Der Mensch aus dem Restaurant - Iwan Schmeljow - E-Book
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Der Mensch aus dem Restaurant E-Book

Iwan Schmeljow

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Beschreibung

Ein Kleinod aus der russischen Erzähltradition: der Kellner von der traurigen Gestalt – eine bleibende Figur der Literatur »zwischen den Revolutionen«.

»Ich bin nicht irgendwer, sondern Kellner in einem erstklassigen Restaurant!« – Der Lakai Skorochodow weiß um seinen Wert: In langen Arbeitsschichten serviert er den vornehmen Damen und begüterten Herren allerfeinste Speisen: Ob Kapaun à la Richelieu, Chaud-froid von Wild mit Trüffeln, Kaviar oder französische Birnen – die Moskauer Hautevolee schätzt die mondäne Speisekarte.

Skorochodow und seine Kollegen, Meister ihres Faches und die aufmerksamsten Diener des Gastgewerbes, verrichten ihren Dienst tadellos. Sie kennen die Wünsche der Restaurantgäste, ihre Arbeit verrichten sie in größter Diskretion – sosehr auch bisweilen die Wünsche vor allem der reichen Männer gegen jede gute Sitte verstoßen.

Ein Kellner ist ein Mensch, der nicht Aufhebens macht um seine Person, der nie spricht, wenn er nicht gefragt wird, und der den hohen Herren und Damen nicht zur Last fällt – den Geboten seines Berufs, dem Befehl, »der Geräuschlosigkeit halber Gummisohlen zu tragen «, folgt der fromme Skorochodow klaglos, das gebietet ihm nicht zuletzt der Glaube daran, dass ein jeder seinen Platz hat. Wenn er keinen schlechten Eindruck macht, bedenken ihn die Herrentische mit großzügigem Trinkgeld, mit dem er Sohn und Tochter auf die höheren Schulen schicken kann.

Als Skorochodow jedoch eines Tages von seinem Untermieter wegen einer Nichtigkeit bei der Polizei verleumdet wird, beginnt eine Verkettung der kleinen und großen Unglücke: Aufrührerischer Gesinnung verdächtig, wird sein Sohn erst der Schule verwiesen und schließlich eingekerkert – Skorochodow, der sich bisher in sein Schicksal fügte, beginnt einen Sinn für Ungerechtigkeit und Missstände zu entwickeln.

Geschult an Puschkin, Gogol und Dostojewski, hat Iwan Schmeljow nach der gescheiterten Revolution von 1905 das Urbild des anständigen Dieners entworfen, den Kellner von der traurigen Gestalt, den elenden Arbeiter, dessen Sittlichkeitsgefühl und Güte ihn über seine Herren erhebt. Von Maxim Gorki in höchsten Tönen gelobt, wurde Schmeljow mit Der Mensch aus dem Restaurant für die Kellner und Gasthoflakaien Russlands, aber auch für die entrechteten prekären Klassen zu einem von ihnen.

Vor dem Furor der Bolschewiki floh Schmeljow 1920 nach Paris – für seine ergreifend- schöne Prosa, für seinen menschlich-zugewandten Blick war in der Sowjetära kein Platz. Zu entdecken ist eine rührend-hoffnungsvolle, engagierte Literatur aus einer Zeit, da Sozialkritik im Begriff war, in Revolution umzuschlagen.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Ein Kleinod aus der russischen Erzähltradition: der Kellner von der traurigen Gestalt – eine bleibende Figur der Literatur »zwischen den Revolutionen«.

»Ich bin nicht irgendwer, sondern Kellner in einem erstklassigen Restaurant!« – Der Lakai Skorochodow weiß um seinen Wert: In langen Arbeitsschichten serviert er den vornehmen Damen und begüterten Herren allerfeinste Speisen: Ob Kapaun à la Richelieu, Chaud-froid von Wild mit Trüffeln, Kaviar oder französische Birnen – die Moskauer Hautevolee schätzt die mondäne Speisekarte.

Skorochodow und seine Kollegen, Meister ihres Faches und die aufmerksamsten Diener des Gastgewerbes, verrichten ihren Dienst tadellos. Sie kennen die Wünsche der Restaurantgäste, ihre Arbeit verrichten sie in größter Diskretion – sosehr auch bisweilen die Wünsche vor allem der reichen Männer gegen jede gute Sitte verstoßen.

Ein Kellner ist ein Mensch, der nicht Aufhebens macht um seine Person, der nie spricht, wenn er nicht gefragt wird, und der den hohen Herren und Damen nicht zur Last fällt – den Geboten seines Berufs, dem Befehl, »der Geräuschlosigkeit halber Gummisohlen zu tragen «, folgt der fromme Skorochodow klaglos, das gebietet ihm nicht zuletzt der Glaube daran, dass ein jeder seinen Platz hat. Wenn er keinen schlechten Eindruck macht, bedenken ihn die Herrentische mit großzügigem Trinkgeld, mit dem er Sohn und Tochter auf die höheren Schulen schicken kann.

Als Skorochodow jedoch eines Tages von seinem Untermieter wegen einer Nichtigkeit bei der Polizei verleumdet wird, beginnt eine Verkettung der kleinen und großen Unglücke: Aufrührerischer Gesinnung verdächtig, wird sein Sohn erst der Schule verwiesen und schließlich eingekerkert – Skorochodow, der sich bisher in sein Schicksal fügte, beginnt einen Sinn für Ungerechtigkeit und Missstände zu entwickeln.

Geschult an Puschkin, Gogol und Dostojewski, hat Iwan Schmeljow nach der gescheiterten Revolution von 1905 das Urbild des anständigen Dieners entworfen, den Kellner von der traurigen Gestalt, den elenden Arbeiter, dessen Sittlichkeitsgefühl und Güte ihn über seine Herren erhebt. Von Maxim Gorki in höchsten Tönen gelobt, wurde Schmeljow mit Der Mensch aus dem Restaurant für die Kellner und Gasthoflakaien Russlands, aber auch für die entrechteten prekären Klassen zu einem von ihnen.

Vor dem Furor der Bolschewiki floh Schmeljow 1920 nach Paris – für seine ergreifend- schöne Prosa, für seinen menschlich-zugewandten Blick war in der Sowjetära kein Platz. Zu entdecken ist eine rührend-hoffnungsvolle, engagierte Literatur aus einer Zeit, da Sozialkritik im Begriff war, in Revolution umzuschlagen.

Über Iwan Sergejewitsch Schmeljow

Iwan Sergejewitsch Schmeljow, geboren 1873 in einer Moskauer Kaufmannsfamilie, wurde 1911 über Nacht berühmt mit seinem Roman Der Mensch aus dem Restaurant. Maxim Gorki förderte ihn und veröffentlichte seine Werke, darunter auch Der Mensch aus dem Restaurant. Nach dem Tod seines Sohnes, der auf Seiten der Weißen 1920 auf der Krim starb, floh Schmeljow nach Paris, wo er noch dutzende Bücher schrieb – die ihn unter den Bolschewiki zur persona non grata machten. Seine an der Sprache von Landleuten und städtischer Arbeiterschaft orientierten Bücher jedoch verschwanden nie aus dem Kanon der Sowjetliteratur. Er starb 1950 bei Paris; sein gesamtes Werk wurde nach der Wende von einer neuen Generation russischer Schriftsteller wiederentdeckt – und sein Leichnam 2000 nach Russland überführt.

