heran. Jetzt war die Sache klar. Ich wurde rausgewinkt.

Ich wartete, bis ich aus dem Tunnel war und bog nach rechts in die Figueroa. Ich hielt an, stellte den Motor ab und ließ das Seitenfenster runter. Im Außenspiegel des Lincoln verfolgte ich, wie ein uniformierter Polizist an meine Fahrertür kam. In seinem Streifenwagen war niemand zu sehen. Anscheinend war der Polizist allein unterwegs.

»Kann ich bitte Führerschein, Fahrzeugschein und Versicherungspapiere sehen, Sir?«, fragte er mich.

Ich drehte mich zu ihm. Auf seinem Namensschild stand Milton.

»Selbstverständlich, Officer Milton«, sagte ich. »Aber dürfte ich fragen, warum Sie mich anhalten? Ich weiß, dass ich nicht zu schnell gefahren bin und alle Ampeln auf Grün gestanden haben.«

»Führerschein«, sagte Milton. »Fahrzeugschein. Versicherungspapiere.«

»Na ja, irgendwann werden Sie es mir wahrscheinlich erzählen. Mein Führerschein ist in der Innentasche meiner Jacke. Die anderen Papiere sind im Handschuhfach. Was möchten Sie als Erstes sehen?«

»Ihren Führerschein.«

»Selbstverständlich.«

Ich zog meine Geldbörse heraus und fummelte den Führerschein aus einem ihrer Fächer. Hatte Milton vielleicht vor dem Redwood nach Anwälten Ausschau gehalten, die von meiner Feier kamen und zu betrunken waren, um noch Auto fahren zu können? Gerüchten zufolge taten das Streifenpolizisten nach Nicht-schuldig-Feiern, weil sie dann Strafverteidiger wegen aller möglichen Verkehrsverstöße belangen konnten.

Ich reichte Milton meinen Führerschein und beugte mich zum Handschuhfach hinüber. Wenig später hatte der Polizist alles, was er sehen wollte.

»Werden Sie mir jetzt vielleicht sagen, was das Ganze soll?«, fragte ich. »Ich weiß, dass ich nichts …«

»Steigen Sie aus, Sir«, sagte Milton.

»Jetzt hören Sie aber. Muss das wirklich sein?«

»Bitte steigen Sie aus.«

»Wenn Sie unbedingt meinen.«

Ich stieß die Tür so heftig auf, dass Milton einen Schritt zurück machen musste, und stieg aus.

»Nur damit Sie’s wissen«, sagte ich. »Ich war die letzten vier Stunden im Redwood, habe aber keinen Tropfen Alkohol angerührt. Ich trinke schon seit fünf Jahren nicht mehr.«

»Schön für Sie. Bitte gehen Sie ans Heck Ihres Wagens.«

»Aber schalten Sie sicherheitshalber Ihre Bodycam und die Kamera im Auto ein. Das wird nämlich peinlich.«

Ich ging an ihm vorbei zum Kofferraum des Lincoln und blieb im Licht der Scheinwerfer des Streifenwagens stehen.

»Soll ich eine Linie entlanggehen?«, fragte ich. »Oder rückwärts zählen oder mit dem Finger meine Nasenspitze berühren? Ich bin Anwalt. Ich kenne diese Spielchen und kann Ihnen nur sagen, das können Sie sich alles sparen.«

Milton folgte mir ans Heck des Lincoln. Er war ein großer, schlanker Weißer mit einem extremen Undercut. Auf seiner Schulter war eine Dienstmarke der Metro Division, an seinen langen Ärmeln hatte er vier Winkel. Ich wusste, jeder von ihnen stand für fünf Jahre Dienst. Der Inbegriff eines altgedienten Metro-Betonkopfs.

»Sehen Sie jetzt, warum ich Sie angehalten habe, Sir?«, fragte er. »Sie haben kein Nummernschild.«

Ich senkte den Blick auf die hintere Stoßstange des Lincoln. Das Nummernschild fehlte tatsächlich.

»So was Blödes«, sagte ich. »Da wollte mir wohl jemand einen Streich spielen. Wir haben gefeiert. Ich habe heute einen Prozess gewonnen, und mein Mandant wurde freigesprochen. Auf dem Nummernschild steht IWALKEM, und einer meiner Freunde fand es wohl witzig, das zu tun.«

Ich überlegte, wer sich vor mir auf den Heimweg gemacht und das für einen Scherz gehalten haben könnte. Daly, Mills, Bernardo … Eigentlich kam jeder dafür infrage.

»Schauen Sie in den Kofferraum«, sagte Milton. »Vielleicht ist es dort.«

»Nein. Um es in den Kofferraum zu legen, hätten sie einen Schlüssel gebraucht«, sagte ich. »Ich telefoniere mal kurz, um zu sehen …«

»Sir, Sie telefonieren erst, wenn wir hier fertig sind.«

»Erzählen Sie mir doch nichts. Ich kenne meine Rechte. Ich kann telefonieren, so viel ich will.«

An dieser Stelle hielt ich inne, um zu sehen, ob Milton sonst noch etwas zu bemängeln hatte. Dabei fiel mir die Kamera an seiner Brust auf.

»Mein Handy ist im Wagen«, sagte ich.

Ich machte mich daran, zur offenen Fahrertür zu gehen.

»Bleiben Sie auf der Stelle stehen, Sir«, sagte Milton hinter mir.

Ich drehte mich um.

»Wie bitte?«

Er knipste eine Taschenlampe an und richtete ihren Strahl auf den Boden hinter dem Lincoln.

»Ist das Blut?«, fragte er.

Ich machte einen Schritt zurück und blickte auf den rissigen Asphalt. Die Taschenlampe des Streifenpolizisten war auf einen feuchten Fleck unter der Stoßstange meines Wagens gerichtet. Er war in der Mitte weinrot und an den Rändern fast durchsichtig.

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Aber egal, was es ist, der Fleck war bereits da. Ich bin …«

Im selben Moment, in dem ich das sagte, fiel ein weiterer Tropfen vom Wagenboden auf den Asphalt.

»Öffnen Sie bitte den Kofferraum, Sir«, verlangte Milton und steckte die Taschenlampe in seinen Ausrüstungsgürtel.

Mir schoss eine Flut von Fragen durch den Kopf, angefangen damit, was in meinem Kofferraum war, bis dahin, ob Milton einen berechtigten Grund hatte, ihn zu öffnen, wenn ich mich weigerte.

Ein weiterer Tropfen einer, wie ich inzwischen annahm, Körperflüssigkeit fiel auf den Asphalt.

»Schreiben Sie mir einen Strafzettel wegen des fehlenden Nummernschilds, Officer Milton«, sagte ich. »Aber den Kofferraum öffne ich nicht.«

»Dann nehme ich Sie hiermit fest, Sir«, sagte Milton. »Legen Sie Ihre Hände auf den Kofferraum.«

»Sie wollen mich festnehmen? Weswegen? Ich bin kein …«

Milton kam näher, packte mich und wirbelte mich zu meinem Wagen herum. Er warf sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen mich und beugte mich über den Kofferraum.

»Hey! Sie können mich nicht …«

Einer nach dem anderen wurden mir die Arme grob auf den Rücken gezogen und in Handschellen gelegt. Dann packte mich Milton von hinten am Kragen meines Hemds und meines Jacketts und riss mich vom Auto hoch.

»Sie sind verhaftet«, sagte er.

»Weswegen? Sie können mich nicht einfach …«

»Zu Ihrem Schutz und meinem eigenen setze ich Sie jetzt auf den Rücksitz des Streifenwagens.«

Er packte mich am Ellbogen, drehte mich erneut herum und führte mich zur hinteren Tür seines Wagens. Dort legte er mir die Hand auf den Kopf, stieß mich auf den Rücksitz und beugte sich über mich, um mich anzuschnallen.

»Sie wissen ganz genau, dass Sie den Kofferraum nicht öffnen dürfen«, sagte ich. »Dafür haben sie keinen berechtigten Grund. Sie wissen nicht, ob die Flüssigkeit Blut ist, und Sie wissen nicht, ob sie aus dem Wageninneren kommt. Ich könnte durch die Flüssigkeit, um die es sich dabei handelt, gefahren sein.«

Milton zog sich aus dem Wageninneren zurück und blickte auf mich herab.

»Gefahr im Verzug«, sagte er. »In Ihrem Wagen könnte jemand sein, der Hilfe benötigt.«

Er warf die Tür des Streifenwagens zu, ging zu meinem Lincoln und suchte den Kofferraumdeckel nach einem Öffnungsmechanismus ab. Als er keinen fand, ging er an die Fahrertür, öffnete sie und zog die Schlüssel ab.

Für den Fall, dass jemand aus dem Kofferraum das Feuer auf ihn eröffnete, postierte er sich etwas seitlich davon. Der Deckel ging auf und die Innenbeleuchtung an. Milton machte auch seine Taschenlampe an. Er bewegte sich von links nach rechts und richtete den Blick und den Lichtstrahl auf den Inhalt des Kofferraums. Von meinem Platz auf dem Rücksitz des Streifenwagens konnte ich zwar nicht in den Kofferraum schauen, aber aus der Art, wie sich Milton bewegte und über den Kofferraum beugte, um besser sehen zu können, ging eindeutig hervor, dass dort etwas war.

