Beschreibung

Von Selbstzweifeln geplagt, ist Kommissar Wallander schon im Begriff, den Dienst zu quittieren, als ihn ein neuer Fall aus seiner Depression reißt. Der Anwalt Sten Torstensson bittet Wallander um Hilfe: Sein Vater ist nachts mit dem Auto tödlich verunglückt, doch er glaubt nicht an einen Unfall. Niemals wäre sein Vater bei Nebel zu schnell gefahren, und außerdem hatte er in letzter Zeit oft erregt und beunruhigt gewirkt. Zwei Wochen später ist Sten Torstensson ebenfalls tot ...

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Seitenzahl: 521

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Zsolnay eBook

Henning Mankell

Der Mann, der lächelte

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Erik Gloßmann

Paul Zsolnay Verlag

Die Originalausgabe erschien erstmals 1994 unter dem Titel Mannen som log im Ordfront Verlag, Stockholm.ISBN 978-3-552-05610-7© Henning Mankell 1994Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe© Paul Zsolnay Verlag Wien 2001/2012Unser gesamtes lieferbares Programm und viele andere Informationen finden Sie unter www.hanser-literaturverlage.de. Erfahren Sie mehr über uns und unsere Autoren aufwww.facebook.com/ZsolnayDeuticke.

»Was wir zu fürchten haben, ist nicht die Unmoral der großen Männer, sondern die Tatsache, daß Unmoral oft zu Größe führt.«

de Tocqueville

1

Nebel.

Er schleicht lautlos heran wie ein Raubtier, dachte er. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dachte er, obwohl ich mein ganzes Leben in Schonen verbracht habe, wo der Nebel die Menschen ständig in Unsichtbarkeit versinken läßt.

Es war am 11.Oktober 1993, neun Uhr abends.

Der Nebel zog rasch vom Meer her auf. Er war im Auto auf dem Heimweg nach Ystad und hatte Brösarps Backar passiert, als sein Wagen direkt in den weißen Dunst hineinfuhr.

Sofort wurde er von Panik erfaßt.

Ich fürchte mich vor Nebel, dachte er. Dabei sollte ich eher den Mann fürchten, den ich eben auf Schloß Farnholm besucht habe. Diesen freundlichen Mann, dessen Mitarbeiter sich stets diskret im Hintergrund halten, damit ihre Gesichter im Schatten bleiben. Irgendwie bedrohlich. An ihn sollte ich denken, denn ich weiß nun, was sich hinter seinem freundlichen Lächeln verbirgt, hinter dieser Maske des unbescholtenen, über jeden Verdacht erhabenen Bürgers. Vor ihm sollte ich mich fürchten, nicht vor dem Nebel, der aus der Bucht von Hanö herantreibt. Jetzt, da ich weiß, daß er nicht zögert, Menschen zu töten, die ihm im Wege stehen.

Er ließ die Scheibenwischer laufen, denn in der Feuchtigkeit beschlug die Frontscheibe ständig. Er fuhr nicht gern im Dunkeln. Die Fahrbahn reflektierte das Scheinwerferlicht, so daß er kaum die Hasen erkennen konnte, die vor ihm über die Straße wirbelten.

Ein einziges Mal, vor über dreißig Jahren, hatte er einen Hasen überfahren. Es war auf dem Weg nach Tomelilla, an einem Frühlingsabend. Er erinnerte sich daran, wie sein Fuß zu spät auf die Bremse getreten hatte. Es folgte der sanfte Stoß gegen die Karosserie. Er hatte angehalten, war ausgestiegen und zu dem Hasen gelaufen, der ihn ununterbrochen anstarrte. Der Körper schien bereits gelähmt, nur die Hinterläufe zappelten noch. Er hatte sich gezwungen, nach einem Stein zu suchen, und die Augen geschlossen, als er den Hasenschädel zertrümmerte. Dann war er zum Wagen zurückgegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Augen des Hasen und die wildstrampelnden Läufe hatte er nicht vergessen können. Er war das Bild einfach nicht losgeworden. Er sah es immer wieder vor sich, ganz unvermutet.

Er versuchte, das Unbehagen abzuschütteln.

Ein Hase, der seit dreißig Jahren tot ist, kann einen Menschen verfolgen, ohne damit Schaden anzurichten, dachte er. Ich habe mit den Lebenden mehr als genug zu tun.

Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er ungewöhnlich oft in den Rückspiegel schaute.

Wieder dachte er: Ich habe Angst. Jetzt erst wird mir klar, daß ich auf der Flucht bin. Ich fliehe vor dem, was sich hinter den Mauern von Schloß Farnholm verbirgt. Und ich weiß, daß sie wissen, daß ich weiß. Aber wieviel? Genug, um sie zu beunruhigen: Ich könnte den Eid brechen, den ich einst als junger Anwalt nach dem Examen abgelegt habe, zu einer Zeit, als der Eid noch eine heilige Verpflichtung beinhaltete. Fürchten sie das Gewissen eines alten Anwalts?

Es blieb dunkel im Rückspiegel. Er war allein im Nebel. In einer knappen Stunde würde er wieder in Ystad sein.

Der Gedanke erleichterte ihn für einen Augenblick. Sie waren ihm also nicht gefolgt. Morgen würde er entscheiden, was zu tun war. Er würde mit seinem Sohn sprechen, der als sein Teilhaber ebenfalls in der Kanzlei tätig war. Es gab immer eine Lösung, das hatte ihn das Leben gelehrt. Also mußte auch diesmal eine zu finden sein.

Er tastete im Dunkeln, um das Radio anzustellen. Eine Männerstimme erklang und berichtete über neue gentechnische Erkenntnisse. Die Worte strömten durch sein Bewußtsein, ohne sich festzusetzen. Er schaute auf die Uhr; es war gleich halb zehn. Im Rückspiegel war es immer noch schwarz. Der Nebel schien dichter zu werden. Dennoch erhöhte er vorsichtig den Druck aufs Gaspedal. Mit jedem Kilometer, den er zwischen sich und Schloß Farnholm brachte, fühlte er sich ruhiger. Vielleicht war seine Furcht trotz allem unbegründet?

Er versuchte, sich zu klarem Denken zu zwingen.

Wie hatte es angefangen? Ein Routinegespräch am Telefon, ein Zettel auf seinem Schreibtisch: Ein geschäftlicher Vertrag mußte dringend durchgesehen werden. Der Name des Mannes war ihm unbekannt. Aber er hatte zurückgerufen; ein kleineres Anwaltsbüro in einer unbedeutenden schwedischen Stadt konnte es sich nicht leisten, Kunden leichthin abzuweisen. Er erinnerte sich gut an die Stimme am Telefon: erfahren, mittelschwedischer Dialekt, präzise wie die eines Mannes, dessen Zeit kostbar ist. Es ging um eine komplizierte Transaktion, um eine auf Korsika registrierte Reederei und um Zementtransporte nach Saudi-Arabien, wo eine seiner Firmen als Agentin für Skanska tätig war. Vagen Andeutungen zufolge sollte eine Moschee in Khamis Mushayt erbaut werden. Oder auch eine Universität in Jeddah.

Einige Tage später hatten sie sich im Hotel Continental in Ystad getroffen. Er war zeitig gekommen und hatte an einem Ecktisch Platz genommen. Das Restaurant war eigentlich noch geschlossen, der jugoslawische Kellner schaute mürrisch durch die hohen Fenster. Es war Mitte Januar. Ein stürmischer Wind blies von der Ostsee her; bald würde es schneien. Der sonnengebräunte Mann im dunkelblauen Anzug, der auf ihn zukam, schien höchstens fünfzig Jahre alt zu sein. Irgendwie paßte er weder zum Januarwetter noch nach Ystad. Er war ein Fremdling, mit einem Lächeln, das nicht richtig zu dem braungebrannten Gesicht gehörte.

Das war die erste Erinnerung an den Mann von Schloß Farnholm. An einen Mann ohne Eigenschaften im blauen Maßanzug, ein ganz eigenes Universum, in dessen Zentrum das Lächeln stand. Die drohenden Schatten waren wie unauffällige Satelliten gewesen, die ihn wachsam umkreisten.

Die Schatten waren also bereits damals dagewesen. Er konnte sich nicht erinnern, ob sie sich einander überhaupt vorgestellt hatten. Sie saßen an einem Tisch im Hintergrund und waren nach Beendigung des Treffens schweigend aufgestanden.

