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Nur wenige waren bereit, als im Januar 2020 in Wuhan, China, eine mysteriöse Atemwegserkrankung auftrat. Politiker, Regierungsbeamte, Wirtschaftsführer, Pharmariesen, Forscher und Fachleute im Gesundheitswesen waren auf die verheerendste Pandemie seit einem Jahrhundert nicht vorbereitet. Viele der weltgrößten Arzneimittel- und Impfstoffhersteller reagierten nur langsam oder waren nicht in der Lage, eine wirksame Antwort zu finden. Es lag an einer kleinen Gruppe ungewöhnlicher und wenig beachteter Wissenschaftler und Führungskräfte, die Zivilisation zu retten. Weit weg vom Rampenlicht hatten sie Jahre damit verbracht, innovative Impfstoffe zu entwickeln. Ihre Arbeit wurde mit Skepsis und Spott bedacht. Bis zum Jahr 2020 hatten diese Personen kaum Beweise für Fortschritte. Dennoch wollten sie und ihre Kollegen dem Virus, das die Welt als Geisel hielt, Einhalt gebieten. Sie versuchten, ihr Lebenswerk innerhalb weniger Monate in lebensrettende Impfstoffe umzuwandeln. Jeder wollte den großen Durchbruch schaffen – und sich gegenseitig um den Ruhm bringen, den ein Impfstoff garantiert. Als #1-New York Times-Bestsellerautor und preisgekrönter Enthüllungsjournalist des Wall Street Journal nimmt uns Zuckerman mit in die streng geheimen Labors, die Auseinandersetzungen zwischen den Unternehmen und die Verhandlungen mit Regierungsstellen, die zu den wirksamen Impfstoffen führten. Dies ist eine schillernde Chronik des folgenreichsten wissenschaftlichen Durchbruchs unserer Zeit, detailliert berichtet und unendlich fesselnd. Es ist eine Geschichte über Mut, Genialität und Heldentum. Es ist auch eine Geschichte über hitzige Rivalitäten, ungezügelten Ehrgeiz, lähmende Unsicherheiten und unerwartete Dramen. Eine Dosis Hoffnung ist die Geschichte, wie die Wissenschaft die Welt rettete.
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Seitenzahl: 528
Veröffentlichungsjahr: 2022
GREGORY ZUCKERMAN
EIN WETTLAUF AUF LEBEN UND TOD - DIE WAHRE GESCHICHTE DER COVID-19-IMPFSTOFFE
Für die Menschen, die sich aufopferten, um anderen zu helfen.
GREGORY ZUCKERMAN
EIN WETTLAUF AUF LEBEN UND TOD - DIE WAHRE GESCHICHTE DER COVID-19-IMPFSTOFFE
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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1. Auflage 2022
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Die englische Originalausgabe erschien 2021 bei Portfolio, einem Imprint von Penguin Random House unter dem Titel A Shot to Save the World. © 2021 by Gregory Zuckerman. All rights reserved.
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This edition published by arrangement with Portfolio, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.
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Übersetzung: Martin Rometsch
Redaktion: Rainer Weber
Korrektorat: Silvia Kinkel
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer in Anlehnung an das Original
Umschlagabbildung: shutterstock/Lipskiy
Satz: abavo GmbH, Buchloe
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-95972-576-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-089-0
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-090-6
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Rollenbesetzung
Einführung
Prolog
Kapitel 1 1979–1987
Kapitel 2 1985–1994
Kapitel 3 1996–2008
Kapitel 4 1988–1996
Kapitel 5 1997–2009
Kapitel 6 2007–2010
Kapitel 7 2010–2014
Kapitel 8 2015–2017
Kapitel 9 2014–2017
Kapitel 10 2001–2017
Kapitel 11 2009–2017
Kapitel 12 2005–2018
Kapitel 13 2017–2019
Kapitel 14 Januar – Februar 2020
Kapitel 15 Februar – März 2020
Kapitel 16 Februar – April 2020
Kapitel 17 Frühling – Sommer 2020
Kapitel 18 Sommer – Herbst 2020
Kapitel 19 Winter 2020 – Sommer 2021
Nachwort
Danksagung
Anmerkungen
Moderna
STÉPHANE BANCEL – CEO, Mitbesitzer und ein Meister der Geldbeschaffung
STEPHEN HOGE – Vorstandsvorsitzender und ehemaliger Partner bei McKinsey & Company
ERIC HUANG – ein Mitarbeiter, der Moderna überredete, sich auf Impfstoffe zu konzentrieren
KERRY BENENATO – organische Chemikerin, trug entscheidend zur Lösung des mRNA-Problems bei
JUAN ANDRES – Chef der Impfstoffproduktion, stockte schon Anfang 2020 seine eigenen Notvorräte auf
ROBERT LANGER – Chemieingenieur, half bei der Gründung von Moderna
NOUBAR AFEYAN – gebürtiger Libanese und Risikokapitalgeber, stellte Bancel ein
BioNTech
UĞUR ŞAHIN – Mitgründer; sein Traum: die Entwicklung einer Krebs-Immuntherapie
ÖZLEM TÜRECI – Mitgründerin; Krebsforscherin
THOMAS STRÜNGMANN – Milliardär und Geldgeber für Şahin, Türeci und BioNTech
Pfizer
ALBERT BOURLA – CEO, drängte auf die rasche Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs
MIKAEL DOLSTEN – wissenschaftlicher Leiter; fürchtete, das Unternehmen habe sich für den falschen Impfstoff entschieden
KATHRIN JANSEN – Chefin der Impfstoffforschung
Beth Israel Deaconess Medical Center
DAN BAROUCH – AIDS-Forscher; entwickelte die Impfstofftherapie mit einem Adenovirus vom Serotyp 26 als Vektor; arbeitete bei Johnson & Johnson
Oxford University
ADRIAN HILL – Impfstoffforscher, polarisiert in Kollegenkreisen, stritt vehement für Malaria-Impfstoffe
SARAH GILBERT – Expertin für Schimpansenviren, arbeitete an mehreren Impfstoffen
Novavax
GALE SMITH – entwickelte die Impfstofftherapie mit Insektenviren und bei MicroGeneSys einen Aids-Impfstoff
STANLEY ERCK – CEO und Vietnamveteran
GREGORY GLENN – Vorstandsvorsitzender und ehemaliger Mediziner; Hobby-Hühnerzüchter
Wissenschaftliche Forscher
JON WOLFF – mRNA-Pionier an der University of Wisconsin
ELI GILBOA – erzielte die ersten mRNA-Fortschritte an der Duke University
KATALYN KARIKÓ – in Ungarn geborene Forscherin, unermüdliche mRNA-Verfechterin
DREW WEISSMAN – arbeitete mit Katalin Karikó am mRNA-Durchbruch; Katzenfreund
DERRICK ROSSI – ein mRNA-Revolutionär, der half, Moderna zu gründen
LUIGI WARREN – ein Software-Techniker, der auf Biologie umsattelte und in Rossis Labor arbeitete
JASON MCLELLAN – Strukturbiologe; fand heraus, wie man die Idealform eines Spike-Proteins bewahrt
NIANSHUANG WANG – gebürtiger Chinese; war an bahnbrechender Corona-Forschung beteiligt
KIZZMEKIA CORBETT – eine Virus-Immunologin in Barney Grahams Labor
Wissenschaftler im Staatsdienst
ANTHONY FAUCI – bekanntester amerikanischer Experte für Infektionskrankheiten
BARNEY GRAHAM – Vizedirektor des Vaccine Research Center; ständig auf der Jagd nach RSV-Impfstoffen; arbeitete bei Moderna am Covid-19-Impfstoff
JOHN MASCOLA – Leiter des Zentrums für Impfstoffforschung am NIAID, dem National Institute of Allergy and Infectious Deseases im US-Bundesstaat Maryland
MicroGeneSys
FRANK VOLVOVITZ – Firmengründer; widmete sich der Jagd nach einem AIDS-Impfstoff
Ende Januar 2020 reiste ich mit meinen beiden Söhnen nach Europa und in den Nahen Osten. Wir hatten Berichte über ein Virus gelesen, das Anlass zu ernster Sorge gab und sich in Zentralchina ausbreitete, wahrscheinlich auch anderswo. Die Bedrohung schien aber nicht akut oder besonders schwerwiegend zu sein. Als wir durch den Flughafen Heathrow gingen, bestanden meine Söhne darauf, behelfsmäßige Gesichtsmasken zu tragen; aber ich zog meine herunter. Die Gesundheitsbehörden versicherten, die Masken seien nutzlos, vielleicht sogar gefährlich. Anscheinend kam alle paar Jahre Besorgnis über irgendein neues Virus auf, doch die Erreger hatten selten eine überregionale Bedeutung. Zudem warfen mir andere Passagiere nervöse Blicke zu.
Wenige Wochen später hielt ein ansteckendes neues Virus die Welt in Geiselhaft und die verhängnisvollste Gesundheitskrise seit Jahrzehnten begann. Allenfalls während der AIDS-Krise in den 1980er-Jahren oder vielleicht während der Grippepandemie im Jahr 1918, der »Spanischen Grippe«, hatten so viele Menschen Angst um ihre Gesundheit und um ihr Wohlbefinden. Wie damals wurde die Furcht von Verwirrung und Unsicherheit begleitet. Niemand wusste, woher das neue Virus kam, das später als Auslöser von Covid 19 (Coronavirus Disease 19) identifiziert wurde und den Namen SARS-CoV-2 (Abkürzung für severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2 – Schweres Akutes Atemwegssyndrom Coronavirus Typ 2) erhielt. Niemand wusste, warum das Virus sich derart rasch ausbreitete und wie man es meiden oder aufhalten konnte. Klar war nur, dass jeder ein potenzielles Opfer war.
