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Jim Simons ist der größte »Money Maker« der modernen Finanzgeschichte. Kein anderer Investor – weder Warren Buffett noch Ray Dalio oder George Soros – kommt ihm gleich. Seit 1988 hat der von seiner New Yorker Investmentgesellschaft Renaissance Technologies emittierte Medallion-Fonds eine durchschnittliche jährliche Rendite von 66 Prozent erzielt. Sein Unternehmen hat damit Gewinne von mehr als 100 Milliarden Dollar erwirtschaftet; Simons Vermögen liegt bei mehr als 20 Milliarden Dollar. Aber auch in der Welt jenseits der Finanzen wurde Simons zu einer wichtigen Figur. Die wissenschaftliche Forschung, Bildung und die Politik wurden von ihm maßgeblich beeinflusst, er spendete mehrere Hundert Millionen Dollar. Gregory Zuckerman, mehrfach ausgezeichneter New York Times-Bestsellerautor, erzählt die fesselnde Geschichte eines Weltklasse-Mathematikers und ehemaligen Codeknackers, der die Finanzwelt revolutionierte. Mit beispiellosem persönlichen Zugang zu Simons und vielen seiner engsten Mitarbeiter zeichnet er das Porträt eines modernen Midas, der die Märkte nach seinem eigenen Bild neu gestaltet hat. Und er zeigt, welche Folgen der fast schon albtraumhafte Aufstieg von Simons' für uns alle hat.
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Seitenzahl: 517
Veröffentlichungsjahr: 2020
Gregory Zuckerman
DER MEISTER DER MÄRKTE
WIE JIM SIMONS DIE QUANTENREVOLUTION ENTFESSELTE
FBV
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Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2020
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Übersetzung: Petra Pyka
Redaktion: Silke Panten
Umschlaggestaltung: in Anlehnung an das Cover der Originalausgabe
Umschlagabbildung: © Daniel Lagin, Virtualphoto/Gettyimages
Abbildungen Bildteil: Seite 2 (oben) mit freundlicher Genehmigung von Lee Neuwirth © Lee Neuwirth; Seite 3 (oben) Mit freundlicher Genehmigung von Seth Rumshinsky; Seite 3 (unten) Foto von Rick Mott, aufgenommen während des NJ Open Go-Turniers, mit Erlaubnis, mit freundlicher Genehmigung von Stefi Baum; Seite 4 (oben, unten) Mit freundlicher Genehmigung von Brian Keating; Seite 5 (oben) Mit freundlicher Genehmigung von David Eisenbud; Seite 5 (unten) Mit freundlicher Genehmigung des Wall Street Journals und Jenny Strasburg; Seite 6 Patrick McMullan/Getty Images-Most
Satz: Carsten Klein, Torgau
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print 978-3-95972-343-5
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-628-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-629-0
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INHALT
Einleitung
Prolog
Teil 1Geld ist nicht alles
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Teil 2Geld ändert alles
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Epilog
Dank
Anhang
Anmerkungen
James Simons
Mathematiker, Codeknacker und Gründer von Renaissance Technologies
Lenny Baum
Simons erster Investmentpartner und Urheber von Algorithmen, die das Leben von Millionen von Menschen verändert haben
James Ax
Manager des Medallion-Fonds und Entwickler seiner ersten Handelsmodelle
Sandor Straus
Datenguru, der in der Frühphase bei Renaissance eine wichtige Rolle spielte
Elwyn Berlekamp
Spieltheoretiker, der den Medallion-Fonds an einem wichtigen Wendepunkt managte
Henry Laufer
Mathematiker, der Simons’ Fonds auf kurzfristige Transaktionen umstellte
Peter Brown
Informatiker, der maßgeblich an wesentlichen Durchbrüchen von Renaissance beteiligt war
Robert Mercer
Co-CEO von Renaissance, Steigbügelhalter für Donald Trump auf dem Weg ins Weiße Haus
David Magerman
Computerspezialist, der versuchte, Mercers politische Aktivitäten zu stoppen
1938
Jim Simons kommt zur Welt
1958
Simons macht seinen Abschluss am MIT
1964
Simons wird Codeknacker am IDA (Institute for Defense Analyses)
1968
Simons übernimmt die mathematische Fakultät an der Stony Brook University
1974
Simons und Chern veröffentlichen einen bahnbrechenden Artikel
1978
Simons verlässt die akademische Welt, um das Devisenhandelsunternehmen Monemetrics und den Hedgefonds Limroy zu gründen
1979
Lenny Baum und James Ax steigen ein
1982
Das Unternehmen wird in Renaissance Technologies Corporation umbenannt
1984
Baum steigt aus
1985
Ax und Straus verlegen das Unternehmen nach Kalifornien
1988
Simons schließt den Limroy-Fonds und legt den Medallion-Fonds auf
1989
Ax geht, Elwyn Berlekamp managt den Medallion-Fonds
1990
Berlekamp scheidet aus, Simons übernimmt die Kontrolle über Unternehmen und Fonds
1992
Henry Laufer steigt voll ein
1993
Peter Brown und Robert Mercer kommen dazu
1995
Brown und Mercer gelingt wesentlicher Durchbruch
2000
Der Medallion-Fonds gewinnt ganze 98,5 Prozent
2005
Der Renaissance Institutional Equities Fund wird aufgelegt
2007
Renaissance und andere quantitative Fonds erleiden plötzliche Verluste
2010
Brown und Mercer übernehmen die Firma
2017
Mercer tritt als Co-CEO zurück
Für Gabriel und ElijahMeine Signale im Rauschen
Ihnen muss doch klar sein, dass niemand mit Ihnen sprechen wird, oder?«
Das war Anfang September 2017. Ich saß in einem Fischlokal in Cambridge, Massachusetts, stocherte in meinem Salat herum und versuchte alles, um einen britischen Mathematiker namens Nick Patterson dazu zu bringen, mir mehr über sein ehemaliges Unternehmen zu erzählen: Renaissance Technologies. Sehr erfolgreich war ich nicht.
Ich erzählte Patterson, dass ich ein Buch darüber schreiben wolle, wie Renaissance-Gründer James Simons die größte Geldmaschine in der Finanzgeschichte erschaffen hatte. Renaissance warf so viel Geld ab, dass Simons und seine Kollegen am Ende enormen Einfluss auf die Welt der Politik, der Wissenschaft, der Bildung und der Philanthropie ausübten. Simons rechnete mit drastischen gesellschaftlichen Veränderungen und setzte schon Algorithmen, Computermodelle und Big Data ein, als Mark Zuckerberg und Konsorten noch im Kindergarten spielten.
Viel Mut machte mir Patterson nicht. Simons selbst und seine Vertreter hatten mich damals bereits wissen lassen, dass sie mir nicht weiterhelfen würden. Die Führungsriege von Renaissance und andere aus Simons’ Dunstkreis – selbst Menschen, die ich zu meinen Freunden gezählt hatte – riefen mich weder zurück, noch reagierten sie auf meine E-Mails. Sogar Erzrivalen sagten auf Simons’ Bitten Termine mit mir ab, als wäre er ein Mafiaboss, und sie hätten Angst, ihn zu verärgern.
Immer wieder wurde ich auf den hieb- und stichfesten 30-seitigen Geheimhaltungsvertrag hingewiesen, den sich das Unternehmen von allen Beschäftigten unterzeichnen ließ und der sie sogar nach ihrem Ausscheiden noch davon abhielt, sich eingehender zu äußern. Das war mir durchaus klar. Doch ich hatte immerhin ein paar Jahrzehnte beim Wall Street Journal auf dem Buckel. Ich wusste doch, wie das lief. Wenn man über jemanden schrieb, fing der schon irgendwann an zu erzählen, auch wenn er sich erst sträubte. Wer wollte schließlich nicht in einem Buch vorkommen? Ganz offensichtlich Jim Simons und Renaissance Technologies.
Für mich kam das nicht ganz unerwartet. Immerhin gehören Simons und seine Mannschaft zu den diskretesten Börsianern, die die Wall Street je gesehen hat. Sie verkneifen sich jeden Hinweis darauf, wie es ihnen gelungen ist, die Finanzmärkte zu erobern, um der Konkurrenz auch ja keine Anhaltspunkte zu liefern. Die Beschäftigten meiden Medienauftritte und halten sich von Branchenkonferenzen und von den meisten öffentlichen Veranstaltungen fern. Simons erklärte seine Einstellung einmal mit einem Zitat des Esels Benjamin aus George Orwells Farm der Tiere, der sagte, »›Gott habe ihm zwar einen Schwanz geschenkt, um damit die Fliegen zu verscheuchen, doch er persönlich würde lieber sowohl auf Schwanz wie Fliegen verzichtet haben.‹* So ähnlich geht mir das mit der Publicity.«1
Ich sah von meinem Teller auf und lächelte gezwungen.
Das gestaltete sich wirklich schwierig.
Doch ich ließ mich nicht beirren, testete die Abwehr und wartete auf meine Chance. Über Simons zu schreiben und hinter sein Geheimnis zu kommen, wurde mir zur fixen Idee. Die Hindernisse, der er mir in den Weg stellte, machten die Jagd für mich nur interessanter.
Ich wollte Simons’ Geschichte unbedingt erzählen, und ich hatte gute Gründe dafür. Der ehemalige Mathematikprofessor Simons ist vermutlich der erfolgreichste Spekulant der modernen Finanzgeschichte. Seit 1988 erzielt sein Flaggschiff, der Hedgefonds Medallion, im Schnitt jedes Jahr eine Rendite von 66 Prozent. Der Handelsgewinn beläuft sich auf über 100 Milliarden US-Dollar. (Wie ich zu diesen Zahlen gekommen bin, sehen Sie in Anhang 1.) Das ist einsame Spitze in der Investmentwelt. Ob Warren Buffett, George Soros, Peter Lynch, Steve Cohen oder Ray Dalio – da kommt keiner mit (siehe Anhang 2).