Die goldene Zeit, dachte er bitter. Ich war dumm genug zu glauben, daß es so etwas gibt. Die Vorstellungswelt eines Anwalts darf nicht von Illusionen über ein zu erwartendes Paradies getrübt werden, zumindest nicht hier und jetzt. Nach einem halben Jahr verdankte die Kanzlei dem sonnengebräunten Mann die Hälfte ihrer Einkünfte, nach einem Jahr hatten sich die Gesamteinnahmen verdoppelt. Die Überweisungen kamen pünktlich, nie mußte eine Mahnung geschickt werden. Sie konnten sogar das Haus renovieren, in dem sich das Büro befand, und alle Transaktionen schienen legal zu sein, wenn auch kompliziert und vielschichtig. Der Mann von Schloß Farnholm schien seine Geschäfte von allen Kontinenten aus zu dirigieren, die Orte wirkten willkürlich ausgewählt. Oft kamen Faxmitteilungen und Anrufe, manchmal auch Funksprüche, aus seltsamen Städten, die er auf dem Globus kaum finden konnte, der neben dem Ledersofa im Besucherzimmer stand. Aber es schien eben alles legal zu sein, wenn auch schwer nachzuvollziehen.

Die neue Zeit, hatte er gedacht. So sieht sie aus. Und als Anwalt muß ich unendlich dankbar sein, daß der Mann von Schloß Farnholm im Telefonbuch gerade auf meinen Namen gestoßen ist.

Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen. Für einen kurzen Augenblick glaubte er an Einbildung. Dann nahm er die beiden Scheinwerfer im Rückspiegel wahr. Der Wagen hatte sich herangeschlichen und war bereits sehr nahe.

Sofort kehrte die Furcht zurück. Sie waren ihm also gefolgt. Sie argwöhnten, er könnte seinen Eid brechen und anfangen zu reden.

Sein erster Impuls war, Gas zu geben und durch den weißen Nebel zu entfliehen. Schon rann ihm der Schweiß am Körper herunter. Die Lichter waren jetzt dicht hinter seinem Auto.

Die Schatten, die töten, dachte er. Ich entkomme ihnen nicht, genausowenig wie ein anderer.

Dann wurde er überholt. In dem vorbeifahrenden Wagen erkannte er undeutlich das graue Gesicht eines alten Mannes. Schnell verschwanden die roten Rücklichter im Nebel.

Er zog ein Taschentuch aus der Jackentasche und trocknete sich Stirn und Nacken.

Bald bin ich zu Hause, dachte er. Nichts wird geschehen. Frau Dunér hat eigenhändig im Kalender vermerkt, daß ich heute Farnholm besuche. Niemand, nicht einmal er, schickt seine Schatten aus, um einen älteren Anwalt auf dem Heimweg zu töten. Das wäre zu riskant.

Es hatte fast zwei Jahre gedauert, bis er allmählich einsah, daß da etwas nicht stimmte. Es war eine belanglose Sache, die Durchsicht einer Reihe von Verträgen, bei denen die Exportaufsichtsbehörde als Bürge für einen großen Kredit fungierte. Turbinenersatzteile für Polen, Mähdrescher in die Tschechoslowakei. Es war ein unbedeutendes Detail, einige Zahlen, die plötzlich nicht stimmten. Er dachte zunächst an einen Schreibfehler, an vertauschte Ziffern. Dann ging er der Angelegenheit auf den Grund und mußte erkennen, daß nichts zufällig, sondern alles absichtsvoll geplant war. Nichts fehlte, alles war Rechtens – und das Ergebnis erschreckend. Es war spätabends; er hatte sich auf dem Stuhl zurückgelehnt und verstanden, daß er einem Verbrechen auf die Spur gekommen war. Zuerst wollte er es nicht glauben. Aber schließlich gab es keine andere Erklärung. Erst im Morgengrauen machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Irgendwo in der Nähe des Stortorg war er stehengeblieben. Der Gedanke, daß der Mann von Schloß Farnholm ein Verbrechen begangen hatte, ließ sich nicht abschütteln. Es gab keine andere Erklärung. Grobe Täuschung der Exportaufsichtsbehörde, ein gigantischer Steuerbetrug, eine Kette von Urkundenfälschungen.