Im Sommer 2021 waren weltweit mehr als 4,5 Millionen Menschen an der Krankheit gestorben, die man Covid-19 taufte, und mehr als 200 Millionen waren erkrankt.1 In dieser Zahl sind über 600 000 Todesfälle in den USA enthalten – mehr als auf den Schlachtfeldern der beiden Weltkriege und in Vietnam zusammen.2 An vielen Tagen starben mehr als 3000 Amerikaner an der Krankheit. Es war, als wiederhole sich der 11. September 2001 Tag für Tag.3
Fast jede Familie war auf irgendeine Weise betroffen, auch meine. Einer meiner Söhne infizierte sich mit dem Virus, ebenso Verwandte und enge Freunde. Ein Onkel und ein Nachbar starben an Covid-19. So viel Schmerz, Zerstörung und Chaos, und schuld daran war ein öliges Bläschen aus Genen mit einem Durchmesser von etwa einhundert Nanometer, klein genug, um tausend Viruspartikel auf der Breite eines Haares unterzubringen.4
Politiker, Regierungsvertreter, Unternehmer und Gesundheitsbehörden waren auf die verheerendste Pandemie seit einem Jahrhundert nicht vorbereitet. Die Irrtümer, Versäumnisse und Verschleierungen nach dem ersten Auftreten der rätselhaften Atemwegserkrankung wurden zuerst im Januar 2020 in Wuhan, China, offenkundig und man könnte darüber mehrere Bücher füllen. Dieses Buch hat ein anderes Thema. Es berichtet, wie die Wissenschaft die Menschheit vor einer modernen Seuche schützte.
Ich begann die Jagd nach dem Impfstoff zu verfolgen, während sich die Welt im Frühjahr 2020 im Lockdown befand, und ich zog mich tief in mein Kellerbüro zurück, weil ich das Gebäude des Wall Street Journal im Zentrum von Manhattan nicht aufsuchen durfte. Bald unterhielt ich mich mit außergewöhnlichen und oft couragierten Wissenschaftlern, Managern und Forschern im Staatsdienst, die ihr Bestes gaben, um Impfstoffe zu entwickeln und der Pandemie Paroli zu bieten. Ihre Bemühungen und Heldentaten waren eine willkommene Ablenkung von der allgegenwärtigen Düsterkeit und Hoffnungslosigkeit.
Die Hindernisse, denen sie gegenüberstanden, waren enorm. Zu Beginn der Pandemie hielten es viele Experten im medizinischen Sektor für unwahrscheinlich, dass sichere und wirksame Impfstoffe produziert werden konnten, zumindest nicht in naher Zukunft. Immerhin war ein Mumps-Impfstoff bis 2020 das am schnellsten entwickelte Vakzin und auch dafür hatte man vier lange Jahre gebraucht. Im Durchschnitt dauerte es zehn Jahre bis zur Produktion eines Impfstoffs. Aber die Wissenschaftler hielten durch. Sie waren davon überzeugt, dass sie einen Weg kannten, Menschenleben zu retten, auch wenn sie an jeder Kurve unerwartete Dramen erlebten.
Ich beschloss, ihre Geschichte zu erzählen. Sichere und wirksame Impfstoffe innerhalb eines einzigen Jahres zu entwickeln, zu testen, herzustellen und auszuliefern ist eine Leistung, die in der modernen Wissenschaft nie zuvor erbracht wurde, und sie ist wohl einer der stolzesten Momente der Menschheit. Die Covid-19-Impfstoffe halfen – Stand Sommer 2021 – 279 000 Todesfälle und bis zu 1,25 Millionen zusätzliche Krankenhauseinweisungen zu verhindern.5
»Das ist in der Geschichte einmalig«, meint Eric Topol, der Direktor und Gründer des Scripps Research Translational Institute in San Diego. »Es wird als eine der größten Errungenschaften der Forschung in die Geschichte eingehen, vielleicht als ihre eindrucksvollste.«
Wenn der Erfolg viele Väter hat, dann haben historische, Leben rettende und unwahrscheinliche Triumphe wie die Covid-19-Impfstoffe Väter, Mütter, Großeltern und allerlei entfernte Verwandte, von denen viele behaupten können, Teil des Stammbaums zu sein. Die Durchbrüche ereigneten sich beinahe über Nacht, aber alle sind das Ergebnis jahrelanger Hingabe, Kreativität und auch Enttäuschung. Bahnbrechende Akademiker legten den Grundstein für die Impfstoffe, obwohl sie oft mit Skepsis und sogar Hohn konfrontiert waren. Erfinderische Wissenschaftler überstanden erfolgreich Jahre von Fehlschlägen. Und Unternehmenschefs mit visionärer Vorstellungskraft gefährdeten ihre Karriere und ihren Ruf, indem sie völlig neue Wege gingen oder diese Wege unterstützten.
Am faszinierendsten ist vielleicht, wer im Rennen um den Impfstoff keinen Erfolg hatte. Viele der größten Arzneimittel- und Impfstoffhersteller reagierten nur langsam auf die Pandemie oder hatten keine zielführende Strategie.
Für sie sprangen Individuen ein, die sich noch nicht bewährt hatten und mit denen niemand rechnete; sie versuchten, die Zivilisation zu retten. Ein französischer Manager, den manche für einen Fantasten hielten; ein türkischer Einwanderer, der wenig über die Arbeit mit Viren wusste; ein schrulliger Typ aus dem Mittleren Westen der USA, der von Insektenzellen besessen war; ein Wissenschaftler in Boston, der fragwürdige, vielleicht sogar gefährliche Methoden anwandte; ein britischer Forscher, den seine Kollegen hassten.
Sie alle verbrachten fern des Rampenlichts Jahre damit, innovative Impfstoffe zu entwickeln. Noch 2020 konnten sie kaum Erfolge vorweisen. Aber sie und ihre Kollegen wollten einem infektiösen Virus Einhalt gebieten, das die Welt als Geisel hielt. Sie rissen sich darum, ihre Lebensarbeit innerhalb von Monaten in schützende Impfstoffe umzuwandeln, und jeder von ihnen wollte unbedingt den großen Durchbruch schaffen und seine Konkurrenten ausstechen, um den Ruhm zu ernten, den ein Impfstoff garantierte.
Ihre erfolgreichen Bemühungen werfen eine Reihe von wichtigen Fragen auf. Warum waren unbeachtete Wissenschaftler diejenigen, die die Zivilisation retteten? Warum waren ihre Methoden so erfolgreich, obwohl sie so lange übersehen worden waren? Wie können wir uns mithilfe der jüngsten Fortschritte und Verfahren auf künftige Pandemien vorbereiten? Welche tückischen Krankheiten werden diese revolutionären Forscher als Nächstes besiegen?
Dieses Buch stützt sich auf Gespräche mit mehr als dreihundert Wissenschaftlern, Akademikern, Managern, Staatsbediensteten, Investoren und anderen Personen, die beim Kampf gegen Covid-19 eine wichtige Rolle spielten oder den Grundstein für den Erfolg legten, und es versucht, diese und andere Fragen zu beantworten. Ich hatte Zugang zu hochrangigen Funktionsträgern, Forschern und anderen Beteiligten bei Moderna, BioNTech, Pfizer, Johnson & Johnson, der Oxford University, Novavax und anderen Unternehmen und Institutionen, die wichtige, oft unterschätzte Beiträge leisteten. Das Buch basiert auf den Berichten und Erinnerungen der Menschen, die selbst Zeugen der geschilderten Ereignisse waren oder davon erfuhren. Ich habe mein Bestes getan, um alle Fakten, Ereignisse und Zitate nachzuprüfen, und bin jedem Gesprächspartner zu großem Dank verpflichtet, der seine Zeit opferte, um Beobachtungen, Erinnerungen und Einsichten mit mir zu teilen.
Diese Geschichte handelt von Mut, Entschlossenheit und todesmutigem Erfindergeist, aber auch von hitzigen Rivalitäten, lähmender Unsicherheit und ungezügeltem Ehrgeiz. Ich habe versucht, sie so zu erzählen, dass sie nicht nur Menschen in der Welt der Wissenschaften anspricht, sondern auch Laien. Es geht um modifizierte Nukleoside, Strukturbiologie und Lipid-Nanopartikel, aber auch um Rivalitäten, Intrigen in Unternehmen und übergroßen Ehrgeiz. Doch vor allem handelt die Geschichte des Covid-19-Impfstoffs von Heldenmut, Hingabe und erstaunlicher Ausdauer.
Wir leben im Zeitalter der Krankheitsausbrüche. Jedes Jahr dringen Menschen tiefer in die Natur ein und vergrößern die Gefahr, dass Krankheitserreger von Tieren auf Menschen übergreifen und die ganze Menschheit bedrohen. Der globale Reiseverkehr macht es neuen Pathogenen leichter denn je, sich auszubreiten. Die Lehren aus der Jagd nach dem Impfstoff werden Wissenschaftler, Politiker und andere wachrütteln, wenn – oder sobald – wir einem anderen tödlichen Erreger gegenüberstehen.
Diese Geschichte erzählt, was richtig gemacht wurde.
Uğur Şahin schwitzte.
Es war Anfang Oktober 2019 und Şahin stand auf einem Parkplatz in Kansas City, Missouri, in der glühenden Nachmittagssonne. Er war mit einigen Kollegen wochenlang kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und Europa gereist und hatte versucht, bei Investoren Interesse für BioNTech zu wecken, das deutsche Biotechnologie-Unternehmen, das er gegründet hatte.
Die Reise war nicht sehr erfolgreich. Şahin hatte potenziellen Geldgebern erklärt, BioNTech entwickle Impfstoffe und Therapien, um verschiedene Krebsarten und Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Eine seiner Methoden bestand darin, ein Molekül namens Messenger-RNA oder mRNA zu verwenden, um Informationen in den Körper zu transportieren, die diesen befähigten, Krankheiten abzuwehren. Die Firma brauchte Geld aus einem Börsengang, um ihre Forschungen fortsetzen zu können.
Die Investoren mochten Şahin. Er beeindruckte sie mit seinem umfangreichen Wissen, er berief sich auf Fakten und zitierte aus unbekannten Forschungsberichten. Ihnen gefiel auch sein Engagement für BioNTech, das Impfstoffe gegen Dutzende von Krankheiten entwickeln wollte. Şahin war überzeugt, man könne dem Immunsystem beibringen, Krankheiten zu bekämpfen, und er hatte mehr als zwei Jahrzehnte seines Lebens damit verbracht, diese Überzeugung in die Tat umzusetzen.