Seit ein paar Jahren verbucht Renaissance jährlich Handelsgewinne von mehr als 7 Milliarden US-Dollar. Das stellt den Jahresumsatz von Markenunternehmen wie Under Armour, Levi Strauss, Hasbro und Hyatt Hotels in den Schatten. Und das Absurde daran: Während diese Unternehmen zigtausend Menschen beschäftigen, arbeiten bei Renaissance nur knapp dreihundert.
Nach meiner Rechnung beläuft sich Simons’ Vermögen auf rund 23 Milliarden US-Dollar. Damit ist er reicher als Elon Musk von Tesla Motors, Rupert Murdoch von News Corp und Laurene Powell Jobs, die Witwe von Steve Jobs. Und in der Firma gibt es noch mehr Milliardäre. Der durchschnittliche Renaissance-Beschäftigte hat knapp 50 Millionen US-Dollar allein in die eigenen Hedgefonds des Unternehmens investiert. Simons und sein Team schaffen einen Reichtum, wie man ihn sonst nur aus Märchen über Könige, Stroh und jede Menge Gold kennt.
Doch mich faszinierte nicht nur der Börsenerfolg. Simons beschloss schon, sich durch Berge von Daten zu graben, höhere Mathematik einzusetzen und bahnbrechende Computermodelle zu entwickeln, als andere sich bei ihren Prognosen noch auf Intuition, Instinkt und altmodische Analysen verließen. Simons löste eine Revolution aus, die die Investmentwelt seither umwälzt. Anfang 2019 waren Hedgefonds und andere quantitative Investoren – sogenannte Quants – bereits die größten Akteure auf dem Markt. Sie kontrollierten rund 30 Prozent des Aktienhandels und damit mehr als Privatanleger und klassische Investmentfirmen.2 Börsianer mit MBA-Abschluss rümpften einst die Nase bei dem Gedanken, sich im Investmentgeschäft auf einen wissenschaftlichen, systematischen Ansatz zu stützen. Sie dachten, sie könnten ja jederzeit Programmierer einstellen, falls sie diese je brauchen sollten. Dasselbe sagen die Programmierer heute über die MBAs – wenn sie überhaupt an sie denken.
Simons’ Pioniermethoden sind inzwischen in fast allen Branchen übernommen worden und berühren quasi jeden Aspekt des täglichen Lebens. Er und sein Team fraßen sich vor über 30 Jahren durch statistische Daten, ließen Maschinen für sich arbeiten und verließen sich auf Algorithmen, als solche Taktiken noch längst nicht ins Silicon Valley vorgedrungen waren, geschweige denn in Regierungsgebäude, Sportstadien, Arztpraxen, Militärstützpunkte und überall sonst, wo Prognosen gefragt sind.
Simons entwickelte Strategien, um fähige Köpfe anzuwerben und zu halten und um Geisteskapazität und mathematische Fähigkeiten in märchenhaften Reichtum umzumünzen. Er machte aus Mathematik Geld, und zwar jede Menge. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das nicht einmal ansatzweise möglich.
In letzter Zeit geriert sich Simons als eine Art moderner Medici. Er subventioniert die Gehälter Tausender an staatlichen Schulen beschäftigter Lehrkräfte für Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer, entwickelt Therapien für Autisten und erweitert unser Wissen über den Ursprung des Lebens. Seine Initiativen, so wertvoll sie auch sein mögen, werfen die Frage auf, ob ein Einzelner so viel Macht haben sollte. Das Gleiche gilt für den Einfluss seines Spitzenmanagers* Robert Mercer, der 2016 möglicherweise den größten Einzelbeitrag zu Donald Trumps Sieg bei der Präsidentenwahl leistete. Als Trumps großzügigster finanzieller Unterstützer zauberte er Steve Bannon und Kellyanne Conway aus dem Ärmel und stellte sie in den Dienst von Trumps Wahlkampfteam, um dieses in einer heiklen Phase zu konsolidieren. Unternehmen, die einst Mercer gehörten und inzwischen in die Hände seiner Tochter Rebekah übergegangen sind, spielten eine wesentliche Rolle in der erfolgreichen Kampagne, das Vereinigte Königreich zum Austritt aus der Europäischen Union zu ermutigen. Simons, Mercer und andere Renaissance-Leute werden noch auf Jahre hinaus in vielen Bereichen maßgeblich mitbestimmen.
Die Erfolge von Simons und seinem Team stellen etliche heikle Fragen in den Raum. Was sagt es über die Finanzmärkte aus, dass Mathematiker und Wissenschaftler deren Entwicklung besser prognostizieren können als die altgedienten Investoren der größten traditionellen Unternehmen? Verfügen Simons und seine Kollegen über grundlegendes Investmentwissen, das sich uns übrigen verschließt? Beweisen Simons’ Leistungen, dass menschliches Urteilsvermögen und Intuition von Haus aus unzulänglich sind und dass nur Modelle und automatisierte Systeme mit der Datenflut zurande kommen können, die uns zu überschwemmen scheint? Entstehen durch den Triumph und die Popularität von Simons’ quantitativen Methoden neue, noch nicht wahrgenommene Risiken?
Ein augenfälliger Widerspruch hat es mir besonders angetan: Eigentlich hätten Simons und seine Leute den Markt überhaupt nicht meistern dürfen. Simons hat nie auch nur einen einzigen Kurs in Finanzwesen belegt, sich nicht besonders für Wirtschaft interessiert und sich, bis er 40 war, nur sporadisch an der Börse versucht. Zehn Jahre später war das nicht viel anders. Ja, Simons hat sich noch nicht einmal mit angewandter Mathematik befasst, sein Fachgebiet war die theoretische Mathematik, also die allerunpraktischste. Sein Unternehmen, das sich in einem verschlafenen Städtchen an der Nordküste von Long Island befindet, stellt Mathematiker und Wissenschaftler ein, die keine Ahnung vom Investmentgeschäft oder vom Börsenbetrieb haben. Manche von ihnen sind sogar Kapitalismusskeptiker. Dennoch waren es Simons und seine Kollegen, die verändert haben, wie Anleger an die Finanzmärkte herangehen, und die eine ganze Branche von Spekulanten, Investoren und anderen Profis deklassiert haben. Als hätte eine Reisegruppe auf ihrer ersten Fahrt nach Südamerika mit ein paar exotischen Werkzeugen und dürftigen Vorräten El Dorado entdeckt und die goldene Stadt nach allen Regeln der Kunst geplündert, während erfahrene Entdecker das Nachsehen hatten.
Endlich stieß auch ich auf eine Goldader. Ich erfuhr allerhand über Simons’ Vorgeschichte, seine Tätigkeit als wegweisender Mathematiker und Codeknacker im Kalten Krieg und die unstete Anfangszeit seines Unternehmens. Meine Kontakte verrieten mir mehr über die wichtigsten Durchbrüche von Renaissance und über die jüngsten Entwicklungen, die noch mehr Dramatik und Ränke beinhalteten, als ich gedacht hatte. Am Ende hatte ich über 400 Gespräche mit mehr als 30 aktuellen und ehemaligen Renaissance-Beschäftigten geführt. Ich hatte mit einer noch größeren Zahl von Personen aus Simons’ Freundeskreis, seiner Familie und anderen gesprochen, die mit den Vorkommnissen vertraut waren, die ich schildere. Jedem Einzelnen, der sich die Zeit nahm, mir Erinnerungen, Beobachtungen und Erkenntnisse mitzuteilen, bin ich zutiefst zu Dank verpflichtet. Manche gingen erhebliche persönliche Risiken ein, damit ich diese Geschichte erzählen kann. Ich hoffe, ich erweise mich als ihres Vertrauens würdig.
Am Ende sprach sogar Simons persönlich mit mir. Er bat mich, dieses Buch nicht zu schreiben, und konnte sich für das Projekt nie erwärmen. Er war trotzdem so großzügig, sich mit mir über zehn Stunden lang über bestimmte Zeiten in seinem Leben zu unterhalten. Über die Handels- und die allermeisten sonstigen Tätigkeiten von Renaissance verweigerte er aber jede Auskunft. Seine Gedanken waren dennoch wertvoll, und ich weiß sie zu schätzen.
Dieses Buch ist ein Sachbuch. Es stützt sich auf Erfahrungsberichte aus erster Hand und Erinnerungen von Menschen, die die von mir dargestellten Ereignisse miterlebten oder darüber Bescheid wussten. Ich weiß, dass Erinnerungen verblassen. Ich habe daher alle Fakten, Vorfälle und Zitate nach Kräften überprüft und erhärtet.
Ich habe versucht, Simons’ Geschichte so zu erzählen, dass sie den ganz normalen Leser ebenso anspricht wie den Profi für quantitative Finanztheorie und Mathematik. Hidden-Markov-Modelle, Kernel-Verfahren des maschinellen Lernens und stochastische Differentialgleichungen kommen darin ebenso vor wie gescheiterte Ehen, Unternehmensintrigen und in Panik geratene Spekulanten.
Trotz all seines Wissens und seiner Voraussicht hat Simons vieles, was ihm in seinem Leben widerfuhr, vollkommen unerwartet getroffen. Das ist vielleicht die bleibendste Lehre, die sich aus dieser erstaunlichen Geschichte ziehen lässt.
* Zitiert aus: Orwell, James: Farm der Tiere, S. 7. Abrufbar unter: https://epdf.pub/farm-der-tiere.html.
* Mercer ist nicht mehr der Co-CEO von Renaissance, aber weiterhin leitender Mitarbeiter des Unternehmens.
Jim Simons rief immer wieder an.
Es war Herbst 1990, und er saß in seinem Büro im 33. Stock eines Hochhauses in Manhattan. Seine Augen klebten an einem Computerbildschirm, auf dem die letzten Bewegungen der globalen Finanzmärkte aufblinkten. Manche seiner Freunde fragten sich, wieso Simons nicht einfach aufhörte. Er war 52, hatte bereits ein erfülltes Leben hinter sich und so viel erlebt, geleistet und verdient, dass sich viele seiner Altersgenossen damit zufrieden gegeben hätten. Doch da saß er, beaufsichtigte einen Investmentfonds und schlug sich mit den täglichen Marktkapriolen herum.
