Psyche - Energie Ekstase - Annie Berner-Hürbin - E-Book

Psyche - Energie Ekstase E-Book

Annie Berner-Hürbin

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Beschreibung

In «Die sokratische Psychotherapie» holt Annie Berner-Hürbin ihre Leser im naturwissenschaftlichen Menschenbild ab, um sie in die Welt von Energien und Ekstasen einzuführen. Das neue Buch zeigt, wie im antiken Psyche- und Bewusstseinsmodell seelische Entwicklung wieder möglich und fassbar wird.

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Seitenzahl: 897

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zu diesem Buch

Die antike Psychotherapie ist nicht nur hochdifferenziert, sie birgt auch einzigartiges Wissen um Erfahrungen von Überbewusstsein und Spiritualität. Das neue Buch von Annie Berner-Hürbin zeigt in sechs Therapiephasen, wie heute kaum mehr zugängliche Zonen erweiterten Bewusstseins neu zu entdecken und z.B. in Ausnahmezuständen wie subtiler Erotik, Mystik, Drogenerfahrung oder Psychose zu erahnen sind. Wohl sind die Markierungen dieses faszinierenden Parcours bis heute überliefert („ich weiß, dass ich nichts weiß“), doch sind es letztlich nur noch die Hülsen einst überwältigender Erfahrungen, die sich transkulturell auch mit mythischen Bildern vergleichen und mit therapeutischen Tiefenkonzepten überprüfen lassen. Eine Entdeckungsreise zu den Geheimnissen der antiken Psychotherapie.

Über die Autorin

Annie Berner-Hürbin, geboren in Baden/Schweiz. Sprachstudium und Assistenz an der Universität Zürich (Dijon und Siena). Dissertation aus dem Gebiet der Psycholinguistik, anschliessend Zweitstudium in Psychologie mit Abschluss an der Universität Zürich. Verschiedene psychotherapeutische Ausbildungen. Psychotherapeutin in eigener Praxis, Kurs- und Vortragstätigkeit, Dozentin für Aus- und Weiterbildung, Supervisionen, Publikationen. 1995 Szondi-Preis; Ehrenbürgerin von Kos, Chios und Oinousses in Griechenland. Verheiratet mit einem Arzt für Psychosomatik, drei erwachsene Kinder und vier liebenswürdige Enkel und Enkelin, lebt in Luzern.

Bisherige Veröffentlichungen:

Psycholinguistik der Romanismen im älteren Schweizerdeutschen. Frauenfeld: Huber 1974.

Eros – die subtile Energie. Studie zur anthropologischen Psychologie des zwischenmenschlichen Potenzials. Basel: Schwabe 1989.

Hippokrates und die Heilenergie. Basel: Schwabe 1997.

Psyche – Energie – Ekstase. Sokratische Psychotherapie und aktuelle Bewusstseinsforschung. Frauenfeld: Huber 2009 und Bern: Origo 2017.

Der Mensch ist Psyche. Antike Grundlagen der Psychologie und Psychotherapie. Bern: Origo 2023.

E-Book ISBN 978-3-282-00204-7

Annie Berner-Hürbin

Psyche – Energie Ekstase

Sokratische Psychotherapie und aktuelle Bewusstseinsforschung

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© 2023 by Origo Verlag, Rathausgasse 30, CH-3011 Bern/Schweiz

www.origoverlag.ch

Es gibt zwischen Körper und Psyche einen Grenzbereich, den noch niemand erforscht hat, und die Aufgabe meiner Nachfolger wird es sein, sich auf diese Forschungsreise zu begeben.