Milton legte den Kopf auf die Seite, um in das Funkmikro an seiner Schulter zu sprechen, und setzte einen Funkspruch ab. Wahrscheinlich forderte er Verstärkung an. Wahrscheinlich ein Team von Mordermittlern. Ich musste nicht in den Kofferraum sehen können, um zu wissen, dass Milton eine Leiche entdeckt hatte.

2

Sonntag, 1. Dezember

Edgar Quesada saß neben mir an einem Tisch im Aufenthaltsraum, als ich die letzten Seiten seines Prozessprotokolls las. In der Hoffnung, ich könnte in den Prozessunterlagen etwas finden, was sich positiv auf seine Situation auswirkte, hatte er mich gebeten, sie noch einmal durchzusehen. Wir waren im Hochsicherheitstrakt der Twin Towers Correctional Facility in Downtown Los Angeles. Dort wurden Häftlinge untergebracht, die von anderen Gefängnisinsassen ferngehalten werden mussten, während sie auf ihren Prozess oder, wie in Quesadas Fall, auf ihre Verlegung ins State Prison warteten. Es war der erste Sonntagabend im Dezember, und im Gefängnis war es kalt. Quesada trug eine lange weiße Unterhose unter seinem blauen Overall, dessen Ärmel bis auf seine Handgelenke hinabreichten.

Quesada befand sich in vertrauter Umgebung. Er war diesen Weg schon einmal gegangen und hatte die Tattoos, um es zu beweisen. Er war ein Mitglied der dritten Generation der White-Fence-Gang aus Boyle Heights mit jeder Menge in Tattooform bekundeter Loyalität gegenüber seiner Gang und der Mexican Mafia, der größten und mächtigsten Gang in den kalifornischen Gefängnissen.

Den Dokumenten zufolge, die ich gerade gelesen hatte, war Quesada der Fahrer eines Wagens gewesen, aus dem zwei andere White-Fence-Mitglieder durch die Fenster einer Bodega in der East First Street gefeuert hatten, deren Inhaber zwei Wochen mit den Schutzgeldzahlungen in Verzug war, die White Fence seit beinahe fünfundzwanzig Jahren von ihm eingezogen hatte. Die Schützen hatten hoch gezielt – das Ganze war nur als Warnung gedacht gewesen –, aber ein Querschläger hatte die Enkelin des Bodegawirts, die hinter der Essenstheke in Deckung gegangen war, am Kopf getroffen. Laut Obduktionsbefund war die kleine Marisol Serrano auf der Stelle tot gewesen.

Es gab keine Augenzeugen der Schießerei, die die Schützen identifizieren konnten. Das wäre eine verhängnisvolle Demonstration von Courage gewesen. Aber eine Verkehrsüberwachungskamera hatte das Kennzeichen des Fluchtfahrzeugs aufgenommen. Es wurde zu einem Auto zurückverfolgt, das aus der Langzeittiefgarage der nahe gelegenen Union Station gestohlen worden war. Und die Kameras dort hatten sogar einen Blick auf das Gesicht des Autodiebs erhascht: Edgar Quesada. Sein Prozess dauerte nur vier Tage, und er wurde wegen Verschwörung zum Mord verurteilt. Das Strafmaß sollte in einer Woche verkündet werden, und ihm drohten mindestens fünfzehn Jahre Gefängnis, auf die durchaus noch einige Jahre obendrauf gepackt werden konnten. Und das alles nur, weil er bei einem Drive-by-Shooting, aus dem ein Mord wurde, am Steuer gesessen hatte.

»Und?«, fragte Quesada, als ich die letzte Seite umblätterte.

»So leid es mir tut, Edgar«, sagte ich. »Aber es sieht nicht gut aus für Sie.«

»Erzählen Sie mir doch nichts, Mann. Gibt es wirklich nichts?«

»Irgendwas kann man natürlich immer probieren, aber die Erfolgsaussichten sind sehr gering, Edgar. Ich würde sagen, Sie haben hier mehr als genug für einen IAC-Antrag, aber …«

»Was ist das?«

»Ineffective assistance of counsel, unwirksamer Rechtsbeistand. Ihr Anwalt hat während des ganzen Prozesses in der Nase gebohrt und jede Einspruchsmöglichkeit verstreichen lassen. Er hat den Staatsanwalt einfach – hier, schauen Sie doch selbst.«

Ich blätterte im Prozessprotokoll zu einer Seite, deren obere Ecke ich umgeknickt hatte.

»Hier sagt der Richter sogar: ›Werden Sie Einspruch erheben, Mr. Seguin, oder muss ich das auch noch für Sie machen?‹ Das ist keine gute Prozessführung, Edgar, und es ist nicht mal auszuschließen, dass wir damit sogar Aussicht auf Erfolg haben, aber die Sache ist die: Bestenfalls bekommen Sie Ihren Antrag durch und erhalten eine zweite Chance, aber das ändert nichts an den Beweisen. Es bleiben weiterhin dieselben, mit denen Sie auch bei der nächsten Jury nicht durchkommen werden, selbst wenn Sie einen neuen Anwalt haben, der weiß, wie er den Staatsanwalt in die Schranken weisen kann.«

Quesada schüttelte den Kopf. Er war nicht mein Mandant, weshalb ich nichts Näheres über sein Leben wusste, aber er war Mitte dreißig und blickte schweren Zeiten entgegen.

»Wie oft sind Sie schon verurteilt worden?«, fragte ich.

»Zweimal«, sagte er.

»Wegen Schwerverbrechen?«

Er nickte, und danach gab es nichts mehr zu sagen. Meine ursprüngliche Einschätzung war richtig gewesen. Er war am Arsch. Wahrscheinlich würde er für immer weggesperrt werden. Außer …

»Sie wissen schon, warum man Sie in den Hochsicherheitstrakt gesteckt hat und nicht in die Bandenkriminalität?«, sagte ich. »Jedenfalls können sie Sie jetzt jeden Tag hier rausholen und in ein Zimmer setzen und Ihnen die große Frage stellen, die da wäre: Wer war an diesem Tag bei Ihnen im Auto?«

Ich deutete auf das dicke Protokoll.

»Hier drinnen ist nichts, was Ihnen helfen wird«, sagte ich. »Das Einzige, was Sie tun können, ist, das Strafmaß runterzuhandeln, indem Sie ein paar Namen rausrücken.«

Das Letzte sagte ich im Flüsterton. Doch Quesada antwortete nicht so leise.

»Von wegen!«, dröhnte er.

Obwohl ich wusste, dass hinter dem verspiegelten Fenster des Überwachungsraums nichts zu sehen wäre, schaute ich nach oben. Dann wandte ich mich wieder Quesada zu und sah seine Halsadern pulsieren – sogar unter dem tätowierten Halsband aus Grabsteinen, die ihn umringten.

»Beruhigen Sie sich erst mal wieder, Edgar«, sagte ich. »Sie haben mich darum gebeten, Ihre Akte durchzusehen, und mehr tue ich nicht. Ich bin nicht Ihr Anwalt. Sie sollten wirklich mit ihm reden …«

»Zu ihm kann ich nicht gehen«, sagte Quesada. »Sie haben doch keine Ahnung, was hier gespielt wird.«

Ich starrte ihn durchdringend an, und endlich fiel der Groschen. Sein Anwalt wurde von genau den Leuten kontrolliert, gegen die er vor Gericht aussagen sollte: White Fence. Sich an ihn zu wenden, würde mit ziemlicher Sicherheit dazu führen, dass die Mexican Mafia einen Informanten aus dem Verkehr ziehen würde, ob er sich nun im Hochsicherheitstrakt befand oder nicht. Angeblich kam die eMe, wie sie auch hieß, an jeden ran, der in einer kalifornischen Haftanstalt einsaß.

Ich wurde im wahrsten Sinn des Wortes von der Glocke gerettet. Das fünfminütige Warnsignal vor dem Schlafensappell ertönte. Quesada fasste über den Tisch und grabschte nach seinen Unterlagen. Er war fertig mit mir und ordnete die losen Seiten zu einem ordentlichen Stapel. Ohne ein Danke oder Leck mich machte er sich auf den Weg in seine Zelle. Ich machte mich auf den Weg in meine.

3

Das metallische Scheppern, mit dem die automatische Tür meiner Zelle um zwanzig Uhr zuglitt, ging mir durch Mark und Bein. Es durchfuhr mich jede Nacht von Neuem wie ein Güterzug. Inzwischen befand ich mich fünf Wochen in Haft, und diese Erfahrung wollte ich mir nie wieder antun. Ich setzte mich auf die keine zehn Zentimeter dicke Matratze und schloss die Augen. Eine Stunde würde die Deckenbeleuchtung noch an bleiben, und diese Zeit wollte ich nutzen. Mein Ritual sah folgendermaßen aus: Ich versuchte, alle schrillen Geräusche und Ängste auszublenden und mir in Erinnerung zu rufen, wer ich nach wie vor war. Ein Vater, ein Anwalt – aber kein Mörder.