Simons war knapp 1,80 Meter groß, wirkte aber durch seine leicht gebeugte Haltung und sein ergrauendes, schütteres Haar kleiner und älter, als er war. Seine braunen Augen säumten tiefe Falten – vermutlich, weil er rauchte und sich das nicht abgewöhnen konnte oder wollte. Mit seinen rauen, markanten Gesichtszügen und dem verschmitzten Blitzen in den Augen erinnerte Simons manche seiner Freunde an den verstorbenen Schauspieler Humphrey Bogart.
Auf dem aufgeräumten Schreibtisch stand ein überdimensionaler Aschenbecher und wartete darauf, dass Simons seine brennende Zigarette daran abstreifte. An der Wand hing ein ziemlich grausiges Bild von einem Luchs, der sich an einem Kaninchen gütlich tat. Auf dem Beistelltisch neben einem Sofa und zwei bequemen Ledersesseln lag ein kompliziertes mathematisches Forschungspapier, das an Simons’ aussichtsreiche akademische Karriere erinnerte, die er zur Verwunderung seiner Mathematikerkollegen an den Nagel gehängt hatte.
Damals hatte Simons bereits ganze zwölf Jahre darauf verwendet, eine erfolgreiche Investmentformel zu finden. Anfangs verließ er sich bei seinen Börsengeschäften wie andere auch auf Intuition und Instinkt, doch das Auf und Ab setzte ihm zu. Zwischendurch war Simons so frustriert, dass ein Mitarbeiter sogar befürchtete, er sei selbstmordgefährdet. Simons suchte sich zwei namhafte, eigenwillige Mathematiker als Partner für seine Börsengeschäfte, doch die Partnerschaften scheiterten an Verlusten und Verbitterung. Ein Jahr zuvor war Simons’ Bilanz so verheerend ausgefallen, dass er seine Investmentaktivitäten aussetzen musste. Manche rechneten sogar damit, dass er den Betrieb ganz einstellen würde.
Simons, der inzwischen zum zweiten Mal verheiratet war und mit dem dritten Geschäftspartner arbeitete, entschloss sich zur Umstellung auf einen radikalen Anlagestil. In Zusammenarbeit mit dem Spieltheoretiker Elwyn Berlekamp entwickelte Simon ein Computermodell, das in der Lage war, riesige Datenströme zu verarbeiten und die idealen Transaktionen auszuwählen – ein wissenschaftlicher, systematischer Ansatz, der zum Teil darauf ausgerichtet war, Emotionen aus dem Anlageprozess auszuklammern.
»Wenn uns genügend Daten zur Verfügung stehen, können wir Prognosen stellen – das weiß ich«, erklärte Simons einem Kollegen.
Die Menschen, die Simons am nächsten standen, wussten, was ihn antrieb. Simons hatte mit 23 seinen Doktor gemacht und war dann zum gefeierten Codeknacker der US-Regierung, zum renommierten Mathematiker und wegweisenden Universitätsmanager avanciert. Er brauchte eine neue Herausforderung und eine größere Bühne. Einem Freund hatte Simons erzählt, es »wäre eine beachtliche Leistung«, das uralte Rätsel der Märkte zu lösen und die Investmentwelt zu erobern. Er wollte derjenige sein, der den Markt mit mathematischen Mitteln schlug. Ihm war klar: Gelang ihm das, konnte er Millionen verdienen, vielleicht sogar mehr, nämlich so viel, dass er auch über die Wall Street hinaus Einfluss auf die Welt nehmen könnte – womöglich sein eigentliches Ziel, wie manche vermuteten.
An der Börse gilt wie in der Mathematik: Es ist schwer, im mittleren Alter noch Durchbrüche zu erzielen. Doch Simons war überzeugt, er stehe kurz vor einer besonderen Erkenntnis von möglicherweise historischer Bedeutung. Mit einer Merit-Zigarette zwischen zwei Fingern griff Simons zum Hörer, um noch einmal bei Berlekamp anzurufen.
»Hast du die Goldpreise gesehen?«, fragte er mit seiner rauen Stimme. Sein Akzent verriet, dass er in Boston aufgewachsen war.
Ja, habe er, entgegnete Berlekamp. Und nein, er sehe keine Notwendigkeit, ihr Handelssystem anzupassen. Simons bestand nicht darauf und verabschiedete sich höflich wie immer. Berlekamp aber ging Simons Drängelei zunehmend auf die Nerven. Der ernsthafte schlaksige Berlekamp, dessen blaue Augen durch dicke Brillengläser blickten, arbeitete am anderen Ende des Landes in einem Büro, das nur ein paar Schritte vom Campus der University of California in Berkeley entfernt war. Dort lehrte er nach wie vor. Wenn Berlekamp seine Handelsmethoden mit Absolventen der Business School seiner Universität diskutierte, machten sie sich manchmal darüber lustig und bezeichneten sie als »Scharlatanerie«.
»Ach, kommen Sie. Nie im Leben können Rechner mit menschlichem Urteilsvermögen konkurrieren«, hatte einer zu Berlekamp gesagt.
»Wir werden das sogar besser machen, als es für Menschen möglich ist«, konterte Berlekamp.
Insgeheim wusste Berlekamp, warum ihr Ansatz so nach moderner Alchemie aussah. Selbst er konnte nicht genau erklären, warum ihr Modell bestimmte Transaktionen empfahl.
Doch nicht nur an der Universität erschienen Simons’ Ideen abgehoben. Für das klassische Investmentgeschäft waren goldene Zeiten angebrochen, als George Soros, Peter Lynch, Bill Gross und andere mit Intelligenz, Intuition und altmodischen Konjunktur- und Unternehmensanalysen die Entwicklungsrichtung von Anlagen, Finanzmärkten und Volkswirtschaften in aller Welt prognostizierten und damit enorme Gewinne erwirtschafteten. Anders als seine Rivalen hatte Simons keine Ahnung, wie man Cashflows schätzte, neue Produkte ausfindig machte oder Zinssätze prognostizierte. Er grub sich durch eine Fülle von Kursinformationen. Für diese Herangehensweise an das Börsengeschäft gab es noch nicht einmal eine richtige Bezeichnung. Sie umfasste Datenbereinigung, Signale und Backtesting (Rückvergleiche), Begriffe, die den meisten Wall-Street-Profis damals gänzlich unbekannt waren. 1990 verwendeten erst wenige E-Mails, der Internet-Browser war noch nicht erfunden, und wenn überhaupt, dann waren Algorithmen vor allem für die Schritt-für-Schritt-Verfahren bekannt, mit denen es Alan Turing gelungen war, im Zweiten Weltkrieg die verschlüsselten Nachrichten der Nazis zu knacken. Die Vorstellung, dass sich das Leben Hunderter Millionen Menschen an diesen Formeln orientieren oder gar von ihnen mitbestimmt werden könnte oder dass ein paar ehemalige Mathematikprofessoren Computer einsetzen könnten, um erfahrenen, gefeierten Investoren den Rang abzulaufen, erschien weit hergeholt, wenn nicht gar regelrecht lachhaft.
Doch Simons war von Natur aus optimistisch und selbstsicher. Er entdeckte erste Anzeichen für den Erfolg seines Computersystems, was ihm Hoffnung machte. Außerdem blieb Simons im Grunde gar nichts anderes übrig. Seine einst so erfolgreichen Wagnisinvestitionen kamen ins Stocken, und er wollte nicht in den Universitätsbetrieb zurückgehen.
»Knöpfen wir uns das System vor«, erklärte Simons Berlekamp bei einem seiner immer ungeduldigeren Anrufe. »Ich weiß, dass wir bis nächstes Jahr 80 Prozent Plus erzielen können.«
80 Prozent in einem Jahr? Jetzt übertreibt er aber wirklich, dachte Berlekamp.
Solche gewaltigen Renditen seien unwahrscheinlich, wandte er ein und bat Simons, nicht mehr so oft anzurufen. Doch Simons konnte nicht anders. Das wurde Berlekamp irgendwann zu viel. Er warf das Handtuch – ein neuer Schlag für Simons.
»Zur Hölle damit, dann muss ich es eben selber machen«, erklärte Simons einem Freund.
Etwa zur selben Zeit schaute in einem anderen Teil des US-Bundesstaats New York, etwa 80 Kilometer entfernt, ein Wissenschaftler mittleren Alters auf ein Whiteboard. Er hatte eigene Probleme. Robert Mercer arbeitete in einem weitläufigen Forschungszentrum von IBM in einem Vorort von Westchester, wo er nach Wegen suchte, Computer dazu zu bringen, gesprochene Sprache besser in Schrift zu verwandeln, Texte von einer Sprache in andere Sprachen zu übertragen und noch so einiges mehr. Anstatt mit konventionellen Methoden ging Mercer seine Probleme auf breiter Front mit einer frühen Form des maschinellen Lernens an. Er und seine Kollegen fütterten ihre Rechner mit so vielen Daten, dass sie ihre Aufgaben allein erfüllen konnten. Mercer war nun schon seit fast 20 Jahren bei dem Computerriesen tätig, doch es zeichnete sich immer noch nicht ab, wie weit er und sein Team kommen konnten.
Seine Kollegen wurden aus Mercer nicht schlau – auch solche nicht, die schon jahrelang eng mit ihm zusammenarbeiteten. Mercer war außergewöhnlich begabt. Er war aber auch ein bisschen sonderbar und unbeholfen im Umgang mit anderen. Zu Mittag aß Mercer jeden Tag ein Sandwich mit Thunfisch oder Erdnussbutter und Gelee, das in einer gebrauchten braunen Papiertüte steckte. Im Büro summte oder pfiff Mercer ständig vor sich hin, gewöhnlich klassische Melodien, und wirkte distanziert belustigt.