Er sprach leise und ernst und trug bei den Besprechungen elegante Geschäftsanzüge anstelle seiner üblichen T-Shirts. Ein Anzughemd mit offenem Kragen gab den Blick auf ein türkisches Amulett frei, das er um den Hals trug. Şahin hatte kurz geschnittenes Haar, buschige Augenbrauen und braune Augen, die groß waren, so wie seine Ohren. Einige Investoren hatten sich über ihn informiert und wussten, dass er ein wenig anders war als die meisten anderen Biotechniker. Er war ein 53-jähriger Einwanderer aus der Türkei und lebte in einer bescheidenen Wohnung in Mainz. Jeden Morgen fuhr er mit dem Fahrrad zu BioNTech, das er zusammen mit seiner Frau Özlem Türeci leitete, die ebenfalls Krebsforscherin war.
So sehr sie Şahin auch mochten, die Investoren hatten Zweifel an seinem Unternehmen und dessen Strategie. BioNTech bestand seit elf Jahren, aber ein zugelassener Impfstoff war nicht in Reichweite. Nur ein Medikament befand sich in einer fortgeschrittenen Versuchsphase (Phase 2) und nur 250 Patienten waren jemals mit den Impfstoffen der Firma behandelt worden. Forscher auf der ganzen Welt hatten jahrzehntelang ohne großen Erfolg versucht, mit mRNA zu arbeiten. Einige Gesundheitsexperten hielten die Idee für blanken Unsinn und deuteten an, BioNTech vergeude seine Zeit. Zudem war die Zeit für Aktienverkäufe sehr ungünstig: Der Aktienmarkt stand unter Druck, Biotechnik-Aktien welkten dahin und nur wenige Investoren wollten eine Menge Geld in eine deutsche Firma stecken, die kaum Erfolg versprach.
Während Şahin mit einem Handy am Ohr auf dem Parkplatz stand, sprach er mit einem weiteren Investor und versuchte, dessen Interesse an BioNTech zu wecken. Er war müde und angespannt. Nach dem Gespräch berichtete er seinem Team, der Investor wolle nur Aktien erwerben, wenn BioNTech den Preis senke.
Şahin und seine Kollegen mussten sich entscheiden. Die Alternativen waren hässlich: Sie konnten den Börsengang abblasen oder den Preis drastisch senken und hoffen, dass dann genügend Geldgeber zugreifen würden. Einige leitende Mitarbeiter drängten sich um ihn, andere saßen in ihrem offenen schwarzen Kleinbus und versteckten sich vor der glühenden Sonne. Es war eine lange Reise gewesen und sie waren mehr als bereit, in die Heimat zurückzukehren.
»Wir müssen uns entscheiden«, sagte Şahin zu seinem Team. Und er entschied, dass sein Unternehmen das Geld brauchte und Aktien verkaufen musste, unabhängig vom Preis. Ein paar Tage später läutete er mit einem matten Lächeln im Gesicht die Glocke zum Handelsstart an der New York Stock Exchange. Die Firma nahm durch den Börsengang 150 Millionen Dollar ein, etwas mehr als die Hälfte des erhofften Betrags. Trotz des geringen Preises fielen die Aktien am ersten Handelstag um mehr als fünf Prozent.
Şahin kümmerte sich nicht um die Reaktion der Investoren. Eines Tages würden sie zu schätzen wissen, was er und sein Unternehmen erreichen wollten.
Dessen war sich Şahin sicher.
. . .
Stéphane Bancel war Ende 2019 mit noch größeren Zweifeln konfrontiert. Der 47 Jahre alte Franzose mit vollen Lippen, Grübchenkinn und, von Steve Jobs inspiriert, einer Vorliebe für Stehkragen-Shirts leitete in Boston seit acht Jahren eine Biotechfirma namens Moderna. Damals war er eher für seine Überzeugungskraft bekannt als für irgendwelche wissenschaftlichen Leistungen. Er besaß ein einzigartiges Talent, Investoren davon zu überzeugen, dass Moderna bei seiner Suche nach sicheren und wirksamen Impfstoffen und Medikamenten auf mRNA-Basis Erfolg haben würde. Bei den meisten Wissenschaftlern löste diese Idee jedoch Gelächter aus. Sie wussten ja, dass mRNA zu instabil war, um im Körper Proteine (Eiweiße) zu bilden, jedenfalls nicht zuverlässig und dauerhaft.
Sollte jemand eine wirksame mRNA herstellen können, dann mit Sicherheit nicht Bancel, meinten die Skeptiker. Sie alle kannten die Geschichten über Bancel, der in seiner Anfangszeit bei Moderna immer wieder seine Mitarbeiter angetrieben und genervt hatte.
»Die Hälfte von euch wird in einem Jahr nicht mehr hier sein«, sagte Bancel einmal unverblümt während einer Besprechung mit nervösen Angestellten.
Im Jahr 2019 war er ausgeglichener. Er hatte ein loyales Team aufgebaut, das an die großen Chancen eines mRNA-Impfstoffs glaubte. Eines Tages, versprach er seinen Leuten, werde ihre Technologie Leben retten. »Wir werden das Unternehmen sein, das auf eine Krise reagieren kann«, versicherte er ihnen.
Doch außenstehende Forscher und Investoren sowie einige Journalisten hegten den Verdacht, dass Bancel die Fähigkeiten seiner Firma übertrieben darstellte. Ein paar Jahre zuvor hatte eine angesehene wissenschaftliche Zeitschrift Bancel sogar mit Elizabeth Holmes verglichen, der in Ungnade gefallenen Chefin des Start-ups Theranos, das Bluttests verkaufte, die nicht funktionierten. Auch Holmes hatte mühelos Investoren gefunden und trug gerne schwarze Stehkragen-Shirts.
Ende 2019 hatten die Querschüsse ihren Tribut gefordert. Die Moderna-Aktie lag 15 Prozent unter dem Einführungskurs vor einem Jahr. Das machte es Bancel schwer, neue Geldgeber zu finden. Einige Investoren ärgerten sich darüber, dass die Firma ihren Fokus auf Impfstoffe verlagert hatte, ein überlaufenes und schwieriges Forschungsgebiet mit begrenztem Profitpotenzial. Moderna war gezwungen, seine Ausgaben zu kürzen. Die Wissenschaftler bei Moderna waren stolz auf ihre Fortschritte und hielten die Kritik für ungerecht. Sie injizierten mRNA-Moleküle mit jeder Menge genetischer Instruktionen, die dem Immunsystem beibringen konnten, Krankheiten abzuwehren. Moderna arbeitete sogar mit Anthony Fauci zusammen, dem obersten Vertreter der US-Regierung für das Thema Infektionskrankheiten. Modernas mRNA-Techniken faszinierten Fauci und sein Team immer mehr.
Allerdings hatte Moderna seine Impfstoffe erst bei wenigen Menschen getestet. Und wie Şahin und BioNTech war Bancels Unternehmen noch weit von einem zugelassenen Impfstoff entfernt. Moderna plante seine allererste klinische Phase-II-Studie für einen Impfstoff, und eine Phase-III-Studie für irgendeines seiner Produkte lag noch in weiter Ferne. Die Firma hoffte, Ende 2023 einen Impfstoff auf den Markt zu bringen.
. . .
Ende 2019 flog Bancel mit seiner Frau und seinen Töchtern nach Europa, um die Urlaubszeit in einem Haus zu verbringen, das er in Südfrankreich besaß. Davor wollte er seine Mutter in Paris besuchen. Für ihn war das eine Chance, dem Druck zu entfliehen, unter dem er als Firmenchef stand, und dem Druck, sich mit den Zweiflern auseinanderzusetzen.
Eines Morgens, kurz nach Neujahr, wachte er früh auf und ging in die Küche, bemüht, seine schlafenden Töchter nicht zu wecken. Er machte sich einen Earl-Grey-Tee, dann griff er nach einem alternden iPad auf dem Tisch, las seine E-Mails und scrollte durch die neuesten Nachrichten. Ein Bericht ließ ihn abrupt innehalten: In Südchina breitete sich eine Lungenkrankheit aus.
Bancel schickte einem wissenschaftlichen Berater der US-Regierung eine E-Mail. »Wissen Sie, was das ist?«, fragte er.
Der Wissenschaftler hatte die Nachricht über den Krankheitsausbruch ebenfalls verfolgt. Niemand kannte seine Ursache.
Bancel ging die Epidemie nicht aus dem Kopf. Vielleicht konnte sein Team etwas dagegen tun, dachte er. Vielleicht konnten sie endlich beweisen, dass mRNA wirkte. Er verschickte eine E-Mail nach der anderen und jede war dringlicher als die vorherige.
»Was gibt’s Neues?«
»Weißt du es schon?«
»Ist es ein Virus?«
Der Regierungsberater versprach, Bancel zu informieren, sobald er die Ursache der Krankheit erfuhr. Als Bancel und seine Familie ein paar Tage später nach Boston zurückflogen, dachte er immer noch an die Epidemie. Seine Forscher bereiteten sich seit Jahren auf den Kampf gegen Viren vor, doch bisher war es ihnen nicht einmal annähernd gelungen, auch nur ein Virus zu besiegen. Er bezweifelte, dass die Krankheit in China eine große Sache war.
Oder vielleicht doch?
»Vorher und Nachher. Die Epidemie spaltete Leben in zwei Hälften, so wie ein großer Krieg oder eine schwere Wirtschaftskrise ein allgemein nachvollziehbarer Bezugspunkt ist, der eine ganze Gesellschaft definiert.«
Randy Shilts,And the Band Played On1
Henry Masur war am Verzweifeln. Der Mann vor ihm war kurzatmig, er fieberte und hörte nicht auf zu husten. Masur, ein 33 Jahre alter Belegarzt, der seit einer Woche im New York Hospital in Manhattans Upper East Side arbeitete, ordnete eine Reihe von Tests an, konnte die Symptome des Patienten aber nicht einordnen. Bei dem jungen Mann, einem Sicherheitsbediensteten in einem anderen Krankenhaus in Manhattan, lag anscheinend keine Grunderkrankung vor. Zwischen keuchenden Atemzügen berichtete der Patient, er habe schon mehrere Kliniken und Ärzte in New York aufgesucht und niemand habe ihm helfen können.
Der Puls des Mannes raste und seine Sauerstoffsättigung nahm drastisch ab. 95 Prozent ... 94 ... 93. Bei einem weiteren Rückgang drohte ihm der Tod. Masur konnte sich nicht erklären, womit er es zu tun hatte. Ein gefährlicher Stamm von Tuberkulosebakterien? Ein neuer Pilz? Etwas noch Gefährlicheres? Er konsultierte Kollegen und durchforstete die medizinische Literatur, fand aber keine Antwort.
