Der Mensch ist Psyche - Annie Berner-Hürbin - E-Book

Der Mensch ist Psyche E-Book

Annie Berner-Hürbin

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Beschreibung

Das neue Buch von Annie Berner-Hürbin zeigt Psyche- und Bewusstseinsvorstellungen, die für die heutigen Therapien bedeutsam sind: denn die antike Psychotherapie birgt einzigartiges, unerkanntes Wissen, vom Unbewussten bis zum Überbewusstsein. Ein Schwerpunkt ist die frühste Darstellung des Psyche-Modells als Chakrensystem, sowie die damit verbundenen Emotionen, versteckt im Hadesgang des Odysseus. Hochaktuell ist ferner der Versöhnungsprozess der Erzfeinde Priamos und Achilles, wo Wut und Rache überwunden und in Empathie und Respekt überführt werden: die Wandlung der emotionalen Energie in einem geführten Weg. Dabei werden Voraussetzungen für die heutige Krisenbewältigung und die psychisch-geistige Entwicklung erarbeitet.

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zu diesem Buch

Wo und wie ist die Psyche, Seele? Während andere Wissenschaften ihre Modelle haben, arbeitet die Psychologie noch wesentlich mit einer black box. Abspaltung der Gefühle, unbearbeitete Traumata, familiäre Wiederholungen über Generationen, Ausserkörpererlebnisse und Nahtoderfahrungen ... ja das vielseitige Unbewusste wartet dringend auf umfassende Konzepte. Das Buch zeigt ein Modell der Psyche und ihrer Energiequellen, auf der Humanebene erfahrbar, um endlich sich an den Modellen der modernen Physik zu inspirieren.

Über die Autorin

Annie Berner-Hürbin, geboren in Baden / Schweiz. Sprachstudium und Assistenz an der Universität Zürich (Dijon und Siena). Dissertation aus dem Gebiet der Psycholinguistik, anschliessend Zweitstudium in Psychologie mit Abschluss an der Universität Zürich. Verschiedene psychotherapeutische Ausbildungen. Psychotherapeutin in eigener Praxis, Kurs- und Vortragstätigkeit, Dozentin für Aus- und Weiterbildung, Supervisionen, Publikationen. 1995 Szondi-Preis; Ehrenbürgerin von Kos, Chios und Oinousses in Griechenland. Verheiratet mit einem Arzt für Psychosomatik, drei erwachsene Kinder und vier liebenswürdige Enkel und Enkelin, lebt in Luzern.

Bisherige Veröffentlichungen:

Psycholinguistik der Romanismen im älterenSchweizerdeutschen. Frauenfeld: Huber 1974.

Eros – die subtile Energie. Studie zur anthropologischenPsychologie des zwischenmenschlichen Potenzials.Basel: Schwabe 1989.

Hippokrates und die Heilenergie. Basel: Schwabe 1997.Psyche – Energie – Ekstase. Sokratische Psychotherapieund aktuelle Bewusstseinsforschung. Frauenfeld:Huber 2009 und Bern: Origo 2017.E-Book ISBN 978-3-282-00205-4

Der Mensch ist Psyche. Antike Grundlagen der Psychologieund Psychotherapie. Bern: Origo 2023.E-Book ISBN 978-3-282-00204-7

ANNIE BERNER-HÜRBIN

DER MENSCH IST PSYCHE

Antike Grundlagen der Psychologieund Psychotherapie

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmassnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt unmd kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritte enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