»Q war ganz schön angefressen, und auf dich war er auch richtig sauer.«

Ich öffnete die Augen. Das war von Bishop in der Zelle nebenan gekommen. Hoch oben in der Wand zwischen unseren Zellen war ein vergitterter Lüftungsschacht.

»Das war eigentlich nicht meine Absicht«, sagte ich. »Ich glaube, wenn hier drinnen das nächste Mal jemand einen Knastanwalt sucht, sage ich einfach Nein.«

»Wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee«, sagte Bishop.

»Wo warst du übrigens die ganze Zeit? Es lief immer mehr auf ein ›Bring den Überbringer schlechter Nachrichten um‹ raus, aber weit und breit kein Bishop, als ich nach dir Ausschau gehalten habe.«

»Mach dir da mal keine Sorgen. Ich hatte alles im Griff. Ich habe dich von oben am Geländer im Auge behalten. Ich hätte jederzeit einschreiten können.«

Ich zahlte Bishop vierhundert Dollar die Woche, damit er mich beschützte, ausgezahlt in bar an seine Freundin und Mutter seines Sohns in Inglewood. Sein Schutz erstreckte sich über das gesamte Viertel des Hochsicherheitsachtecks, in dem wir untergebracht waren: zwei Etagen, vierundzwanzig Einzelzellen mit zweiundzwanzig Insassen, von denen jeder unterschiedliche Stufen bekannter und unbekannter Bedrohungen für mich darstellte.

In meiner ersten Nacht hatte mir Bishop angeboten, mich entweder zu beschützen oder mir etwas anzutun. Ich habe nicht lange verhandelt. Wenn ich im Aufenthaltsraum war, blieb er normalerweise in meiner Nähe, aber auf dem Laufgang im zweiten Stock hatte ich ihn nicht gesehen, als ich Quesada die schlechten Nachrichten über seinen Fall überbrachte. Über Bishop wusste ich so gut wie nichts. Im Gefängnis stellte man keine Fragen. Da seine tiefschwarze Haut seine Tattoos fast vollständig verbarg, fragte ich mich, warum er sie sich überhaupt hatte stechen lassen. Immerhin hatte ich auf den Knöcheln seiner Hände die Worte Crip Life ausmachen können. Ich holte die Pappschachtel mit meinen eigenen Fallunterlagen unter dem Bett hervor. Zuerst überprüfte ich die Gummis, von denen sie zusammengehalten wurden. Ich hatte um jeden der vier Packen mit Dokumenten zwei angebracht, einen davon horizontal, den anderen vertikal und das so, dass sich die Bänder an einer bestimmten Stelle des Deckblatts kreuzten. So konnte ich feststellen, ob Bishop oder sonst jemand in die Zelle gekommen war und meine Sachen durchsucht hatte. Ich hatte mal einen Mandanten gehabt, der beinahe wegen Mordes ersten Grades verurteilt worden wäre, weil sich ein Knastspitzel Zugang zu den Akten in seiner Zelle verschafft und dabei genügend Offenlegungsmaterial zu sehen bekommen hatte, um sich ein falsches, aber überzeugendes Geständnis zusammenzureimen, das ihm mein Mandant angeblich gemacht hatte. Das war mir eine Lehre gewesen. Seitdem stellte ich Gummibandfallen, damit ich immer mitbekam, wenn sich jemand an meinen Unterlagen zu schaffen gemacht hatte.

Jetzt musste ich mich mit einer Anklage wegen Mordes ersten Grades herumschlagen und würde mich vor Gericht selbst vertreten. Ich weiß, was Lincoln – und wahrscheinlich viele weise Männer vor und nach ihm – gesagt hat. Vielleicht war mein Mandant ein Narr, aber ich war nicht bereit, meine Zukunft in andere Hände zu legen als in meine eigenen. Folglich war in der Strafsache Der Staat Kalifornien gegen J. Michael Haller die Kommandozentrale der Verteidigung Zelle 13, Ebene K-10 der Twin Towers Correctional Facility.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sich niemand an meinen Anträgen zu schaffen gemacht hatte, nahm ich sie aus der Schachtel und entfernte die Gummibänder. Ich wollte mich auf eine Verhandlung vorbereiten, die für den nächsten Morgen angesetzt war. Dabei wollte ich dem Gericht drei Ersuchen vorlegen, beginnend mit einem Antrag, die Kaution herabzusetzen, die bei der Anklageerhebung auf fünf Millionen Dollar festgesetzt worden war. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Gericht nämlich glaubhaft machen können, dass ich mit den Gepflogenheiten des lokalen Justizsystems bestens vertraut war und bei mir deshalb nicht nur ein hohes Fluchtrisiko bestand, sondern auch eine ernste Gefahr für die Zeugen in meinem Verfahren. Nicht gerade zum Vorteil hatte es mir dabei auch gereicht, dass ich bei zwei früheren Verfahren Entscheidungen des die Anklageerhebung leitenden Honorable Richard Rollins Hagan hatte kassieren lassen. Das zahlte er mir jetzt heim, indem er dem Antrag der Anklage stattgab, die bei Mord ersten Grades übliche Kaution von zwei Millionen Dollar um mehr als das Doppelte zu erhöhen.

Ursprünglich hatte der Unterschied zwischen zwei und fünf Millionen keine Rolle gespielt. Ich hatte mich entscheiden müssen, ob ich alles, was ich hatte, in meine Freiheit oder in meine Verteidigung stecken wollte. Ich entschied mich für Letzteres und bezog im Twin Towers Quartier, wo ich mich als Strafverteidiger, als der ich in allen gängigen Haftanstalten potenzielle Feinde hatte, für eine Sicherheitsunterbringung qualifizierte.

Morgen würde ich jedoch vor einem anderen Richter, dessen Wege sich nie mit meinen gekreuzt hatten, um eine Herabsetzung der Kaution bitten. Außerdem hatte ich zwei weitere Anträge vorbereitet, die ich jetzt noch einmal durchging, damit ich sie dem Richter morgen frei vortragen konnte und nicht vorlesen musste.

Wichtiger als der Kautionsantrag waren jedoch der Offenlegungsantrag, in dem ich die Anklage beschuldigte, mir Informationen und Beweise vorzuenthalten, auf die ich ein Anrecht hatte, sowie die Anfechtung des hinreichenden Tatverdachts, der zu meiner Festnahme geführt hatte.

Ich musste davon ausgehen, dass Judge Violet Warfield, die das Verfahren nach dem Rotationsprinzip zugeteilt bekommen hatte, die Argumente zu allen Anträgen zeitlich streng begrenzen würde. Ich musste also voll bei der Sache sein, prägnant und auf den Punkt.

»Bishop?«, sagte ich. »Bist du noch wach?«

»Ja, bin ich«, sagte Bishop. »Was gibt’s?«

»Ich würde gern mit dir üben?«

»Üben? Was?«

»Meine Argumente, Bishop.«

»Davon war bei unserem Deal aber keine Rede.«

»Schon klar. Aber sie werden gleich das Licht ausmachen, und ich bin noch nicht so weit. Ich hätte gern, dass du mir zuhörst und sagst, was du davon hältst.«

In diesem Moment gingen die Lichter im Block aus.

»Okay«, sagte Bishop. »Lass hören. Aber das kostet extra.«

4

Montag, 2. Dezember

Am Morgen saß ich nach einem aus einem Fleischwurstsandwich und einem angeschlagenen roten Apfel bestehenden Frühstück im ersten Bus ins Gericht – es gab übrigens jeden Morgen das Gleiche, das man auch noch mal zum Mittagessen erhielt. In meinen fünf Wochen im Twin Towers war das nur an Thanksgiving anders gewesen, als die Fleischwurst durch eine Scheibe Putenbrust ersetzt wurde, die zu allen drei Mahlzeiten serviert wurde. Meinen Widerwillen gegen das Essen im Twin Towers hatte ich schon lange abgelegt. Es gehörte längst dazu, und ich putzte es bei jedem Frühstück und Mittagessen rasch und ohne Probleme weg. Allerdings vermutete ich, dass ich seit Beginn meiner Haft zwischen fünf und zehn Kilo abgenommen hatte. Aber das versuchte ich einfach sportlich zu sehen: Ich kam für den Fight meines Lebens langsam auf mein Kampfgewicht.

Ich saß mit neununddreißig Häftlingen im Bus, von denen die meisten zu ihrer morgendlichen Anklageerhebung unterwegs waren. Als Anwalt kannte ich die weit aufgerissenen Angstaugen der Mandanten, die ich vor ihrem ersten Auftritt vor Gericht traf. Das war jedoch immer im Gericht, wo ich sie beruhigen und darauf vorbereiten konnte, was ihnen bevorstand. Während der Busfahrten war ich andauernd davon umgeben. Männer, die zum ersten Mal eine Haftstrafe antraten. Männer, die schon viele Male hinter Gitter gekommen waren. Ob Neuling oder Rückfälliger, alle strahlten eine fast greifbare Verzweiflung aus.