S. FREUD

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Worte des Dankes

1. Anlass und Ziel dieser Studie: der Weg zur Glückseligkeit

1.1 Sisyphus im materialistischen Paradigma

1.1.1 Die Entwicklung der Psychologie

1.1.2 Die Entwicklung der Naturwissenschaften

1.2 Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften

1.3 Der Begriff ‹Energie›

1.4 Psychotherapie ohne Psyche-Modell im Erklärungsnotstand

1.4.1 Modellbildung im Bewusstseinsspektrum

1.5 Sprache im Bewusstseinsspektrum

1.5.1 Sprache als Ordnungsprinzip

1.5.2 Sprachmodelle zwischen Potenzialität und Sprechakt

1.5.3 Mehrfachdeterminiertheit und metaphorische Sprachform

1.5.4 Allgemeines zu Kodierung und Dekodierung

1.6 Dekodierungsprobleme in den Weisheitstexten

1.6.1 Die Abbildung der Bewusstseinsebenen Leib – Psyche – GEIST

1.6.2 Die Abbildung des Energieprozesses als Wagengespann

1.6.3 Weiterleben und Verlust von Initiatenwissen

1.6.4 Heutige Anforderungen an die Übersetzung antiker Weisheitstexte

2. Wahrnehmungsspektrum – Bewusstseinsspektrum

2.1 Wahrnehmung konstruiert Welt

2.2 Wahrnehmung ist Resonanz mit der Schöpfung

2.3 Bewusstseinsebenen als Schöpfungsprinzipien (logoi – LOGOS)

2.3.1 Weg hinunter (katabasis) – Weg hinauf (anabasis)

2.3.2 Die Rezeption des Auf und Ab in der Philosophietradition

2.3.3 Verschiedene Wege zur Erleuchtung

2.3.4 Die Ausrichtung vom Guten zum Besseren

2.3.5 Die Ideenlehre und die Logoslehre

2.3.6 Zusammenfassung

2.4 Der Bewusstwerdungsprozess als Energiezyklus

2.5 Das Spektrum der Wahrnehmung

2.5.1 Schmerz zwischen Körper und Psyche

2.6 Besondere sprachliche Aspekte energetischer Wahrnehmung

2.6.1 Die Momentwahrnehmung

2.6.2 Die Synchronizität (kairos)

2.6.3 Die Uberzeitlichkeit (Praesens divinum)

2.7 Das iranskulturelle Psyche-Modell

2.7.1 Das Energiefeld (psyche)

2.7.2 Psyche und Urholon

2.7.3 Psyche und GEIST (nous)

2.8 Der Übungsweg

3. Kathartische Prozesse und Bewusstseinsentwicklung

3.1 ‹Erkenne-dich-selbst› im Spannungsfeld zwischen Katharsis und Ressource

3.1.1 Katharsis ist ein energetisches Konzept

3.2 Die Wiederentdeckung des Unbewussten und das antike Bewusstseinskonzept

3.2.1 Entdeckung oder Wiederentdeckung des Unbewussten in der Tiefenpsychologie?

3.2.2 Die drei Bewusstseinsstufen der Katharsis

3.2.3 Neuere Forschungen zum Urbeginn (arche) des Bewusstseins

3.3 Gegenüberstellung der sokratischen und psychoanalytischen Therapeutik

3.3.1 Das platonische neurotische Konstrukt (pseudes doxa)

3.3.2 Der Konstruktivismus und die Doxalehre

3.3.3 Energetische Theorie des Unbewussten

3.3.4 Ontogenese und Charakter

3.4 Zusammenfassende Gegenüberstellung FREUD und Sokrates

3.4.1 Der sokratische Initiationsweg in die Spiritualität

3.4.2 Das Höhlengleichnis als Therapiemodell

3.4.2.1 Die Stufe der Lösung (lysis)

3.4.2.2 Die Stufe der Heilung (iasis)

4. Grundlagen der kathartischen Psychotherapie nach Sokrates

4.1 Vorbemerkungen zur psychischen Katharsis im Alkibiades-Dialog

4.2 Schwierigkeiten der platonischen Begriffsinterpretation

4.3 Quellen

4.4 Ältere kathartische Traditionen bei Sokrates

4.5 Zusammenfassung

5. Die Phasen der sokratischen Psychotherapie

5.1 Arbeitsbündnis oder Joining (epainos)

5.1.1 Textzusammenfassung

5.1.2 Interventionstechniken

5.2 Prüf- und Schamphase (elenchos)

5.2.1 Textzusammenfassung

5.2.2 Zweistufige kognitive und emotionale Reinigung

5.2.3 Energetische Darstellung psychischer Auflösungsvorgänge

5.2.4 Reinigung des kognitiven Bereiches (gnostikon)

5.2.4.1 Die Behandlungstechnik

5.2.4.2 Die Wahrnehmungsprüfung in Trance

5.2.4.3 Die Ausweglosigkeit (aporia)

5.2.5 Der bewusstseinsmässige Zwischenzustand (plane)

5.2.6 Die Reinigung des Gefühlsbereiches (zotikon)

5.2.7 Weitere Zusammenhänge des Auflösungsprozesses

5.2.7.1 Biographisch-energetische Ursachen des Verdrängens

5.2.7.2 Sünde und Schuld (hamartema)

5.2.7.3 Scham

5.2.7.4 Bekennen und Wiedergutmachen

5.2.7.5 Ausserkörpererlebnisse (OOBE)

5.2.8 Zusammenfassung Prüfphase (elenchos)

5.3 Abschreckung (apotrope) – Ermunterung (protrope) als Wandlungsphase

5.3.1 Motivation zur endgültigen Wandlung

5.3.2 Philologische Schwierigkeiten der Texteinteilung (Exkurs)

5.3.3 Textzusammenfassung

5.3.4 Das bipolare Prüfverfahren (apotrope vs. protrope)

5.3.5 Die bipolare Widerstandsanalyse im Zwischenbereich (daimonion)

5.3.6 Die Katharsis in den bipolaren Tugendwegen verschiedener Kulturen

5.3.7 Die Dekodierung der Begriffe ‹Spartaner› und ‹Perser› (Exkurs)

5.4 Die Königsrede (Lehrdialog, protrope)

5.4.1 Allgemeines zum platonischen Lehrdialog

5.4.2 Textzusammenfassung

5.4.3 Die transkulturelle Bildersprache des initiatischen Königtums

5.4.3.1 Die Abstammung als ‹Zeugung im Subtilen› (genos)

5.4.3.2 Die Geburt als Wiedergeburt (genesis)

5.4.3.3 Die Vorbereitungszeit (Noviziat, trophe)

5.4.3.4 Die initiatische Schulung (paideia)

5.4.3.5 Die vier Kardinaltugenden oder Stufen der initiatischen Schulung (paideia)

5.4.3.6 Die Stufe der Tapferkeit (andreia)

5.4.3.6.1 Die Hadesfahrt als Überwinden der Todesangst

5.4.3.6.2 Das Reich von Hades und Persephone in der Odyssee

5.4.3.6.3 Die Hadesfahrt am Trophonios-Orakel

5.4.3.6.4 Der Soldat als Überwindung des kollektiven Furchtbaren

5.4.3.7 Relevanz der Hadeserfahrung für Psychotherapie- und Bewusstseinsforschung

5.4.3.8 Der Soldat als Stufe auf dem subtilen Erosweg

5.4.3.8.1 Missverständnisse in der Rezeption des platonischen Eros

5.4.3.8.2 Transkulturelle Initiationsstufen und Symbole des Königsweges

5.4.4 Aspekte heilkundlicher Diagnostik in der Königsrede

5.4.4.1 Die diagnostischen Leitkriterien

5.4.4.2 Die Polaritätenlehre

5.4.4.3 Die Feldstruktur der Psyche

5.4.4.4 Von der Diagnose zur Prognose (mysterium tremendum – mysterium fascinans)

5.4.5 Die subtile Therapeutik in der Königsrede

5.4.5.1 Das Erkenne-dich-selbst (gnothi sauton) und die antike Orakeltradition

5.4.5.2 Die Königsrede als sokratisches Orakel

5.4.5.3 Die zweite Ausweglosigkeit (Aporie) und das Bekennen: ‹Ich weiss, dass ich nicht weiss›

5.4.5.4 Die Wandlung vom doppelten zum einfachen Unbewusstsein

5.4.5.5 Mut machen und aufrichten (tharrein)

5.4.5.6 Therapeutisches Erbarmen vs. spontanes Mitleid (eleos)

5.4.5.6.1 Parallelen und Unterschiede zur antiken Tragödie

5.4.5.6.2 Erbarmen (eleos) in der sokratischen Katharsis

5.4.5.6.3 Die Bedeutung des Mitleidens im Christentum

5.4.5.6.4 Mitleid in der aktuellen Therapeutik

5.4.6 Zusammenfassung der Wandlungsphase (apotrope – protrope)

5.5. Die psychische Geburtshilfephase (maieia)

5.5.1 Die Maieutik als Wiedergeburtsprozess

5.5.2 Textzusammenfassung

5.5.3 Die Maieutik bei den Neuplatonikern

5.5.4 Der Vertiefungsprozess zum Erkenne-dich-selbst (gnothi sauton)

5.5.5 Die Aussparung des Sich-selbst-Erkennens

5.5.6 Die Bewusstseinsstufe von Gleichmut (sophrosyne)

5.5.6.1 Verschiedene mystische Traditionen im Vergleich

5.5.6.2 Das Transzendieren der vier Triebenergien oder Temperamente

5.5.6.3 Zusammenfassung: ‹Jenseits des Lustprinzips› (sophrosyne)

5.5.6.4 Übertragung – Gegenübertragung als therapeutischer Eros

5.5.7 Die psychische Wiedergeburt

5.5.7.1 Parallelen zu anderen Einweihungstraditionen

5.5.7.2 Der Menschwerdungsmythos bei Platon

5.5.7.3 Sokrates’ Definition der psychischen Geburtshilfe (Theaitetos-Dialog)

5.5.7.4 Die Ablösung der Psyche vom Körper

5.5.8 Das Mysterium der Wiedergeburt

5.5.8.1 Schmerz – Sterben – Ekstase

5.5.8.2 Das göttliche Kind

5.5.8.3 Erleuchtung als schauende Erfahrung von Licht

5.5.8.4 Das Ausziehen der Maske

5.5.8.5 Die Spiegelung der Psyche im Du

5.5.8.5.1 Die Deutung der psychischen Spiegelung durch Olympiodoros

5.5.8.6 Die Mysterienerfahrung im Vergleich platonischer Texte

5.5.9 Zusammenfassung der Wiedergeburtsphase (maieia)

5.6 Integration, Absolution, Schutz (psogos)

5.6.1 Allgemeines

5.6.2 Textzusammenfassung psogos

5.6.3 Die Absolution (epilysis)

5.6.3.1 Neuplatonische Systematik der Auflösungsvorgänge

5.6.3.2 Lösen und Binden

5.6.3.3 Absolution bei Platon

5.6.3.4 Absolution im Christentum

5.6.3.5 Ausblicke für die heutige Therapeutik

5.6.4 Verheissung der Glückseligkeit

5.6.5 Das Gelübde

5.6.6 Schutz und Segen

5.6.7 Zusammenfassung Absolution

6. Thesen für eine integrative Bewusstseinsforschung und Psychotherapie

Anhang

Glossar griechischer Wörter

Anmerkungen

Bibliografie

Wörterbücher und Manuale

Verzeichnis der Abbildungen

Personenregister

Sachregister

Vorwort

Annie Berner-Hürbin, Philologin und Psychotherapeutin in freier Praxis, erforscht seit 25 Jahren altgriechische Texte. Unter der üblichen rationalen Ebene entdeckte sie eine tiefere, spirituelle, die sie für eine ganzheitliche Psychotherapie, aber auch für einen Weisheitsweg nutzbar macht, hin zu neuem Lebenssinn und Tiefenerfahrungen. Nach ihrer Neuinterpretation von Platons Symposion als Ritualtext (1989, Eros die subtile Energie), der mit asiatischen Vorstellungen wie dem Chakrensystem als wesentlichem Psyche-Modell und dem Energiefluss überraschende Übereinstimmungen hat, folgte 1997 Hippokrates und die Heilenergie. In diesem Werk untersuchte die Autorin eine Zeit, in der die Philosophie mit ihren Bewusstseinstechniken und Energiemodellen zum genauen Beobachten und Beschreiben psychischer und somatischer Leiden und dadurch zu einer ganzheitlichen, energetisch orientierten Heilkunde zusammenwuchs. Während die hippokratische Medizin wenig zu unserer Spitzenmedizin beiträgt, ist ihr Beitrag für komplementäres Heilen, Psychosomatik und Psychotherapie jedoch bedeutend und deckt sich im Wesentlichen mit anderen alten Heilkunden wie der chinesischen Medizin.

Im vorliegenden Werk nun weist die Autorin nach, dass die platonische Philosophie Psychotherapie und Mystik umfasst und mit einer Tiefenerfahrung beginnt. Dieser Prozess entwickelt sich über spezifische Therapiephasen, die am konkreten Fall des Alkibiades dargestellt sind. Sie folgen den Bewusstseinsstufen antiker Menschwerdung, jedoch in umgekehrter Reihenfolge: Die durch Verdrängung verstellte ewige Psyche soll nämlich durch den kathartischen Reinigungsprozess befreit werden und in höhere Bewusstheit münden. Diese Erfahrungen und Beobachtungen führten in der antiken Philosophie zur Ausarbeitung eines differenzierten Bewusstseinsspektrums, was heute eine therapeutische Ressource ist. Darstellung und Diskurs dieser sechs sokratischen Therapiephasen, Kernstück der vorliegenden Arbeit, verweisen in ihrer Grundkonzeption auf aktuelle tiefentherapeutische Erfahrungen und besonders auf die Psychoanalyse. Während Sigmund Freud sich nachweislich antiken Wissens um die Katharsis und Themen wie des Ödipus-Komplexes bedient, bleibt jedoch sein Therapieziel auf Symptomfreiheit und gutes Funktionieren des Menschen beschränkt, also letztlich dem materiellen Weltbild verpflichtet: Die Seele als Teil einer kosmischen Realität, die Raum und Zeit transzendiert, existiert nicht, und jegliche spirituellen Bedürfnisse sind dann lediglich Projektionen. Für einen psychischen Entwicklungsweg braucht es dagegen energetische Konzepte und ein holistisches Psyche-Modell, wie sie die sokratische Philosophie einmalig ausgearbeitet und umgesetzt hat. Damit bekommen auch zahlreiche paranormale psychische Phänomene Sinn und Behandlungszugang. Besonders zu nennen sind hier telepathische und hellsichtige Phänomene, Wahrnehmungen in Pychose- und Drogenzuständen, Todesnäheerlebnisse, Ausserkörperzustände bei schweren Traumen, aber auch mystische Ekstasen. Einer Banalisierung von Gewalt, Macht und Sexualität, eines heutigen Notstandes, und der damit verbundenen Tabuisierung des Seelischen und des Sterbens steht der menschliche Entwicklungsweg gegenüber: in Eigenverantwortung können zeitlebens Nöte verarbeitet und neue, beglückendere Bewusstseinserfahrungen gemacht werden.

Die Erkenntnis des spirituellen Eingebundenseins des Menschen geht aber weit über die Psychotherapie hinaus und bietet dem heute in Oberflächlichkeit und Flüchtigkeit befangenen Menschen neue Tiefe. Authentizität, Liebe, Respekt und Schönheit werden zu Kostbarkeiten im Zwischenmenschlichen, die wiedergefunden und neu gepflegt werden. Hintergrund dieser Haltung ist das Ideal des Guten und Schönen, das in einer alle spirituellen Traditionen verbindenden Bewusstseinsentwicklung begründet ist und im Hier und Jetzt immer mehr Glückseligkeit erleben lässt. Unverkennbar ist das spirituelle Bedürfnis vieler Menschen, die heute wieder eine ihnen gemässe Form finden möchten. Die ‹Schmetterlinge im Bauch› sind bereits eine Erlebensweise subtiler Liebesenergie, die es zu vertiefen gilt. Dazu dienen immer auch Vergleiche mit anderen Kulturen. Besondere Berücksichtigung erfährt die christlich-jüdische Tradition und ihr Wandel vom Zwölferkreis Initiierter zur hierarchisch und dogmatisch strukturierten Volkskirche. Vielen, die an Einengendem und Unverständlichem in der angestammten Religiosität leiden, eröffnet das Werk neue Horizonte und Verwurzelung.

Das Werk wendet sich aber auch an Philologinnen, Philosophen, Ärztinnen, Anthropologen, Pädagoginnen, Kunsthistoriker und an alle, die unsere Zivilisation kritisch hinterfragen. Es ist deshalb mit einem sehr umfangreichen Anmerkungsteil, Register und Glossar versehen. Dem interdisziplinären Ansatz des Buches entsprechend werden gewisse Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven kaleidoskopisch untersucht, wodurch Wiederholungen nicht zu ver meiden sind. Textteile, die den Leser nicht betreffen oder interessieren, können deshalb übersprungen werden. Die modernen Aspekte und Übertragungen werden durch einen grauen Rasterton gekennzeichnet. Wichtige Statements sind eingerahmt. Aus Rücksicht auf die Leser, die des Griechischen unkundig sind, wurde auf die griechische Schrift verzichtet und die Begriffe in einem Glossar übersetzt und holistisch erweitert. Als Abbild und Zugang zum bezogenen Welt- und Menschenbild ist der Autorin die Pflege der klassischen Sprachen und Kulturen ein grosses Anliegen. Ferner werden die Texterfahrungen durch Reproduktionen von antiken Gemälden, Reliefs und Mosaiken ergänzt: Sie zeigen, wie gerade auch die Bildersprache die psychische Realität wunderbar darzustellen vermag.

Nun wünsche ich der Leserin, dem Leser eine abenteuerliche Entdeckungsreise.

Luzern, 19.9.2008

Dr. med. Jean Berner-Hürbin

Worte des Dankes

Die abenteuerliche Reise dieser Studie hat zehn Jahre gedauert und war zeitweise mit grösserer Übersetzungsarbeit der griechischen Texte verbunden. Viel zu meinem Verständnis des Bewusstseinsspektrums haben diejenigen Menschen beigetragen, die sich in meiner Praxis auf diese Welten einlassen mussten und sich auch darauf eingelassen haben. Eindrücklicherweise entstanden dabei Synchronizitäten: ich war in den griechischen Texten auf einen wichtigen Aspekt gestossen, der mir dann in der therapeutischen Situation sogleich bestätigt wurde. Dankbar bin ich auch den Supervisionsgruppen, die mit den hier dargestellten Modellen arbeiteten. Bereichernd waren ferner die Seminarien in Aurel (F), Pompeji, Süditalien und Kos (GR), wo die Teilnehmenden mit viel Interesse und Enthusiasmus auf Orte, Bilder und Themen reagierten. Besonders danke ich der Psychotherapeutin lic. phil. I. Rentsch, die mir freundlicherweise Fotos dieser Reisen für die Publikation zur Verfügung stellte. Dankend erwähne ich auch die Familie Niki und Eftimios Trakosa, sowie Nikos und Maria Hatziandoniou in Kos und die Familien Tzortzakis in Ferma/ Kreta, die uns seit Jahren griechische Gastfreundschaft in einer wunderbaren und inspirierenden Umgebung erfahren lassen. Dank auch der Soprintendenz in Pompeji (Dr. P. G. Guzzo) für die Sonderbewilligungen und der Familie Falanga vom Hotel Forum für die familiäre Atmosphäre und die Hilfsbereitschaft für die Gruppen.