© 2023 by Origo Verlag,

Rathausgasse 30, CH-3011 Bern / Schweiz

www.origoverlag.ch

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Willigis Jäger

Worte des Dankes

1. Einführung

1.1 Kultur und Psychologie ohne Psyche, eine Notsituation

1.2 Die ältesten Darstellungen der Psyche und ihrer Organisation

1.3 Neue Leseart der antiken Texte und Bilder

1.3.1 Übersetzungsfehler realisieren

1.3.2 Ikonographische Codes erkennen

1.4 Die Erweiterung des Energie-Begriffs

1.5 Die energetische Wahrnehmung von Mensch und Kosmos

1.5.1 Die subtile Energiewahrnehmung

1.5.2 Die Dynamik der energetischen Prozesse

1.6. Die energetische Heilkunst

1.6.1 Energetisches Heilen als Energieübertragung

1.6.2 Die energetischen Ebenen des Heilens

1.6.3 Die diagnostischen Leitkriterien energetischen Heilens

1.6.4 Falsche Heilmodelle

1.7 Geschichte der Verdrängung im Abendland

1.7.1 Verdrängung bis Spaltung als Abwehrmechanismen

1.7.2 Vom Verdrängen des Unbewussten zum Verlust der Psyche

2. Die Psyche/gr. psyche in den homerischen Epen

2.1 Die homerischen Epen

2.1.1 Zusammenfassung Ilias und Odyssee

2.1.2 Hinweise auf Initiatenwissen in den homerischen Epen

2.1.3 Die Odyssee als Entwicklungsweg zur Psyche

2.2 Die psyche als hierarchische Struktur

2.3 Die psyche als Energiefeld

2.3.1 Die psyche als Feldstrahlung der Verstorbenen

2.3.2 Die Aura, gr. chros

2.4 Die psyche als subtiles Abbild des Körpers

3. Der thymos, das emotionale System

3.1 Der thymos als Struktur zwischen psyche und Körper

3.2 Der thymos und die Todesnähe

3.3 Der thymos, der Atem und die Emotionen

3.4 Der thymos als Gefühlswahrnehmung

3.5 Der thymos als primäre Wahrnehmungs- und Ausstrahlungsorganisation

3.6 Die Filterfunktion des thymos

3.7 Die Spaltung des thymos bei Platon

3.8 Schmerz und Anästhesie

4. Das Chakren-System

4.1 Allgemeines und Geschichtliches

4.2 Die psychische Vertiefung

4.3 Die Ritualgemeinschaft

4.4 Der siebenstufige Weg der psyche

4.5 Die Chakrenbegriffe in den homerischen Epen

1. Zentrum: Wurzel-Chakra > gr. eune

2. Zentrum: Nabel-Chakra > gr. omphalos

3. Zentrum: Solarplexus-Chakra > gr. phren

4. Zentrum: Herz-Chakra > gr. etor

5. Zentrum: Oral-Chakra > gr. aude

6. Zentrum: Augenlicht-Chakra > gr. omma

7. Zentrum: Kronen- oder Scheitel-Chakra > gr. noos

4.6 Die Hadesfahrt als Unterweisung

4.7 Die Entschlüsselung der Hadesfahrt als Chakrensystem

4.8 Zusammenfassung der Chakren

4.9 Das Weitergehen der Chakren-Lehre im Christentum

4.9.1 Die Glückseligpreisungen

4.9.2 Der Eros im Hohelied der Liebe

5. Der Hades zwischen Unbewusstsein und Überbewusstsein

5.1 Der Hades in den antiken Mysterien

5.2 Der Hades in den Nahtoderfahrungen

5.2.1 Induktion von Todesangst

5.2.2 Antikes Beispiel einer gefährlichen Hadesreise

5.2.3 Das Austreten der Psyche aus dem Körper (OOBE)

5.2.4 Das Gericht

5.2.5 Antike Hadeserfahrung als Psychotherapie

5.2.6 Erfahrungen von Todesangst

5.2.7 Beschreibung einer heutigen Nahtoderfahrung

5.2.8 Antwort aus der Psychologie

5.2.9 Weiterleben der antiken Nahtod- und Todesnäheerfahrungen

5.3 Der Hades, das vorgeburtliche Wissen und die Urverdrängung

5.3.1 Die Tiefenpsychologie als Erbin dieser Hadesvorstellung

5.3.2 Der platonische Weg des Wiedererinnerns

5.4 Der Hades und die Scham

5.4.1 Adaptation im sokratischen Tiefenprozess

5.5 Der Hades und die Totenrituale

5.5.1 Verstorbene in Träumen

5.6 Die verschiedenen Zonen des Hades

5.6.1 Die unbewussten Zonen in der Psychotherapie

5.7 Der Hades und das Überbewusstsein

6. Die Energielehre in den Epen

6.1 Die Energiewandlung

6.2 Die Säftelehre (chymia), eine Prozesslehre

6.3 Das Drama im Mythos

6.4 Psychologie von Trauer und Wut

6.4.1 Unterscheidung von Trauer und Wut

6.4.2 Psychische Wandlung

6.5 Der initiatische Wandlungsprozess des Priamos

6.6 Die Phasen der Wandlung

6.6.1 Phase der aporia, Durchbruch durch die Verdrängungsschranke

6.6.2 Erste Energiewandlung (epainos)

6.6.3 Prüfung und Versuchung (elenchos)

6.6.4 Hinwendung zum Guten, Gabenbereitung (protrope)

6.6.5 Abwendung vom Bösen, Losreissen aus der Erstarrung (apotrope)

6.6.6 Tranceteil (Opferspendung, positives Vogelorakel) (maieia)

6.6.7 Die Hadesreise (Bilderreise in Trance) (maieia)

6.6.8 Psychodrama zwischen Priamos und Achilles (Wandlung des Achilles) (maieia)

6.6.9 Rückfall und Lösung (lysis, maieia)

6.6.10 Neuwerden, Schutz, Tranceende (maieia, psogos)

6.7 Subtilenergetische Deutung der Ilias

7. Zusammenfassung der Psychotherapieentwicklung

Anmerkungen

Glossar

Verzeichnis der Abbildungen

Bibliographie

Wörterbücher und Manuale

Sach- und Personenregister

Vorwort

Die Heilung von unserem Ego: Es geht in unserer Spezies nicht so sehr um die Heilung des Körpers, es geht um den Ausstieg aus unserer symbiotischen Gefangenschaft mit unserem Ego, um den Anschluss an unser tiefstes Wesen. Von dort kommen uns heilende und ordnende Kräfte. Es gibt eine Erfahrungsebene, die vor unserem Denken und Wollen liegt. Wir nennen sie unser tiefstes Wesen, Sekundärbewusstsein, kosmisches Bewusstsein. Es steht also etwas hinter unserer personalen Struktur, etwas, was diese personale Struktur als Instrument benützt. Dieses unser tiefstes Wissen spielt gleichsam auf diesem ‹Instrument Ich›. Aber es kann nur spielen, wenn das Instrument mit sich spielen lässt. Wenn es zu sehr von sich selbst besessen ist und seine eigene Melodie spielen will, kommt eine falsche Melodie zustande.

Es gibt kein grösseres Heilmittel als unser tiefstes Wesen. Wir brauchen es nicht zu suchen, wir haben nur die verdeckten Schichten abzulösen, um seiner heilenden Kraft teilhaftig zu werden. Dazu muss der Pilger Mensch sein temporäres Ich kultivieren und relativieren. Psychotherapie kann dazu beitragen. Aber erst die Überschreitung der Ich-Grenzen auf der via purgativa (dem Weg der Reinigung) lässt unsere Konditionierungen erkennen und macht uns bereit für einen hintergründigen Heilungsprozess.

Genau dieser Heilungsprozess ist in der sokratischen Psychotherapie gemeint. Platon erzählt uns die Begegnung von Sokrates mit einem jungen Mann, der sich über Kopfschmerzen beklagte. Er zitiert Sokrates wie folgt: «Letzthin klagte er (der junge Mann) über Schweregefühl seines Kopfes schon ab Erwachen». Welches Mittel empfahl nun Sokrates? «Gleich wie man die Augen nicht behandeln kann ohne den ganzen Kopf, und den Kopf nicht ohne den ganzen Körper, kann man den Körper nicht ohne die Psyche behandeln; denn dies ist wohl der Grund, weswegen die griechischen Ärzte die meisten Leiden noch nicht meistern würden, da sie nicht wissen, dass man das Ganze in hoher Achtsamkeit berücksichtigen muss, und dass es unmöglich ist, dass ein Teil geheilt werden kann, wenn das Ganze nicht wohlauf ist. Denn alles nimmt seinen Anfang in der Psyche, das Schlechte wie das Gute».