Wenn Mercer den Mund aufmachte, äußerte er sich oft klug und tiefgründig. Manchmal gab er aber wirklich krasse Dinge von sich. Einmal erzählte er seinen Kollegen beispielsweise, er glaube, er werde ewig leben. Seine Mitarbeiter hatten den Eindruck, er meinte das wirklich ernst, obwohl die bisherige Erfahrung dagegen sprach. Später sollten seine Kollegen von Mercers tiefsitzender Abneigung gegen den Staat und von seinen radikalen politischen Ansichten erfahren, die später sein Leben beherrschen und das Leben vieler anderer Menschen beeinflussen sollten.
Bei IBM saß Mercer viele Stunden mit einem jüngeren Kollegen namens Peter Brown zusammen, der mit seinem dichten, widerspenstigen braunen Haarschopf und seiner kinetischen Energie an das Klischee vom verrückten Professor erinnerte. Die beiden Männer unterhielten sich kaum je über Geld oder Märkte. Doch Turbulenzen in ihrem Privatleben brachten Mercer und Brown dazu, sich mit Simons zusammenzutun und sich sein unwahrscheinliches Anliegen zu eigen zu machen, den Markt-Code zu knacken und sich an die Spitze einer Investmentrevolution zu setzen.
Damals war Simons allerdings nicht bewusst, wie hoch die Hürden waren, die er nehmen musste. Er ahnte auch noch nichts von dem Unglück, das ihn verfolgen sollte, oder von den politischen Erdbeben, die sein Unternehmen auf den Kopf stellen würden.
Als Simons seinerzeit im Herbst 1990 aus seinem Büro auf den East River hinausblickte, wusste er nur, dass er ein wichtiges Problem lösen musste.
»Es gibt Muster auf dem Markt«, erklärte er einem Kollegen. »Ich weiß, dass wir sie aufspüren können.«
Jimmy Simons griff sich einen Besen und ging nach oben.
Das war im Winter 1952, als sich der 14-Jährige in Breck’s Gartenmarkt nicht weit von seinem Elternhaus im grünen Bostoner Vorort Newton in Massachusetts ein bisschen Taschengeld verdienen wollte. Doch es lief nicht gut für ihn. Unten im Lager versank der junge Mann so tief in seinen Gedanken, dass er alles falsch einsortierte – Schafdung, Saatgut und das meiste andere auch.
Verärgert ließ ihn das Ehepaar, dem der Laden gehörte, im Geschäft durch die schmalen Gänge gehen und den Holzboden fegen – eine eintönige, stumpfsinnige Aufgabe. Für Jimmy jedoch war diese Degradierung ein Glücksfall. Endlich hatte er Ruhe, um darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig war. Mathematik. Mädchen. Die Zukunft.
Die bezahlen mich fürs Nachdenken!
Ein paar Wochen später, als der Ferienjob nach Weihnachten auslief, fragten die Ladenbesitzer Jimmy nach seinen Zukunftsplänen.
»Ich möchte am MIT Mathematik studieren.«
Sie brachen in Gelächter aus. Ein so geistesabwesender junger Mensch, der noch nicht einmal ein bisschen Gartenbedarf richtig einsortieren konnte, wollte im Hauptfach Mathematik studieren – und dann noch an einer so renommierten Universität wie dem Massachusetts Institute of Technoloy?
»Sie fanden das unendlich komisch«, erinnert sich Simons.
Doch ihre Skepsis focht Jimmy ebenso wenig an wie ihr Gelächter. Der Teenager war erfüllt von einem geradezu übernatürlichen Selbstvertrauen und der ungewöhnlichen Entschlossenheit, etwas Besonderes zu vollbringen. Das verdankte er der Unterstützung seiner Eltern, die selbst in ihrem Leben hochfliegende Hoffnungen gehabt und im Nachhinein manche Entscheidung bitter bereut hatten.
Im Frühjahr 1938 hießen Marcia und Matthew Simons James Harris als neues Familienmitglied willkommen. Mutter Marcia und Vater Matty widmeten ihrem Sohn viel Zeit und Energie. Er blieb ihr einziges Kind, da Marcia später mehrere Fehlgeburten erlitt. Marcia verfügte über einen scharfen Verstand und war ein kontaktfreudiger Mensch mit einem feinen Sinn für Humor. Sie betätigte sich ehrenamtlich an Jimmys Schule, hatte aber nie Gelegenheit, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Jimmy war ihr Ventil für ihre Träume und Leidenschaften. Sie trieb ihn zu schulischen Höchstleistungen an und vermittelte ihm Vertrauen auf den Erfolg.
»Sie lebte über mich ihren Ehrgeiz aus«, erinnert sich Simons. »Für sie war ich ihr Projekt.«
Matty Simons sah das Leben und seine Aufgabe als Vater etwas anders. Als eines von zehn Geschwistern hatte er schon mit sechs Jahren mithelfen müssen, Geld zu verdienen, hatte auf der Straße Zeitungen verkauft und Reisenden am nahen Bahnhof die Koffer getragen. Als er alt genug für die Highschool gewesen wäre, arbeitete er schon Vollzeit. Er machte einen Anlauf, die Abendschule zu besuchen, brach aber ab, weil er sich vor lauter Müdigkeit nicht konzentrieren konnte.
Als Vater war Matty liebevoll, ruhig und unkompliziert. Er liebte es, nach Hause zu kommen und Marcia wilde Geschichten zu erzählen, etwa von konkreten Plänen Kubas, eine Brücke nach Florida zu bauen. Jimmy hatte Mühe, ernst zu bleiben. Marcia mochte die Intelligente in der Familie sein, war dabei aber erstaunlich leichtgläubig. Matty dachte sich immer ungeheuerlichere Wendungen aus, bis Marcia endlich merkte, dass er sie auf den Arm nahm. Dieses familiäre Ritual brachte Jimmy unweigerlich zum Lachen.
»Bei ihr fiel der Groschen meistens nicht gleich«, erzählt Simons. »Bei mir schon.«
Matty arbeitete bei der 20th Century Fox im Vertrieb. Er fuhr in New England von Kino zu Kino und pries die neuesten Filme des Studios an. Fox hatte Shirley Temple unter Vertrag, den größten Star jener Zeit. Also bot Matty ihre Filme stets im Paket mit vier oder fünf anderen an und brachte die Kinobetreiber so dazu, ihm alle abzunehmen. Matty gefiel seine Arbeit, und er wurde zum Vertriebsleiter befördert, was Hoffnungen auf einen Aufstieg ins Management weckte. Doch Matty änderte seine Pläne, als ihn sein Schwiegervater Peter Kantor bat, in seiner Schuhfabrik zu arbeiten. Peter stellte ihm eine Beteiligung in Aussicht, und Matty fühlte sich verpflichtet, ins Familienunternehmen einzusteigen.
Peters Fabrik produzierte hochwertige Damenschuhe und lief gut. Das Geld rann ihm jedoch fast so schnell durch die Finger, wie es hereinkam. Peter war ein korpulenter, extravaganter Mann, der sich gern exklusiv kleidete, immer das neueste Cadillac-Modell fuhr und Schuhe trug, die ihn größer erscheinen ließen als seine 1,63 Meter. Peter verlor viel Geld auf der Pferderennbahn und durch verschiedene Affären. An Zahltagen ließ Peter Jimmy und seinen Cousin Richard Lourie hohe Geldstapel halten, »die uns bis über den Kopf reichten«, wie Richard noch weiß. »Das fanden wir klasse.«3
Peter strahlte eine gewisse Sorglosigkeit und Lebensfreude aus – eine Grundhaltung, die sich Jimmy später auch aneignen sollte. Der in Russland geborene Peter erzählte gern pikante Geschichten aus der alten Heimat, in denen meist Wölfe, Frauen, Kaviar und jede Menge Wodka vorkamen. Und er brachte seinen Enkelsöhnen ein paar Brocken Russisch bei: »Gib mir eine Zigarette« und »Leck mich am Arsch«. Die Jungen konnten sich kaum halten vor Lachen. Peter bewahrte sein Geld am liebsten in einem Schließfach auf, vermied Steuern, wo er konnte, und hatte stets 1500 Dollar Bargeld in der Brusttasche. Mit diesem Betrag wurde er auch an seinem Todestag aufgefunden, umgeben von den Weihnachtskarten Dutzender dankbarer Freundinnen.
Matty Simons arbeitete jahrelang als Geschäftsführer der Schuhfabrik, doch auf die Beteiligung, die Peter ihm versprochen hatte, wartete er vergeblich. Später erzählte Matty seinem Sohn, er bedauere, dass er eine vielversprechende, interessante Karriere aufgegeben hatte, nur um zu tun, was von ihm erwartet wurde.
»Ich lernte daraus: Tu im Leben, was dir Spaß macht, nicht das, wovon du glaubst, dass du es tun ›solltest‹«, erzählt Simons. »Das habe ich nie vergessen.«
Und mehr als alles andere machte es Jimmy Spaß, nachzudenken – oft über Mathematik. Zahlen, Figuren und Kurven faszinierten ihn. Im Alter von drei Jahren konnte Jimmy bereits Zahlen verdoppeln und durch zwei teilen. Er berechnete sämtliche Quadratzahlen bis 1024, dann wurde ihm das zu langweilig. Eines Tages fuhr die Familie an den Strand und Matty hielt an einer Tankstelle. Sein kleiner Sohn verstand die Welt nicht mehr. Nach Jimmys Logik konnte der Familienkutsche nie der Sprit ausgehen: War der Tank halb leer, war ja noch die halbe Benzinmenge drin. Dann konnten sie diese zur Hälfte aufbrauchen, und so weiter, ohne dass der Tank jemals leer würde.