Danach hatte er nach dunklen Löchern in allen Dokumenten gesucht, die aus Farnholm auf seinen Tisch kamen. Und es gab sie, fast immer. Langsam wurden ihm die kriminellen Dimensionen bewußt. Er wollte seinen Augen nicht trauen, bis sich die Wahrheit nicht mehr leugnen ließ.

Dennoch hatte er nicht reagiert, hatte nicht einmal mit seinem Sohn über die Entdeckung gesprochen.

Warum? Weil er in seinem Innersten noch nicht glauben wollte, was doch Realität war? Hatte denn sonst niemand etwas gemerkt, die Steuerbehörden zum Beispiel?

War er einem Geheimnis auf die Spur gekommen, das es nicht gab?

Oder war es schon von Anfang an zu spät gewesen? Schon damals, als der Mann von Schloß Farnholm Hauptklient der Anwaltskanzlei wurde?

Der Nebel schien immer dichter zu werden. Vielleicht würde er sich kurz vor Ystad lichten.

Gleichzeitig war ihm bewußt, daß es nicht mehr so weiterging. Jetzt, da er wußte, daß der Mann auf Farnholm Blut an den Händen hatte.

Er mußte mit seinem Sohn sprechen. Trotz allem war Schweden noch ein Rechtsstaat, wenn dieser auch immer schneller ausgehöhlt und geschwächt wurde. Auch sein Schweigen war Teil dieses Prozesses. Daß er so lange die Augen verschlossen hatte, würde ein fortgesetztes Schweigen nicht entschuldigen.

Er könnte sich nie das Leben nehmen.

Plötzlich bremste er scharf.

Im Licht der Scheinwerfer war etwas aufgetaucht. Zuerst glaubte er, es sei ein Hase. Dann sah er, daß sich etwas unbeweglich im Nebel auf der Fahrbahn befand.

Er hielt und schaltete das Fernlicht aus.

Mitten auf der Straße stand ein Stuhl. Ein einfacher Holzstuhl, auf dem eine Puppe in menschlicher Größe saß. Das Gesicht war weiß.

Es konnte auch ein Mensch sein, der wie eine Puppe aussah.

Er spürte, wie das Herz in der Brust krampfhaft schlug.

Nebel waberte durch die Lichtkegel.

Der Stuhl und die Puppe waren keine Sinnestäuschung. Genausowenig wie die eigene lähmende Angst. Er schaute wieder in den Rückspiegel. Nichts als Dunkelheit. Vorsichtig fuhr er bis auf zehn Meter an Stuhl und Puppe heran.

Die Puppe glich einem Menschen; es war keinesfalls eine beliebig zusammengesetzte Vogelscheuche.

Das gilt mir, dachte er.

Mit zitternder Hand stellte er das Radio ab und lauschte in den Nebel hinaus. Alles war sehr still. Er war durch und durch unentschlossen.

Es lag nicht an dem Stuhl vor ihm im Nebel oder an der geisterhaften Puppe, daß er zögerte. Es war etwas anderes, etwas dahinter, was er nicht sehen konnte. Etwas, was vermutlich nur in ihm selbst existierte.

Ich habe Angst, dachte er wieder. Die Furcht nimmt mir die Fähigkeit, klar zu denken.

Schließlich löste er doch den Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrertür. Er war überrascht, wie kühl und feucht die Luft war.

Er stieg aus, den Blick fest auf den Stuhl und auf die Puppe geheftet, die von den Scheinwerfern angestrahlt wurden. Sein letzter Gedanke war, daß dies wie eine Theateraufführung war. Bald würden die Schauspieler die Bühne betreten.

Dann hörte er hinter sich ein Geräusch.

Er kam nicht mehr dazu, sich umzudrehen.

Der Schlag traf ihn am Hinterkopf.

Als er auf den nassen Asphalt sackte, war er bereits tot.

Der Nebel war jetzt sehr dicht.

Es war sieben Minuten vor zehn.

2

Der Wind war böig und kam genau von Norden.

Der Mann, der weit draußen am vereisten Ufer entlanglief, duckte sich gegen den Sturm. Dann und wann blieb er mit dem Rücken zum Wind stehen, zog den Kopf zwischen die Schultern und vergrub die Hände tief in den Taschen. Schließlich nahm er seinen scheinbar ziellosen Lauf wieder auf, bis er vom grauen Licht verschluckt wurde.