Was ist also die Psyche? Das vorliegende Werk entwickelt das antike Modell der Psyche und den kathartischen Weg des Sokrates, um in ihre Tiefen durch Lösen und Binden vorzudringen. Nur so kann der Mensch zu immer tieferen spirituellen Erfahrungen befähigt werden, eine Herausforderung für unsere Zeit.

Willigis Jäger

Benediktushof, Holzkirchen bei Würzburg, 8. Juni 2015

Worte des Dankes

Das vorliegende Buch ist aus mehrjährigen Erfahrungen und Vorträgen an der Academia Homerica in Chios / GR entstanden. Dafür danke ich der Organisatorin, Dr. Maria Eleftheria Giatrakou sehr herzlich: Mit ihrem grossen Engagement bringt sie uns Teilnehmenden Geschichte, Sprache, Kultur und gastfreundliche Menschen näher und lässt uns Teil der griechischen Gemeinschaft werden. Hier begann ich – auch in eigenen Vorträgen – mich mit der homerischen Welt auseinanderzusetzen.

Ferner danke ich den Menschen, die in meine Praxis kommen – vor allem auch der Ausbildungsgruppe in sokratischer Psychotherapie – für das Arbeiten mit den dargestellten Modellen, für viele Anregungen und, vor allem, für Ihre offengelegten Erfahrungen der unbewussten Welt, des Hades.

Auf den Spuren der Psyche waren wir auch in den Selbsterfahrungswochen in Aurel (F), Süditalien, Ravenna und Kos (GR). Dankend erwähne ich die Familie Niki und Eftimios Trakosa sowie Nikos und Maria Hatziandoniou in Kos und die Familien Tzortzakis in Ferma (Kreta). Alle lassen sie uns immer wieder griechische Gastfreundschaft erleben, sogar mit Einladung an Taufe und Hochzeit. In Pompei danken wir vor allem der Familie Falanga vom Hotel Forum für ihre Hilfsbereitschaft und wunderbare Atmosphäre.

Herzlich danke ich Freunden und KollegInnen, die das Manuskript kritisch lasen und sich dafür Zeit nahmen: vor allem dem klassischen Philologen und Freund Dr. phil. Urs Breitenstein, der auch dieses Manuskript liebenswürdig lektorierte und lesbar machte, ferner der Historikerin Dr. phil. Magdalen Bless-Grabher, die mir, nebst wichtigen Informationen, ihre eindrückliche Nahtoderfahrung zur Publikation übergab; ferner danke ich der Psychologin Dr. phil. Geneviève Grimm-Montel herzlich für die sorgfältigen und freundschaftlichen Korrekturen, ferner dem Psychologen lic. phil. nat. Ronald Greber für seinen Einsatz um die Lesbarkeit der Fotos und das Layout; weiter danke ich unseren Berufskollegen und Freunden Dr. med. Christoph und Eva Schmid-Eggenschwiler und Dr. med. Jacques Schiltknecht für engagierte Diskussionen.

Herzlich danke ich schliesslich auch dem Verleger Roman Wild vom Origo-Verlag, der sich um den Text bemühte und den schönen Druck veranlasste.

Ein besonderer Dank gilt meinem Mann, Dr. med. J. Berner, der meine Deutung der Hadesfahrt schnell verstand und mich beim langen Weg zur Publikation immer unterstützte. Wir hatten viele anregende und auch schwierige Diskussionen zwischen verschiedenen Weltbildern. Im Moment übersetzt er diesen Text ins Französische, wofür ich ihm besonders verbunden bin.

1. Einführung

Warum ein Buch über die Psyche?

Seit Jahren arbeite ich als Psychotherapeutin und Sprachwissenschaftlerin im Bereich der Psyche oder Seele und suche nach Modellen, die sowohl psychische Tiefenerfahrungen wie auch neue spannende Therapieformen verbinden lassen: Während die Medizin ihre anatomischen und physiologischen Modelle, die Sprachwissenschaft ihre Struktur- und Entwicklungsmodelle hat, bedient sich die Psychologie praktisch nur einer black box für das spezifisch Psychische, das unbewusste Seelenleben.

In der Tat gab es ein Psyche-Modell und Konzepte für Bewusstseinsentwicklung bereits in der griechischen Antike, sodass wir nun die Geschichte der Psyche zurückverfolgen.

1.1 Kultur und Psychologie ohne Psyche, eine Notsituation

Die heutige Psychotherapie gründet auf der Psychoanalyse, die FREUD und seine Schüler um 1900 entwickelten. Im Gegensatz zu vorbestehenden philosophischen, psychoedukativen und suggestiven Methoden wurde die grosse Bedeutung des Unbewussten wiederentdeckt. In der Folge entstand eine Vielzahl therapeutischer Methoden und Schulen. Mitte des letzten Jahrhunderts kam die Psychopharmakologie hinzu, die in akuten Situationen von Selbst- oder Fremdgefährdung unentbehrliche Dienste leistet. Die Psychopharmaka greifen jedoch in die subtile Dynamik der Psyche ein, indem sie Dissoziationen auslösen, fixieren und chronifizieren können1.

Fakt ist, dass die extreme Biologisierung und Materialisierung der Psychotherapie die Beziehung zwischen Klient und TherapeutIn, das heilende Feld vernachlässigen (SHELDRAKE/FOX2). Überhaupt ging die Dimension psychischer Energien und damit auch der Emotionen verloren. Folgerichtig wird der Begriff psycho- vielfach durch das attraktivere neuro- der Neurowissenschaften ersetzt: Neuropsychiatrie, Neuropsychologie, Neuropsychoanalyse, Neurotheologie, kognitive Neurowissenschaften – Zeichen einer zunehmenden Biologisierung.