Der Vierjährige war über ein klassisches mathematisches Problem gestolpert, das ausgeprägtes logisches Denken erforderte. Wenn man immer die Hälfte der verbleibenden Strecke zurücklegen musste, bevor man sein Ziel erreichte, und jede Entfernung, ganz gleich wie klein sie war, halbiert werden konnte – wie konnte man dann je zum Ziel gelangen? Der Erste, der sich mit diesem Dilemma auseinandersetzte, war der griechische Philosoph Zenon von Elea. Es ist das bekannteste einer Gruppe von Paradoxa, die die Mathematiker jahrhundertelang beschäftigten.
Wie viele Einzelkinder versank Jimmy oft über längere Zeit in seine Gedanken und sprach sogar mit sich selbst. Im Kindergarten kletterte er auf einen Baum, setzte sich auf einen Ast und dachte nach. Manchmal musste Marcia kommen, ihn zwingen, herabzusteigen und mit den anderen Kindern zu spielen.
Anders als seine Eltern war Jimmy fest entschlossen, sich auf seine eigenen Leidenschaften zu fokussieren. Als er acht Jahre alt war, riet ihm der Hausarzt der Familie Simons, Dr. Kaplan, zu einer medizinischen Laufbahn, denn das sei der ideale Beruf für »einen klugen jüdischen Jungen«.
Jimmy widersprach.
»Ich will Mathematiker oder Naturwissenschaftler werden«, erwiderte er.
Der Arzt versuchte, den Jungen zu überzeugen. »Aber mit Mathematik kannst du kein Geld verdienen.«
Doch Jimmy sagte, er wolle es versuchen. Er wusste nicht genau, was Mathematiker arbeiteten, doch vermutlich ging es dabei um Zahlen, und das reichte ihm. Auf jeden Fall wusste er ganz genau, dass er nicht Arzt werden wollte.
Jimmy war ein guter Schüler, aber auch ein Lausbub. Er war selbstbewusst wie seine Mutter und hatte denselben schelmischen Sinn für Humor wie sein Vater. Er liebte Bücher, ging regelmäßig in die örtliche Bücherei und lieh sich pro Woche vier Titel aus, die oft noch längst nicht für seine Altersstufe geeignet waren. Doch am allermeisten faszinierten ihn mathematische Konzepte. An der Lawrence School in Brookline, zu deren Absolventen die Fernsehmoderatoren Mike Wallace und Barbara Walters zählen, wurde Jimmy zum Klassensprecher gewählt und gehörte zu den Jahrgangsbesten. Überrundet wurde er nur von einer jungen Frau, die lange nicht so oft wie er ihren eigenen Gedanken nachhing.
In dieser Zeit war Jimmy mit einem Jungen aus wohlhabendem Hause befreundet und war beeindruckt von dem komfortablen Lebensstil, den dessen Familie genoss.
»Damals habe ich gemerkt, wie schön es ist, sehr reich zu sein«, erzählte Simons später. »Ich interessierte mich zwar nicht fürs Geschäft, wohl aber für Geld.«4
Abenteuer nahmen einen Großteil von Jimmys Zeit in Anspruch. Manchmal fuhr er mit seinem Freund Jim Harpel im Bus zu Bailey’s Ice Cream in Boston, um sich einen Eisbecher zu genehmigen. Als sie älter waren, schmuggelten sie sich in die Burlesque-Shows im Old Howard Theatre. An einem Samstagmorgen waren die Jungen schon auf dem Weg zur Tür, als Harpels Vater die Ferngläser bemerkte, die sie um den Hals trugen.
»Na, Jungs, wollt ihr ins Old Howard?«, fragte er.
Erwischt.
»Woher wussten Sie das, Mr. Harpel?«, fragte Jimmy.
»Na ja, es gibt hier nicht so viele Vögel, die man beobachten könnte«, erwiderte Mr. Harpel.
Als Simons in die zehnte Klasse kam, zog seine Familie von Brookline nach Newton, wo Jimmy die Newton High School besuchte. Diese elitäre öffentliche Schule bot den richtigen Nährboden für seine aufkeimenden Leidenschaften. In seinem zweiten Highschooljahr diskutierte Jimmy gern über theoretische Konzepte wie die Vorstellung, dass sich zweidimensionale Ebenen unendlich ausdehnen könnten.
Nachdem Simons die Highschool nach drei Jahren abgeschlossen hatte, fuhr der schlanke, kräftig gebaute Junge mit seinem Freund Harpel durchs Land. Wo es sie auch hinverschlug, unterhielten sich die beiden Siebzehnjährigen – die der Mittelschicht entstammten und bis dahin sehr behütet aufgewachsen waren – mit den Einheimischen. Als sie nach Mississippi kamen, sahen sie, wie Afroamerikaner als Pächter arbeiteten und in Hühnerställen lebten.
»Der Wiederaufbau hatte Pächter aus ihnen gemacht, doch das war dasselbe wie Sklaverei«, erinnert sich Harpel. »Das zu sehen, war für uns ein Schock.«
Die beiden Jungen kampierten in einem staatlichen Park und gingen ins Schwimmbad, sahen dort aber keine Afroamerikaner. Das überraschte sie. Simons fragte einen korpulenten Mitarbeiter mittleren Alters, warum man nirgendwo Farbige sah.
»Wir lassen keine N… rein«, erklärte dieser.
Simons und Harpel besuchten Städte, in denen sie Familien in bitterer Armut leben sahen – Erfahrungen, die bei den Jungen Spuren hinterließen und sie für die Nöte der gesellschaftlich Benachteiligten sensibilisierten.
Simons konnte sich am MIT immatrikulieren, wie er gehofft hatte, und dank der Fortgeschrittenenkurse, die er auf der Highschool belegt hatte, konnte er sogar das erste Jahr des Mathematikstudiums überspringen. Doch das Collegeleben stellte ihn schnell vor Herausforderungen. Schon bald kämpfte Simons mit Stress und schlimmen Magenschmerzen. Er verlor 10 Kilo und verbrachte zwei Wochen im Krankenhaus. Schließlich diagnostizierten die Ärzte eine Kolitis und verschrieben ihm Steroide, um ihn zu stabilisieren.
Im zweiten Semester seines ersten Studienjahres schrieb sich der allzu selbstsichere Simons für einen weiterführenden Kurs in abstrakter Algebra ein. Das war eine komplette Katastrophe. Simons kam nicht mit, verstand die Aufgaben nicht und konnte den Fragen nicht folgen.
Da kaufte er sich ein Buch zum Thema, nahm es über den Sommer mit nach Hause, las es und grübelte stundenlang darüber. Schließlich ging der Knoten auf. In allen weiteren Algebrakursen kassierte Simons Bestnoten. Obwohl er in einem Fortgeschrittenenkurs in Differentialrechnung in seinem zweiten Studienjahr eine vier hatte, ließ der Professor zu, dass er sich für den Fortsetzungskurs einschrieb, in dem der Stokes’sche Integralsatz behandelt wurde. Dabei handelt es sich um eine Verallgemeinerung von Isaac Newtons Arbeit zum Hauptsatz der Differentialrechnung, die Linienintegrale in drei Dimensionen zu Flächenintegralen in Bezug setzt. Der junge Mann war hin und weg – ein Theorem, das Differentialrechnung, Algebra und Geometrie einbezog, schien eine einfache, unerwartete Harmonie zu erzeugen. Simons fiel der Kurs so leicht, dass ihn andere Studenten um Hilfe baten.
»Ich blühte förmlich auf«, beschreibt es Simons. »Es war ein großartiges Gefühl.«
Wie aussagekräftige Sätze und Formeln Wahrheiten erschließen und verschiedene Bereiche der Mathematik und Geometrie vereinen konnten, faszinierte Simons.
»Es war die Eleganz all dessen – die Schönheit der Konzepte«, schildert er.
Als Simons mit Kommilitonen wie Barry Mazur studierte – der seinen Abschluss in zwei Jahren schaffte, später prestigeträchtige Mathematikpreise gewann und in Harvard lehrte –, bekam er den Eindruck, nicht ganz in ihrer Liga zu spielen. Doch viel fehlte nicht. Und Simons merkte, dass sein Ansatz einzigartig war. Er grübelte über Probleme, bis er eine originelle Lösung dafür fand. Freunde bekamen manchmal mit, dass er stundenlang mit geschlossenen Augen herumlag. Er war ein Grübler mit Fantasie und »Gespür« beziehungsweise dem Instinkt, die Probleme in Angriff zu nehmen, die zu einem echten Durchbruch führen konnten.
»Mir wurde klar, dass ich vielleicht nicht spektakulär erfolgreich war, und auch nicht unbedingt der Beste, aber ich konnte etwas bewirken. Das wusste ich einfach«, erzählt er.
Eines Tages sah Simons zwei seiner Professoren, die namhaften Mathematiker Warren Ambrose und Isadore Singer, nach Mitternacht ins Gespräch vertieft in einem örtlichen Café sitzen. So ein Leben wollte Simons auch führen – Zigaretten, Kaffee und Mathe zu jeder Tageszeit.
»Es war wie eine Offenbarung … eine Erleuchtung«, schwärmt er.
Abgesehen von Mathematik tat Simons sein Möglichstes, um Kurse zu meiden, die ihn zu sehr in Anspruch nahmen. MIT-Studenten mussten auch Sportkurse belegen, doch Simons wollte keine Zeit mit Duschen und Umziehen verschwenden. Deshalb schrieb er sich für Bogenschießen ein. Zusammen mit seinem Kommilitonen Jimmy Mayer, der aus Kolumbien ans MIT gekommen war, beschloss er, den Kurs etwas aufzupeppen, indem sie auf jeden Schuss 5 Cent setzten. Sie wurden schnell Freunde, liefen hinter Mädchen her und spielten bis in die Nacht mit anderen Studenten Poker.
»Wer 5 Dollar verlor, konnte einpacken«, erinnert sich Mayer.