Iwan Schmeljow

Der Mensch aus dem Restaurant

Aus dem Russischen übersetzt von Georg Schwarz, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Wolfgang Schriek

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Anmerkungen

Nachwort von Wolfgang Schriek

Personenverzeichnis

Die Andere Bibliothek

Impressum

Übersicht

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Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

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Anmerkungen

Nachwort von Wolfgang Schriek

Personenverzeichnis

Die Andere Bibliothek

Impressum

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für Olga Schmeljowa

1

Ich bin meinem Temperament nach ein friedfertiger und beherrschter Mensch – habe ich doch gewissermaßen achtunddreißig Jahre im eigenen Saft geschmort, aber das Gerede war mir einfach zuviel. Unter vier Augen hätte ich’s diesem Menschen vielleicht auch nachgesehen … was kann man von einem Kerl wie diesem schon verlangen! Aber solche Worte in Koljuschkas Gegenwart!

»Sie haben kein Recht, in einer fremden Behausung zu schnüffeln! Ich habe Ihnen vertraut und mein Zimmer nicht abgeschlossen, und Sie stöbern mit unbefugten Personen darin herum … Sind es vom Restaurant her gewöhnt, in fremden Taschen zu wühlen, und glauben wohl, ich lasse mir das auch in bezug auf meinen heimischen Herd gefallen!«

Und so fort … Und war nicht mal betrunken. Als hätte er Gold im Zimmer … Er wollte sich eben an uns rächen, weil wir ihm gekündigt hatten und verlangten, er solle das Zimmer räumen. Wir hatten genug mit ihm ausgestanden. Er arbeitete als Schreiber auf dem Polizeirevier, war aber äußerst stolz und mißtrauisch. Ich bat ihn in allen Ehren, auszuziehen, wir könnten bei seinem stolzen Wesen und seiner ständigen Trunkenheit unmöglich in einer Wohnung mit ihm leben, und brachte am Haustor einen Zettel an. Und nun ärgerte er sich darüber, daß ich sein Zimmer gezeigt hatte, und fiel über mich her.

Sie behandeln mich nicht als anständigen Menschen und so weiter und so fort! Dabei gingen wir im Gegenteil immer sehr vorsichtig mit ihm um und waren vor ihm sogar auf der Hut, weil Koljuschka uns warnte, er könne uns bei dem Dienst, den er versah, sehr schaden. Koljuschka und ich unterhielten uns damals oft über meinen Beruf. Als er heranwuchs und ein gebildeter Mensch wurde, paßte es ihm ganz und gar nicht mehr, daß ich Kellner war. Und in dieselbe Kerbe hieb nun Kriwoi, der Einäugige, unser Untermieter – eigentlich hieß er Jeshow, Kriwoi nannten wir ihn nur unter uns. Ich – und in fremden Taschen wühlen! Für diese Worte hätte ich ihn bald umgebracht, aber er ist sehr schlau und schloß sich augenblicklich in seinem Zimmer ein. Dann schrieb er einen Zettel und schickte ihn mir durch Luscha, meine Gattin. Er habe das nur aus Gekränktheit, in der Verwirrung gesagt und lege fünfzig Kopeken für das Zimmer zu. Ich wies diese Redensarten zurück, zumal er ja auch früher immer nur fünfzigkopekenweise gezahlt hatte. Hauptsache, er räumte das Zimmer, denn sein Benehmen hatte geradezu etwas Unheimliches … Immer scheute er sich, uns vor die Augen zu kommen, ständig versuchte er, vorbeizuschlüpfen. Mit Koljuschka aber hatte ich eine sehr hitzige Unterhaltung. Ich gab ihm damals für ein gewisses Wort sogar eine Ohrfeige … Er kam mir dann aber noch oft mit allerlei Bemerkungen.

»Da haben Sie’s, Papa … Jeder Halunke kann mit dem Finger auf Sie zeigen!«

Ich jedoch schwieg dazu und dachte mir: Er ist noch jung und versteht das Leben eben noch nicht so ganz; wenn er sich erst die Hörner abgestoßen und die Menschen näher angesehen hat, wird er ganz anders reden.

Und dennoch fand ich es kränkend, solche Worte von meinem eigenen Sohn zu hören, sehr kränkend! Nun ja, ein Kellner, ein Lakai … Was ist denn schon dabei, daß mir vom Schicksal bestimmt war, Lakai zu werden! Außerdem bin ich keineswegs irgendwer, sondern Kellner in einem erstklassigen Restaurant,in dem nur das erlesenste, vornehmste Publikum verkehrt. Bei uns läßt man Kroppzeug gar nicht erst ein, unsere Portiers haben strengen Befehl, bei uns verkehren vor allem Leute, die was darstellen, Generale und Kapitalisten, und äußerst gebildete Menschen wie, sagen wir, Professoren, überhaupt lauter Geschäftsleute und Aristokraten … Das allerfeinste und beste Publikum. Bei solchen Gästen muß man sehr künstlich bedienen und obendrein wissen, wie man sein Äußeres in Ordnung hält, damit man kein Mißfallen erregt. Man wird bei uns auch nicht unbesehen eingestellt, sondern muß gewissermaßen erst durch ein Fegefeuer hindurch, fast wie an einer Universität. Damit man sowohl der Statur als auch dem Gesicht nach in Ordnung ist und keine besonderen Merkmale aufweist, ja selbst der Blick muß streng und würdevoll sein. Bei uns ist nichts zu machen mit »So bin ich nun mal, und damit hat sich’s«, bei uns wird alles mit Köpfchen gemacht. Selbst stehen muß man mit Verstand und so blicken, als wäre man gar nicht da, dabei aber alles beachten und immer im Bilde sein. Man ist, genaugenommen, gar kein Kellner mehr, sondern eher eine Art Maître d’hôtel in einem zweitklassigen Restaurant.

»Du«, sagt Koljuschka, »gehst einer nutzlosen und niederen Beschäftigung nach! Dienerst vor jedem Spitzbuben und Flegel … Leckst ihm für fünfzig Kopeken die Stiefel ab!«

Ha! Er warf mir die Fünfzigkopekenstücke vor! Dabei war er mit Hilfe dieser Fünfzigkopekenstücke aufgewachsen, die ich für alles bekam – für die Bücklinge, für die Bedienung von allerlei Herrschaften, betrunkenen oder gesitteten, und für anderes mehr! Sowohl die Hosen, die er trug, als auch die Jacken waren für diese Fünfzigkopekenstücke gekauft, die Bücher, nach denen er lernte, die Schuhe und alles übrige! Das meine ich, wenn ich sage, daß er vom Leben nichts verstand! Er hätte sich mal ansehen sollen, wie mancher liebedienert und anderen die Stiefel leckt, und das nicht mal für einen Fünfziger, sondern in Anbetracht höherer Überlegungen! Ich habe in meinem Leben genug gesehen.