Herzlicher Dank gilt dem Supervisor Dr. theol. Richard Smith und auch unserem Freundeskreis, die sich immer wieder engagiert auf hier abgehandelte Themen einliessen. Mit ganz besonderem Dank erwähne ich Freunde und Kolleginnen, die das Manuskript kritisch lasen, sich damit intensiv auseinandersetzten und wertvolle Anregungen und Korrekturen anbrachten: die klassischen Philologen lic. phil. 0. Ackermann und Dr. phil. U. Breitenstein, die Germanistin S. Albrecht-Affentranger, die Historikerin und Philologin Dr. phil. M. Beckedorf-Gasser, die Psychologin lic. phil. G. Grimm-Montel, die Psychotherapeutin S. Müri, die Anthropologin Dr. phil. T. Rauch-Schwegler, die Historikerin E. Ritscher-von Scheliha und die Pädagogin U. Trachsler-Müller. Herzlicher Dank geht auch an unsere Tochter Simone Berner, MSc, die den Anmerkungsteil digitalisierte und mir bereitwillig bei Computer-Pannen zur Seite stand. Einen ganz besonderen Einsatz aber hat mein Mann, Dr. med. J. Berner, geleistet, der das Werden dieser Studie während Jahren einerseits mit fachlichem Interesse, substantieller Kritik und Unterstützung mitbegleitete, andererseits mir aber auch den Freiraum zum Arbeiten liess. Die gegenseitig befruchtenden Begegnungen lassen ihn nun eine französische Übersetzung dieser Studie machen, wofür ich ihm besonders verbunden bin.

Schliesslich danke ich sehr herzlich Urs Breitenstein, der, neben dem Lektorat, mir auch in einer schwierigen verlegerischen Situation beistand. Ganz herzlicher Dank gehört entsprechend auch dem Programmleiter des Verlages Huber Frauenfeld, Hansrudolf Frey, für das Wohlwollen und die sehr freundliche Aufnahme des Textes. Für den schönen Druck danke ich ferner den Herren Arthur Miserez (Verlagshersteller) und Stephan Cuber (dipl. Arch. ETH), Letzterem für seinen grossen und freundlichen Einsatz um das Layout.

1. Anlass und Ziel dieser Studie: der Weg zur Glückseligkeit

Im Juni des Jahres 2000 ist der Genforschung ein entscheidender Durchbruch gelungen, der in den Schlagzeilen der Medien in Anlehnung an alte spirituelle Offenbarungen gefeiert wurde: «Ich sah vor mir die Anfänge einer Grammatik der Biologie».

Der Text lautete1:

«Gestern morgen um drei Uhr früh schickte Craig Venter uns den unten dokumentierten Datensatz. Er enthält die letzte Sequenz des menschlichen Genoms, die von Venters Unternehmen Celera Genomics entschlüsselt wurde. Erst mit diesen Kombinationen der vier Basen der DNA (ausgedrückt durch die vier Buchstaben C, G, A und T) wurde die grösste wissenschaftliche Sensation unserer Zeit ermöglicht: die Bekanntgabe der Zusammensetzung des Stoffs, aus dem das Leben ist. Die hier abgedruckten Kombinationen bilden das Schlusskapitel im Buch des Lebens, einen Text, der aus 3,2 Milliarden Basenpaaren besteht.»

Gewiss eine Erkenntnis, die Respekt einflösst! Sie lässt aber zugleich Fragen aufkommen wie: Was ist dieses Leben? Was für ein Menschenbild liegt diesen Aussagen zugrunde? Gibt es nur eine stoffliche Zusammensetzung des Lebens? Ist ein Schimpanse – mit 98 % identischen Genen – eigentlich Mensch?

Interessanterweise ist obige Meldung von pathetischen Bildern umrahmt, die nicht der rationalen Bewusstseinsebene naturwissenschaftlicher Entdeckung entspringen. Vielmehr ist hier ein Energieschub in eine andere Seinsebene festzustellen, eine Sensation! Das ekstatische Erleben dringt über die alte Bildsprache durch die naturwissenschaftliche Bekanntmachung hindurch, nämlich das schauende Vordringen bis zum Anfang und das Erfassen ganzheitlicher Zusammenhänge im Buch des Lebens2. Obiges Zitat ist paradigmatisch einerseits für die Welt unseres ernsthaften, d.h. naturwissenschaftlichen Bemühens, um vom Baum der Erkenntnis zu essen, und andererseits für das Durchscheinen der Welt unserer Sehnsüchte nach dem Baum des Lebens mit seinen unterdrückten, verbotenen Früchten3.

Die vier Basen der DNA sollen unser Leben enthalten4. Auch in der antiken Weltentstehung definierte sich der Mensch über vier Grundkonstituenten, über die vier Elementar- oder Energiephasen5. Den Weg von der Energie zur Materie hat Sigmund FREUD folgendermassen postuliert6:

«Es gibt zwischen Körper und Psyche einen Grenzbereich, den noch niemand erforscht hat, und die Aufgabe meiner Nachfolger wird es sein, sich auf diese Forschungsreise zu begeben.»

Diese Studie wird sich im Spannungsfeld zwischen unserer alltäglichen, materieorientierten Bewusstseinsebene, einem psychisch-geistigen ‹Flachland› (WILBER) und den potenziellen Möglichkeiten von Bewusstseinsentwicklung im Sinne spiritueller, ekstatischer Erfahrungen bewegen. Ziel ist, den in unserer Kultur schlummernden Bewusstseinsweg aufzuzeigen.

Das Bewusstsein steuert alle Entdeckungen und kreativen Akte, auch diejenigen, welche eine Schau in übergeordnete, holistische Ebenen öffnen. Dadurch erahnen wir mehr über unser Menschsein und auch mehr über unsere Vernetzung mit sichtbaren und unsichtbaren Welten7.

Die Beobachtung verschiedener Bewusstseinszustände lässt ein Bewusstseinsspektrum postulieren. Dieser Bewusstseinsweg, in der Antike Weg zur Glückseligkeit genannt, ist mit zunehmender Identität und Lebenssinn verbunden. Darin müsste die tragende Antwort in der aktuellen Suche nach der ‹Glückspille› liegen. Diese Studie soll dem Leser und der Leserin (ich gebrauche abwechselnd die männliche und die weibliche Form) theoretische und praktische Hilfestellungen auf diesem Bewusstseinsweg bieten: mein erstes Anliegen.

1.1 Sisyphus im materialistischen Paradigma

Die Tendenz, die naturwissenschaftliche Sicht- und Wahrnehmungsweise zu verabsolutieren, psychisch-geistige Erfahrungen auf das biologisch oder physikalisch Fassbare zu reduzieren, kennzeichnet weite Strecken des 20. Jahrhunderts, nicht nur in der Biologie, sondern auch in den Neurowissenschaften, in den Kognitionswissenschaften, in der Verhaltensforschung und den durch sie wesentlich geprägten Modellen der universitären Psychologie, sogar der Geisteswissenschaften: Es wird als wissenschaftliches Kriterium der Linguistik empfunden, wenn sprachliches Funktionieren in vivo durch bildgebende Verfahren auf dem Gehirn abgelesen werden kann. Dieses prozesshafte Verfolgen des Gehirns bei der Arbeit birgt die grosse Hoffnung und Versuchung, dass irgendwann das Tiefste im Menschen ebenso auf dem Bildschirm erhascht werden kann, d. h. manipulierbar, reproduzierbar und zweidimensional reduzierbar wird. Die ‹weichen› oder Geisteswissenschaften bemühen sich paradoxerweise nicht um ihr Stammgebiet, sondern versuchen, ebenfalls dem naturwissenschaftlichen Paradigma konform zu werden, in einem bisweilen extremen Reduktionismus. Als wissenschaftliches Kennzeichen wird der Fachrichtung das attraktive Neuro- vorangesetzt, entsprechend Neurowissenschaften: Neurophilosophie, Neuropsychologie, Neuropsychoanalyse und sogar Neurotheologie etc.

Andererseits kann im Lager der sog. ‹harten› oder Naturwissenschaften allmählich eine Auflockerung des radikalen Materialismus beobachtet werden: Themen wie Geist und Bewusstsein sind seit der Relativitätstheorie und Quantenphysik nicht mehr tabu. Es gibt Stimmen von Neurowissenschaftlern, Gehirnforschern, die Hypothesen über das die Hirnprozesse begleitende Bewusstsein wagen, bis zur Aussage: das «Selbst, das sein Gehirn steuert», gleichsam das wissenschaftliche Testament des Hirnforschers John C. ECCLES.

Solche Forscher beanstanden, dass den hochdifferenzierten Modellen und Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften zwar die spannenden Modelle der Quantenphysik begegnen, dass diesen jedoch keine anerkannten Modelle der Bewusstseinswissenschaften gegenübergestellt werden könnten. Der Neurophysiologe J.R. SEARLE äussert sich folgendermassen8:

«(es ist) ein Skandal, dass zeitgenössische Philosophen und Psychologen so wenig Interesse daran haben, uns etwas über das Bewusstsein mitzuteilen...» «Obwohl dies auf den ersten Blick nicht erkennbar ist, rühren der Bankrott in den Hauptströmungen der Philosophie des Geistes und die Sterilität der Schulpsychologie (= universitäre Psychologie) im letzten halben Jahrhundert... weitgehend vom permanenten Versäumnis her, die Tatsache zu erkennen und anzuerkennen, dass die Ontologie des Mentalen eine nicht reduzierbare Ontologie der ersten Person ist.»

Ich nehme diesen Vorwurf als Herausforderung für die vorliegende Studie. Zunächst soll das Vakuum an Bewusstseinsmodellen von der Psychologie her beleuchtet werden. Dann soll aber gezeigt werden, dass es sich um ein generelles Phänomen handelt: Unsere Kultur ist derart im materialistischen Weltbild verstrickt, dass in den verschiedenen Disziplinen immer wieder ein Zurückschrecken vor dem Paradigmenwechsel festgestellt werden kann. Und dieser wäre nötig, um in das fliessende Weltbild zu gelangen. So fehlt z. B. in Diskussionen um Drogen, Abort, Genmanipulation oder Euthanasie grundsätzlich ein Modell der Seele oder Psyche, entsprechend gr. psyche (2.7.1): Der Mensch ist nur mehr auf den sichtbaren Körper, das Soma, reduziert.

1.1.1 Die Entwicklung der Psychologie

Der Begriff ‹Psycho-logie› beruft sich darauf, eine ‹Wissenschaft der Psyche› zu sein, was eines geschichtlichen Rückblicks bedarf. Im antiken Griechentum gab es tatsächlich eine umfassende ‹Wissenschaft der Psyche›, die ein Bewusstseinsspektrum generierte und einen Bewusstseinsweg aufzeigte.

Die ‹psyche› des Menschen war Teil der unendlich grossen Makroebenen und der unendlich kleinen Mikroebenen. Sie war die ‹Masseinheit aller Dinge›, gleichsam ein ‹Urholon›9. Über die ‹psyche› konnte sich der Mensch entscheiden, hin zum Körper und zum Materiellen, oder aber zur geistigspirituellen Entwicklung (gr. nous).

Die ‹psyche› war Grundlage und Referenzmodell von heute getrennten Disziplinen einer ‹kosmischen Anthropologie›, welche die Philosophie, Psychologie, Theologie wie auch die Heilkunst, ferner auch Mathematik, Musik, Astronomie als unterschiedliche ‹Tore› auf dem Weisheitsweg subtil vernetzte (vgl. Trivium, Quadrivium). Psychisch-geistiges Wissen und Erfahrung waren hier zentraler Ausgangspunkt zur Erforschung des energetischen Menschen- und Weltbildes: Die sichtbare Realität generierte sich aus einem fliessenden, potenziell unendlichen Urgrund und löste sich wieder auf, in unendlichen Rhythmen, nach dem Energiegesetz gr. panta rhei – alles fliesst10. Dieses ewige Fliessen konnte jedoch durch den Menschen, der sich entwickelt, überformt werden.