Demzufolge arbeiten Psychotherapeuten also wie mit einer black box, in die bloss die richtigen Inputs eingegeben werden müssen, um den entsprechenden Erfolg zu erzielen. Ziel sind zu verändernde Kognitionen und Verhaltensmodifikationen3. Neuropsychologinnen und Neurologen versuchen, psychische Vorgänge durch bildgebende Verfahren (neuroimaging) zu objektivieren oder die psychischen Prozesse in digitaler Sprache zu erfassen. Dabei wird die Psyche bestenfalls noch als Begleiterscheinung des Gehirns gesehen. Das Wesen der Psyche muss jedoch analog erfahren und verstanden werden, als holistisches Energiefeld, dessen Erforschung Humanwissenschaft ist und war.

Gleichzeitig mit EINSTEIN hat sich FREUD im Grenzgebiet zwischen Neurologie und Psyche bewegt. Auch er konnte das Wirken psychischer Felder beobachten. Aber im Gegensatz zum Paradigmenwechsel, den die Relativitätstheorie in der Physik auslöste4, hat die Psychologie bis jetzt daraus keine Konsequenzen für den Humanbereich gezogen. Wir bräuchten auch hier dringend Energiekonzepte und Feldmodelle, um unsere Energien zu entwickeln, meint der Einsteinschüler David BOHM.

1. These: Eine Psychologie ohne Modelle von Psyche und subtiler Energetik ist wie eine Medizin ohne Anatomie und Physiologie.

Dagegen sind es NaturwissenschaftlerInnen, denen die Umsetzung der Relativitätstheorie auf der Humanebene zum Anliegen wurde und die zur Psychotherapie kamen (MINDELL, BRENNAN). Andere beklagen das Fehlen des Dialogs mit den Humanwissenschaften sowie mangelnde Bewusstseinskonzepte seitens der Psychologie und Philosophie5:

«Es ist ein Skandal, dass zeitgenössische Philosophen und Psychologen so wenig Interesse haben, uns etwas über das Bewusstsein mitzuteilen ...»

Gleichzeitig besteht jedoch eine breite Sehnsucht nach Bewusstseins-Erweiterung, ob spirituell oder profan: Man pilgert nach Asien und / oder nimmt Drogen, betrinkt sich regelmässig, konsumiert und shoppt, macht ekstatische Partys, was die Sehnsucht jedoch nur vorübergehend stillt. Ferner leben Medien und die virtuelle Realität von unerklärlichen psychischen Phänomenen.

Wege zur Bewusstseins-Entwicklung wurden bereits an den Wurzeln unserer Kultur erarbeitet. Hier galt: Ohne psychische Reinigung, Katharsis, fällt der Mensch immer wieder in den Morast des Unerledigten, Unbewussten zurück, was ihn wie ‹Bleikugeln› nach unten zieht6.

Ab jetzt werden neuzeitliche Passagen in grauem Rasterton gedruckt.

1.2 Die ältesten Darstellungen der Psyche und ihrer Organisation

Bei meinen Forschungen bin ich auf antike Psyche- und Bewusstseins-Vorstellungen gestossen, die auch heute noch tauglich sind7:

Im

Hadesgang

des

Odysseus

in der

Odyssee

finden wir die erste europäische Darstellung des

Psyche-Modells

als

Chakrensystem

sowie die damit verbundenen

emotionalen Grundenergien

.

Hochinteressant ist ferner der

Versöhnungsprozess

zwischen

König Priamos

und dem

Helden Achilles

in der

Ilias

:

Groll und Rache

, ja

Blutrache,

werden überwunden und in

Empathie

und

Respekt

überführt: die

Wandlung der emotionalen Energie

.

Unter welchen Voraussetzungen sind solche Prozesse auch heute umsetzbar? Nach meiner Meinung ist dies nur durch das individuelle Erfahren der Psyche und ihrer Kräfte möglich, wie in der sokratischen Tiefentherapie dargelegt8. Dieser Weg führt jedoch über die Psychotherapie des Individuums hinaus und müsste das familiäre und das kollektive Unbewusste miteinbeziehen, zur Verarbeitung auch der transgenerationalen und kollektiven Muster9. Wie lösen wir heute familiäre Dramen auf, wie historische und kollektive Schuld z. B. der Shoah, Missbrauch in der Kirche, wie gesellschaftlichen Zerfall10? Denn das Unaufgelöste wird sich immer wieder in Kriegen und Konflikten, in Symptomen und Schmerz manifestieren. Entsprechend hat die deutsche Kulturwissenschaftlerin A. ASSMANN in ihrem preisgekrönten Buch aufgezeigt, wie die unaufgearbeitete Vergangenheit in Staaten der Gegenwart immer wieder enorme Probleme, bis zu neuen Kriegen generiert11.

In der antiken griechischen Gesellschaft hatte die Tragödie – als Psychodrama fürs Volk – die Funktion, menschliche Verstrickung und Erlösung erlebbar zu machen. Dies sucht heute dringend nach Entsprechungen, neben der Psychotherapie auch in der Pädagogik, im Strafrecht sowie in der Politik.

1.3 Neue Leseart der antiken Texte und Bilder

Die Mehrschichtigkeit der Weisheitstexte wird transkulturell bestätigt, so etwa im biblischen Gleichnis vom Sämann12: Demnach gab es einerseits die Menschenmenge, die sich an mythischen Darstellungen erfreute, und andererseits diejenigen, die die psychischen Tiefen erlebten und die mehrschichtige Sprache verstanden, die Initiierten: Sie hatten die Fähigkeit des subtilen Schauens und Hörens.