Als eines Tages im runden Salon anläßlich des Empfangs für einen Herrn Minister ein festliches Diner serviert wurde und ich mit anderen Kellnern der Bedienung zugeteilt war, sah ich mit eigenen Augen, wie ein vornehmer Herr mit ordenübersäter Brust eiligst unter dem Tisch verschwand und das Taschentuch auflas, das der Herr Minister zu verlieren beliebte. Er war dabei rascher als ich und stieß sogar unter dem Tisch meine Hand zurück. Obwohl es doch gar nicht ihre Sache ist, auf dem Fußboden herumzukriechen und nach Taschentüchern zu suchen … Das hätte mein Koljuschka sehen sollen, er, der von mir sagte – ein Lakai! Ich für meinen Teil komme meinen Pflichten natürlich nach, und wenn ich jemand ein Zündholz reiche, so tue ich es, weil es die Dienstvorschrift verlangt, aber nicht über das Reglement hinaus …

Ich bin, nachdem ich schon als Junge in meinem Fach begonnen habe, auch immer geblieben, was ich war, nicht wie gewisse, sehr bemerkenswerte Herrschaften. Da blickt so einer heute, sieh mal an, wie ein Falke drein, hat an der Tafel den Vorsitz, schlürft einen Schloß-Johannisberger oder meinetwegen Champagner, spreizt den beringten kleinen Finger ab und macht damit ein Zeichen, daß er reden will, brabbelt aber ins Glas, daß man fast nichts versteht; und ein andermal erblickt man ihn in einer Gesellschaft, in der er mit dünnem, süßlichem Stimmchen spricht, bescheiden am Rande sitzt, den Kopf geneigt hält wie ein Reiher auf der Lauer und überhaupt mit seiner ganzen Gestalt in eine bestimmte Richtung drängt. Das kennt man doch …

Auch dem Äußeren nach bin ich nicht übler als andere. Ich sehe sogar dem Rechtsanwalt Anton Stepanytsch Glotanow ähnlich – alle unsere Kellner lachen immer darüber. Beide tragen wir einen Frack, auch wenn seiner natürlich besser sitzt und aus besserem Stoff besteht. Sein Bauch ist freilich bedeutender, und eine dicke goldene Kette läuft über ihn hin. Aber auch er hat eine kleine Glatze und ist überhaupt vom gleichen Schlag. Nur trage ich einen Backenbart, während bei ihm das Kinn nicht ausrasiert ist. Würde man’s aber ausrasieren und ihm ein Nummernschildchen an den Aufschlag heften – er könnte ohne weiteres mit mir verwechselt werden. Auch ich hab eine Brieftasche wie er, der Unterschied ist mehr innerlich. Seine ist natürlich sehr dick, und Päckchen in den verschiedensten Farben schauen aus ihr hervor, dazu allerlei Wechsel, während meine recht dünn ist und keinerlei farbige Päckchen enthält; anstelle der Wechsel liegen nun schon seit drei Wochen zwei Visitenkarten darin – eine Visitenkarte des Gerichtsreferendars Perekrylow mit einer Schuldverschreibung über zwölf Rubel, die er zu Hause vergessen hatte, und eine vom Opernsänger Sazepski, mit Krone und Schuldverschreibung über neun Rubel, aus dem gleichen Anlaß. Beide lassen sich nun schon seit drei Wochen nicht mehr blicken und denken gar nicht daran, zu bezahlen, aber warten wir ab, Madam! Solche Herrschaften gibt es auch bei uns genug, und wenn man für alle bezahlen müßte, die ihr Geld vergessen, käme wohl nicht mal die Staatsbank zurecht, so meine ich jedenfalls.

Es gibt aber auch welche, die nicht die Mittel besitzen, aber den Leuten gern Sand in die Augen streuen und mit einem erstrangigen Restaurant renommieren möchten, besonders wenn sie mit großen Tieren beisammen sind. Es schmeichelt ihnen eben, über unsere Teppiche zu wandeln und in den weißen Spiegelsälen zu Abend zu speisen, zumal in Anbetracht verwöhnter Personen weiblichen Geschlechts … Nun ja, und da verschätzen sie sich eben betreffs der Kosten. Geradezu peinlich, mit anzusehen, wie sie verlegen werden, erregt die Rechnung durchgehen und unsereinen auf den Korridor bitten, gleichsam um abzurechnen. Sogar mit zitternder Stimme. Weil sie sich vor den erwähnten Personen genieren. Da nimmt man eben auf Treu und Glauben Visitenkarten in Zahlung. Kann manchmal sogar ganz vorteilhaft sein, wenn man zum Dank zwei Rubel zugelegt bekommt. Das schadet niemand, ist im Gegenteil sogar nützlich und fördert den Umlauf des Lebens. So daß nichts Tadelnswertes daran ist. Weiß doch Anton Stepanytsch höchstselber, wenn er mit seinen Geschäftsfreunden frühstückt, äußerst eindrucksvoll vom Umlauf des Kapitals zu reden; er nennt nunmehr zwei Häuser in vorteilhafter Lage sein eigen, und erst vor kurzem wurde er zu einem dritten beglückwünscht.

Außerdem ist er mit Wassil Wassilitsch Kascherotow befreundet, der »Ersten Hilfe«, wie man ihn bei uns nennt. Er führt stets Wechselformulare bei sich, um jungen Leuten aus gutem Hause aus der Verlegenheit zu helfen und einen Nutzen daraus zu ziehen. Und ist dabei erst vor meinen Augen etwas geworden und unterhält Bekanntschaften mit Leuten, daß einem schwindelt … Er ist sogar Kurator von einem Nonnenkloster und sozusagen Liebhaber davon, zumal in Hinsicht der Novizinnen, zu denen er dank seinem Einfluß und seinen Spenden Zutritt hat. Er soll sogar im Zusammenhang mit seinen Wechselmanipulationen Bekanntschaften mit einigen sehr schicken Damen aus gutem Hause unterhalten. Nun ja … was doch Geld alles ausmacht! Dabei ist er selber ziemlich verschrumpelt und riecht infolge Zahnfäule meilenweit aus dem Mund.

Natürlich ist das Leben nicht spurlos an mir vorübergegangen, ich bin ein wenig kahl geworden, doch keineswegs vertrocknet und stelle etwas dar; ich trage sogar – entgegen den Bestimmungen – einen Backenbart. Unser Restaurant gibt sich französisch, und alle Kellner sind infolgedessen rasiert, als aber unser Direktor Stroß – er hat vortreffliche Rennpferde und zwei Geliebte – mich in Augenschein zu nehmen beliebte, während ich ihm servierte, ließ er den Maître d’hôtel kommen und ordnete an: »Er soll den Backenbart behalten.«

Ignati Jelissejitsch zog respektvoll den Bauch ein und verbeugte sich.

»Zu Diensten! Manche mögen es – wegen der Vornehmheit …«

»Eben. Soll er den Backenbart behalten – als Offerte.«

So wurde eigens für mich entschieden. Und Ignati Jelissejitsch gab mir sogar die strenge Weisung: »Untersteh dich ja nicht, ihn zu rasieren! Er ist geradezu dein Glück.«

Nun, Glück! … Gewiß, man sieht nach etwas aus, und manche Leute genieren sich, nicht mehr als einen Fünfziger zu geben, es stört jedoch bei der Arbeit.