Allen unseren späteren Wissenschaften lag ursprünglich dieses Welt- und Menschenbild zugrunde (vgl. Astronomie vs. Astrologie). Während die Antike hohes Wissen und Kompetenz bezüglich der psychisch-geistigen Ebenen hatte, verstand sie jedoch die materiellen Gesetzmässigkeiten der Newton'schen Welt noch nicht, auch wenn sie diese bisweilen ahnte. In der hippokratischen Heilkunde wurde demzufolge mit Energiemodellen behandelt, denn der Körper und die Gesetzmässigkeiten der Materie – wie z. B. Herzkreislauf und Atemphysiologie – waren noch nicht bekannt. Deshalb wurden für die somatischen Bereiche ebenfalls Energiemodelle verwendet, was heute als falsch erkannt wird11.

Im Laufe der abendländischen Kultur wurde das fliessende Weltbild aber durch zunehmende Materialisierung abgelöst: Nur noch die messbaren, relativ statischen Entitäten erhielten Realitätswert. Nach DESCARTES’ Begriffen wurde die mentale Ebene des Menschen (res cogitans) hauptsächlich als Dienerin zur Entdeckung der materiellen Welt (res extensa) eingesetzt, das Geistig-Spirituelle war bereits durch das Denken abgelöst. Diese Gewichtung ermöglichte erst die gewaltige Entwicklung der Naturwissenschaften, die breite Anwendung ihrer Erfindungen und die zunehmende Beherrschung der Schöpfung durch das materieorientierte Welt- und Menschenbild.

Seit dem 19. Jahrhundert begann sich dementsprechend an den Universitäten auch eine Psychologie zu etablieren, die wesentlich innerhalb dieses Newton’schen Weltbildes zu verstehen ist: Es galt, auch die psychischen Wirklichkeiten mittels naturwissenschaftlichen Instrumenten zu messen, zu überprüfen und zu reproduzieren: Diese Bewusstseinspsychologie definierte sich nun vornehmlich als Verhaltenswissenschaft (Behaviourismus12). In der radikalen Form klammerte man zunächst alles Psychische und Unbewusste als ‹black box› aus. Gleichzeitig wurde Bewusstsein als Wachbewusstsein verstanden und wurden die gängigen veränderten Bewusstseinszustände wie Schlaf, Traum, Koma nur unter neurowissenschaftlichen, hirnanatomischen und hirnphysiologischen Voraussetzungen erfasst, im Gegensatz zu einer Erforschung der Inhalte in der aktuellen Hypnoseforschung13. In der Therapeutik werden bildgebende Verfahren für die Wirksamkeit etwa einer therapeutischen Methode überstrapaziert (EMD13), obwohl dieselben nur Korrelate des psychischen Geschehens sind.

Bewusstsein wurde gleichsam zu einem neurologischen ‹Abfallprodukt›, zum Epiphänomen, die Psyche wurde eine Konsequenz der Hirnfunktionen. Bis heute wird die Seele (= Psyche) über den messbaren Körper definiert, wenn auch nicht verstanden.

Sogar in der philosophischen Psychologie des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich, wenn psychisch-geistige Phänomene mit den herkömmlichen Theorien nicht mehr kompatibel waren, jeweils eine neue Welle eines radikalen Reduktionismus wiederholt: Man hat dann einfach solche Phänomene – im Sinne des naturwissenschaftlichen Paradigmas – als für nicht wissenschaftswürdig erklärt14. Dass das Psychisch-Geistige immer wieder neu hervordrängte, müsste geradezu eine Falsifikation dieser reduktionistischen Theorien sein15.

‹Geist› verstehe ich fortan im platonischen Sinne als höchsten Bewusstseinsraum der Psyche (= GEIST, 2.7.3). Die Schwierigkeit scheint mir daran zu liegen, Körper und Psyche zwar als innig verbunden, aber als verschiedenen Bewusstseinsebenen zugehörig anzuerkennen und zu leben. Der Mensch orientiert sich lieber auf einer Existenzebene, als sich in einem Bewusstseinsspektrum zu verstehen und sich je nach Situation immer wieder neu einzustellen.

Für eine Psychologie im umfassenden Sinne begann das 20. Jahrhundert zwar verheissungsvoll, mit den Entdeckungen nicht nur der Relativität von Materie und Energie durch Albert EINSTEIN, sondern auch der Relativität unseres bewussten Erlebens im Entdecken immenser Möglichkeiten der unbewussten Psyche durch Sigmund FREUD und die Psychoanalyse. Es folgten weitere Entdeckungen von psychischen Welten vornehmlich durch Carl G. JUNG, Leopold SZONDI und anderen späteren Forschern wie Stanislav GROF, um nur einige moderne Pioniere im Bewusstseinsspektrum zu nennen.

Der Psychiater und Neurologe FREUD musste für seine grossartigen Entdeckungen der Psyche jedoch ständig den Standpunkt wechseln, weil er zu statische, somatische Modelle benutzte (vgl. ‹metapsychologische Gesichtspunkte›). Obwohl er die Ebenen und Kräfte des Unbewussten von seinen Hypnoseexperimenten bei CHARCOT gut kannte (Salpetrière, Paris), blieb er in seiner Theoriebildung dem naturwissenschaftlichen Paradigma verpflichtet. Dies zeigt sich in Begriffen wie ‹psychischer Apparat›. Das Fehlen eines integrationsfähigen fliessenden Modells der Psyche war ein wesentlicher Grund, warum FREUDs und JUNGs Libidotheorien nicht als einem einzigen System psychischer Energetik enstammend erkannt und rezipiert wurden. FREUDs Konzept der Sexualgenese neurotischer Störungen müsste heute in ein umfassendes Psyche- und Bewusstseinsmodell überführt werden, in dem der Energieweg im genitalen Bereich beginnen kann, dann aber bis in die hohen, von JUNG erforschten Bewusstseinsebenen führt.

Wird nämlich die körpernahe, triebhafte ‹Libido› in einem umfassenden psychischen Energiekonzept zum ‹eros›, lassen sich die beiden analytischen Ansätze problemlos verbinden16. Die persönlichen, nicht aufgelösten Probleme der beiden Pioniere der Tiefenpsychologie spalteten nicht nur ihre Schulen, sondern legten gleichsam ein ‹Spaltprogramm› in die psychotherapeutische Forschung, das immer noch weiterwirkt.

Erschwerend für eine umfassende energetische Konzeptualisierung psychischer Erfahrungen im Sinne der antiken psyche ist der Tatbestand, dass FREUD Nichtmediziner als ‹Laien› einstufte und deren ‹Laienanalyse› letztlich tiefer bewertete. Ferner wurden und werden wesentliche psychotherapeutische Erfahrungen von Ärztinnen und Ärzten gemacht; in der Theoriebildung fallen sie dann aber vielfach auf die ihnen geläufigen somatischen Modelle als die einzig wissenschaftlichen zurück17. Psychologische Therapeutinnen ahmen diese Sprache nach, um ja wissenschaftlich zu sein: So wird z. B. immer wieder von ‹Körpertherapien› gesprochen, wenn – vom Körper ausgehend – Wahrnehmungsübungen in den psychischen Feldern gemacht werden: Karlfried Graf DÜRCKHEIM hat dafür den Begriff ‹Leib› und ‹Leibtherapie› vorgeschlagen, was auch konsequent verwendet werden müsste. Denn Orientierung an falschen Modellen, z. B. am Zentralnervensystem statt an psychischen Feldern, macht wohl kaum Wissenschaftlichkeit aus.

Es besteht bis heute keine konsequente und umfassende Theorie, die der nichtsomatischen Qualität psychischer Erfahrungen angemessen wäre. Die Beschränktheit des somatisch-organischen Menschenbildes wurde weder genügend erkannt noch durch das psychisch-energetische Menschenbild ergänzt und korrigiert. Die grossen Pioniere der Therapieszene schauten zwar in die andere, fliessende Welt der alten Psycho-logie, in ihrem wissenschaftlichen Selbstverständnis blieben sie jedoch meist der medizinisch-somatischen Welt abgegrenzter, statischer Krankheitsvorstellungen loyal verpflichtet. Das Überwinden dieses allgegenwärtigen reduktionistischen Menschenbildes mit den notwendigen sprachlichen Korrekturen: mein zweites Anliegen.

Vom tiefenpsychologischen Impuls ausgelöst, entwickelte sich, durch die Sprache der Pioniere wesentlich geformt, das Spektrum therapeutischer Schulen weiter. Stufe um Stufe wurden faszinierende neue Interventionsmöglichkeiten und letztlich Wahrnehmungs- und Bewusstseinsebenen entdeckt. Sie wurden jedoch nicht in einem umfassenden und integrativen Psyche-Modell konzeptualisiert, sondern oft in Rivalitäten und Ausgrenzungen ausgetragen18. SZONDI hatte schon in den späten 40er-Jahren erkannt, dass die therapeutischen Schulen und Richtungen eine ‹Treppe seelischer Menschwerdung›, also verschiedene Stufen eines hierarchisch geordneten Bewusstseinsweges generierten. Diese Sicht wurde als ‹Spektrum des Bewusstseins› dann von WILBER entwickelt: Er integrierte nicht nur die Vielfalt therapeutischer Schulen, sondern auch die westlichen und östlichen Weisheitswege in dem für eine differenzierte Diagnostik und Therapie grundlegenden Bewusstseinsspektrum (differentialdiagnostische Therapeutik).

Die aktuelle Therapieszene dagegen ist immer noch durch einen ‹Wildwuchs› von Heilmethoden gekennzeichnet, die alle Wirksamkeit beanspruchen und sie zum Teil auch haben. Diese werden jedoch vielfach ohne sorgfältige theoretische Einordnung in einem übergeordneten ganzheitlichen Konzept der Psyche angewandt. Der Psychologe Mihaly CSIKSZENTMIHALYI beschreibt die Situation folgendermassen19:

«Da sich kein Zweig der Wissenschaft direkt mit dem Bewusstsein befasst, gibt es auch keine allgemein anerkannte Beschreibung, wie es funktioniert. Viele Disziplinen beschäftigen sich mit diesem Thema und geben uns daher nur flüchtige, skizzenhafte Beschreibungen. Neurologie, Neuroanatomie, Kognitionswissenschaft, künstliche Intelligenz, Psychoanalyse und Phänomenologie gehören zu den direkt beteiligten Disziplinen, doch wenn man versuchte, einige ihrer Erkenntnisse zusammenzufassen, erhielten wir eine Charakterisierung, als hätte eine Gruppe von Blinden einen Elefanten beschrieben: höchst unterschiedlich und ohne Zusammenhang... doch in der Zwischenzeit bleibt es uns überlassen, ein Modell zu ersinnen, das sich auf Tatsachen gründet, aber einfach genug ausgedrückt ist, dass jeder es benutzen kann.»

Dieser Forscher ersinnt für den alten Bereich umfassender psychischer Energiefelder den handlichen Begriff ‹flow›, d.h. ‹fliessen›. Denn einfache Lösungen sind heute in der Therapie gefragt. Genügen sie aber zur Erfassung der hochkomplexen Bewusstseinswelten? Ich meine nicht.