Auch Platon unterscheidet zwischen ‹den Vielen› (hoi polloi) und denjenigen, die den mystischen Weg zu A-pollon gingen13. Er unterscheidet den mythos, die intuitiv-energetische Aussage, vom logos, dem faktischen Inhalt auf kognitiv-mentaler Ebene14, und warnt etwa deutlich: wer nicht eingeweiht sei, solle sich die Ohren verschliessen, da er vom folgenden (Ritual) nichts verstehen würde15.

Noch bis ins Mittelalter war bekannt, dass Weisheitstexte neben der konkreten Aussage weitere Interpretationsebenen enthalten, mindestens noch eine allegorische und eine spirituelle16.

Es braucht heute einen Paradigmenwechsel, um die traditionell anerkannte, sog. doxographische Übersetzungs- und Interpretationsweise der antiken Texte zu hinterfragen. Erst dadurch können Platons ‹ungeschriebene Lehren› in den Texten erkannt werden. Dann wird Platon, der Mystiker, mit seinen ‹ekstatischen Riten› nicht mehr Anstoss erregen17.

Wo aber sind die Schlüssel zu dieser miteingeschlossenen, impliziten Ordnung (BOHM), auch philosophia perennis genannt?

1.3.1 Übersetzungsfehler realisieren

Häufig wird Aristoteles zitiert, der gesagt hätte, «alle Menschen wollen glücklich sein». Das kommt heute sehr gut an, wobei jeder und jede unter ‹glücklich› etwas anderes versteht. Im Originaltext heisst es jedoch nicht ‹glücklich›, sondern ‹glückselig› (eudaimon): Nur mit der richtigen Übersetzung wird der Zustand der Glückseligkeit (eudaimonia) fassbar, ein höchster Bewusstseinszustand, wie er in den antiken Eingeweihtenkreisen und ihrer Mystik lebenslänglich aufgebaut wurde18.

Dieser Zustand ist auch in den biblischen ‹Seligpreisungen› gemeint, die ‹Glückseligpreisungen› heissen müssten (4.9.1): denn der Weg zur Glückseligkeit führt hier über sieben Bewusstseinsstufen in den ‹siebten Himmel›.18

Erkennen wir diesen Code – eudaimon, makarion, ind. ananda – der antiken Welt, weitet sich unser Verständnis dieser Texte auf die Bewusstseinsentwicklung und auf neue implizite Erfahrungsmöglichkeiten aus.

1.3.2 Ikonographische Codes erkennen

Ein erweiterter Zugang gilt auch für die Bildsprache: Im subtilen Erosritual der Mysterienvilla in Pompeji ist eine Frau dargestellt, die sich in einem Spiegel betrachtet. Das Spiegelbild, das der Betrachter real nicht sehen könnte, wird jedoch in der falschen Richtung gezeigt und dadurch sichtbar: ein versteckter Hinweis, dass es hier nicht um die körperliche Spiegelung, sondern um die Seelenspiegelung geht. Diese war auch für die orphisch-dionysischen und platonischen Initiationserfahrungen wichtig19. Entsprechend wird die psychische Welt vielfach durch kleine ‹Fehler› in der konkreten Welt angezeigt:

Abb. 1: Engel (Erote) hält Spiegel mit falscher Richtung des Bildes (Mysterienvilla Pompeji).

2. These: ‹Fehler› in den alten Überlieferungen können subtile Wegweiser sein.

Wir fordern zusammenfassend eine neue Leseart von Weisheitstexten und Einweihungsbildern der antiken Welt, damit die Kodierungen nicht übersehen und vorschnell mit dem heutigen Weltbild gleichgesetzt werden.

Diese Lesart liegt meinen früheren Publikationen zugrunde: Eros, die subtile Energie (1989), Hippokrates und die Heilenergie (1997), Psyche – Energie – Ekstase. Die sokratische Psychotherapie und aktuelle Bewusstseinsforschung (2009) und deren gestraffte und ergänzte französische Version Psychothérapie socratique (2016).

Die Lektüre dieser Bücher ist zwar erwünscht, aber keine Voraussetzung zum Verständnis dieses Textes: Die energetische Welt wird im Folgenden in ihren Zusammenhängen entwickelt sowie mit einem ausgedehnten Anmerkungsteil und einem Glossar versehen.

1.4 Die Erweiterung des Energie-Begriffs

Das mechanistische Weltbild, nach NEWTON benannt, ist kaum 400 Jahre alt. Es geriet um 1900 ins Wanken, als Forscher des unendlich Kleinen (Quantenmechanik) und des unendlich Grossen (Astrophysik) die Relativität von Materie und Energie und diejenige von Raum und Zeit erkannten. Auch der 1. Hauptsatz der Thermodynamik, wonach die Energie eines (geschlossenen) Systems konstant ist, fiel weg.

Nun forderten einige Forscher, wie der Einsteinschüler D. BOHM, diese Übergänge von Materie und Energie auch auf die Humanebene – und zwar auf die Schlüsselstelle zwischen Körper und Psyche – zu übertragen20. Damit liessen sich zahlreiche psychische Phänomene und Störungen energetisch erfassen, insbesondere hinsichtlich Geburt und Tod, bei ausserordentlichen Bewusstseinszuständen und in der Psychopathologie, und dies kohärenter und wissenschaftlicher als mit materiellen Modellen. Denn letztere beschreiben die psychischen Phänomene bloss in ihren materiellen Konsequenzen. Zu diesem Umdenken bräuchte es eine umfassende interdisziplinäre Forschung, die neben Psychologie und Psychiatrie auch Anthropologie, Bewusstseinsforschung, Quantenphysik, Philosophie, Theologie, Sprachwissenschaft, Musikwissenschaft, Kunst usw. umfasste. Eine solch globale holistische Forschung ist aber heute im Zeichen der allgemeinen Spezialisierung sehr schwierig, unpopulär und sogar aus Sicht der ‹exakten Wissenschaften› verdächtig!