Mein Äußeres ist überhaupt recht ordentlich und sogar diplomatisch – so drückte sich gelegentlich im Scherz Kirill Sawerjanytsch aus. Kirill Sawerjanytsch … Ach, wie hoch habe ich ihn eingeschätzt und wie sehr hat er in meinen Augen verloren! Was war das aber auch für ein Mann! Wäre nicht die einfache Herkunft, er hätte bei seinem Verstand und bei guter Protektion gewiß im Staatsdienst gestanden. Was hätte er da nicht alles zuwege gebracht! Aber nun hat er so einen Frisiersalon und handelt mit Parfüms. Ist ein Mann mit Kopf und schreibt sogar in einem Heft Gedanken über das Leben nieder.

Er hat mich oft über die Kümmernisse des Lebens getröstet und mit Koljuschka gestritten und ihm mit klugen Worten die Wahrheit auseinanderzusetzen gesucht.

»Du, Jakow Sofronytsch, hilfst den Menschen bei der Aufnahme der Nahrung, während ich ihre Gesichter in Ordnung bringe, und alles das haben nicht wir erfunden, sondern das Leben hat es so gewollt …«

War Gold wert, der Mann!

Wenn ich in vollem Staat vor der Spiegelwand stehe, dann kann ich einfach nicht glauben, daß ich es bin, derselbe, den man gelegentlich in betrunkenem Zustand im Séparée anschnauzt und eines Tages sogar … Und ich bin doch immerhin nicht irgendwer, ich bin kein Obdachloser, sondern habe meine Wohnung und verdiene schließlich keine Groschen, sondern siebzig, manchmal auch achtzig Rubel im Monat; ich verstehe mich auf die Feinheiten des Anstands und den Umgang selbst mit den höchsten Personen. Außerdem hat mein Sohn die Realschule besucht und meine Tochter Natascha das Gymnasium absolviert … Trotz all dieser Umstände kommt es vor, daß gewisse sehr vornehme Herrschaften, die doch wahrhaftig Bescheid wissen sollten … Wo sie so zartfühlend im Umgang und im Betragen sind und mehrere Sprachen sprechen! … Und so wohlerzogen essen und selbst mit einem Knöchelchen behutsam umgehen und sich entschuldigen, wenn sie einen Stuhl umwerfen. Und doch kommt es gelegentlich vor …

Da bediente ich eines Tages einen solchen höflichen Herrn in Uniform, mit einer Medaille auf der Brust, der neben einer Dame mit riesigem Federhut saß – die Dame kannte ich nämlich, ich wußte, welcher Herkunft sie war –, und streifte, weil sie so eng beieinandersaßen, mit dem Rande der Fischschüssel eine Feder an ihrem Hut; und er nannte mich einen Tölpel. Ich sagte natürlich: Verzeihung, was konnte ich anderes tun? Es war aber doch sehr kränkend für mich. Gewiß, er gab mir einen Rubel Trinkgeld, aber nicht etwa zur Entschuldigung, sondern aus Angabe, um der Dame zu imponieren und seinen Edelmut zu beweisen, keineswegs, um mich zu entschädigen. Kirill Sawerjanytsch natürlich bei seinem raschen und wendigen Verstand machte ein bloßes Mißverständnis daraus, das selbst den renommiertesten Leuten unterlaufen könne, und trotzdem war es nicht schön. Er erzählte sogar von einem Buch, in dem ein Gelehrter schreibt, alle Arbeit sei ehrlich und edel und ein Mensch könne durch Worte nicht beschmutzt werden; nun ja, das weiß ich auch ohne Buch, trotzdem war es nicht schön. Man hat gut reden, wenn man es nicht selber erfahren hat. Er hat es gut, er besitzt einen Frisiersalon, und wenn ihn jemand einen Tölpel nennt, geht er sogleich zum Friedensrichter. Unsereins würde wegen des Skandals am nächsten Tage auf die Straße fliegen und in einem erstrangigen Restaurant nicht wieder unterkommen, weil man sofort überall anrufen würde. Ein Gelehrter aber kann in seinem Buch schreiben, was er will, ihn wird niemand einen Dummkopf nennen. Könnte dieser Gelehrte einmal in unsere Haut schlüpfen und sich ansehen, wie jeder für seinen Rubel, und manchmal auch für einen fremden, den Herrn über uns spielt, dann würde er anders reden. In den Büchern freilich erscheint alles glatt und geordnet, packt aber Agafja Markowna über ihren Ingenieur aus, dann muß man, wie sich herausstellt, daran zweifeln.

Da feierten einmal bei uns solche gelehrten Leute. Man beglückwünschte einen kleinen Glatzkopf zu seinem Buch und zertöpperte für zehn Rubel Geschirr. Sie überlegen nicht, wem der Maître d’hôtel auf Anordnung der Administration die zerschlagenen Gläser in Rechnung stellt. Man dürfe das Publikum nicht mit solchen Lappalien behelligen, das könnte übelgenommen werden! Sie knallen mit hitziger Hand im Eifer der Unterhaltung die Gläser aneinander und ziehen unsereinem einen Rubel aus der Tasche. Das läßt sich mit keiner Wissenschaft in Einklang bringen.

Wenn man sieht, wie Anton Stepanytsch allerlei Delikatessen auswählt und Wein von der besten Marke nachtrinkt, fragt man sich unwillkürlich, für welche Heldentat ihm all das zugefallen ist, die Häuser, die Kapitalien und alles andere. Und weiß keine Antwort. Selbst seine Freunde nennen ihn geradeheraus einen Spitzbuben. Ich sage die reine Wahrheit.

Als das Jahresdiner vom Vorstand der Herren Fabrikbesitzer stattfand, für die Anton Stepanytsch die gerichtlichen Interessen wahrnimmt und die Prozesse führt, waren alle Kapitalisten zugegen, selbst der allgewaltige Millionär Gustschin. Und während des fröhlichen Essens klatschte dieser Herr Gustschin Anton Stepanytsch auf den Schenkel und sagte gedehnt – ich habe es selber gehört: »Bist eben ein Spitzbube, ein heller Kopf!«

Und alle lachten sehr, Anton Stepanytsch aber zwinkerte ihnen zu und prahlte sogar – der krumme Weg sei eben kürzer als der gerade. Als aber dann zum Dessert die Französinnen kamen, versuchte eine von ihnen, Herrn Gustschin für sich einzunehmen, und nannte Anton Stepanytsch ebenfalls einen Spitzbuben – was es da für einen Krach gab! Herr Glotanow geriet außer Rand und Band und rief, natürlich in betrunkenem Zustand: »So eine … die auch noch!«

Er hatte ein äußerst hartes Wort gebraucht und mit der entsprechenden Gebärde begleitet. Es gab einen solchen Krach, daß man es nur dem Ruf unseres Restaurants verdankte, wenn Folgen ausblieben. Dabei beschmutzten sie der Jungfer das Kleid von oben bis unten mit Kaviar … Sie rissen ein ganzes Fäßchen mit körnigem Kaviar um! Ja, es ist mancherlei vorgekommen.