Eine Frau, die täglich am Strand ihren Hund ausführte, beobachtete den Mann seit einiger Zeit mit wachsender Unruhe. Er schien sich vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit draußen herumzutreiben. Vor ein paar Wochen war er eines Morgens einfach dagewesen, wie ein vom Meer angespültes Stück menschliches Treibgut. Normalerweise nickten ihr die Menschen, denen sie am Strand begegnete, einen Gruß zu. Es waren ohnehin nur wenige, denn es war bereits Spätherbst, bald November. Aber der Mann im schwarzen Mantel grüßte nicht. Anfangs glaubte sie, er sei vielleicht schüchtern, dann hielt sie ihn für unverschämt; möglicherweise ein Ausländer. Später hatte sie den Eindruck, er trage schwer an einer seelischen Last, als wäre er ein Pilger, der sich auf seinen Wanderungen von einem unbekannten Schmerz befreien will. Er bewegte sich unstet; manchmal ging er langsam, fast schleppend, dann wieder rannte er beinahe. Vielleicht waren es nicht die Beine, die ihn voranbrachten, sondern seine unruhigen Gedanken. Sie stellte sich auch vor, daß seine Fäuste in den Taschen geballt waren. Sie konnte sie nicht sehen, aber sie war sich ganz sicher.

Nach einer Woche hatte sie sich ihr Bild gemacht. Der einsame Mann am Strand, von dem man nicht wußte, woher er kam, war dabei, eine tiefe persönliche Krise zu bewältigen; wie ein Kapitän, der sein Schiff mit unvollständigen Karten durch trügerisches Fahrwasser manövriert. Daher seine Verschlossenheit, seine Ruhelosigkeit. Sie hatte den Fall abends mit ihrem rheumakranken, vorzeitig pensionierten Mann diskutiert. Einmal hatte er sie sogar auf ihrem Spaziergang mit dem Hund begleitet, obwohl er gerade schwer von seiner Krankheit geplagt wurde und am liebsten im Haus blieb. Er gab ihr recht. Das Verhalten des Mannes schien ihm jedoch so ungewöhnlich, daß er einen guten Freund bei der Polizei von Skagen anrief und ihm von den Beobachtungen seiner Frau berichtete. Vielleicht handelte es sich um einen Mann, der geflohen war und gesucht wurde, um einen Insassen einer der wenigen noch existierenden Nervenheilanstalten des Landes. Der Polizist aber, der schon viele seltsame Gestalten zu Jütlands äußerster Spitze hatte pilgern sehen, mahnte zu Besonnenheit. Sie sollten ihn einfach in Frieden lassen. Der Strand zwischen den Dünen und den beiden Meeren, die hier aufeinandertrafen, war ein ständig sich veränderndes Niemandsland, das dem gehörte, der es brauchte.

Die Frau mit dem Hund und der Mann im schwarzen Mantel begegneten einander auch in der folgenden Woche wie zwei Schiffe auf hoher See. Aber eines Tages, es war der 24.Oktober 1993, geschah etwas, was sie später mit dem plötzlichen Verschwinden des Mannes in Verbindung brachte.

Es war einer der seltenen windstillen Tage. Nebel lag reglos über Strand und Meer. Nebelhörner blökten aus der Ferne wie verlassene Kreaturen. Die eigenartige Landschaft hielt den Atem an. Plötzlich entdeckte sie den Mann im schwarzen Mantel und blieb stehen.

Er war nicht allein. Ein nicht sehr großer Mann in heller Windjacke und Sportmütze war bei ihm. Sie hatte die beiden beobachtet. Der Neuankömmling redete auf den anderen Mann ein und wollte ihn offenbar von etwas überzeugen. Ab und zu nahm er die Hände aus den Taschen und unterstrich seine Worte mit heftigen Gesten. Sie konnte nicht verstehen, was die beiden sagten, aber der Besucher schien sehr aufgeregt zu sein.

Nach ein paar Minuten liefen sie weiter, bis der Nebel sie verschluckte.

Am Tag darauf war der Mann wieder allein am Strand, fünf Tage später war er verschwunden. Bis weit in den November hinein ging sie jeden Morgen mit dem Hund hinaus und erwartete, dem schwarzgekleideten Mann wieder zu begegnen. Aber er kam nicht mehr. Sie sah ihn nie wieder.

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