Ich stellte fest, dass die Busfahrten ins Gericht und zurück ins Gefängnis für mich die Momente der größten Angst gewesen waren. Die Entscheidung, wann man in den Bus gesetzt wurde, erfolgte vollkommen willkürlich. Hier hatte ich keinen Bishop, der auf mich aufpasste. Für den Fall, dass mir etwas zustoßen sollte, saßen vorne im Bus hinter einem Eisengitter zwei Deputys: der Fahrer und der sogenannte Safety Deputy. Ihre Aufgabe bestand nur darin, die Toten und Sterbenden auszusortieren, wenn es zu einem Zwischenfall kam. Sie waren nicht dabei, um zu schützen und zu dienen, sondern um die Menschen wegzuschaffen, die unter die Räder der Justiz geraten waren.

Diesmal war es einer der modernen Busse mit mehreren größeren Abteilen. Schon bei ihrem Anblick wuchs meine Angst. Die neueren Modelle waren eingeführt worden, nachdem die Lage in den Bussen immer öfter außer Kontrolle geraten und zu regelrechten Revolten ausgeartet war. Diese Ausschreitungen hatten Dutzende von Gerichtsverfahren gegen das Sheriff’s Department nach sich gezogen, das für die Sicherheit der Insassen zuständig war und es versäumt hatte, für den Schutz der Verletzten und Getöteten zu sorgen. Da ich einige dieser Klagen selbst eingereicht hatte, war ich mit den Schwächen der alten wie der neuen Ausstattung bestens vertraut.

Die neuen Busse waren mit Maschendraht in acht Personen fassende Abteile gegliedert. Wenn es also zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, blieben diese auf acht Häftlinge beschränkt. Die Busse hatten fünf solcher Abteile und wurden von hinten nach vorn beladen, sodass das hintere Ende zuerst an die Reihe kam. Dabei wurden jeweils vier Häftlinge mit Handschellen an einer Kette festgemacht und saßen einander in ihrem Abteil gegenüber.

Diese Anordnung war mit einem großen Problem verbunden. Kam es auf der Fahrt ins Gericht im hintersten Abteil des Busses zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung, musste der unbewaffnete Safety Deputy, um sie zu beenden, fünf Türen öffnen und durch vier Abteile gehen, in denen auf engstem Raum jeweils acht Häftlinge zusammengedrängt waren, die zum Teil schwerer Gewalttaten angeklagt waren. Diese Lösung war vollkommen absurd und hatte das Problem meiner Ansicht nach sogar verschärft. Deshalb ließ man Schlägereien in den hinteren Abteilen einfach freien Lauf, bis der Bus am Zielort ankam. Diejenigen, die dann noch in der Lage waren auszusteigen, taten das, und diejenigen, die dazu nicht mehr imstande waren, wurden medizinisch versorgt.

Der Bus fuhr in die höhlenartige Tiefgarage unter dem Clara Shortridge Foltz Criminal Justice Center, und wir wurden in das vertikale Labyrinth von Haftzellen geführt, in denen die Angeklagten der vierundzwanzig Gerichtssäle untergebracht wurden.

Da ich mich vor Gericht selbst vertrat, standen mir einige juristische Vergünstigungen zu, von den die anderen Männer und Frauen, die aus den Bussen kamen, nur träumen konnten. Ich wurde in eine private Haftzelle geführt, wo ich mich mit meinem Ermittler und meiner Anwaltskollegin beraten konnte – die mich beim Ausdrucken, Einreichen und in einigen Fällen auch Nachbessern der Anträge und sonstigen Schriftsätze unterstützten, die ich beim Prozess vorlegen wollte. Mein Ermittler war Dennis »Cisco« Wojciechowski und meine Anwaltskollegin meine Partnerin Jennifer Aronson.

Wenn man sich in Haft befindet, geht alles nur schleppend voran. Nach dem um vier Uhr morgens erfolgten Weckruf im Twin Towers traf ich um 8:40 Uhr in meinem lediglich vier Straßen weiter liegenden privaten Besprechungszimmer ein. Ich hatte einen von einem Gummi zusammengehaltenen Packen mit meinen Anträgen dabei, die ich auf dem Metalltisch vor mir ausgebreitet hatte, als mein Team Punkt neun Uhr von einem Deputy hereingeführt wurde.

Cisco und Jennifer wurden aufgefordert, mir gegenüber am Tisch Platz zu nehmen. Kein Händeschütteln, keine Umarmungen. Das Treffen unterlag der anwaltlichen Schweigepflicht und war vertraulich. Aber in einer der vier oberen Ecken gab es eine Kamera. Wir würden zwar beobachtet, aber mithören konnte der Deputy, der unser Gespräch beaufsichtigte, nicht – hieß es zumindest. Ich hatte da meine Bedenken, weshalb ich bei früheren Teambesprechungen gelegentlich eine Bemerkung hatte fallen lassen, die die Anklage auf eine ins Leere führende Spur setzen würde, sollte sie uns unerlaubterweise belauschen. Um solche Äußerungen für die Mitglieder meines Teams erkennbar zu machen, flocht ich immer das Stichwort Baja ein.

Ich trug dunkelblaue Gefängniskluft, auf deren Brust und Rücken mit einer Schablone LACDETENTION gesprüht war. Wie Edgar Quesada am Vorabend trug ich eine lange Unterhose. Ich hatte im Lauf meines Gefängnisaufenthalts schnell gelernt, dass es während der morgendlichen Busfahrten und in den Haftzellen des Gerichts nicht gerade kuschlig warm war, und entsprechend zog ich mich an.

Jennifer trug für die Verhandlung ein anthrazitfarbenes Kostüm und eine cremefarbene Bluse. Cisco war wie üblich für eine Sonnenaufgangstour mit seiner Harley Panhead auf dem Pacific Coast Highway gekleidet – schwarze Jeans, Stiefel und T-Shirt – und ließ sich über die Speaker seines Helms mit Cody Jinks zudröhnen. Allem Anschein nach konnte die kalte, feuchte Luft des Besprechungszimmers seiner Haut nichts anhaben. Möglicherweise hatte das etwas damit zu tun, dass er ursprünglich aus Wisconsin stammte.

»Und wie geht’s meinem Team an diesem wunderschönen Morgen?«, fragte ich gut gelaunt.

Obwohl ich mich in Haft befand und die Gefängnismontur trug, war mir klar, wie wichtig es war, meine Mitarbeiter bei Laune zu halten. Vor allem sollten sie sich keine Sorgen wegen meiner unangenehmen Lage machen. Tritt auf wie ein Gewinner, dann wirst du auch ein Gewinner, hatte David Segal, der Partner meines Vaters und mein juristischer Mentor immer gesagt.

»Alles bestens, Boss«, sagte Cisco.

»Wie geht’s dir?«, fragte Jennifer.

»Jedenfalls ist es besser, im Gericht zu sein als im Gefängnis«, sagte ich. »Welchen Anzug hat mir Lorna ausgesucht?«

Lorna Taylor war sowohl meine Chefsekretärin als auch meine Beraterin in Sachen Mode. Dieser zweite Aufgabenbereich reichte in die Zeit zurück, als sie meine Ehefrau war – meine zweite Ehefrau, um genau zu sein, eine Verbindung, die nur ein Jahr hielt und ihrer Ehe mit Cisco voranging. Obwohl ich an diesem Tag nicht vor ein Schwurgericht treten würde, hatte ich mir Judge Warfields Zustimmung zugesichert, bei allen Auftritten vor Gericht die entsprechende Kleidung tragen zu dürfen. Da der Fall in den Medien für erhebliches Aufsehen gesorgt hatte, wollte ich nicht, dass ein Foto von mir in Häftlingskluft viral ging. Die Welt außerhalb der Mauern des Gerichts war ein Pool von Geschworenen, von denen zwölf hinzugezogen würden, über mich zu urteilen. Und egal, wer sie waren, wollte ich nicht, dass sie mich in meinem Knastblaumann sahen. Außerdem verhalf mir meine sorgfältig kuratierte Auswahl europäischer Anzüge zu mehr Selbstvertrauen, wenn ich vor Gericht stand und meine Argumente vorbrachte.

»Der blaue Hugo Boss mit einem rosa Hemd und einer grauen Krawatte«, sagte Jennifer, »ist bereits beim Gerichtsdeputy.«

»Perfekt«, sagte ich.

Cisco verdrehte die Augen angesichts meiner Eitelkeit. Ich ignorierte ihn.

»Wie viel Zeit bekommen wir?«, fragte ich. »Hast du schon mit dem Assistenten der Richterin geredet?«

»Ja, die Richterin hat uns eine Stunde zugeteilt«, sagte Jennifer. »Wird das reichen?«

»Wahrscheinlich nicht, wenn Dana ständig Einspruch erhebt. Falls sich Warfield strikt an den Zeitplan hält, muss ich vielleicht irgendwas rauswerfen.«

Dana war Dana Berg, die Staranwältin der Major Crimes Unit, die damit beauftragt worden war, meine Verurteilung zu erwirken und mich für den Rest meines Lebens hinter Gitter zu bringen. Wegen ihres Hangs, Höchststrafen zu beantragen, war sie unter Strafverteidigern auch als Death Row Dana bekannt oder wegen ihrer Sturheit beim Aushandeln von Deals als Iceberg. Tatsache war jedenfalls, dass sich ihre Entschlossenheit nicht brechen ließ und dass sie oft Strafverfahren zugeteilt bekam, in denen ein Prozess unausweichlich war.