Man sieht sich all das an und denkt sich seinen Teil … Ach … all diese unglückseligen Geschöpfe Gottes des Herrn! Wie viele habe ich schon gesehen! Dabei sind sie einmal rein und unschuldig gewesen, dann aber hat man sie verleitet, und sie sind der Straße zum Opfer gefallen. Und niemand beachtet es … Da kommt man manchmal nach Hause, betet zu Gott und geht ins Bett … Und hinter der Wand Natascha … Wie leise sie atmet … Und man wird nachdenklich … Was erwartet sie vom Leben? Wir werden ihr keine Kupons und keine Gewinnanleihen oder andere Scheine hinterlassen, auch keine mehrstöckigen Häuser, wie sie die Fräulein Pupajew, in deren Hause ich damals wohnte, geerbt hatten.

2

Wir lebten still und unbemerkt dahin, und plötzlich fing es an … und nahm einen so schrecklichen Verlauf, daß alles durcheinanderkam.

Es war gerade Sonntag, ich hatte, obwohl sich Koljuschka über jede Äußerung meines religiösen Eifers lustig machte, den Frühgottesdienst besucht und trank, da unser Restaurant erst um zwölf Uhr mittags geöffnet wurde, in Seelenruhe meinen Tee. Es gab bei uns Piroggen mit Weißkohl, und auch mein Freund Kirill Sawerjanytsch, der Friseur, saß bei uns und war bester Laune – er hatte in der Liturgie wunderbar deutlich aus der Apostelgeschichte gelesen. Und eben aus diesem Grunde erging er sich über die Natur des Lebens und über die Politik. Solche Reden führte er aber nur feiertags, weil ja die Werktage, wie er sehr richtig bemerkte, der unermüdlichen Arbeit, die Feiertage dagegen nützlichen Unterhaltungen vorbehalten seien.

Als er dann aber auf die Religion und auf den Glauben an Gott den Herrn zu sprechen kam, begehrte ich, wie Kirill Sawerjanytsch es hinterher darstellte, in meiner Unkenntnis gegen die Gebildeten auf – sie verließen sich bei all ihrer Klugheit denn doch zu sehr auf die Wissenschaft und den Verstand und wollten Gott nicht anerkennen. Das sagte ich aber aus Seelenkummer, weil Koljuschka nie in die Kirche ging. Ich sagte auch, es käme einen bitter an, den Kindern eine Schulbildung zu geben, weil man sie dadurch ganz verderben könne. Da sagte mein Koljuschka: »Von den Wissenschaften, Vater, verstehen Sie nichts, und Sie befinden sich da im Irrtum.« Er hörte sogar auf, seine Pirogge zu essen. »Sie sind sich«, sagte er, »weder über die Wissenschaften noch über den Glauben und die Religion im klaren.«

Ich sollte mir über Glauben und Religion nicht im klaren sein! Und da wollte ich ihn eben seiner Worte wegen zur Vernunft bringen. Ich sagte: »Du hast kein Recht, auf diese Weise zu deinem Vater zu reden! Da irrst du dich! Ich bin in deine Wissenschaften natürlich nicht eingedrungen und habe auch keine Geographie gelernt, aber ich stelle dich auf die Beine und will dafür sorgen, daß dir das Los eines Menschen von besserem Stande zuteil wird, damit du nicht weniger bist als andere und kein Lakai wirst, wie du mich nennst …« Hier ging geradezu ein Zucken über sein Gesicht. »Würde ich aber die Religion nicht anerkennen, dann wäre ich am Leben längst verzweifelt und hätte mich vielleicht sogar umgebracht! Da lernst du nun immerfort und hast dabei keinen wirklichen Herzensadel … Das tut mir weh, sehr weh …«

Kirill Sawerjanytsch teilte meine Meinung und senkte sogar den Kopf bis an den Tisch, aber Koljuschka widersprach: »Hören Sie auf mit Ihren Predigten! Würde man Ihnen«, sagte er, »alles klarmachen, dann würden Sie endlich verstehen, was Herzensadel ist. Aus Ihren Gebeten aber macht sich der Herrgott nichts, wenn es ihn überhaupt gibt!«

Das war nun tatsächlich allerhand! Ich spreche von Religion und Glauben zu ihm, und er kommt mir mit so was … Ich verwünschte mich selbst, weil ich ihn auf die höhere Schule geschickt hatte. Bündelweise hatte er Bücher nach Hause geschleppt und nächtelang über ihnen gesessen, wieviel Petroleum er allein verbraucht hatte! Und dann saß auch noch dieser Wassikow von der Eisenbahnverwaltung bei ihm herum, der Schwindsüchtige … Und böse war er geworden, geradezu als sei er übergeschnappt, und abgemagert …

Ich drohte ihm wegen der Worte über den Herrn mit dem Finger, und Kirill Sawerjanytsch sah ihn mit einem ganz bestimmten Ausdruck an – das konnte er sehr gut, ja, er verzog dabei auch noch den Mund. Wie Koljuschka da hochging! Und alle … selbst sehr bekannte Persönlichkeiten … beschimpfte und mit Ausdrücken bedachte, daß einem angst und bange wurde; Kirill Sawerjanytsch wurde ganz unruhig, hüstelte in einem fort und blickte zum Fenster.

»Vergebliche Liebesmüh!« schrie Koljuschka geradezu. »Ich weiß, welchen Herzensadel Sie von mir wollen! Daß hier etwas drin ist!« Und er tippte an seinen Rock. »Lieber klopfe ich auf der Straße Steine, als daß ich Ihnen dieses Vergnügen bereite!«

Buchstäblich wie ein Verrückter! Ja, was denn? Weshalb hatte ich mich bemüht? Weshalb den Herrn Schuldirektor gebeten, mich von der Zahlung der Schulgebühr zu befreien? Er war mir auch nur entgegengekommen, weil er gelegentlich im Restaurant bei uns aß und ich ihm gefällig war und unseren Koch Lexej Fomitsch bat, sich ganz besondere Mühe zu geben – der Herr Direktor ließ sich also nur meiner Dienstfertigkeit wegen dazu herab. Drei Bittschriften mit der Darlegung meiner Notlage habe ich eingereicht und oft genug meine Rechnungen heruntergedrückt – das geht, wenn man gute Beziehungen zum Bonkontrolleur in der Küche hat –, aber ich habe es schließlich geschafft. Und zum Dank für all das solche Reden!