Simons war ein lustiger, netter Typ, der offen sagte, was er dachte, und auch öfter in Schwierigkeiten kam. Als Erstsemester füllte er gern Flüssiggas für Feuerzeuge in eine Wasserpistole, die er dann mithilfe eines Feuerzeugs in einen selbst gebastelten Flammenwerfer verwandelte. Nachdem Simons mit so einem Konstrukt in einem Badezimmer des Baker House, eines Studentenwohnheims am Charles River, ein Feuerchen entfacht hatte, spülte er einen halben Liter Flüssiggas ins Klo und schloss die Tür hinter sich. Aus den Augenwinkeln nahm er durch den Türspalt ein orangefarbenes Leuchten wahr – das Badezimmer stand in Flammen.
»Draußen bleiben!«, rief er den herbeieilenden Studenten zu.
In der Kloschüssel hatte sich die Flüssigkeit erhitzt und zu einem Feuerball entzündet. Glücklicherweise war das Wohnheim aus robusten dunkelroten Ziegelsteinen erbaut, und das Feuer breitete sich nicht aus. Simons gestand sein Vergehen und zahlte der Uni für die nötigen Reparaturarbeiten insgesamt 50 Dollar in zehn wöchentlichen Raten.
1958, nach drei Jahren am MIT hatte Simons genügend Credits zusammen, um mit 20 seinen Abschluss zu machen – einen Bachelor of Science in Mathematik. Vor dem weiterführenden Studium stand ihm der Sinn aber nach einem neuen Abenteuer. Seinem Freund Joe Rosenshein erzählte er, dass er gern »in die Geschichte eingehen« und etwas »Historisches« vollbringen wolle.
Simons erste Eingebung war, um Aufsehen zu erregen, eine lange Strecke auf Rollschuhen zurückzulegen, aber das erschien ihm dann doch zu anstrengend. Eine andere Idee war, ein Fernsehteam dazu zu bringen, ihn und seine Freunde auf eine Wasserskireise nach Südamerika zu begleiten. Doch das war logistisch schwer zu realisieren. Als Simons eines Nachmittags mit Rosenshein auf dem Harvard Square herumhing, sah er eine Vespa vorbeisausen.
»Ob wir so ein Ding nehmen könnten?«, fragte Simons.
Er dachte sich einen Plan für eine spektakuläre Fahrt aus, überredete zwei Händler vor Ort, ihm und seinen Freunden als Gegenleistung für die Filmrechte an ihrer Reise Lambretta-Roller günstiger zu überlassen, damals die angesagteste Marke. So brachen Simons, Rosenshein und Mayer nach Südamerika auf – eine Reise unter dem Motto »Buenos Aires, sonst Beule«. Die jungen Männer fuhren zunächst nach Westen durch Illinois und dann in Richtung Süden nach Mexiko. Sie brausten über Landstraßen und schliefen auf Verandas, in verlassenen Polizeidienststellen und im Wald, wo sie Dschungelhängematten mit Moskitonetzen aufhängten. Eine Familie in Mexiko-Stadt warnte die jungen Kerle vor Banditen und bestand darauf, dass sie zu ihrem Schutz eine Waffe kauften. Sie brachten ihnen einen wichtigen spanischen Satz bei: »Keine Bewegung, oder wir schießen.«
Mit lärmendem kaputtem Auspuff knatterten die drei am frühen Abend durch eine mexikanische Kleinstadt. In ihren Lederjacken sahen sie aus wie die Motorradgang aus dem Marlon-Brandon-Klassiker Der Wilde. Sie hielten, um etwas zu essen. Doch die Einheimischen reagierten unfreundlich auf die Besucher, die sie bei ihrem Abendspaziergang störten.
»Was habt ihr Gringos hier zu suchen?«, rief einer.
Minuten später waren Simons und seine Freunde von fünfzig feindseligen jungen Männern umringt, von denen manche mit Macheten bewaffnet waren. Die drei standen mit dem Rücken zur Wand. Rosenshein griff nach der Waffe, doch da fiel ihm ein, dass sie nur sechs Patronen hatte – längst nicht genug, um den Gegnern Herr zu werden, die immer mehr wurden. Plötzlich erschienen Polizisten auf der Bildfläche und verhafteten die MIT-Studenten wegen Ruhestörung.
Die Jungs kamen ins Gefängnis. Dort sammelte sich schnell ein Mob. Die aufgebrachte Menge johlte und pfiff. Der Lärm rief den Bürgermeister auf den Plan. Als dieser hörte, dass drei Studenten aus Boston Probleme machten, zitierte er sie umgehend in sein Amtszimmer. Es stellte sich heraus, dass er in Harvard studiert hatte. Er wollte wissen, was es in Cambridge Neues gab. Kaum war der wütende Mob abgewehrt, saßen die Jungen schon mit lokalen Honoratioren bei einem üppigen späten Abendessen. Simons und seine Freunde sahen zu, dass sie noch vor Morgengrauen aus der Stadt kamen. Sie waren nicht scharf auf noch mehr Ärger.
Danach hatte Rosenshein genug und fuhr nach Hause. Simons und Mayer reisten allein weiter und schafften es in sieben Wochen nach Bogotá. Sie fuhren durch Mexiko, Guatemala und Costa Rica. Auf der Strecke überwanden sie Schlammlawinen und reißende Flüsse. Als sie ankamen, hatten sie kaum noch Lebensmittel oder Geld. Begeistert nahmen sie die Einladung ins luxuriöse Heim eines weiteren Kommilitonen an – Edmundo Esquenazi, der aus der Stadt stammte. Dort standen Freunde und Verwandte Schlange, um die Besucher zu begrüßen. Den Rest des Sommers verbrachten sie damit, Krocket zu spielen und sich mit ihren Gastgebern entspannt die Zeit zu vertreiben.
Als Simons ans MIT zurückkehrte, um weiterzustudieren, empfahlen ihm seine Berater, zur Promotion an die University of California, Berkeley, zu wechseln, damit er mit einem Professor namens Shiing-Shen Chern zusammenarbeiten konnte, einem ehemaligen mathematischen Wunderkind aus China und führenden Spezialisten für Differentialgeometrie und Topologie. Doch vorher hatte Simons noch etwas zu erledigen. Er hatte eine hübsche, zierliche 18-Jährige namens Barbara Bluestein kennengelernt, die im ersten Semester am nahen Wellesley College studierte. Sie hatten sich vier Abende nacheinander angeregt unterhalten, ineinander verliebt und verlobt.
»Wir redeten und redeten«, erinnert sich Barbara. »Er ging nach Berkeley, und ich wollte mit.«
Barbaras Eltern ging das alles zu schnell. Barbara sei zu jung zum Heiraten, fand ihre Mutter und ließ nicht mit sich reden. Sie befürchtete auch, dass Barbara in der Beziehung zu ihrem selbstsicheren Verlobten den Kürzeren ziehen könnte.
»In ein paar Jahren lässt er dich fallen«, warnte sie ihre Tochter.
Doch Barbara war fest entschlossen, Simons auch gegen den Willen ihrer Eltern zu heiraten. Deshalb handelte sie einen Kompromiss aus – sie würde mit ihm nach Berkeley gehen, geheiratet werden sollte aber erst in ihrem zweiten Studienjahr.
Simons bekam für sein Studium in Berkeley ein Stipendium. Doch als er im Spätsommer 1959 eintraf, erwartete ihn auf dem Campus gleich eine herbe Enttäuschung – Chern war nicht da. Der Professor hatte gerade ein Sabbatjahr genommen. Simons arbeitete mit anderen Mathematikern zusammen, darunter Bertram Kostant, erlebte jedoch frustrierende Momente. Eines Abends Anfang Oktober besuchte Simons Barbara in ihrem Wohnheim und erklärte ihr, seine Forschungsarbeit laufe nicht gut. Sie fand, er wirkte deprimiert.
»Lass uns heiraten«, will sie da zu ihm gesagt haben.
Simons war einverstanden. Sie beschlossen, nach Reno, Nevada, zu fahren, wo sie nicht erst tagelang auf die Blutuntersuchung warten müssten, die in Kalifornien vorgeschrieben war. Das junge Paar war knapp bei Kasse. Also lieh sich Simon das Geld für die 200-Meilen-Busfahrt von einem Mitbewohner. In Reno überredete Barbara den Mitarbeiter einer dortigen Bank, sie einen Scheck aus einem anderen Bundesstaat einlösen zu lassen, damit sie die Heiratserlaubnis bezahlen konnten. Nach einer kurzen Zeremonie setzte Simons das restliche Geld beim Pokern und gewann genug, um seiner jungen Braut einen schwarzen Badeanzug zu kaufen.
Zurück in Berkeley wollten die beiden ihre Hochzeit eigentlich vorerst geheim halten, bis sie sich überlegt hatten, wie sie ihren Familien die Neuigkeit mitteilen sollten. Doch als Barbaras Vater brieflich seinen Besuch ankündigte, war ihnen klar, dass sie Farbe bekennen mussten. Also schrieb jeder an seine Eltern mehrere Seiten voller profaner Dinge über die Uni und ihre Kurse. Beide fügten das gleiche Postskriptum an:
»Übrigens, wir haben geheiratet.«
Nachdem sich Barbaras Eltern beruhigt hatten, veranlasste ihr Vater, dass ein örtlicher Rabbi das Paar in einer traditionelleren Zeremonie traute. Die Jungverheirateten mieteten eine Wohnung in der Parker Street, nicht weit vom Campus, auf dem es politisch hoch herging, und Simons machte Fortschritte mit seiner Dissertation, die sich schwerpunktmäßig mit Differentialgeometrie befasste – dem Studium mehrdimensionaler gekrümmter Flächen mit Methoden aus Differentialrechnung, Topologie und linearer Algebra. Einen Teil seiner Zeit widmete Simons aber auch einer neuen Leidenschaft: der Börse. Das Paar hatte zur Hochzeit 5000 Dollar bekommen, und Simons wollte dieses Geld gern vermehren. Er recherchierte ein bisschen und fuhr dann ins Maklerbüro von Merrill Lynch im nahen San Francisco, wo er Aktien von zwei Unternehmen kaufte: der United Fruit Company, die mit tropischen Früchten handelte, und der Celanese Corporation aus der Chemiebranche.