Kosten-Nutzen-Überlegungen im Gesundheitswesen, der Druck der Forderungen nach Wirksamkeitsnachweisen und Qualitätssicherung und die damit verbundenen (natur-)wissenschaftlichen Überprüfungsmethoden drängen leider in dieselbe Richtung: Therapien müssen kostengünstig und sofort wirksam sein. Psychotherapie muss in möglichst kurzer Zeit Erfolg zeitigen, ähnlich sicher und schnell wie eine Pille. Das bedeutet, dass für die längeren, analytischen Therapien in der Schweiz die Kostengarantie durch die Versicherer immer schwieriger wird. Anstelle einer spezifischen therapeutischen Indikation und Wirksamkeit, um die man sich auch lange wenig gekümmert hatte, wird den Langzeittherapien vielfach lediglich ein diffuser Selbstverwirklichungswert attestiert. Die aktuelle Psychotherapieszene bewegt sich folglich zunehmend auf ausschliesslich lösungsorientierte und lösungsfokussierte Therapieformen zu (vgl. DE SHAZER). Darin kann zwar eine Korrektur der langen analytischen Therapien gesehen werden, denen der Vorwurf gemacht wird, sich in der Vergangenheit zu fixieren: Sie würden sich fast ausschliesslich mit Negativem, zu Überwindendem beschäftigen und die Ressourcen, die kreativen, heilsamen Möglichkeiten übersehen.

Es scheint jedoch, dass mit dieser Gewichtung der Ressource ihrerseits die Vergangenheit und ihre Prägungen therapeutisch vernachlässigt werden, nach der Devise: Es gibt keine Probleme, nur Lösungen! Können wir in jedem Moment aber willentlich die Weichen unseres Lebens neu stellen? Gibt es absolute menschliche Freiheit ohne lebensgeschichtliche Prägung? Wo bleibt unsere Entwicklung ohne Verarbeitung20? Der nur lösungsorientierte Ansatz stellt den therapeutisch und bewusstseinsmässig bedeutsamen Ansatz von FREUD in Frage, wonach wir unbewusste Prägungen in uns tragen, die uns bestimmen, vielleicht sogar über Generationen (SZONDI). Diese müssen wir aufarbeiten, damit sie nicht mehr krankheitswirksam sind.

Gleichzeitig wird auch ein noch gar nicht genügend erkannter psychischer Entwicklungsweg verabschiedet: Das Jetzt als neuer Bewusstseinsraum entwickelt sich aus dem voangehenden. JUNG spricht davon, dass21:

«jede neu errungene Stufe von kultürlicher Bewusstseinsdifferenzierung mit der Aufgabe konfrontiert (sei), eine neue und der Stufe entsprechende Deutung zu finden, um nämlich das in uns noch existierende Vergangenheitsleben mit dem Gegenwartsleben, das jenem zu entlaufen drohte, zu verknüpfen. Geschieht dies nicht, so entsteht ein wurzelloses, an der Vergangenheit nicht mehr orientiertes Bewusstsein, welches hilflos allen Suggestionen erliegt, d. h. praktisch für psychische Epidemien anfällig wird.»

Gemäss antiker Therapeutik kann das neue Bewusstseinsfeld erst umfassend aufgebaut werden, wenn alles Blockierende des vergangenen Feldzustandes aufgelöst ist.

Die aktuellen ressourcenorientierten Therapien arbeiten – nach psychoanalytischem Verständnis – statt durch Auflösung letztlich mit Verdrängung und Gegenbesetzung. Damit nämlich eine problematische Repräsentanz inaktiv wird, wird sie durch eine lösungsorientierte gegenbesetzt. Das Konzept der modernen Kurztherapien geht deshalb eindeutig in Richtung Symptomfreiheit durch Einstellungsänderung (Verhaltensmodifikation) und nähert sich letztlich wieder dem Behaviourismus. Und dies, obwohl die Psychotherapieszene sich ursprünglich scharf von der universitären Psychologie (als Verhaltenswissenschaft) mit ihren naturwissenschaftlichen Konzepten absetzen wollte.

Die Richtungsänderung in der Therapeutik – von der Tiefenpsychologie wieder hin zur Bewusstseinspsychologie – geschieht, bevor genügend differenzierte und hierarchische Modelle im Spektrum bewusstseinsmässiger Abläufe erarbeitet wurden. Es fehlen differenzierte Kenntnisse der energetischen Speicherungs- und Auflösungsprozesse, aber auch das Wissen um den Übergangsbereich von den psychisch-energetischen Prozessen in die somatisch-neuro-physiologischen Strukturen. Erst dann könnten die revolutionären Erfahrungen der Psychotraumatologie ernst genommen und umfassend konzeptualisiert werden (im Gegensatz zum Totschweigen der Beobachtungen von Ausserkörpererlebnissen, OOBE, und Nahtoderfahrungen, NDE, vgl. 5.2.7.5). Wir wissen immer noch zu wenig, was wir tun und warum etwas wirkt. Wir wollen keinen Schmerz mehr in Kauf nehmen und vernebeln damit möglicherweise den Weg zu integrativen und spirituellen Erlebnissen.

Voraussetzung für ein dauerhaft wirksames psychotherapeutisches Vorgehen wäre ein umfassendes, schulenübergreifendes Modell der Psyche als Instrument einer Differentialtherapeutik und als Falsifikationsgrundlage. Sonst orientiert sich die Psychotherapie immer noch am medizinisch-somatischen Menschenbild!

Ich werde aufzeigen, dass FREUD in die Welt der antiken Therapeutik, in das Wissen um die Ebenen der Psyche und des Geistes und um subtilsten therapeutischen Umgang mit dem anderen Menschen vorstiess. In der griechischen Therapeutik waren seine Modelle vorgeformt; sie waren aber bewusstseinsmässig viel umfassender. Da FREUD jedoch die Quellen nicht angab, konnte die Nachwelt seinen Fund nicht verifizieren, besonders nicht das schwerwiegende Fehlen der ursprünglich wichtigen spirituellen oder geistigen Ebenen. Vermutlich hat er sie absichtlich ausgeklammert: Er ersetzte den griechischen Begriff eros durch lat. libido22. Damit wurde das Erforschen der Psyche bereits von Anfang an vom Entwicklungsweg abgeschnitten, d. h. reduktionistisch gefärbt, und die psychoanalytische Therapiebewegung nicht in energetischen Modellen verankert23. Als ‹nicht spirituell› programmiert dürfte sie die erwähnte Sterilität der aktuellen Konzepte seit ihrem Anfang in sich tragen.

Zentral für diese Studie ist, dass FREUDs geniales Entdecken verschiedener psychischer Bewusstseinsebenen mit ihren Speicherungs- und Auflösungsprozessen Teil des sokratisch-platonischen Modells der ‹psyche› und des Bewusstseinsspektrums ist und ohne diese Grundlage nicht umfassend verstanden und konzeptualisiert werden kann. Alles Erlebte ist gespeichert und bleibt wirksam, nicht nur auf den individuellen, sondern auch auf familiären und kollektiven Ebenen. Das Aufarbeiten der Blockierungen, das Bewusstwerden von Unbewusstem und das Fortschreiten ins Überbewusstsein ist die eigentliche psychische Ressource. FREUDs Reduktionismus der Psyche ist im sokratischen Sinne aufzuarbeiten: mein drittes Anliegen.

Heutige Therapeuten und Therapeutinnen müssten konzeptuelle Hilfe erhalten, insbesondere in folgenden Fragen:

An welchem Psyche-Modell orientiere ich mich, wie stelle ich mir psychisches Funktionieren

psychisch

und nicht nur

neurophysiologisch

und

hormonell

vor?

Auf welcher Ebene bin ich mit welcher Methode besonders wirksam, wo jedoch sind andere Zugänge und Schulen indiziert, d.h., wo sind meine Grenzen?

Wie viel an Katharsis und Vergangenheitsbewältigung ist wann und auf welcher Bewusstseins- oder Therapieebene angezeigt?

Wann ist eine Reaktivierung traumatischer Erfahrungen zur Auflösung wichtig, wann jedoch retraumatisierend?

Wann ist eine Erfahrung therapeutisch aufgelöst, d.h., wie geschieht ein psychischer Reinigungsprozess

(Katharsis

)? Was ist notwendig und ausreichend?

Wo ist ausschliessliche Ressourcenorientierung angezeigt? Was passiert dabei in der Psyche?

Welche Therapieformen sind für welche Erfahrungsebenen indiziert?

Wo sehe ich keine therapeutischen Möglichkeiten mehr?

1.1.2 Die Entwicklung der Naturwissenschaften

Die Naturwissenschaften werden auf die schon bei den Griechen zu beobachtende analytische Tendenz zurückgeführt, die Welt durch Teilung bis zum letzten Unteilbaren (atoma somata) oder dem ‹Urstoff› zu erkunden24. Im damaligen Modell der Schöpfungsprozesse entspricht dies dem einen Impuls, dem ‹Weg nach unten› (gr. katabasis): Der Kosmos differenziert sich über unzählige Strukturebenen geistigen und psychischen Bewusstseins, bis sie sich zuletzt materialisieren (= gr. physis25). Dieser ‹Weg nach unten› wurde jedoch in der Antike simultan durch die gegenläufige Tendenz der Synthese und Harmonie, durch den ‹Weg nach oben› (gr. anabasis) in Balance gehalten. Dies wäre eigentlich die Aufgabe der nachmaligen Geisteswissenschaften, die die naturwissenschaftliche Materialisierungstendenz durch Synthese und Spiritualisierung hätten korrigieren müssen. Die spätere westliche Kultur hat sich jedoch gleichsam in der Tendenz des Aufspaltens und Analysierens unter naturwissenschaftlichem Primat fixiert.

Nicht mehr die universelle Psyche als Urholon oder Urstruktur, sondern das Atom bzw. das Elementarteilchen wurde zur Masseinheit aller Dinge.

Der Wendepunkt und die Wendezeit: Dieser ‹Weg nach unten› hat in der subatomaren Dimension schliesslich einen Grenzbereich zwischen Materie und Energie erreicht, der zu einem Umschlag der Forschungsenergie geführt hat: eine Bestätigung des in der Antike bekannten Energiegesetzes der Entfaltung zwischen einem Minimum und einem Maximum26. Naturwissenschaftler, die mit ihrem Forschen bis an die Grenzen der Materie vorstiessen, sind gleichsam durch einen ‹Quantensprung› in der energetischen Dimension und in einer anderen Bewusstseinsebene gelandet: Das, was sie auf den Mikroebenen mathematisch errechneten und technologisch umsetzten, erlebten sie plötzlich in einer kosmischen Gesamtschau (EINSTEIN, HEISENBERG).

Die subatomare Welt offenbart sich als energetisches Holon, das auf das Konzept ‹psyche› verweist: Der Mikrokosmos führt auf den Makrokosmos zurück; alles hat Anteil an allem. Dies hatte Konsequenzen, nicht nur in den Naturwissenschaften, die neben den alten materieorientierten Modellen oder Korpuskeltheorien nun auch mit anderen, fliessenden Konzepten, den Feldtheorien, umzugehen lernten. Der Physiker Hans-Peter DÜRR schreibt dazu27:

«Als eine Beziehungsstruktur hat der Geist mehr Ähnlichkeit mit der Seele als mit dem Leib. Er ist nicht unbegreiflich, sondern nur ohne direkten Ausdruck, aber auch nicht das Nichts. In der Quantenphysik entspricht dem Geist das, was wir Potenzialität nennen. Ich könnte also in Analogie sagen, alles ist aus Geist aufgebaut, Wirklichkeit ist Geist. Die Materie ist eine greifbare Ausdrucksform und das Feld ist eine andere, wechselwirkende.»