Und das war bei mir der Fall. Am Tag meiner Festnahme hatte ich Jennifer eine Presseerklärung herausgeben lassen, in der ich mich mit Nachdruck gegen die gegen mich erhobenen Vorwürfe verwehrte und ankündigte, sie beim Prozess zu entkräften. Höchstwahrscheinlich hatte sie dazu geführt, dass der Fall Dana Berg zugeteilt wurde.

»Was werfen wir dann raus?«, fragte Jennifer.

»Mit der Kaution gehen wir es erst mal langsam an«, sagte ich.

»Auf gar keinen Fall«, sagte Cisco.

»Wie stellst du dir das vor?«, protestierte auch Jennifer. »Damit wollte ich ihnen gleich als Erstes die Hölle heißmachen. Wir müssen dich unbedingt hier rausholen, damit wir unsere Strategiebesprechungen in einem Büro abhalten können und nicht in einer Zelle.«

Jennifer hob die Hände, um auf den Raum zu zeigen, in dem wir saßen. Mir war von Anfang an klar gewesen, dass sie mit meiner Entscheidung bezüglich der Kaution nicht einverstanden wären. Aber ich wollte meine Zeit vor der Richterin für sinnvollere Dinge nutzen.

»Es ist ja nun wirklich nicht so, dass ich von meinem Aufenthalt im Twin Towers hellauf begeistert bin«, sagte ich. »Mit dem Ritz können sie es leider nicht aufnehmen. Aber im Moment gibt es Dinge, die dem gegenüber Vorrang haben. Ich möchte eine vollständige Verhandlung über die Anfechtung des hinreichenden Tatverdachts. Das steht an erster Stelle. Und dann möchte ich die Offenlegungsprobleme zur Sprache bringen. Bist du dafür bereit, Bullocks?«

Es war lange her, dass ich Jennifer mit ihrem Anfängerspitznamen angesprochen hatte. Ich hatte sie direkt von der Southwestern Law School weg angestellt, die sich im ehemaligen Kaufhaus Bullock’s befand. Ich hatte jemanden mit einem Arbeiterklassenabschluss und der Power und Entschlossenheit eines Underdogs gesucht und sah mich seitdem mehr und mehr in meinem guten Riecher bestätigt. Sie hatte sich nämlich von einer jungen Anwältin, der ich schlecht bezahlte Fälle zuschanzte, zu einer vollwertigen Partnerin und Vertrauten entwickelt, die sich in jedem Gerichtssaal des Landes behaupten konnte. Sie sollte nicht nur Schriftsätze für mich einreichen, sondern auch Dana Berg wegen der verzögerten Herausgabe der Offenlegungsakte gewaltig Druck machen. Hier handelte es sich um den wichtigsten Fall meiner Karriere, in dem ich sie am Tisch der Verteidigung unbedingt an meiner Seite haben wollte.

»Ich bin bereit«, sagte sie. »Aber ich bin auch bereit, die Kaution anzufechten, damit du keinen Bodyguard brauchst, der auf dich aufpasst, während du dich auf den Prozess vorbereitest und deine abscheulichen Fleischwurstsandwiches verdrückst.«

Ich lachte. Wahrscheinlich hatte ich mich ein bisschen zu oft über den Speiseplan im Twin Towers aufgeregt.

»Schon klar«, sagte ich. »Und eigentlich ist das Ganze auch nicht zum Lachen. Aber ich muss sehen, dass weiter Geld reinkommt und ich am Ende nicht mit leeren Taschen dastehe und kein Geld mehr für das Jurastudium meiner Tochter habe. Denn Maggie McFierce wird dafür sicher nicht aufkommen.«

Meine erste Ex und Mutter meiner Tochter – mit richtigem Namen Maggie McPherson – war Staatsanwältin im District Attorney’s Office. Sie bezog ein gutes Gehalt und hatte unsere Tochter Hayley in einem gut situierten Viertel in Sherman Oaks aufgezogen – nicht eingerechnet einen zweijährigen Einsatz in Ventura County, wo sie für den D.A. arbeitete, während sie darauf wartete, dass sich ein politischer Brand dort unten von selbst löschte. Ich hatte die ganze Zeit für Hayleys Privatschulen gezahlt, und inzwischen hatte sie im Mai in Chapman ihren Abschluss gemacht und studierte an der USC Informationsrecht. Das ging mit hohen Studiengebühren einher, für die nur ich aufzukommen hatte. Das hatte ich jedoch eingeplant und entsprechende Rücklagen geschaffen, die ich allerdings nicht für meine Kaution aufbrauchen wollte, bloß um mich optimal auf meinen Prozess vorbereiten zu können.

Ich hatte ein bisschen herumgerechnet, aber es war die Mühe nicht wert gewesen. Selbst wenn wir Judge Warfield dazu bringen konnten, die Kaution zu halbieren, musste ich nach wie vor eine Bürgschaft von einer Viertelmillion Dollar leisten, die mir aber lediglich zu drei Monaten Freiheit verhelfen würde. Nicht zuletzt deshalb hatte ich mich auch geweigert, auf mein Recht auf einen beschleunigten Prozess zu verzichten, und die Anklage damit unter enormen Zeitdruck gesetzt – sechzig Gerichtstage, innerhalb deren sie mich vor Gericht stellen musste. Das hieß, der Prozess würde bereits in zwei Monaten, im Februar, beginnen und mir entweder meine Freiheit zurückgeben oder mich ihrer für immer berauben. Meinen Mandanten hatte ich früher bei vielen Gelegenheiten geraten, sich das Geld für die Bürgschaft zu sparen und die Zeit im Twin Towers auszusitzen.

Normalerweise stand dahinter die Sorge, dass sie noch Geld hatten, um mich zu bezahlen. Aber jetzt war es der Rat, den ich mir selbst erteilte.

»Hast du mit Maggie schon darüber gesprochen?«, fragte Jennifer. »Hat sie dich überhaupt schon mal hier drinnen besucht?«

»Ja, sie war mal hier, und ja, wir haben geredet«, sagte ich. »Sie ist derselben Meinung wie du, und ich würde nicht mal sagen, dass es nicht vernünftiger wäre. Aber hier geht es um Prioritäten, um Verfahrensprioritäten.«

»Lorna, Cisco und ich, wir haben dir doch alle gesagt, dass das mit unseren Gehaltsschecks erst mal nicht so eilig ist und du das Ganze erst hinter dich bringen solltest. Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine Verfahrenspriorität ist und du alles noch mal überdenken solltest. Und außerdem, was ist mit Hayley? Thanksgiving hast du schon mit ihr verpasst. Willst du jetzt auch noch Weihnachten verpassen?«

»Okay, zur Kenntnis genommen. Vielleicht ist ja später noch Zeit, um uns damit zu befassen. Wenn nicht, greifen wir es bei der nächsten Runde auf. Bringen wir erst mal die Anträge hinter uns. Cisco, was tut sich bei der Durchsicht früherer Fälle?«

»Lorna und ich haben bereits über die Hälfte der Akten durch«, sagte Cisco. »Bisher sind wir noch auf nichts Auffälliges gestoßen. Aber wir bleiben dran und stellen eine Liste potenzieller Kandidaten zusammen.«

Damit meinte er eine Liste ehemaliger Mandanten und Feinde, die ein Motiv und die Möglichkeiten hatten, mir eine Mordanklage anzuhängen.

»Okay, die würde ich gern sehen«, sagte ich. »Ich kann nicht einfach vor Gericht gehen und behaupten, das Ganze wurde mir angehängt. Dafür muss ich mit dem Finger auf eine dritte Partei zeigen können, die dahinterstecken könnte.«

»Daran arbeiten wir«, sagte Cisco. »Und falls da was ist, finden wir es.«

»Falls?«, fragte ich.

»So habe ich das nicht gemeint, Boss«, sagte Cisco. »Damit wollte ich nur sagen …«

»Jetzt hör mal gut zu«, sagte ich. »Ich habe die letzten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens meinen Mandanten immer wieder gesagt, dass mir egal ist, ob sie es waren oder nicht, weil mein Job ist, sie zu verteidigen, und nicht, sie zu beurteilen. Ob nun schuldig oder unschuldig, konnten sie immer auf meinen vollen Einsatz zählen. Aber jetzt, wo ich auf der anderen Seite stehe, weiß ich natürlich, dass das Quatsch ist. Du und Lorna, ihr müsst mir in dieser Sache unbedingt glauben.«

»Tun wir doch auch«, sagte Jennifer.

»Versteht sich doch von selbst«, fügte Cisco hinzu.

»Lasst euch lieber etwas Zeit mit eurer Antwort«, sagte ich. »Ihr müsst doch auch Fragen zu dem Ganzen haben. Die Anklageschrift des Staates lässt keinerlei Zweifel an der Sache. Wenn ihr also an irgendeinem Punkt auf Death Row Danas Seite wechselt, möchte ich, dass ihr aufsteht und den Saal verlasst. Dann möchte ich euch nicht in meinem Team haben.«

»Dazu wird es nicht kommen«, sagte Cisco.

»Unter keinen Umständen«, fügte Jennifer hinzu.

»Gut«, sagte ich. »Dann auf in den Kampf. Jennifer, kannst du mir meinen Anzug holen, damit ich mich fertig machen kann?«

»Bin gleich wieder da«, sagte sie.