Beide Papiere zeigten kaum Kursbewegungen, was Simons frustrierte.
»Da tut sich zu wenig«, beschwerte er sich bei dem Makler. »Haben Sie nichts Spannenderes?«
»Versuchen Sie’s doch mal mit Sojabohnen«, riet dieser.
Simons hatte keine Ahnung von Rohstoffen oder vom Handel mit Futures (Finanzkontrakten, die die Lieferung von Rohstoffen oder anderen Investments zu einem festgelegten Preis an einem künftigen Termin versprachen), lernte aber fleißig dazu. Damals kosteten Sojabohnen 2,50 US-Dollar pro Scheffel. Als der Makler sagte, die Analysten von Merrill Lynch rechneten damit, dass die Preise auf 3 Dollar oder noch höher steigen sollten, bekam Simons große Augen. Er kaufte zwei Futures-Kontrakte, sah zu, wie Sojabohnen zum Höhenflug ansetzten, und strich innerhalb weniger Tage mehrere Tausend Dollar Gewinn ein.
Simons war angefixt.
»Mich faszinierte, wie das funktionierte – und wie schnell ich Geld verdienen konnte«, erzählt er.
Ein älterer Freund legte Simons nahe, seine Bestände zu verkaufen und den Gewinn zu realisieren. Er warnte ihn, dass Rohstoffpreise stark schwanken können. Simons hörte nicht auf ihn. Es kam, wie es kommen musste: Die Sojapreise brachen ein, und Simons kam gerade noch einmal ohne Verluste davon. So manchen Börsenneuling hätte diese Achterbahnfahrt vermutlich abgeschreckt. Doch Simons bekam erst richtig Appetit. Er gewöhnte sich an, früh aufzustehen und nach San Francisco zu fahren, damit er um 7.30 Uhr schon im Büro von Merrill Lynch war, wenn in Chicago der Handel begann. Stundenlang stand er da, verfolgte, wie sich Preise auf der großen Anzeigetafel veränderten, und erteilte Order, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Auch während er sich nach der Rückfahrt seinem Studium widmete, behielt er die Märkte weiter im Auge.
»Das war wie ein Rausch«, erinnert sich Simons.
Auf Dauer war das aber zu viel für ihn. Jeden Morgen in aller Frühe nach San Francisco zu fahren und gleichzeitig eine anspruchsvolle Doktorarbeit zu schreiben, erwies sich als strapaziös. Als Barbara dann schwanger wurde, konnte Simons nicht mehr alle Bälle im Spiel halten. Widerwillig stellte er seine Börsengeschäfte ein. Doch die Saat war bereits aufgegangen.
Mit seiner Doktorarbeit wollte Simons einen Beweis für ein schwieriges offenes Problem auf seinem Fachgebiet erbringen, doch Kostant bezweifelte, dass ihm das gelingen würde. Daran hätten sich schon Mathematiker von Weltrang versucht und seien gescheitert, erklärte er Simons. Er solle seine Zeit nicht verschwenden. Doch seine Skepsis schien Simons nur noch mehr anzufeuern. Daraus entstand die Dissertation »On the Transivity of Holonomy Systems« (Deutsch: Zur Transivität holonomischer Systeme), die er 1962 nach nur zwei Jahren zum Abschluss brachte und die sich mit der Geometrie mehrdimensionaler gekrümmter Flächen auseinandersetzte. (Spricht Simons mit Anfängern, definiert er Holonomie gern als den »Paralleltransport von Tangentialvektoren entlang abgeschlossener Kurven in mehrdimensionalen gekrümmten Flächen.« Allen Ernstes!) Ein angesehenes Fachjournal veröffentlichte die Arbeit, was Simons zu einem prestigeträchtigen dreijährigen Lehrauftrag am MIT verhalf.
Doch obwohl Simons mit Barbara Pläne schmiedete, mit ihrem Baby Elizabeth nach Cambridge zurückzukehren, wusste er nicht genau, wie er sich seine Zukunft vorstellte. Die nächsten Jahrzehnte zeichneten sich zu glatt vor ihm ab: Forschung, Lehre, noch mehr Forschung und noch mehr Lehre. Simons liebte zwar die Mathematik, doch er brauchte auch neue Abenteuer. Er blühte offenbar erst dann richtig auf, wenn es Hürden zu überwinden und Skeptikern zu trotzen galt. Und er sah keine Hindernisse am Horizont. Mit gerade einmal 23 Jahren geriet Simons in eine Lebenskrise.
»Ist das alles? Geht das mein Leben lang immer so weiter?«, fragte er seine Frau Barbara eines Tages zu Hause. »Da muss es doch noch etwas geben.«
Nach einem Jahr am MIT überkam ihn die Rastlosigkeit. Er fuhr wieder nach Bogotá, wo er mit seinen kolumbianischen Studienkollegen Esquenazi und Mayer ein Unternehmen gründen wollte. Esquenazi hatte die makellosen Asphaltplatten in seinem MIT-Wohnheim gesehen und beklagte sich über die mindere Qualität der Bodenbeläge in Bogotá. Simons sagte, er kenne einen Hersteller. Also beschlossen sie, vor Ort eine Fabrik aufzubauen, die Bodenbeläge aus Vinyl und PVC-Rohre herstellen sollte. Finanziert wurde das Projekt nahezu vollständig von Esquenazis Schwiegervater Victor Shaio, doch auch Simons und sein Vater beteiligten sich mit kleineren Beträgen.
Das Unternehmen war offenbar in guten Händen, und Simons fand, er konnte nicht viel mehr tun. Also kehrte er in den Hörsaal zurück und nahm 1963 eine Forschungsstelle an der Harvard University an. Dort übernahm er zwei Kurse, darunter einen Doktorandenkurs über partielle Differentialgleichungen – ein Bereich der Geometrie, der seiner Ansicht nach an Bedeutung gewinnen würde. Simons wusste nicht viel über partielle Differentialgleichungen, dachte aber, den Kurs zu übernehmen, sei eine gute Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren. Simons erzählte seinen Studenten, er sei ihnen mit dem Stoff nur etwa eine Woche voraus. Sie fanden dieses Eingeständnis amüsant.
Als Professor war Simons mit seiner zwanglosen Art und seinem ansteckenden Enthusiasmus beliebt. Er riss Witze und anders als die meisten anderen Fakultätsmitglieder trug er nur selten Schlips und Kragen. Doch hinter seinem jovialen Auftreten verbarg sich wachsender Druck. Simons’ Forschungsarbeit ging zäh voran, und er fühlte sich in Harvardkreisen unwohl. Er hatte Geld geliehen, um in die Bodenbelagsfabrik zu investieren, die Esquenazi und die anderen aufbauten, und er hatte seine Eltern überredet, eine Hypothek auf ihr Haus aufzunehmen, um sich ebenfalls daran zu beteiligen. Um sein Einkommen aufzubessern, übernahm Simons zwei weitere Kurse am nahe gelegenen Cambridge Junior College. Die Arbeitsbelastung wuchs dadurch, doch er verheimlichte vor Freunden und Familie, wie gestresst er war.
Simons wollte Geld verdienen – doch nicht nur, um seine Schulden zurückzuzahlen. Er wollte richtig reich werden. Simons kaufte gerne schöne Dinge, war aber nicht extravagant. Auch Barbara setzte ihn nicht unter Druck. Sie trug noch Kleidungsstücke aus ihrer Highschoolzeit auf. Simons hatte andere Motive. Freunde und andere vermuteten, er wolle etwas bewirken. Simons erkannte, dass Reichtum Unabhängigkeit und Einfluss versprach.
»Jim begriff früh, dass Geld Macht ist«, meint Barbara. »Und er wollte nicht, dass andere Macht über ihn hatten.«
Während er in Harvard in der Bibliothek saß, kamen die frühen Zweifel an seiner Berufswahl wieder in ihm hoch. Simons fragte sich, ob ihm eine andere Tätigkeit nicht mehr Erfüllung und Aufregung bringen könnte – und vielleicht auch ein bisschen Geld, zumindest so viel, um seine Schulden loszuwerden.
Am Ende wurde die Belastung zu groß. Simons beschloss, auszubrechen.
Frage: »Was ist der Unterschied zwischen einem promovierten Mathematiker und einer großen Pizza?«
Antwort: »Eine große Pizza kriegt eine vierköpfige Familie satt.«
1964 verließ Simons die Harvard University und trat in eine Geheimdiensteinheit ein, die dazu beitragen sollte, den laufenden Kalten Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen.
Simons wurde erklärt, er könne seine mathematische Forschungsarbeit weiterführen, während er an Regierungsaufträgen arbeitete. Vor allem aber verdiente er doppelt so viel wie zuvor und begann, seine Schulden abzuzahlen.
Angeworben wurde Simons von der Abteilung des Institute for Defense Analyses in Princeton, New Jersey – einer elitären Denkfabrik, die Mathematiker von Topuniversitäten einstellte, um die National Security Agency, die größte und geheimniskrämerischste Geheimdienstbehörde der Vereinigten Staaten, dabei zu unterstützen, russische Codes und Verschlüsselungen zu knacken.
Simons trat in einer Phase ein, die für das IDA turbulent war. Schon seit über zehn Jahren waren nicht mehr regelmäßig entscheidende sowjetische Codes geknackt worden. Simons und seine Kollegen in der Communications Research Division des IDA wurden mit der Aufgabe betraut, die US-Kommunikation zu sichern und hartnäckig unverständlichen sowjetischen Codes einen Sinn zu entlocken. Beim IDA lernte Simons, mathematische Modelle zu entwickeln, um in scheinbar bedeutungslosen Daten Muster zu erkennen und diese zu interpretieren. Dort setzte er erstmals statistische Analyse und Wahrscheinlichkeitstheorie ein, mathematische Instrumente, die seine Arbeit beeinflussen sollten.