Seit den 80er-Jahren postulieren Physiker wie der Einsteinschüler David BOHM, dass die Erkenntnisse der Relativitätstheorie wie der Quantenphysik im Humanbereich wirksam werden müssten. Auch der Mensch müsse nicht nur unter dem materiell-körperlichen, sondern auch unter dem energetischen Aspekt erfasst werden. Feldmodelle wären im Humanbereich dringend notwendig, damit das menschliche Energiepotenzial entwicklungsfähig würde28. Er geht sogar so weit, für die psychische Welt die Entwicklung einer neuen Sprache zu fordern, den ‹Rheomodus› (d.h. ‹Modus des Fliessens›29). Eine solche Sprache gibt es jedoch bereits: Sie kann aus den antiken, holistisch verfassten Weisheitstexten aktiviert werden, jedoch nur von denjenigen, die mit den holistischen Begriffen in Resonanz kommen. Es ist dies die Sprache der Dichter und Weisheitslehrerinnen, eine metaphorisch-bildhafte, fliessende Sprache von Gleichnissen und Mythen. Hier müsste BOHM mit bewusstseinsmässig interessierten Sprachexperten ins Gespräch kommen. Interdisziplinarität ist notwendig, damit nicht jeder Forscher ‹das Rad neu erfinden muss› und seine eigene Sprache entwickelt.

Diese Neuorientierung in den bis anhin ‹exakten› Wissenschaften begann auf zahlreiche ‹Humangebiete› zu überspringen, so dass von einem ‹Paradigmenwechsel›, einer ‹Wendezeit› gesprochen wird (CAPRA u.a.). Mit der veränderten Perspektive wird das Bewusstsein erweitert und entsteht das Bedürfnis nach umfassenderen Bewusstseinsmodellen. Ich denke an das ‹Spektrum des Bewusstseins› und verschiedene andere Studien des ursprünglichen Biochemikers und jetzigen Bewusstseinsforschers Ken WILBER. Hierher gehören auch Konzepte über Morphogenese und morphische Felder des Biologen Rupert SHELDRAKE, der die Tiefenstrukturen allen Werdens bis zum ‹Geist der Materie› beschreibt30. Für die psychische Welt besonders relevant sind Konzepte wie der ‹Traumkörper› (Dreambody) des Physikers und Psychotherapeuten Arnold MINDELL, der das Seelenmodell des Yoga, aber auch der antiken Bewusstseinslehren reaktiviert, oder Janine FONTAINE, Anästhesistin und Therapeutin mit ihrem Modell des ‹Energiekörpers›. Für eine umfassende Bewusstseinslehre sind Forschungen zu einer ‹Topographie des Unbewussten› mit hierarchisch-verschachtelten Ebenen oder zu einem Bewusstseinskontinuum ‹Geburt, Tod, und Transzendenz› im Sinne des Psychiaters GROF zu erwähnen, ferner Barbara BRENNAN, Physikerin und Psychotherapeutin mit ihrem ‹Handbuch zur Heilung körpereigener Energiefelder› (‹Lichtarbeit›), oder die Forschungen zu Bewusstseinserfahrungen in Todesnähe (NDE) und im Sterbeprozess (KÜBLER-ROSS, MOODY, JAKOBY). JUNGs ‹Geheimnis der goldenen Blüte› ist bereits ein Klassiker bezüglich der ‹Energetik der Psyche› und dem Entwicklungsweg in den alten Ritualtraditionen, für deren Verständnis JUNGs Kontakte zum Physiker Wolfgang PAULI wichtig waren. Hilfreich für diese Studie ist im Besonderen das Forschen von Oscar Marcel HINZE, Naturwissenschaftler und Psychotherapeut, mit seinen Verbindungen zwischen indischen und griechischen Bewusstseinswegen. Alle diese Forschungen beinhalten den Paradigmenwechsel vom materialistischen zu einem fliessenden Weltbild. Ihr Kennzeichen ist neben Interdisziplinarität meist Meditationserfahrung oder erweiterte Bewusstseinserfahrung. Dies bedeutet, sich in die fliessende Welt hineinzubegeben und sie nicht nur theoretisch zu reflektieren.

Das auf den subatomaren Ebenen erarbeitete und in Technologie und Informatik umgesetzte Wissen braucht – sofern auf den Menschen angewendet – unbedingt die Korrektur durch das Erleben, die Umsetzung und Verifizierung auf der Ebene der menschlichen Person. Die Theorien der Quantenphysiker und die Erfahrungen der Humanwissenschaftlerinnen können nur interdisziplinär interpretiert und vernetzt werden. Diese erweiterte Sichtweise: mein viertes Anliegen.

1.2 Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften

Die Neurowissenschaften beanspruchen eine Brückenfunktion zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. Die von ECCLES8 zitierten Neurowissenschaftler scheinen aber obige ‹wendezeitlichen› Modelle nicht zu kennen: Sie suchen nach Bewusstseinsmodellen, erwähnen jedoch keinen dieser Autoren. Ist es bloss Unkenntnis oder machen diese vielleicht Angst, weil sie die Grenze zu einem subtileren Welt- und Menschenerleben nicht nur spüren und deklarieren, sondern bereits zu überschreiten wagten? Lösen sie Widerstände aus, weil es doch zu weit Richtung Esoterik gehen könnte? Scheut man sich, das akademische Schaffen zu verändern, Schulmeinungen kritisch zu überprüfen? Viele wendezeitlichen Autoren sind zwar Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, haben aber gerade Schulmeinungen in Frage gestellt, haben Ängste und Einsamkeiten durchgestanden, um neue Modelle formulieren zu können. Sie haben vielfach aus methodischen Gründen auf Experimente und Reproduzierbarkeit verzichten müssen.

Es ist zwar sehr begrüssenswert und fand weites Echo, dass der Neurophysiologe und Nobelpreisträger John C. ECCLES mit dem Philosophen und Nobelpreisträger Karl R. POPPER ein Buch über ‹Das Ich und sein Gehirn› schrieb. Beide Autoren blieben jedoch letztlich der naturwissenschaftlichen Sichtweise verpflichtet. Hören wir POPPERs rein rationalen Umgang mit Platons Erforschen höchster Bewusstseinserfahrungen, was als ‹vernichtende Platonkritik› gilt31:

«Die wichtigsten Wesen oder Wesenheiten in seiner (Platons) Welt der intelligiblen Formen oder Ideen sind das Gute, das Schöne und das Gerechte. Diese Ideen werden als unwandelbar, zeitlos oder ewig und als göttlichen Ursprungs gedacht. Dagegen ist unsere Welt 3 (= bewusstseinsmässig die höchste Welt) ursprünglich Menschenwerk ... eine Auffassung, die Platon erschreckt hätte... Spekulationen über die wahre Natur oder die wahre Definition des Guten oder der Gerechtigkeit führen meiner Ansicht nach zu Spitzfindigkeiten... Meiner Ansicht nach spielen Platons ideale Wesenheiten demnach keine erkennbare Rolle in Welt 3. Das heisst, Platons Welt 3 scheint mir, auch wenn sie in mancher Hinsicht sicher eine Vorwegnahme meiner Welt 3 ist, eine Fehlkonstruktion zu sein.»

Innerhalb einer integrativen Bewusstseinsforschung ist es falsch, Platons ‹Ideenbegriff› mit ‹Intelligiblem› gleichzusetzen, um ihn innerhalb einer konstruktivistischen Sichtweise von ‹Menschenwerk› rational zu verwerfen (vgl. 2.7.3). Ohne die nötige Selbsterfahrung wird so ein Grossteil der antiken Bewusstseinsforschung in der gängigen philosophischen Rezeption nur reduktionistisch verstanden: ‹Spitzfindig› ist dann – angesichts unseres Defizits dem antiken Bewusstseinsspektrum gegenüber – vielmehr als ‹Spitze› zu deuten, die wieder zu finden wäre! Denn POPPER interpretiert die antiken Texte innerhalb seines aufgeklärten philosophischen Weltbildes und mit entsprechender Reduktion der zu übersetzenden Begriffe (vgl. synesis32):

«das Gehirn (ist) der Bote zum Bewusstsein (synesis)... und erzählt ihm, was geschieht ... Natürlich kann das Wort ‹synesis›, das hier mit ‹Bewusstsein› übersetzt wird, auch durch ‹Verstand› oder ‹Klugheit› oder ‹Verständnis› übersetzt werden. Doch die Bedeutung ist klar – und auch, dass der Autor der Abhandlung ausführlich das behandelt, was wir das Leib-Seele-Problem und die Wechselwirkung von Leib und Seele nennen.»

Auch der Standpunkt des Neurophysiologen ECCLES ist deutlich auf seine Modelle zentriert, während er mit den Begriffen der höchsten Seinserfahrung des Menschen laboriert33:

«Menschliches Selbstbewusstsein ist eine Folge des wunderbaren Auftretens des Selbst, das seinen Ausdruck in der Erhöhung der geringen Exozytose-Wahrscheinlichkeit von Milliarden von Boutons des menschlichen Neokortex findet.»

Oder:

«Nun wird von Beck und mir (1992)... zum ersten Mal die wissenschaftliche Hypothese der Art und Weise vorgelegt, wie das Selbst sein Gehirn steuern könnte, ohne die Erhaltungsgesetze zu verletzen.»

Die ‹Erhaltungsgesetze› sind die Gesetze der klassischen Thermodynamik, nach denen die Energiesumme konstant bleiben muss. Bereits EINSTEIN hatte erkannt, dass sie für sein Forschen nicht mehr gelten. Er hat dann nicht sein Forschen eingestellt, sondern seine Theorien ändern müssen! Hinsichtlich des Selbst und der Bewusstseinswelten stellt sich zunächst die Frage, ob Modelle für geschlossene Systeme – eben der Thermodynamik – letztlich ausreichend sind oder vielmehr nur definierte, überschaubare Persönlichkeitsbereiche – wie etwa den Ich-Bereich – einfangen könnten34, im Gegensatz zu einer offenen Abfolge von Bewusstseinsebenen.

Mit ganz anderen Voraussetzungen vermag der LSD-Entdecker Albert HOFMANN seine eigenen Erfahrungen in den Welten erweiterten Bewusstseins zu beschreiben, etwa als ‹Zerfall der äusseren Welt›, als ‹Auflösung des Ichs›, als ‹Besessenwerden von einem Dämon›, aber auch als ‹mystische Ganzheitserlebnisse›35. Um damit auch wissenschaftlich umzugehen, ist eine energetische Sprache mit differenzierten Begriffen zu erarbeiten, wie ‹Bewusstseinswelten›, ‹spirituelle Bewusstseinsqualitäten› und besonders ein Begriffsspektrum von den ‹psychischen Mikroweiten› (U. MOSER) bis zu den ‹spirituellen Makrowelten›!

Überwinden des Reduktionismus in den psyche-relevanten Begriffen: ECCLES spricht davon, dass er lieber vom ‹Selbst› als von der ‹Seele› spreche oder dass er unter ‹Selbstkontinuität› das Zurückgehen «zu den frühesten Erinnerungen aus dem ersten Lebensjahr» meint, also den Begriff ohne Stringenz auch für ‹Seele› und ‹Ich› gebraucht36. Gemäss antiker Bewusstseinswissenschaft: wäre aber anstatt seines Buchtitels ‹Wie das Selbst sein Gehirn steuert› hier der Begriff ‹Psyche› adäquater gewesen37. Denn während ECCLES in ‹seinem› Bereich die naturwissenschaftlichen Gesetze genau respektiert haben will, scheint es für ihn irrelevant zu sein, wie die Sprachwissenschaft oder die Philosophie ihre Begriffe definieren, ein unqualifizierter Umgang mit einer anderen Disziplin: Psyche (Seele) und Selbst haben eine je eigene geisteswissenschaftlich-philosophische Tradition, beruhen auf Erfahrung und Wissen und sind nicht beliebig austauschbar. Überhaupt beklagen sich klassische Philologen, dass die antike Kultur oft als ‹Steinbruch› gebraucht wird: Was der modernen Forscherin gerade passt, wird willkürlich aus seinem Zusammenhang herausgerissen und irgendwo als ‹hübsche› Bestätigung eingesetzt. Ein Beispiel: Aristoteles hätte gesagt, der Mensch suche vor allem Glück38. Schaut man genau hin, so muss es heissen ‹Glückseligkeit›: Dieser Begriff war in der Antike genau definiert für ein hohes Bewusstseinsniveau, das nur innerhalb der initiatischen Wege erreichbar war (eudaimonia39). Treffend fasst der Psychiater und Schamanismusforscher Roger N. WALSH diesen reduktionistischen Mechanismus40:

«Man erklärt das Unbekannte in den Begriffen des Bekannten und das Unvertraute in den Begriffen des Vertrauten und setzt stillschweigend voraus, dass wir von den grossen spirituellen Heroen und ihren Praktiken nichts zu lernen haben.»