Hier mischte sich Kirill Sawerjanytsch ein und setzte ihm auseinander: »Sie«, sagte er, »sind noch sehr jung und hitzig und in die Wissenschaften noch nicht tief genug eingedrungen. Die Wissenschaften bringen den Menschen dem wirklichen Herzensadel allmählich näher und geben ihm den Schlüssel zum ewigen Glück in die Hand!« Geradezu wunderbar, wie er sprach! »Der Glaube aber und die Religion dämpfen das Ungestüm. Und nun«, sagte er, »vergegenwärtigen Sie sich, wohin die Wissenschaften führen. Ich bin zur Zeit natürlich Friseur, und wäre nicht die wissenschaftliche Vervollkommnung der Maschinen, dann würde ich bei all meiner Kunst – und ich bin ein ausgezeichneter Meister – gut zehn Minuten brauchen, um jemand kahlzuscheren. Seitdem sie aber die Haarschneidemaschine erfunden haben, mache ich das in einer Minute. Und so ist es in allem. Schließlich kommt eine Zeit, da die Gelehrten Maschinen erfinden werden, die alles machen können. Schon heute gewinnt man dank den Maschinen vieles aus der Luft, sogar den Zucker. Und wenn es einmal so weit ist, werden sich alle ausruhen und die Natur erkennen. Und ebendies ist auch der Grund, weshalb man sich den Wissenschaften widmen sollte, was edelgesinnte und gebildete Menschen auch tun, während wir andern uns vorläufig gedulden und an die öffentliche Fürsorge Gottes glauben müssen. Das dürfen Sie nicht vergessen!«

Ich war mit diesen weisen Worten völlig einverstanden, doch Koljuschka gab sich nicht zufrieden und überschüttete Kirill Sawerjanytsch mit einem wahren Wortschwall: »Ich will Ihren Unsinn nicht hören! Haaa … Ihrer Meinung nach soll wohl das Pferdchen ruhig krepieren, während das Gras wächst? Sie haben es gut, Sie handeln mit Parfüms und rasieren allerlei Herrschaften die Visage – freilich nicht eigenhändig! Sie färben und lackieren und verdecken den Leuten die Glatzen, damit sie frischer aussehen!«

Kirill Sawerjanytsch, der äußerst empfindlich war, wurde böse und verschluckte sich sogar. »Dringen Sie erst mal in das Evangelium ein«, sagte er, »dann werde ich mit Ihnen reden! Ich habe mich mit Philosophie befaßt! Lesen Sie erst mal so viel, wie ich gelesen habe … Ich könnte Ihren Lehrern etwas beibringen, geschweige denn …«

Und er tippte sich mit dem Finger an die Brust. Nun ja, aber auch mein Sohn blieb ihm nichts schuldig … Jener gab’s ihm mit fünf und meiner ihm mit fünfundzwanzig Worten! Auch er hatte viel gelesen.

»Haaa … Sie verschanzen sich hinter dem Evangelium! Ich werde Ihnen Ihr Evangelium unter die Nase reiben! Ihren Glauben Punkt um Punkt zerpflücken und Ihnen vor Augen halten! Ich werde Ihnen Ihre Maschinen in Zahlen vorführen, die Straßen mit dem Lumpenzeug der Armen pflastern! Ist es das, was Sie unter Evangelium verstehen? Sie tragen«, sagte er, »Ihre Buchungen in ihm ein – für Haareschneiden und Rasieren!«

Geradezu ein tollwütiger Hund! Sehr hitzig und empfindlich ist er nun mal. Aber auch hier zeigte er, daß er es hinter den Ohren hatte. Er rannte im Zimmer umher, stieß den Finger in die Luft, drohte mit der Faust und erging sich über das Leben, über die Politik, über alles. Er warf nur so mit Namen um sich. Berühmten und berühmtesten … Und gab es ihm. Auch die Geschichte kam dran … Wo er das alles nur hernahm! Er hatte eben viele Bücher gelesen. Und so und nicht anders muß man es machen, und eben darin und in nichts anderem äußert sich der Herzensadel im Leben!

Kirill Sawerjanytsch war völlig hilflos geworden und verzog nur noch den Mund. Doch hilflos schien er bloß, er tat nur so und bereitete sich im stillen auf eine Entgegnung vor. Und er begann sehr höflich, sogar mit einer netten Handbewegung: »Das ist nur leeres Stroh von Ihrer Seite, Sie weichen mir aus. Das alles bedeutet Gewalttätigkeit, und so etwas gibt es im Leben nicht. Denken Sie gründlich nach, dann wird Ihnen alles klarwerden. Ich weiß mit der Politik sehr gut Bescheid und denke …«

Koljuschka schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Geschirr klirrte. Er war breitknochig und stark, nur eben sehr hitzig.

»Das Denken überlassen Sie ruhig uns, rasieren Sie lieber die Visagen!«

Das war nun wirklich frech. Kirill Sawerjanytsch jedoch fuhr leise, aber deutlich fort: »Warten Sie ab, zerschlagen Sie kein Geschirr! Sie haben noch gar nicht getrunken und krächzen schon! Und dann – wer sind Sie denn? Sie absolvieren Ihr Studium, werden Ingenieur und bauen allerlei Straßen und kleine Brücken … Wenn erst das Geld auf Sie zukommt, werden Sie Handschuhchen tragen und da und dort etwas liegen haben, das sich von selber vermehrt. Und eigene Häuschen und dekolletierte Damen … Mit unsereinem, der anderen die Visage rasiert, werden Sie nicht zu reden wünschen … Nein, warten Sie, verbieten Sie mir nicht den Mund! Das werden Sie später tun, wenn ich Sie erst rasiere … Sie werden allerlei Bücher lesen und schöne Reden führen und gar nicht mehr wissen, wohin damit! Und mit den behandschuhten Händchen den einen in die Enge treiben, dem anderen an die Gurgel fahren … Wir haben genug gesehen – wissen unsererseits nicht, wohin damit! Sie sagen – die Wahrheit! Die Wahrheit ist nämlich … bei Peter und Paul!«

Er hatte alles zerredet, und Schluß! War schon ein ungewöhnlicher Kopf! Koljuschka kniff nur die Augen zusammen und sagte: »Das werden Sie wohl an sich selber erfahren haben! Aber gestatten Sie eine Frage: Was schlagen Sie aus Ihren Gesellen heraus?«

Kirill Sawerjanytsch wollte gerade den Mund auftun, als Luscha hereingestürzt kam, aufgeregt winkte und mit erschrockenem Gesicht über Koljuschka herfiel: »So hab doch wenigstens Mitleid mit deiner Mutter! Du richtest uns zugrunde! Kriwoi hat alles gehört!«

Ach du meine Güte! Den hatten wir ganz vergessen, ihn, den wir längst an die Luft setzen wollten. Er war in allen seinen Handlungen sehr undurchsichtig. Früher hatte er wohl in einer Gummiwarenhandlung gearbeitet, dann war ihm die Frau mit dem Reviervorsteher durchgegangen. Er hatte bei uns ein Zimmer mit dem Fenster zur Müllgrube gemietet, kam jeden Abend betrunken nach Haus und lärmte. Die Gitarre von der Wand und den Walzer »Die unwiederbringliche Zeit« gespielt – bis drei Uhr nachts. Ließ niemand schlafen, und wenn man etwas sagte, polterte er gleich los: »Sie werden noch merken, wer ich eigentlich bin! Sie glauben wohl, ein kleiner Schreiber bei der Polizei? Nein, nicht die Bohne! Ich habe besondere Vollmachten!«

Wir waren regelrecht eingeschüchtert. Den Mund so voll zu nehmen – geradezu erstaunlich! Und das in solchen Zeiten! Manchmal legte er die Gitarre auch beiseite und verstummte. Luscha hat alles durch eine Ritze gesehen. Er stand dann in der Mitte des Zimmers, zerwühlte das Haar und sah sich in einem fort um. Manchmal sengte er auch die Wanzen hinter den Tapeten mit einer Kerze – wie leicht hätte er einen Brand verursachen können! Und dabei klebte er an uns wie eine Klette.

Dieser Kriwoi also, dieser Einäugige – sein linkes Auge war immer zusammengekniffen –, tauchte plötzlich mit giftiger Miene in einer neuen Jacke hinter Luscha auf und zeigte mit zitterndem Finger auf uns. Auch an dem einzigen Auge sah man, daß er zu allem fähig war.