Um Codes zu knacken, legte sich Simons zunächst einen Angriffsplan zurecht. Dann entwickelte er einen Algorithmus – eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, nach der sich sein Computer richten konnte –, um seine Strategie auf die Probe zu stellen und umzusetzen. Simons war aber kein guter Programmierer, weshalb er bei der eigentlichen Programmierarbeit auf die hauseigenen Spezialisten der Abteilung zurückgreifen musste. Er vertiefte jedoch andere Kompetenzen, die ihm in seiner weiteren Laufbahn noch zugutekommen sollten.
»Ich merkte, dass es mir Spaß machte, Algorithmen zu entwickeln und Dinge am Rechner auszuprobieren«, erzählte Simons später.5
Schon früh trug Simons zur Entwicklung eines superschnellen Codeknacker-Algorithmus bei, der ein Problem löste, mit dem sich die Gruppe bereits sehr lange herumgeschlagen hatte. Kurz darauf fanden Geheimdienstexperten in Washington heraus, dass die Sowjets in einem Einzelfall eine verschlüsselte Nachricht mit einer falschen Einstellung übermittelt hatten. Simons und zwei seiner Kollegen stürzten sich auf diesen Fehler, der ihnen Einblicke in den internen Aufbau des gegnerischen Systems eröffnete, wie man sie selten bekam. Und sie überlegten sich, wie man das ausnutzen konnte. Die erzielten Fortschritte machten Simons in der Folge zum Star und trugen dem Team eine Reise nach Washington ein, wo sich Vertreter des Verteidigungsministeriums persönlich bei den Beteiligten bedankten.
Das einzige Problem an seinem neuen Job: Simons konnte mit keinem außerhalb der Organisation über seine Leistungen sprechen. Die Mitglieder der Gruppe waren zur Geheimhaltung verpflichtet worden. Schon die Bezeichnung, die die Regierung dafür verwendete, wie vertraulich die Arbeit des IDA war, war streng geheim.
»Was hast du heute gemacht?«, fragte Barbara anfangs oft, wenn Simons abends von der Arbeit kam.
»Ach, das Übliche«, erwiderte er.
Bald fragte Barbara gar nicht mehr.
Simons fiel auf, dass die Art und Weise, wie seine Einheit fähige Forscher anwarb und managte, ziemlich einzigartig war. Mitarbeiter, von denen die meisten Doktortitel hatten, wurden wegen ihres Intellekts, ihrer Kreativität und ihres Ehrgeizes eingestellt, nicht so sehr wegen ihrer konkreten Fachkenntnisse oder ihres Hintergrunds. Man ging davon aus, dass die Forscher schon Probleme finden würden, die sie lösen wollten, und auch das Zeug dazu hatten. Lenny Baum, der zu den erfolgreichsten Codeknackern gehörte, äußerte einen Satz, der später zum Credo der Gruppe wurde: »Schlechte Ideen sind gut, gute Ideen sind toll, keine Ideen sind verheerend.«
»Es war eine Ideenschmiede«, meint Lee Neuwirth, stellvertretender Abteilungsleiter, dessen Tochter Bebe später zum Broadway- und Fernsehstar wurde.
Die Forscher konnten aber mit niemandem über ihre Arbeit sprechen, der nicht zur Organisation gehörte. Intern war die Abteilung jedoch so strukturiert, dass sie ungewöhnliche Offenheit und Kollegialität entstehen ließ. Die meisten der rund 25 Beschäftigten – ausnahmslos Mathematiker und Ingenieure – trugen denselben Titel: technischer Mitarbeiter. Erfolge wurden geteilt, und man stieß mit Sekt auf die Lösung besonders haariger Probleme an. Fast jeden Tag suchten die Forscher einander in ihren Büros auf, um Hilfe anzubieten oder einfach nur ein offenes Ohr. Nachmittags setzten sich die Mitarbeiter am Teetisch zusammen, sprachen über Neuigkeiten, spielten Schach, lösten Rätsel oder traten bei dem komplizierten chinesischen Brettspiel Go gegeneinander an.
Simons und seine Frau gaben regelmäßig Dinnerpartys, auf denen sich IDA-Mitarbeiter mit Barbaras rumlastigen Fish House Punch in feucht-fröhliche Stimmung brachten. In der Gruppe fanden Pokerrunden mit hohen Einsätzen statt, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Simons hatte danach oft die Taschen voll mit dem Geld seiner Kollegen.
Eines Abends trafen die Kollegen ein, doch Simons war nicht da.
»Jim ist verhaftet worden«, eröffnete Barbara der Gruppe.
Simons hatte mit seinem klapprigen Cadillac so viele Strafzettel auflaufen lassen und so viele Vorladungen ignoriert, dass ihn die Polizei kurzerhand aus dem Verkehr zog. Die Mathematiker verteilten sich auf mehrere Autos, fuhren bei der Polizeidienststelle vor und legten zusammen, um Simons auf Kaution herauszuholen.
Das IDA war ein Sammelbecken für Querdenker und überdimensionale Egos. In einem großen Raum standen etwa ein Dutzend PCs für die Mitarbeiter. Eines Morgens entdeckte ein Wachmann dort einen Kryptologen, der nur einen Bademantel trug und nichts darunter. Er war aus seiner Wohnung geflogen und hatte in dem Computerraum kampiert. Ein anderes Mal wurde spät in der Nacht ein Mitarbeiter dabei erwischt, wie er auf einer Tastatur herumtippte. Das war weiter nicht schockierend – wohl aber der Umstand, dass er es nicht mit den Fingern tat, sondern mit seinen nackten, streng riechenden Zehen.
»Dabei waren seine Finger schon eine Zumutung«, erzählt Neuwirth. »Das war wirklich ekelerregend. Alle waren außer sich.«
Während Simons und seine Kollegen die Geheimnisse der Sowjets lüfteten, hütete Simons selbst ein eigenes. Computer wurden immer leistungsfähiger, doch die Wertpapierfirmen entdeckten die neue Technik nur sehr langsam für sich. In der Buchhaltung und auch in anderen Bereichen setzten sie weiterhin auf Card-Sorting-Methoden. Simons beschloss, ein Unternehmen zu gründen, das Aktien elektronisch handelte und analysierte – ein Konzept, das die ganze Branche revolutionieren konnte. Der 28-jährige Simons sprach mit seinem Chef Dick Leibler und dem besten IDA-Programmierer über seine Idee. Beide stiegen in sein Unternehmen ein, das iStar heißen sollte.
An hochgeheime Tätigkeit gewöhnt, arbeiteten die drei im Stillen an ihrem Unternehmen. Eines Tages bekam Neuwirth jedoch Wind von dem Vorhaben. In heller Aufregung, weil das bevorstehende Ausscheiden der drei die Gruppe quasi ausweiden würde, stürmte Neuwirth in Leiblers Büro.
»Wieso wollt ihr gehen?«
»Woher wissen Sie das?«, entgegnete Leibler. »Wer weiß sonst noch davon?«
»Alle – ihr habt die letzte Seite eures Businessplans auf dem Kopierer liegen lassen.«
Ihre Strategie hatte aber mehr von Maxwell Smart als von James Bond, wie sich zeigen sollte.
Am Ende bekam Simons nicht genug Geld zusammen, um die Sache ins Rollen zu bringen, und nahm Abstand von der Idee. Der Fehlschlag traf ihn aber nicht sehr, weil er endlich Fortschritte in seiner Forschungsarbeit über Minimal Varieties machte, einem Teilbereich der Differentialgeometrie, der ihn schon lange faszinierte.
Differentialgleichungen, die in der Physik, in der Biologie, im Finanzwesen, in der Soziologie und in vielen anderen Disziplinen Anwendung finden, beschreiben die Ableitungen mathematischer Größen beziehungsweise ihre relativen Veränderungsraten. Isaac Newtons berühmtes physikalisches Gesetz – Kraft gleich Masse mal Beschleunigung – ist eine Differentialgleichung, weil es sich bei der Beschleunigung um die zweite Ableitung nach der Zeit handelt. Gleichungen, die Ableitungen von Zeit und Raum beinhalten, sind Beispiele für partielle Differentialgleichungen und können unter anderem herangezogen werden, um Elastizität, Hitze und Schall zu beschreiben.
Die Theorie der Minimal Varieties stellt eine maßgebliche Anwendung partieller Differentialgleichungen auf die Geometrie dar, die seit Simons’ erstem Semester als Dozent am MIT im Mittelpunkt seiner Forschungsarbeit stand. Eine klassische Veranschaulichung auf diesem Gebiet ist die Oberfläche, die eine Seifenhaut in einem Drahtrahmen bildet, wenn dieser in eine Seifenlösung eingetaucht und herausgezogen wird. Diese Oberfläche ist die kleinste aller möglichen Oberflächen innerhalb dieses Rahmens. Der belgische Physiker Joseph Plateau, der im 19. Jahrhundert mit Seifenhäuten experimentierte, stellte die Frage, ob stets solche »Minimalflächen« existieren und ob diese so glatt sind, dass jeder Punkt gleich aussieht, ganz gleich wie komplex oder verdreht der Drahtrahmen sein mag. Die Antwort auf diese Frage, die als das Plateau-Problem bezeichnet wurde, fiel positiv aus – zumindest für herkömmliche zweidimensionale Oberflächen, wie ein New Yorker Mathematiker 1930 nachwies. Simons wollte wissen, ob das auch für minimale Oberflächen mit mehr Dimensionen galt, was die Geometrie Minimal Varieties nennt.
Mathematiker, die sich mit theoretischen Fragen auseinandersetzen, versinken oft ganz in ihrer Arbeit und wälzen ihre Probleme manchmal jahrelang, ob sie wach sind, schlafen oder träumen. Wer keine Berührung mit dieser Art der Mathematik hat, die auch als abstrakt oder rein