So ist zu erklären, warum z. B. Platon und Aristoteles in Diskussionen um das Leib-Seele-Problem selbst von Geisteswissenschaftlern – im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Theorien – oft sehr oberflächlich und schnell erledigt werden. Sisyphus versucht in unserer Kultur gleichsam immer wieder, den materiellen Felsen hochzuschieben, ohne etwas Grundsätzliches zu verändern. Ist er oben angekommen, rollt der Felsen wieder runter. Hilfreicher wäre hier ein anderes Modell: Um weiterzukommen, müsste an der Grenze innegehalten und erfahren werden, was dort ist.

Für die Entwicklung des Bewusstseins gelten andere Gesetzmässigkeiten mit eigenen Methoden, also nicht mehr diejenigen der Materie und der klassischen Physik, die Messbarkeit und Reproduzierbarkeit verlangen. Im energetischen Weltbild gelten subtile Energiegesetze41. Als Forschungsmethoden sind der intersubjektive und der transkulturelle Vergleich wichtig: mein fünftes Anliegen.

Die klassische Philologin und Theologin Christina SCHEFER zeigt in einer fundierten Studie, dass es für einen adäquaten Umgang mit der platonischen Bewusstseinslehre einerseits genügend fachliche Vorbereitung der Rezipienten bräuchte, aber andererseits auch psychisch-geistige Erfahrungen, die einem Einweihungsprozess vergleichbar sind42.

Erste Voraussetzung müsste also eine grosse

Vertrautheit mit der griechischen Sprache

sein. In der vorliegenden Arbeit hat mir z. B. erst ein grösstenteils

unübersetzter

griechischer Originaltext die entscheidenden Interpretationshilfen für die Evaluierung des Bewusstseinsprozesses gegeben.

Ferner sind mir meine

therapeutischen

sowie

Meditationserfahrungen

für das Wahrnehmen und Verstehen des Bewusstseinsspektrums in den antiken Texten eine grosse Hilfe.

Weiter habe ich mir als Sprachwissenschaftlerin in der

Lehnwortforschung

– also an einem Schneidepunkt verschiedener Wahrnehmung und Strukturierung der äusseren Realität – Erfahrungen des holistischen, psychischen Funktionierens erarbeitet, die ich nachher modellhaft in der Psychologie umsetzen konnte.

Die antiken Begriffe, die in den Übersetzungen dogmatisch fixiert und reduziert wurden, müssen ebenfalls einen Reinigungs- und Erweiterungsprozess im Bewusstseinsspektrum erfahren, um ihr Potenzial entfalten zu können. Ansonsten geben sie nur das her, was wir bereits wissen und erwarten: mein sechstes Anliegen.

Ein gutes Beispiel für offene Interdisziplinarität hat GOLEMAN bezüglich einer Begegnung von verschiedenen Wissenschaftlerinnen in einem west-östlichen Dialog mit dem Dalai Lama referiert43. Die Offenheit ging hier so weit, dass auch Fragen gestellt werden konnten, wie ob die höchsten Bewusstseinszustände überhaupt noch ein somatisches Korrelat hätten.

Eigentlicher ‹Stein des Anstosses› ist aber das Konzept ‹subtiler Energie›, das uns im Folgenden beschäftigen wird.

1.3 Der Begriff ‹Energie›

Naturwissenschaftler sind prinzipiell skeptisch, wenn für den Psyche-Bereich von ‹Energie› gesprochen wird: Das dürfe nicht sein, denn ‹Energie› sei physikalisch definiert und reserviert. Historisch ist dies jedoch falsch: Das Auftauchen des Begriffs ‹energeia› in der griechischen Antike umfasste ein Spektrum von menschlich wahrnehmbarer psychischer Energie, Gestaltungskraft, Fliessen, längst bevor die physikalischen Energien mit Instrumenten gemessen und die Gesetze der Energieerhaltung und der Thermodynamik formuliert wurden. Noch um 200 n. Chr. sagte der Arzt Galen, der die antike Heilkunde kodifizierte, man dürfe bezüglich der Psyche nicht von ‹Teilen› sprechen, sondern von ‹Energien› (energeiai44), was heute immer noch gilt. Wenn also Naturwissenschaftler den Begriff ‹Energie› für die gröberen physikalischen Energiemanifestationen beanspruchen, könnten Humanwissenschaftlerinnen ihrerseits fordern, holistische Begriffe wie ‹Energie›, ‹Dynamik›, ‹Synapse›, ‹Metastase›, die ursprünglich aus dem subtil-energetischen Erfahrungsbereich stammen, für die entsprechenden Bewusstseinsbereiche ‹patentieren› zu lassen45.

Die Antike unterschied und erlebte bestimmte, heute vielfach unerkannte Manifestationsweisen und Qualitäten des Energiespektrums, die unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseinsspektrum zu entsprechen scheinen. Ich nenne sie mit anderen Forschern subtil-energetisch (vgl. MINDELL). Es bestanden subtile Generierungs- und Wandlungsschemata, sog. ‹Triaden›: gr. ousia – dynamis – energeia.

Dabei war die Erstere, die spirituelle Qualität (ousia), für den Menschen nur über die ‹dynamis› erfahrbar. Der Neuplatoniker Proklos bringt folgende algorithmische Defintion46:

«In den geistigen Ebenen (noera) verbindet der Geist (nous) die Energien mit der Essenz, denn die Energie ist Spross der Potenzialität (dynamis), und die Essenz (ousia) ihrerseits bringt die Potenzialitäten (dynameis) hervor.»

Solche triadischen Generierungsschemata, wie sie übrigens ähnlich auch in der hebräischen Kabbala bestanden, führen unschwer zu frühchristlichen Trinititätsvorstellungen47.

Die Erfahrungswelt der Antike ist also nicht unsere materielle, individuelle Festkörperwelt, sondern eine auf verschiedenen Ebenen vibrierende energetische Welt. In den alten Sprachen und Wörtern reflektiert sich die Wahrnehmung und Unterscheidung feinster Feld- und Energiequalitäten48. Platon spricht hier von den ‹Kräften des Leibes›49. Sein neuplatonischer Exeget Proklos definiert das Vorgehen im Materiellen nach dem Endzustand, im Energiebereich nach der kunstvollen Vorgehensweise49. Noch im 14. Jh. unterscheidet der orthodoxe Theologe und Athos-Mönch Gregorios Palamas in platonischer Weise zwischen der ‹ousia› Gottes, zu der niemand vorstossen könne, und der ‹energeia› Gottes, die sich als energiegeladenes Lichtfeld dem Mystiker erschliesse49.

Werden ‹dynamis› und ‹energeia› nur rational als ‹Vermögen› oder als ‹Handlung› übersetzt, verlieren wir das Schlüsselwort zum feinen Erfassen jener Welt, deren erstes Gesetz panta rhei, d. h. ‹alles fliesst›, ‹alles ist Energie›, hiess50. Der Energiefokus generierte damals extreme Fliesstheorien, wonach gewisse griechische Philosophenschulen nichts mehr auszusagen wagten, um nichts festzumachen51. Das energetische Weltbild war so ausschliesslich – als Gegenpol zum heutigen materialistischen! –, dass die damalige hippokratische Heilkunde fälschlicherweise Energiemodelle auch für körperliche Zustände gebrauchte11.

Gerade der Energiebegriff, der auf verschiedenen Ebenen signifikant ist, weist deutlich auf ein hierarchisches Spektrum und auf Wandlungsmöglichkeiten hin52.

Ich nehme folglich ein Energiespektrum an, das von den uns besser bekannten physikalischen Energien sich bis in die subtilen Energien verfeinert. Daraus folgere ich, dass es eine Bandbreite höchstsubtiler Energien gibt, deren Wahrnehmung der Mensch sich erst durch Übung aneignen muss, eine Herausforderung für alle Bewusstseinsforscher.

Gelingt es uns, diese Energien allgemeiner zu erfahren und uns auf sie hin zu öffnen, ist es völlig legitim und angezeigt, diese im Leib fliessenden Ströme wieder mit dem angestammten antiken Begriff ‹Energie› zu bezeichnen, sie im subtilen Energiespektrum genau zu orten und sie nicht durch neue Begriffe wie ‹flow› zu ersetzen (CSIKSZENTMIHALYI). Interessanterweise benennen sensible Menschen auch heute noch automatisch ihre Erfahrungen mit ‹Energie›, und hypersensitive (sog. psychotische) fürchten das ‹Energie-abzapfen›.

Eine ganzheitliche und mehrschichtige Energieerfahrung kann dazu führen, den viel beklagten Dualismus unserer Kultur (Körper-Seele-Spaltung) in den ursprünglichen Holismus aufzulösen: Die Griechen, denen aus Unkenntnis Dualismus vorgeworfen wird, lebten noch in einem holistischen Bewusstseinsspektrum52. Im energetischen Weltbild mit seinen Feldkonzepten handelt es sich nicht um Dualismus, sondern immer um eine Spannung zwischen zwei Polen: So entstehen Strom, Dynamik, Energie, Lebendigkeit. Es gilt, die vielfältigen Spannungsfelder zwischen Körper-Psyche, verschiedenen Psyche-Ebenen, Körper-Geist, Psyche-Geist auszuhalten. Auch Körper und seelische Felder kommen in ein Spannungsgeschehen, in dem nicht nur die beiden Pole, sondern das ganze Feld durch die Spannung aufrecht erhalten und transformiert wird (vgl. Triaden47). Wahrnehmung, Bewusstsein, Entwicklung laufen über Felder, wie sie etwa SHELDRAKE für die Morphogenese aufzeigt. Obwohl er postuliert: ‹Die Psyche ist ein Feld›, will er eigenartigerweise aber nicht von Energie-Feldern sprechen53.

Die Hemmung, von psychischen Energien zu sprechen, ist auch in der Psychologie weit verbreitet. Da wird etwa von ‹über das Ich-Bewusstsein hinausgreifender› Vorgehensweisen der transpersonalen Psychologie gesprochen. Es wird aber somatisch erklärt, dass beim ‹holotropen Atmen› durch Hyperventilation der Sauerstoff das begrenzte Ich-Bewusstsein jäh öffne54: wiederum ein typisches Beispiel einer Bewusstseinserklärung im somatischen, d. h. falschen Modell. Auch SZONDI griff – in Ermangelung eines subtilen Erklärungsmodells – für das Funktionieren seines psychologischen Bildertests fälschlich auf eine materielle Gentheorie zurück.

Das Atmen (psycho) wurde in der Antike als Energieträger im Energiefeld (psyche) für subtiles Wahrnehmen und Energetisieren verstanden und auch eingesetzt. Dies erklärt, warum zu den alten, nicht nur griechischen, Weisheitslehren immer eine Form von Atemenergiepraxis gehörte (Pneumatik55). Mehr über Atemenergie in 2.7.1.