Hier nun kann uns das antike Weltbild mit seinen Konzepten verschachtelter Energieebenen und durchgehender energetischer Verbundenheit sehr helfen, war doch das damalige Erleben der Menschen einheitlich energetisch: vom Wachsen der Lebewesen, vom Wahrnehmen der Natur mit ihren Kraftorten, vom Gewahrwerden der Psyche bis zum mystischen Verzücktsein. Gemäss antikem Verständnis manifestierte sich Energie, gr. energeia, über ein riesiges Spektrum von Bewusstseinsebenen. Während in dieser antiken Humanwissenschaft der Begriff ‹Energie› von ihrer subtilen Wahrnehmung ausging, waren die heute messbaren physikalischen Energien der Naturwissenschaften noch nicht entdeckt!

Die subtilen Energiekonzepte waren auch Voraussetzung für das ganze Spektrum der Therapeutik, von der energetischen Medizin bis zur Psychotherapie. So bildeten sich im diagnostisch-therapeutischen Feld auch Themen der Ahnen und des Kollektivs ab, wie sie in der antiken Tragödie etwa als ‹Fluch der Atriden› dramatisiert wurden (Aischylos, Euripides).

Entgegen der Thermodynamik handelt es sich in der Psyche jedoch um ein offenes energetisches System, wo sich die Energiefülle (pleroma, plesmone) gemäss einem subtilen Entwicklungsprinzip vermehren kann21:

«Geben ist (glück)seliger als nehmen.»

3. These: Die subtile Energie ist unbegrenzt.

Bereits in der griechischen Antike waren verschiedene Energieebenen und Verfeinerungsqualitäten erforscht, wie die Subtilisierungsreihe von:

energeia > dynamis > ousia22

Galenos (200 n. Chr.) kodierte die ganze alte Heilkunde und legte fest, dass man hinsichtlich der psyche von Energien (energeia) sprechen müsse und nicht von Organen, was immer noch gültig ist! Heute gehen wir von einem Energiespektrum aus, innerhalb dessen ForscherInnen die nicht-physikalischen Energien als subtile Energien (subtle energies) bezeichnen23.

4. These: Der Begriff ‹Energie› wurde von den Naturwissenschaften vereinnahmt und muss heute wieder die Energien der Humanwissenschaften umfassen.

1.5 Die energetische Wahrnehmung von Mensch und Kosmos

In der holistischen Welt ist alles mit allem in Resonanz: ‹Intersein› (Thich Nhat Hanh). Folglich sind auch die Heilkonzepte systemisch-energetisch und von den späteren somatischen zu unterscheiden. Das erste und grundlegende subtile Energiegesetz heisst (Heraklit):

gr. panta rhei – ‹alles fliesst›, alles ist Energie.

Hier nimmt sich der Mensch als fliessendes Feld, psyche genannt, wahr. Die psyche weitet sich beim Atmen (gr. psychein) aus und zieht sich wieder zusammen. Gr. diastole – systole bezeichneten ursprünglich den Atemrhythmus und wurden später zum Herzrhythmus materialisiert. Über die psyche und ihr Atmen war der Mensch in Resonanz, gr. sympatheia, mit den verschiedenen Ebenen seiner Umwelt. Auch wir entfalten uns am Tag, ziehen uns in der Nacht zusammen, stehen in Wechselbeziehung zu den Tageszeiten, den Jahreszeiten und dem ganzen Leben, wachsen zum Erwachsenen und ziehen uns im Alter wieder zurück. Diese Rhythmen finden sich z. B. in den Fliesenmustern der Türkei, wo sie als ständiges Ein- und Ausatmen der Weltseele erfahren wurden24.

Abb. 2: Atem-Rhythmen in Fliesenmustern des Islam (Türkei).

Ein eindrückliches Bild des psychischen Feldes im Grossen wie im Kleinen (makro-mikrokosmisch) ist der Lebensbaum, der sich vom persönlichen Erleben in den Stammbaum und in den kollektiven Weltenbaum ausweitet (vgl. stilisierte Baummuster in persischen Ritualdarstellungen; 2.2).

Überzeitliche Resonanz auf dieses psychische Erfahrungsbild Lebensbaum lässt etwa die türkische Schriftstellerin E. SHAFAK erkennen, wenn sie Tradition, Zerrissenheit und Sehnsucht der getrennten Inselgemeinschaft Zypern von einem Feigenbaum erzählen lässt25.

1.5.1 Die subtile Energiewahrnehmung

Die subtilen Energien wurden in der Antike in hoher Auflösung wahrgenommen, etwa über das ganze psychische Feld: als Hellfühligkeit, Hellsichtigkeit oder Hellhörigkeit, als Wahrnehmung über alle Chakrenbereiche (4.) bis ins Überräumliche und Überzeitliche. Diese diagnostische Fähigkeit zeigen die platonischen Philosophen sowie dann auch die hippokratischen Arzt-Therapeuten. Auch stoische Gelassenheit, Achtsamkeit bis zum Verschmelzen und Einswerden mit dem Göttlichen pflegten Mystiker-Kreise (thiasoi), heute Philosophenschulen genannt.

Marc CHAGALL war mit dieser fliessenden Welt vertraut und malte sie aus der Seele. – Auch folgendes Bild von Frida KAHLO ist ein heutiger Versuch, dieses holistische Verwobensein darzustellen (Frida – Mutter Erde – Universum):

Abb. 3: Frida KAHLO: Holistische Umarmung des Universums (Erde, Mexico).

1.5.2 Die Dynamik der energetischen Prozesse

Jeder Energieprozess wurde als Phasenablauf erlebt: Die Grundphasen waren in allen Hochkulturen die bekannte Folge von26:

‹Luft›-Qualität > ‹Feuer›-Qualität > ‹Wasser›-Qualität > ‹Erde›-Qualität27.