Die Zeit drängte. Masur brauchte mehr Informationen. Er entschloss sich zu einer Operation – ein hohes Risiko angesichts des schlechten Zustandes, in dem sich sein Patient befand.
Ich muss mir ein Stück seiner Lunge beschaffen.
Stunden später blickte ein Pathologe im Krankenhaus von seinem Mikroskop auf und lieferte eine Antwort. Der junge Mann litt an Pneumocystis-carinii-Pneumonie (PcP).
Masur war verblüfft. Zufällig war er einer der wenigen Experten für diese Art von Lungenentzündung. Als er einige Jahre zuvor dank eines Stipendiums in einem Zentrum für Infektions- und Tropenkrankheiten gearbeitet hatte, war er der jüngste Mitarbeiter des Labors gewesen und es hatte nur wenige Mikroorganismen gegeben, die er studieren konnte. Malaria und all die anderen interessanten, schlagzeilenträchtigen Infektionen, Erreger und Epidemien waren bereits erforscht. Masur blieb nur die PcP. Seine Kollegen versuchten, ein Kichern zu unterdrücken. Einst hatte diese Lungenentzündung Hunderte von unterernährten Kindern in Osteuropa und anderswo befallen. Doch in den späten 1970er-Jahren litten in den USA jährlich nur noch etwa 70 Patienten daran. Fast alle hatten ein schwaches Immunsystem, beispielsweise weil man bei ihnen als Krebspatienten eine Transplantation vorgenommen hatte. Masurs Laborleiter versicherte ihm, es lohne sich, diese Infektion zu studieren; doch Masur wusste, dass er wahrscheinlich nie einem Patienten mit PcP begegnen würde.
Und jetzt, im Herbst 1979, war er mit einem solchen Fall konfrontiert, in seiner ersten Woche als Belegarzt. Und sein Patient war ein gesunder Erwachsener. Das war schier unmöglich.
Masur beschloss, ein Medikament zu verabreichen, das damals bei leukämiekranken Kindern mit der gleichen Infektion getestet wurde. Dadurch stabilisierte sich der Zustand seines Patienten so, dass er das Krankenhaus verlassen konnte. Doch bevor Masur sich entspannen konnte, stieß er auf weitere Fälle dieser seltenen Lungenentzündung. Genauso erging es Ärzten in anderen New Yorker Krankenhäusern und in Chicago, Atlanta, Los Angeles und San Francisco.
Masur ist eins fünfundachtzig groß, hat eine hohe Stirn und pechschwarzes Haar und war ein Grübler, vor allem, wenn er mit wichtigen Entscheidungen und schwierigen Situationen konfrontiert war. Er neigte dazu, sich an Problemen festzubeißen, bis er eine Lösung fand. Während er nach einem weiteren langen Tag nach Hause ging, überquerte er langsam die Straße und ging zu seiner Wohnung, die der Klinik gehörte und nur ein Schlafzimmer hatte. Dabei versuchte er, sich auf all die Männer mit der einst seltenen Krankheit einen Reim zu machen. Am Abend diskutierte er mit seiner Frau, einer Krankenschwester der Klinik, über diese Fälle und die beiden suchten nach einer Erklärung.
Einige Monate später war Masurs erster Patient gestorben und überall auf der Welt kamen immer mehr verzweifelte, leidende, junge Männer zu ihm und seinen Kollegen. In London taumelten Patienten, die mit PcP und anderen rätselhaften Infekten und Tumoren kämpften, ins St. Stephen’s Hospital in Chelsea und den Ärzten in dem 100 Jahre alten Krankenhaus fiel auf, dass diese Patienten entweder schwul waren oder sich Drogen injizierten. Doch diese Beobachtungen konnten nicht erklären, worum es sich bei der Krankheit handelte und wie man sie heilen konnte. Sie wussten, dass irgendetwas die Männer anfällig für diese seltene Krankheit machte, aber sie hatten keine Ahnung, was es war.
Die Ärzte waren verwirrt. Wenige Monate zuvor waren sie noch zuversichtlich gewesen. Im vergangenen Jahrzehnt hatte die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Krankheiten aller Art, einschließlich Herzerkrankungen, Diabetes und einiger Krebsarten, konnten jetzt verhindert und behandelt werden. Hochwirksame Antibiotika und präzise diagnostische Tests waren jetzt verfügbar und die moderne Medizin stand anscheinend kurz davor, die meisten Infektionskrankheiten auszurotten.
Jetzt waren die Ärzte mit einer Krankheit konfrontiert, die sie nicht eindämmen, behandeln oder auch nur verstehen konnten. Furcht und Frustration machten sich breit.
»Außer Mitgefühl und Schmerzlinderung hatten wir gar nichts zu bieten«, erinnert sich Jeremy Farrar, der damals ein junger Arzt im St. Stephen’s war. »Das hinterlässt eine lebenslange Narbe.«
Experten für Infektionskrankheiten fühlten sich besonders hilflos. Viele hatten sich für ihr Fachgebiet entschieden, weil sie Patienten heilen wollten. Es genügte ihnen nicht, eine Krankheit nur zu lindern oder in Schach zu halten – das war oft alles, was Ärzte, die Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einige andere Krankheiten behandelten, sich erhoffen konnten.
»Ich möchte einen Patienten untersuchen, eine Diagnose stellen, ihn behandeln und zusehen, wie es ihm besser geht«, sagt H. Clifford Lane, der in einem Labor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) arbeitete, das Teil der National Institutes of Health ist. »Jetzt trafen wir plötzlich Patienten in unserem Alter und konnten sie nicht behandeln. Wir wussten nicht einmal, woran sie litten.«
Forscher kamen zu dem Schluss, dass sich die meisten Menschen die unbekannte Krankheit durch sexuelle Kontakte zuzogen, denn Viren durchdringen die Schleimhäute, die die Geschlechtsorgane, den Enddarm und andere Körperhöhlen auskleiden. Andere infizierten sich durch den Blutkreislauf, bisweilen indem sie Nadeln austauschten. Im Jahr 1982 gaben die Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta (eine dem US-Gesundheitsministerium unterstellte Behörde) der Krankheit einen Namen: aquired immune deficiency syndrome (erworbenes Immunschwächesyndrom), kurz AIDS. Forscher des Pasteur-Instituts in Paris und des Nationalen Krebsinstituts in Washington fanden heraus, dass ein neues humanes Retrovirus, später Humanes Immunschwächevirus oder HIV genannt, AIDS verursachte.
Das Virus breitete sich rasch aus. Bei fünf schwarzen Kleinkindern, die ins Albert Einstein College of Medicine in New York eingewiesen wurden, traten Anzeichen von schwerer Immunschwäche auf. Die Angst wuchs, selbst bei Medizinern, die an Krankheit und Tod gewöhnt worden. Einige Pathologen weigerten sich, Obduktionen vorzunehmen, weil sie fürchteten, sich anzustecken. In der Bevölkerung herrschte Panik. Als sich später in Indiana ein Teenager namens Ryan White durch kontaminierte Blutprodukte infizierte, mit denen seine Hämophilie behandelt werden sollte, zwangen ängstliche Eltern die Schule, den Jungen vom Unterricht auszuschließen.
Regierungsvertreter versuchten, die Krankheit zu verstehen und herauszufinden, wie man ihr Einhalt gebieten konnte. Einige von ihnen waren zunächst erstaunlich unwissend. Als Mitarbeiter und Vertreter der zuständigen Behörden im Jahr 1983 Margaret Heckler, die US-Gesundheitsministerin, über die Krankheit informierten, war sie leicht verwirrt, was eine bestimmte Übertragungsart betraf.
»Analverkehr?«, fragte Heckler und wandte sich dann einem engen Berater zu, der schwul war. »So was macht ihr?«
»Ich finde, darauf sollten wir später zurückkommen«, schlug ein anderer Mitarbeiter vor.
Als die Wissenschaftler die Krankheit besser verstanden, wurden einige von ihnen optimistischer und glaubten, sie könnten einen Impfstoff entwickeln, vielleicht sogar bald. Ja, es hatte rund fünf Jahrzehnte gedauert, Impfstoffe gegen Typhus, Polio und Masern zu produzieren, nachdem die Ursachen ermittelt worden waren, aber die Medizin machte schnelle Fortschritte. Bei einer Pressekonferenz am 23. April 1984 äußerte Heckler sich zuversichtlich. Eine Lösung zeichne sich bereits ab.
»Wir hoffen, in ungefähr zwei Jahren einen Impfstoff testen zu können«, teilte sie den Journalisten mit.
Wissenschaftler, die für die Regierung arbeiteten und Heckler aufs Podium gefolgt waren, zeigten sich ähnlich optimistisch. Sie hatten die Geschichte auf ihrer Seite: Die meisten Epidemien endeten, sobald Impfstoffe zur Verfügung standen. Nur wenige Forscher waren so angesehen wie diejenigen, die Impfstoffe entwickelten und damit Seuchen und Krankheiten auslöschten. Sie galten oft als lebende Legenden, selbst wenn ihre Beiträge ein wenig übertrieben wurden.
. . .
Im Sommer 1774 bemerkte ein Bauer namens Benjamin Jesty in Südengland, dass eine seiner Melkerinnen gegen Pocken immun zu sein schien. Die junge Frau, Anne Notley, hatte vor einiger Zeit eine Familie versorgt, die mit Pocken infiziert war, einer Krankheit, die drei von zehn Erkrankten tötete und bei anderen zu Erblindung und anderen Komplikationen führte. Dennoch blieb sie gesund. Jesty wusste, dass Notley wie andere Melkerinnen sich früher mit Kuhpocken infiziert hatte, einer weniger schweren Krankheit, die von den Eutern erkrankter Kühe ausging.