»Jetzt habe ich euch endlich! Wiiie bitte? Ihr haltet mich für einen Geheimpolizisten? Da unterschätzt ihr mich aber! Diese politische Unterhaltung werde ich euch ankreiden! Wiiie bitte?«

Ich wußte, er war ein völlig verdrehter Bursche und obendrein betrunken, und ich schwieg. Koljuschka – er konnte ihn nicht leiden – wandte sich ab, während Kirill Sawerjanytsch ihn zu besänftigen suchte: »Es war ein Streitgespräch über die Wissenschaft und keineswegs von wegen und so … Möchten Sie nicht ein Gläschen Tee?«

Er packte die Angelegenheit überhaupt sehr diplomatisch an.

»Wir sind doch selber Patrioten«, erklärte er, »und keineswegs von wegen und so … Glauben Sie das bitte nicht! Ich zum Beispiel unterhalte sogar einen Frisiersalon …«

Doch Kriwoi kniff vollends die Augen zusammen und wandte sich sogar halb von uns ab.

»Sparen Sie sich die Komplimente! Wie man sich mir gegenüber verhält, seh ich auch ohne Brille! Hab wohl auf euch Eindruck gemacht! Wiiie bitte? Vielleicht richte ich euch alle noch zugrunde, ihr tut mir bei meinen gebildeten Gefühlen sogar sehr leid, da ihr mich aber verschmäht und an die Luft setzt wie den letzten Dreck, kann ich mir das nicht gefallen lassen! Und da du ein Lakai bist«, jetzt wandte er sich an mich, »werde ich mich um niemand …«

Das war nun wirklich sehr unschön von ihm. Und Koljuschka – das Glas ergreifen und nach ihm werfen war eins! Er bespritzte ihm das Gesicht und die neue Jacke … Alle sprangen auf. Kirill Sawerjanytsch packte Koljuschka an den Handgelenken, und ich versperrte Kriwoi den Ausgang, damit er nicht auch noch auf der Straße randalierte; Luscha war nahe daran, vor ihm auf die Knie zu sinken, und flehte ihn an, sich in die Lage der Familie zu versetzen, und auch Natascha kam dazu; Kriwoi aber riß sein einziges Auge auf, durchbohrte alle mit dem Blick und stukte den Zeigefinger in sein Jackett. Das reinste Sodom und Gomorrha … Am Ende tauchte auch noch der andere Untermieter von uns auf; er war Musiker und blies auf Hochzeiten die Posaune, hieß mit Familiennamen Tscherepachin, Polikarp Sidorytsch, und war von ausgesprochen physischem Körperbau … Und sofort zu Nataschka.

»Hat er Sie etwa gekränkt? Bitte treten Sie von der unangenehmen Unterhaltung zurück …« Und sogleich zu Kriwoi: »Ich drehe Ihnen den Hals um, wenn Sie noch einmal … Miststück verdammtes! Ein Schweinehund sind Sie nach alledem! In Gegenwart dieses Fräuleins beleidigend zu werden!«

Ich flehte ihn an, nicht auch noch seinerseits zu randalieren, er war jedoch sehr hitzig und uns sehr zugetan. Am liebsten hätte er Kriwoi auf der Stelle eins in die Fresse gegeben.

»Lassen Sie mich, ich will ihm eine kleben! Ich mache ihm eine Sonnenfinsternis in seinem zweiten Auge! Dem tollwütigen Kater!«

Kriwoi aber brabbelte in einem fort wie ein Wasserfall und beachtete ihn nicht im geringsten. Und Kirill Sawerjanytsch redete Kriwoi gut zu: »Sie wollen den jungen Mann zugrunde richten, das ist gewissenlos! Das ist sogar gehässig von Ihnen! Es war nur von Maschinen und vom Sinn des Lebens die Rede, Sie aber schieben die Dinge auf das politische Gleis …«

Der aber stukte mit dem Finger in seine Brust, und wieder: »Ich weiß, was das für Gleise sind! Er hat mir mein neues Jackett beschmutzt! Ich bin nicht irgendwer! Ich habe intelligente Neigungen!«

Und Kirill Sawerjanytsch: »Das kriegen wir alles hin. Wir geben die Jacke in die Reinigung und lassen alles entfernen. Mein Vetter arbeitet nämlich bei Buckermann …«

»Es dreht sich nicht um die Jacke!« schreit Kriwoi. »Tun Sie nicht so, als handelte es sich nur um die Jacke! Hier geht’s um ganz anderen Stoff! Mein Blut ist von adliger Herkunft, und nichts kann mir Genugtuung verschaffen. Vielleicht überleg ich mir’s noch, aber er soll sich sofort bei mir entschuldigen!«

Ich natürlich, um das Feuer nicht zu schüren, flüsterte Koljuschka zu:

»Entschuldige dich … Lohnt es sich denn, mit jedem …«

»Und ich verlange unbedingt eine neue Jacke!«

Koljuschka aber fällt über mich her:

»Ich mich bei diesem Parasiten entschuldigen?«

»Haaa … Ich bin also ein Parasit? Na, jetzt werde ich’s euch aber zeigen!«

Er greift in die Tasche und zieht ein Papier hervor. Wir waren alle sprachlos.

»Und was ist daaas hier? Ich ein Parasit? Ihr habt es selber gewollt, so schluckt jetzt dieses Zirkular! Auf Wiedersehen!«

Und er verließ das Zimmer. Kirill Sawerjanytsch ihm nach, während ich zu Koljuschka sage:

»Was machst du nur mit mir? Ich habe dich mit meinem Herzblut genährt, dich aufgezogen und durch mein eifriges Bemühen von der Schulgebühr freibekommen … Stimmt’s? Und das ist der Dank dafür! Was soll denn jetzt werden?«

»Sie haben sich umsonst bemüht«, entgegnet er, »umsonst vor jeder Kanaille geliebedienert! Nicht dieses Pack, das selber nur auf Raffen aus ist, hat für mich bezahlt … Kriwoi aber ist vielleicht gar nicht einmal so schuldig … Wo Aas ist, da sind eben auch Würmer.«

»Was denn für Würmer?«

»Solche grünen …« Und er lacht sogar!

»Was soll das?« frage ich streng. »Was bildest du dir ein?«

»Nichts. Trinken wir lieber unseren Tee, Sie müssen doch bald in Ihr Restaurant …«

»Versuch mich nicht zu beschwatzen«, sage ich, »nimm dich in acht, du!«

»Sie sind ein komischer Kauz! Was regen Sie sich eigentlich auf? Ich wollte Sie doch nur vor der Beleidigung in Schutz nehmen …«

»Vor der Beleidigung in Schutz nehmen!« entgegne ich. »Er wird uns jetzt der Jacke wegen beim Friedensrichter verklagen und dich bei der Polizei denunzieren – was du für Reden führst … Du siehst doch selbst, was für ein tückischer Mensch das ist! Er kann dir jetzt auch in der Schule schaden …«

Hier kehrte Kirill Sawerjanytsch zurück; er war blaß, fuchtelte mit den Armen und zerrte verwirrt an seiner Krawatte.