Wie in der Physik das Licht kann auf der Humanebene die. Atmungals Gasaustausch (im Körpermodell) oder aber als subtile Energie (im psychischen Feldmodell) betrachtet werden. Der Atem ist als zentrales psychosomatisches Übergangsphänomen zu betrachten56. Diese Zusammenhänge zeigen sich nicht nur in der griechischen Wortgeschichte (psyche/psycho), sondern auch im ind. atman, als Seelenerfahrung über den Atem(atman ist urverwandt mit Atem).

Es ist deshalb ein Energiespektrum anzunehmen, in dem die physikalischen Energien nur einen Teilbereich darstellen. Physiker wie BOHM u. a. erweiterten das physikalische Energiespektrum von Materie-Energie bis hin zum Bewusstsein. Dabei sind die verlorenen subtileren Manifestationen von Energie wieder zu entdecken und zu konzeptualisieren57.

Sprechen wir von ‹psychischen Energien›, postulieren wir ein Feld, in dem diese formlosen, konvertiblen Phänomene überhaupt fliessen können. Dieses finde ich im antiken Begriff ‹psyche›. Heutige Bewusstseinsforscher, die dieses Feld nicht spüren oder kennen, können folgerichtig auch den Energiebegriff nicht verwenden. Sowohl dem Feld wie der Energie habe ich je eine Studie gewidmet: Eros, die subtile Energie (1989) und Hippokrates und die Heilenergie (1997). Damit die Leserin dieses Buches die grösseren Zusammenhänge verstehen kann, werden gewisse Wiederholungen unvermeidlich sein. Ich werde aber auch hier ausgiebige Erklärungen und Querverweise auf die anderen Studien im Anmerkungsteil mitgeben.

1.4 Psychotherapie ohne Psyche-Modell im Erklärungsnotstand

Seit Jahren bemühe ich mich als Psychotherapeutin und Sprachwissenschaftlerin theoretisch um die Integration der riesigen Palette therapeutischer Verfahren einerseits und andererseits um die Erarbeitung von Modellen, die es erlauben, auch besonderen psychischen Phänomenen gerecht zu werden. Paranormale, bewusstseinsveränderte und geisteskranke Wahrnehmungen (Grenzerfahrungen) gehören zur psychischen Realität und können unsere beschränkten Modelle erweitern helfen. Ferner sind mir Erfahrung und Umsetzung eines psychischen Entwicklungsweges wichtig.

Im Folgenden sollen ein paar Nahtstellen aufgezeigt werden, wo die gängigen somatischen und neurophysiologischen Raster eindeutig nicht mehr ausreichen und wo sich ein umfassendes Psyche-Modell aufdrängt. Dabei werde ich – zusätzlich zu den Anliegen – Hypothesen formulieren, die ich am Ende der Studie als Thesen wiederholen werde. Diese Hypothesen entsprechen weitgehend antiken Vorstellungen von Psyche und Bewusstsein.

Beim psychotherapeutischen ‹

Zurückspulen

der Lebensgeschichte› kann die Erinnerung

von sehr früher psychischer Speicherung

, z. B. des

Geburtsprozesses,

beobachtet und abgerufen werden, was neurologisch und über die sinnliche Wahrnehmung

nicht erklärbar

ist (vgl. 5.4.3.2; 5.5).Auch Menschen, die

Amputationen

erlebt haben, weisen mit ihren

Phantomschmerzen

darauf hin, dass ihr Wahrnehmungsfeld über den somatischen Körper hinausreicht.

Meine Hypothese

ist, dass

die Psyche ein Wahrnehmungssystem umfasst, das früher als die Sinneswahrnehmung bereits wirksam ist.

Hochinteressant ist das Phänomen des

Ausserkörpererlebens

(OOBE,

out of body experiences)

frühkindlicher traumatischer Erfahrungen. Bei zu hoher Angstintensität kann die

Psyche aus dem Körper hinausgehen

und dabei schmerzfrei die Situation um den zurückbleibenden Körper wahrnehmen und speichern. Diese Erfahrungen sollten in der Therapie angesprochen und ‹

im Körperzustand

› ausgehalten und verarbeitet werden, weil der Mensch sonst das

Austreten aus dem Körper

als Konfliktlösungsstrategie beibehält. Dies führt zu Symptomen wie Unkonzentriertheit, Träumerei, Depressionen,

burnout,

Selbstverletzungen. Sprachliche Bilder dafür sind etwa ‹neben den Schuhen sein›, ‹aus der Haut fahren›, ‹aus dem Häuschen geraten›, ‹Halbportion sein›.Auch der psychiatrische Begriff ‹

Dissoziation

› ist als Erklärungsmodell

ungenügend,

weil er lediglich die

Desintegration

von (traumatischen) Erinnerungen, Identitätsbewusstsein, unmittelbaren Empfindungen und Kontrolle von Körperbewegungen beschreibt

58

, nicht aber einen ‹

energetischen Substanzverlust›.

Selbst an psychotherapeutischen Fachtagungen werden

Ausserkörpererlebnisse

– auch von Psychotraumatologen – meist totgeschwiegen, weil man keine Erklärungsmodelle habe!

Meine Hypothese: Die Psyche kann sich unter bestimmten Bedingungen feldähnlich aus dem Körper hinaus- und wieder hineinbewegen. Da entsprechende Wahrnehmungen auch aus Träumen bekannt sind, ist das Traumerleben ebenfalls subtiler zu konzeptualisieren.

In

Todesnähe

erlebt die Psyche einen bewusstseinsmässigen ‹

Parcours

› mit einer bestimmten Regelmässigkeit (GROF). Die Reise ‹durch einen dunkeln Tunnel zu überhellem Licht› ist als

Todesnähe-Erfahrung

bekannt

(near death experience,

NDE; vgl. KUEBLER-ROSS, MOODY, JAKOBY, HINZE).

Ausserkörperzustände

können im Erwachsenenalter weiterlaufen, ohne dass die Person sich dessen bewusst ist. Es können ferner Persönlichkeitsanteile – als psychische Feldteile – nicht mehr zurückfinden und müssen therapeutisch wieder ‹zurückgeholt› und integriert werden. Das Phänomen

multipler Persönlichkeiten

gehört ätiologisch in diesen Zusammenhang. Aber auch

Drogenerfahrungen

und generell

aussergewöhnliche Bewusstseinszustände

(non ordinary states of consciousness,

NOSC) weisen auf hierarchische Bewusstseinsebenen hin und bräuchten eine differenzierte Konzeptualisierung im Bewusstseinsspektrum.

Meine Hypothese: Die Psyche kann sich unter besonderen Bedingungen über Ebenen von Bewusstseinserweiterung bewegen, die einen folgerichtigen, anthropologischen Weg beinhalten. Die psychiatrischen Begriffe ‹Illusion›, ‹Halluzination

› und ‹

Dissoziation› sind nicht ausreichend.

Organtransplantierte

sollen zum Teil psychische Wahrnehmungen der verstorbenen Spenderin haben, die offenbar mit dem transplantierten Organ im Empfänger aktiv bleiben. Dies untersuchte der Kardiologe und selber Herztransplantierte Paul PEARSALL an sich und weiteren Patienten.

Meine

Hypothese

: Das holistische Modell des Mikrokosmos im Makrokosmos, wonach das kleinere Organfeld das Feld des gesamten Organismus spiegelt, kann zum besseren Verständnis solcher Phänomene und auch zum Auflösen solcher ‹Restfelder› hilfreich sein

59

.

Psychische Extremsituationen

werden

hochenergetisch gespeichert

– von SZONDI ‹

Ad-hoc-Introjektion

› genannt – und können sich als plötzlich einbrechende Bilder manifestieren, sog. ‹

flash-backs

› (vgl. PTSD). Sie drängen nach Abreaktion und absorbieren die Person, von Lethargie bis zu Panikreaktionen. Sexuell missbrauchte Kinder sprechen etwa von ‹

Starkstromeinbruch›.

Meine

Hypothese

: Die psychischen Speicherungsvorgänge werden bei zu hoher, traumatischer Energie gestört, wodurch die Inhalte nicht richtig assimiliert werden. Sie drängen nach Reinszenierung und Abreaktion, Wiederholungszwanggenannt, und lassen sich mit besonderen therapeutischen Interventionen auflösen (Katharsis).

Telepathische Phänomene

ereignen sich häufig in Therapiesituationen, die durch grosse Nähe und Durchlässigkeit gekennzeichnet sind. Beobachtungen telepathischer Verbundenheit an früh getrennten eineiigen Zwillingen, wie sie die

Minnesota-Studie

enthält, dürfen nicht totgeschwiegen werden, sondern enthalten wegweisendes Datenmaterial für ein

umfassendes psychisches Kommunikationsmodell

60

.

Ferner kann das Phänomen der

Hochbegabung

als – meist sektorieller – Zugang zu höheren Bewusstseinswelten verstanden werden: Hier wären auch die anderen Persönlichkeitsebenen genügend zu entwickeln und zu integrieren.

Meine Hypothese: Die Psyche ist auch ein hochsubtiles Kommunikationssystem, das nach dem Prinzip von Sympathie (Ähnlichkeit der Schwingung) funktioniert, und zwar überräumlich und überzeitlich (vgl. prophetische Träume).

Psychosen,

auch durch

Drogen

und häufig bereits durch

Cannabis

induzierte, weisen auf Bewusstseinswelten hin, die die Wissenschaftlerin ebenso wie der ‹Normalverbraucher› meist nicht kennen, die es darum aber

nicht

nicht gibt (vgl. GROF, HOFMANN, LSD-Entdecker). Die Modelle und Interventionen, die wir in der Betreuung

Drogenabhängiger

anwenden, sind daher oft

«ungeeignet, unzulänglich und ineffektiv»

60

.

Die in den Drogen gesuchten Zustände von ‹Glückseligkeit› nützen auch Gurus aus, mit den entsprechenden Sucht- und Dekompensationsgefahren.

Meine

Hypothese:

In aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen schauen wir in andere Bewusstseinsebenen, die hochenergetisch und kraftspendend sind. Es müssen Wege gefunden werden, die wissenschaftlich abgestützt, gefahrlos und psychisch nachhaltig zu solchen Erfahrungen fuhren.

Es ist nicht mehr zulässig, nur einen kleinen Bereich von psychischer Realität und von Bewusstsein als Normalität zu postulieren und alle anderen Phänomene als inexistent, nicht relevant oder krank zu definieren. Ein umfassendes Psyche-Modell ah Bewusstseinsmodell muss kohärente Antworten auf die eben genannten psychischen Randerscheinungen geben, sowie alle obigen Hypothesen integrieren:

Mein siebtes Anliegen: Es ist ein umfassendes Psyche-Modell auszuarbeiten, das normale und paranormale Wahrnehmungs- und Ausstrahlungsphänomene integriert und so Grundlage einer ganzheitlichen Therapeutik wird.

Interessanterweise stossen im psychischen Forschungsbereich oft Naturwissenschaftlerinnen zur Psychologie und werden sogar Psychotherapeutinnen: Der Schritt in das andere Weltbild scheint sich sowohl in den Naturwissenschaften wie auch in der Erfahrungswelt der Psyche aufeudrängen. Das, was in der Mikrodimension wichtig ist, kann in die Makrodimension übertragen werden (DÜRR61):

«Die Seele hat qualitativ viele Eigenschaften von dem, was die Physik im subatomaren Bereich entdeckt hat. Eigentlich verschwindet das Teilchen auf Atomniveau. Es wird ersetzt durch das Wellenbild von de Broglie und Schrödinger. Es scheint also nur die ‹Seele› der Materie übrig zu bleiben.»