Jersey hatte eine Idee. Er schabte mit einer Stricknadel seiner Frau Eiter von einer seiner Kühe ab, die Kuhpockensymptome aufwies. Dann infizierte er absichtlich seine Familie damit. Später, als die Pocken in der Gegend wüteten, waren seine Angehörigen davor geschützt. Anschließend forderte er sein Glück ein wenig heraus und infizierte seine Söhne absichtlich mit Pocken. Immer noch kein Anzeichen für eine Erkrankung.[1] Seine Mitbürger waren keineswegs erfreut. Sie fürchteten, Jestys Nadelarbeit werde seine Angehörigen in »gehörnte Bestien« verwandeln. Die Familie Jesty musste auf die britische Halbinsel Purbeck am Ärmelkanal fliehen.3
Die Nachricht, dass Jesty gegen Pocken impfte (und dass seine Familie keine Hörner bekommen hatte), sprach sich herum und britische Ärzte begannen, ähnliche Versuche zu machen. Im Jahr 1796 impfte ein Arzt namens Edward Jenner einen achtjährigen Jungen mit Windpocken und als er das Kind später mit Pocken infizierte, blieb es gesund und wies nicht einmal Anzeichen für eine lokale Entzündung oder Infektion auf. Also impfte Jenner auch andere Menschen. Anders als Jesty evaluierte Jenner seine Probanden, analysierte die Ergebnisse mit wissenschaftlicher Genauigkeit und veröffentlichte seine Befunde. Bald setzte sich die Impfung im Land und später auf der ganzen Welt als Schutz vor Pocken durch. Jestys Kreativität wurde übersehen, als Jenners Biograf den ersten Impfstoff der Menschheit Jenners Beobachtung zuschrieb, dass eine hübsche Melkerin im Ort gegen Pocken immun war. Das Bild der Melkerin war anscheinend denkwürdiger als Jestys schmutzige Nadel.
Auch andere Impfpioniere bewiesen Originalität, obwohl sie ebenfalls Kontroversen auslösten. In den 1940er-Jahren beispielsweise begann ein junger Virologe namens Jonas Salk Forschungsarbeiten zu veröffentlichen, die in ihren Schlussfolgerungen durchaus einfallsreich waren. Sie riefen aber auch Kritiker auf den Plan, zum Teil deshalb, weil die genannten Ergebnisse sich oft auf nur wenige Daten stützten.
»Ich extrapolierte, weil ich stets der Meinung war, das sei ein zulässiges Mittel, wissenschaftliche Ideen und Diskussionen zu provozieren«, erklärte Salk später. »Ich wagte Voraussagen, weil ich der Meinung war, sie seien das Wesen des wissenschaftlichen Denkens. Die Tatsache, dass weder die Extrapolation noch die Vorhersage in Virologenkreisen beliebt waren, hielt ich für eine Schande.«4
Salk suchte mehrere Jahre lang nach einem Impfstoff gegen Polio, eine Infektionskrankheit, die jedes Jahr Tausende von Menschen das Leben kostete und Zehntausende paralysierte, darunter viele Kinder. Damals versuchten die meisten Wissenschaftler, funktionsfähige, aber geschwächte Viren zu spritzen, ähnlich wie Jesty im Kampf gegen die Pocken. Salk ging anders vor. Er züchtete in seinem Labor in der University of Pittsburgh Viren und tötete oder inaktivierte die Erreger, indem er die Nährlösung mit Formaldehyd versetzte. Diese Methode hatte sich bei Impfstoffen gegen Röteln und Cholera bewährt. Salk testete seine Impfstoffe bei Tausenden von Kindern und sogar bei seiner eigenen Familie. So bewies er 1953, dass sie bei über 60 Prozent der Geimpften wirkten. Seine Ergebnisse lösten überall in den Vereinigten Staaten fröhliche Zusammenkünfte und andere Festivitäten aus. Das dankbare Land feierte Salk als Helden und sein Bild erschien auf den Titelseiten der Zeitungen und Zeitschriften sowie in den Fernsehnachrichten. Später führte sein erbitterter Rivale Albert Sabin eine Schluckimpfung ein, die auf einer abgeschwächten Version des Virus basierte, und auch sie erwies sich als wirksam. Zusammen rotteten die beiden Impfstoffe die Polioepidemie fast auf der ganzen Welt aus.
Alle Impfstoffe wirken im Wesentlichen auf die gleiche Weise: Sie bringen dem komplexen Immunsystem des Körpers bei, Pathogene (Krankheitserreger) abzuwehren, und versetzen es in die Lage, das zu tun. Das Immunsystem verfügt über zwei Verteidigungslinien. Eine schnell reagierende erste Abwehrfront, das »angeborene« Immunsystem, besteht aus verschiedenen weißen Blutkörperchen, unter anderem aus Makrophagen, dendritischen Zellen und natürlichen Killerzellen, die die Eingänge in den Körper bewachen – Haut, Nase, Rachen und so weiter –, um Viren und andere Eindringlinge aufzuspüren und abzuwehren.
Das angeborene Immunsystem muss Pathogenen nicht vorher ausgesetzt gewesen sein, um gegen sie aktiv zu werden; aber es hat bisweilen Mühe, mit besonders mächtigen oder schlauen Erregern fertig zu werden. An solchen schwierigen Kämpfen beteiligt sich das »adaptive« Immunsystem (auch erworbenes oder spezifisches Immunsystem genannt). Wenn es eine Gefahr wahrnimmt, aktiviert es andere Arten von weißen Blutzellen, unter anderem T-Zellen, die spezifische Pathogene erkennen, und B-Lymphozyten oder B-Zellen, die starke Antikörper bilden, um die Erreger zu bekämpfen.
Diese Zellen arbeiten effizienter als die Zellen des angeborenen Immunsystems. T-Zellen spielen eine wichtige defensive Rolle, während B-Zellen Bataillone von Antikörpern produzieren, die spezifisch darauf trainiert werden, Invasoren anzugreifen. Das Problem ist, dass das adaptive Immunsystem zwar stark, aber ein wenig langsam ist. Es braucht Zeit, um zu entscheiden, ob ein Eindringling so gefährlich ist, dass T-Zellen und B-Zellen in ausreichender Zahl ausgesandt werden müssen, um ihn zu abzuwehren. Das verschafft einem Virus die Chance, seine Position zu festigen und Körperzellen zu infizieren.
Hier kommen Impfstoffe ins Spiel. Traditionelle Vakzine enthalten abgeschwächte oder abgetötete Versionen von ansonsten gefährlichen Pathogenen. Wenn Krankheitserreger in den geimpften Körper eindringen, lösen sie die adaptive Immunantwort aus, die sie verfolgt und unschädlich macht. Die Pathogene im Impfstoff sind harmlos, aber der Körper bekämpft sie trotzdem und behandelt sie so, als wären sie eine gefährliche Armee. Das adaptive Immunsystem kann die simulierte Schlacht nicht vergessen und fährt damit fort, Antikörper auf Patrouille zu schicken und nach Anzeichen für den Erreger Ausschau zu halten. Gleichzeitig werden die Antikörper so trainiert, dass sie auf Angriff umschalten, sobald ein echter Feind eindringt, der dem harmlosen Pathogen im Impfstoff ähnlich ist.
Da Impfstoffe meist abgeschwächte oder inaktivierte Viren enthalten, kommt es selten vor, dass sie den Körper mit der Krankheit infizieren, die sie verhindern sollen. Jahre nach Salks und Sabins Durchbrüchen führten Wissenschaftler neue Impfstoffe ein, die auf anderen Wirkmechanismen beruhen; aber auch sie verfolgen das gleiche Ziel: das Immunsystem zu aktivieren und ihm beizubringen, wie es künftige Invasoren unschädlich machen kann.
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In den 1980er-Jahren waren die Wissenschaftler lange Zeit überzeugt, sie könnten einen wirksamen HIV-Impfstoff entwickeln. Das lag zum Teil daran, dass sie bei der Erforschung des Virus schnelle Fortschritte machten. Flossie Wong-Staal, eine Molekularbiologin, die im Labor des berühmten Forschers Robert Gallo arbeitete, trug dazu bei, das HI-Virus als Ursache von AIDS zu entlarven. Sie klonte das Virus und entdeckte einen Teil seiner Wirkmechanismen. So konnte sie zeigen, wie das HI-Virus dem Immunsystem entkommt. (Wong-Staal und Gallo fanden sogar Zeit für eine romantische Beziehung und hatten ein gemeinsames Kind.)
Doch bald standen die Mediziner vor entmutigenden Herausforderungen. Das HI-Virus hatte eine ungewöhnlich hohe Mutationsrate und die teuflische Fähigkeit, dem Immunsystem zu entwischen. Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass es zu gefährlich sei, einen Impfstoff mit inaktivierten oder abgeschwächten Viren zu entwickeln. Sie fürchteten, das Virus werde sich als Teil eines Vakzins ungehindert vermehren oder zu einem noch gefährlicheren Erreger mutieren. Die Sorgen waren auch deshalb berechtigt, weil viele Opfer der Krankheit bereits ein geschwächtes Immunsystem hatten. Das erklärt zum Teil, warum die meisten bekannten Pharmaunternehmen, darunter Merck und Upjohn, wenig Interesse hatten, einen Impfstoff zu entwickeln – die Hindernisse schienen zu groß.
Ebenso schwierig war es, Medikamente zu entwickeln, die das HI-Virus beseitigen oder wenigstens hemmen konnten. Eine der größten Herausforderungen bestand darin, dass die Wissenschaftler nicht wussten, wie sie das Virus daran hindern konnten, sich im Körper zu replizieren. Im März 1987, drei Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus als Ursache von AIDS, ließ die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) das erste Medikament für die Behandlung der Krankheit zu: Azidothymidin oder AZT. Die Nachricht löste weltweit Hoffnung und Aufregung aus, aber auch grausame Enttäuschung. AZT, ein misslungenes Krebsmittel, half vielen Patienten nach mehreren Monaten nicht mehr, weil das Virus eine ungewöhnliche Fähigkeit entwickelte, gegen das Medikament immun zu werden. Zudem war AZT teuer und hatte gefährliche Nebenwirkungen, vor allem in den hohen Dosen, die die meisten Ärzte verordneten.
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Als sich die AIDS-Epidemie Ende der 1980er-Jahre verschlimmerte, wurden die US-Streitkräfte – in der junge, sexuell aktive Männer dienten – besonders hart getroffen. Militärärzte schauten hilflos zu, wie die Zahl der CD4-Zellen (T-Helferzellen genannt, weil sie den Gegenangriff des Immunsystems leiten) drastisch abnahm – ein Hinweis auf ein schwächer werdendes Immunsystem. So viele Soldaten waren mit dem Virus infiziert, dass das Walter Reed National Military Medical Center in Washington eine ganze Station für AIDS-Patienten einrichtete.