Es sind dies die Elementarphasen des energetischen Fliessens, die nicht materiell als ‹Elemente› übersetzt werden sollten. Im Heilbereich wurden sie ‹Säftephasen› genannt (6.2). Neben dem guten Fliessen war jedoch auch die gute Mischung der Energie bedeutsam, die Krase28.

5. These: ‹Säftelehre› und Krasenlehre waren die Pfeiler der alten energetischen Heilkunden in Ost und West.

1.6. Die energetische Heilkunst

‹Gesundheit› meinte in diesem Welt- und Menschenbild energetische Balance mit der gesamten Umwelt, mit der Konstitution und mit dem Schicksal. In hippokratischer Zeit (5. Jh. v. Chr.) erreichte der freie und bewusste Mensch sein energetisches Gleichgewicht vornehmlich durch Übungspraxis29: einerseits durch Formen von Yoga (philo-gymnastike, ind. asana) und andererseits durch Atem-Energie-Übungen (pneumatike, ind. pranayama), die zu allen alten Heilkunden und Psychotherapien gehörten. Wichtig für die Harmonisierung der Lebensführung waren ferner Gedanken- und Gefühlskontrolle, war Musik in indizierten Tonarten (äolisch, lydisch, phrygisch ...), waren Rhythmen und die spezifische Anwendung von Instrumenten (Pythagoreer29). Beachtet wurden auch die Rhythmen des Essens-, Schlaf- und Sexualverhaltens. Heilende Veränderung der Energien durch Temperaturunterschiede erfuhr man in der Badepraxis, wie sie die antiken Thermen bis zu den heutigen Hamams weiterführen (vgl. Sauna).

In der antiken Heilkunde gab es noch keine Krankheiten, sondern man war im Ungleichgewicht (noseo30), das schnell auszubalancieren war. In Unkenntnis der materiellen Gesetze und des heutigen allopathischen Therapierens musste ein Ungleichgewicht nach dem homöopathischen Prinzip geheilt werden: Gr. homoiotaton31 heisst, dass mit der gleich(st)en Energieinformation, aber von der höheren Ebene her geheilt wurde. Dabei kam der Prophylaxe grosse Bedeutung zu, um bei einem Ungleichgewicht möglichst schnell wieder in guter, ja bester Mischung der Energien zu sein32. Die Übungspraxis mittels Yoga und Atemübungen brachte – mit der nötigen ‹Musse›33 – einen sorgsamen Lebensstil hervor, genannt diaita. Rhythmen und Rituale unterstützten diese ‹Diätetik›, die etwa wie Zen als holistische Energiepraxis zu verstehen ist, später jedoch auf den Nahrungsmittelsektor reduziert wurde.

Die alte Heilkunde heilte den Körper also hauptsächlich über die Psyche und die energetischen Gesetze, die einzigen, die man kannte. Diese waren auf der akut somatischen Ebene nicht wirksam.

An der heutigen Medizin gemessen fehlten damals besonders das Wissen um Blutzirkulation, Gasaustausch bei der Atmung, Infektionsübertragung, das Funktionieren des Nervensystems, die Kenntnis der inneren Organe und der Onkologie (Tumore). Denn es bestand lange ein Sektionsverbot zum Schutz der Sterbevorgänge und der Totenruhe, aufgrund der Sakralität der Seele (2.3.1).

Eindrücklich zeigt dies der Film Medicus, aus der Zeit um 1000 n. Chr. in Isfahan (Persien). An der alten Medizinschule behandelte der berühmte Arzt Avicenna (Ibn Sina) einerseits noch nach griechisch-energetischen Prinzipien34. Andererseits brach ein Schüler das Tabu der Totensektion, um das Funktionieren der inneren Organe zu ergründen, was lebensgefährlich war.

1.6.1 Energetisches Heilen als Energieübertragung

Energetisches Heilen besteht wesentlich aus Energie aufbauen, Energie ableiten, Energie umwandeln. Gemäss Sokrates müssen im Umgang mit Energien zwei Vorgehensweisen unterschieden werden35:

Energieübertragung von ‹aussen›: Energie lässt sich zu Heilzwecken auf die äusseren Feldebenen übertragen, durch Berührung, Handauflegung, Massagen, Einreibungen und Umschläge. Daran haben auch die meisten heutigen Therapieformen einen Anteil, von den alternativen bis zur somatischen Medizin, von heilenden Berührungen bis zu Spritzen. Auch bei Energieübertragung – wie durch Nadeln in der Akupunktur – kann jemand plötzlich auf der emotionalen Ebene mit Tränen reagieren: Die Person zeigt dann eine Tiefenreaktion, die unbedingt sprachlich angegangen werden müsste.

Energieprozess im ‹Innern›, im Unbewussten: Um ins Unbewusste zu gelangen, muss die Therapeutin dem Menschen auf den Fersen folgen und ihn mittels Sprache zum Verdrängten führen. Die Tiefenarbeit muss jeder aber letztlich selbst vollbringen. Das ‹Innere›, die Tiefenebene war, gemäss Sokrates und den Hippokratikern, am schwierigsten zu therapieren, weil es um Selbsterfahrung und Wandlung im verdrängten Unbewussten geht und nicht einfach um Energieübertragung! Vielmehr sind in den Tiefentherapien verdrängte Szenarien mit Widerständen und Übertragungen zu meistern, wie in der sokratischen Alkibiades-Therapie und viel später wieder in FREUDs Katharsis dargestellt (vgl. 5.36). Die beste Psychotherapie ist ‹Hilfe zur Selbsthilfe›, die in eine neue psychische Stabilität und Autonomie führen müsste37.

1.6.2 Die energetischen Ebenen des Heilens

Die zu heilende Psyche wurde als verschachteltes Feldsystem erfahren, gleichsam als energetische ‹Babuschka›, deren Hauptebenen hippokratisch etwa als Astralhülle, Mondhülle, Sonnenhülle, Himmelsglanz (aithria) bezeichnet wurden38.