Sie stand auf und hämmerte mit einer Hand gegen die Stahltür, während sie mit der anderen in die Kamera darüber winkte. Wenig später hörte ich das scharfe metallische Schnappen des Schlosses, als die Tür entriegelt wurde. Ein Deputy öffnete sie und ließ Jennifer nach draußen.

»So«, sagte ich, sobald Cisco und ich allein waren. »Wie ist die Wassertemperatur letztens in Baja unten?«

»Beinahe optimal«, sagte Cisco. »Ich hab mit meinem Kumpel dort unten gesprochen, und er sagt, um die fünfundzwanzig Grad.«

»Das ist mir zu warm. Sag ihm, er soll mir Bescheid geben, wenn sie auf zwanzig runtergeht.«

»Okay, mach ich.«

Ich nickte Cisco zu und versuchte wegen der Überwachungskamera, nicht zu grinsen. Mit ein bisschen Glück war dieser letzte Informationsbrocken für etwaige illegale Mithörer interessant genug, um sie unten in Mexiko auf eine falsche Fährte zu locken.

»Aber jetzt, was ist mit unserem Opfer?«, fragte ich.

»Daran arbeiten wir noch«, sagte Cisco zögernd. »Ich hoffe, Jennifer bekommt in der heutigen Offenlegung mehr Material, das mir hilft herauszufinden, wie er in deinem Kofferraum gelandet ist.«

»Sam Scales war immer schon schwer zu fassen. Ihn irgendwo festzunageln, dürfte schwer werden. Das müssen wir aber unbedingt.«

»Keine Sorge, irgendwie kriegen wir das schon hin.«

Ich nickte. Ciscos Zuversicht gefiel mir. Ich hoffte, sie würde sich bezahlt machen. Ich dachte kurz über meinen ehemaligen Mandanten Sam Scales nach, den raffinierten Trickbetrüger, der sogar mich hereingelegt hatte. Und jetzt war ich das Opfer in einem gigantischen Schwindel, bei dem mir ein Mord angehängt wurde, den ich nur mit Mühe von mir weisen konnte.

»Hey, Boss, alles okay?«, fragte Cisco.

»Jaja, klar«, sagte ich. »Ich muss nur gerade an alles Mögliche denken. Das wird bestimmt witzig.«

Cisco nickte. Er wusste, dass es alles andere als witzig würde, aber er verstand die Einstellung, die dahinterstand. Handle wie ein Gewinner, und du wirst ein Gewinner.

Die Zellentür ging wieder auf, und Jennifer kam mit meinen Prozessklamotten an zwei Kleiderbügeln herein. Normalerweise war das rosa Oxfordhemd meinen Auftritten vor einer Jury vorbehalten, aber das machte nichts. Schon der bloße Anblick seines perfekten Schnitts hob meine Stimmung deutlich. Ich machte mich bereit für den Kampf.

5

Mein Anzug saß so locker, dass ich das Gefühl hatte, darin zu schwimmen. Nachdem sie mich ins Gericht gebracht und mir die Ketten abgenommen hatten, sagte ich als Erstes zu Jennifer, sie solle Lorna darum bitten, zwei meiner Anzüge auszusuchen und sie von einem Schneider ändern zu lassen.

»Das dürfte nicht ganz einfach werden, wenn er bei dir nicht Maß nehmen kann«, sagte sie.

»Das ist mir egal«, sagte ich. »Aber es ist wichtig. Ich will für die Medien nicht aussehen wie ein Typ in einem geliehenen Anzug. So etwas entgeht den Geschworenen nicht und übermittelt ihnen eine Botschaft.«

»Okay, schon klar.«

»Sag ihr, sie soll ihn rundum eine Nummer enger machen lassen.«

Bevor sie antworten konnte, kam Dana Berg an den Tisch der Verteidigung und legte einen Packen Dokumente darauf.

»Unsere Antworten auf Ihre Anträge«, sagte sie. »Ich bin sicher, das wird alles bei der Mündlichen herauskommen.«

»Absolut fristgerecht«, sagte Jennifer in einem Ton, der das genaue Gegenteil andeutete.

Sie begann zu lesen. Ich sparte mir die Mühe. Berg schien zu zögern, als erwartete sie einen Kommentar von mir. Aber ich blickte nur zu ihr auf und lächelte.

»Guten Morgen, Dana«, sagte ich. »Wie war Ihr Wochenende?«

»Sicher schöner als Ihres«, sagte sie.

»Das war zu erwarten«, sagte ich.

Sie grinste und kehrte an den Tisch der Anklage zurück.

»Wie zu erwarten, erhebt sie gegen alles Einspruch«, sagte Jennifer. »Einschließlich der Herabsetzung der Kaution.«

»Wäre auch ein Wunder, wenn nicht«, sagte ich. »Wie bereits gesagt, die Kaution soll heute nicht unsere Sorge sein. Wir …«

Ich wurde von der dröhnenden Stimme des Gerichtssaaldeputys Morris Chan zum Schweigen gebracht, der die Ankunft von Judge Warfield ankündigte. Wir erhielten Anweisung, sitzen zu bleiben und uns bereit zu machen.

Ich fand, wir hatten Glück gehabt, als wir Warfield zugeteilt bekamen. Sie war zwar eine knallharte Law-and-Order-Juristin, aber auch eine ehemalige Strafverteidigerin. Nicht selten strengten sich allerdings Strafverteidiger, die Richter wurden, ganz besonders an, unparteiisch zu erscheinen, indem sie sich auf die Seite der Anklage stellten. Von Warfield hatte ich das nie gehört. Wenn ich auch nie einen Fall unter ihrem Vorsitz verhandelt hatte, hatte ich bei den Gesprächen, die ich im Redwood und im Four Green Fields mit anderen Strafverteidigern geführt hatte, immer den Eindruck gewonnen, dass sie eine absolut korrekte und unparteiische Richterin war. Darüber hinaus war sie Afroamerikanerin, was sie zu einem Underdog machte. Um so weit zu kommen, wie sie gekommen war, musste sie besser sein als andere Anwälte. Das erforderte eine Einstellung, die mir gefiel. Sie war sich nur zu deutlich der Nachteile bewusst, die es bedeutete, mich selbst zu verteidigen, und ich vermutete, dass sie dieses Wissen in ihre Entscheidungen einfließen lassen würde.

»Die Verhandlung Kalifornien gegen Haller ist eröffnet, und wir müssen uns mit einer Reihe von Anträgen der Verteidigung befassen«, begann die Richterin. »Mr. Haller, werden Sie Ihre Argumente vortragen, oder wird das Ihre Kollegin Ms. Aronson übernehmen?«

Ich stand auf, um zu antworten.

»Wenn das Gericht einverstanden ist«, begann ich, »würden wir uns heute gern abwechseln. Ich würde gern mit dem Antrag auf Unterdrückung von Beweismaterial beginnen.«

»Dann also«, sagte Warfield. »Fahren Sie fort.«

Jetzt wurde es haarig. Ich hatte rein technisch gesehen einen Antrag gestellt, Beweismaterial auszuschließen, das verfassungswidrig beschafft worden war. Ich focht die Verkehrskontrolle an, die zur Entdeckung von Sam Scales’ Leiche im Kofferraum meines Wagens geführt hatte. Wenn ich mit dem Antrag durchkam, würde die Anklage gegen mich wahrscheinlich auf der Stelle in sich zusammenfallen. Aber es war kaum anzunehmen, dass selbst eine so unparteiische Richterin, wie Warfield meines Wissens war, der Staatsanwaltschaft so viel Sand ins Getriebe streuen würde. Und das war, worauf ich zählte, denn ich wollte, dass weder das eine noch das andere passierte. Bei jedem anderen Mandanten hätte ich diese Entscheidung durchzusetzen versucht. Aber das war mein eigenes Verfahren. Ich wollte den Prozess nicht wegen einer Formalie gewinnen. Ich wollte von jeglicher Schuld entlastet werden. Der Trick bei der Sache war also, eine Verhandlung über die Verfassungsmäßigkeit der Verkehrskontrolle zu führen, die zu meiner Festnahme geführt hatte. Das wollte ich jedoch nur, um Officer Milton in den Zeugenstand zu bekommen, damit er seine Aussage dort unter Eid zu Protokoll gab. Ich war nämlich der Überzeugung, dass ich in eine Falle gelockt worden war, an deren Zustandekommen Milton, ob nun wissentlich oder nicht, beteiligt gewesen war.

Ich trat mit dem Ausdruck meines Antrags an das Pult zwischen den Tischen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Auf dem Weg dorthin warf ich beiläufig einen Blick in die Galerie und entdeckte dort zwei mir bekannte Journalistinnen, die über die Verhandlung berichteten. Sie waren das Sprachrohr, mit dem ich meine Verteidigung in die Welt hinaustragen wollte.

Außerdem sah ich in der hintersten Reihe meine Tochter Hayley. Vermutlich schwänzte sie ein Seminar an der USC Law, aber dafür hatte ich Verständnis. Ich hatte ihr verboten, mich im Gefängnis zu besuchen, denn sie sollte mich auf keinen Fall in Häftlingskluft sehen. Deshalb hatte ich sie auch nicht auf meine offizielle Besucherliste gesetzt. Sie würde mich nur im Gericht sehen und unterstützen. Außerdem wusste ich, dass sie die Scheinwelt des Jurastudiums verlassen und eine richtige juristische Ausbildung bekommen würde, wenn sie den Prozess verfolgte.

Ich bedachte sie mit einem Nicken und einem Lächeln. Doch sie jetzt so zu sehen, erinnerte mich daran, wie schlecht mein Anzug saß. Er sah geliehen aus und verriet allen Gerichtssaalbeobachtern, dass ich ein Häftling war. Genauso gut hätte ich meine Häftlingskluft tragen können. Als ich ans Pult trat und mich an die Richterin wandte, versuchte ich, diese Gedanken abzuschütteln.

»Euer Ehren«, begann ich. »Wie aus meinem Antrag an das Gericht hervorgeht, behauptet die Verteidigung, dass ich in eine Falle gelockt wurde und mir eine Straftat angehängt werden sollte. Und ins Rollen kam dieses falsche Spiel mit meiner rechtswidrigen und gegen die Verfassung verstoßenden Kontrolle durch die Polizei in der Nacht meiner Festnahme. Ich habe …«

»Inszeniert von wem, Mr. Haller?«, fragte die Richterin.

Die Frage traf mich unvorbereitet. So berechtigt sie auch sein mochte, kam sie unvorhergesehen, zumal ich meine Argumente noch gar nicht vorgebracht hatte.

»In dieser Verhandlung ist das irrelevant, Judge«, sagte ich. »Hier geht es um die Verkehrskontrolle und ob sie rechtens war. Sie …«

»Sie behaupten, die Tat sollte Ihnen angelastet werden. Wissen Sie, von wem?«

»Auch das, Euer Ehren, ist irrelevant. Wenn wir im Februar vor Gericht gehen, wird es höchst relevant sein, aber ich sehe nicht ein, warum ich der Anklage meine Verteidigungsstrategie enthüllen soll, wenn ich die Zulässigkeit der Verkehrskontrolle infrage stelle.«

»Dann fahren Sie fort.«

»Danke, Euer Ehren, das werde ich. Der …«

»Ist das eine Spitze?«

»Wie bitte?«

»Was Sie gerade gesagt haben, war das eine Spitze gegen mich, Mr. Haller?«

Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Ich konnte mich nicht einmal mehr erinnern, was ich gesagt hatte.

»Äh, nein, keine Spitze, Judge«, sagte ich. »Ich erinnere mich zwar nicht mehr, was ich gesagt habe, aber es stand in keiner Weise die Absicht dahinter …«

»Umso besser, dann lassen Sie uns fortfahren«, sagte die Richterin.

Mir war immer noch nicht klar, was ich von dem Ganzen halten sollte. Die Richterin schien extrem empfindlich auf alles zu reagieren, was sich als Infragestellung ihres Könnens oder ihrer Autorität auslegen ließ. Aber es konnte nicht schaden, das schon zu Beginn der Verhandlung zu wissen.

»Okay, jedenfalls möchte ich mich noch einmal entschuldigen, wenn etwas, das ich gesagt habe, respektlos erschienen sein mag«, fuhr ich fort. »Wie gesagt, habe ich einen Antrag eingereicht, um den berechtigten Anlass für eine Verkehrskontrolle und die durch keinen Durchsuchungsbeschluss gestützte Durchsuchung des Kofferraums meines Autos infrage zu stellen. Zur Klärung der dadurch aufgeworfenen Fragen ist eine Beweisaufnahme mit dem Officer erforderlich, der mich aufgehalten und mein Fahrzeug durchsucht hat. Dafür würde ich gern schon einen Termin festsetzen. Aber bevor es dazu kommt, müssen wir noch verschiedene andere Punkte klären. Mein Ermittler versucht seit fünf Wochen mit dem Officer, der mich angehalten hat, zu sprechen, Euer Ehren, aber trotz wiederholter Anfragen an Officer Roy Milton und die Polizei ist ein solches Gespräch bisher nicht zustande gekommen. Ich weiß, auf unseren Antrag auf Offenlegung werden wir später noch zu sprechen kommen, aber auch hier gilt, was die Festnahme betrifft, besteht seitens der Staatsanwaltschaft keinerlei Kooperationsbereitschaft. Die Anklage lässt vom ersten Tag an nichts unversucht, um das Zustandekommen eines fairen Verfahrens zu verhindern.«

Berg stand auf, doch Warfield gebot ihr mit erhobener Hand Einhalt.

»Lassen Sie mich an dieser Stelle unterbrechen, Mr. Haller«, sagte die Richterin. »Sie haben hier gerade schwere Anschuldigungen erhoben. Deshalb sollten Sie sie unbedingt jetzt gleich untermauern.«

Ich sammelte mich, bevor ich fortfuhr.

»Euer Ehren«, begann ich schließlich. »Die Anklage will eindeutig nicht, dass ich Officer Milton vernehme. Das hat sich schon von Anfang an gezeigt, unter anderem in der Entscheidung, für die Anklageerhebung vor ein Schwurgericht zu gehen und ihn im Geheimen aussagen zu lassen, statt eine Voruntersuchung anzuberaumen, bei der auch ich ihn hätte einvernehmen können.«

In kalifornischen Gerichten kann eine Anklage wegen einer schweren Straftat nur vor Gericht gebracht werden, wenn dem Richter in einer Vorverhandlung ein dringender Tatverdacht vorgelegt und daraufhin ein Prozess gegen den Angeklagten angeordnet wird. Alternativ kann die Anklage die Sache einer Grand Jury präsentieren und eine Anklage wegen des Tatvorwurfs beantragen. Das hatte Berg in diesem Fall getan. Der Unterschied zwischen diesen beiden Verfahren ist, dass eine Vorverhandlung für alle zugänglich ist und der Verteidiger jeden Zeugen befragen kann, während eine Grand Jury hinter verschlossenen Türen verhandelt.

»An der Entscheidung der Anklage, die Sache vor einer Grand Jury zu verhandeln, ist nicht das Geringste auszusetzen«, sagte Warfield.

»Aber sie hindert mich daran, meine Beschuldiger zu befragen«, sagte ich. »Officer Milton trug am Abend meiner Festnahme in Übereinstimmung mit den LAPD-Bestimmungen eine Bodycam, aber wir haben dieses Video immer noch nicht erhalten. Außerdem habe ich gesehen, dass auch im Streifenwagen eine Videokamera war, aber auch dieses Video haben wir nicht bekommen.«

»Euer Ehren?«, meldete sich Dana Berg zu Wort. »Die Staatsanwaltschaft legt Widerspruch gegen das Argument der Verteidigung ein. Sie macht aus einem Antrag auf Unterdrückung von Beweisen zu dem Fall ein Ersuchen um Beweise. Das finde ich etwas verwirrend.«

»Das finde auch ich«, sagte Warfield. »Mr. Haller, ich habe Ihnen gestattet, sich selbst zu verteidigen, weil Sie ein erfahrener Anwalt sind, aber Sie führen sich mehr und mehr wie ein Amateur auf. Bitte bleiben Sie sachlich.«

»Wenn das so ist, Euer Ehren, bin auch ich jetzt etwas verwirrt«, sagte ich. »Ich habe einen rechtlich zulässigen Antrag eingereicht, die Ergebnisse einer durch keinen richterlichen Beschluss gerechtfertigten Durchsuchung nicht zuzulassen. Es obliegt Ms. Berg, die Berechtigung dieser Durchsuchung zu belegen. Doch ich kann Officer Milton nirgendwo im Saal sehen. Wenn daher die Anklage keine Genehmigung für die Durchsuchung vorlegen kann, steht es Ms. Berg nicht zu, den Antrag zurückzuweisen. Dennoch tut Ms. Berg so, als wäre sie außer sich über mein Vorgehen und als sollte ich lediglich meine Argumente vorbringen und es dabei belassen.

Judge, in Wirklichkeit geht es jedoch darum, dass ich eine Beweisaufnahme und eine Gelegenheit beantrage, mich darauf vorzubereiten, nachdem ich die mir zustehende Offenlegungsakte erhalten habe. Ich kann den Antrag auf Unterdrückung nicht korrekt und vollständig vorbringen, weil die Anklage gegen die Offenlegungsregeln verstößt. Deshalb ersuche ich das Gericht, auf die heutige Tagesordnung zu setzen, die Anklage anzuweisen, ihren Offenlegungspflichten nachzukommen und eine umfassende Beweisaufnahme zu meinem Antrag anzuberaumen, wenn die Zeugen, unter ihnen Officer Milton, vor Gericht erscheinen können.«

Die Richterin sah Berg an.