»Sie bekamen die Art von Infektionen, die bei Gesunden selten vorkommen, und AZT bewirkte so gut wie nichts«, stellte Edmund Tramont fest, der Mitte der 1980er-Jahre im National Military Medical Center arbeitete. »Junge Menschen starben vor unseren Augen und wir konnten ihnen nichts anbieten außer allgemeine Betreuung und Pflege.«
Eines Tages wollte ein Drei-Sterne-General Tramont um 4:00 Uhr morgens in dessen Büro im Medical Center sprechen, weil er sich Sorgen um seine Gesundheit machte. Der General wusste, dass es in der Armee als »unwürdiges Verhalten« galt, als schwul identifiziert zu werden; zudem war es ein Grund für eine unehrenhafte Entlassung. Deshalb wollte er am frühen Morgen kommen, in der Hoffnung, dass niemand ihn sah.
Nach einigen verlegenen Höflichkeitsfloskeln begann Tramont mit dem schwierigen Gespräch.
»Sir, wenn ich Ihnen helfen soll, brauche ich einige Informationen.«
Der General räumte ein homosexuelles Erlebnis ein. Er wappnete sich für Tramonts Diagnose, die er für unvermeidlich hielt.
»Sie müssen Ihre Partner informieren«, sagte Tramont, nachdem er dem General mitgeteilt hatte, dass er an AIDS erkrankt war.
»Doktor, das habe ich bereits getan«, entgegnete der General mit trauriger Stimme.
Später behandelte Tramont eine 20-jährige Frau, die Ehefrau eines aktiven Soldaten. Sie hatte sich mit dem Virus bei ihrem Mann angesteckt, der sich infiziert hatte, als er in Berlin stationiert war. Er war einer von mehreren Hundert Soldaten, die in Europa an AIDS erkrankt waren. Tramont und seine Kollegen begannen sich zu fragen, warum so viele Fälle auf diese Soldaten zurückzuführen waren, vor allem auf jene in Berlin. Es stellte sich heraus, dass die Männer den Lohn, den die örtlichen Prostituierten verlangten, nicht bezahlen konnten und daher Frauen aufsuchten, die aus dem Kongo eingeschleust worden waren, einem frühen Epizentrum von AIDS. Wissenschaftler schätzten, dass bis zu 20 Prozent der Frauen, die amerikanische Soldaten in Berlin bevorzugten, HIV-positiv waren.
Der Zustand der Patientin verschlechterte sich rasch. Tramont war erschüttert, weil er ihr nur eine palliative Schmerztherapie anbieten konnte.
»Das arme Mädchen heiratet und ihr Mann wird in Berlin stationiert«, sagte Tramont. »Das ging mir wirklich an die Nieren.«
Tramont und andere Mitarbeiter der Klinik hofften verzweifelt, irgendetwas zu finden, was AIDS-Patienten helfen konnte. Schon bald waren sie begeistert von einem vielversprechenden Impfstoff, den ein schrulliger Bauernjunge aus North Dakota und ein beredsamer Unternehmer von der Ostküste entwickelt hatten. Eine Weile sah es so aus, als hätte dieses seltsame Paar ein Mittel entdeckt, um die Epidemie einzudämmen.
Gale Smith wuchs auf einer 10 000 Morgen großen Farm in Minot in North Dakota auf, auf der Luzerne angebaut wurden. Irgendwann zog er mit seiner Familie nach Williston, eine Ölstadt an der Grenze zu Montana, der es wirtschaftlich mal gut, mal schlecht ging. In den 1950er- und 1960er-Jahren beschäftigte sich Gale stundenlang in seinem Keller mit Chemiebaukästen oder baute Feuerwerksraketen, manchmal mit seiner Zwillingsschwester Gayle. Er war ein guter Schüler, der einige Klassen übersprang; aber bei seinen Klassenkameraden war er nicht sonderlich beliebt.
»Nicht alle mögen dich, wenn du gute Noten bekommst«, erinnert er sich.
Eines Tages in der siebten Klasse ging Gale in die Schulbibliothek und entdeckte ein Regal voller wissenschaftlicher Bücher. Für den stillen Jungen wurde die Bibliothek zur Oase, die ihn täglich stundenlang beschäftigte und ihm den Weg in seine berufliche Zukunft wies.
Gales Familie war methodistisch, doch er begann schon sehr früh, die Grundsätze des Christentums infrage zu stellen. Sein Idol war John F. Kennedy und er forderte die eher konservative Einstellung seiner Nachbarn heraus, von denen einige der rechtsradikalen John Birch Society angehörten.
»Ich wusste nicht, dass sie Rassisten waren; ich war einfach der Meinung, dass sie Unrecht hatten. Die Suche nach der Wahrheit, ohne Vorurteile, beflügelte mich.«
Gale sah wenig Sinn darin, in der Highschool zu bleiben, die er langweilig fand; darum verließ er die Schule zu Beginn des letzten Schuljahres und belegte Kurse am örtlichen College. Dennoch verschafften ihm sehr gute Noten und innovative wissenschaftliche Projekte – unter anderem forschte er mit zwei lokalen Ärzten über eine Drüse im Gehirn – einen exklusiven Platz in einem angesehenen Wissenschaftsprogramm für Highschool-Schüler an der Brown University in Providence, Rhode Island. Der 15-Jährige, der nie aus North Dakota herausgekommen war, verbrachte zwei ängstliche Tage in einigen Zügen, die nach Osten fuhren. Er beobachtete seine Mitreisenden argwöhnisch und behielt auch seine Umgebung im Auge. Während der ganzen Reise schlief er kaum.
»Es waren zwei lange Tage«, erzählte er.
Auf Gale wartete ein Campus, der sich erstaunlicher Fortschritte in der Molekularbiologie und in der Gentechnik rühmte. Er und seine Klassenkameraden hörten Vorlesungen bei Francis Crick und James Watson, die als Erste herausgefunden hatten, dass die DNA die Struktur einer Doppelhelix hatte. Außerdem studierten sie einen Vorabdruck der Molekularbiologie von Watson und lasen James Crows Genetic Notes. Diese Bücher revolutionierten die Genetik.
Smith war fasziniert.
»Ich erkannte, wie komplex biologische Systeme sind und dass alles miteinander zusammenhängt«, sagte er.
Smith wollte an der Brown University studieren, konnte sich aber die Studiengebühren – 2000 Dollar im Jahr – nicht leisten. Deshalb schrieb er sich an der University of North Dakota ein und studierte Biologie und Chemie. Er liebte seine Laborkurse, besuchte aber die meisten anderen Veranstaltungen nur selten. Er las das Studienmaterial lieber für sich. Der große, magere und zurückhaltende junge Mann verbrachte den größten Teil seiner Freizeit mit Fotografieren und dem Genuss klassischer Musik in seinem Zimmer, oder er spielte mit einigen neuen Freunden Schach.
1981 begann er an der Texas A & M University in College Station mit einem Doktorandenprogramm in Molekularbiologie. Gleichzeitig belegte er Graduiertenkurse in der Abteilung Virologie des Baylor College of Medicine in Houston, etwa 95 Kilometer entfernt. Einige Studenten beschäftigten sich hauptsächlich mit Partys, Football und dem anderen Geschlecht. Smiths Tagträume drehten sich um ganz andere Dinge.
Eines Morgens in einem ungewöhnlich kalten texanischen Winter hörte Smith einem Professor zu, der berichtete, wie Forscher das menschliche Beta-Interferon-Gen geklont hatten, ein klebriges Protein, das Zellen hilft, sich gegen fremde Eindringlinge zu wehren. Damals wollte fast jeder in der akademischen und pharmazeutischen Welt Interferon oder andere Proteine synthetisieren, um sie als Medikamente oder für andere Zwecke zu nutzen. Dafür verwendete man Hefe oder Bakterien, das heißt, man gab die DNA als Instruktion für das gewünschte Protein in Hefe- oder Bakterienzellen in einem Reagenzglas, vermischte die Zellen mit einer speziellen Lösung, damit sie die DNA in sich aufnahmen, und stellte das Reagenzglas dann in eine Art riesigen Bottich, wo die Bakterien- oder Hefezellen anhand der DNA mit der Zeit zahlreiche Kopien des gewünschten Proteins herstellten − wie in einer Art Fabrik.
Mit dieser Methode ließen sich im Allgemeinen Proteine meist ganz gut herstellen, aber sie eignete sich weniger dafür, Interferon, Antikörper oder andere komplexe Proteine herzustellen, die für die Entwicklung von Medikamenten entscheidend wären. Proteine (also Aminosäureketten) sind gefaltet, das heißt, sie können dreidimensionale Strukturen darstellen. Zudem werden viele Proteine »glykosyliert«, also mit Kohlenhydratanhängseln sozusagen verziert. Hefe- und Bakterienzellen jedoch können Proteine, die sehr viele dieser Strukturen aufweisen, nicht herstellen. In den 1980er-Jahren experimentierten Forscher daher mit Säugetierzellen, zum Beispiel mit Ovarialzellen eines chinesischen Hamsters, um solche Proteine herzustellen. Diese Methode brachte allerdings andere Probleme mit sich und es gab zumindest damals wenige Anhaltspunkte dafür, dass sie kommerziell genutzt werden könnte.
Als Smith einmal im Hörsaal saß, kam er zu der Erkenntnis, es gebe eine bessere Methode, Proteine wie Interferon zu produzieren: mit Insektenzellen. Er wusste, dass Insekten und Menschen einander ähnlicher sind, als die meisten Leute glauben. Beide brauchen Sauerstoff und haben einige anatomische Ähnlichkeiten, etwa ein Gehirn, ein Herz und Fortpflanzungsorgane. Ebenso wichtig: Ihre Zellstrukturen sind sich ähnlich und beide bilden ähnlich komplexe, räumlich gefaltete Proteine. Ein Virus zu verwenden, das Insekten befällt, Baculovirus genannt, hielt Smith für eine ideale Methode, um die benötigte DNA in Insektenzellen einzuschleusen und damit Proteine wie Interferon zu erzeugen.