»Er ist nun doch gegangen! Vermutlich zum Polizeirevier! Jetzt werde auch ich noch in diese Angelegenheit hineingezogen … Alle wissen, daß ich ein friedlicher Bürger bin, aber nein, dieses Bengels wegen wird man auch mich … Vergiß nicht«, sagte er zu mir, »ich habe nur von Maschinen, von der Wissenschaft, vom Glauben an Gott und von der Geduld gesprochen … Die Zeiten sind ernst, ich habe auch ohne Politik Sorgen genug … Der Umsatz geht zurück.«

Er griff nach seiner Mütze, und weg war er. Nicht mal seine Pirogge hatte er aufgegessen. Was konnte ich machen! Ich wollte ihn zurückholen und um Rat fragen, aber ich sah – es war zwanzig vor zwölf, ich mußte ins Restaurant. Und es war Feiertag, es würde heiß zugehen, man würde sich ranhalten müssen.

Da ging ich also und dachte: Was soll denn nur aus uns werden? Was wird jetzt aus uns?

3

Ausgerechnet an diesem Tag mußte es bei uns im Restaurant ein ziemliches Durcheinander geben! Ignati Jelissejitsch hatte eine neue Anordnung getroffen: »Von morgen an haben alle Kellner der Geräuschlosigkeit halber Gummisohlen zu tragen!«

Es wurde bei uns viel darüber gelacht, mir allerdings war nicht zum Lachen. Da hört man sich an, was à la carte bestellt wird und wie man Kapaun à la Richelieu serviert haben will, und muß in einem fort daran denken, welchen Verlauf die Sache mit Kriwoi wohl nehmen wird. Obendrein stellte sich auch noch der Herr Bankdirektor Filinow ein – er hatte einen riesigen Bauch, in dem ein hundert Arschin langer Bandwurm zu hausen schien; der Herr Bankdirektor war in Angelegenheiten des Essens ein großer Kenner und ließ den Deckel nie durch den Kellner von der Pfanne abheben, er tat es vielmehr selbst, sogar mit zitternder Hand; doch dieses Mal war er gekränkt. Dabei hatte er in Gegenwart der Nummer fünfzehn ein Chaud-froid von Wild mit Trüffeln bestellt, schickte es jetzt aber zurück.

»Ist mir gar nicht eingefallen, das zu bestellen«, sagte er, »das hab ich erst gestern gehabt, während ich heute …« Er warf einen Blick auf die Karte und zeigte auf den Sterlet in Rheinwein. »Ich habe heute Sterlet bestellt.«

Mach was! Dabei wußte ich ganz genau, daß er ein Chaud-froid bestellt und auch noch mit dem Finger auf die Karte getippt hatte – es müßten unbedingt französische Trüffeln sein. Die Order an die Küche hatte der Maître d’hôtel ausgeschrieben. Friß meinetwegen selber! Doch was zum Teufel sollte ich mit dem Chaud-froid? Ich hatte andere Sorgen!

Wie war das alles nur mit Koljuschka gekommen, wo hatte er diese Reden her? Da war er herangewachsen, und ich hatte ihn kaum gesehen. Wann hätte ich ihn auch sehen sollen? Ich mußte früh zum Dienst, sah ihn vielleicht ein paar Minuten die Schulaufgaben machen und kam nach drei Uhr nachts zurück – dann schlief er. So hatte ich ihn eigentlich gar nicht heranwachsen sehen, und plötzlich war er groß. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie er als kleiner Junge gewesen ist … Als wäre er unter Fremden aufgewachsen … Ich habe ihm wohl nicht die richtige Wärme gegeben. Ich hatte ja keine Zeit dazu.

Und nun auf einmal paßte ihm meine Arbeit nicht. Während ich mir das so gedacht hatte: Er wird Ingenieur, ich gebe die Arbeit auf, schaffe mir Geschirr an und leihe es gegen Geld zu Abendgesellschaften, Bällen und Trauerfeiern aus. Dann kaufe ich mir ein Häuschen in möglichst ruhiger Lage und halte zu meinem Vergnügen Hühner … Ich habe für eine kleine Hauswirtschaft sehr viel übrig. Auch Luscha war sehr dafür … Versteh ich doch selber sehr gut, was für einen Beruf ich habe und wer ich eigentlich bin. Man sieht mir nicht einmal ins Gesicht, sondern immer nur in den Raum zwischen dem Tisch und meinen Beinen … Es gab bei uns sogar einen Gast, einen Gestütsbesitzer, der Kenner in diesen Dingen war und jede Wette einging, er könne allein mit den Fingern ein ganzes Abendessen bestellen – ohne ein einziges Wort zu sagen … Wenn aber etwas nicht stimmen würde – erbarmungslos zurück, und ohne Bezahlung. Und dem entsprechen auch die Gummisohlen. Ignati Jelissejitsch erklärte denn auch geradeheraus: »Ich habe da in Paris einen Direktor gekannt, bei dem ist das so eingeführt, und keiner von den garçons verursacht den geringsten Lärm. Die Gäste empfinden das als äußerst angenehm, und außerdem stört es nicht die Musik.«

Er entdeckte einen Fleck an meinem Frack und gab mir die strenge Weisung, ihn zu entfernen oder ein neues Seitenteil einzusetzen. Ein Gast, der mir erklären wollte, wie er das Rumpsteak auf Englisch wünsche, stieß mich aus Unachtsamkeit mit dem Löffel an und machte mir den Fleck. Die Gäste könnten Anstoß daran nehmen, meinte Ignati Jelissejitsch!

Warum eigentlich? Weil ich – bei meinem ständigen Herumhetzen – einen Fleck am Frack habe? Was ist schon ein Fleck? Der Makler Lissitschkin hat Flecken auf der Hose und auf der Hemdbrust … Und erst Herr Kascherotow, wenn man näher hinsieht, geradezu überall, selbst hier, an dieser Stelle … Sie nehmen Anstoß … Und ich darf keinen Anstoß daran nehmen, wenn mir Herr Eiler, der Steuerinspektor, mit der Zigarre ein Loch in die Hose brennt? Ein anderer gebildeter Mann – Gymnasiallehrer und schreibt sogar in den Zeitungen, hat einen äußerst schwierigen Namen, den ich durchaus nicht behalten kann – betrank sich eines Tages anläßlich einer Auszeichnung, die er erhalten hatte, dermaßen, daß er und seine Kollegen bei dem Gelage das ganze Séparée beschmutzten; als ich ihn unterfaßte und zum WC führte, verlor er eine Scheibe Stör à la provençale aus der Manschette und bespie mir, da er sich auf dem Korridor erbrechen mußte und mir den Kopf an die Brust legte, das ganze Vorhemd und die Weste mit Alkohol oder sonst welcher Flüssigkeit aus seinem Magen. Widerlich, solche Ungezogenheiten mit anzusehen! Und wenn erst Namenstag all der Tatjanas ist … da freilich gibt es Flecken, Flecken aller Art und überall … Moralische, und nicht nur materielle, wie Koljuschka sagt! Flecken im höheren Sinn! Wo also ist das Recht? In Wirklichkeit gibt es das wohl gar nicht? Zu dieser Ansicht neige ich in letzter Zeit immer mehr.