»Ich weiß, dass wir einen Offenlegungsantrag in Mr. Hallers Eingaben haben«, sagte Warfield. »Aber wo stehen wir bei den eben erwähnten Punkten? Die Aufnahmen der Bodycam des Officer und der Kamera des Streifenwagens, sie sollten der Verteidigung längst ausgehändigt worden sein.«

»Judge«, sagte Berg. »Wir hatten technische Probleme mit der Übertragung der …«

»Euer Ehren«, protestierte ich. »Die Anklage kann doch nicht mit technischen Problemen als Ausrede daherkommen! Ich wurde heute vor fünf Wochen festgenommen. Hier geht es um meine Freiheit, und anzuführen, technische Probleme hätten meine prozessualen Rechte verzögert, ist schlichtweg unfair. Die Anklage versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass ich an Milton herankomme. So einfach ist das. Das hat sie schon getan, als sie statt einer Vorverhandlung vor eine Grand Jury gegangen ist, und jetzt tut sie es wieder. Ich habe nicht auf mein Recht auf ein beschleunigtes Verfahren verzichtet, aber die Anklage unternimmt alles in ihrer Macht Stehende, das Verfahren zu verzögern.«

»Ms. Berg?«, sagte Warfield. »Was haben Sie dem entgegenzuhalten?«

»Judge«, sagte Berg. »Wenn mich der Angeklagte nicht ständig unterbrechen würde, bevor ich einen Satz beendet habe, hätte er gehört, dass wir – Vergangenheit – technische Probleme hatten, diese aber mittlerweile behoben sind, sodass ich die Aufnahmen der Bodycam und des Fahrzeugs des Officer dem Angeklagten heute zur Verfügung stellen kann. Darüber hinaus verwahrt sich die Anklage gegen jegliche Unterstellungen, das Verfahren zu verzögern oder zu versuchen, den Angeklagten zu einem Aufschub zu drängen. Was uns angeht, können wir loslegen, Euer Ehren. Wir sind nicht an einer Verzögerung interessiert.«

»Nun gut«, sagte Warfield. »Händigen Sie die Videos der Verteidigung aus, dann werden wir …«

»Euer Ehren, Verfahrensfrage«, sagte ich.

»Was ist jetzt schon wieder, Mr. Haller?«, sagte die Richterin. »Langsam verliere ich die Geduld.«

»Die Anwältin hat mich gerade als Angeklagten bezeichnet«, sagte ich. »Ich bin zwar der Angeklagte in dieser Sache, aber wenn ich vor Gericht meine Argumente vorbringe, bin ich der Anwalt der Verteidigung und ersuche darum, dass das Gericht Ms. Berg anweist, mich angemessen zu bezeichnen.«

»Das ist doch alles nur Wortklauberei, Mr. Haller«, sagte Warfield. »Das Gericht sieht keine Notwendigkeit, der Anklage eine solche Anweisung zu erteilen. Sie sind der Angeklagte. Zugleich sind Sie der Anwalt der Verteidigung. Ist doch ein und dasselbe in diesem Fall.«

»Manche Geschworene könnten da durchaus einen Unterschied sehen, Euer Ehren«, sagte ich.

Wieder hielt Warfield wie ein Verkehrspolizist die Hand hoch, bevor Berg Einspruch erheben konnte.

»Eine Entgegnung der Anklage ist nicht erforderlich«, sagte sie. »Der Antrag der Verteidigung ist abgelehnt. Wir vertagen die Verhandlung auf Donnerstagmorgen. Ms. Berg, ich erwarte, dass Sie Officer Milton einbestellen, damit er zu der Verkehrskontrolle Mr. Hallers befragt werden kann. Nötigenfalls unterzeichne ich gern eine Vorladung dieses Inhalts. Seien Sie aber versichert, dass ich im Fall seines Nichterscheinens geneigt bin, dem Antrag stattzugeben. Ist das klar, Ms. Berg?«

»Ja, Euer Ehren«, sagte Berg.

»Dann lassen Sie uns zum nächsten Antrag gehen«, sagte Warfield. »Ich muss das Gericht um elf Uhr wegen eines externen Treffens verlassen. Lassen Sie uns also zügig fortfahren.«

»Euer Ehren, den Antrag, die Offenlegung zu erzwingen, wird meine Anwaltskollegin Jennifer Aronson erläutern.«

Jennifer stand auf und trat ans Pult. Ich kehrte an den Tisch der Verteidigung zurück, und als wir aneinander vorbeigingen, berührten wir uns leicht an den Armen.

»Zeig’s ihnen«, flüsterte ich.

6

Zu den Vergünstigungen, die ich als sich vor Gericht selbst verteidigender Häftling erhielt, gehörte unter anderem, dass ich im Untersuchungsgefängnis Räumlichkeiten (und Zeit) für tägliche Treffen mit meinem Verteidigungsteam zugeteilt bekam. Unabhängig davon, ob es spezielle Fragen oder Strategien zu besprechen gab, setzte ich diese Besprechungen montags bis freitags um fünfzehn Uhr an. Sei es auch nur um meiner geistigen Gesundheit willen, brauchte ich diese Verbindung zur Außenwelt dringend.

Für Cisco und Jennifer waren diese Treffen extrem zeitaufwendig, weil sie und ihre Sachen sowohl beim Betreten als auch beim Verlassen des Gefängnisses durchsucht wurden und sie sich im Anwaltszimmer eingefunden haben mussten, bevor ich aus meiner Zelle geholt wurde. Im Gefängnis lief alles in seinem eigenen gleichgültigen Tempo ab, das von den zuständigen Deputys bestimmt wurde. Das Letzte, was einem Häftling zustand, auch einem, der sich selbst vor Gericht vertrat, war eine zügige Abwicklung. Aus diesem Grund wurde ich zum Beispiel für eine Verhandlung, die sechs Stunden später und nur vier Straßen weiter stattfand, um vier Uhr morgens geweckt. Diese Schikanen und Verzögerungen bedeuteten in der Regel, dass sich Cisco und Jennifer schon um vierzehn Uhr am Anwaltseingang des Gefängnisses einfinden mussten, damit ich um fünfzehn Uhr eine Stunde mit ihnen sprechen konnte.

Das Treffen nach der Gerichtsverhandlung diente jedoch nicht nur dazu, mich psychisch aufzumuntern. Judge Warfield hatte eine Verfügung unterzeichnet, die es Jennifer Aronson ermöglichte, zu den Besprechungen meines Teams einen DVD-Player ins Gefängnis mitzubringen, damit ich mir die Videos ansehen konnte, die die Anklage endlich herausgerückt hatte.

Weil es fast vier Stunden gedauert hatte, mich aus dem Gericht mit dem Bus ins Gefängnis zurückzubringen, kam ich zu spät zu unserem Treffen. Als ich endlich in das Anwaltszimmer geführt wurde, hatten Jennifer und Cisco fast eine Stunde gewartet.

»Tut mir leid«, sagte ich, als ich von einem Deputy durch die Tür geschoben wurde. »Aber ich habe hier rein gar nichts zu melden.«

»Das kannst du laut sagen«, brummte Cisco.

Die Bedingungen waren dieselben wie im Anwaltszimmer des Gerichts. Jennifer und Cisco saßen mir gegenüber, und es gab eine Kamera, die angeblich keinen Ton aufzeichnete. Der einzige Unterschied war, dass ich in diesem Raum einen Stift benutzen durfte, um mir Notizen zu machen oder handschriftlich Anträge an das Gericht aufzusetzen. In die Zelle dagegen durfte ich keinen Stift mitnehmen, weil er als Waffe, Pfeife oder Quelle für Tattootinte verwendet werden konnte. Außerdem bekam ich immer nur einen roten Stift, weil Rot als unbeliebte Tattoofarbe galt, sollte ich versuchen, den Stift in meine Zelle zu schmuggeln.

»Habt ihr euch die Videos schon angesehen?«, fragte ich.

»Nur etwa zehnmal, während wir gewartet haben«, sagte Cisco.

»Und?«

Bei dieser Frage sah ich Jennifer an. Sie war die Anwältin.

»Deine Erinnerungen an das, was gesagt und getan wurde, waren absolut zutreffend«, sagte sie.

»Gut«, sagte ich. »Bringt ihr es über euch, euch die Videos noch mal anzusehen? Ich möchte mir für Officer Miltons Einvernahme Notizen machen.«

»Hältst du das für opportun?«, fragte Jennifer.

Ich sah sie an.

»Meinst du, dem Kerl, der mich verhaftet hat, die Fragen zu stellen?«

»Ja. Könnte für die Geschworenen als nachtragend rüberkommen.«

Ich nickte.

»Stimmt. Aber es wird keine Geschworenen geben.«

»Aber wahrscheinlich Reporter. Es wird also an den Geschworenenpool durchsickern.«

»Schon klar. Trotzdem werde ich mir Fragen notieren, und wir treffen die Entscheidung einfach ad hoc. Vielleicht schreibst du mal auf, was du fragen würdest, und das vergleichen wir morgen oder am Mittwoch.«

Den Computer durfte ich nicht anrühren. Cisco drehte den Monitor zu mir. Zuerst spielte er die Aufnahme von Miltons Bodycam ab. Die Kamera war auf Brusthöhe an seiner Uniform angebracht. Zuerst war sein Lenkrad zu sehen, dann bewegte sich der Bildausschnitt rasch aus dem Auto und die Böschung der Straße hinauf zu einem Fahrzeug, in dem ich meinen Lincoln erkannte.

»Anhalten«, sagte ich. »Die verarschen uns doch nur.«

Cisco drückte die Stopptaste.

»Wieso?«, fragte Jennifer.