Auf den ersten Blick mag es uns seltsam oder gar gefährlich erscheinen, ein Insektenvirus zu benutzen, um Medikamente für Menschen herzustellen. Doch Smith hatte mit Insektenviren geforscht und er wusste, dass man sie seit Jahrhunderten in Pestiziden verwendete und dass sie für Menschen ungefährlich waren. Ihm war zudem klar, dass Baculoviren »geräumig« genug sind – das heißt, dass sie relativ große Chromosomen haben –, um große Stücke DNA als genetische Information in sie einschleusen zu können.
Smith nahm an, dass man Insektenviren nutzen konnte, um Insektenzellen zu infizieren und diese dann gemäß der eingeschleusten DNA-Instruktion spezifische Proteine produzieren zu lassen. Er stellte sich ein nagelneues »Expressionssystem« vor, eine Methode, Tausende oder sogar Zehntausende von komplexen Proteinen herzustellen, also Proteine der Art, mit denen Wissenschaftler neue Medikamente und Impfstoffe herstellen können.
Nach der Vorlesung eilte Smith zu John Collins, dem Professor, der seinen Tagtraum ausgelöst hatte, und erklärte ihm seine Idee.
»Sie sind ebenso verrückt wie ich«, meinte Collins.
Smith ließ sich nicht beirren. Er kehrte rasch in die Universität zurück und ging ins »Chicken Oil Co.«, eine Kneipe außerhalb des Campus, in der sich Graduierte trafen, um zu trinken, Poolbillard zu spielen und wissenschaftliche Themen zu diskutieren. Smith berichtete so ziemlich allen, die zuhören wollten, von seiner Insektenzellen-Idee. Was soziale Kontakte anbelangte, war er zurückhaltend; doch nun konnte er nicht aufhören zu reden. Alles, was er brauchte, waren ein paar Biere der Marke Moosehead und eine Innovation, die seiner Meinung nach die Entwicklung von Medikamenten revolutionieren würde.
»Hältst du das für unrealistisch?«, fragte er Peter Krell, einen Kollegen aus seinem Labor.
Der fand, Smith sei womöglich auf etwas gestoßen. Die HIV-Pandemie beschleunigte sich und die meisten Biologen und Immunologen konzentrierten sich auf das neue Virus. Smith und Krell hatten hingegen mit Insektenviren geforscht, ein entschieden unbeliebtes Fachgebiet. Es war Zeit, ihr Wissen praktisch anzuwenden, versicherte Krell seinem Freund. »Ja, mach das«, fügte er hinzu.
Smith kehrte in die Universität zurück und eilte zu Joseph Melnick, einem legendären Forscher im Bereich der Polioviren, der den Fachbereich Virologie und Epidemiologie leitete. Er habe das Thema seiner Doktorarbeit entdeckt, platzte Smith heraus.
Melnick sah ihn verdutzt an.
»Warum wollen Sie Proteine in einer Insektenzelle herstellen?«, fragte er ihn.
Smith beschloss, Professor Max Summers als Doktorvater zu gewinnen, einen Star auf seinem Gebiet. Summers erlaubte Smith, das neue System während der Arbeit im Labor zu entwickeln. Smith verbrachte über ein Jahr damit, seine Methode zusammen mit Summers und einem promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiter namens Malcolm Fraser zu perfektionieren. Als ihnen zugetragen wurde, dass Lois Miller, ein Topwissenschaftler in diesem Fachgebiet, an einem ähnlichen System auf Insektenbasis arbeitete, standen sie noch mehr unter Druck. An den meisten Tagen arbeiteten Smith, Fraser und andere bis spät in die Nacht im Labor, tranken Bier aus Dosen und hörten Beethoven und Mozart, um Spannung abzubauen. Smith beschloss, Zellen von Schmetterlingen und Motten für seine Herangehensweise zu verwenden, weil die Zellen dieser Insekten nicht so gefährlich waren wie die von Moskitos und anderen stechenden Insekten, die Allergene enthalten können.
1982 feierte das Team endlich einen Erfolg: Die Forscher klonten menschliches Beta-Interferon, das Protein, über das Smiths Professor an jenem Morgen gesprochen und dadurch bei Smith einen Geistesblitz ausgelöst hatte. Sie produzierten eine erstaunliche Menge des Proteins und Smith war davon überzeugt, dass sie es als Medikament in den Körper injizieren konnten. Das Trio fasste seine Arbeit in einem Artikel zusammen, den sie einer Reihe von Fachzeitschriften vorlegten, von denen jedoch keine Interesse daran zeigte. Medikamente mithilfe von Insektenzellen produzieren? Im Ernst? Schließlich erhielt Smith Ende 1983 seinen Doktortitel und eine gerade ins Leben gerufene Zeitschrift namens Molecular and Cellular Biology veröffentlichte den Artikel. Smith war damals 34 Jahre alt.
»Sie waren neu und brauchten Artikel«, sagte Smith später über diese Fachzeitschrift.
Nach und nach stieß Smiths Insektenvirus-System auf Zustimmung und Unternehmen übernahmen seine Methode, zuerst im Bereich der Landwirtschaft, dann auch in der Medizinforschung. Viel später wurden populäre Impfstoffe und Medikamente, darunter Vakzine gegen Gürtelrose-, Grippe- und Papillom-Viren, mithilfe von Smiths »Baculovirus-Expressions-Vektor-System« entwickelt. Da Smith und Summers zusammen mit Texas A & M ihre Arbeit hatten patentieren lassen, nahmen sie mit der Zeit Millionen Dollar an Lizenzgebühren ein.
Das dauerte allerdings Jahre. In der Zeit nach ihrem Durchbruch ging es Smith nur um den Respekt seiner Kollegen, außerdem hoffte er, dass ein Pharmaunternehmen Potenzial in seiner Erfindung sehen würde. Im August 1982 reisten Smith und Summers nach Upstate New York zur Cornell University, um ihren ersten Vortrag über ihre Arbeit zu halten. Der Saal war voll und Smith freute sich darauf, jemanden zu treffen, der sein System nutzen wollte, um Medikamente herzustellen. Doch nur einer wollte nach dem Vortrag mit Smith sprechen: ein 32-jähriger, nervöser Mann namens Frank Volvovitz.
Volvovitz hatte von Smiths und Summers’ Arbeit gehört und war davon so fasziniert, dass er fast fünf Stunden lang von seinem Haus in West Hartford, Connecticut, zur Cornell fuhr, um ihren Vortrag zu hören. Nachdem er vor der Veranstaltung in Ithaca einen Laden mit köstlichen Bagels entdeckt hatte, war er in bester Stimmung. Er wollte Smith überreden, in die winzige Firma einzutreten, die er gegründet hatte.
Volvovitz hatte ein jungenhaftes Gesicht und dunkles Kraushaar; er trug eine überdimensionale Drahtgestellbrille und hatte die Angewohnheit, die Augen zusammenzukneifen, wenn er sprach. Smith mochte ihn auf Anhieb. Volvovitz war offenbar ehrgeizig und intelligent und vor allem leuchtete sein Gesicht auf, während er über Smiths Insektenvirus-Idee sprach.
»Das wird ein Geschäft!«, versicherte er Smith.
Damals hatte Volvovitz bereits eine Biotechfirma in den Sand gesetzt. Seine neue Firma startete er im Keller seiner Eltern. Sein Ziel war, ein Insektizid gegen einen häufig anzutreffenden Schädling zu produzieren, der Weihnachtsbäume befiel – nicht wirklich ein Vorzeigeprojekt.
Von alledem wusste Smith nichts und es hätte ohnehin keine Rolle gespielt. Volvovitz fand Gefallen an Smiths Erfindung. Er verstand sie. Das war alles, was Smith wollte.
»Ich war froh, dass jemand interessiert war«, sagte Smith.
Im Jahr 1985 zog Smith nach Connecticut, um in Volvovitz’ Zehn-Mann-Unternehmen die wissenschaftliche Abteilung zu leiten. Bald verlegte Volvovitz das Unternehmen, das er MicroGeneSys nannte, vom Keller der Familie nach West Haven und es dauerte nicht lange, bis Smith und Volvovitz, so unwahrscheinlich es klang, die Speerspitze bei der Suche nach einem AIDS-Impfstoff bildeten.
. . .
Als Smith sich an seinem ersten Arbeitstag seinem neuen Büro näherte, fiel ihm auf, dass MicroGeneSys sich in einem Gebäude befand, das auch ein Möbellager und einen Lieferbetrieb für Hubschrauberteile beherbergte. Dieses eintönige Umfeld deutete nicht darauf hin, dass hier möglicherweise eine medizinische Revolution im Gange war. Volvovitz brannte darauf, die Welt der Wissenschaft aufzurütteln. Er hatte bereits eine Entscheidung getroffen, die sein Start-up in eines der profiliertesten Unternehmen Amerikas verwandeln würde.
Die AIDS-Epidemie verschlimmerte sich. Mehr als eine Million Amerikaner waren mit dem HI-Virus infiziert, mehr als 40 000 waren erkrankt und AIDS hatte bereits mehr als 16 000 Todesopfer gefordert. Jetzt floss den Wissenschaftlern, die der Krise Herr werden wollten, endlich Geld zu. Volvovitz witterte seine Chance und entschied, dass MicroGeneSys und niemand sonst einen AIDS-Impfstoff entdecken würde.
Damals tobte eine Debatte über die beste Strategie für die Entwicklung eines Vakzins. Immer mehr AIDS-Forscher befürworteten Spritzen mit genetisch veränderten Virusteilen als Antigene – die das Immunsystem anregen – anstelle der traditionellen Impfstoffe mit ganzen Viren. Dieser neue Impfstofftyp sollte dem Immunsystem beibringen, das typische Protein des Virus oder sogar Teile von ihm zu erkennen und den Körper dadurch auf den Kampf gegen das HI-Virus vorzubereiten, falls er ihm jemals begegnen sollte. Vielleicht werde diese Strategie scheitern, räumten ihre Verfechter ein; aber sie hielten es für sicherer, synthetische oder rekombinante Versionen des HIV-Proteins zu verwenden, anstatt auf die traditionelle Weise das tödliche Virus zu spritzen.
Volvovitz erkannte, dass diese neue Methode perfekt zu Smiths Insektenzellen-System passte. Smith, Volvovitz und ihr wachsendes Team beschlossen, dem Virus DNA zu entnehmen, diese in ein Baculovirus zu injizieren, Insektenzellen zu infizieren und Proteine herzustellen, die dann als Antigene für einen Impfstoff dienen sollten. Ende der 1980er-Jahre hatten Wissenschaftler das Schlüsselprotein – Hüllprotein genannt – auf der Oberfläche des HI-Virus identifiziert. Dort heftete sich das Virus an menschliche Zellen an. Ganz ähnlich wie die Spike-Proteine der Coronaviren – einer großen Virenfamilie, die damals kaum beachtet wurde – ragt das Hüllprotein des HI-Virus aus seiner Oberfläche hervor und gleicht einem Stachel, der in der Fachliteratur »Spike« genannt wird. Mit seinen Spikes bindet sich das Virus an Rezeptoren auf der Oberfläche menschlicher Zellen, um dann den Körper anzugreifen. Smith und sein Team bei MicroGeneSys zielten mit ihrem Impfstoff auf eine Form des Hüllproteins namens gp160 ab.
Als Wissenschaftler der US-Regierung hörten, was Smith und Volvovitz vorhatten, waren sie fasziniert. Sie erkannten, dass Smith in der Lage war, Gene zu prozessieren, und dass die Methode von MicroGeneSys damit wahrscheinlich sicherer war als die Verwendung tödlicher Viren. Im Jahr 1986 wurde Smith zu einem Treffen ins National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, eingeladen. Er ging in ein überfülltes Büro und konnte kaum glauben, wer vor ihm saß – Anthony Fauci, der als Direktor des NIAID die HIV-Forschung der Regierung leitete, und drei lebende Legenden: Jonas Salk, Albert Sabin und Maurice Hilleman, ein sehr bekannter Impfstoffforscher.
»Was können wir tun?«, fragte ein ernster Fauci Smith und die anderen Wissenschaftler. »Wie können wir ein HIV-Vakzin herstellen?«
Drei Jahre zuvor hatte Smith im »Chicken Oil Co.« in Texas Bier gekippt, jetzt diskutierte er mit einigen der fähigsten Wissenschaftler der Geschichte. Und sie fragten ihn nach Ideen! Es war, als würde er zusammen mit Kevin Durant, Kyrie Irving und James Harden in ein neues Basketballteam aufgenommen und gebeten, den Siegtreffer zu erzielen.
Smiths Einladung zu der Besprechung war ein Zeichen dafür, dass damals nur wenige Menschen Erfahrung mit dem Klonen komplexer glykosilierter Proteine hatten, zum Beispiel der Proteine, die sich, wie Fauci und andere hofften, als Impfstoffantigene eignen könnten. Smiths Berufung in die Mannschaft der Stars unterstrich zudem, wie verzweifelt die wissenschaftliche Welt im Kampf gegen AIDS nach neuen Ideen suchte.
Nachdem Smith von Malcolm Martin, einem Forscher der NIH, das Gen für das gp160-Protein bekommen hatte, modifizierte er es und schleuste es in sein Baculovirus-System ein. Zusammen mit seinen Kollegen entwickelte er schnell einen Impfstoff, den sie VaxSyn nannten. Als sie Tiere damit impften, löste er eine starke Immunantwort aus. Ein vielversprechendes erstes Zeichen war die große Zahl von Antikörpern. Clifford Lane vom NIAID, Ed Tramont vom Walter-Reed-Militärkrankenhaus und andere Wissenschaftler hörten davon und waren gespannt auf weitere Tests.
»Sie arbeiteten schnell und ich war direkt bei ihnen«, erinnert sich Lane. »Meiner Meinung nach waren wir in einer ziemlich schlechten Lage. Das Protein war immunogen, also wollte ich es an Freiwilligen testen.« Er bezog sich auf die Fähigkeit des Impfstoffs, das Immunsystem anzuregen.
Im August 1987 erhielt MicroGeneSys als erstes Unternehmen von der FDA die Erlaubnis, ein AIDS-Vakzin an Menschen zu testen. Das NIAID sollte für eine Studie 81 Homosexuelle rekrutieren. Diese Nachricht schockierte die Pharmaindustrie, vor allem deshalb, weil sie so wenig von Volvovitz, Smith und MicroGeneSys gehört hatte.
»Ich habe keine Ahnung, wie ein solches Unternehmen aus dem Nichts kommen kann«, meinte ein verdutzter Wertpapieranalytiker namens Gary Hatton.2
Volvovitz griff die Skepsis auf. Als er in Washington vor einem Journalistenpulk sprach, strotzte er vor Zuversicht und forderte die Presse auf, auch die anderen vielversprechenden Impfstoffe seines Unternehmens im Auge zu behalten.
»Das Marktpotenzial ist enorm«, erklärte er. »Ein Unternehmen muss nur mit einem oder zwei dieser Vakzine Erfolg haben, um erfolgreich zu sein. Es steht viel auf dem Spiel.«3
Volvovitz war dabei, eines der drängendsten Probleme der Menschheit zu lösen. Er genoss es, Hindernisse zu überwinden und Skeptiker zu widerlegen. In der Highschool hatte er gelesen, Liebhaber tropischer Fische hätten vergeblich versucht, Diskusfische zu züchten, die meist im Amazonas zu finden sind. Also beschloss er, einen Tank im Keller seiner Eltern zu bauen und die Bedingungen zu imitieren, die im Amazonas vorherrschen. So gelang es ihm, einen Schwarm Diskusfische schlüpfen zu lassen.4 Einige Jahre später, nachdem ein Professor ihm abgeraten hatte, ein Unternehmen zu gründen, verließ er ein Doktorandenprogramm in Mikrobiologie der New York University und gründete seine erste Biotechfirma.
Jetzt erregte Volvovitz’ Impfstoff weltweite Aufmerksamkeit, obwohl es noch Jahre dauern sollte, bis er zugelassen wurde. Wie bei allen anderen Medikamenten und Impfstoffen waren Phase-1-Studien erforderlich, um zu prüfen, ob das Vakzin unbedenklich war, danach Phase-2-Studien, die unter anderem die Wirksamkeit und Nebenwirkungen ermitteln, und schließlich groß angelegte Phase-3-Studien, bei denen Wirksamkeit und Sicherheit abschließend beurteilt werden.
Volvovitz war stolz auf seine Arbeit, doch bald stand er unter Druck. Er brauchte viele Millionen Dollar, um eine Produktionsanlage aufzubauen, Labortests im Zusammenhang mit den Studien zu bezahlen und Micro-GeneSys am Laufen zu halten, bis die Firma Umsätze machte. Er sprach mögliche Geldgeber an und bekam Zusagen von Privatleuten, vom Bundesstaat Connecticut und von American Home Products, einem großen Pharmaunternehmen. Um Geld zu bekommen, musste er jedoch Anteile an seiner Firma verkaufen, auf das Recht verzichten, den Impfstoff zu vermarkten, und weitere Opfer bringen, was ihn schwer belastete.5
Volvovitz war fast nur mit seinem AIDS-Vakzin beschäftigt. Er hatte wenige Freunde und sonstige Interessen. Nachdem er mit einer Angestellten seiner Firma ein Kind gezeugt hatte, baute er draußen vor seinem Büro einen Spielplatz, damit er Zeit mit seinem Sohn verbringen konnte, während er weiterarbeitete.
Immer öfter hörte er, dass andere Biotechfirmen Fortschritte mit ihren eigenen AIDS-Impfstoffen und -medikamenten machten und Micro-GeneSys womöglich bald übertreffen würden. Volvovitz musste noch mehr Geld einsammeln, um sein Unternehmen über Wasser zu halten. Allmählich wurde er ungeduldig. Darum begann er herumzutelefonieren und hoffte auf gute Nachrichten.
Er rief Wissenschaftler der Regierung an und unterrichtete sie über erste Tests mit dem Vakzin. Er bat FDA-Vertreter, den Impfstoff zuzulassen, sobald es Anzeichen dafür gab, dass er AIDS verlangsamen konnte. Er bat sogar Wissenschaftler der Regierung um Informationen über die Arbeit anderer Behörden.
»Wie weit sind wir bei der FDA?«, fragte er einen NIH-Forscher eines Tages.
Manchmal legte Volvovitz auf und rief dann gleich wieder an. Dabei sprach er so schnell, dass man ihn kaum verstand.
»Wie sieht es mit den Studien aus?!«
Manche Wissenschaftler, zum Beispiel Lane und Tramont, ließen sich gerne unter Druck setzen. Sie schätzten Volvovitz’ Beharrlichkeit und seinen unbedingten Willen, seinem Vakzin zum Erfolg zu verhelfen. Er schimpfte und log nicht und verlangte nicht, die Regeln zu umgehen. Andere Firmen bedrängten sie ebenfalls. Volvovitz wollte einfach nur, dass sein Impfstoff zugelassen wurde, und das bald.
»Er war eine Nervensäge, aber er überspannte den Bogen nicht«, sagte Tramont. »Mir machte es nichts aus, ich konnte mir vorstellen, wie es in seiner Welt zuging.«
Manchmal ließ Volvovitz seinen Charme spielen, um die Prüfung der Studien zu beschleunigen oder Informationen über die Fortschritte zu bekommen.
»Wie sieht es aus?«, fragte er eines Tages freundlicher als sonst. »Übrigens, haben wir mehr Patienten für die Studie bekommen?«
Hinter seinem Rücken machten sich einige Forscher im Staatsdienst über ihn lustig und fragten, ob »der Gebrauchtwagenhändler« heute schon angerufen habe.
»Man machte Witze über ihn«, sagte Malcolm Martin, der Wissenschaftler der NHI, der den Klon des HIV-Proteins im Herzen des Micro-GeneSys-Impfstoffs produzierte. »Er war ein Macher, kein Wissenschaftler.«
Volvovitz wurde zunehmend besorgter. Eine Phase-2-Studie mit dreißig Teilnehmern im Anfangsstadium von AIDS unter der Leitung von Dr. Robert Redfield im Walter-Reed-Krankenhaus wies nach, dass das Vakzin von MicroGeneSys wirkte; aber sie wurde scharf kritisiert, weil sie die therapeutische Wirkung angeblich übertrieb. MicroGeneSys hatte kein Geld für eigene Studien. Das war ein Problem. Volvovitz bat die NIH um Subventionen, wurde aber aufgefordert, sich hinten anzustellen – andere Leute wollten bereits Studien über Malaria, Dengue-Fieber und andere dringliche Krankheiten durchführen.