Mit dem antiken Ansatz und den Ebenen heutiger Energietherapie39 schlage ich folgendes vereinfachtes System vor:

Das Grundfeld, Aura, den Körper durch- und umfliessend.Das Meridiansystem der chinesischen Medizin.Die Felder der Kinesiologie und Polaritäten-Therapie.Das psychisch-emotionale Chakren-System mit der Bewusstseinsentwicklung.Spirituelle ‹Räume› (Himmelglanz).

In dieser Studie beschränken wir uns auf die für die Psychotherapie relevanten Hauptebenen der Psyche (fett dargestellt).

1.6.3 Die diagnostischen Leitkriterien energetischen Heilens

Das wichtigste Medium im energetischen Heilen ist die Resonanz zwischen der Psyche des Patienten und derjenigen der Therapeutin. Daher erfolgte der erste diagnostische Zugang im Schauen der Gesichtsausstrahlung des Patienten. Dieses gemeinsame heilende Feld hiess gr. gnome (> Facies hippocratica), im Sinne von ‹Ausstrahlung der Gesinnung›, und wurde später zur Physiognomie40.

Die Beurteilung der Gesamtausstrahlung führte weiter zu den vier diagnostischen Leitkriterien, die sich bis heute in der traditionellen chinesischen Medizin erhalten haben (TCM). Es handelt sich dabei um allgemeine Kriterien energetischen Heilens, die sich neben der chinesischen auch in der hippokratischen Heilkunde, sowie auch bei Sokrates (!) und heute bei SZONDI nachweisen lassen41. Es wird unterschieden nach:

‹Feuer› – ‹Wasser›

(

Urpolarität, Yin/Yang

)

42

‹Fülle› – ‹Leere›

(

energetisches Potential

)

42

‹Wärme› – ‹Kälte›

(

Prozessdynamik

)

42

‹Oberfläche› – ‹Inneres›

(

Heilebene

)

42

Die Heilenergie in der Komplementärmedizin: Die Heilenergie spielt in der Komplementärmedizin eine zentrale Rolle. Kinesiologie, Kraniosakraltherapie, Osteopathie, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin (TCM) und weitere komplementäre Heilmethoden – auch Placebo-Effekte sind energetisch! – zeigen eindrückliche Erfolge, die die allopathisch wirkende Schulmedizin nicht erklären kann.

6. These: Auch für die komplementären Heilmethoden wäre eine korrekte Modellierung im holistischen, energetischen Menschenbild notwendig.

1.6.4 Falsche Heilmodelle

Materialisierung der energetischen Konzepte: Generell lassen sich viele Begriffe der somatischen Medizin auf energetische Wurzeln zurückführen43.

Hier folgen ein paar Beispiele, um die Materialisierung zu demonstrieren:

– Hygieia: Das höchste, weibliche Heilprinzip, die göttliche Hygieia – Komplement zu Asklepios – meinte ‹Heilen in Vollendung›. Sie wurde dann zum Segenswunsch für Gesundheit44 und verkam später zur Hygiene.– nosos / noseo: Der therapiebedürftige Zustand noseo bedeutete ‹im Ungleichgewicht sein›. Er wurde materialisiert zur Nosologie als Krankheitslehre.– pneuma: Dieser zentrale, holistische Begriff für die psychische Energie kam zur Höchstform als ‹Heiliger Geist› (pneuma hagion), wurde in der Pneumologie zum ‹Pneumothorax›, ja im Alltag sogar zum ‹Pnö› (Autoreifen, schwdt.).

Es lässt sich also in den Heilbegriffen die allgemeine Tendenz von der energetischen Gesundheitslehre (hygieia) zur Krankheitslehre der somatischen Medizin beobachten. Daher musste das Heilprinzip einer ‹Gesundheitslehre› heute wiederentdeckt und mit ‹Salutogenese› neu benannt werden (ANTONOVSKY). Die Forschung in Psychoonkologie, Psychoimmunologie und spiritueller Medizin (Spiritual Care) korrigieren in die gleiche Richtung.

Somatische Anwendung energetischer Praktiken: Schon in der Antike wurden energetische Praktiken fälschlich auch für die aufkommende Organmedizin angewendet: So wurde das Fliesskonzept des Energieausleitens zum Ausleiten des ‹bösen Blutes›. Der Aderlass ist eine fatale Vermischung energetischer und somatischer Konzepte, woran viele Menschen bis ins 18. Jh. ausgeblutet starben.

Ein weiteres Beispiel falscher, materieller Anwendung der Säftelehre: Der Philosoph Heraklit (544–438 v. Chr.) litt an Wassersucht (Hydropisie), wo der Körper Wasser zurückhält. Wie wurde er therapiert? Er wurde in Kuhmist eingegraben und starb daran. Diese für uns eigenartige Heilmethode beruhte wohl auf der energetischen Sequenz ‹Luft› – ‹Feuer› – ‹Wasser› – ‹Erde›, wonach eine ausufernde ‹Wasser›-Phase in die ‹Erd›-Phase überzuführen war – und hier dann zum Tod führte (6.2).

Nötige Differenzierung der Heilebenen und -Praktiken: Es ist somit differentialdiagnostisch wichtig, Energiekonzepte nicht für somatische Krankheiten wie Blinddarmentzündung anzuwenden. Auch ist es therapeutisch falsch, der Covid-Pandemie mit energetischen Methoden begegnen zu wollen. Umgekehrt ist es ebenso falsch, psychische Ungleichgewichte wie Depressionen, Burnout, dissoziative Störungen u. a. m. nur mit Psychopharmaka zu behandeln. Diese fördern oft Dissoziationen und chronifizieren durch langen Gebrauch. Die Störungen sind dann psychotherapeutisch kaum mehr angehbar. Chronifizierung war schon in der Antike gefürchtet45. – Ein eigenartiges Phänomen ereignet sich manchmal bei Organtransplantationen: